Neuerscheinung · Rezension · Romane

Wahlrecht oder Waschmaschine?

julie zeh, leere herzen, rezension, günter keil, literaturblogDeutschland in naher Zukunft. Der spießig-nationalistische „Bund Besorgter Bürger“ (BBB) regiert mit einer satten Mehrheit, seriöse Medien gibt es kaum noch, die meisten Menschen interessieren sich nicht mehr für Politik. Öffentliche Debatten, Meinungsvielfalt? Fehlanzeige. Jeder wurstelt vor sich hin, im Blick nur das eigene Wohl. Die Geschäfte laufen gut. In ihrem neuen Roman „Leere Herzen“ (Luchterhand) entwirft Julie Zeh ein düsteres, aber gar nicht so unwahrscheinliches Szenario.

Die wenigen verbliebenen Denker haben sich in die Blogs zurückgezogen, wo sie in einer Kombination aus Selbstanklage und Schuldzuweisung noch immer darüber streiten, wer für den Siegeszug der BBB verantwortlich ist.“

Schnörkellos und schnell erzählt Julie Zeh von einem Deutschland, in dem sogar der Terror privatisiert wurde. Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi leiten „Die Brücke“, eine Undercover-Firma, die potentielle Selbstmordattentäter ausbildet.

Wer heutzutage einen Attentäter braucht, muss nicht mehr auf verblendete Djihadisten mit narzisstischer Störung zurückgreifen, nicht auf halbe Kinder mit Waffen-Fetisch oder auf Psychopathen, die Ausländer und Frauen hassen. Sondern bekommt einen professionell ausgebildeten, auf Herz und Nieren getesteten Märtyrer, der für eine höhere Sache sterben will.“

Klingt verrückt, ist aber im Kontext des Umfelds, das Julie Zeh zeigt, durchaus denkbar. Denn ein gewisses Maß an Terror braucht die Gesellschaft, um ihre Feindbilder aufrecht und den BBB an der Macht zu behalten. „Leere Herzen“ ist eine bitterböse, großartige Gesellschaftssatire. Sie macht deutlich, wohin es führt, wenn nicht mehr engagiert über demokratische Werte diskutiert wird. Wenn Parteien nicht mehr die wahren Probleme ansprechen und Bürger sich abwenden. Wenn die Waschmaschine wichtiger als das Wahlrecht ist.

Fazit: Der wichtigste gesellschaftspolitische Roman des Jahres. Weil er genau das anregt und provoziert, was dem fiktiven Deutschland im Buch verloren gegangen ist – eine rege Diskussion um unsere Demokratie.

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