Neuerscheinung · Rezension · Romane

Der verlockte Mann

andrea camilleri, die verlockung, rezension, nagel & kimche, günter keil, literaturblog

Sein Gehirn ist voll funktionsfähig, arbeitet jedoch im Leerlauf.“

Mauro Assante ist total von der Rolle. Zweifelt an seinem Verstand. Während Frau und Sohn Ferien machen, arbeitet der Wirtschaftsprüfer in Rom an einem Bericht über eine Bank, an der mächtige Politiker beteiligt sind. Eine brisante Aufgabe. Doch Assante kommt nicht voran, seltsame Dinge passieren: Eine wunderschöne Frau namens Carla steht plötzlich vor seiner Tür, sein Auto verschwindet, jemand dringt in seine Wohnung ein. Assante ist ein klassisches unschuldiges Opfer – Hauptfigur in Andrea Camilleris neuem kurzen Roman „Die Verlockung“ (Nagel & Kimche).

Während Assantes Kollegen und Camilleris Leser längst ahnen, dass es sich um eine perfide Intrige handelt, kapiert der Wirtschaftsprüfer gar nichts. Stolpert in Fallen, verliebt sich in Carla, verstrickt sich in Widersprüche, verliert seine Glaubwürdigkeit. Andrea Camilleri lässt seinem integeren Protagonisten wie eine Marionette aussehen, gelenkt von Unbekannten, die seinen Bericht verhindern wollen. Wie naiv, tollpatschig und doof kann ein gebildeter Mann eigentlich sein? Fragt man sich bei der Lektüre ständig. Und hofft darauf, dass Camilleri eine überraschende Wendung einfällt, eine doppelbödige Erklärung. Doch da kommt nichts. So genial Camilleri Spannung erzeugt und seine Leser mit in Assantes Abgrund zieht, so banal lässt er seine Geschichte enden. Ein mitreißender Roman, ja. Aber auch ein unbefriedigender.

Mehr über Andrea Camilleri in meinem Blog hier.

Rezension · Romane

Camilleris Erotik-Thriller

camiMehr als 50 Romane hat er schon geschrieben, und nächstes Jahr wird er 90: Andrea Camilleri. Von Altersmilde oder einer Renterperspektive ist im Werk des Sizilianers noch immer nichts zu spüren. In „Mein Ein und Alles“ (Kindler), seinem neuen Roman, lässt er es noch einmal richtig krachen. Arianna, seine Hauptfigur, ist wild und wunderschön. Guilio, ihr reicher Ehemann, bezahlt junge Männer dafür, dass sie Sex mit Arianna haben – und sieht dabei zu. Lakonisch und lässig-distanziert, beschreibt Camilleri das erotische Spiel des Ehepaares. Ein knapper, scharfer Thriller, der jedoch selten in die Tiefe geht. Sex sells, schon klar. Aber von einem renommierten Schriftsteller erwarte ich ein bisschen mehr. Ob Andrea Camilleri vielleicht doch etwas altersmüde geworden ist?

Hörbuch

Der falsche Montalbano

imagesHörbücher sind wunderbar. Manchmal allerdings machen sie Figuren und Plots kaputt, sogar dann, wenn Profis am Werk sind. Der neue Krimi von Andrea Camilleri ist so ein Fall. „Die Tage des Zweifels“ (Lübbe Audio) heißt die spannende Story, und natürlich steht Serienheld Commissario Salvo Montalbano wieder im Mittelpunkt. Ich liebe diese Figur und ihre trockene, stoische, kratzbürstige Art. Sizilianisch lakonisch eben. Doch Bodo Wolf, eigentlich ein toller Sprecher, liest  aufgedreht und hektisch. Er hetzt durch die Handlung und überdehnt die Stimmen der Protagnonisten, auch Montalbano ist nicht wiederzuerkennen. Es ist der falsche Commissario, und nicht der, den man beim Lesen im Kopf hat. Vielleicht wollte es der Regisseur so. Vielleicht sollte Wolf bewusst schnell lesen. Vielleicht war auch zu wenig Zeit für die Produktion veranschlagt. Schade jedenfalls.