Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Gute Nacht, Deutschland

Dunkel ist es. Düster. Unheimlich. Bedrohlich. Das Deutschland, das Max Annas in seinem neuen Roman „Finsterwalde“ (Rowohlt) beschreibt, ist, ja, finster.

Die Handlung spielt in naher Zukunft. Es regiert eine nationalistische Partei, die alle Bürger ohne deutsche Wurzeln abschiebt oder zunächst auf unbestimmte Zeitkaserniert.. Polizisten, Soldaten und Bürgerwehren machen in aller Öffentlichkeit Jagd auf Fremde – Annas schildert Szenen, die an die Verfolgung der Juden zur Nazizeit erinnern. Die Polizei, so heißt es an einer Stelle, habe „die Lizenz zum Demütigen“.

Im Osten des Landes werden Städte geräumt. Einige der verlassenen Orte dienen als Lagerstätten für unerwünschte Bürger. In Finsterwalde harren tausende Menschen dunkler Hautfarbe aus. Max Annas hat ein erschreckend gutes Gespür für die angespannte Stimmung und die latente Bedrohung, die Bürger mit Migrationshintergrund verspüren. Er konzentriert sich auf eine kleine Gruppe aus Finsterwalde, die einen riskanten Plan verfolgt: Eine junge Frau und einige andere Insassen flüchten durch einen Abwasserkanal nach Berlin, wo sie drei zurückgelassene afrikanische Kinder retten wollen. Parallel erzählt Annas von einer griechischen Ärztin, die mit ihrem Freund und ihren Kindern nach Deutschland einwandert – hochqualifizierte Ausländer dürfen auf Bewährung ins Land kommen, müssen aber einen Überwachungsring am Fuß tragen. Der Freund der Ärztin, ein Journalist, stößt bei seinen Recherchen auf die zurückgelassenen Kinder. Und so verbinden sich schließlich die beiden Erzählstränge.

Schnörkellos und souverän skizziert Max Annas ein abgeschottetes Land, geprägt von Misstrauen, Empathielosigkeit und Kontrollwahn. Ein Roman wie eine Warnung vor den Folgen von Fremdenfeindlichkeit.

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Er schreibt und schreibt…

„Ich finde, jemand sollte ihm einen Orden verleihen, ihm eine Kugel in den Kopf jagen und eine Brücke nach ihm benennen.“ (Jack Reacher über einen Vorgesetzten)

Er schreibt und schreibt und schreibt und schreibt. Lee Child wird nicht müde, seine Thriller-Serie um Jack Reacher fortzusetzen. Zum Glück. Denn auch der 19. Fall für den fiktiven Einzelgänger, „Im Visier“ (Blanvalet), hält das hohe Niveau.

Wie bei allen Serien bleibt zwar die Konstruktion der Plots sehr ähnlich. Reacher, eigentlich unauffindbar und unabhängig, wird jedes Mal von Militär/Geheimdienst/Politik zu einem brisanten Fall hinzugezogen, legt sich mit seinen Vorgesetzten an, flirtet bei den Ermittlungen mit einer attraktiven Frau und schaltet lässig seine Widersacher aus. Diesmal soll er einen Scharfschützen aufspüren, der in London auf die Politiker angesetzt ist, die am G8-Gipfel teilnehmen. Ein Auslandseinsatz also, immerhin. Normalerweise bleibt Reacher in den USA.

Warum Lee Child trotz dieser vorhersehbaren Struktur sehr gut lesbar und höchst unterhaltsam bleibt? Weil seine Sprache unverschämt locker und lakonisch daherkommt. Weil sein Held unvergleichlich trocken aus seiner Perspektive erzählt. Weil sich die Figur des Jack Reacher auch nach 19 Bänden nicht abgenutzt hat. Und vor allem: weil jedes Buch beweist, wie wenig Tom Cruise mit dem Mann gemeinsam hat, den er in den Verfilmungen (zum Leidwesen vieler Reacher-Leser) spielt.

 

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Im Paralleluniversum

Was ist da unten? Etwas Verlockendes. Abstoßendes. Angst und Einsamkeit, aber auch machtvolleres Wissen, als sich in der Flüchtigkeit des Lichts erahnen lässt. Wer einmal die Bekanntschaft der Tiefe gemacht hat, hineingeworfen in ihre wispernde Leere und Konturlosigkeit, wo alles Mögliche und Unmögliche Gestalt annehmen kann, bleibt ihr verfallen.“

Frank Schätzing stößt in seinem neuen Thriller „Die Tyrannei des Schmetterlings“ (Kiepenheuer & Witsch) ein Tor auf. Eines, das in die Tiefe dunkler Parallelwelten führt. Klingt nach Sciene Fiction, ist aber sehr realistisch. Im Mittelpunkt steht ein geheimes Forschungszentrum in der kalifornischen Provinz. Streng bewacht führt dort ein Hightech-Konzern Experimente mit Künstlicher Intelligenz durch. Nach dem Tod einer Biologin ermittelt Sheriff Luther Opoku in der streng bewachten Anlage. Dort gerät er in den Bann eines Megacomputers und stürzt in eine unheimliche Sphäre. Ein druckvoller, umfassend recherchierter Thriller über Roboter, genmanipulierte Tiere und eine Technologie, die unser Leben radikal verändern wird. Schätzing gelingt es meisterhaft, die komplexe Thematik aus Sachbüchern wie „Homo Deus“ in einen rasanten Plot zu verwandeln. Hochbrisant und erschreckend aktuell.

Auch als Hörbuch (Der Hörverlag) übrigens sehr zu empfehlen: Schauspieler Sascha Rothermund fängt die düstere Atmosphäre in seiner Lesung (22 Stunden, 22 Minuten!) gekonnt ein.

 

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Quotendruck & tödliche Geschäfte

Zwischen dem größten Flüchtlingslager der Welt in Kenia und einer prominenten deutschen Polit-TV-Moderatorin besteht eine Verbindung. 

Stimmt schon: Horst Eckert stellt in seinem neuen Thriller „Der Preis des Todes“ (Wunderlich) brisante Zusammenhänge dar. Zwischen Sarah Wolf, der Moderatorin, Christian Wagner, einem Bundestagsabgeordneten, dem Pharmakonzern Samax AG, und Dadaab, dem Lager mit mehr als 500.000 Bewohnern.

In hohem Tempo schildert Eckert, wie Sarah Wolf und ihr Team ihre Talkshow vorbereiten. Druck gibt es von allen Seiten – der Sender besteht auf hohen Einschaltquoten und möchte nicht, dass zu kritische Fragen gestellt werden. Die politischen Parteien schicken nur dann prominente Gäste, wenn ihnen das Thema passt. Eckert zeigt realistisch und gut recherchiert, wie zynisch das TV-Geschäft abläuft.

Zum spannenden Polit-Thriller wird das Buch, weil Sarah Wolf mit dem Abgeordneten Christian Wagner liiert ist. Kurz nachdem ihn eine Boulevardzeitung als Lobbyist für einen Pharmakonzern gebrandmarkt hat, stirbt er unter mysteriösen Umständen. Auch eine junge Menschenrechtsaktivistin wird tot aufgefunden – sie hatte Kontakt zu Wagner, und sie arbeitete im Flüchtlingslager Dadaab. Sarah Wolf und ihr Team recherchieren im Berliner Politikzirkus und in Kenia. Und sie decken einen unglaublichen Skandal auf: Unter dem Deckmantel von Wohltätigkeit wurden Flüchtlinge systematisch ausgebeutet und ihre Organe verkauft.

Quotendruck, Lobbyismus, Parteiengeplänkel und tödliche Geschäfte – Horst Eckert packt eine Vielzahl wichtiger Themen in seinen rundum gelungenen Thriller.

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Das Mädchen mit den Revolverheldenaugen

Ihren Teddy hat sie noch. Obwohl sie schon betrügen, boxen, stehlen und schießen kann. Polly ist zwar erst elf, aber sie wird innerhalb weniger Tage zur Kriminellen. Weil es ihr Vater so will. Weil sie und er sonst sterben müssten.

In seinem revolverkugelschnellen Debütroman „Die Rache der Polly McClusky“ (Ullstein) skizziert Jordan Harper eine unkonventionelle Vater-Tochter-Beziehung. Politisch absolut nicht korrekt und verdammt spannend. Denn Papa Nate, soeben aus dem Gefängnis getürmt, kidnappt Polly vom Schulhof, rast im Autor mit ihr durch Kalifornien und macht aus ihr eine abgebrühte Komplizin. Die beiden rauben, töten und lassen ihre Verfolger hinter sich.

Stimmt schon: das klingt erstmal übertrieben durchgeknallt, basiert aber auf einer bestechenden Logik. Denn Nate hat sich im Knast mit einer mächtigen Gang angelegt, die seine Familie daraufhin mit einem tödlichen Fluch belegte. Nates Exfrau wurde bereits ermordet, Polly ist die nächste auf der Liste. Durch diesen Dreh wird aus dem kriminellen Vater ein moralischer Beschützer.

Jordan Harper hat einen schnellen, harten Thriller geschrieben. Ein starker Road-Trip mit staubtrockener Ironie und einem faszinierenden Mädchen mit Revolverheldenaugen.

Wenn man mit einer Waffe in der Hand und einer Maske über dem Gesicht in einen Getränkeladen marschiert, reißt man den Deckel von der Welt. Die Zeit vollführt echten Einstein-Quatsch. Sie dehnt sich; schrumpft zusammen.“

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Sakari & Kimmo

wagner, sakari, rezension, günter keil In dem Sommer, in dem Marisa den Mond vermessen möchte, betritt Kimmo Joentaa den Raum, in dem das Meer zu Hause ist. Sanna schwimmt im Sonnensee. Petri läuft zwischen den Bäumen, auf der Flucht vor sich selbst. David löscht die Sonne aus.“

Schon klar: Wenn ein Kriminalroman so beginnt, muss es ein besonderer sein. Einer von Jan Costin Wagner. „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ (Galiani Berlin) ist ein höchst dramatisches Buch, das jedoch ruhig, bisweilen poetisch erzählt und von einem stillen, feinfühligen Ermittler bestimmt wird. Kimmo Joentaa heißt dieser Mann, ein finnischer Polizist. „Papa ist manchmal ein großer Nachdenker“ sagt seine Tochter Sanna über ihn. Und tatsächlich: er denkt und fühlt viel, bevor er handelt. Weswegen er genau der richtige ist, um herauszufinden, warum sich Sakari nackt und mit einem Messer auf dem Marktplatz von Turku gezeigt hat. Und warum der junge Mann daraufhin von Joentaas Kollege Petri Grönholm erschossen wurde.

Jan Costin Wagner schreibt zarte, traurige Sätze. In einer leise lodernden Sprache. Er erschafft weite Räume für die Gefühle seiner Figuren, die zu offenen Räumen für die Vorstellungskraft seiner Leser werden. Die melancholische Atmosphäre seiner Romane ist fast noch wichtiger als seine Plots.

Wagner schildert, wie Joentaa in Sakaris Leben eintaucht. Bedächtig und doch bestimmt. Der Polizist findet heraus, dass Sakari vor vier Jahren einen Motorradunfall hatte, bei dem seine Freundin starb. Ein traumatischer Vorfall, der zwei Familien aus ihren Welten gerissen hat. Bei Wagner geht es immer um Trauer und Verlust; seine Figuren suchen nach Halt, Trost und Gewissheit nach furchtbaren Erlebnissen. Kimmo Koentaa ist der Mann, der auch diesmal, in seinem sechsten Fall, trösten kann. Eine unfassbar traurige, wunderbare Geschichte.

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Rumänien-Ausverkauf

Warum kauft ein saudi-arabischer Agrarkonzern riesige Flächen Ackerland in Rumänien? Weshalb sind viele weitere milliardenschwere Unternehmen aus der ganzen Welt an diesen Böden interessiert? Und wieso setzt die europäische Landwirtschaft auf Großbetriebe und Monokulturen?

In „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“ (DuMont) berichtet Oliver Bottini von fatalen Entwicklungen. Sein komplexes Werk weist Züge eines Wirtschaftskrimis auf, doch mehr noch als die ökonomischen Aspekte interessieren Bottini die Menschen. Ioan Cozma zum Beispiel. Ein rumänischer Kommissar, die Hauptfigur. Die Erinnerungen an seine Taten im totalitären System Ceaucescus quälen Cozma. Doch er verdrängt sie, so wie das ganze Land seine Vergangenheit verdrängt. Modern soll das neue Rumänien sein, dynamisch und sauber. Insofern passt es Cozma gar nicht, dass ihm die Ermittlungsleitung in einem Mordfall übertragen wird: eine junge Deutsche wurde erstochen aufgefunden. Ihrem Vater gehört ein landwirtschaftlicher Großbetrieb, und der Verdacht fällt auf einen der Feldarbeiter, der nach Mecklenburg flüchtet. Was zunächst nach einer Tat aus Leidenschaft aussieht, entwickelt sich zu einem komplizierten Geflecht aus Geschäftsinteressen. Auf einmal ist Ioan Cozma mittendrin in einem Konkurrenzkampf internationaler Konzerne. Sie kaufen die vergleichsweise günstigen rumänischen Agrarflächen mit kriminellen Praktiken, bestechen Politiker, spekulieren mit ihrem Besitz.

Oliver Bottini zeigt, wie schwer es einer Gesellschaft und ihren Mitgliedern fällt, sich von den Schatten ihrer Vergangenheit zu lösen. Er zeigt auch, wie leicht es für skrupellose Unternehmen ist, von diesem Prozess zu profitieren. Der Berliner hat einen hochwertigen, extrem spannenden Roman geschrieben, umfassend recherchiert und mit eleganter Prosa verfeinert.