Nicht normale Norweger

Auf Bærum, einer Insel vor Oslo, leben die Reichen und Privilegierten. Als ein Angler vor der Küste ein menschliches Ohr aus dem Gewässer fischt, ist Schluss mit der Idylle. Denn das Ohr gehört zu einem ermordeten Polen. Der illegal eingereiste Arbeiter schuftete auf der Baustelle eines berüchtigten Immobilienspekulanten. Die Polizei ermittelt, und plötzlich kämpfen alle gegeneinander: Vogelschützer, Anwälte, Migranten, Kleinkriminelle, Anteilseigner und Angler.

Der norwegische Autor Lars Lenth ist ein Meister des lockeren ironischen Tons. In „Schräge Vögel singen nicht“ (Limes) versammelt er eine Handvoll skurriler Typen, die in den Mordfall verwickelt sind. Die Ermittlungen führen auch drei ehemalige Schulkamerad*innen zusammen: Den kriminellen Hochstapler und Spekulanten Terje, den sympathischen Rechtsreferendar Leo und die attraktive Kommissarin Mariken. Außerdem treten auf: Die tollpatschigen Verbrecher Nils und Rino sowie der griesgrämige Angler, der den Fall unabsichtlich ins Rollen brachte.

Obwohl Lars Lenth die komödiantischen Seiten des Verbrechens hervorhebt, berichtet er parallel von kritischen gesellschaftspolitischen Entwicklungen: Die Ausbeutung osteuropäischer Arbeitskräfte, Betrug und Korruption bei großen Bauprojekten, die Umgehung von Umweltschutzgesetzen, die abgeschottete Welt der Reichen.

Ernsthaft und witzig, entspannt und spannend – Lenth kombiniert scheinbare Widersprüche und glänzt mit schwarzem Humor. Ein heiterer Krimi über Gier und Moral, und darüber, dass Norweger manchmal nicht ganz normal sind.

Das Ultimatum

Staatskrise in Deutschland und Frankreich. Der Notstand wird ausgerufen. In Christian v. Ditfurths neuem Thriller „Ultimatum“ (C. Bertelsmann) erpresst eine unbekannte Organisation die Politik. „Erlassen Sie Italien, Spanien, Portugal und Griechenland alle Schulden“ fordern die Kidnapper. Ihre Druckmittel: Sie entführen den Mann der deutschen Kanzlerin und die Frau des französischen Präsidenten. Außerdem bringen sie ein Atomkraftwerk unter ihre Kontrolle und verlangen die Freilassung eines mächtigen inhaftierten Verbrechers. Die Berliner und Pariser Machtapparate sind in Schockstarre – niemand weiß, wer hinter den terroristischen Aktionen steht. Russland, China, Islamisten? Alle Spuren verlieren sich im Nichts.

Christian v. Ditfurth hat ein erschreckendes Szenario entworfen. Doch es ist nicht unrealistisch, vor allem, weil Ditfurth seinen packenden Plot mit zahlreichen Anspielungen auf reale Politiker spickt. Merkel, Seehofer, Altmeier und Maas, sie alle sind klar zu erkennen. Das gilt auch für Macron, Putin und Steve BannonChristian v. Ditfurth zeigt die Staatschefs, ihre Minister und Behörden, ihre Strippenzieher und Speichellecker. In all ihrer zur Schau gestellten Kompetenz und Macht, inmitten ihrer Hilflosigkeit, ihres armseligen Populismus.

Nur Eugen de Bodt, der Berliner Hauptkommissar, behält einen kühlen Kopf. Auch in seinem fünften Fall bleibt der intellektuelle Hardliner pragmatisch und denkt außerhalb der üblichen Muster. Doch die Kanzlerin vertraut auf de Bodts Fähigkeiten, und sie verschafft ihm den Freiraum, ohne Einschränkungen zu ermitteln.

Action mit Anspruch, so lautet Ditfurths Motto. Mit Stakkatosätzen jagt er seine Protagonisten blitzschnell durch Berlin und Paris, inszeniert Verfolgungsjagden, Schießereien, Explosionen und eine Massenpanik. Er macht Tempo, Tempo, Tempo. Das alles ist kein Selbstzweck. Sondern die effektivste und unterhaltsamste Art, einen klugen zeitgenössischen Polit-Thriller zu schreiben.

Drei!

Orna, Emilia, Ella. Drei Frauen.

Die erste sucht Trost und Ablenkung. Die zweite sucht Verständnis und ein Zuhause. Die dritte sucht Bestätigung. Alle drei stoßen auf Gil, einen Rechtsanwalt. Gil will etwas ganz Bestimmtes von den Frauen; etwas, das sie nicht ahnen.

Mit „Drei“ (Diogenes) ist dem israelischen Autor Dror Mishani der bis jetzt beste Kriminalroman des Jahres geglückt. Eine Geschichte in drei Teilen, die man so noch nie gelesen hat. Mishani schreibt so präzise wie Ferdinand von Schirach, so psychologisch ausgefeilt wie Patricia Highsmith.

In „Drei“ handeln nur drei Sätze von körperlicher Gewalt. Trotzdem ist dieses Buch erschütternd, fesselnd und kaum auszuhalten. Ein Meisterwerk, über das ich nicht mehr verrate. Denn man muss es selbst erlesen und erlebt haben.

DDR-Rassismus

Rassismus und Neonazis in der DDR? Gab es nicht. Durfte es nicht geben. Denn das sozialistische Deutschland versicherte sich gern: Nur drüben im Kapitalismus, dort gibt es Ausländerhass. Eine Lüge, wie man weiß.

Max Annas neuer Kriminalroman „Morduntersuchungskommission“ (Rowohlt) erzählt einen brisanten realen Fall ostdeutscher Geschichte: 1986 wurde ein mosambikanischer Arbeiter an der Bahnstrecke zwischen Ost-Berlin und Dessau tot aufgefunden. Ein Mord durch Neonazis, der erst nach dem Ende der DDR bekannt wurde. Max Annas erzählt nun einen ähnlichen Fall, einen fiktiven.

An der Bahnstrecke südlich von Jena wird 1983 eine entstellte Leiche gefunden. Der Tote: ein junger Mosambikaner, sogenannter Vertragsarbeiter. Oberleutnant Otto Castorp von der Morduntersuchungskommission Gera soll den Fall aufklären. Annas zeigt ihn nicht als coolen Cop, sondern als ziemlich durchschnittlichen, gewissenhaften DDR-Bürger. Castorp befragt Anwohner und Kollegen des Toten, ermittelt in Wohnheimen, und erfährt dabei, dass es immer wieder zu Prügeleien zwischen Ostdeutschen und afrikanischen Arbeitern kommt. Schließlich verdichten sich Hinweise, dass eine Gruppe deutschnationaler Glatzköpfe den aufgefundenen Mosambikaner gequält und getötet hat.

Für seinen Einsatz wird Otto Castorp bestraft. Das Ministerium für Staatssicherheit entzieht ihm den Fall.

Max Annas schreibt klar, fokussiert und objektiv. Er wertet nicht, blickt seiner Hauptfigur gekonnt über die Schulter. So gelingen ihm spannende, authentische Einblicke in den DDR-Alltag. Annas dokumentiert, und er fragt indirekt: Hat die Weigerung des sozialistischen Staates, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen, auch etwas mit der heutigen Stimmung in Ostdeutschland zu tun?

3 plus 1 (Neues von Friedrich Ani)

Noch nie hat Friedrich Ani seine Leser so umfassend überrascht wie diesmal. Erstmals lässt er seine drei bekanntesten Figuren gemeinsam ermitteln: Tabor Süden, Jakob Franck und Polonius Fischer. Dazu gesellt sich in „All die unbewohnten Zimmer“ (Suhrkamp, Foto unten) Fariza Nasri, eine bayerische Kriminalkommissarin mit syrischen Wurzeln. Sie bringt als Ich-Erzählerin einen frischen Ton mit. 3 plus 1 also, plus hohes Tempo.

Vieles ist also neu in Friedrich Anis neuem Roman, und doch bleibt vieles beim Alten. Der Meister der nachdenklichen Töne lotet auch in seinem neuen Werk die Grauzonen Münchens aus. Hochgradig aktuell ist das Buch dennoch. Eine rechts-nationalistische Partei, der AfD ähnlich, demonstriert in der Innenstadt. Mitglieder einer Bürgerwehr verkünden, dass sie die Polizei nicht mehr bräuchten, um „sauber zu machen in allen Ecken, gründlich, damit die Leute wieder Freude an ihrem Land haben.“ Friedrich Anis neuer Roman erscheint nicht nur komplexer als viele seiner vorherigen Werke, sondern deutlicher in der Gegenwart verankert. In einem der zahlreichen intensiven Kapitel schildert Ani die Flucht von zwei Buben aus Aleppo, die mit ihrem Vater nach München flüchten. Später werden die Syrer verdächtigt, am Tod eines Streifenpolizisten in Schwabing beteiligt gewesen zu sein.

Neben diesem Fall müssen die vier Ermittler den Mord an einer Frau in Haidhausen aufklären. Friedrich Ani führt die verschiedenen Handlungsstränge und seine vier Hauptfiguren gekonnt zusammen. „All die unbewohnten Zimmer“ entwickelt eine eigenständige Qualität. Nicht zuletzt wegen Fariza Nasri, der Ani 2021 einen eigenen Roman widmen wird, wie er mir auf seiner Lesung im Literaturhaus München sagte (Foto). Diese Moderation war für mich eine große Ehre – ich schätze Ani und sein Werk sehr, und der 60-jährige beeindruckt sein Publikum jedes Mal aufs Neue.

 

Anspruchsvolle Leichtigkeit

„Ein kurzer Schlaf, der sich anfühlte wie eine komfortable Parkbank im hintersten Winkel des Universums.“

Cheng ist wieder da – endlich! Nach fast zehn Jahren Pause hat Heinrich Steinfest wieder einen Roman aus seiner Reihe um den einarmigen Wiener Privatdetektiv mit chinesischen Wurzeln geschrieben. „Der schlaflose Cheng“ (Piper), Band Nr. 5, funkelt – wie fast alle Bücher Steinfests – vor Originalität, Einfallsreichtum und anspruchsvoller Leichtigkeit.

„Vom Meer her ein Klang als hätte Gott sich verschluckt.“

Der Plot beginnt auf Mallorca und führt später nach London, Reykjavík, Edinburgh, Darmstadt, und natürlich nach Wien. Trotz all der Ortswechsel lässt Heinrich Steinfest nie den ursprünglichen Fall aus den Augen: Cheng, der niemals rennt oder kämpft (das ist unter seiner Würde), muss den Mord an einem Hollywoodstar in London aufklären. Hauptverdächtiger ist ausgerechnet der deutsche Synchronsprecher des Schauspielers. Cheng befragt ihn und stößt auf ein düsteres Geheimnis in der Vergangenheit des Sprechers. Verspielt, in feinem ironischem Ton und höchst akrobatisch formulierend, zeigt Steinfest einmal mehr, was (Kriminal-) literatur kann. Überraschend sein zum Beispiel. Und schöngeistig, ohne abgehoben zu wirken. Zahlreiche Preise hat der österreichische Schriftsteller für seine Werke schon bekommen – jetzt fehlt nur noch der kommerzielle Durchbruch. Also, meine Empfehlung: Kaufen!

„In unserer Welt ist die Wahrheit eigentümlich unglaubwürdig.“

 

Ursula Poznanski im Interview

Acht Kinderbücher, neun Jugendbücher, sieben Thriller – und jetzt der Start einer neuen Krimi-Reihe, „Vanitas, Schwarz wie Erde“ (Knaur): Ursula Poznanski ist eine der produktivsten, vielseitigsten und erfolgreichsten deutschsprachigen Autorinnen. Ich habe gestern Abend die Lesung der 50-jährigen Wienerin in München moderiert. Hier Auszüge aus unserem Gespräch:

Unterscheidet sich Ihr Schreibprozess, wenn Sie an Büchern für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene arbeiten? Nein, nicht besonders. Erwachsenen kann ich aber mehr zumuten, vielleicht auch mal kein Happy-End. Und bei Kindern muss ich manchmal überlegen, ob sie bestimmte Worte kennen – über „oszillierend“ habe ich zum Beispiel gerade nachgedacht, und es dann weggelassen. Und bei Schallplatten war ich mir nicht sicher, ob die meisten Jugendlichen sie überhaupt noch kennen. Grundsätzlich läuft die Schreibarbeit aber sehr ähnlich ab: Ich nehme mir jeden Tag vier bis sechs Seiten vor, und das ziehe ich dann durch.

Liest Ihr Sohn Ihre Bücher? Zurzeit leider nicht – er beschäftigt sich lieber mit Computerspielen. Aber ich nehme das nicht persönlich, denn er liest auch keine anderen Bücher. Und irgendwann kommt er hoffentlich wieder auf den Geschmack.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, Ihre neue Hauptfigur Carolin in einem Blumenladen arbeiten zu lassen? Weil Blumen der größtmögliche Unterschied zu ihrem Leben davor sind. Carolin hatte als Polizeiinformantin einige schlimme Erfahrungen gemacht und musste eine neue Identität annehmen. Im Umfeld der Blumen kann sie sich ein bisschen davon erholen; aber nicht zu lange, dann wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt. Und der Wiener Zentralfriedhof ist gleich um die Ecke des Ladens – die Toten sind immer in Carolins Nähe.

Stimmt das Klischee, dass die Wiener den Tod mögen? Da ist schon etwas dran. In „Vanitas“ schreibe ich: „Nirgendwo sonst ist man mit dem Tod so gerne per Du“. Das hat eine große, schaurige Tradition. Denken Sie nur an das Lied „Es lebe der Zentralfriedhof“ von Wolfgang Ambros aus dem Jahr 1974. Ich finde die Vorstellung völlig in Ordnung, das der grantige Gevatter Tod durch Wien zieht – und durch meine Thriller.

Die beste Detektivin der Welt

Eine Privatdetektivin, die nach Lust und Laune Drogen nimmt, Autos klaut und sich einen Dreck darum schert, was andere von ihr denken. Und die ganz nebenbei schräge philosophische Weisheiten von sich gibt: „Manchmal gibt uns das Leben Zitronen, und wir machen Limonade“

Das ist Claire de Witt, nach eigenen Angaben die beste Detektivin der Welt (das meint sie völlig ernst). Nach 5 Jahren Pause hat sich US-Autorin Sara Gran einen neuen Fall für ihre Hauptfigur ausgedacht – „Das Ende der Lügen“ (Heyne). Und was für einen – in diesem turbulenten, lakonisch erzählten Krimi jagt Claire einen unbekannten Mann, der sie umbringen wollte. Außerdem versucht sie, den rätselhaften Tod eines Kunstmalers aufzuklären. Und sie schwärmt von ihrem Vorbild, dem legendären Kriminalisten Jaques Silette, dessen Meisterwerk „Detection“ eine Art Bibel für Ermittler ist. Darin steht zum Beispiel: „Das Glück ist für Idioten da, aber wenn wir uns Mühe geben, finden wir etwas viel Besseres“

Dieser dritte Band der Claire de Witt-Reihe sprüht wieder vor Originalität und Erzähllust. Der Plot dreht sich auch um Comics, Kinderdetektivinnen und die Abgründe der Kunstwelt. Sara Grans trockener Humor und Claire de Witts lässige Art machen dieses Buch zu einer starken Parodie auf Krimis und ihre coolen männlichen Helden. Gleichzeitig ist es aber auch eine Liebeserklärung an starke, unkonventionelle Ermittlerinnen.

„Eine Menge Leute wünschten mir den Tod. Ich hatte schon als Kind ermittelt. Ich löste Rätsel, die niemand lösen wollte. Ich hatte Fälle aufgeklärt, die einige Leben zerstört und andere gerettet hatten.“

Die bescheidenen Bestsellerautoren (Simon Beckett & Arne Dahl)

„Meine Damen und Herren… Der Preis für Europäische Kriminalliteratur geht an… Simon Beckett und Arne Dahl!“ 

800 Zuschauer klatschen begeistert. Die beiden Ausgezeichneten kommen auf die Bühne, um ihre Urkunden in Empfang zu nehmen. Kameras laufen, Blitze zucken. So geschehen vor genau einer Woche in der Stadthalle Unna, organisiert vom Krimifestival „Mord am Hellweg“.

Ich hatte die Ehre, im Rahmen der Preisverleihung eine Gesprächsrunde mit Simon Beckett und Arne Dahl zu moderieren. Über ihre ersten Schreibversuche (als Kinder), die ersten Manuskripte (abgelehnt und erfolglos) und den späteren internationalen Erfolg (Dahl mit der A-Gruppe, Beckett mit den Hunter-Krimis). Was mich wieder einmal an den Starautoren faszinierte: Ihre Bescheidenheit. Der Brite und der Schwede sind stille, sympathische Typen, die keinen Wind um sich machen und keine Extrawünsche äußern. Understatement pur. Und endlose Geduld im Umgang mit Autogramm- und Selfiewünschen ihrer Leser.

Hier ein kurzer Auszug aus meinem Gespräch mit Beckett & Dahl:

Können Ihre Romane etwas gegen die aktuellen Tendenzen zu Nationalismus in Europa ausrichten?

Dahl: Ich war früher optimistischer, was die mögliche Wirkung von Literatur betrifft. Trotzdem glaube ich immer noch, dass der Akt des Lesens – diese tiefe, innere Reise in ein anderes, unbekanntes Universum – die stärkste Kraft der Welt ist, um Menschen miteinander zu verbinden. Lesen bedeutet das Aufschließen der eigenen Seele. Und jeder Krimiautor, der sein Genre ernst nimmt, hat die Möglichkeit darüber zu schreiben, woher – politisch und gesellschaftlich – der Wind weht. Das Kriminelle ist eng mit der ganzen Welt verbunden, was nicht zuletzt das Auftauchen von Donald Trump zeigt. Also ist Kriminalliteratur mehr denn je ein wichtiger Weg, um scharfsinnig auf Verbrechen aufmerksam zu machen, nicht nur in Europa.

Beckett: Ja, denn in Zeiten wie diesen ist alles gut, was potentiell mehr verbindet als trennt. Kriminalliteratur besitzt sicher grundsätzlich die Fähigkeit, gesellschaftliche Entwicklungen abzubilden. Ich versuche, meine Bücher in einer wiedererkennbaren Welt zu verankern, was bedeutet, dass manchmal gesellschaftlich relevante Aspekte darin vorkommen. Aber ich würde nicht sagen, dass Krimis dies tun müssen. Ein Krimi muss nichts anderes leisten als seine eigene spezielle Geschichte zu erzählen. Wenn sich Autoren wie Arne Dahl dazu entscheiden, explizit gesellschaftliche Themen aufzugreifen, finde ich das natürlich trotzdem großartig.

Gegen die Gier

Es gibt sie also doch. Mainstream-Thriller, die brisante aktuelle Themen aufgreifen und tatsächlich Denkanstöße liefern können. „Gier“ (Blanvalet) von Marc Elsberg ist das beste Beispiel. Der österreichische Bestsellerautor, bekannt geworden mit seinen Longsellern „Zero“ und „Blackout“, widmet sich nun der Schere zwischen Arm und Reich und einem neuen Wirtschaftsmodell.

Das Szenario: Auf dem Höhepunkt einer neuen Weltwirtschaftskrise demonstrieren in Berlin hunderttausende Menschen gegen Sozialkürzungen und die Macht der Konzerne. Parallel trifft sich die Politik- und Finanzelite zu einem Sondergipfel auf Schloss Charlottenburg. Doch einer der dort vorgesehenen Redner wird auf dem Weg zum Galadinner ermordet: Nobelpreisträger Herbert Thompson. Wie sich herausstellt, hatte er mit einem Kollegen eine mathematische Formel gefunden, mit der Wohlstand für alle möglich ist. Das Brisante daran: Das daraus abgeleitete Wirtschaftsmodell baut nicht auf Egoismus und Konkurrenz, sondern auf Kooperation und Solidarität. Kein Wunder, dass mächtige Kreise Thompsons Rede verhindern wollten. Nach dem Mord beginnt die Jagd auf die verschwundenen Dokumente.

In seinen rasanten Ökonomie-Thriller packt Marc Elsberg eine Barschlägerei, eine Flucht über die Dächer Berlins, mehrere Verfolgungsjagden – und jede Menge Infos über die neue Formel, die auf dem realen Kelly-Kriterium basiert, schon heute oft Grundlage für Investmentstrategien. „Gier“ liefert einen längst fälligen Denkanstoß, unser angeblich alternativloses Wirtschaftssystem in Frage zu stellen.