Aye, aye, Sean Duffy!

„Im Leben geh es im Grunde darum, sich mit Niederlagen abzufinden. Hat Ihnen das schon mal jemand gesagt? Nein? Dann hängen Sie aus philosophischer Sicht mit den falschen Leuten ab, aber aus psychischer Sicht vielleicht mit den richtigen.“

Ein typischer Satz des nordirischen Detective Inspector Sean Duffy. Die Serie um den katholischen Bullen in einem protestantischen Viertel von Belfast zählt zu den besten im Spannungsgenre. Weltweit. Das liegt vor allem an Adrian McKintys Sprache – lakonisch, lässig, pointenreich, klug, schnell und getränkt von schwarzem Humor. Auch die Figur des Sean Duffy überzeugt in jedem neuen Fall; diesmal im achten, besonders gelungenen Krimi des Gerechtigkeitsfanatikers und Prototyps des einsamen Wolfs, Duffy.

In „Alter Hund, neue Tricks“ (Suhrkamp Nova, übersetzt von Peter Torberg) ist Sean Duffy hin- und hergerissen zwischen seinen Rollen als verantwortungsvoller Familienmensch und durchgeknalltem Kerl mit Dienstwaffe. Der Plot spielt 1992, als Duffy zwei Morde an verdeckten IRA-Attentätern aufklären soll. Der Polizist mit dem losen Mundwerk pendelt nach Hause nach Schottland, ermittelt in Irland, gerät in lebensgefährliche Schießereien und eine wilde Verfolgungsjagd auf einem Motorrad. Und wie in jedem Band trinkt Duffy ausreichend Wodka und Whisky, um in die richtige Stimmung zu geraten.

Es ist faszinierend, wie scheinbar locker Adrian McKinty die politische Situation im Nordirland der späten 1980-er und frühen 90-er in seine trickreich konstruierten Geschichten packt. So plump und einfallslos der Titel des neuen Sean-Duffy-Falls auch klingt – Sprache und Inhalt heben sich meilenweit vom üblichen Krimiserieneinerlei ab. Aye, aye, Sean Duffy!

Ich habe den Thriller in meiner Buchsendung am 22.8.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Cowboyprosa

„Dummheit war kein Schwerverbrechen. War überhaupt kein Verbrechen. Nur ein Handicap.“

Trockene Kommentare in einer klaren, kantigen Sprache – das kann nur Jack Reacher sein, der Serienheld von Lee Child. In seinem neuen Fall „Bluthund“ (Blanvalet) begibt sich der ehemalige Militärpolizist auf einen Road Trip durch Wisconsin, South Dakota und Wyoming. Als Anhalter auf staubigen Landstraßen, als Ermittler in versteckt im Wald gelegenen Farmhäusern und im Gespräch mit verschrobenen Amerikanern mit Geheimnissen. Mit Erfolg: Reacher kommt einer Bande von illegalen Opiate-Händlern auf die Spur und spürt eine schwer verletzte Veteranin auf, die medikamentenabhängig ist. Davor allerdings wird ein Kopfgeld auf ihn angesetzt, und ein FBI-Agent kommt ihm in die Quere.

Dieser Jack Reacher, der von sich behauptet, er sei „nur ein gewöhnlicher Kerl auf der Durchreise“, ist ein großer, starker Typ mit einer linken Faust „so groß wie ein Hühnchen aus dem Supermarkt“. Nichts bringt ihn aus der Ruhe, er hat alles im Griff, und er hat vor allem: Prinzipien. Charakter. Moral. Die legendäre Figur verkörpert ganz altmodisch das Gute im Mann, und es bereitet jedes Mal wieder großes Lesevergnügen, wenn dieser Cowboy ohne Handy und ohne Gepäck seine Ermittlungen vorantreibt. Stur und ruhelos, obwohl er wie die Ruhe in Person wirkt, der Fels in der Brandung.

Auch der 22. Reacher-Roman überzeugt also mit erdiger, abgebrühter Prosa im Westernstyle (großartig übersetzt von Wulf Bergner), mit präzisen Beschreibungen von Mensch und Natur, mit knisternden, pointierten Dialogen, bei denen jedes Wort stimmt.

Nur fürs Protokoll noch einmal der Hinweis: Jener Jack Reacher, den Tom Cruise in den Hollywood-Verfilmungen spielt, hat nichts mit dem Jack Reacher aus den Büchern zu tun. Gar nichts. Er ist nur peinlich.

Am 8. August stelle ich den Thriller in meiner Buchsendung auf egoFM vor. Zur Show hier.

Die perfekte Gesellschaft?

„Die perfekte Gesellschaft. Teilhabe für alle, die perfekt gesund sind und funktionieren. Ist etwas kaputt, wird es ausgetauscht. Spielt die Psyche nicht mit, wird sie repariert. Weg mit den Kranken und Schwachen. Weg mit störenden Föten. Fitte Menschen bis ins höchste Alter, das spart steigende Gesundheits- und Pflegekosten.“

Ja, wer fit ist, hat nichts zu befürchten. Wer hinterfragt, lebt gefährlich und bekommt Abzüge bei seinen Sozialpunkten. Im Deutschland der Zukunft, das Zoë Beck in ihrem unheimlichen, aber nicht unwahrscheinlichen Thriller „Paradise City“ (Suhrkamp) beschreibt, wird alles überwacht und von Algorithmen gesteuert. Jeder Bürger muss immer sein Smartcase mit sich führen – eine Karte, auf der alle personenbezogenen Daten gespeichert sind. Kranke werden von einer Gesundheits-App minutiös kontrolliert, und die Medien verkünden nur noch Staatspropaganda. Nach mehreren Pandemien und Antibiotikaresistenzen ist die Bevölkerung geschrumpft, und die Natur erobert sich teilweise wieder ihren Raum zurück.

Hauptfigur Liina ist eine der letzten unabhängigen Journalist*innen. Gemeinsam mit ihrem Team beschafft sie brisante Daten und Fakten, filmt und fotografiert heimlich. Doch nicht nur deswegen schwebt sie in permanenter Gefahr: Liina hat ein Spenderherz, das allmählich schwächer wird. Die Zeit läuft also gegen die junge Frau. Doch Liina und ihre Kolleg*innen geben nicht auf – sie recherchieren mysteriöse Todesfälle und kommen geheimen Forschungsprojekten auf die Spur. In knappen, klaren Sätzen treibt Zoë Beck ihre Hauptfigur durch den straffen Plot.

Die Berliner Autorin zeichnet ein düsteres Gesellschaftsbild, das vertraut erscheint. Denn viele der beschriebenen Entwicklungen beginnen schon heute. So wird aus diesem spannenden Roman eine eindringliche Warnung: Stoppt den Wahnsinn, bevor es zu spät ist! Geschrieben hat Beck das Manuskript ihres Thrillers übrigens schon lange vor Corona – erstaunlich hellseherisch.

Mein Interview mit Zoë Beck könnt Ihr in meiner Buchsendung auf egoFM vom 11. Juli nachhören – zur Show hier.

Der fatale Seitensprung

Kennt Ihr das auch? Wenn man am Ende einer Netflix-Serienfolge einfach nicht widerstehen kann und unbedingt weitergucken muss? Weil die Spannung und die Neugier so groß sind und weil der Cliffhanger so genial konstruiert ist. Genauso ging es mir beim Lesen jedes Kapitels des neuen Thrillers von Jason Starr, „Seitensprung“ (Diogenes). Ich war völlig gebannt und konnte nicht aufhören. Bis zum überraschenden Finale.

Der New Yorker Autor erzählt die Geschichte eines ehemaligen Rockgitarristen, der schon lange keine Musik mehr macht und schon lange keinen Sex mehr mit seiner Frau hat. Jack Harper ist gelangweilt und gefrustet, Schulden muss er auch noch abbezahlen, und nur mühsam schlägt er sich als Immobilienmakler durch. Das einzige, was ihm Freude macht, ist sein Sohn Jonah. Und, neuerdings, eine Seitensprung-Website. Jack kann der Versuchung nicht widerstehen und lässt sich auf eine Online-Affäre ein.

Aus dem erhofften Sex-Abenteuer wird ein Alptraum. Jack gerät in einem Mordfall unter Verdacht und verliert Schritt für Schritt die Kontrolle über sein Leben. Wie in einem Auto, dessen Bremsen nicht mehr funktionieren, rast Jack auf den Abgrund zu. Jason Starr erzählt diesen prickelnden und packenden Thriller aus Jacks Perspektive – manchmal möchte man ihn schütteln, vor neuem Unglück bewahren: Mann, lass das sein! Aber er tut sowieso was er will.

In diesem raffiniert konstruierten Pageturner gibt es nur drei Gewaltszenen, und trotzdem platzt er fast vor Anspannung. Zwischen den Zeilen stellt Jason Starr wichtige Grundsatzfragen: Was wird aus den Träumen und Leidenschaften, der Liebe? Wie kann man aus dem Alltagstrott ausbrechen, und was muss man dafür bezahlen? Jack weiß es nach diesem Abenteuer jedenfalls ganz genau.

Übrigens: Ich stelle diesen Roman auch in der Premiere meiner neuen Buchsendung auf egoFM vor. Mehr Infos bald…

Historisches Lehrstück

Dunkle Gassen, zwielichtige Straßenhändler. Pferdekutschen, Kopfsteinpflaster. Armut, Dreck. Hannover 1920. Dirk Kurbjuweits neuer Roman „Haarman“ (Penguin) spielt in dieser dunklen Zwischenkriegszeit. Er thematisiert eine brutale Mordserie, die vor hundert Jahren Deutschland erschütterte, und die von den Nazis für ihre Propaganda missbraucht wurde.

Innerhalb mehrerer Jahre verschwanden Anfang der 1920-er-Jahre in Hannover 24 Jungen. Wie sich herausstellte, wurden sie  von Fritz Haarmann umgebracht und zerstückelt. Ein unfassbarer, furchtbarer Skandal.

Der renommierte Journalist und Autor Dirk Kurbjuweit rollt die spektakulärste Mordserie der deutschen Geschichte erneut auf. Er konzentriert sich in seinem Buch auf den fiktiven Polizisten Robert Lahnstein, einen engagierten, aufrichtigen Mann. Dieser Ermittler stößt bei seinen Recherchen immer wieder auf Fritz Haarmann, doch seine Kollegen weigern sich, ihn als Verdächtigen einzustufen. Lahnstein lässt sich nicht einschüchtern, auch von den Nazis nicht. Der Polizist sammelt unermüdlich Indizien, und schließlich gelingt es ihm, den Mörder zu überführen.

Dirk Kurbjuweit hat ein historisches Lehrstück über menschliche Abgründe geschrieben. In knappen Sätzen und mit hohem Tempo skizziert Kurbjuweit die Ermittlungen und zeichnet ein realistisches Porträt dieser Zeit.

Das Brisante an dem Fall sind auch seine politischen Bezüge: Kann eine Demokratie Sicherheit gewährleisten, kann sie ihre Bürger mit rechtsstaatlichen Maßnahmen vor Gewalttaten schützen? Gegner der frühen Weimarer Republik nutzten die Mordserie, um der Regierung und dem Staat Versagen vorzuwerfen. „Schützt unsere Kinder!“ plakatierten und riefen die Nazis, und sie forderten „Freiheit für Hitler“, der damals im Gefängnis saß. Ein Jahr später war er wieder auf freiem Fuß, und er wurde von vielen Menschen weiterhin unterschätzt und verharmlost. So wie Fritz Haarmann. Und so wie heute teilweise die AfD, die wieder „Schützt unsere Kinder!“ plakatiert und Flüchtlinge als Gefahr darstellt.

Ich stelle diesen Roman auch im Podcast LONG STORY SHORT vor. Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

Sommer bei Nacht

Zwei Teddybären. Ein Grundschul-Flohmarkt in der Nähe von Wiesbaden. Eine Mutter mit Tochter und Sohn. Und ein unbekannter Mann. Plötzlich sind der Junge und der Mann verschwunden, mitsamt einem Teddybär. Obwohl die Mutter ihren Sohn Jannis nur für wenige Momente aus den Augen gelassen.

So beginnt Jan Costin Wagners neuer Kriminalroman „Sommer bei Nacht“ (Galiani). Knapp und präzise, in feinsten Miniatursätzen, startet Wagner den ersten Fall für seine Kommissare Ben Neven und Christian Sander. Die Polizisten stoßen auf Verbindungen zu einem älteren Fall eines weiteren vermissten Jungen. Auch damals wurde ein Teddybär am Tatort gesehen. Lockt der Täter also Kinder gezielt mit Stofftieren an? Es scheint so. Nach Jannis wird nun öffentlich gefahndet. Prompt melden sich die Eltern eines Jungen, der einmal von einem Mann mit Stofftier angesprochen wurde.

„Der Fall ist zum Ereignis geworden, zu einer Kette merkwürdiger, verstörender, trauriger Ereignisse.“

Jan Costin Wagner hat seinen literarischen Krimi raffiniert konstruiert. Er protokolliert die Ermittlungen aus schnell wechselnde Perspektiven. In Wiesbaden, Innsbruck und Rosenheim. Trotz der sogartigen Zuspitzung der Handlung gibt Wagner seinen Figuren Raum für Träume, Gedanken, für eine andere Dimension, ein Vielleicht. Sie halten inne und lassen die Geschehnisse auf sich wirken. Diese schwebende, bisweilen unwirkliche Ebene, unterscheidet Wagner von anderen Genreautoren. Bei ihm spielen Empathie und Zurückhaltung eine ebenso große Rolle wie Spannung. Eine Wohltat inmitten effektheischender lauter Thrillerware.

Übrigens: Ab morgen, 10. März, gibt es neue Folgen unseres Literaturpodcasts „Long Story Short“. Kostenlos auf allen Kanälen, zum Beispiel hier.

Terrorzelle in Hamburg

Wie bitte? Schon wieder ein neuer Jack-Reacher-Roman? Lee Childs Produktivität ist geradezu beängstigend – nach dem 20. Fall der Reihe, der im Frühsommer 2019 in Deutschland veröffentlicht wurde, folgt nun der 21., „Der Ermittler“ (Blanvalet).

Also alles nur Routine nach Schema F? Nicht bei Lee Child. Er springt diesmal zurück in Jahr 1996. Jack Reacher ist erst 35 Jahre alt, und er wird von der US-Army, dem FBI und der CIA nach Hamburg geschickt. Und um es gleich vorwegzunehmen: Das ist einer der besten Spionage- und Agententhriller des vergangenen Jahres.

Der Plot: Eine islamistische Terrorzelle in Hamburg plant einen Anschlag. Die Amerikaner haben mitbekommen, dass die Terroristen bereit sind, 100 Millionen Dollar zu bezahlen. Doch niemand weiß, wofür. Waffen? Informationen? Menschen? Reacher und sein Team arbeiten eng mit der deutschen Polizei zusammen, sie beschatten, recherchieren und legen falsche Fährten. Doch die Terroristen und eine Gruppe radikaler Deutschnationalisten lassen sich nicht so leicht austricksen. Jeder ermittelt gegen jeden, die Lage wird immer verzwickter, und Jack Reacher muss sich zum ersten Mal als Teamplayer beweisen.

Fazit: Ein packendes Versteckspiel auf hohem Niveau, brillant komponiert, jedes Wort sitzt, jede Szene fügt sich perfekt ein, mit einem grandiosen Finale in einer riesigen Halle voller importierter Schuhe.

Woher das Kokain für den Kiez stammt

Simone Buchholz erzählt in ihrem neuen Fall für die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley zwei packende Geschichten parallel und abwechselnd. Und dann kreuzen sie sich plötzlich. „Hotel Cartagena“ (Suhrkamp) heißt der kompakte Krimi.

Story Nummer 1: Spektakuläre Geiselnahme am Hamburger Hafen. Eine Gruppe bewaffneter Männer hält alle Gäste einer noblen Bar hoch über der Stadt gefangen. Darunter sind Chastity Riley, ihre Ex- und ihr aktueller Lover sowie mehrere Polizisten.

Story Nummer 2: Ein junger Mann aus St. Pauli macht in Kolumbien unfreiwillig Karriere im Drogenmilieu und sorgt mit seinen Kontakten dafür, dass Kokain für die Hamburger High Society geliefert werden kann. Wie sich herausstellt, ist dieser Typ der Kidnapper. Er will sich an einer bestimmten Person rächen.

Lässig, lakonisch und souverän berichtet Simone Buchholz davon, wie sich ihre trinkfeste Hauptfigur als Geisel verhält. Zudem beschreibt sie die eisernen Regeln unter den Drogendealern auf dem Kiez. Und, noch entscheidender: Sie erzählt davon, wie man manchmal in eine bestimmte Rolle rutscht, ins Verhängnis – ohne es zu wollen oder geplant zu haben. Verdammt spannend, mit umfassend recherchierten Hintergrundinfos über die Strukturen der internationalen Kokainszene.

Blind und brillant

„Die Welt ist ein beruhigend dunkler Schatten“

Jenny Aaron ist blind, und dennoch oder gerade deswegen eine herausragende Kämpferin. Die deutsche Elitepolizistin kann sich lautlos bewegen und besitzt eine Supersensibilität, die sie alles ahnen lässt, was in ihrer Umgebung passiert. Zudem beherrscht Aaron die japanische Kampfkunst Budo, zu der Akupunkturkarate mit 36 tödlichen Nervenpunkten zählt.

Auch in „Geblendet“ (Suhrkamp), dem dritten Fall der blinden Ermittlerin, setzt Andreas Pflüger auf die außergewöhnlichen Fähigkeiten und die vielschichtige Persönlichkeit seiner Hauptfigur. Aaron überzeugt mit eleganter Härte und stilvoller Kraft, und das gleiche gilt für Pflügers Prosa. Diesmal spielt der Plot in Berlin, Portugal, Paris und Barcelona. Und auf Rügen, wo Aaron eine Therapie beginnt, die ihre Sehzellen wieder aktivieren sollen. Doch Aaron weiß gar nicht, ob sie wieder sehen will – viele ihrer Fähigkeiten würde sie dann verlieren.

Nach einem Bombenanschlag auf die Büros ihrer geheimen Abteilung gehört Aaron zu den sieben Überlebenden. Ihre getöteten Kollegen will sie rächen, doch ihre Gegenspielerin ist eine ebenfalls hochtalentierte Frau, „meine dunkle Schwester“, wie Aaron meint. Wie sich die beiden exzellenten Kämpferinnen mehrmals tödlich nahe kommen, schildert Andreas Pflüger trocken, schnell und ästhetisch. Seinem Sog in die Blindenwelt kann man sich nicht entziehen.

Der Berliner Autor kreiert Szenen, die wie Stromstöße wirken, und auch der dritte Teil seiner Jenny-Aaron-Reihe besitzt die Energie einer Druckwelle, die er durch das komplette Buch jagt. Ein Erlebnis!

Nicht normale Norweger

Auf Bærum, einer Insel vor Oslo, leben die Reichen und Privilegierten. Als ein Angler vor der Küste ein menschliches Ohr aus dem Gewässer fischt, ist Schluss mit der Idylle. Denn das Ohr gehört zu einem ermordeten Polen. Der illegal eingereiste Arbeiter schuftete auf der Baustelle eines berüchtigten Immobilienspekulanten. Die Polizei ermittelt, und plötzlich kämpfen alle gegeneinander: Vogelschützer, Anwälte, Migranten, Kleinkriminelle, Anteilseigner und Angler.

Der norwegische Autor Lars Lenth ist ein Meister des lockeren ironischen Tons. In „Schräge Vögel singen nicht“ (Limes) versammelt er eine Handvoll skurriler Typen, die in den Mordfall verwickelt sind. Die Ermittlungen führen auch drei ehemalige Schulkamerad*innen zusammen: Den kriminellen Hochstapler und Spekulanten Terje, den sympathischen Rechtsreferendar Leo und die attraktive Kommissarin Mariken. Außerdem treten auf: Die tollpatschigen Verbrecher Nils und Rino sowie der griesgrämige Angler, der den Fall unabsichtlich ins Rollen brachte.

Obwohl Lars Lenth die komödiantischen Seiten des Verbrechens hervorhebt, berichtet er parallel von kritischen gesellschaftspolitischen Entwicklungen: Die Ausbeutung osteuropäischer Arbeitskräfte, Betrug und Korruption bei großen Bauprojekten, die Umgehung von Umweltschutzgesetzen, die abgeschottete Welt der Reichen.

Ernsthaft und witzig, entspannt und spannend – Lenth kombiniert scheinbare Widersprüche und glänzt mit schwarzem Humor. Ein heiterer Krimi über Gier und Moral, und darüber, dass Norweger manchmal nicht ganz normal sind.