3 plus 1 (Neues von Friedrich Ani)

Noch nie hat Friedrich Ani seine Leser so umfassend überrascht wie diesmal. Erstmals lässt er seine drei bekanntesten Figuren gemeinsam ermitteln: Tabor Süden, Jakob Franck und Polonius Fischer. Dazu gesellt sich in „All die unbewohnten Zimmer“ (Suhrkamp, Foto unten) Fariza Nasri, eine bayerische Kriminalkommissarin mit syrischen Wurzeln. Sie bringt als Ich-Erzählerin einen frischen Ton mit. 3 plus 1 also, plus hohes Tempo.

Vieles ist also neu in Friedrich Anis neuem Roman, und doch bleibt vieles beim Alten. Der Meister der nachdenklichen Töne lotet auch in seinem neuen Werk die Grauzonen Münchens aus. Hochgradig aktuell ist das Buch dennoch. Eine rechts-nationalistische Partei, der AfD ähnlich, demonstriert in der Innenstadt. Mitglieder einer Bürgerwehr verkünden, dass sie die Polizei nicht mehr bräuchten, um „sauber zu machen in allen Ecken, gründlich, damit die Leute wieder Freude an ihrem Land haben.“ Friedrich Anis neuer Roman erscheint nicht nur komplexer als viele seiner vorherigen Werke, sondern deutlicher in der Gegenwart verankert. In einem der zahlreichen intensiven Kapitel schildert Ani die Flucht von zwei Buben aus Aleppo, die mit ihrem Vater nach München flüchten. Später werden die Syrer verdächtigt, am Tod eines Streifenpolizisten in Schwabing beteiligt gewesen zu sein.

Neben diesem Fall müssen die vier Ermittler den Mord an einer Frau in Haidhausen aufklären. Friedrich Ani führt die verschiedenen Handlungsstränge und seine vier Hauptfiguren gekonnt zusammen. „All die unbewohnten Zimmer“ entwickelt eine eigenständige Qualität. Nicht zuletzt wegen Fariza Nasri, der Ani 2021 einen eigenen Roman widmen wird, wie er mir auf seiner Lesung im Literaturhaus München sagte (Foto). Diese Moderation war für mich eine große Ehre – ich schätze Ani und sein Werk sehr, und der 60-jährige beeindruckt sein Publikum jedes Mal aufs Neue.

 

Anspruchsvolle Leichtigkeit

„Ein kurzer Schlaf, der sich anfühlte wie eine komfortable Parkbank im hintersten Winkel des Universums.“

Cheng ist wieder da – endlich! Nach fast zehn Jahren Pause hat Heinrich Steinfest wieder einen Roman aus seiner Reihe um den einarmigen Wiener Privatdetektiv mit chinesischen Wurzeln geschrieben. „Der schlaflose Cheng“ (Piper), Band Nr. 5, funkelt – wie fast alle Bücher Steinfests – vor Originalität, Einfallsreichtum und anspruchsvoller Leichtigkeit.

„Vom Meer her ein Klang als hätte Gott sich verschluckt.“

Der Plot beginnt auf Mallorca und führt später nach London, Reykjavík, Edinburgh, Darmstadt, und natürlich nach Wien. Trotz all der Ortswechsel lässt Heinrich Steinfest nie den ursprünglichen Fall aus den Augen: Cheng, der niemals rennt oder kämpft (das ist unter seiner Würde), muss den Mord an einem Hollywoodstar in London aufklären. Hauptverdächtiger ist ausgerechnet der deutsche Synchronsprecher des Schauspielers. Cheng befragt ihn und stößt auf ein düsteres Geheimnis in der Vergangenheit des Sprechers. Verspielt, in feinem ironischem Ton und höchst akrobatisch formulierend, zeigt Steinfest einmal mehr, was (Kriminal-) literatur kann. Überraschend sein zum Beispiel. Und schöngeistig, ohne abgehoben zu wirken. Zahlreiche Preise hat der österreichische Schriftsteller für seine Werke schon bekommen – jetzt fehlt nur noch der kommerzielle Durchbruch. Also, meine Empfehlung: Kaufen!

„In unserer Welt ist die Wahrheit eigentümlich unglaubwürdig.“

 

Ursula Poznanski im Interview

Acht Kinderbücher, neun Jugendbücher, sieben Thriller – und jetzt der Start einer neuen Krimi-Reihe, „Vanitas, Schwarz wie Erde“ (Knaur): Ursula Poznanski ist eine der produktivsten, vielseitigsten und erfolgreichsten deutschsprachigen Autorinnen. Ich habe gestern Abend die Lesung der 50-jährigen Wienerin in München moderiert. Hier Auszüge aus unserem Gespräch:

Unterscheidet sich Ihr Schreibprozess, wenn Sie an Büchern für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene arbeiten? Nein, nicht besonders. Erwachsenen kann ich aber mehr zumuten, vielleicht auch mal kein Happy-End. Und bei Kindern muss ich manchmal überlegen, ob sie bestimmte Worte kennen – über „oszillierend“ habe ich zum Beispiel gerade nachgedacht, und es dann weggelassen. Und bei Schallplatten war ich mir nicht sicher, ob die meisten Jugendlichen sie überhaupt noch kennen. Grundsätzlich läuft die Schreibarbeit aber sehr ähnlich ab: Ich nehme mir jeden Tag vier bis sechs Seiten vor, und das ziehe ich dann durch.

Liest Ihr Sohn Ihre Bücher? Zurzeit leider nicht – er beschäftigt sich lieber mit Computerspielen. Aber ich nehme das nicht persönlich, denn er liest auch keine anderen Bücher. Und irgendwann kommt er hoffentlich wieder auf den Geschmack.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, Ihre neue Hauptfigur Carolin in einem Blumenladen arbeiten zu lassen? Weil Blumen der größtmögliche Unterschied zu ihrem Leben davor sind. Carolin hatte als Polizeiinformantin einige schlimme Erfahrungen gemacht und musste eine neue Identität annehmen. Im Umfeld der Blumen kann sie sich ein bisschen davon erholen; aber nicht zu lange, dann wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt. Und der Wiener Zentralfriedhof ist gleich um die Ecke des Ladens – die Toten sind immer in Carolins Nähe.

Stimmt das Klischee, dass die Wiener den Tod mögen? Da ist schon etwas dran. In „Vanitas“ schreibe ich: „Nirgendwo sonst ist man mit dem Tod so gerne per Du“. Das hat eine große, schaurige Tradition. Denken Sie nur an das Lied „Es lebe der Zentralfriedhof“ von Wolfgang Ambros aus dem Jahr 1974. Ich finde die Vorstellung völlig in Ordnung, das der grantige Gevatter Tod durch Wien zieht – und durch meine Thriller.

Die beste Detektivin der Welt

Eine Privatdetektivin, die nach Lust und Laune Drogen nimmt, Autos klaut und sich einen Dreck darum schert, was andere von ihr denken. Und die ganz nebenbei schräge philosophische Weisheiten von sich gibt: „Manchmal gibt uns das Leben Zitronen, und wir machen Limonade“

Das ist Claire de Witt, nach eigenen Angaben die beste Detektivin der Welt (das meint sie völlig ernst). Nach 5 Jahren Pause hat sich US-Autorin Sara Gran einen neuen Fall für ihre Hauptfigur ausgedacht – „Das Ende der Lügen“ (Heyne). Und was für einen – in diesem turbulenten, lakonisch erzählten Krimi jagt Claire einen unbekannten Mann, der sie umbringen wollte. Außerdem versucht sie, den rätselhaften Tod eines Kunstmalers aufzuklären. Und sie schwärmt von ihrem Vorbild, dem legendären Kriminalisten Jaques Silette, dessen Meisterwerk „Detection“ eine Art Bibel für Ermittler ist. Darin steht zum Beispiel: „Das Glück ist für Idioten da, aber wenn wir uns Mühe geben, finden wir etwas viel Besseres“

Dieser dritte Band der Claire de Witt-Reihe sprüht wieder vor Originalität und Erzähllust. Der Plot dreht sich auch um Comics, Kinderdetektivinnen und die Abgründe der Kunstwelt. Sara Grans trockener Humor und Claire de Witts lässige Art machen dieses Buch zu einer starken Parodie auf Krimis und ihre coolen männlichen Helden. Gleichzeitig ist es aber auch eine Liebeserklärung an starke, unkonventionelle Ermittlerinnen.

„Eine Menge Leute wünschten mir den Tod. Ich hatte schon als Kind ermittelt. Ich löste Rätsel, die niemand lösen wollte. Ich hatte Fälle aufgeklärt, die einige Leben zerstört und andere gerettet hatten.“

Die bescheidenen Bestsellerautoren (Simon Beckett & Arne Dahl)

„Meine Damen und Herren… Der Preis für Europäische Kriminalliteratur geht an… Simon Beckett und Arne Dahl!“ 

800 Zuschauer klatschen begeistert. Die beiden Ausgezeichneten kommen auf die Bühne, um ihre Urkunden in Empfang zu nehmen. Kameras laufen, Blitze zucken. So geschehen vor genau einer Woche in der Stadthalle Unna, organisiert vom Krimifestival „Mord am Hellweg“.

Ich hatte die Ehre, im Rahmen der Preisverleihung eine Gesprächsrunde mit Simon Beckett und Arne Dahl zu moderieren. Über ihre ersten Schreibversuche (als Kinder), die ersten Manuskripte (abgelehnt und erfolglos) und den späteren internationalen Erfolg (Dahl mit der A-Gruppe, Beckett mit den Hunter-Krimis). Was mich wieder einmal an den Starautoren faszinierte: Ihre Bescheidenheit. Der Brite und der Schwede sind stille, sympathische Typen, die keinen Wind um sich machen und keine Extrawünsche äußern. Understatement pur. Und endlose Geduld im Umgang mit Autogramm- und Selfiewünschen ihrer Leser.

Hier ein kurzer Auszug aus meinem Gespräch mit Beckett & Dahl:

Können Ihre Romane etwas gegen die aktuellen Tendenzen zu Nationalismus in Europa ausrichten?

Dahl: Ich war früher optimistischer, was die mögliche Wirkung von Literatur betrifft. Trotzdem glaube ich immer noch, dass der Akt des Lesens – diese tiefe, innere Reise in ein anderes, unbekanntes Universum – die stärkste Kraft der Welt ist, um Menschen miteinander zu verbinden. Lesen bedeutet das Aufschließen der eigenen Seele. Und jeder Krimiautor, der sein Genre ernst nimmt, hat die Möglichkeit darüber zu schreiben, woher – politisch und gesellschaftlich – der Wind weht. Das Kriminelle ist eng mit der ganzen Welt verbunden, was nicht zuletzt das Auftauchen von Donald Trump zeigt. Also ist Kriminalliteratur mehr denn je ein wichtiger Weg, um scharfsinnig auf Verbrechen aufmerksam zu machen, nicht nur in Europa.

Beckett: Ja, denn in Zeiten wie diesen ist alles gut, was potentiell mehr verbindet als trennt. Kriminalliteratur besitzt sicher grundsätzlich die Fähigkeit, gesellschaftliche Entwicklungen abzubilden. Ich versuche, meine Bücher in einer wiedererkennbaren Welt zu verankern, was bedeutet, dass manchmal gesellschaftlich relevante Aspekte darin vorkommen. Aber ich würde nicht sagen, dass Krimis dies tun müssen. Ein Krimi muss nichts anderes leisten als seine eigene spezielle Geschichte zu erzählen. Wenn sich Autoren wie Arne Dahl dazu entscheiden, explizit gesellschaftliche Themen aufzugreifen, finde ich das natürlich trotzdem großartig.

Gegen die Gier

Es gibt sie also doch. Mainstream-Thriller, die brisante aktuelle Themen aufgreifen und tatsächlich Denkanstöße liefern können. „Gier“ (Blanvalet) von Marc Elsberg ist das beste Beispiel. Der österreichische Bestsellerautor, bekannt geworden mit seinen Longsellern „Zero“ und „Blackout“, widmet sich nun der Schere zwischen Arm und Reich und einem neuen Wirtschaftsmodell.

Das Szenario: Auf dem Höhepunkt einer neuen Weltwirtschaftskrise demonstrieren in Berlin hunderttausende Menschen gegen Sozialkürzungen und die Macht der Konzerne. Parallel trifft sich die Politik- und Finanzelite zu einem Sondergipfel auf Schloss Charlottenburg. Doch einer der dort vorgesehenen Redner wird auf dem Weg zum Galadinner ermordet: Nobelpreisträger Herbert Thompson. Wie sich herausstellt, hatte er mit einem Kollegen eine mathematische Formel gefunden, mit der Wohlstand für alle möglich ist. Das Brisante daran: Das daraus abgeleitete Wirtschaftsmodell baut nicht auf Egoismus und Konkurrenz, sondern auf Kooperation und Solidarität. Kein Wunder, dass mächtige Kreise Thompsons Rede verhindern wollten. Nach dem Mord beginnt die Jagd auf die verschwundenen Dokumente.

In seinen rasanten Ökonomie-Thriller packt Marc Elsberg eine Barschlägerei, eine Flucht über die Dächer Berlins, mehrere Verfolgungsjagden – und jede Menge Infos über die neue Formel, die auf dem realen Kelly-Kriterium basiert, schon heute oft Grundlage für Investmentstrategien. „Gier“ liefert einen längst fälligen Denkanstoß, unser angeblich alternativloses Wirtschaftssystem in Frage zu stellen.

Lärm in São Paulo

„Wir sind nicht nur, was wir essen, vermute ich seit langem. Wir sind auch, was wir hören.“

Es gibt bessere Viertel in São Paulo, aber auch schlechtere. Ein Biologielehrer hat sich mit seiner winzigen Wohnung in hässlicher Umgebung abgefunden – bis ihn der Lärm eines Nachbarn zur Weißglut treibt. In ihrem neuen Roman „Der Nachbar“ (Tropen) erzählt die brasilianische Autorin Patrícia Melo vom Terror der Geräusche von oben. Vom Terror im Stockwerk drüber, der aus einem friedlichen Menschen einen hasserfüllten Mann macht, der zu fast allem fähig ist. Ein bitterböses Lehrstück.

Der Biologielehrer, genervt vom Klappern, Poltern, Dröhnen, Klongen und Knacken, lässt sich auf einen Kleinkrieg mit seinem Nachbarn ein. Sie zerkratzen gegenseitig ihre Autos und zeigen offen ihre Abneigung. Der Konflikt eskaliert in der Wohnung des Nachbarn, als es zu einem Gerangel kommt, in dem der Biologielehrer dem Lärmmacher ins Bein schießt und dieser zu Boden fällt, wobei er so schwer stürzt, dass er stirbt. Der Lehrer ist geschockt. Er weiß, dass ihm niemand glauben würde – also zersägt er die Leiche und vergräbt sie im Wald.

Doch er wird ertappt und angeklagt. Zudem verlässt ihn seine Frau für einen anderen Mann. Wird es der Anwalt des Biologielehrers schaffen, ihn wegen einer Dysfunktion des Gehirns freizubekommen? Patrícia Melo schreibt lakonisch aus Sicht des unfreiwilligen Täters, sie redet nicht drumherum und erschafft so ein rohes, fesselndes Protokoll. Eine kriminell gute Parabel auf Stille und Nachbarschaft, auf Schuld und Verbrechen. Und nebenbei ein authentischer Einblick ins Alltagsleben São Paulos.

Der empathische Ermittler

„Im Grund dachte er an nichts. Er schaute und schwitzte und vergaß die Zeit und ein wenig auch sich selbst.“

Tabor Süden ist wieder da. Nun ja, so richtig da ist er zunächst nicht. Friedrich Anis berühmter Ermittler wirkt in „Der Narr und seine Maschine“ (Suhrkamp) zu Beginn etwas abwesend. Aber das passt zu diesem schweigsamen, seltsamen, eigenwilligen Typ.

Schließlich nimmt Süden einen neuen Auftrag an. Er soll einen älteren Schriftsteller suchen. Dieser Mann hat früher erfolgreiche Krimis geschrieben und 30 Jahre lang mit seiner Mutter in einem kleinen Hotel gelebt. Nun ist er plötzlich verschwunden. Tabor Süden befragt Freunde und Kollegen des aus der Welt Gefallenen und übernachtet im Zimmer des Schriftstellers, um ein Gespür für ihn zu bekommen. Mit viel Ruhe und Empathie spürt er den Mann letztlich auf. Aber kann er ihn auch retten? Will er überhaupt gerettet werden? Wie so oft in den Romanen von Friedrich Ani hat man den Eindruck, dass seine Figuren außerhalb der modernen Gesellschaft besser aufgehoben sind als in deren Mitte. Von der aus sie – nicht selten freiwillig – verschwinden.

Mich hat dieser kurze, melancholische Krimi zu Tränen gerührt, und manche von Friedrich Anis Sätzen musste ich immer wieder und wieder lesen, so poetisch und feinsinnig sind sie. Eine kurze Meditation über eine Vermissung, von Ani als Hommage an den Noir-Schriftsteller Cornell Woolrich konzipiert, der im Herbst vor 50 Jahren starb.

„…und die Nacht dauerte an und nannte sich Tag.“

Im Interview: Dennis Lehane

Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Clint Eastwood, Martin Scorsese… Sie alle haben schon mit Dennis Lehane gearbeitet und die Verfilmungen seiner Bücher („Shutter Island“, „Mystic River“, „Gone Baby Gone“) zu Erfolgen gemacht. Der 53-jährige Autor hat bei Diogenes einen neuen Roman veröffentlicht – Zeit für ein Gespräch über Hollywood, Lügen, Fake-News und Lehanes Aufwachsen in der Arbeiterklasse.

„Der Abgrund in dir“ unterscheidet sich deutlich von Ihren früheren Büchern – was hat Sie daran gereizt? Nach 15 Jahren mit Romanen, die meistens in der Vergangenheit und in sehr männlich dominierten Welten spielten, wollte ich unbedingt etwas anderes schreiben. Etwas, das fest im Heute verankert ist und eine weibliche Hauptfigur hat. Das ist Rachel, eine Journalistin, die aufdeckt, dass ihr Ehemann ein Betrüger und ihr gemeinsames Leben allein auf Lügen aufgebaut ist.

Rachel behauptet: „Wir sind alle Lügner“. Tatsächlich? Ja. Wir alle nehmen selbst fabrizierte Identitäten an, die wir der Welt präsentieren. Mal ganz ehrlich: Wir würden es doch vorziehen, wenn die Menschen, die wir treffen, glauben, dass wir viel schlauer und geistreicher sind als es tatsächlich der Fall ist. Also spielen wir eine Rolle. Unsere echtesten Identitäten zeigen wir nur den Leuten, die wir nicht mehr täuschen können – unsere Partner, Geschwister und Kinder.

In Zeiten von fake news und Donald Trump, scheinen Lügen zunehmend akzeptiert zu werden. Wie konnte das passieren?  Das Internet hat nicht nur die Art geändert, wie die Leute ihre Nachrichten erhalten. Es hat auch die Vorstellung vom Zusammenhang der Dinge ausradiert. Früher wussten wir, dass die Fakten, die wir etwa von der New York Times bekamen, viel wertvoller und realistischer waren als die „Fakten“, die uns der Typ anvertraute, der in der Kneipe neben uns auf dem Barhocker saß. Und warum? Weil die Reporter der Times Bildung und Erfahrung hatten. Also gab es einen Zusammenhang und eine Voraussetzung für die Fakten. Aus irgendeinem Grund schätzen wir das heute aber nicht mehr. Und der Typ auf dem Barhocker ist jetzt das Internet.

Apropos Barhocker: Stimmt es, dass Ihr Vater Sie früher regelmäßig heimlich in eine Bar mitgenommen hat? Jeden Samstag schickte meine Mutter ihn auf den Markt zum Einkaufen und ich durfte mit. Mein Vater ging mit mir allerdings bald in eine Bar. Ich saß auf einem Hocker, vor mir ein Ginger Ale, und um mich herum all diese irischen und polnischen Arbeiter beim Biertrinken. Meine Familie und diese Bar haben die Basis für meine Karriere als Geschichtenerzähler gelegt.

Wo liegt der Zusammenhang? Ich lernte durchs Zuhören, wie man Leute mit einer Geschichte fesselt. Ich habe vier Geschwister, und mein Vater wuchs sogar mit 15 Brüdern und Schwestern auf. Bei so vielen Verwandten ist ständig etwas los und dauernd gibt es Familientreffen. Dabei habe ich die Grundregeln des Geschichtenerzählens gelernt: 1. Fang immer sofort mit der Story an, halte dich nicht mit langen Umschreibungen auf. 2. Sei komisch und lustig, habe einen Blick fürs Skurrile. 3. Bleib´ glaubwürdig. Dazu zählt, dass die Hauptfigur nicht dauernd Glück und Erfolg haben darf. Das wäre unrealistisch und langweilig.

Woran liegt es eigentlich, dass Ihre Romane in Hollywood so gut ankommen? Keine Ahnung. Zurzeit könnte ich wohl sogar spontan ein paar Ideen auf einen Bierdeckel kritzeln, und irgendein Studio würde sagen: wow, was für ein toller Stoff, den kaufen wir! Aber im Ernst: ich habe einen hohen Anspruch an die Verfilmungen, ähnlich wie bei meinen Büchern. Qualität ist mir wichtiger als Geld.

Mit einer Millionensumme kann man Sie nicht locken? Nein. Das größte Studio mit dem dicksten Scheck hat mich noch nie interessiert. Ich arbeite nur mit Leuten, die auch auf Qualität Wert legen. Mein Alptraum wäre es, meine Arbeit für viel Geld jemandem zu überlassen, der nicht kapiert worum es mir geht und sie dann zerfetzt. Zum Glück ist das noch nie passiert. Ich habe zwar auch ein paar beschissene Erfahrungen mit Hollywood gemacht, aber die meisten waren positiv.

Wie ist es, mit Superstars wie Leonardo DiCaprio, Ben Affleck oder Sean Penn zu arbeiten?  Ich mag diese Jungs genauso gern wie all die anderen, mit denen ich gearbeitet habe. Wir hatten auch wirklich Spaß während der Dreharbeiten. Aber danach ist es vorbei, und wir alle gehen wieder unsere eigenen Wege. Ich habe zwar die Telefonnummern von Leo, Ben und den anderen, habe sie aber noch nie angerufen.

 

Mitreißend und melancholisch

„Der warme Wind wirbelt eine Plastiktüte durch die Luft, eine zweite fliegt hinterher. Vielleicht sind Plastiktüten ja irgendwann die besseren Möwen.“

Großstadt-Melancholie, lakonisch eingefangen und ironisch kommentiert. Die Spezialität von Simone Buchholz. In „Mexikoring“ (Suhrkamp), dem neuen Band ihrer Reihe um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, beweist Buchholz, dass sie das hohe Niveau ihrer Krimis halten kann. Mit umwerfender Lässigkeit. Und überraschender Liebenswürdigkeit. Denn dieser Roman vereint viele Aspekte: Buchholz skizziert nicht nur in kurzen Sätzen einen spannenden Kriminalfall. Sondern erzählt auch noch eine berührende Liebesgeschichte. Und streut Elemente einer Sozialreportage über kriminelle ausländische Clans ein.

Ist das zu viel auf einmal? Überhaupt nicht. Der Krimi ist kurz, kommt immer auf den Punkt, reißt mit. Also, von vorne:

Nouri Saroukhan, der verstoßene Sohn eines ausländischen Clans, verbrennt in seinem Fiat. Ein Mord. Riley und ihr cooler Kollege Stepanovic ermitteln in Hamburg und Bremen, stoßen auf Mauern des Schweigens, auf Großfamilien, die mit Brutalität kriminelle Geschäfte machen. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass das Opfer sich von seinem Clan lossagen wollte. Und sich in Aliza Nouri verliebt hatte – eine junge Frau, die vor ihrem gewalttätigen Clan flüchtete.

Schnoddrig und melancholisch berichtet Ich-Erzählerin Chastity Riley von den Recherchen. Sie trinkt viel, schläft wenig. Labert nicht. Eine umwerfende Figur in einem großartigen Krimi.

„Jetzt trinken wir den Wodka einfach so, aber natürlich trinkt man nicht einfach so, es gibt ja immer einen Grund.“

„Die gehen mir auf den Sack mit ihren dicken Eiern. Männer mit Autos als Waffen. Wegen mir kann das weg.“