Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Der empathische Ermittler

„Im Grund dachte er an nichts. Er schaute und schwitzte und vergaß die Zeit und ein wenig auch sich selbst.“

Tabor Süden ist wieder da. Nun ja, so richtig da ist er zunächst nicht. Friedrich Anis berühmter Ermittler wirkt in „Der Narr und seine Maschine“ (Suhrkamp) zu Beginn etwas abwesend. Aber das passt zu diesem schweigsamen, seltsamen, eigenwilligen Typ.

Schließlich nimmt Süden einen neuen Auftrag an. Er soll einen älteren Schriftsteller suchen. Dieser Mann hat früher erfolgreiche Krimis geschrieben und 30 Jahre lang mit seiner Mutter in einem kleinen Hotel gelebt. Nun ist er plötzlich verschwunden. Tabor Süden befragt Freunde und Kollegen des aus der Welt Gefallenen und übernachtet im Zimmer des Schriftstellers, um ein Gespür für ihn zu bekommen. Mit viel Ruhe und Empathie spürt er den Mann letztlich auf. Aber kann er ihn auch retten? Will er überhaupt gerettet werden? Wie so oft in den Romanen von Friedrich Ani hat man den Eindruck, dass seine Figuren außerhalb der modernen Gesellschaft besser aufgehoben sind als in deren Mitte. Von der aus sie – nicht selten freiwillig – verschwinden.

Mich hat dieser kurze, melancholische Krimi zu Tränen gerührt, und manche von Friedrich Anis Sätzen musste ich immer wieder und wieder lesen, so poetisch und feinsinnig sind sie. Eine kurze Meditation über eine Vermissung, von Ani als Hommage an den Noir-Schriftsteller Cornell Woolrich konzipiert, der im Herbst vor 50 Jahren starb.

„…und die Nacht dauerte an und nannte sich Tag.“

Interview · Krimis & Thriller

Im Interview: Dennis Lehane

Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Clint Eastwood, Martin Scorsese… Sie alle haben schon mit Dennis Lehane gearbeitet und die Verfilmungen seiner Bücher („Shutter Island“, „Mystic River“, „Gone Baby Gone“) zu Erfolgen gemacht. Der 53-jährige Autor hat bei Diogenes einen neuen Roman veröffentlicht – Zeit für ein Gespräch über Hollywood, Lügen, Fake-News und Lehanes Aufwachsen in der Arbeiterklasse.

„Der Abgrund in dir“ unterscheidet sich deutlich von Ihren früheren Büchern – was hat Sie daran gereizt? Nach 15 Jahren mit Romanen, die meistens in der Vergangenheit und in sehr männlich dominierten Welten spielten, wollte ich unbedingt etwas anderes schreiben. Etwas, das fest im Heute verankert ist und eine weibliche Hauptfigur hat. Das ist Rachel, eine Journalistin, die aufdeckt, dass ihr Ehemann ein Betrüger und ihr gemeinsames Leben allein auf Lügen aufgebaut ist.

Rachel behauptet: „Wir sind alle Lügner“. Tatsächlich? Ja. Wir alle nehmen selbst fabrizierte Identitäten an, die wir der Welt präsentieren. Mal ganz ehrlich: Wir würden es doch vorziehen, wenn die Menschen, die wir treffen, glauben, dass wir viel schlauer und geistreicher sind als es tatsächlich der Fall ist. Also spielen wir eine Rolle. Unsere echtesten Identitäten zeigen wir nur den Leuten, die wir nicht mehr täuschen können – unsere Partner, Geschwister und Kinder.

In Zeiten von fake news und Donald Trump, scheinen Lügen zunehmend akzeptiert zu werden. Wie konnte das passieren?  Das Internet hat nicht nur die Art geändert, wie die Leute ihre Nachrichten erhalten. Es hat auch die Vorstellung vom Zusammenhang der Dinge ausradiert. Früher wussten wir, dass die Fakten, die wir etwa von der New York Times bekamen, viel wertvoller und realistischer waren als die „Fakten“, die uns der Typ anvertraute, der in der Kneipe neben uns auf dem Barhocker saß. Und warum? Weil die Reporter der Times Bildung und Erfahrung hatten. Also gab es einen Zusammenhang und eine Voraussetzung für die Fakten. Aus irgendeinem Grund schätzen wir das heute aber nicht mehr. Und der Typ auf dem Barhocker ist jetzt das Internet.

Apropos Barhocker: Stimmt es, dass Ihr Vater Sie früher regelmäßig heimlich in eine Bar mitgenommen hat? Jeden Samstag schickte meine Mutter ihn auf den Markt zum Einkaufen und ich durfte mit. Mein Vater ging mit mir allerdings bald in eine Bar. Ich saß auf einem Hocker, vor mir ein Ginger Ale, und um mich herum all diese irischen und polnischen Arbeiter beim Biertrinken. Meine Familie und diese Bar haben die Basis für meine Karriere als Geschichtenerzähler gelegt.

Wo liegt der Zusammenhang? Ich lernte durchs Zuhören, wie man Leute mit einer Geschichte fesselt. Ich habe vier Geschwister, und mein Vater wuchs sogar mit 15 Brüdern und Schwestern auf. Bei so vielen Verwandten ist ständig etwas los und dauernd gibt es Familientreffen. Dabei habe ich die Grundregeln des Geschichtenerzählens gelernt: 1. Fang immer sofort mit der Story an, halte dich nicht mit langen Umschreibungen auf. 2. Sei komisch und lustig, habe einen Blick fürs Skurrile. 3. Bleib´ glaubwürdig. Dazu zählt, dass die Hauptfigur nicht dauernd Glück und Erfolg haben darf. Das wäre unrealistisch und langweilig.

Woran liegt es eigentlich, dass Ihre Romane in Hollywood so gut ankommen? Keine Ahnung. Zurzeit könnte ich wohl sogar spontan ein paar Ideen auf einen Bierdeckel kritzeln, und irgendein Studio würde sagen: wow, was für ein toller Stoff, den kaufen wir! Aber im Ernst: ich habe einen hohen Anspruch an die Verfilmungen, ähnlich wie bei meinen Büchern. Qualität ist mir wichtiger als Geld.

Mit einer Millionensumme kann man Sie nicht locken? Nein. Das größte Studio mit dem dicksten Scheck hat mich noch nie interessiert. Ich arbeite nur mit Leuten, die auch auf Qualität Wert legen. Mein Alptraum wäre es, meine Arbeit für viel Geld jemandem zu überlassen, der nicht kapiert worum es mir geht und sie dann zerfetzt. Zum Glück ist das noch nie passiert. Ich habe zwar auch ein paar beschissene Erfahrungen mit Hollywood gemacht, aber die meisten waren positiv.

Wie ist es, mit Superstars wie Leonardo DiCaprio, Ben Affleck oder Sean Penn zu arbeiten?  Ich mag diese Jungs genauso gern wie all die anderen, mit denen ich gearbeitet habe. Wir hatten auch wirklich Spaß während der Dreharbeiten. Aber danach ist es vorbei, und wir alle gehen wieder unsere eigenen Wege. Ich habe zwar die Telefonnummern von Leo, Ben und den anderen, habe sie aber noch nie angerufen.

 

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Mitreißend und melancholisch

„Der warme Wind wirbelt eine Plastiktüte durch die Luft, eine zweite fliegt hinterher. Vielleicht sind Plastiktüten ja irgendwann die besseren Möwen.“

Großstadt-Melancholie, lakonisch eingefangen und ironisch kommentiert. Die Spezialität von Simone Buchholz. In „Mexikoring“ (Suhrkamp), dem neuen Band ihrer Reihe um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, beweist Buchholz, dass sie das hohe Niveau ihrer Krimis halten kann. Mit umwerfender Lässigkeit. Und überraschender Liebenswürdigkeit. Denn dieser Roman vereint viele Aspekte: Buchholz skizziert nicht nur in kurzen Sätzen einen spannenden Kriminalfall. Sondern erzählt auch noch eine berührende Liebesgeschichte. Und streut Elemente einer Sozialreportage über kriminelle ausländische Clans ein.

Ist das zu viel auf einmal? Überhaupt nicht. Der Krimi ist kurz, kommt immer auf den Punkt, reißt mit. Also, von vorne:

Nouri Saroukhan, der verstoßene Sohn eines ausländischen Clans, verbrennt in seinem Fiat. Ein Mord. Riley und ihr cooler Kollege Stepanovic ermitteln in Hamburg und Bremen, stoßen auf Mauern des Schweigens, auf Großfamilien, die mit Brutalität kriminelle Geschäfte machen. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass das Opfer sich von seinem Clan lossagen wollte. Und sich in Aliza Nouri verliebt hatte – eine junge Frau, die vor ihrem gewalttätigen Clan flüchtete.

Schnoddrig und melancholisch berichtet Ich-Erzählerin Chastity Riley von den Recherchen. Sie trinkt viel, schläft wenig. Labert nicht. Eine umwerfende Figur in einem großartigen Krimi.

„Jetzt trinken wir den Wodka einfach so, aber natürlich trinkt man nicht einfach so, es gibt ja immer einen Grund.“

„Die gehen mir auf den Sack mit ihren dicken Eiern. Männer mit Autos als Waffen. Wegen mir kann das weg.“

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Meister der originellen Metaphern

Eine Schutzweste ist „eine mobile Sauna“. Eine Speicherkarte „die Mülltonne des Vergessens“. Und dieses Lachen, das ist „so natürlich wie Stahlbeton“. Christian v. Ditfurth ist der Meister der herben, originellen Metaphern. Er feuert seine smarten, schnellen Sätze so lässig hinaus wie seine Protagonisten die Kugeln ihrer Waffen.

In „Schattenmänner“ (C. Bertelsmann), dem vierten Band der Reihe um den Berliner Hauptkommissar Eugen de Bodt, wird selbstverständlich wieder viel geballert. Doch Ditfurth steht erneut für Action mit Anspruch. Sein Plot ist rasant und gespickt mit Verweisen und Seitenhieben auf aktuelle Politik. Seine Hauptfigur ist (wie immer) aufsässig, großmäulig und anmaßend. Aber eben genial. Denn nur de Bodt und sein unkonventionelles Team können eine mysteriöse Mordserie aufklären. Vier Menschen sterben, zwei in Frankreich, zwei in Deutschland. Alle waren Mitglied in einer Facebook-Katzengruppe, und alle hatten etwas mit Industriespionage und Rüstungsfirmen zu tun.

Wie in den drei vorangegangenen Bänden zeigt v. Ditfurth die Verstrickungen von Politik, Polizei und Wirtschaft auf. Schnörkellos und trocken kommentiert er Einflussnahmen, Klüngeleien und Verbrechen auf höchstem Thrillerniveau.

„Kein Abgeordnetenbüro ohne Besucherecke. Mit weichen Sesseln, damit die Lobbyisten keine Druckstellen am Hintern erlitten.“

„Sogar wo alle Regeln des Anstands gebrochen wurden, gab es Regeln. Wenn auch nicht des Anstands.“

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Gute Nacht, Deutschland

Dunkel ist es. Düster. Unheimlich. Bedrohlich. Das Deutschland, das Max Annas in seinem neuen Roman „Finsterwalde“ (Rowohlt) beschreibt, ist, ja, finster.

Die Handlung spielt in naher Zukunft. Es regiert eine nationalistische Partei, die alle Bürger ohne deutsche Wurzeln abschiebt oder zunächst auf unbestimmte Zeitkaserniert.. Polizisten, Soldaten und Bürgerwehren machen in aller Öffentlichkeit Jagd auf Fremde – Annas schildert Szenen, die an die Verfolgung der Juden zur Nazizeit erinnern. Die Polizei, so heißt es an einer Stelle, habe „die Lizenz zum Demütigen“.

Im Osten des Landes werden Städte geräumt. Einige der verlassenen Orte dienen als Lagerstätten für unerwünschte Bürger. In Finsterwalde harren tausende Menschen dunkler Hautfarbe aus. Max Annas hat ein erschreckend gutes Gespür für die angespannte Stimmung und die latente Bedrohung, die Bürger mit Migrationshintergrund verspüren. Er konzentriert sich auf eine kleine Gruppe aus Finsterwalde, die einen riskanten Plan verfolgt: Eine junge Frau und einige andere Insassen flüchten durch einen Abwasserkanal nach Berlin, wo sie drei zurückgelassene afrikanische Kinder retten wollen. Parallel erzählt Annas von einer griechischen Ärztin, die mit ihrem Freund und ihren Kindern nach Deutschland einwandert – hochqualifizierte Ausländer dürfen auf Bewährung ins Land kommen, müssen aber einen Überwachungsring am Fuß tragen. Der Freund der Ärztin, ein Journalist, stößt bei seinen Recherchen auf die zurückgelassenen Kinder. Und so verbinden sich schließlich die beiden Erzählstränge.

Schnörkellos und souverän skizziert Max Annas ein abgeschottetes Land, geprägt von Misstrauen, Empathielosigkeit und Kontrollwahn. Ein Roman wie eine Warnung vor den Folgen von Fremdenfeindlichkeit.

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Er schreibt und schreibt…

„Ich finde, jemand sollte ihm einen Orden verleihen, ihm eine Kugel in den Kopf jagen und eine Brücke nach ihm benennen.“ (Jack Reacher über einen Vorgesetzten)

Er schreibt und schreibt und schreibt und schreibt. Lee Child wird nicht müde, seine Thriller-Serie um Jack Reacher fortzusetzen. Zum Glück. Denn auch der 19. Fall für den fiktiven Einzelgänger, „Im Visier“ (Blanvalet), hält das hohe Niveau.

Wie bei allen Serien bleibt zwar die Konstruktion der Plots sehr ähnlich. Reacher, eigentlich unauffindbar und unabhängig, wird jedes Mal von Militär/Geheimdienst/Politik zu einem brisanten Fall hinzugezogen, legt sich mit seinen Vorgesetzten an, flirtet bei den Ermittlungen mit einer attraktiven Frau und schaltet lässig seine Widersacher aus. Diesmal soll er einen Scharfschützen aufspüren, der in London auf die Politiker angesetzt ist, die am G8-Gipfel teilnehmen. Ein Auslandseinsatz also, immerhin. Normalerweise bleibt Reacher in den USA.

Warum Lee Child trotz dieser vorhersehbaren Struktur sehr gut lesbar und höchst unterhaltsam bleibt? Weil seine Sprache unverschämt locker und lakonisch daherkommt. Weil sein Held unvergleichlich trocken aus seiner Perspektive erzählt. Weil sich die Figur des Jack Reacher auch nach 19 Bänden nicht abgenutzt hat. Und vor allem: weil jedes Buch beweist, wie wenig Tom Cruise mit dem Mann gemeinsam hat, den er in den Verfilmungen (zum Leidwesen vieler Reacher-Leser) spielt.

 

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Im Paralleluniversum

Was ist da unten? Etwas Verlockendes. Abstoßendes. Angst und Einsamkeit, aber auch machtvolleres Wissen, als sich in der Flüchtigkeit des Lichts erahnen lässt. Wer einmal die Bekanntschaft der Tiefe gemacht hat, hineingeworfen in ihre wispernde Leere und Konturlosigkeit, wo alles Mögliche und Unmögliche Gestalt annehmen kann, bleibt ihr verfallen.“

Frank Schätzing stößt in seinem neuen Thriller „Die Tyrannei des Schmetterlings“ (Kiepenheuer & Witsch) ein Tor auf. Eines, das in die Tiefe dunkler Parallelwelten führt. Klingt nach Sciene Fiction, ist aber sehr realistisch. Im Mittelpunkt steht ein geheimes Forschungszentrum in der kalifornischen Provinz. Streng bewacht führt dort ein Hightech-Konzern Experimente mit Künstlicher Intelligenz durch. Nach dem Tod einer Biologin ermittelt Sheriff Luther Opoku in der streng bewachten Anlage. Dort gerät er in den Bann eines Megacomputers und stürzt in eine unheimliche Sphäre. Ein druckvoller, umfassend recherchierter Thriller über Roboter, genmanipulierte Tiere und eine Technologie, die unser Leben radikal verändern wird. Schätzing gelingt es meisterhaft, die komplexe Thematik aus Sachbüchern wie „Homo Deus“ in einen rasanten Plot zu verwandeln. Hochbrisant und erschreckend aktuell.

Auch als Hörbuch (Der Hörverlag) übrigens sehr zu empfehlen: Schauspieler Sascha Rothermund fängt die düstere Atmosphäre in seiner Lesung (22 Stunden, 22 Minuten!) gekonnt ein.