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Schlagwort-Archive: Krimis & Thriller

candice fox, fall, rezension, literaturblog, günter keilEin Mix aus Lisbeth Salander und weiblichem Dexter – das ist Eden, der noch ziemlich neue fiktive Star der internationalen Thrillerwelt. Eden ist Australierin, und sie spielt die Hauptrolle in Candice Fox´ Trilogie. Eine sozial inkompatible, traumatisierte Polizistin, die nachts auf eigenes Risiko Verbrecher ermordet. Hochintelligent, effektiv und brutal. Eine Frau, die sich vor nichts fürchtet. Weil sie im Grunde genommen schon seit vielen Jahren tot ist.

In „Fall“ (Suhrkamp), dem letzten Teil, versuchen Eden und Frank Bennett, ihr Partner bei der Mordkommission von Sydney, einen Serienkiller aufzuspüren. Dieser Mann (oder eine Frau?) setzt Joggerinnen in Parks mit Betäubungspfeilen außer Gefecht und verunstaltet sie anschließend tödlich. Ein Fall, der aus vielen Thrillern stammen könnte, und auch die Sprache von Candice Fox entspricht dem vielfach veröffentlichten gehobenen Durchschnitt. Was „Fall“ und die Vorgänger „Hades“ und „Eden“ allerdings zu einem unvergesslichen Erlebnis macht, sind die Figuren und ihre Biografien. Eden und ihr im zweiten Band getöteter Bruder Eric wuchsen auf einer Müllhalde bei einem schrägen Unterwelt-König auf, nachdem sie eigentlich schon für tot erklärt wurden. Ihr dunkles Geheimnis macht sie zu Außenseitern – das sind fast alle Figuren der Trilogie. Jeder hat seine düsteren Geheimnisse und Angst davor, enttarnt zu werden. In „Fall“ assisiert eine 17-jährige Asiatin mit blonden, kurz geschorenen Haaren Eden und Frank. Auch sie ist schwer traumatisiert und eine geniale Ermittlerin.

Fazit: eine radikale, bedrohlich spannende Reihe, die leicht lesbar ist – sofern man ihre morbide Grundstimmung erträgt.

lee child, der letzte befehl, rezension, literaturblog, günter keil „Ich sagte nichts. Ich bin gut darin, nichts zu sagen. Ich rede nicht gern.“

Ein typischer Jack-Reacher-Satz. Trocken, lakonisch, auf den Punkt. Genauso wie der Ton aller Jack-Reacher-Romane von Lee Child. „Der letzte Befehl“ (Blanvalet), der neueste Band aus dieser Reihe, geht zurück ins Jahr 1997. Militärpolizist Reacher ist damals 36 Jahre alt, und er wird von seinen Vorgesetzten in die Pampa nach Mississippi geschickt. In Charter Crossing, einem heruntergekommenen Dorf, soll er inkognito eine Mordserie in der Nähe eines Army-Stützpunktes aufklären. Klar, dass Reacher einige lokale Kriminelle in die Quere kommen – doch mit gezielten Faustschlägen, Kopfstößen und einer alten Schrotflinte weiß sich der abgebrühte Soldat zu helfen. Lee Child skizziert erneut perfekt die Nahkampf-Choreografie seines wortkargen Helden. Und er stellt ihm eine attraktive Frau zur Seite: Der Sheriff des Dorfes ist eine Ex-Marine, die ebenso lässig ermittelt wie Reacher. „Der letzte Befehl“ lebt von den knackigen Dialogen und der erotischen Spannung zwischen den beiden Ermittlern. Und vom gewohnt souveränen Einsatz des intelligenten Soldaten. Nicht der beste Reacher, aber trotzdem lesenswert. Und besser als jede der unsäglichen Verfilmungen mit Fehlbesetzung Tom Cruise.

don winslow, interview, corruption, günter keil, literaturblogSchlagfertig und schlau ist er – zwei der Gründe, warum ich immer wieder gerne Don Winslow treffe. Vor allem jetzt, nachdem sein neuer Thriller „Corruption“ erschienen ist. Eines der besten Bücher des 62-jährigen, wie ich finde. Also: Los geht´s:

Für die Recherche Ihres neuen Thrillers sind Sie zurück in Ihre alte Heimat New York City gekommen – wie war das Wiedersehen? Ein großes Abenteuer! Ich streifte stundenlang durch die Straßen, besuchte meine früheren Lieblingsplätze, sprach mit Gangstern, Drogendealern und Polizisten. Da sich mein Roman vor allem um den Alltag eines Elite-Cops und seiner Einsatztruppe dreht, habe ich besonders viel Zeit mit Polizisten und ihren Familien verbracht. Am besten war, dass ich bei ihren Einsätzen mitfahren durfte: Verhaftungen, Razzien, Schießereien – ich habe alles aus nächster Nähe mitverfolgt.

Wir sind alle korrupt“ sagt Ihre Hauptfigur, der Elite-Polizist Denny Malone. Hat er recht? In seiner Welt in New York sind tatsächlich alle korrupt. Er beobachtet das jeden Tag, wenn er mit seiner Sondereinheit durch Harlem zieht und Verbrecher jagt. Das ist eine der moralischen Gefahren seines Jobs: man glaubt, dass jeder trickst, lügt, bestechlich ist und Hintergedanken hat. Außerdem sehen Malone und seine Truppe ständig, welch riesige Summen im Drogenhandel verdient werden – das verführt. Ich sehe das etwas differenzierter – jeder von uns hat den Samen der Korruption in sich, aber entscheidend ist, ob man ihn keimen lässt. corruption, don winslow, günter keil

Hat man Ihnen schon einmal Geld geboten, um in einer bestimmten Weise zu schreiben? Verleger haben mir hohe Summen versprochen, wenn ich endlich mal einen ganz normalen, banalen Krimi schreibe. Aber darauf habe ich einfach keine Lust! Man hat mir oft gesagt, dass ich zu düster, politisch, brutal, verschroben und komplex schreibe, und dass meine Karriere bald am Ende ist. Zum Glück ist es anders gekommen – und ich bin meinen Stil treu geblieben.

Sie scheuen sich nicht, auch positiv über Gangster und bestechliche Polizisten zu schreiben. Mögen Sie etwa Ihre fragwürdigen Figuren? Das ist nicht leicht zu beantworten. Es mag seltsam klingen, aber, wenn ich schreibe, bemühe ich mich ganz bewusst, nicht objektiv zu sein. Meine Aufgabe besteht nicht darin, mit Distanz aufs Geschehen zu blicken und es zu kommentieren, sondern in die Köpfe meiner Figuren zu gehen und dafür zu sorgen, dass meine Leser alles durch deren Augen sehen. Zweifellos tun meine Figuren grenzwertige, unangemessene Dinge, aber es ist völlig egal, wie ich darüber denke. Wichtig ist nur, wie sie darüber denken. Erst dann können meine Leser ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Das komplette Interview wird als Special in der Playboy-Ausgabe 08/17 erscheinen (Mitte Juli).

mord auf shetland, dvd, anne cleeves, literaturblog günter keil Dichte, tief hängende Wolken. Überall Funklöcher. Sattgrüne Wiesen, schwarze Felsen, weite, verlassene Strände. Klippenmöwen und Schafe.

Willkommen auf den Shetland-Inseln. Willkommen in den Krimis von Ann Cleeves. Willkommen in der ersten Staffel der Verfilmungen. „Mord auf Shetland“ (Edel) ist eine großartige Literaturadaption. Die vor kurzem auf DVD veröffentlichten vier ersten Folgen zeigen die spektakuläre Landschaft in dunkelgrün-grau-braunen Farben, und immer wieder regnet es. Ein düsteres Setting also, doch die Inszenierung hat eine sehr menschliche, warme Note. Das liegt vor allem an der Hauptfigur, Detective Inspector Jimmy Perez, herausragend gespielt von Douglas Henshall. Der besonnene Ermittler befragt die wortkargen Inselbewohner nach diversen Mordfällen mit viel Empathie. Und er lässt sich Zeit. Zum Nachdenken, Kombinieren, Abwägen. Jimmy Perez blickt bei seinen Befragungen meist in sorgenvolle Gesichter, und er selbst neigt zur Melancholie. Seit dem Tod seiner Frau lebt er mit seiner Stieftochter Cassie in einem grauen Haus am Hafen. In weiteren Rollen spielen Alison O‘Donnell und Steven Robertson, außerdem gibt es Gastauftritte von Brian Cox, Bill Paterson und Alex Norton. Die hochkarätige Besetzung, die spezielle Bildsprache und natürlich die Krimivorlagen von Ann Cleeves machen diese Krimiserie zu einem Erlebnis. Absolut sehenswert! 

james rayburn, sie werden dich finden, tropen, rezension, günter keilTempo, Härte, Präzision. Diese drei Komponenten prägen James Rayburns CIA-Thriller „Sie werden dich finden“ (Tropen). Dazu kommt ein bisschen Geheimniskrämerei. Denn hinter dem fiktiven Autorennamen steckt der vielfach ausgezeichnete Roger Smith.

Wie auch immer: Rayburn/Smith inszeniert eine atemlose Verfolgungsjagd, von den USA über Deutschland nach Thailand. Im Mittelpunkt steht Kate Swift, eine abgebrühte Profikillerin, die unter falschem Namen mit ihrer Tochter untergetaucht ist. Als Kates Identität auffliegt, muss sie flüchten. Der Grund: Lucien Benway, ihr ehemaliger Chef bei der CIA, hat ihr nie verziehen, dass sie ihn öffentlich denunzierte. Also haut Kate ab, über Berlin nach Thailand. Dort hofft sie auf Hilfe ihres ehemaligen Mentors – Harry Hook, ein genialer CIA-Agent, der aus jeder ausweglosen Lage entkommen konnte. Mit Schrecken muss Kate jedoch feststellen, dass Harry ausgebrannt und abgehalftert ist. James Rayburn jagt seine Heldin in dutzende scheinbar ausweglose Situationen. Die Zeit läuft, und Kates Verfolger schrecken vor nichts zurück. Ob es ein Happy-End gibt? Wird nicht verraten. Bei Roger Smiths gehobenen Vollgas-Thrillern weiß man nie…

blake crouch, dark matter, der zeitenläufer, rezension, günter keil, literaturblogDie Rezeptur dieses Buches ist einfach und effektiv:

33,33 Prozent Sciene Fiction, 33,33 Prozent Quantenphysik, 33,33 Prozent Hochspannung.

„Dark Matter. Der Zeitenläufer“ (Goldmann) von Blake Crouch. Ein Thriller, der vom ganz normalen Alltag eines Atomphysikers aus Chicago (Job, Ehefrau, Sohn) in die abgedrehten Ebenen eines Multiversums stürzt. Dieser Mann, Jason Dessen, wird eines Abends auf offener Straße entführt – man spritzt ihm ein Präparat und bringt ihn in eine abgelegene Firma. Und plötzlich ist nichts mehr, wie es vorher war. Dessen heißt zwar noch genauso, und er lebt nach wie vor in Chicago, aber seine Frau kennt ihn nicht mehr, sein Sohn existiert nicht. Angeblich hat Dessen einen genialen Würfel erfunden, mit dem man in andere Schichten der Realität vordringen kann. Doch der Physiker erinnert sich an nichts. Ist er wahnsinnig geworden? Spielt man ihm einen Streich? Hat er einen Gehrintumor? Er flüchtet, wird verfolgt, jagt durch sein neues Leben, taucht in mehrere Versionen davon ein, kann nicht fassen, was mit ihm passiert.

Blake Crouch inszeniert seinen Thriller so bildstark wie „Matrix“ oder „Inception“, knallt kurze Sätze aufs Papier, verschwendet keine Zeit, treibt den Plot voran. Die Figuren bleiben etwas grob gezeichnet, doch der Sog, den Crouch erzeugt, ist unwiderstehlich.

castle freeman, auf die sanfte tour, rezension, literaturblog günter keil Die Leute wollen, dass man seinen Job macht und dass man ihn nicht macht. Sie wollen, dass man seinen Job macht, aber nicht bei ihnen.“

Sheriff Wing ist ein alter Hase. Abgebrüht, lässig, nicht aus der Ruhe zu bringen. In einem Kaff in Vermont sorgt er für Ordnung. Viel gibt’s nicht zu tun: Betrunkene, Kleinganoven, Pechvögel, das war´s auch schon. In Castle Freemans „Auf die sanfte Tour“ (Hanser) erzählt Sheriff Wing von seinem Alltag. Und von seinen Über- zeugungen. Nichts überstürzen, immer mit der Ruhe, erstmal zuhören, das ist sein Credo. In erfreulich sparsamer Sprache zeichnet Castle Freeman das Bild eines besonnenen Sheriffs, wie man ihn sich in Zeiten von Trump und Erdogan wünscht.

Ein kurzer moderner Western, intelligent, trocken, weise. Mit Sätzen wie lakonische Kalendersprüche.

Einen reichen Mann sollte man, wenn es geht, zum Freund haben, aber ein armer Mann ist ein besserer Nachbar.“