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don winslow, interview, corruption, günter keil, literaturblogSchlagfertig und schlau ist er – zwei der Gründe, warum ich immer wieder gerne Don Winslow treffe. Vor allem jetzt, nachdem sein neuer Thriller „Corruption“ erschienen ist. Eines der besten Bücher des 62-jährigen, wie ich finde. Also: Los geht´s:

Für die Recherche Ihres neuen Thrillers sind Sie zurück in Ihre alte Heimat New York City gekommen – wie war das Wiedersehen? Ein großes Abenteuer! Ich streifte stundenlang durch die Straßen, besuchte meine früheren Lieblingsplätze, sprach mit Gangstern, Drogendealern und Polizisten. Da sich mein Roman vor allem um den Alltag eines Elite-Cops und seiner Einsatztruppe dreht, habe ich besonders viel Zeit mit Polizisten und ihren Familien verbracht. Am besten war, dass ich bei ihren Einsätzen mitfahren durfte: Verhaftungen, Razzien, Schießereien – ich habe alles aus nächster Nähe mitverfolgt.

Wir sind alle korrupt“ sagt Ihre Hauptfigur, der Elite-Polizist Denny Malone. Hat er recht? In seiner Welt in New York sind tatsächlich alle korrupt. Er beobachtet das jeden Tag, wenn er mit seiner Sondereinheit durch Harlem zieht und Verbrecher jagt. Das ist eine der moralischen Gefahren seines Jobs: man glaubt, dass jeder trickst, lügt, bestechlich ist und Hintergedanken hat. Außerdem sehen Malone und seine Truppe ständig, welch riesige Summen im Drogenhandel verdient werden – das verführt. Ich sehe das etwas differenzierter – jeder von uns hat den Samen der Korruption in sich, aber entscheidend ist, ob man ihn keimen lässt. corruption, don winslow, günter keil

Hat man Ihnen schon einmal Geld geboten, um in einer bestimmten Weise zu schreiben? Verleger haben mir hohe Summen versprochen, wenn ich endlich mal einen ganz normalen, banalen Krimi schreibe. Aber darauf habe ich einfach keine Lust! Man hat mir oft gesagt, dass ich zu düster, politisch, brutal, verschroben und komplex schreibe, und dass meine Karriere bald am Ende ist. Zum Glück ist es anders gekommen – und ich bin meinen Stil treu geblieben.

Sie scheuen sich nicht, auch positiv über Gangster und bestechliche Polizisten zu schreiben. Mögen Sie etwa Ihre fragwürdigen Figuren? Das ist nicht leicht zu beantworten. Es mag seltsam klingen, aber, wenn ich schreibe, bemühe ich mich ganz bewusst, nicht objektiv zu sein. Meine Aufgabe besteht nicht darin, mit Distanz aufs Geschehen zu blicken und es zu kommentieren, sondern in die Köpfe meiner Figuren zu gehen und dafür zu sorgen, dass meine Leser alles durch deren Augen sehen. Zweifellos tun meine Figuren grenzwertige, unangemessene Dinge, aber es ist völlig egal, wie ich darüber denke. Wichtig ist nur, wie sie darüber denken. Erst dann können meine Leser ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Das komplette Interview wird als Special in der Playboy-Ausgabe 08/17 erscheinen (Mitte Juli).

winslow-„Jeden Morgen um 5.30 Uhr beginne ich mit dem Schreiben. Ohne diese Arbeit kann nicht leben, ich bin süchtig danach, besessen davon!“ hat mir Don Winslow soeben erzählt.

Der US-Thrillerstar („Das Kartell“, „Tage der Toten“, „Savages“) ist zurzeit in Deutschland, um seinen neuen Roman „Germany“ (Droemer) vorzustellen. Ich moderiere die Lesereise mit Winslow und Schauspieler Dietmar Wunder – nach dem Start im Münchner Literaturhaus (Foto) waren wir in Berlin und gestern in Hamburg, heute: Olpe, am Freitag: Leipzig. Auf meine Frage, ob er denn nie eine Pause vom Schreiben mache, meinte Winslow:

„Nein. „Das Kartell“ habe ich vormittags beendet, anschließend zu Mittag gegessen, und am Nachmittag „Germany“ begonnen. Ja, das klingt nach Sucht. Vielleicht sollte es ein 12-Punkte-Aussteigerprogramm für Schriftsteller geben – ausnahmsweise mal nicht wegen ihres Drogenkonsums, sondern wegen ihrer Schreibsucht. Ich würde es testen.“

donEigentlich Wahnsinn, was sich Don Winslow da vorgenommen hat: Die Fortsetzung seines Weltbestsellers „Tage der Toten“ von 2010. Die Chronik des mexikanischen Drogenkriegs, Teil 2. Doch „Das Kartell“ (Droemer) ist genau so, wie Winslows Werke meistens sind: Souverän geschrieben, umfassend recherchiert, unglaublich spannend. Nur diesmal vielleicht etwas zu lang – 800 Seiten.

Winslow inszeniert einen Zweikampf: Zwischen Kartell-Patron Adán Barrera und Drogenfahnder Art Keller. Barrera sitzt zwar im Gefängnis, doch seine „Zelle“ ist eine Luxus-Suite mit Flachbildschirm und Minibar. Zwei Millionen US-Dollar Kopfgeld setzt Barrera auf Keller aus – der Krieg zwischen den beiden Männern und den Systemen, für die sie stehen, beginnt. Irgendwann ist Barrera auf freiem Fuß, der Kampf eskaliert. „Das Kartell“ ist umfassend recherchierter investigativer Journalismus im Mantel der Fiktion. Eine gewaltige Doku über Kokainkartelle und den staatlich verordneten US-Krieg gegen die Drogen. Mit Mündungsfeuern, Razzien und Verfolgungsjagden. Und der Erkenntnis: „Der sogenannte Krieg gegen die Drogen ist ein Karussell. Fliegt einer raus, steigt sofort der Nächste ein.“

winslowinterviewVon New York nach Kaliforinien: Don Winslow ist schon vor vielen Jahren aus seiner Geburtsstadt in die Wärme geflüchtet. Jetzt kehrt zumindest seine neue Hauptfigur zurück, in „Missing.New York“ (Droemer). Winslow zählt zu den wichtigsten Krimi- und Thrillerautoren der Welt. Ich habe den 61jährigen interviewt – hier Auszüge unserers Gesprächs:

Mit „Missing. New York“ haben zum ersten Mal einen Roman komplett aus der Perspektive Ihres Helden geschrieben. Was sprach bis jetzt dagegen? Um ehrlich zu sein: Es ist leichter, eine Geschichte von einer objektiven dritten Person erzählen zu lassen. Sie erlaubt verschiedene Blickwinkel und einen neutralen Beobachter. Diesmal wollte ich aber ganz bewusst die typische Stimme der klassischen Noir-Romane ausprobieren. Durch meinen Ich-Erzähler Frank Decker sollen meine Leser die Welt mit seinen Augen sehen, und zu jedem Zeitpunkt des Plots nur wissen, was er weiß. Dadurch kann man sich noch besser in seine Ermittlungen hineinversetzen und mitfiebern. Aber es liegt auch ganz einfach daran, dass ich diesen Typen und seine Stimme total gern mag.

Angeblich planen Sie weitere Bücher mit ihm. Warum wird ausgerechnet Decker zur Serienfigur? Wir haben uns doch alle an die typisch gebrochenen, ironischen und ambivalenten Antihelden gewöhnt, oder? Ich selbst habe ja auch einige von ihnen in meinen Romanen beschrieben. Frank Decker ist anders: er hat reine Absichten und eine klare Einstellung. In ihm gibt es keine inneren Dämonen, mit denen er zu kämpfen hat. Er ist ein Guter, er will die Verschwundenen aufspüren und heimbringen. Das allein spricht schon für eine Serie. Ich kann mir vorstellen, dass er immer wieder aufs Neue in den USA oder weltweit unterwegs ist und auf diese Weise fesselnde, bewegende Geschichten entstehen.

Basiert der Vermisstenfall aus Ihrem neuen Roman auf einer wahren Begebenheit? Nun, er basiert auf vielen tausend realen Fällen. Viel zu viele Kinder in den USA verschwinden, und die Verbindung dieser Fälle zu Menschenhandel und Prostitution ist leider nur allzu wirklich. Mir wäre es lieber, meine Handlung wäre frei erfunden, aber tragischerweise passiert dies andauernd. Man nennt diese Kinder oft Ausreißer, aber ich bezeichne sie lieber als Weggeworfene, da sie oft aus sehr schlimmen Verhältnissen flüchten. Wenn die dann plötzlich auf der Straße einer Stadt stehen, wissen sie zunächst nicht was sie tun, und wohin sie gehen sollen. Sind sie eine allzu leichte Beute für Verbrecher.

Sie klingen besorgt und verärgert. Ja, das treibt mich um. Denn wir leben zunehmend in einer mobilen Gesellschaft ohne feste Wurzeln, in der die Familienstrukturen zerfallen. Viele Menschen fallen zu schnell durch Raster. Das ist nicht nur in den USA so – ich glaube, dass die meisten Gesellschaften Eigentum mehr schätzen und schützen als Menschen.

winslowOh nein! Bitte nicht schon wieder: Erst verschwindet ein Mädchen aus einer US-Kleinstadt, dann startet ein Cop den Kampf gegen die Entführer. Der übliche Plot von Durchschnittskrimis. Und jetzt kommt der große Don Winslow mit so einer Geschichte daher? Ja. Aber ganz anders. In „Missing. New York“ (Droemer) zeigt Winslow, wie man einen packen- den, intelligenten Thriller schreibt. Frank Decker, die Hauptfigur, ist ein überzeugender Ich-Erzähler. In Lincoln, Nebraska, koordiniert der Polizist die Suche nach Hailey. Die Siebenjährige ist spurlos verschwunden. Als die Ermittlungen ohne Erfolg eingestellt werden, kündigt Decker. Denn er ist überzeugt: Hailey lebt. In seiner alten 1974er Corvette fährt er kreuz und quer durch die USA, recherchiert in Kinderporno- und Pädophiliegruppen. Mit klaren Sätzen aus der lässigen Ermittler-Perspektive schildert Winslow die besessene Suche. Ob Decker Hailey tatsächlich findet? Verrate ich nicht. Sicher ist: Don Winslow hat einen nahezu perfekten Thriller geschrieben. Über einen Mann auf der Suche, auch nach sich selbst. Und über den Handel mit Kindern sowie deren Prostitution.

Meine ausführliche Rezension ist soeben im Magazin MÜNCHNER FEUILLETON erschienen – und ich moderiere Winslows Lesungen in Schwerte und Mannheim (5., 6.11.).