99 Nächte in Logar

Ein Roman aus Afghanistan? Von einem jungen muslimischen Autor, der in einem Flüchtlingscamp in Pakistan geboren wurde und inzwischen in Kalifornien lebt? Ja, das ist eine Überraschung. Eine große Überraschung. Viel zu selten schaffen es Bücher aus Afghanistan oder ähnlichen Ländern in unsere Buchläden.

Dass es „99 Nächte in Logar“ (btb, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence) gelungen ist, liegt an Jamil Jan Kochai, dem 28-jährigen Autor. Er schreibt schnell und berauschend, und er nimmt uns mit auf ein außergewöhnliches afghanisches Abenteuer. Vier Jungs im Alter von 12 bis 15 Jahren rennen durch den Plot, denn sie suchen den Hund Budabasch. Der hat einem von ihnen, Marwan, eine Fingerkuppe abgebissen, und das wollen die 4 Kumpels nicht akzeptieren. Also machen sie Jagd auf Budabasch in Dörfern, Moscheen, in den Bergen, und sogar bis nach Kabul kommen die Kinder.

Schon nach wenigen Seiten ist man mittendrin in dieser berauschenden, schnellen, bunten, lauten und lebendigen Geschichte. Man taucht ein in eine völlig andere Welt, in das echte alltägliche Afghanistan, und nicht in jenes aus der Nachrichten- und Reportageperspektive. In diesem Buch gibt´s zwar auch den Krieg, die Friedhöfe, Minen, Drohnen und Soldaten, ja, es gibt Tod und Gewalt, aber dominierend sind die Spiele & Streiche der Jungs, die Bräuche ihrer Familien, und vor allem die Geschichten, Legenden und Geister, von denen sich alle ständig erzählen.

Dieses wilde moderne Märchen hat mich überrascht und mitgerissen. Es steckt voller Figuren, Eindrücke, Gerüche und Geräusche, und es wirkt unverfälscht und authentisch. Ein überraschendes Leseerlebnis. Wallah!

Ich stelle das Buch im Podcast „LONG STORY SHORT“ und in der „egoFM Buchhaltung“ vor. Einfach klicken und hören!

 

Start ins Literaturjahr 2021 (mit Podcast & Radio)

Los geht´s! Zum Start ins Literaturjahr 2021 habe ich mit Karla Paul eine neue Folge des Podcasts „LONG STORY SHORT“ aufgezeichnet (siehe Foto, aber fragt mich lieber nicht, warum wir Mützen aufhaben…) – ab sofort auf allen Plattformen. Und hier. 

Wir stellen Bücher von Katherine Arden, Jamil Jan Kochai, William Boyd und Fumio Sasaki vor und verraten, wie wir die vergangenen Wochen verbrachen haben (mit Lesen natürlich, was sonst?).

Auch im Radio gebe ich ab morgen wieder Buchtipps: Die „egoFM Buchhaltung“ läuft von 14-16 Uhr – zu Gast sind der Hamburger Autor, Musiker und Produzent Johann Scheerer, der Pianist Martin Kohlstedt aus Weimar und die Münchner Literaturexpertin Tina Rausch. Sie plaudert mit mir über ihr Buch „Die 100 besten Bücher deutschsprachiger Literatur“.

Ab sofort läuft die „egoFM Buchhaltung“ wieder alle zwei Wochen, und auf egoFM.de könnt ihr alle Folgen auch rückwirkend hören, ohne Musik. Ich freue mich auf Euch und die Bücher!

Von Bodyguards bewacht

Stellt Euch vor, Ihr werdet dauernd bewacht. Alles, was Ihr tut, steht unter Beobachtung. Nie seid Ihr wirklich allein und unabhängig. Ständig sorgen Bodyguards für Eure Sicherheit, ob Ihr es wollt oder nicht. Ein Alptraum, oder?

Johann Scheerer hat das tatsächlich erlebt. In seinem neuen Roman „Unheimlich nah“ (Piper) erzählt er vom Aufwachsen mit Personen- und Gebäudeschützern, von einem Teenagerleben unter Dauerkontrolle und ständiger Bedrohung. Wie kann man sich unter diesen Umständen abnabeln, erwachsen werden und zu sich selbst finden? Diese Fragen begleiten den Ich-Erzähler, einen 15jährigen, rund um die Uhr. Denn wie soll er zur Schule kommen, Partys feiern, Mädchen kennenlernen, mit seinen Bandkollegen proben, Urlaub machen, ohne dabei von Bodyguards begleitet zu werden?

„Ich hatte Angst vor der neuen, unheimlichen Nähe zu diesen Fremden. Würde ich dieser Sicherheit jemals wieder entkommen können?“

Die Antwort ist bitter: Nein. Er muss sein Leben mit seinen Bewachern teilen. Sonst ist er in Gefahr. Der Hintergrund: Sein Vater hat viel Geld geerbt, wurde entführt und erst nach 33 Tagen gegen ein Lösegeld in Millionenhöhe freigelassen. Seitdem kennt jeder seine Familie, und seine Eltern haben Angst, dass so etwas nochmal vorkommt. Deswegen die Bewachung, die Kontrolle, der Schutz. Die Familiengeschichte ist Realität: Johann Scheerer ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma. In seinem Debütroman „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ hat er bereits 2018 einen Teil seiner Erlebnisse während der Entführung verarbeitet.

In einem lockeren, authentischen Ton erzählt Johann Scheerer von seinem Alter Ego. Der Teenager im Buch versucht, sich an die neue Situation zu gewöhnen, ihr manchmal sogar etwas abzugewinnen. Er sucht Wege und Auswege. Er sehnt sich nach Freiheit und Normalität. Und doch scheitert er immer wieder an diesem Anspruch: „Ich verwendete viel Energie darauf, mich optisch anzupassen und dem Bild des eigenständigen und möglichst unabhängigen Jugendlichen zu entsprechen, wurde aber täglich damit konfrontiert, dass Eigenständigkeit in diesem Lebenssystem nicht vorgesehen war.“

Immerhin, er bekommt einen Plattenvertrag mit seiner Band, und er hat erste Beziehungen. Er zieht durch die Bars auf St. Pauli, wird volljährig, bekommt von seinen Beschützern ein Sicherheitstraining, nimmt Drogen, findet und verliert sich.

Johann Scheerer schildert drei Jahre im Leben eines ganz normalen Teenagers, der unter ganz ungewöhnlichen Bedingungen leben muss. Ein kluger Coming of Age Roman, hinter dem eine reflektierte Grundhaltung steckt. Die Figur Johann lässt tief in ihr Innerstes Blicken, schildert selbstironisch, nachdenklich, offen und komisch von Ängsten und Unsicherheiten. Von einem bewachten Leben und dem Wunsch, auszubrechen.

Ich stelle das Buch in meiner Literatursendung am 16. Januar auf egoFM vor. Zur Show hier. 

Kunst & Gewalt

„Ich glaube an Schmerz, und ich glaube an Kunst. Ich glaubte, sie könnten einander erschaffen. Aber dieser Schmerz erschafft nichts. Von ihm geht nichts aus. Er verschlingt nur.“

Hier kommt ein hochwertiger Spannungsroman über Kunst und Gewalt, Risse in der Seele, Leidenschaft und Aggression. „Alles, was zu ihr gehört“ von Sara Sligar (Hanserblau, übersetzt von Ulrike Brauns) wirkt teilweise wie ein Thriller, ist aber vielschichtiger aufgebaut.

Kate, eine junge Journalistin aus New York, nimmt einen neuen Job in Kalifornien an. Sie soll den Nachlass der berühmten Foto-Künstlerin Miranda Brand sortieren. Also wühlt sie sich im Haus der radikalen Fotografin durch stapelweise Mails, Briefe, Rechnungen und Tagebücher. Das Bild, das Kate dadurch von Miranda bekommt, wird immer unklarer und unheimlicher. Denn die Fotografin hat viel über Gewalt, Schmerz und Depressionen geschrieben, über das Chaos und den Wahnsinn ihres Lebens und ihrer Kunst. Sie starb vor knapp 20 Jahren, angeblich hatte sie sich selbst erschossen. Doch je mehr Kate recherchiert, umso mehr zweifelt sie an dem Selbstmord. Die Wahrheit herauszufinden, entwickelt sich zur Obsession der Archivarin.

Außerdem verfällt Kate dem herben Charme ihres Auftraggebers Theo Brand, dem Sohn der Verstorbenen. Und so verstrickt sich die Journalistin immer tiefer mit dem Leben der Familie Brand. Autorin Sara Sligar springt zwischen den Erzählpassagen in den Nachlass der Künstlerin, zeigt die (fiktiven) Dokumente und baut gekonnt Spannung auf. So entstehen tiefe, verstörende Einblicke ins Leben einer radikalen Künstlerin und ein mysteriöser Sog. Eine aufregende, intensive Geschichte.

„Doch jetzt brachte die Aussicht auf die alte Aufregung ihr Blut in Wallung. Sie hatte vergessen, wie sehr sie die Jagd liebte. Wie tief das Wasser auch war, was immer dort unten lauerte, sie zögerte nicht und sprang hinein.“

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 28.11.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Schneedrama aus Kanada

„Du hast meine Pläne durchkreuzt, du bist mir ein Klotz am Bein. Aber du bist auf die Lösung für mein Problem. Mein Weg zurück nach Hause.“

Es schneit und schneit und schneit. Ein Dorf versinkt unter Schnee und Eis, alle Zufahrtswege sind dicht. In einer Hütte sind zwei Männer eingesperrt und aufeinander angewiesen. Der jüngere kann sich nach einem schweren Autounfall kaum noch bewegen, der ältere pflegt ihn. Doch er tut es nicht freiwillig. Sondern nur, weil es die Dorfgemeinschaft so will und er nur so einen Platz im ersten Bus bekommt, der nach dem Schneechaos fahren soll.

Der kanadische Autor Christian Guay-Poliquin liefert mit „Das Gewicht von Schnee“ (Hoffmann & Campe, übersetzt von Sonja Finck & Andreas Jandl) einen intensiven Winterroman ab. Ich kam mir beim Lesen vor wie in einem Kammerspiel, ganz nah bei den beiden Männern. Misstrauisch und genervt ertragen sie sich, helfen sich, vertreiben sich die Zeit miteinander. Draußen heult der Wind, fällt noch mehr Schnee, scheint die Welt unterzugehen. Und drinnen kämpfen der Kranke und der Alte um ein bisschen Würde und Macht. Sie wären gern woanders, doch sie müssen sich und die Situation aushalten, mehrere Monate lang.

In knappen Sätzen und einem wie gefrorenes Eis funkelndem Stil, blickt Christian in die Seele seiner Figuren. Die Männer berichten live, wie in Tagebucheinträgen oder Kommentaren von Schmerz, Angst und Ohnmacht. Ein starkes, aufwühlendes Psychogramm, das auf ein Finale zusteuert, in dem endlich der Schnee schmilzt.

Meine 17 Lieblingsbücher 2020

Lily King, Writers Lovers, C.H. Beck, Rezension, Literaturblog, Günter Keil            

Monika Helfer / Die Bagage (Hanser), Lily King / Writers & Lovers (C.H. Beck), Pedro Mairal / Auf der anderen Seite des Flusses (Mare), Marco Balzano / Ich bleibe hier (Diogenes), Meg Wolitzer / Das ist dein Leben (DuMont), Ilona Hartmann / Land in Sicht (Blumenbar), Davaid Szalay / Turbulenzen (Hanser), Ta-Nehisi Coates / Der Wassertänzer (Blessing), Alard von Kittlitz / Sonder (Piper), Bernhard Schlink / Abschiedsfarben (Diogenes), Joanna Nadin / Meine Mutter, unser wildes Leben… (Limes), benjamin Myers / Offene See (DuMont), T.C. Boyle / Sind wir nicht Menschen (Hanser), Christine Wunnicke / Die Dame mit der bemalten Hand (Ehrenberg), Graham Swift / Da sind wir (dtv), Deepa Anappara / Die Detektive vom Bhoot-Bazar (Rowohlt), Lee Child / Der Bluthund (Blanvalet).

Sinnsuche in Indien

„Bald wäre er in Arabien. Dort fände er Sinn. In Arabien, so hieß es sei all der Sinn zu Hause, der Sinn des Himmels und der Erde, Gottes Sinn und der Menschen Sinn und der Sinn aller Dinge.“

Zwei Sinnsucher treffen in Christine Wunnickes bezaubernden Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ (Berenberg) zufällig aufeinander. Zwar nicht in Arabien, wohin sie eigentlich wollten, sondern auf einer verdreckten Insel vor Bombay. Im Jahr 1764. Dort hocken sie also, der deutsche Forschungsreisende Carsten Niebuhr und der persische Astrolabienbauer Meister Musa. Zwei gestrandete Gelehrte. Nur mühsam kommen sie miteinander ins Gespräch, auf Arabisch, und sie werden immer wieder gestört. Von Affen und Ziegen, von seltsamen Menschen. Und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, lernen Musa und Niebuhr sich und ihre jeweiligen Erzählkulturen besser kennen. Im Laufe eines Tages und einer Nacht werden sie zwar nicht unbedingt Freunde, aber sie erfahren eine Menge über Welten, die sie vorher nicht kannten.

Christine Wunnicke fängt die west-östliche Annäherung mit hochwertigem Sprachwitz und köstlichen Dialogen ein. Ihre Figuren, zwei liebevoll verschrobene Charaktere, könnten kaum unterschiedlicher sein: Der etwas steife, von Fieberattacken geschüttelte Deutsche und der lockere, zum ausschweifenden Fabulieren aufgelegte Perser. „So will ich denn reden und reden, bis der Morgen graut“, nimmt sich Meister Musa vor, um die Zeit zu überbrücken. Die Gespräche über das Morgenland und Mekka, die Heldentaten der Väter und Mütter, Sternkunde und Kartographie, münden in ein außergewöhnliches Palaver, das Wunnicke humorvoll und hintergründig notiert.

Und während man als Leser*in ganz nah bei den beiden Männern sitzt, die sich neugierig und bisweilen verständnislos zuhören, Ziegenmilch schlürfen und Sauerdatteln essen, spürt man: Dies ist eine zauberhafte Parabel auf west-östliche Kulturunterschiede und eine Verneigung vor den Legenden aus 1001er Nacht. Einfach herrlich! Und ein schönes Weihnachtsgeschenk für anspruchsvolle Leser*innen…

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 12.12.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Barbarotti und der schwermütige Busfahrer

„Wenn man sich vor der Welt verstecken will, ist diese herbstlethargische Gegend, in der die Natur in stiller Balance und Harmonie zu leben scheint, keine schlechte Wahl.“ 

Stimmt. Dieser Kriminalroman lebt von der Herbstlethargie auf Gotland und auf Farö, der vorgelagerten Insel. Aber auch von vielen anderen Faktoren – dazu später mehr.„Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ heißt das neue Werk von Hakan Nesser (btb, übersetzt von Paul Berf), in dem – logischerweise – Inspektor Gunnar Barbarotti ermittelt. Wobei der schwedische Kommissar eigentlich mit seiner Polizeikollegin und Lebensgefährtin Eva Backman zwei Monate Urlaub machen will. Im Norden Gotlands nehmen sie sich eine Auszeit. Gotland, diese geschützte, stille Insel, auf der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, eignet sich perfekt, um Abstand zu gewinnen.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Barbarotti glaubt, einen Mann erkannt zu haben, der eigentlich tot sein müsste. Ein Busfahrer, der vor 11 Jahren ohne Verschulden einen Unfall verursachte, bei dem 18 Menschen starben. Dieser Busfahrer bekam Morddrohungen und wurde später angeblich auf einer Finnlandfähre über Bord geworfen. Der Fall galt als abgeschlossen. Doch Barbarotti und Backmann ahnen, dass es noch einiges zu ermitteln gibt. Und dass ihr Urlaub den Recherchen zum Opfer fällt.

Hakan Nesser glänzt mal wieder durch seine Markenzeichen: Eine raffiniert aufgebaute Geschichte auf mehreren Zeitebenen. Ein verständnisvoller Blick auf seine Figuren, unvorhersehbare Wendungen und eine humane, leicht ironische Sprache. Was mir bei Nesser besonders gut gefällt: Sine philosophische Erzählhaltung, die zum Nachdenken über die wichtigen Grundfragen des Lebens einlädt. Fazit: Entspannte Spannung.

Kleines Jubiläum der „egoFM Buchhaltung“

Mehr als 40 aktuelle Buchrezensionen, 20 Stargäste und jede Menge positives Feedback: Mit meiner Literatursendung „Die egoFM Buchhaltung“ habe ich vor kurzem ein kleines Jubiläum gefeiert – die zehnte Folge! Ein schöner Anlass, ein vorläufiges Fazit zu ziehen und auf die Höhepunkte zurückzublicken:

Ich habe bewusst versucht, so viele und diverse Genres und Länder wie möglich zu berücksichtigen. Deswegen rückte ich Bücher aus Frankreich, England, USA, Polen, Deutschland, Schweiz, Schweden, Japan, Schottland, Irland, Kanada, Österreich und Argentinien ins Rampenlicht. Kriminalromane, Komödien, Dramen, historische Stoffe, Sachbücher, Satiren, Dystopien… Besonders froh bin ich, dass ich dem Trend entgegenwirken konnte, dass männliche Rezensenten meist Bücher männlicher Autoren vorstellen. Die Frauenquote in der „egoFM Buchhaltung“ liegt bei 50 Prozent!

Zu meinen Gästen: Ich bin glücklich, dass ich wunderbare Autor*innen wie Zoe Beck, Joachim Meyerhoff, Alex Beer, Friedrich Ani, Daisy Johnson, David Szalay, Andrea Petkovic, Wladimir Kaminer und Lily King begrüßen konnte. Und dass auch tolle Musiker*innen wie Thees Uhlmann, LaBrassBanda, Voodoo Jürgens und Dirk von Lowtzow von Tocotronic über ihren Bezug zur Literatur plauderten.

Die nächste Folge läuft morgen, am Samstag, den 12. Dezember, um 14 Uhr auf egoFM – in sieben Städten über Antenne und weltweit online. Alle Episoden könnt Ihr auch ohne Musik auf egoFM.de nachhören – ich freue mich, wenn Ihr hier reinklickt!

Das Alphabet der Puppen

„Ich kam mir selbst wie ein Puppenhaus vor, mit einer kleinen Person in mir drin, und stellte mir vor, ich würde winzige Stühle und Schüsseln verschlucken, damit sie sich wohler fühlte.“

Hmmmm… sind das hier vielleicht düstere Märchen? Surreale Fanatsien? Moderne feministische Texte? Oder morbide Short Stories mit Horror-Elemeten?

Ja, diese ungewöhnlichen Kurzgeschichten in „Das Alphabet der Puppen“ (Culturbooks, übersetzt von Zoe Beck) von Camilla Grudova haben von alldem etwas. Handelt es sich also um ein neues Genre, Female Gothic? Könnte man sagen. Denn Grudova entführt uns ihren ganz eigenen mysteriösen Kosmos, in dem sich nicht nur Frauen und Männer, sondern auch Nähmaschinen, Puppen, Spinnen, Särge, Konservendosen und Insekten tummeln. Das künstlerisch hochwertig gestaltete Cover deutet schon auf den Inhalt hin.

Einige der Texte spielen in kaputten Welten, in denen Frauen unterdrückt werden oder sich befreien, in denen Alpträume wahr werden und absurde Regeln das Leben bestimmen. Wer die Filme von Tim Burton mag oder die Geschichten von Margaret Atwood, Franz Kafka oder Edgar Allan Poe, wird auch die Kanadierin Grudova mögen.

Camilla Grudova erzählt unverschämt frei von Konventionen. Ihre short stories sind ungewöhnlich, verstörend, anregend, aufregend – genau das, was Literatur neben guter Unterhaltung auch leisten sollte.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 14.11.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier.