Historisches Lehrstück

Dunkle Gassen, zwielichtige Straßenhändler. Pferdekutschen, Kopfsteinpflaster. Armut, Dreck. Hannover 1920. Dirk Kurbjuweits neuer Roman „Haarman“ (Penguin) spielt in dieser dunklen Zwischenkriegszeit. Er thematisiert eine brutale Mordserie, die vor hundert Jahren Deutschland erschütterte, und die von den Nazis für ihre Propaganda missbraucht wurde.

Innerhalb mehrerer Jahre verschwanden Anfang der 1920-er-Jahre in Hannover 24 Jungen. Wie sich herausstellte, wurden sie  von Fritz Haarmann umgebracht und zerstückelt. Ein unfassbarer, furchtbarer Skandal.

Der renommierte Journalist und Autor Dirk Kurbjuweit rollt die spektakulärste Mordserie der deutschen Geschichte erneut auf. Er konzentriert sich in seinem Buch auf den fiktiven Polizisten Robert Lahnstein, einen engagierten, aufrichtigen Mann. Dieser Ermittler stößt bei seinen Recherchen immer wieder auf Fritz Haarmann, doch seine Kollegen weigern sich, ihn als Verdächtigen einzustufen. Lahnstein lässt sich nicht einschüchtern, auch von den Nazis nicht. Der Polizist sammelt unermüdlich Indizien, und schließlich gelingt es ihm, den Mörder zu überführen.

Dirk Kurbjuweit hat ein historisches Lehrstück über menschliche Abgründe geschrieben. In knappen Sätzen und mit hohem Tempo skizziert Kurbjuweit die Ermittlungen und zeichnet ein realistisches Porträt dieser Zeit.

Das Brisante an dem Fall sind auch seine politischen Bezüge: Kann eine Demokratie Sicherheit gewährleisten, kann sie ihre Bürger mit rechtsstaatlichen Maßnahmen vor Gewalttaten schützen? Gegner der frühen Weimarer Republik nutzten die Mordserie, um der Regierung und dem Staat Versagen vorzuwerfen. „Schützt unsere Kinder!“ plakatierten und riefen die Nazis, und sie forderten „Freiheit für Hitler“, der damals im Gefängnis saß. Ein Jahr später war er wieder auf freiem Fuß, und er wurde von vielen Menschen weiterhin unterschätzt und verharmlost. So wie Fritz Haarmann. Und so wie heute teilweise die AfD, die wieder „Schützt unsere Kinder!“ plakatiert und Flüchtlinge als Gefahr darstellt.

Ich stelle diesen Roman auch im Podcast LONG STORY SHORT vor. Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

In Corona-Zeiten… Literatur-Podcasts hören…

Wie schön: Die neuen Freiräume der surrealen, unheimlichen und (un-)ruhigen Corona-Zeit nutzen viele von Euch zum zusätzlichen Lesen. Damit Ihr genug Anregungen für aktuelle Lektüre habt, haben Karla Paul und ich neue Folgen unseres Podcasts LONG STORY SHORT aufgenommen (siehe Foto im Studio der Verlagsgruppe Randomhouse).

Alle zwei Wochen schwärmen wir etwa 20 Minuten lang von Romanen, Sach- und Hörbüchern. In der aktuellen Folge „Unorthodoxe Frauen, verpasste Gelegenheiten und ein Fünf-Pfund-Burrito“  stellen wir Werke von Anne Enright, T.C. Boyle, Deborah Feldman, Shaun Usher und Jean-Philipe Blondel vor.

LONG STORY SHORT gibt´s kostenlos auf allen Plattformen, zum Beispiel hier. Viel Spaß beim Lauschen – wir freuen uns auf Euch!

Zauberhaft, dieser Roman!

O wie wunderbar! Graham Swift, der elegant erzählende Brite, hat mit „Da sind wir“ (dtv) einen weiteren bezaubernden Roman geschrieben. Nicht nur, weil es darin unter anderem um Zaubertricks geht. Sondern vor allem, weil Swift seine kurze Dreiecksgeschichte mit Tiefgang, Charme und feinem Humor verfasst hat.

Es ist Sommer 1959. Im Seebad Brighton moderiert Conferencier Jack eine Varieteshow, in der sein Freund Ronnie als Zauberer auftritt. Beide Männer verlieben sich in Ronnies Assistentin Evie, eine ehemalige Revuetänzerin. Jack ist ein begnadeter Entertainer, der mit seinem Lächeln das Publikum bis in die letzte Reihe verzaubert. Doch Evie verlobt sich mit dem eher introvertierten Ronnie. Die gemeinsame Show wird ein Sensationserfolg – nach der letzten Vorstellung verschwindet Ronnie allerdings ohne irgendeine Nachricht, und Evie beginnt eine Affäre mit Jack.

Graham Swift widmet sich klug und vielschichtig der Dynamik zwischen seinen drei Hauptfiguren. Er leuchtet deren Vergangenheit aus, zeigt ihre soziale Herkunft, steigert die Spannung, überzeugt mit trickreicher Dramaturgie. Auf nur 160 Seiten behandelt er große Fragen: Wie wird ein Mensch zum Zauberer, zum Bühnenprofi? Wie wirkt sich diese Tätigkeit aufs Privatleben aus? Und: „Was ist verwunderlicher: Dass Schauspieler sich in andere Menschen verwandeln können – wie geht das überhaupt? Oder dass jemand sich zu einem Menschen entwickelt, den man ihm nicht zugetraut hätte?“

In der Mitte des Romans wagt Graham Swift einen Zeitsprung ins Jahr 2009. Evie blickt als 75-jährige zurück auf ihre Ehe mit Jack, aus dem nach seiner Varietézeit ein Schauspiel-Star wurde. Doch Ronnies Verschwinden ist noch immer nicht aufgeklärt. Und manch anderes Drama schmerzt im Rückblick: „Selbst die Zauberkunst konnte da nicht helfen, so schien es. Sie konnte erstaunliche Verwandlungen bewirken, die grundlegenden Fakten des Lebens verändern konnte sie jedoch nicht.“

Fazit: Eine großartige Geschichte darüber, wie man Geheimnisse bewahrt und nicht jeden Zauber aufdecket. Graham Swift bleibt damit der Meister des literarischen Augenzwinkerns. Denn „Da sind wir“ beweist, dass tiefe Ernsthaftigkeit und größtmögliche Leichtigkeit kombinierbar sind.

Argentinisches Drama

Corona-Zeiten sind Lesezeiten. Ich werde Euch selbstverständlich weiterhin mit Tipps versorgen, und die fleißigen, wunderbaren Buchhändler*innen werden uns über ihre Online-Shops beliefern, nachdem sie ihre Läden schließen mussten. Also, los geht´s: 

Lucas will sein Leben endlich wieder in den Griff bekommen. Der argentinische Schriftsteller, Hauptfigur in Pedro Mairals neuem Roman „Auf der anderen Seite des Flusses“ (mare), hat einen Plan, wie er raus aus seinen Schulden kommt, aus seiner Schreibblockade, aus seinem tristen Alltag.

Ein einziger Tag soll die Wende bringen. Den Neuanfang.

Und so spielt die Handlung in weniger als 24 Stunden – in der Zeitspanne, in der Lucas von Buenos Aires mit der Fähre nach Uruguay fährt, einen Bus nach Montevideo besteigt und dort vor allem zwei Dinge vorhat: 15.000 Dollar Schwarzgeld von der Bank abzuheben und eine bestimmte Frau zu treffen. Beides gelingt Lucas. Und dennoch beschert dieser Tag voller Hoffnungen dem 44-jährigen letztlich eine bittere Niederlage.

Pedro Mairal schildert den schicksalhaften Aufbruch seines Protagonisten souverän als fieberhafte Reise. Sein Plot entwickelt eine unwiderstehliche Spannung und Dynamik. Mairal begleitet Lucas aus nächster Nähe, und er gibt diese Nähe an seine Leser*innen weiter. Wenn der Schriftsteller das Schwarzgeld in Empfang nimmt, die Frau trifft, und beide – von Joints und Whiskey benebelt – durch die Straßen Montevideos streifen, wünscht man ihm, dass er den Neubeginn schafft und sein Leben wieder in geordnete Bahnen bringen kann. Man ahnt allerdings schon, dass ihm die doppelte Versuchung (das Geld, die Frau) die Sinne verdrehen wird – sein Scheitern scheint unausweichlich.

Ein kurzer, großartiger Roman über die Illusion von der schnellen Lösung aller Probleme.

Wo ist der richtige Platz im Leben? Auf Sardinien?

Wo ist der richtige Platz im Leben, fürs Leben? Und wie wird man glücklich, obwohl nichts perfekt ist? Um diese entscheidenden Fragen hat die italienische Autorin Milena Argus einen feinen, berührenden Roman gebaut: „Eine fast perfekte Welt“ (dtv) erzählt die Geschichte von Ester und Raffaele, einem Paar aus Sardinien, das aufs Festland zieht. In Genua, wo Raffaele arbeitet, reicht das Geld zwar nur für eine dunkle, feuchte Wohnung, aber immerhin: Ester bekommt eine Tochter, Felicita.

Doch der Alltag bleibt hart, wie Ester feststellt: „Schließlich war das Leben der Menschen nichts anderes als die Suche nach dem Glück, die sich für gewöhnlich als strapaziöse Reise entpuppte.“ Die junge Familie beschließt, wieder nach Sardinien zurückzuziehen, ins Haus von Esters Mutter, einer strengen, schwarz gekleideten Frau. Nun fragt sich Felicita: „Wie schafft man es bloß an einem Ort wie diesem zu leben?“ Genau diese Frage stellte sich früher auch ihre Mutter, und ein paar Jahre später zieht Felicita nach Cagliari, um dem konservativen Dorfleben zu entkommen.

Milena Argus, deren Eltern aus Sardinien stammen, erzählt in ruhigem Ton von drei Generationen einer Familie. Verständnisvoll dokumentiert sie deren Suche nach dem richtigen Ort zum Leben. Gegen Ende des Buches zieht es Felicitas Sohn Gregorio noch weiter weg als seine Verwandten: Er entscheidet sich, in New York seine Karriere als Musiker zu starten. Milena Argus zeigt mit ihrer einfachen und dennoch vielschichtigen Geschichte den Gegensatz zwischen Stadt und Land, arm und reich, Tradition und Moderne. Ein Lehrstück übers Leben.

„Da niemand je das gelobte Land findet wäre es da nicht besser, einfach unterwegs anzuhalten, sobald man an einen Ort angelangt ist, wo es einem gut geht?“

Übrigens: Seit 10. März gibt es neue Folgen unseres Literaturpodcasts „Long Story Short“. Kostenlos auf allen Kanälen, zum Beispiel hier.

Sommer bei Nacht

Zwei Teddybären. Ein Grundschul-Flohmarkt in der Nähe von Wiesbaden. Eine Mutter mit Tochter und Sohn. Und ein unbekannter Mann. Plötzlich sind der Junge und der Mann verschwunden, mitsamt einem Teddybär. Obwohl die Mutter ihren Sohn Jannis nur für wenige Momente aus den Augen gelassen.

So beginnt Jan Costin Wagners neuer Kriminalroman „Sommer bei Nacht“ (Galiani). Knapp und präzise, in feinsten Miniatursätzen, startet Wagner den ersten Fall für seine Kommissare Ben Neven und Christian Sander. Die Polizisten stoßen auf Verbindungen zu einem älteren Fall eines weiteren vermissten Jungen. Auch damals wurde ein Teddybär am Tatort gesehen. Lockt der Täter also Kinder gezielt mit Stofftieren an? Es scheint so. Nach Jannis wird nun öffentlich gefahndet. Prompt melden sich die Eltern eines Jungen, der einmal von einem Mann mit Stofftier angesprochen wurde.

„Der Fall ist zum Ereignis geworden, zu einer Kette merkwürdiger, verstörender, trauriger Ereignisse.“

Jan Costin Wagner hat seinen literarischen Krimi raffiniert konstruiert. Er protokolliert die Ermittlungen aus schnell wechselnde Perspektiven. In Wiesbaden, Innsbruck und Rosenheim. Trotz der sogartigen Zuspitzung der Handlung gibt Wagner seinen Figuren Raum für Träume, Gedanken, für eine andere Dimension, ein Vielleicht. Sie halten inne und lassen die Geschehnisse auf sich wirken. Diese schwebende, bisweilen unwirkliche Ebene, unterscheidet Wagner von anderen Genreautoren. Bei ihm spielen Empathie und Zurückhaltung eine ebenso große Rolle wie Spannung. Eine Wohltat inmitten effektheischender lauter Thrillerware.

Übrigens: Ab morgen, 10. März, gibt es neue Folgen unseres Literaturpodcasts „Long Story Short“. Kostenlos auf allen Kanälen, zum Beispiel hier.

Warum die Absage der Messe nicht nur traurig, sondern existenzbedrohend ist

Es tut weh, ja. Immer noch. Aber wir alle, Journalist*innen, Autor*innen, Moderator*innen, Verlagsmitarbeiter*innen und Buchhändler*innen haben uns natürlich damit abgefunden, dass die Buchmesse abgesagt wurde. Es macht schließlich Sinn.

Noch immer ist es allerdings etwas surreal. Denn wir haben uns schließlich auf die Begegnungen und Veranstaltungen vorbereitet, sind in Kopf und Herz schon in Leipzig gewesen, haben geplant und organisiert, uns gefreut.

Die Absage ist nicht jedoch nur traurig, sondern auch existenzbedrohend. Denn für viele von uns ist der Rahmen der Leipziger Buchmesse ein wichtiger, entscheidender Auftrags- und Umsatzbringer. Vor allem Freiberufler*innen wie ich bleiben oft auf ihrer bereits geleisteten Vorarbeit sitzen, ohne Honorar. Manche Auftraggeber zahlen Ausfallhonorare, andere nicht. Auch für Verlage, vor allem die kleineren, kann die Absage fatale Folgen haben: Weniger PR, weniger Verkäufe, weniger Umsatz.

Da hilft nur: Nach vorne blicken. Noch sind nicht alle Lesungen vor und nach der Messe gestrichen. Mein Auftritt mit Arne Dahl in Leipzig ist zwar gecancelt worden, aber unsere Veranstaltungen am nächsten Montag und Dienstag in Radolfzell und Stuttgart finden statt. Und sogar für Leipzig gibt es nun einen Ersatztermin am 12.3. in der Musikkneipe Horns Erben. Pascal Engman, den ich auch schon in Leipzig treffen sollte, liest wie geplant am 16. März bei den Kriminächten Stuttgart, und ich freue mich auch auf diese Moderation. Auf jede, die nicht abgesagt wurde.

Besonders bitter: Auch mein Auftritt mit Karla Paul und unserer Literaturshow auf der Messe wurde gestrichen. Aber wir sind bald wieder live zu sehen: Am 27.3. in Voerde, in einer evangelischen Kirche! Alle Infos dazu hier. Weitere Termine unserer Show: 6. Mai Lübeck, 7. Mai Hannover, 27. Mai Berlin, 28. Mai Leipzig (ja, Leipzig!!!) – alle in Hugendubel-Filialen.

Und noch eine gute, ansteckungsfreie Nachricht: Bald gibt es neue Folgen unseres Literaturpodcasts „Long Story Short“. Ab 10. März kostenlos auf allen Kanälen, zum Beispiel hier.

Mögen sich die Viren endlich beruhigen. Oder wenigstens die panischen Vorsorgeabsagen abklingen. Oder was meint Ihr?

Zwei Schwestern

„Wir waren vor unserer Mutter auf der Flucht, Waisenkinder auf eigenen Wunsch.“

Die kanadische Autorin Alix Ohlin erzählt in ihrem neuen Roman „Robin und Lark“ (C.H. Beck) von zwei Schwestern aus Montreal und ihren Lebenslinien. Die ältere (Lark) ist fleißig und still, die jüngere (Robin) wild und impulsiv. Trotz dieser Gegensätzlichkeit sind sie sich sehr nah, auch, weil ihre Mutter Marian sich kaum um sie kümmert. Als Lark in die USA aufs College geht, verlieren Robin und Lark fast vollständig den Kontakt – bis Robin plötzlich vor der Tür steht. Beide ziehen nach New York, wo Lark Film studiert und Robin das berühmte Musikkonservatorium Juilliard besucht. Sie wohnen zusammen und sind sich so nah wie lange nicht mehr.

„Wohl in meiner Haut fühlte ich mich nur nachts, mit Robyn, in unserem Zimmer. Dort im Dunklen waren wir wieder die, die wir früher gewesen waren, zwei Mädchen, die flüsternd tratschten.“

Kurz darauf trennen sich ihre Wege wieder. Robin tourt als Pianistin durch Europa und verschwindet plötzlich, Lark reist als Assistentin eines Regisseurs durch die Welt. Fünf Jahre lang sehen sich die Schwestern nicht, bis sie schließlich wieder in ihrer Heimat Kanada aufeinandertreffen. Robin hat die Musik aufgegeben; sie widmet sich dem Studium von Raubvögeln und Wölfen. Lark beobachtet diese Wandlung skeptisch, doch sie braucht ihre Schwester, dringend.

Alix Ohlins Schreibstil ist sanft und klar. Feinsinnig und ihren Protagonistinnen wohlgesonnen, hält sie fest, wie Robin und Lark aufeinander aufpassen, auseinander driften, sich mühsam wieder finden. Ihr Buch dreht sich ums Loslassen und Anderssein, um Verständnis und Zusammenhalt, allen Widrigkeiten und Gegensätzlichkeiten zum Trotz. Ein ruhiger und dennoch dramatischer Roman über Geschwisterliebe.

„Wir waren vor unserer Mutter auf der Flucht, Waisenkinder auf eigenen Wunsch.“

 

Raffiniert und mysteriös, diese Liebesgeschichte

Ein Mann verliebt sich in eine Frau. Innerhalb weniger Minuten spürt er: Sie ist es. Zum Glück erwidert die Frau seine Gefühle. Mit ganzem Herzen, aus tiefster Zuneigung und Überzeugung, lassen die beiden sich auf das Schönste ein, was sie je erlebt haben. Sie glühen füreinander und verschmelzen miteinander. Doch dann geht die Frau. Einfach so, am nächsten Tag. Und sie kommt für lange Zeit nicht zurück.

Mit „Der Choreograph“ (btb) hat Håkan Nesser eine der rätselhaftesten und wunderbarsten Liebesgeschichten der vergangenen Jahre geschrieben. Das Buch ist eigentlich Nessers Debüt aus dem Jahr 1988, aber erst jetzt, zum 70. Geburtstag (21.2.) des schwedischen Autors, erscheint es auf Deutsch. Die drei Hauptqualitäten, die einen Großteil von Nessers Gesamtwerk ausmachen, sind schon deutlich in diesem Roman sichtbar:

Eine raffiniert aufgebaute Geschichte, die sich auf mehreren Zeitebenen entfaltet. Eine klare, treffsichere Sprache. Eine philosophische Erzählhaltung, die zum Nachdenken über die essentiellen Grundfragen des Lebens einlädt.

Zurück zum Inhalt: Nach dem Verschwinden der Frau verzweifelt der Mann. Er kann sich nicht erklären, warum sie ihn verlassen hat. Er sucht Erklärungen, rekonstruiert das Kennenlernen, analysiert ihr Verhalten. „Ich bin dabei, den Verstand zu verlieren“ notiert er. Doch dann spürt ein Detektiv die Frau auf, und die beiden Liebenden verbringen drei wunderbare Tage miteinander. Anschließend verabschiedet sich die Frau erneut, und der Mann bleibt verstört zurück. Später wird er noch zweimal die Frau treffen, aber noch Jahre danach fragt er sich, ob diese Begegnungen wirklich stattgefunden haben.

Håkan Nesser gibt nur Teile der Geschichte preis, und er streut gekonnt mysteriöse Andeutungen in seinen Plot. Er schreibt mit Unschärfen, die Raum für Spekulationen lassen. Die Grenzen zwischen der Romanrealität und den Erinnerungen und Wahrnehmungen des Mannes verschwimmen. Existierte die Frau überhaupt? Gibt es Dinge im Leben, die nur ein einziges Mal vorkommen oder zu schön sind um wahr zu sein? Nesser lotet die Zusammenhänge zwischen Materie und Bewusstsein, zwischen Gedanken und Handlungen aus. Seine Hauptfigur, der verzweifelte Mann, hofft, durch den Schreibakt über seine Liebe des Lebens zur Ruhe zu kommen und Frieden zu finden. Doch die Wanderung im Vergangenen wirft neue Fragen auf.

Fazit: Einer der besten der mehr als 35 Romane des gewitzten Geschichtenerzählers. Herzlichen Glückwunsch zum 70., Herr Nesser!  

Boyle ist besser!

Ich bin begeistert. Und ich verneige mich. Vor T.C. Boyle. Denn seine 19 neuen Kurzgeschichten, versammelt im Band „Sind wir nicht Menschen“ (Hanser), zeugen von höchster Erzählkunst. Niemand kann das so wie Boyle, und selten war er selbst so gut wie jetzt: Auf jeweils 20, 30 Seiten präsentiert er die Essenz der kleinen und großen Katastrophen des Alltags.

Wie reagieren Menschen, wenn sich in einem Moment alles verändert? Was passiert in uns, mit uns, wenn wir aus der Bahn geworfen werden? T.C. Boyle blickt ganz tief, in Abgründe, in Notsituationen. Er liebt seine Figuren, ist nah bei ihnen, schildert intelligent, schonungslos und mit subtilem Humor ihre Sorgen und Hoffnungen. Und er beobachtet, wie seine Protagonisten wieder in die Normalität zurückzukommen versuchen.

Worüber er schreibt? Zum Beispiel über: Eine falsche Bombendrohung bei einer College-Abschlussfeier. Ein Pornovideo, in dem ein Mann seine Frau erkennt. Eine Ameiseninvasion. Einen Teil eines Wettersatelliten, das vom Himmel fällt. Ein falscher Millionengewinn. Einen Notfall bei einer Gruppenwanderung von Rentnern. Einen Hund, der ein genmanipuliertes Mikroschwein anfällt. Eine mysteriöse Burritobude. Über: Eifersucht, Rivalität, Besserwisserei, Liebe und Kompromisse. Und über: Menschen aus allen Altersstufen und Schichten.

In pointierter Prosa, mit überraschenden Wendungen und atemberaubenden Vergleichen zeigt der 71-jährige, dass er es immer noch kann. Diese short stories aus dem vergangenen Jahrzehnt zählen zu den besten, die er je verfasst hat.