Boyle ist besser!

Ich bin begeistert. Und ich verneige mich. Vor T.C. Boyle. Denn seine 19 neuen Kurzgeschichten, versammelt im Band „Sind wir Menschen“ (Hanser), zeugen von höchster Erzählkunst. Niemand kann das so wie Boyle, und selten war er selbst so gut wie jetzt: Auf jeweils 20, 30 Seiten präsentiert er die Essenz der kleinen und großen Katastrophen des Alltags.

Wie reagieren Menschen, wenn sich in einem Moment alles verändert? Was passiert in uns, mit uns, wenn wir aus der Bahn geworfen werden? T.C. Boyle blickt ganz tief, in Abgründe, in Notsituationen. Er liebt seine Figuren, ist nah bei ihnen, schildert intelligent, schonungslos und mit subtilem Humor ihre Sorgen und Hoffnungen. Und er beobachtet, wie seine Protagonisten wieder in die Normalität zurückzukommen versuchen.

Worüber er schreibt? Zum Beispiel über: Eine falsche Bombendrohung bei einer College-Abschlussfeier. Ein Pornovideo, in dem ein Mann seine Frau erkennt. Eine Ameiseninvasion. Einen Teil eines Wettersatelliten, das vom Himmel fällt. Ein falscher Millionengewinn. Einen Notfall bei einer Gruppenwanderung von Rentnern. Einen Hund, der ein genmanipuliertes Mikroschwein anfällt. Eine mysteriöse Burritobude. Über: Eifersucht, Rivalität, Besserwisserei, Liebe und Kompromisse. Und über: Menschen aus allen Altersstufen und Schichten.

In pointierter Prosa, mit überraschenden Wendungen und atemberaubenden Vergleichen zeigt der 71-jährige, dass er es immer noch kann. Diese short stories aus dem vergangenen Jahrzehnt zählen zu den besten, die er je verfasst hat.

Die Serpentinenreise

„Ich wollte, dass der Junge keine Angst hatte. Ich wollte das er sich später erinnerte. Deshalb war ich hier, mit ihm, nur wir beide. Ein Vater musste gute Erinnerungen schaffen. So etwas wie die Fahrten durch die Serpentinen.“

Ein Mann steuert gut gelaunt ein Auto, und neben ihm sitzt: Sein Sohn. Sie sind auf einem Road Trip, kurven durch Europa, nehmen Kurs auf die Familiengeschichte. Denn der Vater möchte, dass sein Sohn die Wahrheit erfährt über seine Eltern und Großeltern. Etwa, dass sich drei männliche Vorfahren das Leben nahmen: „Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt.“ Oder ganz grundsätzlich: Dass sich hinter den glänzenden Fassaden des bürgerlichen Lebens oft Dramen und Lügen befinden.

In „Serpentinen“ (Ullstein) erzählt Bov Bjerg vom Versuch, es besser zu machen als vorherige Generationen, und vom Wunsch, mit sich und seiner Familie ins Reine zu kommen. „Vielleicht war es möglich, sich zu befreien“ schreibt der „Auerhaus“-Autor, und tatsächlich: Die Reise zu den Schauplätzen seiner Kindheit schafft Klarheit und Unabhängigkeit, sowohl beim Vater als auch bei seinem Sohn.

„Um was geht es?“ fragt der Junge immer wieder während der Fahrt. „Es geht darum sich in die Kurve zu legen“ antwortet sein Vater einmal, und er fährt zu seinem Geburtshaus, zu den Dörfern, Wäldern, Burgruinen seiner Kindheit. Der Soziologe zeigt seinem Sohn Friedhöfe, besucht mit ihm seine Mutter im Pflegeheim. Er stellt sich der Vergangenheit und ist bereit, alles offenzulegen.

„Ich wollte die Legenden nicht mehr hören, den Selbstbetrug, dass Familienbla. Ich würde Verantwortung übernehmen ich würde meinen Sohn nicht im Stich lassen. Ich würde ihm alles ersparen.“

Bov Bjerg hat ein außergewöhnliches Buch geschrieben. Es ist lebendig und abwechslungsreich, ironisch und witzig, aber auch still und berührend. Bjerg schildert kurze Sequenzen der Autofahrt, springt an verschiedenste Schauplätze, reichert die Handlung mit Dialogen und Rückblicken an, und fügt all diese Eindrücke zu einer tragikomischen Chronik einer Aufarbeitung.

„Ich wollte eine Landkarte, auf der man sehen konnte, wohin der Urin floss, wenn man in den Garten pinkelte. Auf der die bunten Flächen keine Staaten zeigten, sondern die Einzugsgebiete der Ströme. Wo die gestrichelten Linien keine Grenzen markierten, sondern Wasserscheiden.“

 

 

 

Charmante Liebeserklärung ans Theater (und ans Verlieben)

Ich finde ja: Es gibt jede Menge brillanter Gesellschafts- und Kriminalromane. Aber gute Beziehungsgeschichten? Anspruchsvolle und dennoch unterhaltsame Liebesromane? Selten. Vor kurzem ist endlich wieder ein empfehlenswertes Buch aus diesen Genres erschienen:

„Sweet Sorrow“ (Ullstein) von David Nicholls. Der Brite, spätestens seit „Zwei an einem Tag“ weltweit geschätzter Spezialist für dramatische und erbauliche Liebesliteratur, erzählt nun die Geschichte des 16-jährigen Charlie Lewis. Und vor allem erzählt er: Wie Charlie zum Theater findet, zur Literatur, und, zur Schönheit des Lebens.

Der Plot beginnt 1997 in einer Kleinstadt im Südosten Londons. Charlie verliebt sich im Sommer nach seinem Schulabschluss in Fran, und auch sie scheint ihm nicht abgeneigt zu sein. Der Haken an der Sache: Fran zwingt Charlie, wie sie in einer engagierten Theatergruppe mitzumachen, die am Ende des Sommers „Romeo und Julia“ aufführen will. Charlie kann mit Shakespeare gar nichts anfangen, aber Fran zuliebe lernt er seine Texte.

Schließlich gibt Fran ihm Unterricht. Die beiden treffen sich jeden Tag auf einer Wiese, unter einem Baum, und Charlie versucht, seine Angebetete zu beeindrucken. Die Belohnung: Frans Nähe. Und der Wunsch, ein neues, besseres Leben zu führen.

„Wenn ich mit Frank Fischer zusammen sein konnte, wenn sie mich so annehmen konnte, wie ich war, trotz aller Fehler der Vergangenheit, trotz aller Erbärmlichkeit, aller Seltsamkeit und aller Sorgen, dann konnte ich im Gegenzug zu einer besseren Version meiner selbst werden, einer Version von mir die so vorbildlich sein würde, dass sie praktisch ein neuer Mensch war.“

David Nicholls porträtiert Charlie als sympathischen Kerl, der für seine Liebe nahezu alles tut. Mitten im Roman macht Nicholls einen Zeitsprung – 20 Jahre später ist Charlie längst mit einer anderen Frau verheiratet. Was ist mit ihm und Fran passiert? Und was wird passieren, wenn sich die beiden auf dem Jubiläumstreffen der Theatergruppe wiedersehen? Nicholls ist ein Meister darin, seine amüsante Geschichte mit der richtigen Portion Melancholie und Drama anzureichern. Ein wunderbarer Roman übers Verlieben, aber vor allem: eine charmante Liebeserklärung ans Theater.

P.S. Am Montag moderiere ich David Nicholls Lesung im Literaturhaus München. Infos hier.

Wiglaf Drostes letzte Gedichte

„Behalten wir’s im Auge,
dass die Welt was tauge,
dass aus der schönen, alten Erde
wo möglich einmal eine werde.“

Im Mai 2019 starb Wiglaf Droste. Ein Tod, der mich ähnlich geschockt und traurig gemacht hat wie jener von Roger Willemsen. Viel zu früh mussten die beiden brillanten Kulturmenschen gehen – Droste mit 57, Willemsen mit 60.

„Tisch und Bett“ (Kunstmann) heißt der Gedichtband, der nun die letzten Verse Drostes zusammenfasst. Das Themenspektrum ist enorm: Der virtuose Wortkünstler schreibt über Fremdenhass, Zikaden, den BVB, Neid, Frauen, die Zigarre rauchen, Autobahnraststätten, Kastanien, WLAN im ICE und ein lobt einen Schokoladenladen.

„Mal trinkt man Tee, mal trinkt man Wasser / was zählt: das Innere wird nasser.“  (Auszug aus „Über die Flüssigkeit“)

Droste-Lyrik ist immer vieles zugleich: Böse und scharfsinnig, liebenswert und fein. Der Westfale dichtete sich spielend vom Privaten zum Politischen, Witz und Wut liegen nah beieinander, und seine kurzen Texte zeigen zum leider letzten Mal, welch kluger Kopf und großer Menschenfreund Droste war.

„Wir sind jetzt noch näher / am Bürger! / Frohlocken die Späher / und Würger.“

Übrigens: Ich bin jetzt auch auf Instagram und freue mich, wenn Ihr mir hier folgt.

Ein Buch, das brodelt

Vorsicht! Dieses Buch brodelt, kocht und zischt. Es passt in keine Genreschublade, und es belebt wie ein feuriger Cocktail.

„Der Hund“ von Akiz (hanserblau) ist nicht nur der Titel des kurzen Romans, sondern auch der Spitzname eines Kochgenies. Niemand kann mit seinem Geschmackssinn mithalten. Der junge Mann kocht radikal und kompromisslos. Eine außergewöhnliche Figur, die in ihrem Wahn und ihrer Genialität an Grenouille aus Patrick Süskinds „Das Parfum“ erinnert.

Bis der Hund zur Legende wird, muss er sich allerdings mit Gewalt und Tricks durchs Leben schlagen. Denn er und sein Kumpel Mo kommen von ganz unten, aus Armut und Dreck. Sie arbeiten zunächst in einer Dönerbude, doch die beiden Außenseiter wollen ausgerechnet in die Küche des exklusiven Restaurants El Cion, das gegenüber liegt. Und sie schaffen es, zunächst als Putzhilfen, später an den Herd.

„Die Küche des El Cion war ein Moloch aus Blut, Schweiß, Chemikalien, Adrenalin und den edelsten Delikatessen, die man sich vorstellen konnte, der Umgangston war härter als bei Militär, alles rannte und schwitzte.“

Der Hund kocht wie in Trance und steigt bald auf – mit wilden, unfassbar gut schmeckenden Kreationen. Eine Sensation. Akiz porträtiert den Hund in knapper, oft ruppiger Prosa. Von Beginn seines rasanten Romans an macht der Autor klar, dass der Starrsinn seine Hauptfigur ins Verderben stürzen wird. Und so kommt es letztlich auch: Nach dem kometenhaften Aufstieg folgt der katastrophale Fall. Wow.

Übrigens: Ich bin jetzt auch auf Instagram und freue mich, wenn Ihr mir hier folgt.

Fuchs 8

Dieses Büchlein ist ein kleines Wunder. Ein lustiges Märchen für Erwachsene, geprägt von intelligenten Wortspielen und überbordendem Sprachwitz, aber auch eine kluge Parabel über Gut und Böse, Mensch und Tier, Liebe und Gewalt.

In George Saunders´ “Fuchs 8“ (Luchterhand) erzählt ein Fuchs. Ein neugieriger, junger Fuchs. Ein Tagträumer, der Menschen „kul“ findet, ihre Nähe sucht und ihre Sprache lernt. Stolz schreibt er auf „Mänschisch“, im Gegensatz zum „Füksisch“, das seine Artgenossen sprechen. Diese menschlichen Sätze klingen allerdings noch ziemlich holperig, und als Leser*in stolpert man schmunzelnd über diese noch nie zuvor erlebte Prosa. Übersetzer Frank Heibert hat ein grandioses Fuchsdeutsch erfunden.

„Fälsen und Boime“ sind Felsen und Bäume, „Elkawes“ sind LKWs, „bewürgen“ bedeutet „bewirken“ und „lang sarm“ heißt langsam. George Saunders spricht eine stimmige, neue Sprache, die zum Raten, Lachen und Staunen verführt.

Doch zurück zu Fuchs 8. Das Tier beobachtet Menschen und findet sie toll. Es glaubt, dass Menschen ähnlich liebenswerte Geschöpfe sind wie Füchse. Bis sein bester Freund, Fuchs 7, eines Tages durch gewalttätige Menschen sterben muss. Geschockt zieht sich Fuchs 8 zurück. Ist das Leben und sind die Menschen vielleicht doch nicht so großartig und schön wie er dachte, sondern vielmehr düster und brutal? Er lernt, differenzierter auf die Welt zu blicken, und er findet einen neuen Weg für sich.

George Saunders verzaubert mit seiner verspielten Miniaturgeschichte, deren glänzende Sprachideen großen Spaß machen. Mit wunderbaren Illustrationen von Chelsea Cardinal .

Das langweiligste Hörbuch der Welt

Habt Ihr Euch schon mal gefragt, welche verschiedenen Kiessorten es gibt? Wo der erste Kreisverkehr gebaut wurde? Seit wann es saure Gurken gibt? Oder nach welcher Methode die Steinblöcke der Pyramiden beim Bau angeordnet wurden? Mich hat all das nie interessiert.

Aber jetzt kenne ich die Antworten. Denn der grandiose Schauspieler Bjarne Mädel hat sie mir vorgelesen. Zwei Stunden und 45 Minuten lang. Im „langweiligsten Hörbuch der Welt“ mit dem Titel „Na dann gute Nacht!“ (Der Hörverlag) spricht Mädel von Dingen, über die sich kaum jemand Gedanken macht. Er zählt die Namen von Zugbahnhöfen in Norwegen auf, zitiert aus den Wirtschaftsstatistiken der ersten beiden Fünfjahrespläne in der Sowjetunion, erklärt das Paradoxon des Hirsekorns und referiert über globale Postleitzahlen. Langweilig? Vordergründig vielleicht. Doch bei genauerem Hinhören entpuppen sich die kurzen Vorträge als lehrreich – und letztlich als köstliche, effektive Einschlaf- und Abschalthilfe. Als originelle Meditationen.

Bjarne Mädel liest ein bisschen so wie Loriot. Mit einer warmen, weichen Stimme, die bewusst unaufgeregt bis monoton wirkt, in der allerdings ein gewisser Schalk und eine Doppelbödigkeit mitschwingen. Mit großem Ernst widmet sich Mädel den scheinbar uninteressanten und überflüssigen Texten. Ein entschleunigtes Hörbuch als köstlicher Gegensatz zu temporeichen, überladenen Geschichten und zu unserer hektischen Zeit. 

Ach ja: Der erste Kreisverkehr entstand 1899 in Görlitz. Es gibt Uferkies, Terrassenkies, Feinkies, Perlkies und viele weitere Sorten. Historiker sind sich uneinig, ob es die ersten sauren Gurken 2000 v. Chr. oder 4000 v. Chr. Gab. Und die Steinblockstruktur der Pyramiden? Lasst Ihr Euch am besten von Bjarne Mädel erklären. Der kann das besser als ich.

Die sagenhaften Reisen der Literaturnobelpreisträgerin

Dieses Buch ziert eines der schönsten Cover der vergangenen Jahre. Zudem steckt dahinter das aktuelle Werk der neuen Literaturpreisträgerin. Ausgezeichnet mit dem Man Booker International Prize 2018. Es ist also höchste Zeit, es zu erkunden.

Als „Roman“ wird „Unrast“ (Kampa) von Olga Tokarczuk bezeichnet. Doch diese außergewöhnlichen 464 Seiten stellen etwas ganz anderes dar: Eine bunte Sammlung von Geschichten, Notizen, Gedanken, Mythen und Begegnungen, die alle etwas mit dem Reisen zu tun haben – im weitesten Sinne. Tokarczuk hat einen verspielten, kreativen, klugen Mix zubereitet. Eine literarische Schatzkiste, die niemals auf der Stelle steht. Die Ich-Erzählerin der meisten Texte schöpft ihre Energie aus dem Ruckeln von Autobussen, dem Brummen von Flugzeugen, dem Schaukeln von Fähren und Zügen, und aus den eigenen Schritten beim Wandern. Sie liebt es, unterwegs zu sein. Und sie steht zu ihrer Unrast:

„Mir wurde klar, dass, allen Gefahren zum Trotz, das, was in Bewegung ist, immer besser sein wird, als das, was ruht, dass der Wandel edler ist als die Stetigkeit, dass das Unbewegliche Zerfall und Auslösung anheimfallen muss und zu Schutt und Asche wird, während das Bewegliche sogar ewig währen kann.“

Die unentwegt, aber stets ruhig Reisende arbeitet in Gelegenheitsjobs. Sie ist Kellnerin, Zimmermädchen, Kindermädchen, Garderobiere, Pädagogin, Beraterin, und sie studiert Psychologie. Tiefe Einblicke verschaffen der Frau ihre Begegnungen. Mit Trampern in Island, die sich nachts bei Eiseskälte an der warmen Erde erfreuen. Mit einem gestrandeten australischen Walfisch. Mit einer Familie in einem Haus ohne Vorhänge in Holland. Mit James Cook, 1769 in Neuseeland. Mit einem antiken New Yorker Amphitheater. Mit einem Geschäftsmann am Bodhi Baum in Indien, der Geburtsstätte Buddhas. Mit einer Reisepsychologin auf einem Flughafen.

„Ich glaube es gibt viele, die so sind wie ich. Entschwundene, Abwesende“, behauptet die Erzählerin. Doch Olga Tokarczuk und ihre Protagonistin sind das Gegenteil von abwesend. Sie beobachten wach, neugierig, offen und interessiert, was in den Welten passiert, in denen sie zu Gast sind. Überall entdecken sie Erstaunliches, Alltägliches, Liebevolles und Verstörendes. Auf einer kleinen kroatischen Insel, an Postkartenständern in Rom, mit Wachsfiguren in Wien, im Schlafwagen mit Menschen, die Angst vor dem Fliegen haben. Tokarczuk und ihr vermeintliches Alter Ego werten nicht, worüber sie schreiben. Klarsichtig und fragend, amüsiert und lächelnd, fangen sie Eindrücke ein. Die Hauptfigur gesteht, dass sie eigentlich nur reist, um die „Fehler und Reinfälle der Schöpfung“ aufzuspüren. Kuriositäten und Sackgassen. Doch sie hat auch ein Auge fürs Normale, etwa für Wohnwagentouristen, die im Grunde genommen nur reisen, um wieder heimzukehren.

Je mehr wundersame, wunderbare Geschichten Tokarczuk zusammenträgt, und je mehr Ihre Leser*innen über nahe und ferne Welten erfahren, desto mehr fügen sich die einzelnen Eindrücke zu einer Erkenntnis: Es ist egal, wo wir sind. Hauptsache, wir sind. Da oder dort, was spielt das für eine Rolle? Und noch etwas Entscheidendes erfährt die Reisende im Buch:

„Es gibt zu viel Welt. Man müsste sie verkleinern, nicht weiter und größer machen. Man sollte sie wieder in eine kleine Dose stopfen, in ein mobiles Panoptikum, dass man nur Samstag nachmittags anschauen dürfte, wenn die Tagesarbeit getan, die saubere Wäsche vorbereitet ist, die gestärkten Hemden auf der Stuhllehne hängen, die Böden gescheuert sind und der Streuselkuchen zum auskühlen auf der Fensterbank steht.“

Habe ich schon erwähnt, dass ich dieses Buch liebe?

Terrorzelle in Hamburg

Wie bitte? Schon wieder ein neuer Jack-Reacher-Roman? Lee Childs Produktivität ist geradezu beängstigend – nach dem 20. Fall der Reihe, der im Frühsommer 2019 in Deutschland veröffentlicht wurde, folgt nun der 21., „Der Ermittler“ (Blanvalet).

Also alles nur Routine nach Schema F? Nicht bei Lee Child. Er springt diesmal zurück in Jahr 1996. Jack Reacher ist erst 35 Jahre alt, und er wird von der US-Army, dem FBI und der CIA nach Hamburg geschickt. Und um es gleich vorwegzunehmen: Das ist einer der besten Spionage- und Agententhriller des vergangenen Jahres.

Der Plot: Eine islamistische Terrorzelle in Hamburg plant einen Anschlag. Die Amerikaner haben mitbekommen, dass die Terroristen bereit sind, 100 Millionen Dollar zu bezahlen. Doch niemand weiß, wofür. Waffen? Informationen? Menschen? Reacher und sein Team arbeiten eng mit der deutschen Polizei zusammen, sie beschatten, recherchieren und legen falsche Fährten. Doch die Terroristen und eine Gruppe radikaler Deutschnationalisten lassen sich nicht so leicht austricksen. Jeder ermittelt gegen jeden, die Lage wird immer verzwickter, und Jack Reacher muss sich zum ersten Mal als Teamplayer beweisen.

Fazit: Ein packendes Versteckspiel auf hohem Niveau, brillant komponiert, jedes Wort sitzt, jede Szene fügt sich perfekt ein, mit einem grandiosen Finale in einer riesigen Halle voller importierter Schuhe.

Im Interview: Harry-Potter-Illustrator Jim Kay

Vor vier Jahren startete Harry-Potter noch einmal von vorne: die erfolgreichste Buchreihe der Welt erscheint seitdem auch in farbig illustrierten Schmuckausgaben im Großformat – jedes Jahr ein neuer Bildband. Für den englischen Illustrator Jim Kay entwickelte sich dieser Auftrag zur größten Herausforderung seiner Karriere. Der 45-jährige studierte Illustration an der University of Westminster und wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Vor kurzem ist der vierte von Kay illustrierte Band erschienen, „Harry Potter und der Feuerkelch“ (Carlsen). Hier Auszüge aus meinem Gespräch mit dem sympathischen Briten:

Welche Figur aus den Harry-Potter-Büchern zeichnen Sie am liebsten? Der Halbriese Hagrid ist mein absoluter Favorit. Ich liebe seine wilden Locken und seinen Rauschebart, und wie all das zusammenwächst. J.K. Rowling hat ihn als 3,51 Meter groß beschrieben, und diese Größe ist für einen Illustrator eine enorme Herausforderung.

Warum? Sie können sich doch so viel Platz nehmen, wie Sie wollen. Das schon, aber alles um Hagrid herum muss ins richtige Verhältnis gesetzt werden. Auf einem Bild von mir räkelt sich ein enormer Hippogreif auf dem Bett in Hagrids Hütte, und ich fragte mich beim Zeichnen: Wie kann ich diese unglaublichen Ausmaße verdeutlichen? Die Lösung: Ich platzierte zwei ganz normale Hühner ins Bild – diese wirken nun allerdings wie geschrumpft, weil Hagrids Hütte und der Hippogreif gigantisch sind.

In den Verfilmungen wird Hagrid von Robbie Coltrane gespielt. Durften Sie sich beim Illustrieren von ihm und den anderen Schauspielern lösen? Zum Glück ja! Ich sollte und wollte für die Schmuckausgaben ganz eigene, neue Bilder von den Figuren machen. Was nicht leicht war, denn früher, beim Lesen der Bücher und später beim Anschauen der Filme hatte ich ja schon zwei Mal Vorstellungen von der Potterwelt entwickelt. J.K. Rowling hat durch ihre Beschreibungen viel vorgegeben, besonders bei Harry; das habe ich selbstverständlich übernommen. Aber bei einigen Figuren blieb ein kreativer Spielraum, und den habe ich voller Freude genutzt.

Um wen ging es, und wie sind Sie dabei vorgegangen? Der Zauberer Severus Snape basiert in meinen Illustrationen auf meinem guten Freund David. Ich fand, dass er optisch perfekt zur Figur Snapes passt, vor allem wegen seiner tieftraurigen Augen. Nun sehe ich immer David, wenn ich Snape sehe, und nicht mehr Alan Rickman, der ihn in den Verfilmungen spielte.

Ihre Hermine Granger unterscheidet sich ebenfalls. Die Darstellerin Emma Watson erkennt man kaum in Ihren Illustrationen. Stimmt. Bei Ihr habe ich mich nach meiner Nichte gerichtet. Noch lustiger wird es bei Familie Weasley: Molly, die Mutter, basiert auf einer Bekannten. Und zwei von Mollys sieben Kindern sehen so aus wie die beiden realen Kinder dieser Frau. Für mich hat das Illustrieren nach echten Vorbildern zwei entscheidende Vorteile: Ich habe ein reales Modell, und ich kann das Altern der Figuren in der Wirklichkeit beobachten. Das ist wichtig, denn die sieben Potter-Bände umfassen ja eine große Zeitspanne. Drei habe ich noch vor mir.

Womit und worauf zeichnen Sie Ihre Originale? Meistens mit einfachen Bleistiften auf großen Papierbögen. Die ersten Entwürfe sind fast alle schwarz-weiß, oft 20, 30 Stück, bevor ich mir sicher bin. Erst später verwende ich Farben, und dabei bevorzuge ich einfache Wand- und Fassadenfarben. Obwohl ich auch mit dem Pinsel arbeite, bin ich aber eigentlich der Skizzentyp, der pausenlos Ideen aufs Papier kritzelt und sie immer wieder verwirft und verbessert. Das geht oft stundenlang so, bis in die Nacht und manchmal auch bis zum Morgen. Ich bin sehr selbstkritisch und so gut wie nie mit den ersten Versuchen zufrieden.

Setzen Sie beim Illustrieren auch digitale Technik ein? Zur Sicherheit, ja. Viele Varianten meiner Bilder speichere ich ab, um zu vorherigen Stadien zurückkehren zu können, wenn ich am Originalbild so weitergearbeitet habe, dass es mir nicht mehr gefällt. Es beruhigt mich zu wissen, dass es alles noch einmal gibt. Selbstverständlich illustriere ich auch digital, aber das sind eher Ausnahmen. Manchmal erzielt man damit großartige Effekte: Den Hirsch namens Krone, Harrys verwandelten Vater, malte ich erst auf Papier, digitalisierte ihn anschließend und reproduzierte ihn als Negativ. Das ergab einen geisterhaften, unheimlichen Ausdruck. Genau so silbern und schimmernd, wie J.K. Rowling ihn beschreibt.

In welcher Verbindung stehen Sie zu J.K. Rowling? Wir schreiben uns ab und zu Briefe oder Mails, um Details zu klären, aber ansonsten kommuniziere ich mit ihrem Verlag. Es ist überwältigend, dass J.K. Rowling mich für diese Aufgabe ausgewählt hat. Ihr Briefkopf wird übrigens tatsächlich von einer goldenen Eule geschmückt.