Ein Roman, fünf Genres

Dieser Roman ist… 1. Eine unkonventionelle Mutter-Tochter-Geschichte 2. Eine herzerwärmende love story 3. Ein großes Drama 4. Ein köstliches Vergnügen 5. Eine bittere Tragödie. Heißt: Er passt in keine Schublade. Das macht die Lektüre zu einem großartigen Abenteuer.

Die britische Autorin Joanna Nadin überreicht ihren Leser*innen mit „Unser wildes Leben und alles dazwischen“ (Limes) eine belletristische Wundertüte. Auf 450 Seiten erzählt sie von Dido, beginnend im sechsten Lebensjahr. 22 Jahre später endet der pointenreiche Roman mit einer Überraschung.

Doch nun von vorne: 1976 zieht Dido mit ihrer Mutter Edie von London in eine Kleinstadt nach Essex. Edie ist Feministin, Trinkerin, Teilzeit-Lesbe und eine Art Pipi-Langstrumpf-Hippiemutter. Sie hasst Spießer, benimmt sich oft daneben, bleibt immer locker und kümmert sich kaum um ihre Tochter. Aus diesem Erziehungsvakuum entwickelt bei Dido der Wunsch nach einer klassischen Familie, nach Ordnung, Regeln und Zuverlässigkeit.

Neben dem Häuschen, das Edie geerbt hat, leben die Trevelyans. Eine Bilderbuchfamilie. Schon bald verbringt Dido mehr Zeit bei Angela, David (den Eltern) und ihren Kindern Harry (ein Mädchen, später Didos beste Freundin) und Tom (ein etwas älterer Junge, später Didos Schwarm) als bei ihrer Mutter. Das sorgt für Konflikte mit Edie, die gern von ihrer Tochter geliebt und respektiert werden würde – doch das Gegenteil ist der Fall. Dido nabelt sich ab, distanziert sich.

Mit Witz und Wärme skizziert Joanna Nadin die Gegensätze zwischen Mutter und Tochter. Die rasanten Dialoge der beiden sprühen vor Eifersucht, Vorwürfen und dem Wunsch, respektiert und geliebt zu werden. Je älter Dido wird, umso mehr rückt Joanna Nadin die Suche ihrer Hauptfigur nach einem zuverlässigen Mann und einer Familie in den Mittelpunkt. Es fällt Dido allerdings schwer, ihren Weg zu finden, und sie gibt ihrer Mutter die Schuld dafür.

Viele Männer, Abstürze und Verletzungen später erkennt Dido, dass Edie durchaus ihre guten Seiten hatte. Sie zieht Bilanz, und sie bittet ihre Mutter um Verzeihung. Nadins Roman strotzt vor Energie und Erzähllust, und hinter der frischen, flotten Schreibe steckt psychologische Tiefe. Und wo bleibt die love story? Sie zieht sich durch den Plot, manchmal still und verzweifelt, manchmal laut und romantisch.

Flucht aus der Sklaverei

„In der Sklaverei gibt es keinen Frieden, denn jeder Tag unter der Herrschaft eines anderen ist ein Tag im Krieg.“

West Virginia, im 18. Jahrhundert. Der elfjährige Hiram schuftet als Sklave auf einer Tabakplantage wie Millionen andere Farbige (so werden sie in diesem Roman genannt). Er muss miterleben, wie seine Mutter verkauft wird und verschwindet. Seitdem hat er das Verlangen und die Sehnsucht, alldem zu entkommen. Seine Chancen stehen nicht schlecht, denn Hiram ist ein kluges Kind, das mehr sieht und begreift als die meisten Erwachsenen. Zudem ist sein Vater der mächtige Plantagenbesitzer, und seine Mutter hat ihm eine übernatürliche Gabe vererbt. Doch zunächst wird Hiram gedemütigt und geschlagen wie alle Sklaven.

In dem imposanten Roman „Der Wassertänzer“ (Blessing) erzählt Ta-Nehisi Coates von Hirams abenteuerlicher Flucht aus der Gefangenschaft. Und von seiner späteren Mitgliedschaft im „Underground“, einer geheimen Gesellschaft von Farbigen. Diese unsichtbare Armee führt einen stillen Krieg gegen die Sklaventreiber. Sie fälscht Ausweise und Briefe, säht Zweitracht unter den Weißen und befreit Sklaven in waghalsigen Rettungsaktionen. Der Underground will die herrschaftliche Ordnung im Süden stürzen und endlich gleiche Rechte für die Farbigen, so wie im Norden, in Philadelphia. Hiram entwickelt sich zu einem der besten Agenten und befindet sich zum ersten Mal im Einklang mit der Welt. Indessen, er will noch einmal zurück nach Virginia – um Thena und Sophia zu retten, die beiden Frauen, die ihm seit dem Tod seiner Mutter am meisten bedeuten.

Ta-Nehisi Coates´ kunstvoller Roman stand im vergangenen Jahr auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste. Völlig zu recht, denn Coates ist ein begnadeter Erzähler und eleganter Wortschöpfer. Aus dem klassischen Historienroman über die Sklaverei entwickelt er gekonnt eine sowohl persönliche als auch politische Geschichte. Coates fängt Hirams Schmerz und sein Leiden ein und all die Demütigungen, denen er und seine Freunde ausgesetzt sind. Doch aus dem Grauen, der Brutalität und Unmenschlichkeit wächst bei seinem Protagonisten der Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit. Diese Entwicklung schildert Coates in flirrend-fließender Prosa wie einen Ausbruch aus einem Gefängnis, wie den Beginn eines zweiten Lebens. Ein zutiefst menschliches, exzellentes Plädoyer für Selbstbestimmung.

Ich stelle dieses Buch auch im Podcast LONG STORY SHORT vor. Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

Wie man nicht zur Beute der Bestien wird

Warnung: Dieses Buch verstört. Macht sprachlos. Und: es begeistert.

„Das wirkliche Leben“ (dtv) von der belgischen Autorin Adeline Dieudonné ist ein brutales Märchen. Erzählt von einem achtjährigen Mädchen, das zum Schluss 15 ist. Es lebt mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder in einer kargen Neubausiedlung: „Etwa 50 graue Einfamilienhäuser, aufgereiht wie Grabsteine.“

Ein Leben in Verbitterung, Depression und Apathie ist für die Bewohner der Siedlung ganz normal. Dazu passt der tägliche Familienterror. Der Vater des Mädchens schlägt seine Frau und verachtet seine Kinder. Adeline Dieudonné zeigt ihn als Bestie, und sie ruft auch in ihren anderen Figuren die Monster hervor, beschönigt nichts. Denn die unterschwellige Botschaft ihres Romans lautet: Das Leben ist blutig, also passt gut auf, wie ihr da rauskommt, und vor allem: wie ihr nicht zur Beute der Bestien werdet.

Das Mädchen beobachtet die tägliche Gewalt aufmerksam und erzählt kühl bis lakonisch von der Wut ihres Vaters, der Opferhaltung ihrer Mutter, der Liebe zu ihrem Bruder. Vom Schrottplatz, auf dem sie vom Wahnsinn der Erwachsenenwelt geschützt ist, vom Hundewelpen, der es begleitet und dem Ziegengehege ihrer Mutter.

Je älter das Mädchen wird, umso klarer erkennt es, dass sie dem Grauen, der Angst und dem Schrecken des Alltags entfliehen muss. Illusionen macht es sich allerdings nicht: „Mein Körper verändert sich. Ich war von einem unbedeutenden kleinen Etwas zu einem abstoßenden kleinen Etwas geworden.“ Es entwickelt einen großen Wissenshunger, verbessert seine naturwissenschaftlichen und mathematischen Fähigkeiten und träumt von der Konstruktion einer Zeitmaschine.

Innerlich errichtet das Mädchen eine Festung, erlaubt sich aber sexuelle Gefühle gegenüber dem Vater der Kinder, auf die sie als Babysitterin aufpasst. Sobald sie ihm nahekommt, erlebt sie „eine Mischung aus Vergnügen und Furcht, ein unbeschreibliches Lustgefühl von beängstigender, unkontrollierbarer Intensität.“

Diese Mischung aus Vergnügen und Furcht überkommt einen auch beim Lesen. Adeline Dieudonné gibt ihrer Hauptfigur eine irritierend formulierungsstarke Stimme. Mit schonungslos offenen Worten sowie skurrilen und brillanten Metaphern entlarvt das Mädchen die Brutalität ihres Vaters und befreit sich Schritt für Schritt von seiner Macht, seiner Wut, seinem Wahn. Eine umwerfende Coming-of-Age-Geschichte über Gewalt, Sex und Physik mit einem wilden Finale.

Was tun, ohne Lesungen und Festivals?

Neun Wochen. So lange müssen wir Buchmenschen nun schon verzichten. Auf Lesungen, Literaturfestivals, Diskussionsrunden, Messen. Klar, all das gibt es auch online, auf den Seiten von Verlagen, Kulturinstitutionen, Facebook und Instagram, mehr denn je. So erfreulich diese Aktivitäten auch sind: Echte Begegnungen ersetzen sie nicht. Das gleiche gilt für Konzerte, Theaterstücke, Tanzaufführungen und Opern.

Als Moderator von Live-Veranstaltungen leide ich doppelt: Mir fehlen die inspirierenden und motivierenden Treffen mit Autor*innen, Besucher*innen und Organisator*innen. Und mir fehlen die Honorare. So geht es tausenden Freiberuflern, und die Aussichten bleiben düster. Dennoch sind z.B. Soforthilfe und Künstlerhilfe in Bayern nicht kombinierbar – man darf also nur entweder nicht bezahlbare Betriebskosten haben oder nicht bezahlbare Lebenshaltungskosten. Beides ist nicht vorgesehen, sprich: völlig lebensfremd. Und: Staatliche Hilfen für Freiberufler sind auf drei Monate begrenzt – die Behörden tun so als ob ab Juni das Kulturleben wieder auf Normalniveau hochgefahren würde.

Die Realität sieht anders aus. Mir wurden schon Aufträge für Spätherbst gecancelt: Europas größtes Krimifestival Mord am Hellweg findet genauso wenig statt wie das Krimifest Tirol – auf beiden hätte ich Veranstaltungen mit internationalen Autoren moderiert. Zahlreiche zugesagte Auftritte für meine Literaturshow mit Karla Paul wurden ebenfalls gestrichen – mit viel Glück finden sie noch irgendwann dieses Jahr statt. Niemand weiß es. Und die Frankfurter Buchmesse? Auf deren Homepage heißt es heute optimistisch: „Noch 146 Tage“ Aber niemand glaubt daran, dass die Messe halbwegs normal stattfinden wird. Nächste Woche soll es dazu eine klare Aussage geben.

Zum Glück produziert die Verlagsgruppe Random House weiterhin unseren Podcast LONG STORY SHORT (neue Folgen hier). Und zum Glück bin ich Journalist. Ich recherchiere und schreibe also momentan mehr als dass ich moderiere. Leider wird das Schreiben unfassbar schlecht bezahlt, auch von sogenannten Qualitätsmedien. Aber ich lasse mir die Laune nicht vermiesen. Vor kurzem habe ich den niederländischen Historiker Rutger Bregman und den italienischen Autor Marco Balzano interviewt – beide schätze ich sehr.

Am 30. Mai moderiere ich auch wieder. Die Buchpremiere mit Leonie Swann (Weltbestseller „Glennkill“, neuer Roman „Mord in Sunset Hall“) in München wurde zwar abgesagt, aber wir beide unterhalten uns trotzdem. Über Instagram. Und ich bereite ein spannendes neues Literaturprojekt im Radio vor… Details folgen… Bleibt gesund!

Die indischen drei ???

Hmmmm. Hier riecht es köstlich nach dampfenden Süßkartoffelwürfeln, bestrichen mit Masala und Limonensaft. Nach Maiskolben, die auf glühenden Kohlen gegrillt werden. Nach Aloo-tikki, dem scharfen Gemüsegericht, nach der Linsenspeise Masoor-dal und Dosa, dem Pfannkuchen aus Reis und Urdbohnen.

Deepa Anappara fängt in ihrem faszinierenden Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ (Rowohlt) die Gerüche und Geräusche ihrer indischen Heimat ein. Motoroller knattern, Hunde bellen, Fahrradrikschas surren, Fernseher und Babys plärren um die Wette. Mit Atemschutzmasken versuchen sich die Menschen vor dem Smog zu schützen. Da Anapparas funkelnde Geschichte in einem Armenviertel (Basti genannt) spielt, riecht man beim Lesen gelegentlich auch die nahegelegene Müllkippe und die gemeinschaftliche Toilettenanlage.

Der neunjährige Jai lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester inmitten des engen, lauten Soziotops. Er sitzt zwar lieber vor der Glotze als zu lernen, aber er streunt auch oft neugierig durch die Gassen, schnappt Gespräche und Konflikte auf. Besorgt beobachtet er, wie korrupte Polizisten Schmiergelder erpressen und mit dem Abriss der illegal erbauten Häuser drohen.

Deepa Anappara porträtiert ihren Ich-Erzähler als sympathischen und schelmischen Jungen, der ständig Krimis und Polizei-Dokus guckt, und deswegen glaubt, selbst ein guter Detektiv zu sein. Prompt gibt es einen Anlass für Jai, aktiv zu werden: Omvir und Bahadur, zwei Kinder aus dem Basti, sind verschwunden. Jai überredet seine Freundin Pari und seinen Kumpel Faiz, mit ihm zu ermitteln. Die drei Hobbydetektive befragen die Eltern der Verschwundenen und recherchieren im verwinkelten Bhoot-Basar. Dort wimmelt es vor skurrilen Händlern, zwielichtigen Gestalten und Straßenkötern. Im Verlauf der turbulenten Handlung verschwinden noch vier weitere Kinder, aus deren Perspektiven Deepa Anappara in kurzen Einschüben erzählt.

Der bunte Kriminalfall wirkt von Beginn an wie ein realistisches Gesellschaftsporträt. Denn Jai erzählt nicht nur von seinen Träumen und Ängsten. Sondern auch von sozialen und religiösen Spannungen, Kastendenken und Kinderarbeit im heutigen Indien. Ein reichhaltiger, beschwingt formulierter Roman, in dem auch diverse Geister und Götter auftauchen, wie in Indien üblich.

Aufrüttelnde US-Kurzgeschichten

12 Kurzgeschichten, in denen sich Nana Kwame Adjei-Brenyah mit voller Wucht auf brisante, brennende Themen stürzt. 12 Kurzgeschichten über Gewalt, Rassismus, ungezügelten Konsum, Ungerechtigkeit und Armut. 12 Kurzgeschichten, die aufrütteln. Sie haben eine ungeheuerliche Energie.

Hier kommt eine neue, aufregende Stimme aus den USA: Nana Kwame Adjei-Brenyah ist 30 Jahre alt, Sohn ghanaischer Eltern, geboren in Spring Valley, New York. 

Adjei-Brenyah erzählt in „Friday Black“ (Penguin) von einem jungen schwarzen Mann, der sich in der weißen Welt anpassen will, aber immer wieder wegen seiner Hautfarbe benachteiligt wird. Aus Frust und Hass wird er gewalttätig wie sein Kumpel.

Eine andere Geschichte spielt in einer Zukunft, in der die Optimierung der menschlichen Gene ganz normal ist. Wer es sich leisten kann, bringt perfekte, ehrgeizige, arbeitswillige Kinder zur Welt. Optimierte Erwachsene bekommen Chips implantiert, mit denen sie zum Beispiel 10 Mal so schnell lesen können wie andere.

Manche der Geschichten sind surreal – die Patienten eines Krankenhauses fliegen einfach davon, Miniaturwesen leben in Hosentaschen, ein Mensch hüpft von Ast zu Ast. Doch die meisten Texte sind schmerzhaft real und radikal. Sie berichten von Ausgrenzung und Ausbeutung. Junge, zeitgenössische Literatur als laute Anklage gegen Missstände – mich hat dieses Buch umgehauen.

„An jenem Morgen ging es, wie jeden Morgen, schon bei der ersten Entscheidung, die er traf, um seine Schwarzheit. Seine Haut war von einem dunklen, regelmäßigen Braun. In der Öffentlichkeit, wo ihn die Leute sahen, war es unmöglich, seine Schwarzheit auch nur annähernd auf 1,5 herunterzuschrauben. Wenn er eine Krawatte und gute Schuhe trug, immerfort lächelte, in Zimmerlautstärke sprach und die Hände eng und ruhig am Körper herabhängen ließ, konnte er seine Schwarzheit auf 4,0 verringern.“

Ich stelle dieses Buch auch im Podcast LONG STORY SHORT vor. Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

Ein Tag am Meer, viel zu heiß

Von oben brennt die Sonne, und in ihm brodeln Schuldgefühle. Der 17-jährige Léonard taumelt durch den letzten Tag seines Campingurlaubs am Atlantik. Während seine Kumpels weiter trinken, rauchen und flirten, ist Léonard tief verunsichert. In der Nacht hat er einem Jungen beim Selbstmord am Strand zugesehen, ohne etwas zu unternehmen. Nun plagen ihn diese düsteren Minuten – hätte er eingreifen sollen, müssen, können? Ablenkung verspricht die verführerische Luce, die ihn auf einmal wahrzunehmen scheint – soll er ihr nachgeben? Darf er das überhaupt noch, nach seiner Untätigkeit?

Auf nur 150 Seiten entwirft Victor Jestin in „Hitze“ (Kein & Aber) ein intensives, atmosphärisches Drama. Der 26-jährige Autor beschreibt Léonards Dilemma in einer flirrenden, die Hitze und Hilflosigkeit erstaunlich gut transportierenden Prosa. Zu Beginn scheint die Hauptfigur völlig gelähmt zu sein, träge schleppt sie sich durch den Sand, und die Zeit scheint kaum vorüberzugehen. Später zieht Victor Jestin das Tempo und seine Erzählfäden an, und man fiebert mit Léonard mit: Hat ihn jemand in der Nacht beobachtet? Wird ihn Luce aufheitern? Ein von Unsicherheit geprägter Tag am Meer, eindringlich beschrieben in knappen Sätzen.

Schlauchboote und Allmählichkeitsschäden

Kürzere Kurzgeschichten kann man kaum schreiben. Sie sind oft nur eine Seite lang, manchmal sogar nur eine halbe, manchmal fünf Seiten. Franz Hohler, der große Meister der kleinen Form, brilliert in seiner neuen Sammlung „Fahrplanmäßiger Aufenthalt“ (Luchterhand) mit pointierten Szenen aus seinem Alltag und seiner Fantasie.

Er beschreibt ein Konzert ohne Ton, in dem das Hören der Stille zum Erlebnis wird – in Coroa-Zeiten ein sehr passender Moment. Und sonst? Hohler beobachtet eine von Bahngleisen getrennte Entenfamilie, wird von Flüchtlingen in einem Schlauchboot auf einem Schweizer Bergsee überrascht, beschreibt Allmählichkeitsschäden (ja, dieses Wort gibt es tatsächlich, zumindest bei ihm!) an Kunstwerken und Menschen und schildert seine Reiseeindrücke aus Sarajevo, Moskau, Kiew und Usbekistan.

Franz Hohler ist ein schlauer, genauer Beobachter. Ein schmunzelnder, aufmerksamer und bisweilen nachdenklicher Flaneur. Seine feine Prosa überrascht mit unvorhersehbaren Wendungen, beschreibt skurrile Begegnungen und sie scheint bisweilen zu schweben. So leicht und doch so literarisch entzückt sie uns.

„Ich bin gerne Dichter. Lebender Dichter.“ schreibt Hohler, nachdem er von einer zufälligen Begegnung in Zürich erzählt. Ein Passant erkennt den 77-jährigen und bekennt überrascht, er habe nicht gewusst, dass Hohler noch lebe. Auch darüber kann Hohler schmunzeln. Und schreiben. Was für ein weiser, wohltuender Schriftsteller!

Im Interview: Burhan Sönmez

Ein Leben zwischen zwei Kulturen: Burhan Sönmez pendelt zwischen Cambridge und Istanbul, außer in Corona-Zeiten. Der international erfolgreiche Schriftsteller wuchs in Zentralanatolien auf und studierte Jura in Istanbul. Die vielfach ausgezeichneten Romane des 55-jährigen erscheinen in mehr als zwanzig Ländern. Vor kurzem wurde „Labyrinth“ (btb) veröffentlicht, die Geschichte eines jungen Musikers mit Gedächtnisverlust. Ich habe Sönmez vor kurzem interviewt (Fotocredit: Hatice Sahin):

In Ihrem neuen Roman erzählen Sie von Labyrinthen – von echten und von jenen im Kopf. Seit wann beschäftigen Sie sich mit Irrgärten? Ich wuchs in einem Dorf in Zentralanatolien auf, das in einer riesigen Steppe lag. Dieses flache Land war durchzogen von ausgetrockneten Flussbetten, den sogenannten Wadis. Sie wurden tief in die Erde gegraben. Als Kind habe ich dort stundenlang gespielt. Wenn ich in einem Wadi stand, konnte ich nichts außer dem Himmel über mir sehen, und es gab zunächst nur zwei Richtungen, in die ich gehen konnte: Vorwärts oder rückwärts. Wenn ich weiter ging, mündeten andere Flussbetten in mein Wadi. Ich musste mich also entscheiden, ob ich nach rechts oder links abbog oder auf meinem Weg blieb. Das fühlte sich an wie in einem Labyrinth.

Haben Sie später andere, echte Labyrinthe entdeckt? Als ich zum ersten Mal nach Istanbul kam, hatte ich ein ähnliches Gefühl wie in den Wadis. Diese Stadt mit 16 Millionen Einwohnern und tausenden von Gassen wirkte auf mich wie ein undurchdringliches Labyrinth. Auch meiner Hauptfigur Boratin geht das so. Nach einem Selbstmordversuch hat er sein Gedächtnis verloren. Er zieht durch seine Heimatstadt, um seinen Erinnerungen auf die Sprünge zu helfen und um aus dem Labyrinth seiner Psyche zu entkommen. Doch das Gewirr der Gassen stürzt ihn in ein weiteres Labyrinth.

Daraufhin beschließt Boratin, nicht weiter nach seinen Erinnerungen zu suchen. Würden Sie sich in dieser Situation ähnlich verhalten? Nein. Ich bin nicht wie er; ich bin ein Mensch, der von Erinnerungen lebt. Für mich sind sie von entscheidender Bedeutung – sie sind die Quelle des Lebens. Meine Vergangenheit begleitet mich überallhin. Wie wohl jeder andere Mensch bereue ich auch bestimmte Dinge, oder hätte sie gerne anders geregelt. Aber normalerweise erinnere ich mich an die guten Momente.

Können Sie Beispiele nennen? Ich denke oft an meine Teenagerzeit, die ich in dem Dorf verbracht habe. Oder an die ersten Jahre, die ich an der Universität in Istanbul verbrachte. Damals kam ich in Kontakt mit Literatur und Politik, was mich sehr geprägt hat. Sie sehen also, ich bin ein Mensch der Vergangenheit. Andererseits frage ich mich: Was, wenn Boratin recht hat und ich falsch liege? Wenn es wichtiger ist, in der Gegenwart zu leben? Ich habe diesen Roman geschrieben um jemanden zu verstehen der anders ist als ich.

Gab es auch in Ihrem Leben einen Moment, der Ihren Blick auf sich selbst und die Welt komplett verändert hat? 1996 passierte tatsächlich etwas, das mein ganzes Leben veränderte. Ich wurde von der türkischen Polizei niedergeschlagen – diese Männer wollten mich töten. Schwer verletzt, musste ich mich operieren und jahrelang behandeln lassen. In diesen Jahren dachte ich manchmal, dass Selbstmord keine schlechte Wahl wäre. Doch zum Glück habe ich überlebt, und diese schreckliche Zeit führte schließlich dazu, dass ich begann zu schreiben. Erst waren es nur Notizen und Ideen in meinem Krankenlager, doch später wollte ich einen Roman daraus machen. Und seitdem bin ich süchtig danach, mich mit Geschichten zu beschäftigen, die ich selbst erfunden habe.

Sie leben seit vielen Jahren in Cambridge und Istanbul. Wie fühlt sich das Pendeln zwischen zwei Kulturen an? Ich sehe es als großen Vorteil an, denn es sind tatsächlich zwei Welten, in denen ich lebe. Das regt den Verstand und die Wahrnehmung an und es bereichert den Geschmack, den man vom Leben bekommt.

Von den in Großbritannien und der Türkei regierenden Politikern dürften Sie allerdings kaum erfreut sein.  Das kann man wohl sagen. Aber ich bin mit dieser Situation vertraut: Was Politiker betrifft, hatte ich nie Glück; immer gerate ich in eine Lage, in der ich gegen grausame, dumme Politiker kämpfen muss. Das ist mein Schicksal. Auf der anderen Seite sehe ich das als Test: Wird es mir gelingen, beharrlich weiterzukämpfen? Bis jetzt schaffe ich das ganz gut.

In Ihren Büchern erzählen sich die Figuren oft gegenseitig Geschichten, oder sie suchen die Geschichte ihres Lebens, wie in „Labyrinth“. Welche Bedeutung hat das Geschichtenerzählen für Sie? Meine Mutter ist eine großartige Geschichtenerzählerin, und die Freude daran empfand sie immer als den Ursprung des Lebens. Als ich klein war, gab es bei uns im Dorf keine Elektrizität. Also saßen wir rund um das gedämpfte Licht einer Gaslampe und lauschten meiner Mutter, die uns wunderbare Geschichten von Feen und Dschinns erzählte. Das ist meine kostbarste Erinnerung.

Was ist das Besondere an den Erzählungen Ihrer Mutter? Beim Geschichtenerzählen ist nicht das Entscheidende, wie man sie vorträgt oder worum es geht. Der Punkt ist vielmehr der Wunsch und das Verlangen, sie erzählen zu wollen. Meine Mutter war darin eine Meisterin. Sie fragte uns stets: „Na, wollt ihr eine Geschichte hören?“ Und wie wir das wollten! Ihre Geschichten waren wie ein verborgener Schatz, der durchs Erzählen gehoben wurde.

In Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und social distancing ist das gegenseitige Geschichtenerzählen nur noch über Internet oder Telefon möglich. Wie werden wir diese Phase ohne Sozialkontakte überstehen? Es ist möglich. Menschen sitzen jahrelang in dunklen Gefängniszellen und überleben. Jetzt sind wir alle in unseren eigenen Zellen, wie in einem Sciene-Fiction-Film. Nur dass es diesmal real ist. Aber auch wir werden überleben und uns dann über die Dinge austauschen, die uns geholfen und bewegt haben. Erinnern Sie sich an Robinson Crusoe? Er strandete auf einer einsamen Insel und erschuf sich eine komplett neue Welt. Und wir? Den einzigen Rat, den ich geben würde, ist: Wir sollten versuchen uns die Lebensfreude zu bewahren und denen helfen, die uns brauchen.

Wie hat sich Ihr Leben durch Corona verändert? Ich reise nicht mehr, aber davon abgesehen ist mein Leben nahezu gleich geblieben. Ich lese und schreibe fast den ganzen Tag, so wie immer. Schlimm an der Situation ist allerdings, dass ich meine Mutter und meine Geschwister nicht besuchen kann. Andererseits freue ich mich, dass ich nun mehr Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern verbringe.

Paargespräche in Corona-Zeiten

Zu nah, zu eng, zu lange zusammen eingesperrt: In Corona- und Home-Office-Zeiten haben es viele Paare schwerer denn je. Therapeuten warnen: Die erzwungene Gemeinsamkeit kann zu Trennungen führen. Denn die sich normalerweise Liebenden gehen sich auf die Nerven mit all den Macken, die ihre Partner*innen sonst nur am Rande mitbekommen.

Wie tröstlich, dass es auch prominenten Paaren aller Zeiten so geht und ging. Obwohl es früher keine COVID-19-Pandemie gab. In dem hinreißenden Mini-Bildband „Paargespräche“ (C.H. Beck) zeigen Illustratorin Line Hoven und Autor Jochen Schmidt berühmte Paare beim Plaudern. Und vor allem: Sie zeigen, wie sie aneinander vorbeireden. Sich nerven, necken, provozieren. Die kurzen Dialoge sind frei erfunden und doch könnten sie tatsächlich so belauscht worden sein. 

Adam & Eva (im Buch „Eva & Adam“) diskutieren über ihre Paartherapie, Penelope & Odysseus machen Yoga, Prince Philip & Queen Elisabeth streiten über Schuhgrößen und Simone de Beauvoir & Jean-Paul Sartre erinnern mit ihrem Dialog an ein Paar von Loriot. Mit subtilem Humor und feinstem psychologischem Gespür sorgen Line Hoven und Jochen Schmidt für köstliche Schmunzelerlebnisse. Die trockenen, pointierten Gespräche passen perfekt zu den kunstvoll-skurrilen Illustrationen. Und umgekehrt. Ein bezauberndes Buch!

Übrigens: Mit dabei sind auch Caesar & Kleopatra, Gretchen & Faust, Tarzan & Jane, Miss Piggy & Kermit – Winnetou & Old Shatterhand, C-3PO & R2-D2 und viele andere prominente Paare.