Die beste Liebesgeschichte des Jahres

Er stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde soeben mit dem Tukan-Preis der Stadt München ausgezeichnet: Martin Kordic ist mit „Jahre mit Martha“ (S. Fischer) die beste Liebesgeschichte des Jahres gelungen, die zudem sehr geschicktThemen wie Integration, Migration und das Leben in einer Zwei-Klassengesellschaft  behandelt.

Zum Plot: Er heißt Željko und ist fünfzehn, als er sich in Martha verliebt. Er ist der Sohn kroatischer Einwanderer aus der Herzigowina, sie ist ist eine wohlhabende Professorin aus Heidelberg, bei der Željkos Mutter als Putzfrau arbeitet. Željko wünscht sich das, was Martha hat: Bücher, Bildung und Souveränität. Und er ist bereit alles zu tun um in Deutschland anzukommen, um endlich wahrgenommen zu werden. Also lernt er, die Sprache, das Lieben, das Leben.

Martin Kordic erzählt von der ungewöhnlichen Liebesbeziehung in einer bezaubernden Sprache, leichtfüßig, nie kitschig oder klischeehaft, sondern immer wach und wahrhaftig, fein und mit einem sagenhaft trockenen Humor. Martha und Željko radeln nachts mit dem Fahrrad durch Heidelberg, schreiben sich später fast 60 Briefe, in denen sie Fernschach spielen, treffen sich auf der Nordseeinsel Juist, fahren in Marthas BMW zur Beerdigung von Željkos Großvater und bleiben stets miteinander verbunden, auch wenn sie sich monatelang nicht sehen.

Doch nachdem Željko in München seinen Uni-Abschluss gemacht hat, fühlt er sich zunehmend fremd im eigenen Leben. Zu welchem Land, zu welcher Lebenseinstellung, zu welcher Seite gehört er? Macht ihn der soziale Aufstieg glücklich oder die Zugehörigkeit zu seiner Diaspora-Familie? Balkanesische Verlorengegangenheit nennt Martin Kordic dieses dunkle Gefühl, und er komponiert seinen Roman so geschickt, dass er bis zum Schluss spannend bleibt. Eine berührende Liebesgeschichte, ein Migrations- und Coming-of-Age-Roman, wow, ein literarisches Geschenk.

Hypnotische Prosa

Kommen Sie mit, treten Sie ein, ziehen Sie die zwei schweren Vorhänge zur Seite, und schon sind sie im Dunkelzimmer. Zwei Matratzen, zwei Sofas, sonst nichts. Hier im tiefen Schwarz dürfen Sie alles, wirklich alles. Zum Beispiel Sex, egal mit wem oder wie.

Dieser Kellerraum in Isaac Rosas Roman „Im dunklen Zimmer“ (Liebeskind, übersetzt von Luis Ruby) entstammt der Idee einer Gruppe von Freunden. Olga, Sergio, Susana, Victor, Raúl, Maria, Jesus und einige andere haben ein Ladenlokal gemietet, als Arbeitsplatz, Übungsraum, Studierzimmer oder Werkstatt. Das Dunkelzimmer liegt darunter und ist ein Experiment, ein bewusstes Erkunden der Begierde und anderer Bedürfnisse, und auch dieser Roman wagt sich an unbekannte Stellen, er zoomt direkt ins Dunkel, erfasst das Rascheln, Stöhnen, Tasten, und so wie sich der Puls der Freunde im Versteck beschleunigt, geht auch beim lesen der Puls nach oben.

Mit hypnotischer Prosa, atemlos, mit hunderten Kommata, wie schnelle Wellen, die ans Ufer schlagen, erkundet Isaac Rosa den Einfluss des Dunkelzimmers auf die Clique. Im Laufe von 15 Jahren wird der Raum zum Fixpunkt, zum Zufluchtsort vor tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen und existenziellen Krisen.

Die Freiheit im Dunkelzimmer führt zu Eifersuchtsdramen, Spannungen und Abstürzen. Erregung und Beklemmung liegen nah beieinander. Ein formal herausragender und herausfordernder Roman über Dunkelheit und Licht, und eine Gemeinschaft von Menschen, die sich selbst all ihren Bedürfnissen stellt, egal wie dunkel sie sind.

Kommt, staunt und genießt!

950 Zuschauer*innen in der herrlichen klassizistischen Alten Oper Erfurt (Foto mit Charlotte Link beim Soundcheck), eine hochpolitische Lesung mit dem ukrainischen Schriftsteller Andrej Kurkow beim Festival „Mord am Hellweg“ (Foto rechts)…

…ein großartiger Gesprächsabend mit Arne Dahl im Literaturhaus Herne (Foto unten vor dem roten Vorhang), zwei weitere Lesungen mit dem schwedischen Thrillerstar und Schauspieler Peter Lohmeyer, drei finnische Autor*innen auf der Bühne in Frankfurt… (Foto unten mit Milla Ollikainen)

Ja, es war viel los bei mir in den letzten Wochen, und ich habe jede dieser Moderationen genossen, als etwas Besonderes empfunden. Denn so richtig bin ich noch nicht wieder an die geballte Ladung Live gewöhnt – in zwei Jahren Pandemie hatte ich manchmal fast vergessen, wie erfüllend und erhellend der direkte Kontakt mit Autor*innen und ihrem Publikum für alle Beteiligten sein kann. Nun sind die Bühnen wieder offen, seit Monaten, und ich habe viele ausverkaufte Abende erlebt, viel Begeisterung, viele funkelnde Augen. Nichts gegen Zoom- oder Teams-Talks, aber die „echten“ Lesungen sind nicht zu ersetzen.

Es gab allerdings auch Veranstaltungen, bei denen spürbar war, dass sich zahlreiche Lesende noch nicht zurück in die Öffentlichkeit trauen – Tickets verkaufen sich zurzeit nicht leicht, und Veranstalter*innen fragen sich verunsichert, ob ihre Stammgäste wieder zurückzugewinnen sind.

Ich hoffe es sehr, denn es gibt nichts Schöneres als Literatur Live – egal ob in riesigen Hallen mit Bestsellerautor*innen, in kleinen Buchhandlungen mit weniger bekannten Schreibenden oder in renommierten Literaturhäusern.

Also, falls ihr es noch nicht wieder ausprobiert habt: Kommt, staunt und genießt! (Fotografin Herne: Claudia Korbik)

Dunkel und elegant

„Im Traum laufe ich über die schäumende Gicht, über Baumkronen, wir sind keine Grenzen gesetzt. Ich laufe über Berge und Vulkane, springe über Wolkenfelder, immer weiter. Ich bin im dazwischen, in den Tiefen des Ozeans, verliere mich in der Weite des Horizonts. Meine Beine tasten ins Leere, meine Hände greifen ins Nichts. Es ist als würde ich fallen, schweben, fliegen, oder alles zu gleich. Dann fällt der Himmel auf mich, saugt das Meer mich ein, erstickt mich der Wald. Ich kriege keine Luft. Alles ist dunkel als ich aufwache. Ich weiß nicht wo ich bin.“

Schwerer als das Licht von Tanja Raich

Tanja Raich weitet den Blick in ihrem Roman „Schwerer als das Licht“ (Blessing). Sie platziert ihren Plot in einem Paradies. Auf einer tropischen Insel voller Pflanzen, Blüten und Tiere. Es gibt dort alles, was man zum Leben braucht. Eine Frau, die im Süden der Insel gestrandet ist, nutzt die Gaben der Natur, sie baut sich ein Haus und lebt sich ein. Einmal bekommt sie Besuch von einem Mädchen aus dem Norden, das sagt: wir warten auf dich, und etwas später meint es zu der Frau: du bist hier falsch.

Dann passiert Unheimliches: die Blätter der Bäume färben sich schwarz, sie brechen ab und zerbröseln. Nichts wächst mehr. Am Ufer liegen tote Fische. Sterne fallen vom Himmel. Und in der Frau wächst die Angst vor den Leuten aus dem Norden leben. Sie baut ihr Haus zu einer Festung aus und rüstet sich für Angriffe.

Tanja Raich malt faszinierende Bilder mit ihren Worten, Bilder, die man auf verschiedenste Art interpretieren kann. Denn vielleicht erzählt diese Geschichte nicht nur von einer Frau und einer Insel, sondern von der Menschheit und der Zerstörung der Artenvielfalt, von Krieg und Frieden, von Schwere und Leichtigkeit im Leben. Die schleichende Naturkatastrophe beschreibt Tanja Raich schonungslos klar und direkt, doch ihre feine Prosa ist gleichzeitig sanft und stilvoll. Ein berauschendes Leseerlebnis, dunkel und elegant, wie das Cover.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Madrid, 1936

Hier kommt das literarische Vermächtnis der großen spanischen Autorin Almudena Grandes, die 2021 mit nur 61 Jahren verstorben ist: „Die drei Hochzeiten von Manolita“ (Hanser, übersetzt von Roberto de Hollanda).

Madrid, 1936. Im Spanischen Bürgerkrieg spielt die Metropole eine entscheidende Rolle, denn sie gilt als letzte Bastion der Republikaner. Hier ist der Widerstand gegen Francos Putschisten am größten, und Almudena Grandes führt ihre Leser*innen durch ein literarisches Wimmelbild, durch die Gassen, in die Wohnungen, zu den Küstler*innen und Schriftsteller*innen, den Revolutionären und Sozialist*innen, den Anarchisten und Aristokraten, sie ist ganz nah bei ihnen, unter ihnen, sie beobachtet sie, hört zu, dokumentiert ihren Alltag und erstellt daraus eine faszinierende Collage.

Im Mittelpunkt steht Manolita, eine junge Frau, die sich um ihre Familie kümmern muss, nachdem ihre Eltern nach Francos Machtergreifung im Gefängnis gelandet sind. Noch wichtiger: Manolita wird zur Botin für die Oppositionellen, sie schmuggelt Informationen ins Gefängnis, und um leichter dorthin zu kommen, behauptet sie mit Silverio liiert zu sein, einem Untergrundkämpfer, der Flugblätter druckt, und den sie später heiratet. Silverio ist ein Freund ihre Bruders Antonio, der wiederum in die Flamenco-Tänzerin Eladia verliebt ist und untertaucht.

Rund ein Dutzend Geschichten und Schicksale fließen in diesem großartigen Werk zusammen. Almudena Grandes beleuchtet die Zeit von 1936-1945, und deswegen ist ihr Roman hochpolitisch. Dennoch steht Manolita im Vordergrund, eine mutige Frau, über deren Lebensweg Grandes zeigt, wie aus einer Zweckehe wahre Liebe wird. Mir kam der Roman außerdem wie eine Hommage an den Widerstand antifranquistischer Frauen.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Ein Roman, der duftet

Riecht ihr es? „Der Duft von Eis“ von Yoko Ogawa (Liebeskind, übersetzt von Sabine Mangold) ist ein sanfter, feiner Roman über einzigartige Momente und Dinge, die duften. Zum Beispiel der Duft von Tau in einem tiefen Wald oder des Windes, der nach einem Regenschauer in der Abenddämmerung weht. Oder der Duft einer Jasminknospe in dem Augenblick, als sie aus dem Schlaf erwacht. Diese Düfte erkundet ein außergewöhnlich talentierter Parfümeur – Hiroyuki. Seiner Partnerin Ryoko schenkt er zum ersten Jahrestag ein Parfüm, das er selbst hergestellt hat. „Quell der Erinnerung“ nennt er es.

Kurz darauf wird Hiroyuki tot in seinem Labor gefunden. Seine Lebensgefährtin fällt in eine tiefe Trauer, und sie spürt, dass sie mehr über den stillen, bescheidenen Mann herausfinden muss. Denn der Parfümeur hat ihr nie etwas über sich und seine Familie erzählt. Prompt taucht Akira auf, sein jüngerer Bruder, der ihm sehr ähnlich sieht und Ryoko erzählt, dass Hiroyuki als Kind ein Mathematikgenie war. Weitere Geheimnisse kommen ans Licht: Offenbar war er auch ein artistischer Eiskunstläufer, der heimlich vor Publikum geniale Formen lief.

Schließlich reist Ryoko nach Prag, wo ihr Partner vor 15 Jahren an einem Mathewettbewerb teilgenommen hat. Dort führt sie der geschenkte Duft in eine Höhle tief unter der Erde, wo ein alter Mann eine Gruppe von Pfauen hütet und sich an Hiroyuki erinnert. Ihr merkt schon: diese Geschichte basiert auf übernatürlichen, metaphysischen, spirituellen Komponenten, wie so oft in der japanischen Literatur. Fazit: Eine faszinierende Rekonstruktion eines rätselhaften Lebens, ruhig erzählt, von der Meisterin der sanften Eindringlichkeit.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

Die Frau mit dem Gehstock und der Mann mit der Augenklappe

„Die Frau mit dem Gehstock und der Mann mit der Augenklappe.“ So könnte der Untertitel dieses melancholischen Romans lauten. Denn der Plot von Friedrich Anis „Bullauge“ (Suhrkamp) kreist um einen Münchner Polizisten, dem auf einer Demo eine Bierflasche ins Auge geschleudert wurde und der seitdem halbseitig blind ist. Bei der Suche nach den Tätern stößt der Bulle auf eine hinkende Frau, die einer nationalistischen Partei nahesteht und die Polizei hasst.

Kay Oleander und Silvia Glaser heißen die beiden. Sie könnten nicht unterschiedlicher sein, und doch verbindet sie einiges. Sie sind Außenseiter, ausrangiert, verletzt, am Rand der Gesellschaft. Sie sind erschöpft und fühlen sich ohnmächtig in einer gnadenlosen Welt. Friedrich Ani zeigt in Nahaufnahme, wie sich Oleander und Glaser erst misstrauisch beäugen, sich langsam annähern, und schließlich auf eine gefährliche gemeinsame Aufgabe zusteuern.

Denn die Frau erzählt dem Mann von einem geplanten Anschlag der Nationalisten. Oleander und Glaser beschließen, ihn zu verhindern und planen eine Beschattungsaktion, um an Beweise zu kommen. Friedrich Ani erzählt wie immer in seiner ganz eigenen hochwertigen, lakonischen Sprache. Sein Porträt der Frau mit dem Gehstock und dem Mann mit der Augenklappe ist große Literatur in einem kleinen Buch. Ani will wissen, wie das ist, wenn ein Anschlag oder ein Unfall das Leben völlig auf den Kopf stellt, wenn Menschen zu Außenseitern werden. Mich haben seine beiden Figuren tief berührt und noch lange nicht losgelassen.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

Anleitung ein anderer zu werden

„Meine Herkunft war überall in mir, sie bestimmte was ich aß, aber auch wie ich ging, wie ich mich kleidete, wie ich sprach. Mein Körper erzählte eine andere Geschichte als die, die ich durch meinen Willen formen wollte.“

Ich muss ein anderer werden. Ich muss ein anderer werden. Ich muss ein anderer werden. Mantramäßig wiederholt Édouard Louis sein Ziel. Im wahren Leben und in seinem neuen Buch „Anleitung ein anderer zu werden“ (Aufbau, übersetzt von Sonja Finck). Denn er plant eine radikale Veränderung. Er will sich von seiner verhassten Vergangenheit losreißen, koste es, was es wolle. Er will raus aus der Enge und Armut der Arbeiterklasse in Nordfrankreich, rein in die feinsten intellektuellen Pariser Kreise. Und er schafft es. Édouard lernt, anders zu sprechen und zu gehen, er büffelt wie ein Besessener für die Aufnahmeprüfung an einer Eliteuniversität, lässt sich seine Zähne richten und Haare transplantieren.

„Nach und nach löschte ich alle Spuren des Menschen aus, der ich gewesen war.“ schreibt Édouard, und er erzählt davon, wie er mit jedem neuen Schritt glaubte, von seiner Kindheit und seinen Ängsten befreit zu sein. Sein Plan, reich und berühmt zu werden, ein erfolgreicher Schriftsteller, und ein offen schwul lebender Mann, all das empfindet er als Rache an der Welt aus der er kommt. Als Genugtuung für die Erniedrigungen, denen er ausgesetzt war. Dem Mobbing der Mitschüler, die ihn als Schwuchtel beschimpften, und der Kindheit in extremer Armut, der Scham über die eigene Herkunft.

So wird aus Louis´ Erinnerungen die mitreißende Geschichte einer Befreiung, einer Rettung, eines sagenhaften sozialen Aufstiegs. Ein Roman über die Schlüssel und Codes zu einem neuen Leben. Grandios geschrieben und autofiktional.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

Die moderne Pipi Langstrumpf

„Wir ließen uns in den Schatten am Waldrand fallen. Tanja drückte meine Wange gegen die kräftige Erde, ihre raue Hand an meinem Gesicht, und zum ersten Mal fühlte ich: Unter der starren Oberfläche des Dorfes mit seinen alten Häusern und den unbeweglichen Regeln war Leben, der Boden voll mit Würmern, Käfern, kriechenden Wurzeln und Wasseradern.“

Achtung, hier kommt Tanja! Sie ist wild, kreativ, stolz, widerspenstig und voller verrückter Ideen. Keine guten Eigenschaften, wenn man in einem Dorf lebt, wo alles so läuft wie immer und alte Regeln gelten. Doch Tanja ist das egal, sie bringt die Traditionen kräftig durcheinander und hat ein sonniges Gemüt wie ihre Lieblingsblume, die Margerite.

Kerstin Brune erzählt in „Die Jahre des Maulwurfs“ (Penguin) von der modernen Pipi Langstrumpf leicht und locker, mit Sprachwitz und manchmal auch Poesie. Sie fängt Tragik und Komik des Aufwachsens in der Provinz gekonnt ein. Ihre Ich-Erzählerin ist die beste Freundin der rebellischen Tanja, die 30 Jahre später auf die Zeit zurückblickt, in der 2 Mädchen die Erwachsenenwelt in Frage stellen und ihre eigene Welt entwickeln. Sie staunen über die Dorfbewohner und ihre Bräuche, die Hähnchenausstellung, den Landfrauenbasar oder das Alttraktorenfest. Sie lesen gebannt die Entstehungsgeschichte des Dorfes, eine Legende, die mit dem Urbauern und dem Uresel beginnt, und in der auch der Urwirt auftaucht.

Was mir besonders gefallen hat: Dieser Roman ist heiter, aber nicht komödiantisch, schräg, aber nicht abgedreht, merkwürdig und doch ganz normal – denn die Kindheit auf dem Land ist doch immer und überall etwas komisch, wenn man genau hinschaut. Also: Eine bunte Geschichte, die zeigt, wie sehr wir fantasievolle Kinder und ihren magischen Blick brauchen – sonst wäre es einfach nur langweilig in der Provinz und überhaupt.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Barcelona, Billard und Bars

„Der Zufall bringt das Leben durcheinander, die Fiktion hingegen ordnet es.“

Miqui Oteros Roman „Simón“ (Klett-Cotta, übersetzt von Matthias Strobel) handelt von Barcelona, Billard, Bars und der engen Beziehung zwischen zwei Brüdern, die eigentlich Cousins sind. Darüber hinaus ist es eine Geschichte über den Schatz, der Büchern innewohnt, und über die Geldscheine, die zwischen den Büchern einer Bibliothek stecken. Aber eigentlich erzählt der Roman vom Aufbruch ins Abenteuer des Lebens, mit allem, was das an Lust und Leid mit sich bringt.

So, nun aber von vorne: Simón wächst in der Bar seiner Eltern am Stadtrand von Barcelona auf. Er bewundert Rico, seinen 10 Jähre älteren Cousin, der Billard spielt, Motoroller fährt und ihm jeden Sonntag einen Abenteuerroman vom Bücherflohmarkt mitbringt. So wie die Helden in den Romanen möchte Simón selbst einmal sein, und als sein Held Rico eines Tages verschwindet, muss er lernen allein zu bestehen. Rico hat ihm zwar einige versteckte Nachrichten hinterlassen, wie man das hinbekommt mit dem Erwachsenwerden, aber Simón merkt bald, dass er sich den Überraschungen des Schicksals stellen muss.

Er zieht hinaus in die weite Welt, wie eine Billardkugel rollt er umher, wird Koch in Luxusrestaurants, verliebt sich, und vergleicht sein Leben mit jenem von Rico und den Hauptfiguren der Romane, die ihn geprägt haben. Und eines Tages kehrt er wieder zurück nach Barcelona.

Miqui Otero schreibt frisch, fantasievoll und heiter, in einem treibenden, federndern Rhythmus – ein außergewöhnlicher Roman darüber wie die Literatur das Leben beeinflusst, und wie es ist ein romanhaftes Leben zu führen.

Ich stelle den Roman im Spanien-Special meiner Literatursendung bei egoFM vor – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).