Exquisites Vergnügen

Sommer 1968. In Brighton wird ein neuer Kinofilm gedreht, eine dramatische Love Story. Doch das, was hinter den Kulissen des Filmsets passiert, ist noch viel dramatischer und unterhaltsamer als der Streifen.

William Boyd richtet in „Trio“ (Kampa, übersetzt von Patricia Klobuisczy und Ulrike Thiesmeyer) die Scheinwerfer auf eine Schriftstellerin, einen Filmproduzenten und eine Schauspielerin, Elfrida Wing, Talbot Kydd und Anny Viklund. Diese drei haben emotionale Doppelleben voller Geheimnisse und Begierden. Elfrida ertränkt ihre Schreibblockade mit Wodka, Talbot verheimlicht, dass er schwul ist und Anny verliebt sich dauernd in die falschen Männer.

Während der Dreharbeiten eskalieren die verborgenen Wünsche und Hoffnungen, und die bisherigen Leben des Trios geraten aus dem Gleichgewicht. Zwischen Alkohol, Affären, Intrigen, Sex und Betrug erzählt William Boyd seine mitreißende Geschichte.

In seinem 16. Roman begeistert Boyd mit dem kunstvoll komponierten Plot, der das Drama immer mehr zuspitzt. Mit den überzeugenden drei Hauptfiguren, die ihre Rollen und Ziele hinterfragen. Und mit der durch feine Ironie veredelten Sprache.

Ein exquisites Lesevergnügen, wie alle Romane von William Boyd. Ich empfehle zum Beispiel auch seinen vorletzten Roman „Blinde Liebe“ (Kampa, TB bei Heyne), ein grandioses Liebes- und Spionage-Abenteuer wie im Kino auf einer Riesenleinwand.

Ich stelle das Buch heute in meiner Literatursendung auf egoFM vor – ab Montag auch zum Nachhören auf egoFM.de. Zur Show hier. 

Der Schneeleopard

Schneeleoparden zählen zu den seltensten Tieren der Welt. Sie leben meist in 4.000 bis 5.000 Meter Höhe, sie töten blitzschnell ihre Beute im Sprung, und sie sind für Menschen kaum zu erkennen. Deswegen gleicht jeder Versuch, auch nur einen einzigen Schneeleoparden zu entdecken, einem Abenteuer. Und vor allem: Einer schwierigen Übung von Geduld und Achtsamkeit, einer anstrengenden Meditation. Denn nur wer tage- und wochenlang still wartet, hat eine Chance auf eine kurze Begegnung aus weiter Ferne.

In „Der Schneeleopard“ (Rowohlt, übersetzt von Nicola Denis) erzählt der französische Schriftsteller und Abenteurer Sylvain Tesson von seiner Suche nach dem edlen Tier. Gemeinsam mit dem Fotografen Vincent Munier und zwei weiteren Belgeiter*innen reiste Tesson nach Tibet. Auf einer entlegenen Hochebene legte er  sich auf die Lauer und wartete und wartete und wartete. Er beobachtete Wölfe, Yaks, Wildesel, Raubvögel, Gazellen und Füchse, und er wartete weiter auf den Schneeleopard.

Von dieser wochenlangen Zeit der geschärften Aufmerksamkeit, der Stille, der Annäherung, schreibt Sylvain Tesson präzise, elegant und geradezu poetisch. Zum Glück ist er kein selbstverliebter Schwätzer, sondern ein reflektierender, philosophierender Beobachter, der mit Selbstironie nicht spart und einen feinen Humor pflegt. So entsteht aus dem entschleunigten Abenteuer ein kluges Plädoyer fürs Bewahren. Denn Tesson und sein Gefährt*innen sind keine Jäger, keine Wissenschaftler, sondern Künstler. Sie wissen, dass das Tier und die es umgebende Natur ihnen überlegen sind.

Eines Tages taucht tatsächlich ein Schneeleopard auf, stolz, schön, gefährlich und geduldig. Und schon bald verschwindet er wieder. Tesson berichtet von dem Glücksgefühl, ihn gesehen zu haben. Und von der Gewissheit, als Mensch in einer viel niedrigeren Liga zu spielen – als eine lächerliche, zerstörerische Spezies.

Die Erfindung des Dosenöffners

In Tarkan Bagcis „Die Erfindung des Dosenöffners“ (Ullstein) hat Timur einen Traum: Als Star-Journalist wird er über die ganz großen Themen schreiben. Sein Leben wird endlich einen Sinn haben, und natürlich wird er auch seine Traumfrau kennenlernen. Dumm nur, dass es beim Traum bleibt.

Stattdessen steckt Timur in einer Lokalredaktion fest. Der Job ist frustrierend, die Kleinstadt nervt, und Timurs Freunde scheinen Karriere zu machen, ein aufregendes Leben zu führen. Nur er fühlt sich als Loser, gestrandet in der Bedeutungslosigkeit.

Aber dann riecht er sie doch noch, die Hammer-Story: eine alte Frau im Rollstuhl behauptet, dass sie den Dosenöffner erfunden hat und damit reich geworden ist. Timur fährt mit ihr in die Schweiz, und bei dem turbulenten Rod Trip verändert sich sein Blick aufs Leben. Von der coolen, frechen Rentnerin lernt er, dass das Glück manchmal viel näher liegt als man glaubt. Dass das Unspektakuläre erfüllender sein kann als die große Karriere.

Eine herrlich komische Geschichte mit trockenen Kommentaren und köstlichen Vergleichen. Ein Generationen verbindendender, witziger und weiser Roman von Comedy-Profi Tarkan Bagci.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 13. März auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Endlich wieder Festival- und Messeatmosphäre!

Endlich mal wieder in einem Raum mit realen, tatsächlich anwesenden Autor*innen und Kolleg*innen! Endlich mal wieder ein kleines bisschen Festival- und Messeatmosphäre! Ja, es tat so gut…

Am vergangenen Wochenende moderierte ich beim digitalen CRIME DAY in Hamburg Gespräche mit Charlotte Link,  Alex Beer und Bernhard Aichner, und die LONG STORY SHORT Show mit Karla Paul. Unter strengen Hygienevorschriften, versteht sich: Wir alle mussten uns täglich testen lassen, Abstand halten und (bis auf der Bühne) Maske tragen.

Der Aufwand hat sich gelohnt: Dadurch, dass wir uns tatsächlich in die Augen sehen sowie Mimik und Gestik wie vor Corona wahrnehmen konnten, entstand eine viel authentischere Stimmung. Und Spannung, nicht nur wegen der CRIME DAY Inhalte. Eine wunderbare Abwechslung zu den Stream-Moderationen vor Laptop oder Smartphone, die ab jetzt wieder mein Alltag sind. Gestern z.B. moderierte ich eine Lesung mit der Autorin und Psychotherapeutin Heike Duken (Roman „Denn Familie sind wir trotzdem“ – das Video findet Ihr auf Youtube und litlounge.tv).

Ich blicke also sehr gerne zurück auf die anregenden Moderationen in Hamburg. Und ich blicke nach vorne: Spätestens im Sommer wird es wieder Lesungen mit Publikum geben. Schon jetzt sollten mehr Pilotprojekte wie in Tübingen oder Berlin starten, in denen Kultur und Gastronomie mit Schnelltests und Hygienemaßnahmen öffnen. Denn aus diesen Studien lassen sich wertvolle Informationen gewinnen, ob und wie sichere Freizeitaktivitäten möglich sind.

Durch Bosnien im Opel Astra

„Vielleicht ist das Erinnern für mich wie ein zugefrorener See – trüb und glatt -, an dessen Oberfläche sich von Zeit zu Zeit ein Riss auftut, durch den ich meine Hand stecken und ein Detail, eine Erinnerung, im kalten Wasser fassen kann. Doch zugefrorene Seen sind heimtückisch.“

Sara und Lejla, zwei junge Frauen, fahren in Lana Bastašićs Debütroman „Fang den Hasen“ (S. Fischer übersetzt von Rebekka Zeinzinger) in einem Opel Astra quer durch Bosnien. Lejla ist wild und ruppig, sie schmeißt blutige Tampons und alte Kassetten zum Fenster raus. Sara dagegen ist kontrolliert und sie fragt sich, was diese gemeinsame Reise eigentlich soll. Klar, sie wollen nach Wien, denn dort lebt Lejlas Bruder Armin, in den Sara früher verliebt war. Und der eines Tages spurlos verschwunden war. Doch im Grunde genommen kennt Sara Leijla gar nicht mehr, und meist geht sie ihr auf die Nerven.

12 Jahre ist es her, dass Sara Bosnien den Rücken gekehrt hat, um in Dublin ein neues Leben zu beginnen. 12 Jahre herrschte absolute Funkstille zwischen den beiden alten Schulfreundinnen. Jetzt sitzen sie tagelang nebeneinander, auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, und auf der Suche nach Armin. Ein erstaunlicher Freundschaftsroman, sehr wach und scharfzüngig, über heimtückische gemeinsame Erinnerungen. Liest sich wie echte Indie-Literatur mit eigenem Sound, der zwischen rotzfrech und poetisch schwankt.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 13. März auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Tresendialoge in Glasgow

Sie fühlt sich so einsam, dass sie schreien könnte. Und sie vermutet, dass sie unter den Toten besser klarkäme als unter den Lebenden. Die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, die umwerfende Antiheldin aus Simone Buchholz Krimireihe, ist wieder zurück. Endlich.

In „River Clyde“ (Suhrkamp) wirkt Riley kaputter und trauriger als je zuvor. Sie bezeichnet sich als „zerschossene Existenz“, und sie trinkt nach sechsmonatiger Alkoholabstinenz mehr denn je. Vor allem Bier und Whisky. In Dubliner Pubs, denn Riley ist nach Schottland gereist, die Geburtsstadt ihres Ur-Urgroßvaters. Dort soll sie ein Haus erben, und dort stößt sie auf schmerzhafte Familiengeheimnisse.

Die von Simone Buchholz meisterhaft protokollierten Tresengespräche Rileys mit diversen trinkfesten Schotten sind ganz große Literatur. Philosophisch, pointiert, abgedreht, tieftraurig und urkomisch. Es sind Dialoge, die an Raymond Chandler oder James Ellroy erinnern – Buchholz´ Prosa steht jedoch für sich allein, und sie ist wie Chastity Riley selbst: Unverschämt frei von Konventionen, schlagfertig und impulsiv, unverstellt und offen. Hinter der trockenen, lässigen, komischen Oberfläche lauern Einsamkeit und Traurigkeit.

Während Riley Dublin erkundet und ertrinkt, beschattet Kommissar Stepanovic in Hamburg dubiose Immobilienmakler, die als Brandstifter für neuen Baugrund sorgen. Doch der zweite Erzählstrang ist nebensächlich. Entscheidend ist allein, was Riley im grauen Glasgow erlebt, wie sie mit den dunklen Wolken über und in ihr umgeht, wie Bier und Whisky die Kehlen hinunterrinnen, wie der Zigarettenrauch in den Nachthimmel steigt.

Simone Buchholz kratzt nicht an der Oberfläche wie die meisten Autor*innen. Mit ihrer Figur Chastity Riley bricht sie den Boden auf, geht tiefer, und schreibt darüber, wie es dort ist, wo es wehtut. Das geht ans Eingemachte, ans Herz. Es erweitert das Bewusstsein. Und es zeigt, was Kriminalliteratur kann, wenn sie über Grenzen geht.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 13. März auf egoFM vorgestellt und Simone Buchholz interviewt. Zur Show hier. 

Warum ich keine Bücher verreiße

Ich habe keine Lust auf Verrisse. Auf die akribische Suche nach Schwächen und Fehlern, auf eitle Belehrungen und verletzende Schmähungen.

Wozu sollte das auch gut sein? Wem hilft es, wenn Literaturkritiker*innen den Platz, der ihnen in Medien zur Verfügung steht, für Bücher nutzen, von denen sie abraten? Klar: Wenn selbstgefällige Rezensenten ein vernichtendes Urteil fällen, gibt es Schlagzeilen, Klicks und mediales Echo. Aber: Wäre es nicht viel besser, konstruktive Kritik zu üben? Begründete Empfehlungen zu geben? Zum Kauf guter Bücher anzuregen statt vom Erwerb schlechter Literatur abzuraten?

Literaturkritik ist ein komplexes, widersprüchliches Thema. Sie schwebt irgendwo zwischen Journalismus und Literaturwissenschaft, zwischen Lesebegeisterung und Prüfmechanismen. Rezensionen sind so vielfältig wie ihre Verfasser*innen, und die Bandbreite von Literaturkritik ist enorm – sie wird seit Jahren immer größer. Ihr Spektrum reicht von digitalen Buchplattform-Kommentaren, Leserkreis-Tipps und Regionalzeitungs-Buchbesprechungen, über Blogs und Vlogs, bis zur literaturgeschichtlich eingeordneten Feuilletonkritik in Qualitätsmedien.

Diese Vielfalt ist wichtig. Und es lohnt sich, den riesigen Raum zwischen Lob und Tadel, Demütigung und Glorifizierung, Empfehlung und Analyse zu untersuchen. Was passiert dort? Warum begeistern sich die einen für Bücher, während die anderen Werke schmähen? Und was macht mehr Sinn?

Beginnen wir damit, was für mich „gute“ Literatur ist. Bei meinen Rezensionen lege ich ganz bewusst den Bewertungsfokus auf den unmittelbaren Effekt von Romanen. Denn sie sollten Reaktionen auslösen: Freude, Empathie, Spaß, Überraschung, Bestätigung, Trauer, Wut, Fassungslosigkeit. Bloß nicht: Gleichgültigkeit und Langweile. In der Folge passiert dies: Gute Bücher wecken Interesse und schaffen Verständnis für die Situation anderer Menschen. Sie irritieren, verstören, kurz: sie berühren die Seele. Sie unterhalten nicht nur, sondern regen indirekt an, über sich und die Welt nachzudenken. Wenn wir beim Lesen etwas über andere Lebenswelten (oder uns selbst) lernen, verstehen wir diese (und uns) besser.

Gleichzeitig dürfen und sollen uns Geschichten aus dem Alltag entführen, geradezu wegbeamen, und wenn sie das können, wenn sie uns vergessen und abschalten lassen, wenn sie zur Erholung und Erfüllung beitragen, dann sind sie gute Geschichten. Davon bin ich überzeugt.

Moment mal! Ruft an dieser Stelle die traditionelle Literaturkritik. Das ist doch eine völlig unqualifizierte, subjektive Wohlfühlperspektive. Wo bleiben die üblichen Kriterien? Die Qualitätsmaßstäbe betreffend Sprache, Aufbau, Originalität und Relevanz?

Keine Sorge. Sie gelten nach wie vor. Und sie sollten auch Teil (m)einer Rezension sein. Aber sie sollten unterschiedliche Zielgruppen berücksichtigen und nicht von oben herab gepredigt werden. Vor allem sollten sie nicht davon ablenken, dass auch eine scheinbar objektive Beweisführung eines Experten subjektiv ist – anerkannte Literaturkritiker widersprechen sich häufig. Dieser Diskurs ist erfrischend, doch die alleinige, einseitige Vernichtung eines Werkes ohne Widerspruch, das Contra ohne Pro, ist – ja, kontraproduktiv. Eine Seite Verriss – wozu? Um sich an der eigenen Überlegenheit zu erfreuen? Um sich über ein Buch echauffiert zu haben, während dutzende empfehlenswerte Bücher keine Erwähnung finden? Das schadet der Literatur.

Nicht zu vergessen: Auch ein herausragender literarischer Text kann zum Gähnen langweilig sein, wohingegen eine scheinbar simple Geschichte bewegen und begeistern kann.

Ja, wir brauchen professionelle Literaturkritik. Um Bücher einordnen und einschätzen zu können. Um für unsere Leseentscheidung mehr zur Verfügung zu haben als Klappen- und PR-Texte oder Online-Kommentare. Kritik dient immer als Orientierung, und es hat auch durchaus seinen Reiz, wenn Denis Scheck in „Druckfrisch“ schonungslos über die Titel der Bestsellerliste urteilt. Er darf das. Denn im Rest seiner Sendung lobt und feiert er die Literatur so schwärmerisch wie kaum ein anderer renommierter Kritiker.

Selbstverständlich nähere ich mich den zu begutachtenden Werken kritisch. Doch die Stärken hervorzuheben und die Schwächen zu erwähnen, erscheint mir sinnvoller als den Finger in die Wunde zu legen. Falls mir ein Roman überhaupt nicht zusagt, schreibe ich einfach nicht darüber. Denn die Zeilen, die ich für eine Abrechnung verbrauchen würde, fehlten für Literatur, die ich ans Herz legen möchte. Und davon gibt es mehr als genug.

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

„Für das, was wir taten, gab es wieder Tradition noch Vorbild. Wir fanden es mit jedem Schritt. Dabei gab es definierte Grenzen, wir hatten uns darauf geeinigt, dass die Strafen, wie das erste Mal, Überraschungen sein würden. Er würde nicht wissen was kommt.“

Lucy bestraft Jake, ihren Mann. Drei Mal. Denn er hat sie betrogen. Doch „Die Harpyie“ von Megan Hunter (C.H. Beck, übersetzt von Ebba D. Drolshagen) ist kein typisches Ehedrama oder Mainstream-Beziehungsthriller. Der kurze Roman gleicht vielmehr einem brillanten Psychogramm.

Denn über der Geschichte von Rache und Vergebung schwebt eine Harpyie, dieses Mischwesen aus der griechischen Mythologie. Die Vogelgestalt mit Frauenkopf hat Lucy schon als Kind fasziniert, und nun, in ihrer Wut und Verzweiflung als betrogene Ehefrau, wird die Harpyie zu ihrem Vorbild. Und, noch wichtiger: Lucy wird selbst zu einer Harpyie, ihr Körper und Geist scheinen sich zu verändern, und sie findet Gefallen daran, Jake zu verletzen.

Megan Hunter genügen wenige Worte, um tiefe Abgründe einzufangen. Von Beginn an umgibt ihren Roman etwas Bedrohliches, Unheimliches – die Familienidylle wird von Lucy und Jake nur imitiert, wie von Schauspielern. Dahinter toben Stürme, und hinter Hunters reduzierter, klarer Sprache flackern Kindheitstraumata auf, stürzt das Ehepaar ins Dunkel, fällt Lucy aus der Rolle. Deren aufgewühlten, rätselhaften Zustand vermittelt die britische Autorin ungefiltert und radikal, als wären da keine Buchseiten, keine Sätze, sondern stünde Lucy persönlich vor einem, als flattere die Harpyie aus dem Roman.

Eine intensive Geschichte, und eines jener Werke, die sich im beunruhigenden Mittelreich zwischen Wahn und Wirklichkeit abspielen. Hintergründig und gefährlich wie ein Tornado.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 27. Februar auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Der psychische Preis des Tötens

„Ich erforsche die Psyche von Kämpfern schon über 20 Jahre. Ich weiß, was zu tun ist, um Soldaten tödlicher, disziplinierter und auch resistenter gegen Traumata zu machen.“

Wie motiviert man Soldaten zu töten? Wie erreicht man, dass sie daran nicht zerbrechen? Die Psychologin Abigail kennt die Antworten. Seit vielen Jahren berät sie das israelische Militär – Abigail hält Vorträge vor Soldaten, gibt Generälen psychologische Tipps. Sie will das Siegen lehren, und die psychischen Folgen des Tötens möglichst gering halten. Gewissensbisse scheint sie bei dieser Arbeit nicht zu kennen.

In „Siegerin“ (Kein & Aber, übersetzt von Ruth Achlama) zeigt Yishai Sarid seine Hauptfigur als ehrgeizige Wissenschaftlerin. Kühl und kühn erfüllt Abigail ihre Aufträge, um ihr Land in kriegerischen Konflikten zu stärken. Ihr Vater, selbst ein Psychologe, hatte vergeblich versucht, sie davon abzubringen.

Als ihr Sohn Schauli jedoch zum Wehrdienst eingezogen wird, kommt Abigail ins Grübeln. Wird der empfindsame junge Mann die Kriegseinsätze verarbeiten können? Schließlich weiß die Expertin: Jeder Tötungsakt hat einen psychischen Preis. Ein guter Freund Abigails ist schwer traumatisiert, und ihre beste Freundin, eine Hubschrauberpilotin, erlitt bei einer Gefangenenübung einen schweren Knacks. Und so steckt Abigail plötzlich in einem Dilemma. Was wiegt schwerer, das Wohl ihres Landes oder das ihres Kindes?

Mit geradezu unheimlicher Ruhe schildert Yishai Sarid Abigails souveräne Siege und ihren Versuch, auch privat Niederlagen zu vermeiden. Über die Figur der Militärpsychologin widmet er sich brisanten Fragen: Darf man junge Menschen in den Krieg schicken? Kann man das gesellschaftlich akzeptierte Töten lernen? Sarids Leistung besteht unter anderem darin, nicht klar Stellung zu beziehen. Er führt seine Leser*innen in zwei gegensätzliche Welten, die zivile und die militärische, und in beiden gelten andere moralische Grundsätze, die nachvollziehbar sind. Was passiert, wenn sie kollidieren? Ein vielschichtiges, aufwühlendes Drama, gekleidet in kurze sanfte Sätze. Herausragend!

Mein Interview mit Yishai Sarid lief in meiner Literatursendung vom 27. Februar auf egoFM vor. Zur Show hier. 

Berlin, 90er, wild

„Nach einer durchtanzten Ewigkeit fallen wir die Treppen hoch ins Tageslicht, die Kehlen pappig vom Rauch. Eine böse Helligkeit knallt uns ins Gesicht.“

„Lustprinzip“ (Rowohlt Berlin), ein kurzer und lässiger Tresenroman von Rebekka Kricheldorf, katapultiert uns von der ersten Seite an ins wilde Berlin der Neunzigerjahre. Man riecht die Kellerclubs und Kaschemmen, hat das Gefühl, mit der Hauptfigur Larissa durchs Nachtleben zu torkeln, und sieht sie alle vor sich: Die Exzentriker, Punks, Partypeople, Blumenkinder, Alkoholiker, WG-Bewohner und Hausbesetzer.

Willkommen in der Subkultur, könnte also das Motto dieser Geschichte heißen. Larissa und ihre Leute müssten eigentlich längst studieren oder wenigstens jobben, doch sie drehen sich im Kreis zwischen Alkohol, Partys, Sex und Kippen. Rebekka Kricheldorf holt ihre Figuren ganz nah ran, sie zeigt ihre Einsamkeit, ihre Unsicherheit, ihre Abstürze. Das rauschhafte Durchmachen der Nächte endet immer wieder im grellen bösen Tageslicht, und Larissa fragt sich, ob sie jemals den Mann fürs Leben finden wird oder einen geregelten Job.

Ein starker, roher, abgebrühter Berlinroman mit einer ganz eigenen, herben poetischen Ebene.

In meiner Literatursendung auf egoFM war Rebekka Kricheldorf zu Gast. Einfach auf der egoFM-Homepage zur Show vom 13.2. scrollen.