Neuerscheinung · Rezension · Sachbuch

Die Arabisierung der deutschen Sprache

„Dies Büchlein ist ernsthafter sprachwissenschaftlicher Schwachsinn.“

Stimmt genau, was Abbas Khider über sein neues Buch schreibt. In „Deutsch für alle“ (Hanser) skizziert der deutsch-irakische Autor die Grundlagen des von ihm erfundenen Neudeutsch. Einer Sprache, die einfacher und logischer ist als das uns bekannte Deutsch. Und wozu dieser höchst amüsant und intelligent umgesetzte Quatsch? Nun, zunächst einmal möchte Khider ganz egoistisch seine chronischen linguistischen deutschen Traumata überwinden. Darüber hinaus will er anderen Einwanderern den Einstieg ins Deutsche erleichtern und uns Altdeutsche dazu ermuntern, die eigene Sprache durch den Blick von außen neu zu betrachten.

Das alles gelingt Khider. Mit trockenem Humor schafft er Dativ und Genitiv ab, widersetzt sich der Autorität des Artikels und streicht die Deklination, die funktioniere „wie die Verhörbeamten in einer Diktatur.“ Auch dem deutschen Satzbau geht er an den Kragen: Das Verb steht im Neudeutsch immer nach dem Subjekt. Präpositionen werden reduziert, Verben sind untrennbar. Fertig ist sie, die vereinfachende Arabisierung der deutschen Sprache.

Ein origineller Sprachspaß mit zahlreichen Anekdoten aus Abbas Khibers Ankunft in Deutschland, seinem Studium und Rückblicken auf seine religiöse Phase als Jugendlicher. Zum Glück wollte er dann doch lieber Schriftsteller statt Imam werden: „Schöner zu schreiben als Allah, das war mein Plan.“ Ob ihm das mit seinem Neudeutsch-Lehrbüchlein gelingt? Eher nicht. Aber er verfasst ja auch Romane.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Berlin, 1942

Täter oder Opfer? Stella Goldschlag war beides. Die 1922 in Berlin geborene Jüdin erklärte sich 1943 bereit, mit den Nazis zusammenzuarbeiten. Zuvor hatte sie vergeblich versucht, aus einem Sammellager zu fliehen und wurde gefoltert. Um ihre Eltern vor der Deportation zu schützen, arbeitete sie für die Gestapo. Goldschlags Aufgabe bestand darin, das Vertrauen untergetauchter Juden zu gewinnen und sie später zu denunzieren.

Aus dieser wahren Geschichte hat Takis Würger mit „Stella“ (Hanser) einen kurzen, eindrucksvollen Roman gemacht. Der 33-jährige Autor erzählt seine Version aus der Perspektive eines jungen, wohlhabenden Schweizers. Friedrich kommt 1942 nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er auf das Aktmodell Kristin. In Jazzclubs, auf Partys und in Friedrichs Luxushotel kommen sich die beiden näher. Zwischen Bombenalarm, Nazipropaganda und Lebensmittelrationierungen zelebriert das junge Paar seine Liebe, als gäbe es keinen Krieg und keine Judenverfolgung. Doch Takis Würger streut stichwortartig und dokumentarisch Fakten und Ausschnitte aus Prozessakten in seinen Roman.

Eines Tages gesteht Kristin Friedrich, ihn belogen zu haben. Stella sei ihr richtiger Name, und sie sei Jüdin. Friedrich akzeptiert die große Lüge und den großen Verrat seiner Frau. In knappen, schnörkellosen Sätzen lässt Takis Würger seinen Ich-Erzähler auf das Jahr 1942 zurückblicken.: „Diese Frau trug so viele Rollen in sich, das Aktmodell, die Sängerin mit der dünnen Stimme, die Schönheit in meiner Badewanne, die Büßerin, die Lügnerin, das Opfer, die Täterin. Stella Goldschlag, die Greiferin, meine Frau.“ „Stella“ zeigt, wie nah Leichtigkeit und Schuld, Liebe und Verrat sein können. Ein kleiner, großer Roman.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Typisch Houellebecq!

Typisch Houellebecq. Diese unvergleichliche Mischung aus Gossenjargon und Hochliteratur.

„Schlampe“, „Schwuchtel“, „Schwänze“ – gepaart mit philosophischen Ausführungen über die fragwürdige menschliche Existenz. „Ein Stück Scheiße“, „Muschi“, „am Arsch“ – gepaart mit feinstem Lobgesang auf die Liebe und bitterbösem akademischem Abgesang auf das Abendland. All das bietet „Serotonin“ (DuMont), Michel Houellebecqs neuer Roman.

„Ich war nie etwas anderes gewesen als ein substanzloses Weichei“ sagt die Hauptfigur Florent-Claude Labrouste. Ein 46-jähriger Landwirtschaftsexperte, der Antidepressiva schluckt und die Schnauze voll hat vom Leben, von den Frauen, von Paris, von der EU, vom Neoliberalismus, von Behörden, von alten Nudisten, von sich selbst, vom globalen Freihandel, ach, von allem. „Meine Arbeit im Landwirtschaftsministerium widerte mich an, nebenbei bemerkt, genauso wie meine japanische Partnerin, ich machte eine schwere Zeit durch, manche bringen sich wegen weniger um.“

Mit Zynismus und Ironie lästert sich Florent-Claude Labrouste durch den Roman. Ein intellektueller Wutbürger, der überall negative Entwicklungen sieht, Ausbeutung und Kapitulation der Kleinbauern, Massentierhaltung, Missachtung der Probleme der Menschen. Ein Philosoph des Untergangs. Ein Mann ohne Illusionen oder Hoffnungen. Hinter seinem rotzig-gleichgültigen Ton steckt tiefste Einsamkeit, und Labrouste wirkt erschreckend klar in seiner Isolation. Sich selbst bescheinigt er „eine friedvolle, gefestigte Traurigkeit.“

Nur Sex könnte ihn noch retten. Doch den hat er schon lange nicht mehr. Also die Liebe? „Sie blieb das Einzige, an das man vielleicht noch glauben konnte“ – doch auch sie ist Labrouste abhanden gekommen. Sehnsüchtig erinnert er sich an Claire, Kate und Camille, und er weiß, dass er selbst schuld daran ist, dass er seine geliebten Frauen verloren hat.

Michel Houellebecq hat einen düsteren, pessimistischen Roman geschrieben. Viele Elemente dieses Buches kennen seine Leser bereits, es ist der typische Houellebecq-Ton, die typische Houellebecq-Hauptfigur. Und dennoch ist es auch ein sehr aktueller, wacher Roman. Eine unterhaltsame, spannende Provokation von höchster literarischer Qualität. Houellebecq eben.

 

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Was dieser französische Roman mit einem Kuchen zu tun hat…

Die unauffälligen Kuchen in der Vitrine. Die nicht protzen mit Größe und Aussehen. Die mit inneren Werten überzeugen. Das sind die Romane von Jean-Philippe Blondel

Der französische Bestsellerautor schreibt kurze, knapp formulierte Romane in eher bodenständiger Prosa. Und doch berührt er seine Leser zutiefst, auch mit seinem aktuellen Werk, „Ein Winter in Paris“ (Deuticke).

Blondel erzählt von Victor, einem Gymnasiallehrer und Schriftsteller, der vor 30 Jahren die Provinz hinter sich ließ und an einem elitären Lycée studierte, obwohl er aus einfachen Verhältnissen stammte. Plötzlich sind die entschwundenen Erinnerungen an diese Zeit wieder da. An den Winter 1984. An den Selbstmord von Victors Kommilitone Mathieu, mit dem er ab und zu eine Zigarette rauchte. Dessen Tod änderte Victors Position als Außenseiter:

„Ich wurde zu einer Vertrauensperson, einem Geheimnisträger, dem zukünftigen Schriftsteller von Romanen, die im Paris der achtziger Jahre spielen. Ich war begehrt. Und das überraschte mich immer wieder.“

Der Freund des Opfers, das ist die Rolle, die Victor fortan einnimmt. Eine Rolle, die ihm hilft, seinen Platz in der Welt zu finden. Sein Leben zu beginnen. Das wird Victor, inzwischen 49 Jahre alt, im Rückblick klar. Jean-Philippe Blondel hat eine empathische, leise Geschichte über Freundschaft geschrieben. Er hat einen Kuchen gebacken, der vielleicht nicht besonders beeindruckend aussehen mag, jedoch schon bald einen intensiven, wunderbaren Geschmack entwickelt. Aufgrund der hochwertigen Inhaltsstoffe.

 

 

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Lärm in São Paulo

„Wir sind nicht nur, was wir essen, vermute ich seit langem. Wir sind auch, was wir hören.“

Es gibt bessere Viertel in São Paulo, aber auch schlechtere. Ein Biologielehrer hat sich mit seiner winzigen Wohnung in hässlicher Umgebung abgefunden – bis ihn der Lärm eines Nachbarn zur Weißglut treibt. In ihrem neuen Roman „Der Nachbar“ (Tropen) erzählt die brasilianische Autorin Patrícia Melo vom Terror der Geräusche von oben. Vom Terror im Stockwerk drüber, der aus einem friedlichen Menschen einen hasserfüllten Mann macht, der zu fast allem fähig ist. Ein bitterböses Lehrstück.

Der Biologielehrer, genervt vom Klappern, Poltern, Dröhnen, Klongen und Knacken, lässt sich auf einen Kleinkrieg mit seinem Nachbarn ein. Sie zerkratzen gegenseitig ihre Autos und zeigen offen ihre Abneigung. Der Konflikt eskaliert in der Wohnung des Nachbarn, als es zu einem Gerangel kommt, in dem der Biologielehrer dem Lärmmacher ins Bein schießt und dieser zu Boden fällt, wobei er so schwer stürzt, dass er stirbt. Der Lehrer ist geschockt. Er weiß, dass ihm niemand glauben würde – also zersägt er die Leiche und vergräbt sie im Wald.

Doch er wird ertappt und angeklagt. Zudem verlässt ihn seine Frau für einen anderen Mann. Wird es der Anwalt des Biologielehrers schaffen, ihn wegen einer Dysfunktion des Gehirns freizubekommen? Patrícia Melo schreibt lakonisch aus Sicht des unfreiwilligen Täters, sie redet nicht drumherum und erschafft so ein rohes, fesselndes Protokoll. Eine kriminell gute Parabel auf Stille und Nachbarschaft, auf Schuld und Verbrechen. Und nebenbei ein authentischer Einblick ins Alltagsleben São Paulos.

Rankings · Romane · TOP 10

Meine 12 Lieblingsbücher des Jahres

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Nickolas Butler – Die Herzen der Männer / Bernhard Schlink – Olga / Simone Buchholz – Mexikoring / Alex Capus – Königskinder / Kathrin Weßling – Super, und Dir? / Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland / Adrian Mc Kinty – Dirty Cops / Celete Ng – Kleine Feuer überall / Nina George – Die Schönheit der Nacht / Ferdinand von Schirach – Strafe / Julia von Lucadou – Die Hochhausspringerin / Haruki Murakami – Die Ermoderung des Commendatore /

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Baumstark, dieses Buch!

Weihnachten. Baumzeit.

Bäume beeinflussen allerdings auch sonst unser Leben, und vor allem in diesem Buch: Dorothy und Ray pflanzen jedes Jahr einen neuen Baum für ihre Liebe. Patricia beweist als Forscherin, dass Bäume kommunizieren. Douglas überlebt einen Flugzeugabsturz nur deswegen, weil er in einen Baum fällt. Einfühlsam erzählt Richard Powers in „Die Wurzeln des Lebens“ (S. Fischer) von neun Menschen und ihrem Bezug zu Kastanien-, Maulbeer-, Mammut- und Feigenbäumen.

Der US-Autor lässt sich Zeit, viel Zeit, und man muss sich auf seine Figuren ernsthaft einlassen. Sobald man das tut, wachsen sie einem allerdings ans Herz, und Powers´ Geschichte wächst wie ein Baum, langsam und beeindruckend. Im letzten Drittel führt er die Biografien der einzelnen Baumliebhaber zusammen – die Menschen setzen sich mit großer Kraft gegen das Fällen ihrer Lieblinge ein. Wie im Hambacher Forst, an den man natürlich sofort denkt, obwohl Powers von einem anderen Land und einer anderen Zeit erzählt.

Ein epischer Roman, der zeigt: Wir müssen für den Erhalt der Bäume kämpfen – so wie Dorothy, Ray und die anderen das in dieser baumstarken Geschichte tun.