umka, arena, juri jakowlew, irina link, arena, literaturblog, günter keil Menschen – das sind Bären, die die ganze Zeit auf den Hinterpfoten laufen und ihr Fell ausziehen können.“

In dem wunderbaren Bilderbuch „Umka – Die Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft“ (Arena) von Juri Jakowlew erklärt eine Eisbärenmutter ihrem Sohn die Welt. Umka heißt der Kleine, und er ist neugierig auf das, was ihn außerhalb seiner Schneehöhle erwartet. Behutsam führt ihn seine Mutter in die Geheimnisse des Nordpolarmeers ein. Der Himmel ist für die Eisbären „das obere Meer“, die Sonne „der glitzernde Fisch“, und die Menschen? Tja. Sonderbare Wesen. Umka möchte zu ihnen, sie kennenlernen, und er hat Glück: eines Tages trifft der kleine Eisbär einen kleinen Jungen. Sie mögen sich, trotz aller Unterschiede, und sie werden Freunde.

Die Illustratorin Irina Link fängt die Weite und Leere im Eis mit zauberhaften Bildern ein. Gemalt hat sie übrigens ganz traditionell, in Acryl auf Leinwand. Ihre sanften Weiß- und Blautöne passen perfekt zu dieser ruhigen, liebevollen Geschichte, die der russische Schriftsteller Juri Jakowlew schon 1969 schrieb. Ein Klassiker also, neu illustriert in einem großformatigen Buch, das seine Leser mit viel Wärme durch die kalte Jahreszeit begleitet.

christian v. ditfurth, zwei sekunden, carl´s books, literaturblog, rezension, günter keilSpeichellecker, Opportunisten, Bürokraten. Sie sind in der Überzahl in der Berliner Politik und in den Ermittlungsbehörden. Über sie schreibt Christian v. Ditfurth – doch er hat auch ihren Gegenspieler, einen unkonventionellen Ermittler, erfunden: Hauptkommissar Eugen de Bodt, der in seinem zweiten Fall „Zwei Sekunden“ (carl´s books) auftritt. De Bodt ist der einzige, der nach einem Anschlag auf die Wagenkolonne der Bundeskanzlerin und des russischen Präsidenten brisante Fragen stellt, riskante Wege geht. Drei Beamte in einem nachfolgenden Wagen sterben, als die Bombe hochgeht – und in den nächsten Tagen werden weitere Minister und Beamte ermordet. Wer steckt dahinter? Tschetschenen, Russen, Islamisten? In enormem Tempo schildert Christian v. Ditfurth, wie sich BKA, BND, Kanzleramt, russische Geheimdienste und die Polizei ein Wettrennen um die Aufklärung liefern. Eugen de Bodt und seine beiden Mitarbeiter schnappen schließlich die Drahtzieher. Sie decken auf, dass Wirtschafts- interessen hinter der mörderischen Aktion stecken. Doch in diesem intelligenten Thriller geht es um viel mehr als einen Fall: um Macht und Moral, um den Zynismus in der Spitzenpolitik. Herausragend!

Schon lange trieb ihn nur noch die Macht an. Sie war ein einzigartiges Gefühl. Mit Geld nicht zu bezahlen. Aber die Macht hatte einen Preis. Die Angst, sie zu verlieren.“

Ich interviewe Christian v. Dithfurth, Marc Elsberg u.a. ab morgen live im Web-TV auf Litlounge.tv – mehr Infos hier.

adriaan van dis, das verborgene leben meiner mutter, droemer, rezension, literaturblog, günter keilYou must sacrifice family on the altar of fiction.”

Dieses Zitat von David Vann stellt Adriaan van Dis seinem aktuellen Roman Das verborgene Leben meiner Mutter“ (Droemer) voran. Und tatsächlich: der vielfach preisgekrönte niederländische Schriftsteller opfert seine Familie auf dem Altar der Fiktion. Genauer gesagt: er opfert seine Mutter. Van Dis schildert auf knapp 300 Seiten seine Versuche, die Wahrheit über ihre Vergangenheit zu ergründen. Er tut dies unverfälscht, radikal und ehrlich. Die Besuche bei seiner Mutter, seine Fragen, ihre Antworten, seine Zweifel, ihre Lügen, sein Wunsch nach Ehrlichkeit, ihr Versuch der Vertuschung – Adriaan van Dis protokolliert ein sehr persönliches Duell, einen Kampf um Erinnerungen. „Warum hast du geschwiegen?“ fragt er seine Mutter. „Warum hast du nicht nachgefragt?“ kontert sie. Mutter und Sohn fahren zum früheren Haus des Großvaters auf einem Polder, und van Dis wird klar, dass er über das Landleben seiner Familie kaum etwas weiß. Auch über die Flucht seiner Eltern nach Niederländisch-Indien, heute Indonesien, wurden ihm offenbar bewusst Details verheimlicht. Wie ein Archäologe gräbt er immer tiefer, hebt verborgene Schichten der Familiengeschichte. Ein starker, aufregender Roman mit grandiosen Dialogen, in dem Adriaan van Dis weder sich selbst noch seine Mutter schont.

jarett kobek, ich hasse dieses internet, literaturblog, günter keilWir produzieren in einem fort Inhalte für gewaltige Konzerne, die sich weigern, uns für unsere Arbeit zu bezahlen.“

Jarett Kobek hat die Schnauze voll. In seiner Polemik „Ich hasse dieses Internet“ (S. Fischer) rechnet der US-Autor mit Google, Amazon, Apple & Co. ab, mit den Reichen und Mächtigen, den Medien, den unsozialen Auswüchsen des Kapitalismus. Eine schräge Streitschrift mit viel Selbstironie – die Bezeichnung „Roman“ führt in die Irre, denn Kobeks Handlung ist so verworren wie das Internet. Macht aber gar nichts. Was dieses Buch auszeichnet, sind – neben harten Fakten – die Wut und der Witz, mit denen Kobek in den Kampf zieht. Er prangert die Lügen von Politikern und Konzernbossen an, deckt Ungerechtigkeiten auf und regt zum Nachdenken an. Eine Abrechnung, die aufrüttelt!

Geld ist die Einheit, in der Demütigung gemessen wird.“

paul mcveigh, lesung, literaturblog, günter keilStille. Absolute Stille. 200 Zuschauer hören gebannt Paul McVeigh zu. Ich sitze neben dem nordirischen Schriftsteller auf der Bühne in Olpe und bin einfach nur dankbar. Für diesen Job. Für dieses Publikum. Für diese Literatur, die live noch lebendiger, greifbarer wird. McVeigh beantwortet meine Fragen nach seiner Kindheit inmitten des Bürgerkriegs in Belfast. Der 48-jährige spricht über die Angst, die er und seine sieben Geschwister hatten, über den Humor, den sie als Schutzschild und Waffe benutzten, über Bomben und Schüsse, die Armut seiner Familie, das Zusammenleben von einem Dutzend Menschen in zwei Zimmern. All dies floss in Pauls Roman „Guter Junge“ ein – ein Buch, mit dem der Ire einer Generation eine Stimme geben will, die unter Alpträumen und Schlaflosigkeit gelitten hat.

Natürlich sprechen wir auch über Whiskey, Irish Dance, Kilts. Und über alles, was das Leben ausmacht. Über Liebe und Leidenschaft, Krankheit und Tod. Ist das nicht wunderbar? Literatur führt Menschen zusammen, bewegt, immer wieder. Besonders dann, wenn Autoren auf Leser treffen. Dass ich diese Abende mit meiner Moderation mitgestalten kann, freut mich jedes Mal aufs Neue.

In den vergangenen zwei Monaten war ich wieder in ganz Deutschland unterwegs – mit Simon Beckett, Arne Dahl, Petros Markaris & Esmahan Aykol, Garry Disher und vielen anderen Künstlern. Und immer gab es einen oder mehrere magische Momente. Vielen Dank an alle, die das möglich machen: Autoren wie Paul McVeigh und ihre Verlage, Veranstalter wie Georg Spielmann von der Dreimann Buchhandlung, Menschen, die sich auf das Live-Abenteuer Lesung einlassen.

ian mc ewan, nussschale, rezension, literaturblog, günter keilVieles deutet darauf hin, dass Ian McEwan an „Nussschale“ (Diogenes) mehr Spaß hatte als an all seinen vorangegangenen Romanen. Schon der erste Satz, reinstes Vergnügen: „So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau.“ Doch bald geht es um Leben und Tod.

McEwan erzählt seine subtile Geschichte aus der Perspektive eines Ungeborenen. Zwei Wochen sind es noch bis zu seiner Geburt, und doch ist dieser Fötus intelligenter als viele Erwachsene. Er reflektiert über das Weltgeschehen, und er bangt um seine Zukunft. Weil seine Mutter einen Mord begehen will. Trudy, so heißt die Londonerin, will ihren Gatten John umbringen. Mit seinem Bruder Claude hat sie eine Affäre, und gemeinsam wollen die Liebenden John aus dem Weg räumen. Ein Brudermord, der an „Hamlet“ erinnert.

Direkt aus dem Mutterbauch heraus entfaltet Ian McEwan ein virtuoses Kammerspiel. Ein mörderisches und auch köstliches Vergnügen, wie das Ungeborene einräumt: „Ich weiß, dass Alkohol meiner Intelligenz schadet. Er schadet jedermanns Intelligenz. Aber ach, ein wonniger, die Wangen rötender Pinot Noir, ein stachelbeeriger Sauvignon, lassen mich durchs inwendige Meer taumeln und purzeln, bis ich gegen die Wände meines Schlosses kugle, dieser Springburg, in der ich hause.“

lars kepler, playground, günter keil, interview, literaturblog In ihrer Heimat Schweden sind sie Stars, auf der Straße werden sie um Selfies und Autogramme gebeten. Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril, besser bekannt als Lars Kepler, feiern mit ihrer Krimiserie um Joona Linna riesige Erfolge. Die Romane des Ehepaares werden in 40 Ländern gelesen. Vor kurzem erschien „Playground“ (Piper), ein Thriller außerhalb der Serie. Ich habe Alexandra und Alexander dazu interviewt.

Hat das Schreiben schon einmal zu einer Ehekrise geführt? Schon oft! Als wir mit unserem ersten Roman begannen, krachte es dauernd. Damals waren wir es nicht gewohnt, Kompromisse einzugehen, und so prallten zwei ziemlich große Egos aufeinander. Jeder von uns war der Meinung, dass seine Ideen oder Formulierungen besser waren als die des anderen. Die Scheidung hing lange Zeit wie ein Damoklesschwert über uns – zumindest dann, wenn wir im Schreibprozess waren.

Wie habt Ihr dann doch noch die Kurve gekriegt? Wir haben gemerkt, dass wir zusammen besser sind – und das bedeutete, aufeinander einzugehen. Geholfen hat auch, dass wir das Pseudonym „Lars Kepler“ verwendeten: damit machten wir uns und allen anderen klar, dass es sich um ein neues, gemeinsames Projekt handelt, in dem unsere Eigeninteressen nichts zu suchen haben. Mittlerweile sind wir ein sehr gut eingespieltes Team, und wir schreiben wirklich gemeinsam am Text, nicht parallel oder abwechselnd. lars kepler, playground, günter keil, interview, literaturblog

In „Playground“ hat Eure Hauptfigur Jasmin bei einer OP ein Nahtoderlebnis und bekommt später immer wieder Halluzinationen. Basiert das auf einem wahren Fall? Ja. Alexanders Vater erzählte uns, dass er bei der schwierigen OP nach seinem Herzinfarkt in eine völlig andere Welt abtauchte. Er hatte das Gefühl, in Asien zu leben und erinnerte sich an jedes Detail seiner mysteriösen Reise. Das hat uns zu dieser Geschichte inspiriert. Jasmin kehrt auch immer wieder in ihr in dieses dunkle Reich in China zurück – und niemand glaubt ihr.

Stehen diese Halluzinationen für den Tod? Wir wollten keinen düsteren Thriller über den Tod schreiben, sondern über eine starke Frau, die leben will. Selbstverständlich drohen in unseren Büchern Gefahren, und es geht auch mal um Leben oder Tod. Aber wir möchten nicht eine dunkle, depressive Stimmung verbreiten. Uns geht es vielmehr um Empathie für unsere Figuren. Andernfalls wäre das Schreiben für uns eine Belastung.