Von der Ranch in die Boxhalle

„Ich werde eines Tages Boxweltmeister sein, und es ist mir egal, wie lange das dauert.“

Der US-Schriftsteller und Musiker Willy Vlautin porträtiert in seinem neuen Roman „Ein feiner Typ“ (Berlin) einen ungewöhnlichen Außenseiter. Horace heißt der junge Mann, der auf einer Ranch arbeitet. Er ist halb irisch und halb Paiute, ein „Halbblut“, nirgendwo so richtig daheim.

Obwohl er Tiere und die Arbeit auf der Ranch mag, und obwohl ihn das alte Rancherehepaar Mr. & Mrs. Reese wie einen Sohn behandelt, zieht es Horace in die Stadt. Er möchte Preisboxer werden. Siege erringen. Berühmt werden. Mr. & Mrs. Reese ahnen, dass das nicht gut gehen kann, doch Horace will seinen Traum verwirklichen. Um jeden Preis.

Statt Ranch, Pferden, Schafen und Lagerfeuer zählen nun also Boxhallen, Kämpfe, Trainingseinheiten und Deals mit Trainern. Eine unbarmherzige, harte Welt. Willy Vlautin begleitet Horace verständnis- und liebevoll, so wie er das mit all seinen Figuren macht. Wie in einer ruhigen, stimmungsvollen Dokumentation zeigt Vlautin Horaces unbändigen Willen. Und seine dramatischen Niederlagen. Mr. & Mrs. Reese möchten Horace zurück auf die Ranch holen, sein Leiden beenden, ihm die Ranch überschreiben. Doch Vlautin ist zu sehr Realist, um ein Happy End zu konstruieren.

In Vlautins Romanen kämpfen anständige, arme Amerikaner um Anerkennung und Würde. Meist verlieren sie. Und dennoch gewinnen sie: die Herzen der Leser*innen, die sich von Vlautins stillen Meisterwerken berühren lassen.

Auf Tour: Unsere Literaturshow

Es ist soweit: Die Literaturshow „Die Seitenspringer“ geht im September auf Tour – Karla Paul und ich präsentieren unser spannendes Buch-Battle mit 18 aktuellen Romanen und Sachbüchern in acht Städten.

6. September in Herne (Literaturhaus) Tickets hier.

10. September in Kiel (Hugendubel)

11. September in Hannover (Hugendubel)

12. September in Würzburg (Hugendubel)

13. September in Erfurt (Hugendubel)

17. September in Leipzig (Hugendubel)

27. September in Köln (Crime Cologne, mit Katrine Engberg und Leon Sachs). Tickets hier. 

21. November in Berlin (Hugendubel Steglitz)

Wir garantieren: so wurde Literatur noch nie präsentiert. Lasst Euch überraschen und stimmt jeden Abend live darüber ab, welche Titel gewinnen. Karla und ich freuen uns auf Euch!

Die mysteriöse Bedeutung von Hochzeitsfotos

„Als ich jung war, glaubte ich an fast alles, und später an fast gar nichts mehr, und irgendwann in dieser Zeit dürfte mir der Glaube, dürfte mir das Glauben abhanden gekommen sein.“

Franz wächst in den Bergen Tirols auf. Seine Eltern betreiben einen Gasthof und richten Hochzeiten aus – Franz fotografiert die glücklichen Paare. Doch er zweifelt an der Wahrheit und Einzigartigkeit dieses „schönsten Augenblicks des Lebens“. Die immer gleich inszenierten Feiern und Fotos scheinen das Glück nur vorzugaukeln. Und tatsächlich: nach einer der Hochzeiten stürzt nachts eine frisch getraute Braut den Berghang hinunter und stirbt; zuvor hatte sie Streit mit ihrem betrunkenen Ehemann. Dieser tragische Moment geht Franz nicht aus dem Kopf, ebenso wenig wie der nächtliche Spaziergang mit einem Mädchen namens Sarah, in die er sich verliebte, und die er aus den Augen verlor.

In feiner, präziser Prosa porträtiert der Österreicher Norbert Gstrein in „Als ich jung war“ (Hanser) einen jungen Mann, der spürt, dass er sein Glück woanders suchen muss. Franz zieht nach Wyoming in den USA und arbeitet dort als Skilehrer. Einer seiner Schüler ist ein Professor, der Franz Komplimente macht und über sieben Jahre hinweg immer bei ihm Unterricht nimmt. Bis er schließlich Selbstmord begeht. Franz ist erschüttert über diesen zweiten Todesfall in seiner unmittelbaren Nähe. Welche Geheimnisse und Sorgen hatte der Professor, und warum stürzte die Braut in den Tod? Haben die beiden Ereignisse etwas mit ihm zu tun? Stecken hinter Menschen und Fotos doch immer ganz andere Geschichten, als diejenigen, die erzählt werden?

Diese Fragen umkreist Norbert Gstrein gleichermaßen einfühlsam und unterhaltsam, auf hohem sprachlichen Niveau. Sein kunstvoll komponierter Roman sucht auch nach einer Definition von Heimat und nach dem angemessenen Umgang mit einer unerfüllten Liebe. Franz, die sympathische, suchende Hauptfigur, kehrt schließlich zurück nach Österreich. Ob er dort endlich Gewissheit und Orientierung findet? Und vielleicht doch noch einmal auf Sarah trifft? Norbert Gstrein schickt seinen Protagonisten auf einen verschlungene Weg mit vielen Überraschungen. Der 58-jährige Autor formuliert lange, unaufdringliche Sätze, deren Ruhe und Kraft wohl nicht zufällig an die Berge Tirols erinnern.

Mehr Humanismus!

Was tun gegen Trump, Putin und die Populisten in Süd- und Osteuropa? Gegen die Schere zwischen Arm und Reich, die Konzentration von Macht und Kapital? Paul Mason legt mit „Klare, lichte Zukunft“ (Suhrkamp) eine 400 Seiten starke Streitschrift vor. Der britische Wirtschaftsjournalist und Politaktivist fordert eine Rückbesinnung auf humanistische Werte. Mason, der sich in seinem Bestseller „Postkapitalismus“ bereits Gedanken über eine neue Wirtschaftsform machte, stört die fortwährende Dominanz des Neoliberalismus:

„In der Ära der freien Marktwirtschaft lernten wir, die Unterwerfung des Menschen unter die Marktkräfte zu akzeptieren. Wir behandelten Begriffe wie Bürgerrechte, Moral und Handlungsmacht so, als wären sie irrelevant in einer von Konsumentscheidungen und kreativer Finanztechnik beherrschten Welt.“

Nun sei es an der Zeit, etwas zu ändern, fordert Mason. Schluss mit Fatalismus, „der vorherrschenden Geisteshaltung auf unserem Planeten“. Mason blickt zunächst zurück. Er beschreibt, wie Donald Trump überhaupt an die Macht kommen konnte. Wie die Wirtschaftselite weltweit auf Deregulierung drängte, die organisierte Arbeiterklasse verschwand, die Ungleichheit wuchs und der Staat der Gesellschaft in sämtlichen Lebensbereichen den Wettbewerb aufzwang. Und: Wie viele Menschen offenbar ihre Fähigkeit zum logischen Denken verloren haben, und wie die autoritären Rechten geschickt davon profitierten.

Für Paul Mason steht fest: Der Mensch muss in den Mittelpunkt unserer Weltsicht rücken, nicht der Profit. Die Propaganda von Eliten, Faschisten und Bürokraten muss intelligent widerlegt werden. Folgerichtig zeigt Mason etwa, wie man Technologien zur Förderung des menschlichen Wohlergehens nutzen könnte. Für den Briten steht zudem fest: Nur wenn wir gegen Monopole und Preisabsprachen kämpfen, gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und Lohnstagnation, sowie das Horten von Informationen, hat der Humanismus noch eine Chance.

„Klare, lichte Zukunft“ ist die perfekte Ergänzung zu Yuval Noah Hararis genialer Bestandsaufnahme „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ (C. H. Beck). Während Harari ausgewogen und ruhig argumentiert, spürt man Masons Zeilen seine Wut und seinen Willen an, etwas zu verändern. Zwei wichtige, kluge Bücher.

Beruhigungsmittel und Buttercremetorte

Ich muss gestehen: Mit Komödien habe ich meistens Probleme. Die Plots sind mir zu banal, die Sprache kommt mir doof vor, und die „Witze“? Sind nicht witzig. Ich suche seit Jahren verzweifelt nach geistreichem Humor, nach amüsanter Lektüre, bei der ich mich nicht fremdschämen muss – und was finde ich? Vielleicht zwei, drei neue Romane pro Jahr.

Soeben ist eine Geschichte erschienen, bei der ich endlich wieder gelacht habe. „Wir von der anderen Seite“ (Ullstein) von Anika Decker ist turbulent und witzig, modern und doch mit dem Charme einer alten Screwball-Komödie. Im Mittelpunkt steht Rahel, eine junge Drehbuchautorin. Sie wacht plötzlich in einer Klinik auf, lag im Koma. Der Grund: Multiples Organversagen. Rahel ist geschockt, aber zuversichtlich. Sicher ist sie bald wieder draußen. Doch von wegen: Monatelang zieht sich die Behandlung hin, dann folgt die Reha, schließlich die Rückkehr ins „normale“ Leben. Aber was ist schon normal, wenn man komplett aus der Bahn geworfen wurde?

Mit irrem Tempo und hoher Wortwitzdichte erzählt Anika Decker vom Hoffen und Leiden ihrer Heldin, von Reha- und Klinikdepressionen und Selbstmitleid. Rahel, die sich selbst als neurotisch und besitzergreifend beschreibt, wirkt ausgesprochen sympathisch. Sie kämpft sich mit Unterstützung ihrer Familie durch diese schlimme Zeit, freundet sich mit anderen Leidenden an und verteilt Seitenhiebe aufs Filmbusiness, berichtet von den Eitelkeiten der Branche. Rahels Drama in Komik zu verwandeln, ist eine große Leistung.

Anika Decker, selbst erfolgreiche Drehbuchautorin mehrerer Til-Schweiger-Filme, schafft das Unvorstellbare: Die literarische Verbindung von Physiotherapie und Pärchenwochenende, von Beruhigungsmittel und Buttercremetorte.

Edward Hopper und die Literatur

„Ich bin der festen Überzeugung, dass Hoppers Bilder über die sichtbare Wirklichkeit hinausreichen und den Betrachter in einen virtuellen Raum stellen, wo allein das Gefühl Geltung besitzt und einen beherrschenden Einfluss ausübt.“

Vor 15 Jahren erschien im Schirmer/Mosel Verlag ein Buch, in dem der US-Dichter Mark Strand 30 Gemälde Edward Hoppers interpretierte. Ein schmaler Band mit kurzen, klaren Texten. Ein zeitloses Beispiel, wie Moderne Kunst und Literatur ineinander fließen können, und: wie man kompetent und literarisch Bilder kommentiert, ohne in abgehobenen Kuratorenjargon zu verfallen.

Mark Strand, der 2014 verstarb, beschäftigt sich darin mit den verborgenen Bildstrategien Hoppers, er untersucht die Geometrie einzelner Werke, die Anordnung von Gegenständen, die Stärke des Lichts und das narrative Potential der Gemälde.

In „House by the Railroad“ entdeckt Strand „eine Aura schroffer Ablehnung“, in „Western Motel“ berührt ihn „eine erstaunliche Ruhe“ und „Room in New York“ erinnert den Lyriker an Vermeer. Strands Texte stehen meist auf der gegenüberliegenden Seite von Hoppers Bildern, sodass ein direkter Vergleich leicht fällt. Ein kluges, kleines Buch, das anregt und erklärt, auch 15 Jahre nach seinem Erscheinen.

Dass Edward Hopper noch immer Schriftsteller inspiriert, zeigt „Nighthawks“, 2016 bei Droemer erschienen.17 Bilder, zu denen Starautoren spannende Kurzgeschichten erdacht haben. Mit Stephen King, Michael Connelly, Jeffery Deaver, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Ebenfalls sehr zu empfehlen, auch für Leser*innen, die noch nicht Hopper-Fans sind.

Der Gesang der Flusskrebse

Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras ins Wasser wächst und Wasser in den Himmel fließt. Träge Bäche mäandern, tragen die Sonnenkugel mit sich zum Meer, und langbeinige Vögel erheben sich mit unerwarteter Anmut – als wären sie nicht fürs Fliegen geschaffen – vor dem Getöse tausender Schneegänse.“

Dies ist ein Roman über die Eleganz der Kanadareiher, die Schnelligkeit der Rotschwanzbussarde und die Geheimnisse der Krähen. Über die herrlichen Federn dieser Tiere und deren Heimat: Das Marschland an der Küste North Carolinas. „Der Gesang der Flusskrebse“ (Hanserblau) von Delia Owens ist jedoch vor allem ein Roman über eine junge Frau, die inmitten des sumpfigen Niemanslands lebt: Kya.

Der Plot beginnt im Jahr 1952. Kya, die jüngste von fünf Geschwistern, wird von ihrer Mutter und ihren Geschwistern verlassen. Etwas später bricht sie mit ihrem Vater und lebt allein in einer klapprigen Hütte in selbstgewählter Einsamkeit. Kya sammelt und katalogisiert Insekten, Muscheln, Blumen und Federn. Sie weiß mehr über die Gezeiten, Adler und Sterne als die meisten Menschen je wissen werden. Doch sie kann weder lesen noch schreiben – im nahegelegenen Dorf wird sie als „Sumpfgesindel“ oder „Marschmädchen“ verspottet. Zwei junge Männer interessieren sich dennoch für Kya – mit dramatischen Folgen: Einer stirbt auf mysteriöse Weise und der andere macht sich sein Leben lang Vorwürfe, Kya verlassen zu haben.

Der Zoologin Delia Owens ist mit ihrem Debütroman ein kleines Wunder geglückt. Wenn sie detailliert und poetisch von den Kanälen, Flussarmen und dem Flickenteppich aus Wasser und Land schreibt, durch den Kya mit ihrem Boot gleitet, verblasst die Welt außerhalb dieses Romans. Owens fängt meisterhaft Gerüche und Geräusche ein. Sie beschreibt bildhaft Lagunen und Grasinseln, beobachtet interessiert Truthühner, Hirschkühe und Silberreiher. Und, noch wichtiger: Von der ersten bis zur letzten Seite begleitet sie Kya, ist ganz nah bei ihr, beschützt sie.

Doch die 70-jährige Delia Owens kann (und will) nicht verhindern, dass ihre außergewöhnliche Heldin in einen Sumpf aus Vorurteilen gerät. Ein bewegendes Drama um das vielschichtige, geheimnisvolle Leben im Marschland sowie um die Abgründe menschlichen Lebens und Liebens. Naturkunde trifft auf Literatur – eine faszinierende Verbindung.

Türkisches Gefängnis-Grau

Manchmal nimmt die Literatur die Wirklichkeit voraus. Aslı Erdoğan schrieb 2009 „Haus aus Stein“ ihre bekannteste Erzählung, die jetzt erstmals auf Deutsch bei Penguin erscheint. In starken, schweren Worten und mit düsteren Bildern schildert die türkische Schriftstellerin darin einen Gefängnisaufenthalt.

2016 wurde Erdoğan selbst überraschend und ungerechtfertigt verhaftet und ins Frauengefängnis Bakırköy-Istanbul gesperrt. Für 132 Tage. All ihre Unterlagen wurden beschlagnahmt. Das Verfahren läuft weiter, sie wurde bis heute nicht freigesprochen. Ein Skandal, ein Alptraum, ein weiterer von tausenden Beweisen, dass kritische Stimmen in der Türkei zum Schweigen gebracht werden. Willkürlich und brutal.

Aus dem Exil in Berlin hat Aslı Erdoğan das Vorwort zu „Haus aus Stein“ verfasst: „Dieses Buch ist ein aus Worten geschaffenes Grabmal, eine Klage um einen wirklichen Toten, ein stets unvollendet bleibender Abschied.“ heißt es darin. Und tatsächlich: Ihr Text um Mauern, Steine und das Gefängnis-Grau, um Schreie und Blut, ist politisch, persönlich und poetisch.

„Meine Blicke durchbohren Steine, durchbohren ganze Stockwerke, durchbohren Dächer und gar die Decke des sich herabsenkenden Himmels, und dann steigen sie empor in die Tiefen der Finsternis. Ich stehle die Nacht dieser Welt und bringe sie zu uns herab.“

Ab heute online: Antworten auf drängende Buchfragen

Sind wir alle verführbar? Kann man den Inhalt von Romanen riechen? Wie liest sich moderner Feminismus? Wo lebt man besser: auf dem Land oder in der Stadt?

Darüber diskutieren Karla Paul und ich in unserer neuen Podcast-Folge. Wir stellen aktuelle Romane von Chip Cheek und Roxane Gay vor, schwärmen von Backlist-Titeln von Juli Zeh und John Burnside, und wir beeilen uns. Denn jeder hat zunächst nur 60 Sekunden pro Buch. Anschließend fragen wir nach und sprechen über unsere Leseeindrücke.

In Folge 7 von „Long Story Short“ gibt es außerdem ein Interview mit US-Autor Chip Cheek – er ist derjenige, der weiß, ob wir alle verführbar sind. Und der erzählt, warum ihn das Meer so fasziniert.

Alle Folgen, auch ohne iTunes oder andere Plattformen, könnt Ihr kostenlos hier anhören. Viel Spaß! 

Sex, Liebe, Lügen

„Er begleitet sie zum Taxistand, presst die Lippen an ihren Hals. Adèle springt in den Wagen, ihr Haar ist verwuschelt, ihr Körper von Liebe getränkt. Ihre mit Gerüchen, Zärtlichkeiten und Speichel gesättigte Haut strahlt in neuer Frische. Jede Pore verrät sie. Ihr Blick glänzt feucht. Sie wirkt wie eine Katze, lässig und kess.“

Wenn dieser neue Roman aus Frankreich ein Film wäre, bekäme er eine Altersfreigabe wohl erst ab 16 oder 18. Denn die Sex-Szenen sind heftig. Und verstörend. Aber notwendig. Denn Leïla Slimani in „All das zu verlieren“ (Luchterhand) erzählt von Adèle, einer zerrissenen Frau. Nach außen führt die Journalistin ein privilegiertes Leben in einem schicken Pariser Viertel, mit Ehemann und kleinem Sohn. Doch in ihr brodelt es.

Adèle sucht den Schmerz, das Risiko, die Gefahr. Sie liefert sich fremden Männern aus, möchte harten, animalischen Sex haben. Ein wütendes Verlagen treibt sie ins Verderben, immer wieder aufs Neue. Schnell, klar und nüchtern porträtiert Leïla Slimani ihre getriebene Hauptfigur, in einer flirrenden, stichwortartigen Prosa.

Kann Adèle ihrem wahren Wesen entfliehen, ihrem Verlangen entsagen? Diese Fragen ziehen sich durch den Roman. Nachdem Adèles Ehemann Richard einen schweren Unfall hatte, möchte er mit seiner Frau von vorne anfangen, aufs Land ziehen, endlich ein echtes Familienleben führen. Ist das die Chance für Adèle, vor sich selbst in Sicherheit zu geraten. Oder wird dadurch alles noch schlimmer werden?

Prix Goncourt-Preisträgerin Leïla Slimani beschönigt nichts. Ihr Sex-Liebe-Lügen-Roman wirkt authentisch und zeigt eine Frau, die zwischen zwei Welten hin- und hergerissen wird. Mehr über den Roman auch in meinem Podcast „Long Story Short“, Folge 4. Einfach hier klicken. 

„Adèle hat die Welt zerrissen. Sie hat die Beine der Möbel abgesägt, hat die Spiegel geblendet. Sie hat den Geschmack der Dinge verdorben. Die Erinnerungen, die Versprechen, all das ist wertlos.“