Interview · Kurzgeschichten

„Wir sind alle Syrer“ – Wladimir Kaminer im Interview

Seit Wochen steht Wladimir Kaminer mal wieder oben in den Bestsellerlisten. Diesmal mit „Ausgerechnet Deutschland“ (Goldmann), einem bemerkenswerten Band mit Kurzgeschichten über Flüchtlinge. Kaminers typischer Mix aus Witz, Weisheit und Augenzwinkern hat ihm eine Gesamtauflage seiner Bücher und Hörbücher von mehr als 3,7 Millionen beschert. Hier mein Interview mit dem 50-jährigen Deutschrussen:

 In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie: „Wir sind alle Syrer“ – wie meinen Sie das? Hinter jeder Familiengeschichte steckt zumindest zum Teil eine Flüchtlingsgeschichte. Schauen Sie meine Familie an: Meine Mutter musste 1941 aus Moskau flüchten, meine Schwiegereltern entkamen 1991 aus Grosny, und ich selbst habe 1990 als Flüchtling in Ostberlin um humanitäres Asyl gebeten. Gegen das Schicksal der syrischen Kriegsflüchtlinge ist meine Geschichte natürlich ein Witz, und ich hatte viel Glück. Aber ich kenne das Gefühl, in einem neuen Land von vorne zu beginnen.

Welches Bild hatten Sie von Deutschland, als Sie sich von der Sowjetunion aus auf den Weg in den Westen gemacht haben? Literatur und Musik waren die Köder, die uns aus der Heimat lockten. Die Kunst und die Kultur des Westens, so dachten wir, wollten nicht bessere Menschen aus uns machen oder uns erziehen wie im Sozialismus. Vielmehr erschienen sie uns als ein großes, freies, buntes Abenteuer. Da wollten wir hin. Der Westen war wie eine verbotene Frucht.

Und wie erlebten Sie dann die Realität? Es war eine fremde, spießige, kleinbürgerliche Welt, die auf uns wartete. Sie hatte Angst vor Fremden und keine Lust auf Abenteuer. Sie war bei weitem nicht so spannend und interessant, wie in den Büchern, die wir gelesen hatten. Wir sind aber trotzdem geblieben. Und es gab auch positive Seiten: Am Tag meiner Ankunft wurde Deutschland Fußballweltmeister – alle waren gut drauf und hatten Bierflaschen in der Hand. Also kaufte ich mir auch eine.

Heute haben wieder viele Menschen Angst vor Fremden. Blicken Sie nun, 28 Jahre nach Ihrer Einwanderung, trotzdem positiver auf Deutschland? Auf jeden Fall! Deutschland hat sich unglaublich entwickelt, in jeder Hinsicht. Daran kann auch die AfD nichts ändern. Die Vereinigung mit den anderen europäischen Staaten in der EU hat sehr viel gebracht. Natürlich kann man die ökonomisch-politische Ausrichtung der EU kritisieren, aber kulturell ist Deutschland durch sie einen Riesenschritt nach vorne gekommen. Ich fühle mich hier sehr zu Hause.

In „Ausgerechnet Deutschland“ schreiben Sie über skurrile Situationen im Umgang mit Flüchtlingen. Hatten Sie keine Bedenken, ein so heikles Thema aufzugreifen? Nein, denn ich suche immer nach menschlichen Tragödien, um darüber lachen zu können. Das lustvolle Scheitern ist so eine Sache, die mir sehr gut gefällt. Und nachdem Tragödien vor allem dort entstehen, wo zwei Welten aufeinanderprallen, die einander überhaupt nicht kennen, ist die so genannte Flüchtlingskrise genau mein Thema. Dazu kam auch noch, dass in dem brandenburgischen Dorf, in dem ich lebe, Flüchtlinge einquartiert wurden. Ich konnte sie und die Reaktionen auf ihre Ankunft aus nächster Nähe beobachten. Doch die Realität ist einfach zu skurril: kaum hatte ich das Buch geschrieben, waren die Flüchtlinge schon wieder weggeflüchtet.

Ist das ein Scherz? Nein. Die Syrer aus unserem Dorf sind nach Cottbus gezogen, weil sie plötzlich dort ihre Zukunft zu sehen glaubten. Dann wollten sie wieder zurück zu uns. Ihr Familienoberhaupt bereute den Umzug und sagte, die Zukunft läge auf keinen Fall in Cottbus. Jetzt weiß aber keiner, ob das überhaupt geht mit dem Zurückgehen.

Das Glück liegt also auch für Flüchtlinge immer anderswo. Ganz genau. Es bleibt eine der großen menschlichen Illusionen, dass man woanders hin muss, um glücklich zu sein. Es gibt immer mehr Flüchtlinge und Urlauber – alle wollen weg. Doch die Flüchtlinge von heute können die Urlauber von morgen sein, und umgekehrt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die ganze Welt vor sich selbst flüchtet. So lange wir aber nicht verstehen, dass die Erde rund ist und wir immer wieder an den gleichen Stellen rauskommen, mit den gleichen Problemen, macht das keinen Sinn.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Im Paralleluniversum

Was ist da unten? Etwas Verlockendes. Abstoßendes. Angst und Einsamkeit, aber auch machtvolleres Wissen, als sich in der Flüchtigkeit des Lichts erahnen lässt. Wer einmal die Bekanntschaft der Tiefe gemacht hat, hineingeworfen in ihre wispernde Leere und Konturlosigkeit, wo alles Mögliche und Unmögliche Gestalt annehmen kann, bleibt ihr verfallen.“

Frank Schätzing stößt in seinem neuen Thriller „Die Tyrannei des Schmetterlings“ (Kiepenheuer & Witsch) ein Tor auf. Eines, das in die Tiefe dunkler Parallelwelten führt. Klingt nach Sciene Fiction, ist aber sehr realistisch. Im Mittelpunkt steht ein geheimes Forschungszentrum in der kalifornischen Provinz. Streng bewacht führt dort ein Hightech-Konzern Experimente mit Künstlicher Intelligenz durch. Nach dem Tod einer Biologin ermittelt Sheriff Luther Opoku in der streng bewachten Anlage. Dort gerät er in den Bann eines Megacomputers und stürzt in eine unheimliche Sphäre. Ein druckvoller, umfassend recherchierter Thriller über Roboter, genmanipulierte Tiere und eine Technologie, die unser Leben radikal verändern wird. Schätzing gelingt es meisterhaft, die komplexe Thematik aus Sachbüchern wie „Homo Deus“ in einen rasanten Plot zu verwandeln. Hochbrisant und erschreckend aktuell.

Auch als Hörbuch (Der Hörverlag) übrigens sehr zu empfehlen: Schauspieler Sascha Rothermund fängt die düstere Atmosphäre in seiner Lesung (22 Stunden, 22 Minuten!) gekonnt ein.

 

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Dekadent, arrogant, überbezahlt

Was für ein Arschloch: Investmentbanker Viktor lebt in einer gläsernen Villa im Taunus, fährt täglich mit seinem Porsche von Falkenstein nach Frankfurt, und bestellt sich gerne mal eine Flasche Wein für 2.400 Euro. Er ist ein dekadenter Schnösel – daran lässt Alexander Schimmelbusch in seiner furiosen Gesellschaftssatire „Hochdeutschland“ (Tropen) keinen Zweifel.

Viktor erzählt arrogant und zynisch. Aber durchaus ehrlich, und bisweilen nachdenklich. Denn er weiß, dass er viel zu viel Geld verdient. Er beobachtet den Nachwuchs, die jungen Hoffnungsträger mit makellosen Lebensläufen, streng konditioniert aufs Siegen, Gewinnen und Geldverdienen. „Rekruten“ nennt er sie, belächelt ihren „kuriosen Kadavergehorsam“ und stellt emotionslos fest: „Eine Investmentbank war eine Sklavenkolonie mit Ketten aus Bonuszahlungen.“

An dem Punkt, an dem Viktors überhebliche Gedanken und seine polierte Prosa zu nerven beginnen drohen, dreht Alexander Schimmelbusch raffiniert seinen Plot. Er lässt Viktor ein Manifest schreiben, eine Utopie für eine bessere Gesellschaft. Viktor fordert eine Obergrenze für Privatvermögen, 25 Millionen Euro. Er zeigt auf, wie eine staatliche Fondsgesellschaft die Bundesrepublik zu neuem, gerechter verteiltem Reichtum bringen könnte. Wie das Gemeinwesen stabilisiert und beste Bildung jedem Bürger zugänglich gemacht werden könnte. Prompt entsteht daraus eine populistische Bewegung, die bei den Wahlen ein sensationelles Ergebnis erzielt.

Alexander Schimmelbusch ist ein meisterhafter Fabulierer und Formulierer, der die aktuelle gesellschaftspolitische Stimmung gekonnt zuspitzt. Ein brillant-böses Buch!

Lesungen · Literaturblog

Literatur = Unterhaltung, Bildung, Spannung

Was für ein Anblick! Vor kurzem moderierte ich in einem der schönsten Räume, die es für eine Lesung geben kann: der historischen Juristischen Bibliothek im Rathaus München. 1906 prunkvoll gestaltet, zehn Meter hoch, mit vergoldeten schmiedeeisernen Wendeltreppen. Im floralen Münchner Jugendstil. Ein Traum!

In diesem edlen Ambiente las Wolfram Fleischhauer aus seinem neuen Umwelt-Thriller „Das Meer“ (Droemer) – ein packender Roman über illegale Fischerei, die machtlosen EU-Behörden und eine Aktivistengruppe, die der Fischereimafia mit einer riskanten Aktion das Handwerk legen will. Beeindruckend ist dabei, wie Fleischhauer jede Menge Fachinformationen in seinen Plot packt, ohne zu langweilen. Das liegt an seinem Konzept und seiner Grundüberzeugung, wie er mir sagte:

Literatur sollte alle Aspekte verbinden: Sach- und Fachinformationen, Unterhaltung und Spannung. Im Idealfall lernt man etwas dabei und wird für ein brisantes Thema sensibilisiert. Mir war es wichtig, über die skandalösen Vorgänge auf den Meeren zu berichten, und ich freue mich über jeden Leser, der auf diese Weise etwas Neues erfährt und sich daraufhin vielleicht sogar engagiert.“

(Fotos: Krimifestival München)

Lyrik · Neuerscheinung · Rezension

Kleines Buch, große Lyrik

…/ Ein Schiff zieht den Sonnenuntergang / übers Wasser wie in alten Legenden…“

Ich weiß: Lyrik fällt schwer. Lyrik, das ist den meisten zu anspruchsvoll, zu sehr um die Ecke gedacht. Auch ich bevorzuge Romane – gönne mir aber zwischendurch neue Lyrikbände. Um das Innehalten zu trainieren, die Sinne herauszufordern, anders angeregt zu werden.

Eine Reisegruppe aus China / irrt durch die Heizung / sie möchte ins Internet…“

„Einmal einfach“ (Suhrkamp) heißt die neue Gedichtsammlung von Michael Krüger. 130 Seiten mit formal vielseitigen, inhaltlich meist melancholischen Texten. Betrachtungen übers Reisen, die Natur, das Lebensende – berührend, weise, still. Bisweilen skurril. Über „den Schabernack, der uns als Leben verkauft wird“, vernünftige Argumente, die vorbeischwimmen, „Schrebergärten, die um die Städte herum kriechen wie Schnecken.“ Krüger, der brillante Wortschöpfer, minimiert seine vielschichtigen Beobachtungen kunstvoll zu einzigartigen Gedichten. Kleines Buch, große Lyrik.

…/ Ich sammelte, als letzter, die Tränen auf, bevor sie trockneten.“

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Kleine Feuer überall

Die Warrens und die Richardsons: zwei Familien, zwei Pole, zwei Welten, zwei Lebensweisen. Celeste Ng erzählt in ihrem großartigen Roman „Kleine Feuer überall“ (dtv) davon, wie unterschiedliche Lebensmodelle aufeinanderprallen. In Shaker Heights, der „schönsten Gemeinde Amerikas“, einem Vorort von Cleveland.

Auf der einen Seite: die Warrens – Künstlerin Mia und ihre Teenager-Tochter Pearl. Mit ihrem klapprigen VW Golf fahren sie durch die USA, bleiben nirgends länger als ein paar Monate. Nun, in Shaker Heights, soll ihre vagabundierende Lebensweise ein Ende finden. Mia verspricht Pearl, sesshaft zu werden. Und tatsächlich: Mutter und Tochter schlagen Wurzeln. Sie freunden sich mit der Familie an, deren Apartment sie bewohnen. Die Richardsons – Elena, ihr Mann und ihre vier Kinder. Wohlhabende, vorbildliche Leute, bis auf die rebellische Lizzie, ihre jüngste Tochter.

Das vielschichtige, intensive Familiendrama blickt hinter die gepflegten Fassaden der Vorstadtidylle. Die Ordnung gerät außer Kontrolle. Konflikte entstehen. Und dann brennt plötzlich das ganze Haus der Richardsons.

Welche Entscheidungen führen zu einem guten Leben? Die mutigen, riskanten oder die allgemein akzeptierten, kontrollierbaren? Um diese Fragen dreht sich Celeste Ngs intelligenter Roman, der ein hohes Maß an Spannung erzeugt. Es ist faszinierend zu erleben was die versierte Erzählerin aus ihrer gegensätzlichen Familienkonstellation entwickelt: viele kleine Feuer und ein großes Werk.

Neuerscheinung

Früh aufgestanden heute, für den Welttag des Buches

5.30 Uhr, heute morgen. Mein Wecker klingelt. Sehr früh für mich als verwöhntem Freiberufler, aber für den UNESCO-Welttag des Buches mache ich das doch gerne. Weltweit wird das Lesen gefeiert, und in Deutschland sind tausende Buchhandlungen, Schulklassen und Verlage mit dabei. „Ich schenk dir eine Geschichte“ heißt die Leseförderinitiative, die heute 1,2 Millionen Exemplare eines neuen Kinderbuches verschenkt – „Lenny, Melina und die Sache mit dem Skateboard“ (cbj) von Sabine Zett.

Was ich damit zu tun habe? Warum ich so früh aufgestanden bin? Ich moderierte eine Veranstaltung mit 200 Schülern im Gebäude der Verlagsgruppe Random House. Autorin Sabine Zett (rechts) und Illustrator Timo Grubing erzählten mir und unseren Zuschauern, wie das Buch entstanden ist. Die Kinder lauschten, lachten, stellten viele Fragen. Und ich dachte mir: es hat doch Zukunft, das Lesen! Vielen Dank an alle, die heute am Welttag mithelfen, Kindern Bücher näher zu bringen!