Autor*innen aus dem hohen Norden

Schon erstaunlich, dass Krimis & Thriller aus dem hohen Norden noch immer Konjunktur haben. Und dass die Autor*innen dieser oft brutale Verbrechen thematisierenden Bücher meist sehr angenehme, ruhige Zeitgenoss*innen sind. Mit zwei sympathischen Nordlichtern stand ich vor kurzem auf der Bühne:

Die Isländerin Yrsa Sigurðardóttir erzählte mir bei den Stuttgarter Buchwochen und beim Krimifestival München, warum sie in ihrem aktuellen Thriller „R.I.P.“ (btb) über Mobbing schreibt. Sigurðardóttir meint: Wer Kinder hat, die andere Kinder mobben, muss stärker zur Verantwortung gezogen werden. In Island hat Mobbing über Social Media – wie überall auf der Welt – deutlich zugenommen, und Sigurðardóttir beobachtet mit Sorge, dass die Täter*innen immer brutaler vorgehen.

Stefan Ahnhem, Schwede und Vater von vier Kindern, beschreibt in „10 Stunden tot“ (Ullstein) einen Würfelmörder, der seine Opfer willkürlich über Zahlen auswählt. Ich moderierte Ahnhems Lesung beim Krimifestival in Erfurt in der Buchhandlung Peterknecht. Mit an unserer Seite: Schauspieler Wolfram Koch, bekannt als Tatort-Kommissar Paul Brix aus Frankfurt. Ahnhem und Koch stellten auf der Bühne eine lustige Parallele fest: Auch Koch hat vier Kinder – beim Essen nach der Veranstaltung tauschten die beiden noch vergnügt Erziehungstipps aus. Von Morden sprach niemand mehr…

Tote Hose? Im Gegenteil.

„Ich habe an diesem Abend mein erstes Konzert erlebt und zum ersten Mal einen Busen gespürt. Man gewinnt nicht häufig im Leben. Häufiger verliert man, und die meiste Zeit passiert nichts, außer Mittagessen kochen, sich aufregen und freuen. Aber an diesem Abend war ich eindeutig Gewinner. Da darf man nicht dumm sein, da muss man sich erinnern.“

Der Musiker und Autor Thees Uhlmann hat eine Liebeserklärung an Die Toten Hosen geschrieben. Dieses originelle Büchlein aus der „Kiwi Musikbibliothek“ (Kiepenheuer & Witsch) feiert nicht nur Campino & Co., sondern auch die Liebe, das Saufen, das Leben als Künstler, die Elternschaft und den Punk.

Uhlmann plaudert locker drauflos, er philosophiert, und er erinnert sich an sein erstes Konzert der Toten Hosen 1988, als er 14 war. Später, viel später, spielte er als Supportact vor seiner Lieblingsband und 70.000 Zuschauern in Köln. Irre.

Dies ist also keine Hosen-Biografie. Sondern ein sehr persönlicher, witziger und philosophischer Blick auf Deutschlands erfolgreichste Punkmusiker. Geschrieben in Uhlmanns unverwechselbaren Sound, der so klingt als wären Tresengespräche unter Kumpels in Literatur verwandelt worden.

„Man kann sich das vielleicht nicht mehr vorstellen, aber man hatte damals keine Angst zu sterben.“

Magisch, dieser Migrationsroman

„Ich machte meine Jacke zu und wollte gerade wieder gehen, als die Wände plötzlich leuchtend blau und gelb aufblitzten, als würde ein Eisvogel vorbeischießen.“

In diesem Zitat aus Nhung Dams Roman „Tausend Väter“ (Ullstein) steckt schon vieles, das dieses fantastische Winterbuch zu einem unvergleichlichen Erlebnis macht: Die Natur in Form des Eisvogels, das Übernatürliche, Märchenhafte als bunter Blitz und die Ich-Perspektive eines 11-jährigen Mädchens.

Diese Nhung, das Alter Ego der Autorin, wurde als Tochter von Bootsflüchtlingen in einem unbekannten und eiskalten Land abgesetzt. Alles ist dem Mädchen aus Vietnam fremd, und es ist ihr viel zu kalt. Ihr Vater ist abgehauen, und ihre Mutter zieht sich träge zurück. Die trotzige, aktive Nhung entpuppt sich dagegen als ein Mädchen, das ihre Träume nicht aufgibt. Sie wirkt frei, unschuldig und fantasievoll. Nhung erzählt vom Seemann Amour, spricht mit ihrem Vogel Pirouette, besucht den Wahrsager Onkel Ho und lacht mit ihrer besten Freundin Mose.

Ein magischer Migrationsroman inmitten von Schnee, unendlicher Weite und dem dunklen Ozean. Der niederländischen Autorin Nhung Dam ist damit ein modernes Märchen geglückt, in dem sie die wahre Fluchtgeschichte ihrer Eltern verarbeitet. Mit grandiosen Bildern und einer starken jungen Heldin.

Boris Johnson, die Kakerlake

Er ist es, eindeutig. Auch wenn er zu Beginn dieser Erzählung noch sechs Beine hat.

In „Die Kakerlake“ (Diogenes) zeigt Ian McEwan den britischen Premier Boris Johnson als – nun ja, Kakerlake. Das ist der satirische und fantastische Anteil der Geschichte. Später, nach der Verwandlung des Sechsbeiners in einen Zweibeiner namens Jim Sams, porträtiert McEwan Johnson so, wie wir ihn kennen: Als skrupellosen Wahrheitsverdreher und ungezügelten Propagandisten, berauscht von Macht, Ego, Aufgabe und Amt. Das ist der realistische Anteil der Geschichte.

Ian McEwan hat einen eleganten Weg gefunden, sich seine Wut und seinen Schock über Boris Johnson und den Brexit von der Seele zu schreiben. Auf nur 132 Seiten erzählt er komisch und wahr, witzig und bitterböse von der aktuellen britischen Politik. Um Fakten oder gar die Regeln der parlamentarischen Demokratie geht es seiner Hauptfigur Jim Sams nicht. Sondern allein darum, egoistische Ziele zu verfolgen und diese als „den Willen des Volkes“ durchzusetzen.

Den Brexit erwähnt McEwan übrigens nicht. Sein Premierminister kämpft für etwas ähnlich Absurdes: Dem Reversalismus, der Umkehr des Geldflusses. Ein kompletter Schwachsinn, für den sich Jim Sams und seine unterwürfigen, opportunistischen Kabinettsmitglieder (bis auf eine Ausnahme ebenfalls Kakerlaken) einsetzen.

Eine kurze, funkelnde Politsatire. Brillant formuliert und so entlarvend, dass einem das Lachen oft im Halse stecken bleibt. Franz Kafka, der 1912 in „Die Verwandlung“ von einem Mann erzählt, der zur Kakerlake wird, hätte wohl seine Freude daran.

Fiktion aus Afrika, Lyrik aus Israel

Es passiert ja nicht jeden Abend, dass ich mit einer der interessantesten literarischen Stimmen Afrikas und einem der wichtigsten Gegenwartslyriker Israels am Tisch sitze und diskutiere. Doch es kommt vor. Letzte Woche zum Beispiel, beim von Ingo Schulze kuratierten Literaturfest München.

Auf dem Podium: Petina Gappah aus Simbabwe, die ihren aktuellen Roman „Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“ (S. Fischer) vorstellte. Und Yitzhak Laor, der aus seinem Lyrikband „Auf dieser Erde, die in Schönheit gehüllt ist und Wörtern misstraut“ (Matthes & Seitz Berlin) las. Zu dritt besprachen wir die Auswirkungen des Mauerfalls vor 30 Jahren und die gesellschaftspolitische Entwicklung seit diesem Umbruch. „Das Ende der Geschichte“? Nein, aber ein entscheidender Einschnitt, da waren wir uns einig.

Als die Schauspielerin Marion Niederländer schließlich Laors wunderschönes Gedicht „Ich habe genug“ vortrug, war es mucksmäuschenstill in der Bibliothek des Literaturhauses München. Laor erzählte, dass er diese Zeilen seiner Frau als Geburtstagsgeschenk schrieb – und so fand dieser inspirierende, einmalige Abend ein gänzlich unpolitisches, geradezu romantisches Ende.

Woher das Kokain für den Kiez stammt

Simone Buchholz erzählt in ihrem neuen Fall für die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley zwei packende Geschichten parallel und abwechselnd. Und dann kreuzen sie sich plötzlich. „Hotel Cartagena“ (Suhrkamp) heißt der kompakte Krimi.

Story Nummer 1: Spektakuläre Geiselnahme am Hamburger Hafen. Eine Gruppe bewaffneter Männer hält alle Gäste einer noblen Bar hoch über der Stadt gefangen. Darunter sind Chastity Riley, ihre Ex- und ihr aktueller Lover sowie mehrere Polizisten.

Story Nummer 2: Ein junger Mann aus St. Pauli macht in Kolumbien unfreiwillig Karriere im Drogenmilieu und sorgt mit seinen Kontakten dafür, dass Kokain für die Hamburger High Society geliefert werden kann. Wie sich herausstellt, ist dieser Typ der Kidnapper. Er will sich an einer bestimmten Person rächen.

Lässig, lakonisch und souverän berichtet Simone Buchholz davon, wie sich ihre trinkfeste Hauptfigur als Geisel verhält. Zudem beschreibt sie die eisernen Regeln unter den Drogendealern auf dem Kiez. Und, noch entscheidender: Sie erzählt davon, wie man manchmal in eine bestimmte Rolle rutscht, ins Verhängnis – ohne es zu wollen oder geplant zu haben. Verdammt spannend, mit umfassend recherchierten Hintergrundinfos über die Strukturen der internationalen Kokainszene.

Ruhiges Rentnerleben

„Sein Leben lang hatte er sich bemüht, das Richtige zu tun.“

Kann man 470 Seiten über einen ganz normalen Rentner schreiben, ohne dass es langweilig wird? Der große amerikanische Erzähler Stewart O´Nan kann das. In „Henry, persönlich“ (Rowohlt) porträtiert er das Alltagsleben von Henry Maxwell liebevoll, präzise und feinsinnig.

Dieser Henry ist kein Held und kein Kämpfer, aber einer, der versucht, im altmodischen Sinne anständig zu sein. Er achtet aufs Geld, lädt seine Frau Emily zum Valentinstag in ein nobles Restaurant ein, repariert alle kaputten Gegenstände im Haus, engagiert sich im Kirchenvorstand, spielt Golf mit alten Kollegen – und freut sich auf die Zeit im Sommerhaus am See mit seinen Kindern und Enkeln.

Ein feiner, leiser Ehe- und Familienroman übers Zusammenleben und Zusammenaltwerden, über die Annehmlichkeiten des Vertrauens und das Wissen, dass das Glück befristet ist.

Henry ist friedlich, bescheiden und vernünftig. Stewart O´Nan zeigt ihn in einer stillen Sprache, mit wohlgesonnenem Blick und als aufmerksamer Beobachter. Ein entschleunigter Roman, der realistisch vom ruhigen Rentnerleben erzählt. Eine wunderbare Ergänzung zu O´Nans Bestseller „Emily, allein“, in dem der US-Schriftsteller schon im Jahr 2011 Henrys Frau porträtierte.

 

Hilfe! Lyrik!

„Angst vor Terror, Krebs und Spinnen. Angst, das Schreiben zu beginnen.

Angst vor einem weißen Blatt, Angst des Dorfdepps vor der Stadt.

Fürchtet Mörder und Ganoven, fürchtet Schlaue wie die Doofen.

Doch wer fürchtet, der vergisst, dass die Angst am schlimmsten frisst,

Wenn es Angst vor Lyrik ist.“

Der Satiriker und Lyriker Moritz Hürtgen hat einen köstlichen Gedichtband veröffentlicht. In „Angst vor Lyrik“ (Kunstmann) reimt er um unsere Ängste und Phobien herum, und er dichtet mit schwarzem Humor über all das, was wir fürchten. Ob Haarausfall, Überfremdung, Männer, Frauen, Einsamkeit, Sex, Terror oder Friedhöfe – Hürtgen hat eine diebische Freude daran, all unsere Sorgen mit kunstvoller, lustiger Lyrik zu beschreiben. Ein böses, doppelbödiges Vergnügen!

„Der letzte Kuss in meinem Leben: Werd ich ihn kriegen oder geben?

Wird er dann heiß oder mehr kalt? Bin ich dann jung oder schon alt?

Schmeckt er nach Honig oder Kippen? Küsst sie vielleicht dann meine Lippen

Als Lohn für meine Heldentat, Weil ich für sie ins Feuer trat? …“

Warum Krimistars nach Österreich pilgern

Vor kurzem moderierte ich eine Woche lang in Österreich – die Alpenrepublik veranstaltet immer mehr Krimifestivals, und immer mehr internationale Bestsellerautoren folgen dem Ruf. In fünf Tagen saß ich mehr als 20 Stunden im Zug durch das eigentlich doch eher kleine Land. Aber das Reisen lohnte sich, auch wegen der teils spektakulären Landschaft.

Antreiber ist das Krimifest Tirol, das vor zwei Jahren auf Initiative von Autor Bernhard Aichner und Verleger Markus Hatzer in Innsbruck startete. Das Programm wurde inzwischen kräftig ausgeweitet. Ich moderierte dort Lesungen mit Charlotte Link (Foto oben), Arne Dahl (unten rechts) und Katrine Engberg.

Und so ganz nebenbei traf ich die österreichischen Krimistars Ursula Poznanski, Alex Beer, Thomas Raab und, natürlich, Bernhard Aichner.

In Wien hatte ich die Ehre, Simon Beckett (unten links) auf der Bühne zu unterstützen – Thalia war hier der Veranstalter, und 400 Zuschauer im Village Cinema feierten den britischen Autor. Ich komme gerne wieder!

 

Elton John? John Lennon? Fast.

Puh. 960 Seiten. Ein dicker Brocken. Aber niemals langweilig.

Der englische Musiker, Komponist und Labelgründer Tot Taylor hat mit „The Story of John Nightly“ (Heyne) eine Liebeserklärung an die Swinging Sixties in London geschrieben. Eine Insider-Story übers Musikbusiness, ironisch und originell, ein Blick hinter die Kulissen und ein Einblick ins Leben eines großen fiktiven Künstlers, der sich nie verbiegt und nach der Karriere ein erfolgreicher Blumenzüchter wird. Dieser John Nightly ist eine Mischung aus Elton John, John Lennon, George Harrisson und Mike Oldfield.

Das Besondere: Im Fokus steht nicht die Karriere von John Nightly, sondern sein ganzes Leben, also auch die Anfänge in Schülerbands, der erste Deal mit einer Plattenfirma, und vor allem sein zurückgezogenes Leben in Cornwall nach dem Hype. John züchtet eigene Blumenarten und wird ein Meister des Gartenbaus.

Tot Taylor schreibt schwärmerisch, knallbunt, kompetent, melancholisch, authentisch – heraus kommt dabei eine literarische und musikalische Wundertüte. Es steht zwar „Roman“ auf dem Cover, dieses Buch ist aber eher wie ein großes Rockfestival mit Live-Atmosphäre, wie ein Best Of von Musikmagazinen wie Rolling Stone und hat die Dichte eines Pop-Rocklexikons. Mit fiktiven Interviews und Briefen sowie echten Fotos, etwa der Abbey Road Studios.

Ja, ein dicker Brocken. Aber einer, der das Zeug hat zu einem Klassiker der Rock´n´Roll-Romane.