Lesungen · Moderation

Vorfreude: Mein Literatur-Herbst

Wer denkt schon mitten im Sommer an den Herbst? Ich. Das gebe ich ganz offen zu. Denn zurzeit laufen die Planungen für den Literatur-Herbst auf Hochtouren.

Schon jetzt steht fest, dass ich etwa am 6. November in München die Premierenlesung für Charlotte Links neuen Roman „Die Suche“ moderieren werde (Foto links). Außerdem gehe ich mit Arne Dahl auf Lesereise (u.a. am 12.10. bei der Crime Cologne, 17.10. in Erfurt und 18.10. in München). „Downton Abbey“-Autorin Jessica Fellowes treffe ich am 18. September auf Schloss Hamm, US-Autor Tom Rachman am 21.9. im Literaturhaus München.

Damit nicht genug. Bei Europas größtem Krimifestival Mord am Hellweg moderiere ich Veranstaltungen mit der irischen Thrillerautorin Olivia Kiernan (26.9.), dem Griechen Petros Markaris (28.10., Foto rechts), dem schwedischen Duo Hjorth & Rosenfeldt (8.11.) und Simon Beckett mit Schauspieler Joe Bausch (20.11.).

Weitere Termine folgen… Ich freue mich schon drauf!

Neuerscheinung

Launen der Zeit

Lebensklug, authentisch und klar. So schreibt US-Autorin Anne Tyler seit jeher, und sie hat ihren Stil in 22 Romanen perfektioniert. „Launen der Zeit“ (Kein & Aber) heißt ihr neues Werk, das wie eine liebevolle Dokumentation des Lebens einer Frau wirkt.

Willa Drake ist ihr Name, und Anne Tyler porträtiert sie zunächst als kleines Mädchen im Jahr 1967. Ein schlimmes Jahr für Willa, denn ihre Mutter verlässt die Familie. Später springt der Plot in weitere Schlüsseljahre: 1977 (College & Hochzeit), 1997 (Tod ihres Mannes) und 2017 (Neubeginn).

Anne Tyler hat ein faszinierendes Gespür für die kleinen Momente, die das Leben ausmachen und bereichern. Ihre Prosa ist geprägt von natürlicher Reinheit und einer unaufdringlichen Präzision. Willa Drake, das zeigt Anne Tyler, ist eine kluge, gutmütige Frau, die sich selbst über vier Jahrzehnte und die Launen der Zeit hinweg treu bleibt – und doch immer wieder neue Wege beschreitet. Ob als Mädchen, zweifache Mutter, Witwe oder Unterstützerin ihrer Fast-Schwiegertochter.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Er schreibt und schreibt…

„Ich finde, jemand sollte ihm einen Orden verleihen, ihm eine Kugel in den Kopf jagen und eine Brücke nach ihm benennen.“ (Jack Reacher über einen Vorgesetzten)

Er schreibt und schreibt und schreibt und schreibt. Lee Child wird nicht müde, seine Thriller-Serie um Jack Reacher fortzusetzen. Zum Glück. Denn auch der 19. Fall für den fiktiven Einzelgänger, „Im Visier“ (Blanvalet), hält das hohe Niveau.

Wie bei allen Serien bleibt zwar die Konstruktion der Plots sehr ähnlich. Reacher, eigentlich unauffindbar und unabhängig, wird jedes Mal von Militär/Geheimdienst/Politik zu einem brisanten Fall hinzugezogen, legt sich mit seinen Vorgesetzten an, flirtet bei den Ermittlungen mit einer attraktiven Frau und schaltet lässig seine Widersacher aus. Diesmal soll er einen Scharfschützen aufspüren, der in London auf die Politiker angesetzt ist, die am G8-Gipfel teilnehmen. Ein Auslandseinsatz also, immerhin. Normalerweise bleibt Reacher in den USA.

Warum Lee Child trotz dieser vorhersehbaren Struktur sehr gut lesbar und höchst unterhaltsam bleibt? Weil seine Sprache unverschämt locker und lakonisch daherkommt. Weil sein Held unvergleichlich trocken aus seiner Perspektive erzählt. Weil sich die Figur des Jack Reacher auch nach 19 Bänden nicht abgenutzt hat. Und vor allem: weil jedes Buch beweist, wie wenig Tom Cruise mit dem Mann gemeinsam hat, den er in den Verfilmungen (zum Leidwesen vieler Reacher-Leser) spielt.

 

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Augenzwinkerndes Alterswerk

Vor einer Woche ist Joyce Carol Oates 80 geworden. Wie passend: fast 80 Bücher hat die US-Schriftstellerin bis heute veröffentlicht – Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Dramen. Die ehemalige Princeton-Professorin ist zweifellos eine Literatur-Ikone, vielfach preisgekrönt, Mitglied der American Academy of Arts and Letters. Pünktlich zu ihrem Geburtstag ist Oates´ neuer Roman erschienen, „Pik-Bube“ (Droemer), ein erfrischend augenzwinkerndes Alterswerk.

Die Story: Andrew J. Rush, ein 53-jähriger Schriftsteller, schreibt biedere Thriller. Er ist seit Jahrzehnten mit derselben Frau verheiratet, hat drei Kinder und lebt ein ruhiges Vorstadtleben. Unter dem Pseudonym »Pik-Bube« verfasst er jedoch auch brutale, düstere Thriller. Zu seiner eigenen Verwunderung geht Rush das Verfassen dieser rauschhaften Gewaltfantasien leicht von der Hand. Wie im Wahn schreibt er nachts als „Pik-Bube“, um tagsüber als Andrew J. Rush sein gewohntes Leben fortzuführen. Doch die Grenzen verschwimmen, als ein Plagiatsvorwurf Rush in Bedrängnis bringt.

Die Persönlichkeit des Autors verändert sich – er neigt zunehmend zu Brutalität, Ungeduld und Arroganz. Und er verfällt dem Alkohol. All das, was der Schriftsteller nachts seinen Figuren zugedacht hat, dominiert nun sein eigenes Verhalten. Und stürzt ihn in den Abgrund.

Es ist eine besonders subtile Wechselwirkung von Literatur und Wirklichkeit, über die Joyce Carol Oates spitzfindig und schnippisch schreibt. Dass das Böse nicht nur in Andrew J. Rush, sondern auch in ihr selbst, in allen Schriftstellern, und überhaupt in den meisten Menschen steckt, daran lässt Oates keinen Zweifel. Gut möglich, dass die vielfach ausgezeichnete Autorin schon selbst erlebt hat, worüber sie mit feiner Ironie auf gerade einmal 200 Seiten nachdenkt.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Zu viele Tote

Er war überzeugt davon, die Toten reden zu hören. Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.“

Was für ein bewegender, bestechender Gedanke: Die Toten eines Dorfes sprechen. Sie erzählen von ihrem Leben und Sterben. Ja, die Grundidee von Robert Seethalers neuem Roman „Das Feld“ (Hanser) weckt Hoffnungen auf eine ergreifende, hochwertige Lektüre. So wie bei den vorherigen Romanen des Österreichers, „Ein ganzes Leben“ und „Der Trafikant“.

Das einleitende Kapitel führt vielversprechend auf die Stimmen der Gestorbenen hin: Seethaler beschreibt in seiner klaren, feinen Prosa einen alten Mann, der auf einem Friedhof über die Toten nachdenkt. So weit, so gut. Anschließend erklingen die Stimmen aus den Gräbern, und leider sind es viel zu viele. Knapp 30 Personen lässt Seethaler aus dem Jenseits erzählen, in kurzen Kapiteln. Diese knappen Rückblicke wirken fragmentarisch und oberflächlich, und obwohl einige Querverbindungen zwischen ihnen bestehen, entwickelt sich keine Geschichte, entsteht keine Neugier beim Lesen. Dass die Stimmen der Toten nicht variieren, sondern allesamt in der gleichen, neutralen Prosa verfasst sind, sorgt ebenfalls für Enttäuschung.

Warum „Das Feld“ in dieser Form veröffentlich wurde, bleibt ein Rätsel. Denn Robert Seethaler ist ein großartiger Schriftsteller, das hat er oft genug bewiesen. Seinem Erfolg schadet die unbefriedigende Umsetzung einer guten Idee vorerst nicht – zur Nr. 1 in den Bestsellerlisten hat es trotzdem gereicht.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Feinsinniges Psychogramm

Altbekannt. Und doch erstaunlich. Diese Geschichte ist in Variationen schon hunderte Male erzählt worden. Verena Karl schafft es dennoch, mit ihrem Roman „Die Lichter unter uns“ (S. Fischer) zu berühren und zu faszinieren. Sie schildert eine typische Frau-in-der-Lebenskrise-Situation:

Anna macht Urlaub mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern. In Taormina auf Sizilien. Die Sonne scheint, doch in Annas Herz wird es dunkel. Die junge Frau fühlt sich in ihrem zwar guten, aber festgefahrenen Leben nicht mehr wohl. Sie spürt Wehmut und Panik, Unruhe und Lustlosigkeit. Kein Wunder, dass sie sich zu Alexander hingezogen fühlt – ein anderer Mann, ein anderes Leben, eine andere Energie… Doch ist dieser Weg wirklich der richtige?

In hellen, klaren, leicht literarischen Sätzen fängt Verena Karl die Stimmung ihrer Hauptfigur ein. Ihre Zweifel, ihr Stolpern, aber auch ihre neue Lebensenergie. „Die Lichter unter uns“ ist ein feinsinniges Psychogramm einer Frau, die sich entscheiden muss.

Neuerscheinung

Streetslang pur

“Ich bin ein Gejagter, ein lebender Toter. Kann keine Freunde haben, kein Geschäft führen, und am Ende werden sie trotzdem was finden und danach mich. Irgendwann, in einer beschissenen Bar in Lima oder sonst wo: Peng. Vorhang. Das war´s, Jack.“

Jack Price spricht Klartext. Derb. Laut. Abgebrüht. Der fiktive Drogendealer und Strippenzieher, Ich-Erzähler dieses im härtesten Streetslang des Jahres verfassten Romans von Aiden Truhen, „Fuck you very much“ (Suhrkamp), plaudert alles aus. Wie er Geschäftspartner täuscht, Gegner ausschaltet, noch mehr Geld macht. Doch dann unterläuft ihm ein Fehler – er muss flüchten. Sofort. Denn eine berüchtigte Bruderschaft macht Jagd auf ihn. Das hindert Jack Price, das zynische Großmaul, allerdings nicht daran, seinen Lesern weiterhin lässig seine extrem hohe Dichte an Schimpfwörtern entgegenzuschleudern.

Ein herber, starker Roman für alle, denen normale Thriller zu gefällig geschrieben sind. Wer sich hinter dem Pseudonym Aiden Truhen verbirgt, verrät Suhrkamp übrigens nicht – aus gutem Grund?