Zwischen Wahn und Wirklichkeit

„Für das, was wir taten, gab es wieder Tradition noch Vorbild. Wir fanden es mit jedem Schritt. Dabei gab es definierte Grenzen, wir hatten uns darauf geeinigt, dass die Strafen, wie das erste Mal, Überraschungen sein würden. Er würde nicht wissen was kommt.“

Lucy bestraft Jake, ihren Mann. Drei Mal. Denn er hat sie betrogen. Doch „Die Harpyie“ von Megan Hunter (C.H. Beck, übersetzt von Ebba D. Drolshagen) ist kein typisches Ehedrama oder Mainstream-Beziehungsthriller. Der kurze Roman gleicht vielmehr einem brillanten Psychogramm.

Denn über der Geschichte von Rache und Vergebung schwebt eine Harpyie, dieses Mischwesen aus der griechischen Mythologie. Die Vogelgestalt mit Frauenkopf hat Lucy schon als Kind fasziniert, und nun, in ihrer Wut und Verzweiflung als betrogene Ehefrau, wird die Harpyie zu ihrem Vorbild. Und, noch wichtiger: Lucy wird selbst zu einer Harpyie, ihr Körper und Geist scheinen sich zu verändern, und sie findet Gefallen daran, Jake zu verletzen.

Megan Hunter genügen wenige Worte, um tiefe Abgründe einzufangen. Von Beginn an umgibt ihren Roman etwas Bedrohliches, Unheimliches – die Familienidylle wird von Lucy und Jake nur imitiert, wie von Schauspielern. Dahinter toben Stürme, und hinter Hunters reduzierter, klarer Sprache flackern Kindheitstraumata auf, stürzt das Ehepaar ins Dunkel, fällt Lucy aus der Rolle. Deren aufgewühlten, rätselhaften Zustand vermittelt die britische Autorin ungefiltert und radikal, als wären da keine Buchseiten, keine Sätze, sondern stünde Lucy persönlich vor einem, als flattere die Harpyie aus dem Roman.

Eine intensive Geschichte, und eines jener Werke, die sich im beunruhigenden Mittelreich zwischen Wahn und Wirklichkeit abspielen. Hintergründig und gefährlich wie ein Tornado.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 27. Februar auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Der psychische Preis des Tötens

„Ich erforsche die Psyche von Kämpfern schon über 20 Jahre. Ich weiß, was zu tun ist, um Soldaten tödlicher, disziplinierter und auch resistenter gegen Traumata zu machen.“

Wie motiviert man Soldaten zu töten? Wie erreicht man, dass sie daran nicht zerbrechen? Die Psychologin Abigail kennt die Antworten. Seit vielen Jahren berät sie das israelische Militär – Abigail hält Vorträge vor Soldaten, gibt Generälen psychologische Tipps. Sie will das Siegen lehren, und die psychischen Folgen des Tötens möglichst gering halten. Gewissensbisse scheint sie bei dieser Arbeit nicht zu kennen.

In „Siegerin“ (Kein & Aber, übersetzt von Ruth Achlama) zeigt Yishai Sarid seine Hauptfigur als ehrgeizige Wissenschaftlerin. Kühl und kühn erfüllt Abigail ihre Aufträge, um ihr Land in kriegerischen Konflikten zu stärken. Ihr Vater, selbst ein Psychologe, hatte vergeblich versucht, sie davon abzubringen.

Als ihr Sohn Schauli jedoch zum Wehrdienst eingezogen wird, kommt Abigail ins Grübeln. Wird der empfindsame junge Mann die Kriegseinsätze verarbeiten können? Schließlich weiß die Expertin: Jeder Tötungsakt hat einen psychischen Preis. Ein guter Freund Abigails ist schwer traumatisiert, und ihre beste Freundin, eine Hubschrauberpilotin, erlitt bei einer Gefangenenübung einen schweren Knacks. Und so steckt Abigail plötzlich in einem Dilemma. Was wiegt schwerer, das Wohl ihres Landes oder das ihres Kindes?

Mit geradezu unheimlicher Ruhe schildert Yishai Sarid Abigails souveräne Siege und ihren Versuch, auch privat Niederlagen zu vermeiden. Über die Figur der Militärpsychologin widmet er sich brisanten Fragen: Darf man junge Menschen in den Krieg schicken? Kann man das gesellschaftlich akzeptierte Töten lernen? Sarids Leistung besteht unter anderem darin, nicht klar Stellung zu beziehen. Er führt seine Leser*innen in zwei gegensätzliche Welten, die zivile und die militärische, und in beiden gelten andere moralische Grundsätze, die nachvollziehbar sind. Was passiert, wenn sie kollidieren? Ein vielschichtiges, aufwühlendes Drama, gekleidet in kurze sanfte Sätze. Herausragend!

Mein Interview mit Yishai Sarid lief in meiner Literatursendung vom 27. Februar auf egoFM vor. Zur Show hier. 

Berlin, 90er, wild

„Nach einer durchtanzten Ewigkeit fallen wir die Treppen hoch ins Tageslicht, die Kehlen pappig vom Rauch. Eine böse Helligkeit knallt uns ins Gesicht.“

„Lustprinzip“ (Rowohlt Berlin), ein kurzer und lässiger Tresenroman von Rebekka Kricheldorf, katapultiert uns von der ersten Seite an ins wilde Berlin der Neunzigerjahre. Man riecht die Kellerclubs und Kaschemmen, hat das Gefühl, mit der Hauptfigur Larissa durchs Nachtleben zu torkeln, und sieht sie alle vor sich: Die Exzentriker, Punks, Partypeople, Blumenkinder, Alkoholiker, WG-Bewohner und Hausbesetzer.

Willkommen in der Subkultur, könnte also das Motto dieser Geschichte heißen. Larissa und ihre Leute müssten eigentlich längst studieren oder wenigstens jobben, doch sie drehen sich im Kreis zwischen Alkohol, Partys, Sex und Kippen. Rebekka Kricheldorf holt ihre Figuren ganz nah ran, sie zeigt ihre Einsamkeit, ihre Unsicherheit, ihre Abstürze. Das rauschhafte Durchmachen der Nächte endet immer wieder im grellen bösen Tageslicht, und Larissa fragt sich, ob sie jemals den Mann fürs Leben finden wird oder einen geregelten Job.

Ein starker, roher, abgebrühter Berlinroman mit einer ganz eigenen, herben poetischen Ebene.

In meiner Literatursendung auf egoFM war Rebekka Kricheldorf zu Gast. Einfach auf der egoFM-Homepage zur Show vom 13.2. scrollen.

Anderssein

„Die Fremde“ heißt dieser neue Roman aus dem Zsolnay Verlag. Claudia Durastanti, die junge Autorin, war selbst oft die Fremde. Etwa in New York, wo sie von gehörlosen italienischen Eltern geboren wurde. Später in einem Dorf in den Abruzzen, wo sie kein Wort der Landessprache verstand. Und noch eine Weile später, als sie nach London zog, um ein neues Leben zu beginnen.

Durastanti erzählt von der Suche nach einer Heimat, nach Worten, mit denen man sich verständigen kann. Sie entwirft bewegende Bilder von Migration und von dem Wunsch, endlich eine stabile Verbindung zu den eigenen Eltern zu haben, auch wenn diese ihre Tochter nicht hören können. Der Weg der Ich-Erzählerin ist steinig, und Durastanti beschreibt ihn mit herber Schönheit und zerbrechlicher Zärtlichkeit.

Zwischen New York, Italien und London besichtigt und untersucht Claudia die Ruinen ihrer Familie. Komische und gestrandete Gestalten tauchen auf, denn die Eltern sind Glücksspieler und Zechpreller und auch die amerikanische Verwandtschaft entspricht nicht dem Durchschnittsbürger-Klischee.

Eine reflektierte Familiengeschichte übers Anderssein, festgehalten in feinem melancholischen Grundton. Übersetzt von Annette Kopetzki.

Lesungen? Ja, es gibt sie noch. Nur anders…

Noch immer weiß niemand, wann es wieder „echte“ Lesungen gibt, vollgepackte Säle, spontanen Applaus, Funken, die überspringen, erfüllende Begegnungen, leergekaufte Büchertische. Ich vermisse all das sehr.

Was dagegen stattfindet, mehr denn je: Gestreamte Lesungen. Sie sind kein Ausgleich und kein vollständiger Ersatz für die physischen Veranstaltungen, aber sie machen trotzdem Spaß, bringen neue Bücher und Autor*innen ihrem Publikum näher und lassen uns ahnen, wie es wird, wenn wir uns endlich wieder tatsächlich begegnen.

Für mich war es jedenfalls schon eine wunderbare Abwechslung, mal wieder im Literaturhaus München zu moderieren (siehe Fotos) – wenngleich mein Gesprächsprater, Autor & Musiker Johann Scheerer, nur aus Hamburg zugeschaltet wurde. Trotzdem wurde es ein toller Abend!

In den nächsten Tagen sende ich wieder von Zuhause aus, mit folgenden Livestreams:

Dienstag: Talk mit TV-Moderatorin Tamina Kallert über ihr neues Taschenbuch „Mit kleinem Gepäck“ (Heyne) auf www.litlounge.tv, Taminas Facebook-Seite und Youtube. Ab 19 Uhr.

Mittwoch: Talk mit Maria Nikolai über ihre Schokoladenvilla-Trilogie (Penguin) in der #readntalk-Talk-Reihe auf Youtube und www.litlounge.tv. Ab 19 Uhr.

Donnerstag: Im Rahmen des „Nordische Morde“ Online-Festivals spreche ich mit den schwedischen Thriller-Autor*innen Tina Frennstedt und Gustav Sköderman (beide Lübbe). Ab 19:30 Uhr.

Freitag: Auf dem Youtube-Hugendubel-Account begrüße ich meinen literarischen Helden T.C. Boyle zum Talk und Q&A zu seinem neuen Roman „Sprich mit mir“. Ab 20 Uhr.

Ich freue mich, wenn Ihr reinschaut! Bei allen Streams könnt Ihr direkt Fragen an die Autor*innen stellen – wenigstens ein Vorteil gegenüber traditionellen Lesungen, in denen dafür meistens kaum Platz ist.

Die Bagage, Teil 2

Ein Mann mit Beinprothese, der Bücher liebt, mehr alles andere.

Ein Kriegsopfer-Erholungsheim in den Bergen mit einer verborgenen Bibliothek.

Eine Frau, die nicht mehr aufsteht und sich nicht mehr wäscht.

Eine Tochter, die das merkwürdige Leben ihres Vaters einzuordnen versucht.

Zwei frisch gewaschene Kopfkissen, die noch nach den verstorbenen Eltern riechen.

Die wundersame Wärme der Waldränder.

Die Farben der Tschengla: Lilienweiß, Enzianblau und Erdbeerrot.

Der scheinheilige Wind.

Die Enge und Armut in der Südtirolersiedlung.

Das ist der Inhalt von Monika Helfers „Vati“ (Hanser) in Kurzform. Der Roman ist eine Art Fortsetzung oder Ergänzung ihres herausragenden Romans „Die Bagage“. Erneut autobiografisch angelegt, erneut in ihrer eigenen, speziellen Art zu schreiben – beim Lesen glaubt man sie sprechen zu hören. Helfer ist die Ich-Erzählerin dieser Geschichte, in dessen Mittelpunkt ihr Vater Josef steht, ein Literaturbegeisterter, ein Vorleser, ein Flüchtender, ein Außenseiter, ein Städter vom Land. Eine tragische Figur. In einem ruhigen, tastenden Ton nähert sich Helfer der Inventur seines Lebens, und sie untersucht, wie und warum er so war wie er war, früher und später. Heraus kommen dabei Grauzonen und Zwischentöne, und auch Helfer selbst scheint sich nicht festlegen zu wollen, ob sie ihren Vater nun bedauert, bewundert oder einfach nur neutral beschreibt. Ein Buch, das bewegt – nicht nur im übertragenen Sinn, sondern auch dazu, sofort wieder „Die Bagage“ zum direkten Vergleich zu verschlingen.

Ich stelle das Buch in meiner Literatursendung am 13. Februar auf egoFM vor. Zur Show hier. 

 

Tierschutz vs. Forschung, Liebe vs. Profit

Ein Schimpanse, eine junge Frau und ein Professor. So eine Dreiecksgeschichte hat die moderne Literatur noch nicht gesehen. Vielleicht aus gutem Grund, denn ähnliche Geschichten mit einem Tier rutschen bisweilen ins Lächerliche, Bemühte oder Groteske. Doch T.C. Boyle erweist sich in „Sprich mit mir“ (Hanser, übersetzt von Dirk van Gunsteren) als der perfekte Autor für dieses furiose Drama, und von der ersten Seite an spürt man seine unbändige Erzähllust. Worüber er diesmal schreibt, ganz grundsätzlich? Über Tierschutz versus Forschung, Liebe versus Profit, Frau versus Mann.

Die USA in den 1960ern. Professor Guy Schemerhorn zieht einen neugeborenen Schimpansen auf einer Universitäts-Ranch wie ein Kind auf. Er lebt mit ihm, bringt ihm die Gebärdensprache bei und versucht, seine menschlichen Seiten zu erforschen. Sam heißt das Tier, mit dem Guy Schemerhorn Karriere machen will und das er stolz in einer TV-Show präsentiert. Eine seiner Assistentinnen, Amiee, baut zu Sam ein besonders inniges Verhältnis auf. Als Monate später die Forschungsgelder gestrichen werden und Sam für Tierexperimente von einer anderen Universität beschlagnahmt werden soll, ist Aimee am Boden zerstört und beschließt, Sam zu retten.

Dank T.C. Boyles rasanter Erzählweise entwickelt die Geschichte einen starken Sog. Zwischen Sam, Aimee und Guy entstehen vielschichtige Abhängigkeiten, die Boyle genüsslich, aber durchaus mitfühlend untersucht. Ab und zu nimmt Boyle die Perspektive des Schimpansen ein. In diesen kurzen intensiven Passagen läuft Boyle zur Hochform auf – seine eigens dafür kreierte Sprache bringt Sams Dilemma und seine Verzweiflung grandios auf den Punkt.

Ob das Menschliche im Schimpansen tatsächlich überwiegt, ob die Spracherwerbsforschung an Primaten Sinn macht, ob ein Schimpanse zum zahmen Vorzeigeobjekt taugt, darüber kann nach der Lektüre trefflich diskutiert werden. T.C. Boyle zeigt, wie die Menschen Tiere manipulieren und umgekehrt. 

Ich stelle das Buch bzw. Hörbuch im Podcast „LONG STORY SHORT“ (Folge ab 9.2.) und in der „egoFM Buchhaltung“ vor. Einfach klicken und hören!

Murakamis merkwürdige Geschichten

Was will er nur damit sagen? Diese Frage stellt sich Murakami-Leser*innen seit jeher bei der Lektüre des Meisters Geschichten. Und auch nach fast jeder der acht Erzählungen seines neuen Bandes „Erste Person Singular“ (DuMont) stellt sich das vertraute Gefühl ein: Eine Mischung aus Ratlosigkeit, Faszination, Verwirrung und Verzückung. Und bisweilen Enttäuschung. Denn der japanische Schriftsteller liebt mystische Momente, Andeutungen und Experimente, und vieles bleibt im Vagen, weshalb seine Erzählungen wie literarische Skizzen wirken.

Die Hautfiguren von Haruki Murakami, nahezu ausschließlich Männer, erinnern sich stets im Rückblick, etwa an seltsamen Sex, einen sprechenden Affen, die Intelligenz einer hässlichen Frau, einen unerfreulichen Dialog in einer Bar. Haben diese Erinnerungen eine Bedeutung, einen Sinn, und entsprechen sie überhaupt der Realität? Das fragen sich Murakamis acht Erzähler selbst, und sie kommen zu keinem klaren Schluss.

In einer Geschichte erzählt ein Mann mittleren Alters von einer zufälligen Begegnung vor langer Zeit. Damals bat ihn ein alter Mann, sich einen Kreis mit mehreren Mittelpunkten und ohne Begrenzungen vorzustellen. Der Junge überlegte lange, doch er fand keine Lösung, woraufhin ihn der Alte zurechtwies: „Wozu hast du deinen Verstand? Er ist dazu da, dir unverständliche Dinge verständlich zu machen. Das ist die crème de la crème des Lebens.“ Möglicherweise sieht sich Haruki Murakami in der Rolle dieses alten Mannes – er möchte, dass seine Leser*innen ihren Verstand gebrauchen, um die Geheimnisse seiner Geschichten aufzudecken. Über den Verstand allein lassen sich seine literarischen Rätsel allerdings kaum lösen; seine Prosa hat eine bewusstseinserweiternde Ebene, und wer sich nicht auf die Welt hinter seinen subtilen, gelegentlich spirituellen Andeutungen einlässt, wird sie wohl eher befremdlich finden.

Zwar erzählen Murakamis Figuren in nüchternem, beiläufigem Ton von ihren Erlebnissen, und sie stellen sich als unbedeutende Durchschnittsmenschen dar. Doch in ihrem Inneren glimmt nicht selten ein kleines Feuer, aus dem ein Flächenbrand werden kann.

Ich stelle das Buch in meiner Literatursendung am 30. Januar auf egoFM vor. Zur Show hier. 

Im Interview: Bernardine Evaristo

Endlich! Als erste schwarze Schriftstellerin wurde Bernardine Evaristo 2019 mit dem Booker Prize ausgezeichnet – für ihren Roman „Mädchen, Frau etc.“ (Klett-Cotta / übersetzt von Tanja Handels / Foto: Jeannie Scott). Barack Obama empfahl den Roman in der Liste seiner Lieblingsbücher, die Vogue zählte Evaristo zu den einflussreichsten Frauen Großbritanniens 2020. Evaristo wurde 1959 als viertes von acht Kindern in London geboren. Sie veröffentlicht Essays, Gedichte, Kurzgeschichten, Radio-Dokumentationen und Theaterstücke. Ich habe für mojoreads.de und egoFM mit Evaristo gesprochen – hier die erste Frage als Teaser:

In Ihrem neuen Roman porträtieren sie zwölf schwarze britische Frauen, deren Lebenswege sich teilweise kreuzen. Warum haben Sie sich für so viele Protagonistinnen entschieden? Um herauszufinden, wer wir schwarze Frauen in dieser Gesellschaft sind, wo wir stehen und wie vielfältig unsere Leben aussehen, wollte ich so viele Figuren wie möglich im Buch haben: Diversität und Quantität. Ursprünglich hatte ich sogar die Idee, über tausend Frauen zu schreiben, doch das war natürlich verrückt. Dann dachte ich über hundert nach, aber – ich gebe es zu – das war auch noch ziemlich verrückt. Letztlich sind es zwölf Frauen und ein binärer Charakter geworden; sie sind zwischen 18 und 93 Jahre alt und stehen nun tatsächlich für alle Arten von Unterschieden und Möglichkeiten, die wir heutzutage haben.

Das komplette Interview gibt´s auf mojoreads.de (einfach hier klicken), und in meiner Literatursendung auf egoFM hört Ihr am Samstag, 30. Januar, Bernardine Evaristo im Originalton

99 Nächte in Logar

Ein Roman aus Afghanistan? Von einem jungen muslimischen Autor, der in einem Flüchtlingscamp in Pakistan geboren wurde und inzwischen in Kalifornien lebt? Ja, das ist eine Überraschung. Eine große Überraschung. Viel zu selten schaffen es Bücher aus Afghanistan oder ähnlichen Ländern in unsere Buchläden.

Dass es „99 Nächte in Logar“ (btb, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence) gelungen ist, liegt an Jamil Jan Kochai, dem 28-jährigen Autor. Er schreibt schnell und berauschend, und er nimmt uns mit auf ein außergewöhnliches afghanisches Abenteuer. Vier Jungs im Alter von 12 bis 15 Jahren rennen durch den Plot, denn sie suchen den Hund Budabasch. Der hat einem von ihnen, Marwan, eine Fingerkuppe abgebissen, und das wollen die 4 Kumpels nicht akzeptieren. Also machen sie Jagd auf Budabasch in Dörfern, Moscheen, in den Bergen, und sogar bis nach Kabul kommen die Kinder.

Schon nach wenigen Seiten ist man mittendrin in dieser berauschenden, schnellen, bunten, lauten und lebendigen Geschichte. Man taucht ein in eine völlig andere Welt, in das echte alltägliche Afghanistan, und nicht in jenes aus der Nachrichten- und Reportageperspektive. In diesem Buch gibt´s zwar auch den Krieg, die Friedhöfe, Minen, Drohnen und Soldaten, ja, es gibt Tod und Gewalt, aber dominierend sind die Spiele & Streiche der Jungs, die Bräuche ihrer Familien, und vor allem die Geschichten, Legenden und Geister, von denen sich alle ständig erzählen.

Dieses wilde moderne Märchen hat mich überrascht und mitgerissen. Es steckt voller Figuren, Eindrücke, Gerüche und Geräusche, und es wirkt unverfälscht und authentisch. Ein überraschendes Leseerlebnis. Wallah!

Ich stelle das Buch im Podcast „LONG STORY SHORT“ und in der „egoFM Buchhaltung“ vor. Einfach klicken und hören!