lee child, die gejagten, blanvalet, günter keil, rezension, literaturblogIch mag keine Romane, die im Militär-Milieu spielen. Soldaten als Hauptfiguren kann ich nicht ausstehen. Und Helden in Uniform begegne ich mit einer riesigen Portion Skepsis.

Aber dann kommt der neue, 18. Jack-Reacher-Roman – und ich bin begeistert: Von einer unübertrefflich lässigen Hauptfigur. Von knackigen Dialogen. Von einem mitreißenden Plot. Von Lee Child, der so trocken, souverän und fesselnd schreibt, dass es fast egal ist, ob die Handlung im Militär-Milieu angesiedelt ist oder nicht. In „Die Gejagten“ (Blanvalet) flüchtet Jack Reacher, ehemaliger Chef einer Militärpolizeieinheit, vor seinen Kollegen, dem FBI und einem Schlägertrupp. Ihm wird vorgeworfen, vor 16 Jahren einen Mann fast zu Tode geprügelt und vor 14 Jahren eine Frau geschwängert zu haben. Doch Reacher ist unschuldig. So wie seine Nachfolgerin Susan Turner, die man der Korruption verdächtigt. Reacher und Turner rasen mit geklauten Autos und falschen Identitäten durch Virginia und Pennsylvania, schütteln ihre Verfolger ab, versuchen, Beweise für ihre Unschuld zu beschaffen. Sie brauchen lange, um einem Kreis elitärer Männer auf die Spur zu kommen, die schmutzige Geschäfte in Afghanistan machen.

Lee Child schildert diesen Road-Trip mit kunstvoller Lakonie. Zwischen Reacher und Turner knistert es, und zwischen den Gejagten und ihren Verfolgern knallt es. Für mich ist Child einer der besten zeitgenössischen Spannungsautoren. Sein Held, der wortkarge, verwilderte, gerechtigkeitssuchende Einzelgänger Reacher, ist sein unangreifbares Markenzeichen. Dass ausgerechnet der gut frisierte, völlig uncoole Tom Cruise Reachers Rolle im Kino spielt, ist unfassbar – eine fatale Fehlbesetzung.

Es ist wie in einem Rock´n´Roll-Song im Radio. Ein schneller Wagen, ein bisschen Geld in der Tasche und zur Abwechslung mal nette Begleitung.“

han kang, die vegetarierin, aufbau verlag, literaturblog, günter keil, rezensionVegetarier werden in Südkorea misstrauisch beäugt, man hält sie für verrückt oder subversiv. Das muss man wissen, wenn man „Die Vegetarierin“ (Aufbau) der vielfach ausgezeichneten Autorin Han Kang liest. In ihrem kurzen Roman beschließt eine ganz normale Frau von einem Tag auf den anderen, kein Fleisch mehr zu essen. Ein Skandal, findet ihr Mann. Eine Unverschämtheit, findet ihre Familie. Und so wird die arme Frau geächtet und geschlagen, ausgegrenzt und verachtet. Nur ihr Schwager, ein Künstler, verliebt sich in sie, bemalt ihren mageren Körper, dreht erotische Filme mit ihr, sieht sie als göttliches Wesen, „weder Mensch noch Tier, eher irgendetwas zwischen Pflanze und Urwild.“ Han Kang erzählt diese bizarre, erotische und ungewöhnliche Geschichte in drei Akten, aus drei Perspektiven. Ein faszinierendes Konzept und ein spannendes Thema, zweifellos. Wären da nicht die erschreckend schlichte Sprache, die oft schwülstig-pathetischen Formulierungen und klischeehaften Situationen. Der Roman liest sich phasenweise wie ein missglückter Versuch, Haruki Murakami zu imitieren. Warum Han Kang dafür mit dem renommierten Man Booker Preis belohnt wurde, bleibt ein Rätsel. Eines, das mindestens so groß ist wie die Frage, warum es Vegetarier in Korea so schwer haben.

wilhelm genazino, außer uns spricht niemand über uns, hanser, literaturblog, günter keil, rezensionIch wollte endlich ein bedeutsames Leben führen“ behauptet Wilhelm Genazinos tragikomische Hauptfigur in „Außer uns spricht niemand über uns“ (Hanser). Der gescheiterte Schauspieler hat es sich in seiner unbedeutenden Mittelmäßigkeit bequem gemacht. Ab und zu wird er engagiert, spricht Radiotexte, moderiert Modenschauen in der Provinz. Mit seiner Freundin Carola verbindet ihn weder Leidenschaft noch Liebe, sondern Gewohnheit.

Wie in nahezu all seinen Romanen zeigt Wilhelm Genazino seinen Ich-Erzähler in schonungsloser Selbstbespiegelung. Überfordert vom hohen Anspruch an sein Leben, notiert der namenlose Mann scheinbar beiläufig, womit er sich die Zeit vertreibt: er beobachtet beim Spazierengehen Rentner, Kinder und Obdachlose, lenkt sich mit dem Kauf von Orangen von düsteren Gedanken ab, spricht mit seinem Kühlschrank, sinniert pausenlos über den Stand seiner Beziehung zu Carola sowie die Qualität ihres gemeinsamen „Sexualaustauschs.“ Auch das Altwerden und die Angst vor Arbeitslosigkeit prägen seine melancholischen Gedanken.

Diese abwechselnd selbstverliebte und selbstmitleidige Reflexion und das Fehlen eines klassischen Plots könnten schnell zu Langeweile und Beliebigkeit führen. Wilhelm Genazino gelingt es jedoch erneut, das Leiden seiner Hauptfigur mit unvergleichlicher Lakonie und sprachlicher Brillanz in ernsthafte Komik und skurrile Philosophie zu verwandeln.

friedrich ani, nackter mann, der brennt, suhrkamp, literaturblog günter keil, rezensionPuh. Ich hab´s geschafft. Habe „Nackter Mann, der brennt“ (Suhrkamp), Friedrich Anis neuen Roman, gelesen. Ein Vergnügen war´s nicht. Es ist Anis dunkelster und radikalster Roman. Die Chronik eines Rachefeldzuges. Der Ich-Erzähler kehrt nach vierzig Jahren in sein tief katholisches Heimatdorf zurück. Aus einem einzigen Grund: Er will sich an den Männern rächen, die ihn und seine Schulkameraden früher missbraucht haben – ein Arzt, ein Apotheker, ein Lehrer, weitere angesehene Persönlichkeiten. Sie alle müssen nun büßen. Der Rächer entführt, foltert und tötet sie, skrupellos. Friedrich Ani lässt ihn ungefiltert von seinen Taten prahlen, voller Hass und in sarkastischem Ton. Das ist kaum zu ertragen, und wenn dieses Buch nicht von einem der besten Krimiautoren Deutschlands stammen würde, hätte ich es nach 50 Seiten abgebrochen. Um schrecklichen Missbrauch in verlogenen Dorfgemeinschaften anzuprangern, kann man selbstverständlich in die Rolle des Täters schlüpfen. Eine krasse Perspektive, die möglicherweise gerade deswegen aufrüttelt. Mir ist diese Erzählform allerdings zu eindimensional, zu zynisch, zu grausam. Friedrich Anis Stärken, sein geniales Gespür für Zwischentöne und Stimmungen, seine feinsinnige Beobachtungsgabe und herausragende Menschenkenntnis, seine philosophisch-literarischen Formulierungen werden diesmal von brennender Brutalität nahezu erschlagen.

Da stand ich, am Rand der Nacht, zum Morden geboren, zum Sterben bereit und starb nicht und mordete noch lang nicht genug.“

arne dahl. sieben minus eins, günter keil, piper, lesung, moderationNein, ich habe nicht die Jahreszeiten verwechselt. Es ist Sommer. Aber für mich ist auch schon Herbst, seit Wochen, irgendwie. Das liegt nicht am Wetter, sondern an den Planungen von Verlagen und Veranstaltern. Wie jeden Herbst werde ich jede Menge Lesungen moderieren. Und wie jedes Jahr werden dafür schon Monate im Voraus Termine festgemacht. Für mich ist das immer wieder aufs Neue ein spannendes Spiel. Denn ein halbes Jahr vorher weiß ich nicht, wann ich wo mit wem auf einer Bühne stehen werde. Doch dann, fünf, vier, drei Monate vorher, kommen immer mehr Anfragen. Manche überschneiden sich (schade!), manche ergänzen sich (genial!). Für mich heißt das: planen, organisieren, vorbereiten. Schon jetzt Bücher lesen, Autoren kontaktieren, Interviews ausdenken, Reisen organisieren.

Was mich in diesem Herbst besonders freut: Ich moderiere fünf Lesungen mit dem Schweden Arne Dahl (Foto). Sein neuer Thriller „Sieben minus eins“ (Piper) erscheint Anfang September, später sind wir in Göttingen (15.9.), Iserlohn (18.9., Festival „Mord am Hellweg“), Köln (19.9. „Crime Cologne“), Leipzig (21.10.) und München (8.11., Krimifestival). Unterstützt werden wir u.a. von den großartigen Schauspielern Christian Berkel und Gerd Köster.

Sehr gespannt bin ich auch auf die israelische Autorin Dorit Rabinyan (28.9., München), den Iren Paul Mc Veigh (15.11., Olpe) und den Briten Philip Kerr (25.11., München). Bei Europas größtem Krimifestival „Mord am Hellweg“ moderiere ich außerdem Veranstaltungen mit Garry Disher, Petros Markaris und der Türkin Esmahan Aykol.

Ach ja, auf der Buchmesse moderiere ich natürlich auch. Und und und… (mehr dann zeitnah)

Das einzige Paradies, Piper, Astrid Sozio, Günter Keil, Literaturblog, RezensionEin altes einsames Hotel. Eine alte einsame Frau. Irgendwo im Ruhrgebiet. Und dann, plötzlich, mittendrin: eine junge Frau aus Ghana. Ein Flüchtling, schwanger.

In ihrem Debütroman Das einzige Paradies“ (Piper) lässt Astrid Sozio zwei Welten aufeinanderprallen. Die kauzige Frieda Troost, die seit Jahrzehnten im Hotel sauber macht. Die sich abfällig über „Zigeuner“, „Neger“ und „anderes Kroppzeug“ äußert. Und die Afrikanerin Nasifa aus dem benachbarten Flüchtlingsheim, die sich im Hotel einnistet, Schutz sucht. Die beiden Frauen beäugen sich misstrauisch, verständigen sich in gebrochenem Deutsch-Englisch, nähern sich langsam an. Astrid Sozio erzählt diese hinreißende Geschichte aus Frieda Troosts Perspektive: schnörkellos, klar, in einem wohltuend ungekünstelten Ton. Eindringlich, aber nie aufdringlich.

goetheGoethe? Ist der nicimagesht total out? Im Gegenteil, sagt der Bestsellerautor & Literaturwissenschaftler Stefan Bollmann (Foto) in „Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist“ (DVA). Bollmanns Bestseller wie „Frauen, die lesen, sind gefährlich“ wurden in 16 Sprachen übersetzt und verkauften sich eine halbe Million Mal. Ich habe den 58-jährigen interviewt – hier Auszüge:

Warum haben Sie sich ausgerechnet Goethe neu vorgenommen? Goethe ist eine Institution, nicht nur in Deutschland, eigentlich in der Weltliteratur. Obwohl er beinahe zu Tode interpretiert worden ist, hat mich an ihm gereizt, dass man ihm immer noch neue, unbekannte Seiten abgewinnen kann.

Welche denn? Seltsamerweise ignorieren wir die sexuellen Fantasien des jungen Goethe, obwohl er selbst darüber geschrieben hat. Wir unterschätzen oft seinen Unabhängigkeitsdrang und seinen Erfahrungshunger, obwohl es dafür großartige Zeugnisse gibt. Und wir sehen nicht, dass für ihn das Wichtigste war, ein eigenes Leben zu führen. In dieser Radikalität und Konsequenz wie Goethe hat das vor ihm noch niemand versucht – und damit hat er auch heute noch jungen Leuten etwas zu sagen.

Kann ein Mann, der 1749 geboren wurde, wirklich noch Ratgeber sein? Davon bin ich überzeugt! Goethe zeigt uns bis heute, wie man ein Leben führt, das wirklich ein eigenes Leben genannt werden kann. Und wollen wir das nicht alle? Er ist einer Umbruchzeit groß geworden: Der Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763, der so etwas wie ein erster Weltkrieg war, hatte dazu geführt, dass sämtliche Traditionen und Orientierungsmuster abwirtschafteten. Goethe sprach von einer „nullen Epoche“: Man musste sich selbst neu erfinden, für die eigenen Gefühle und Gedanken eine neue Sprache kreieren. Eine ungeheure Herausforderung für einen jungen Mann, die Goethe mutig angenommen hat.

Sie schreiben, dass uns Goethe vor allem wertvolle Tipps für das Liebesleben und die Leidenschaft liefern kann. Wie kommen Sie darauf? Ein sehr konkreter Tipp ist sicherlich, sich niemals aus Liebeskummer umzubringen. Goethes Werther tut das zwar, aber Goethe selbst hat das als einen Stellvertretertod gesehen. Er ließ seine Romanfigur sterben, um selbst am Leben bleiben zu können. Schreiben war hier so etwas wie Krisenbewältigung, Therapie. Ein weiterer Tipp ist, die Liebe nicht zu unterschätzen. Letztlich, so meine Goethe, entscheidet die Liebe über Wohl und Wehe unseres Lebens. Dabei muss Liebe nicht einmal unbedingt erwidert werden. Eine seiner Frauenfiguren, ein sehr liebenswertes Luder, lässt er sogar sagen: „Wenn ich dich liebe, was geht’s dich an.“

Das komplette Interview erscheint Ende August in der Abendzeitung sowie im Mantel von Landshuter Zeitung & Straubinger Tagblatt. Mehr über Stefan Bollmann hier.

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