Ferdinand von Schirach regt zum Diskutieren an

„Ich will sterben, und das ist nicht amoralisch, egoistisch oder krank.“

Ein Mann möchte seinem Leben ein Ende setzen. Richard Gärtner, 78 Jahre, körperlich und geistig gesund. Vor drei Jahren ist seine Frau gestorben, mit der er 42 Jahre verheiratet war. Er vermisst sie schmerzlich, und ohne sie kann er sein Leben nicht mehr genießen, obwohl er Söhne und Enkel hat. Gärtners Wunsch: Ein Suizid, für den ihm ein Arzt ein tödliches Medikament besorgt.

Das ist die Ausgangslage von Ferdinand von Schirachs neuem Buch „Gott“ (Luchterhand) – ein Theaterstück, ähnlich aufgebaut wie sein Welterfolg „Terror“. Zum Schluss sollen wir selbst entscheiden: „Halten Sie es für richtig, dass Herr Gärtner Pentobarbital bekommt, um sich töten zu können?“ fragt der Vorsitzende des Ethikrats das Publikum und die Leser*innen.

Davor, auf rund 120 Seiten, diskutiert die Ethikkommission den Fall. Richard Gärtner wird befragt, seine Ärztin und sein Anwalt geben ein Statement ab, schließlich äußern sich der Vorsitzende der Bundesärztekammer und ein Bischof. Die Ansichten gehen weit auseinander, obwohl die Gesetzeslage klarer denn je ist:

Das Recht jedes Menschen, selbst zu entscheiden, wie und wann sein Leben zu Ende gehen soll, hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schon vor Jahren formuliert. Und, noch wichtiger und aktueller: Das Bundesverfassungsgericht hat im Februar dieses Jahres die Suizidhilfe grundsätzlich erlaubt. Ist es also ethisch vertretbar, jemandem beim Sterben zu helfen? Nein, sagen der Bischof und der Ärztefunktionär. Doch, meinen die anderen Protagonisten.

Mit seinem knapp formulierten, souverän auf die Kernfragen reduzierten Büchlein regt Ferdinand von Schirach zum Diskutieren und Philosophieren an. Dürfen wir selbstbestimmt sterben? Und falls ja: Welche Gefahren entstehen daraus für die Gesellschaft? Weitere Fragen ergeben sich: Wem gehört eigentlich unser Leben – Gott? Ist es würdevoller, einem qualvollen Leben ein Ende zu setzen oder es auszuhalten?

Ein hochaktuelles Theaterstück als wichtige Diskussionsgrundlage – es ist beeindruckend, wie Ferdinand von Schirach erneut gesellschaftspolitische Fragen aufgreift und aufwirft. Ergänzt wird der Band um drei Essays von Wissenschaftlern, die das Thema aus medizinethischer, juristischer und theologisch-philosophischer Perspektive beleuchten. Ein großes kleines Buch – auch als Hörspiel im Hörverlag. 

Aye, aye, Sean Duffy!

„Im Leben geh es im Grunde darum, sich mit Niederlagen abzufinden. Hat Ihnen das schon mal jemand gesagt? Nein? Dann hängen Sie aus philosophischer Sicht mit den falschen Leuten ab, aber aus psychischer Sicht vielleicht mit den richtigen.“

Ein typischer Satz des nordirischen Detective Inspector Sean Duffy. Die Serie um den katholischen Bullen in einem protestantischen Viertel von Belfast zählt zu den besten im Spannungsgenre. Weltweit. Das liegt vor allem an Adrian McKintys Sprache – lakonisch, lässig, pointenreich, klug, schnell und getränkt von schwarzem Humor. Auch die Figur des Sean Duffy überzeugt in jedem neuen Fall; diesmal im 9., besonders gelungenen Krimi des Gerechtigkeitsfanatikers und Prototyps des einsamen Wolfs, Duffy.

In „Alter Hund, neue Tricks“ (Suhrkamp Nova, übersetzt von Peter Torberg) ist Sean Duffy hin- und hergerissen zwischen seinen Rollen als verantwortungsvoller Familienmensch und durchgeknalltem Kerl mit Dienstwaffe. Der Plot spielt 1992, als Duffy zwei Morde an verdeckten IRA-Attentätern aufklären soll. Der Polizist mit dem losen Mundwerk pendelt nach Hause nach Schottland, ermittelt in Irland, gerät in lebensgefährliche Schießereien und eine wilde Verfolgungsjagd auf einem Motorrad. Und wie in jedem Band trinkt Duffy ausreichend Wodka und Whisky, um in die richtige Stimmung zu geraten.

Es ist faszinierend, wie scheinbar locker Adrian McKinty die politische Situation im Nordirland der späten 1980-er und frühen 90-er in seine trickreich konstruierten Geschichten packt. So plump und einfallslos der Titel des neuen Sean-Duffy-Falls auch klingt – Sprache und Inhalt heben sich meilenweit vom üblichen Krimiserieneinerlei ab. Aye, aye, Sean Duffy!

Ich habe den Thriller in meiner Buchsendung am 22.8.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Endlich wieder: Literatur live, in echt!

Endlich mal wieder auf einer großen Bühne stehen! Vor echten Zuschauern! Mit einem Autor, der mir nicht nur virtuell gegenübersitzt und einer Band, die leibhaftig anwesend ist.

Zum Glück kein Traum, sondern vor ein paar Tagen Realität. Im Innenhof des Deutschen Museums in München moderierte ich die Buchpräsentation von Peter Probsts neuem Roman „Wie ich den Sex erfand“ (Antje Kunstmann Verlag). Mit dabei: Die bayerisch-japanisch-kroatisch-schweizerische Band Sasebo. Für mich war es die erste „echte“ große Veranstaltung seit Mitte März, seit Corona einen Strich durch alle Auftritte gemacht hatte, die ich eigentlich in den letzten Monaten präsentieren sollte. Stattdessen moderierte ich zahlreiche Online-Events, Instagram-Talks, Facebook-Buchpremieren, Youtube-Videos etc. Auch das macht Spaß, klar.

Als ich jedoch im Spätsommerwind auf der Bühne beim Deutschen Museum stand, spürte ich sofort den Unterschied. Keine virtuelle Veranstaltung kann ersetzen, was ich höre, spüre und sehe, wenn tatsächlich Autor*innen und Zuschauer*innen bei mir, mit mir, vor mir sind. Die Atmosphäre ist greifbar, die Reaktionen sind real.

Peter Probst ging es genauso: Der erfolgreiche Drehbuchautor plauderte gut gelaunt über die Hintergründe seines neuen Romans, sein Aufwachsen in einer streng katholischen Familie im München der 1970er-Jahre. Er dankte überschwänglich allen, die am Gelingen dieses Abends beteiligt waren: Dem Sozialprojekt Bellevue di Monaco, dem „Eulenspiegel Flying Circus“, Sasebo und unseren Zuschauern, die zum Schluss bei 15 Grad auf ihren Stühlen aushielten. Der Applaus war lang und freundlich, und vermutlich dachte nicht nur ich: Bitte verzieh Dich endlich, Corona! Damit wir wieder viele weitere solcher Abende genießen können.

 

 

 

 

Kaputte Kunst, köstliche Satire

Die Kunst ist genauso kaputt wie die Gesellschaft. Genauso am Ende wie die EU und die Demokratie. Ist Ihnen mal aufgefallen, dass alles gleichzeitig zum Teufel gegangen ist, zu der Zeit, als die Leute angefangen haben, nicht mehr in die Welt zu sehen, sondern nur noch auf ihre Telefone? Früher war man sozial. Heute ist man social media.“

Dieses Zitat stammt von KD Pratz, einem weltberühmten Künstler aus Kristof Magnussons Roman „Ein Mann der Kunst“ (Kunstmann). KD Pratz lebt zurückgezogen auf einer Burg am Rhein. Mit der Welt, vor allem der Kunstwelt, will er nichts zu tun haben. Er verachtet Galeristen, Kunstmessen, Sammler und Kulturmenschen. Als ein Frankfurter Museum seinen Neubau exklusiv mit seinen Werken bestücken will, willigt der schlecht gelaunte Maler jedoch einem Treffen mit dem Förderverein ein.

Und so kommt zusammen, was nicht zusammenpasst: Eine Gruppe kunstbeflissener Bildungsbürger macht sich auf den Weg zur Burg von KD Pratz. Dass dieses Treffen auf eine Katastrophe zusteuert, ist klar. Denn der große, umstrittene Künstler und seine naiven Bewunderer leben in zwei Welten, und sie verstehen etwas völlig anderes unter Kunst. Diese Gegensätze arbeitet der Berliner Autor Kristof Magnusson mit feiner Ironie und treffsicherer Situationskomik heraus. Sein Roman spielt gekonnt mit den Eitelkeiten und Skurrilitäten der Branche, und er thematisiert spannende Fragen: Wer definiert eigentlich, was große Kunst ist? Was sollte ein wichtiges Werk bewirken? Welche Machtspiele laufen hinter den Kulissen der Museen? Was kann passieren, wenn man seinem Lieblingskünstler ein Denkmal setzt? Die höchst vergnügliche Kunstsatire steuert auf ein furioses Finale zu.

Kristof Magnusson erzählt seine heitere Geschichte aus der Perspektive eines Architekten, dessen Mutter Ingeborg die Vorsitzende des Fördervereins ist: „Für Kunst ließ meine Mutter alles stehen. Ich war in Galerien und Museen aufgewachsen, mit dem Kinder-Audioguide als ständigem Begleiter.“ Dieser Mann ist also gleichzeitig Insider und Außenseiter, und er schildert die turbulenten Ereignisse beim Treffen der Kunstfreunde mit KD Pratz. Gut, dass sich Kristof Magnusson nicht für eine harte Abrechnung mit dem Kulturbetrieb entschieden hat, sondern für eine Prosa des verständnisvollen Augenzwinkerns. Eine rundum gelungene Bildungsbürgerbespaßung – wie im Roman.

Am 12. September stelle ich das Buch in meiner Literatursendung auf egoFM vor. Zur Show hier.

Erdbebenwetter in Los Angeles

„Als ich am nächsten Morgen durch den windigen Canyon fuhr, stand vor mir auf der Straße ein Kojote. Ich hatte den starken Impuls, Gas zu geben. Kurz vor ihm bremste ich ab und brachte das Auto zum Stehen. Wir starrten uns durch die Windschutzscheibe an. Reglos und lange, wie es schien. Dann machte er kehrt und rannte ins verdorrte Gebüsch.“

„Erdbebenwetter“ (Tropen) von Zaia Alexander ist ein Roman, den man riechen, spüren, mit allen Sinnen erleben kann. Er spielt im Winter in Los Angeles. Nebel liegt über der Stadt. Kojoten dringen bis in die Wohnviertel vor und machen Jagd auf Katzen. Die Santa-Ana-Winde ziehen durch die Stadt, sie sind warm und trocken, und sie machen Los Angeles still. Etwas Magisches scheint über der Metropole zu schweben.

Hauptfigur des Romans ist eine junge Frau namens Lou, die Filmstoffe für Hollywood entwickelt. Doch das Geschäft läuft schlecht. Das macht allerdings bald nichts mehr aus, denn das Leben von Lou, ihrer Tochter Lola und ihrer Katze Sophie ändert sich, als Lou einen rätselhaften Guru kennenlernt. Er ist ein Star in der spirituellen Szene und wird von allen der Mentor genannt. Sie besucht seine Kurse, lernt neue Leute kennen und befolgt die Ratschläge des Mentors. Und ganz langsam ändert sich ihr Blick auf Los Angeles, auf sich selbst, auf andere Menschen.

Ein flirrender Roman über besondere Begegnungen in Los Angeles, über Katzen und Kojoten, über die grandiose Pazifikküste und die Farbe Blau in allen Schattierungen. Und über den Duft von Lavendel, Salbei, Rosmarin und Orangenbäumen.

Zaia Alexander erzählt von einem faszinierenden Veränderungsprozess, davon, wie man im Alltäglichen das Magische entdeckt. Ein außergewöhnliches Buch, das mich an Momente aus David Lynch Filmen erinnert hat.

Am 22. August habe ich das Buch in meiner Literatursendung auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier.

Streuner, Zigeuner, Rumtreiber? Nein. Kirmser.

Philipp Winkler ist wieder da. Der 34-jährige Autor, der vor vier Jahren mit seinem Debüt „Hool“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und den ZDF aspekte-Literaturpreis bekam, hat einen neuen Roman veröffentlicht. Kurz und kurios ist dieser, mit faszinierenden Einblicken in die Welt der Schausteller.

„Dies ist ein letztes Hurra auf die Kirmes und die, die sie bevölkerten und lebendig machten. Auf dass ihr euch vielleicht an sie erinnern werdet. An jene, die den Spaß erfanden.“

In „Carnival“ (Aufbau) lässt Philipp Winkler einen ehemaligen Kirmesboss erzählen. Einen „Skipper“, „dem die Karawane aus Trucks, Fahrgeschäften und Buden unterstellt war.“ Einen Insider, der wortgewandt hinter die Kulissen der Schieß- und Fressbuden schaut. Dieser Typ richtet sich direkt an die Leser*innen, also die Volksfest- und Kirmesbesucher, er spricht von „ihr“ und „wir“ – zwei Welten und zwei Lebenseinstellungen, verbunden mit Vorurteilen auf beiden Seiten.

„Wir waren die, die ihr Streuner, Zigeuner, Rumtreiber, fahrendes Volk und Gauner nanntet. Damit hattet ihr manchmal gar nicht so unrecht. Doch was wir auch waren, was wir alle waren, das sind Kirmser.“

Dass das Leben der Kirmser herb und anders als die sogenannte normale Welt ist, daran lässt der Erzähler keinen Zweifel. Er beschönigt nichts. Tabak, Alkohol, Prügeleien, Hurerei, Glücksspiel und Drogen – nahezu jeder Kirmser hat oder hatte Erfahrung damit. Zur Familie gehören allerdings nicht nur Gestrandete und Fehlgeleitete, sondern jede Menge Artisten, Verkäufer, Schausteller und Helfer. Philipp Winkler erweckt sie alle literarisch zum Leben: Messerwerferin Cevenna, Boxer Bayou Bill, Erdbob vom Frittenstand, Clown Bully Steve, Tierpfleger Hembo sowie die Popkorn- und Zuckerwatteladies Ronda, Kendis, Laverne und Goldie.

Ganz bewusst schreibt Philipp Winkler im Präterium. Denn die großen Jahre der Kirmes sind vorbei. Wo früher die Zelte und Buden auf Brach- und Weideland aufgestellt werden konnten, wo auf Feldern und Äckern wie durch Zauberei Festplätze entstanden, sind heute betonierte Parkplätze oder Neubausiedlungen. „Carnival“ ist nicht nur eine bunte Sozialstudie, sondern auch eine tragische Chronik der Verdrängung. „Die Show ist vorbei“ sagt der Boss, Winklers Hauptfigur. Zum Glück blickt er ein letztes Mal zurück, und erzählt Anekdoten über Schwätzer und Showbetreiber, Malocher und Künstler. Eine herrliche Hommage ans fahrende Volk, so vielseitig und anregend wie ein paar Stunden auf einem Volksfest.

„Unser Verhältnis zueinander war kompliziert. Ihr brauchtet uns nicht, doch wolltet amüsiert werden. Wir gönnten euch euer Geld nicht, wollten lieber, dass es uns gehörte, und genau deshalb brauchten wir euch.“

Heute im Radio: Die egoFM-Buchhaltung!

Es ist wieder soweit: Heute läuft zum vierten Mal meine Literatursendung auf egoFM – „Die Buchhaltung“. Sendezeit: 14:00 bis 16:00 Uhr. Gäste im Studio sind der kanadisch-britische Autor David Szalay („Turbulenzen“, Hanser) und Stefan Dettl, Chef der Band LaBrassBanda, der von seinen Leseerlebnissen erzählt. Außerdem stelle ich folgende neue Romane vor:

Zaia Alexander / Erdbebenwetter (Tropen), Adrian McKinty / Alter Hase, neue Tricks (Suhrkamp), Sally Rooney / Normale Menschen (Luchterhand).

Meine Podcast- und Literaturshow-Partnerin Karla Paul ist auch mit dabei – sie sagt Euch, wie unser Format „Long Story Short“ funktioniert. Neue Folgen mit uns beiden sind übrigens ab 25.8. auf allen Plattformen.

Und wo läuft egoFM? Überall auf der Welt per Stream oder ganz einfach auf UKW in München, Stuttgart, Nürnberg, Augsburg, Regensburg, Bamberg und Erlangen. Alle Folgen der „Buchhaltung“ gibt´s zum Nachhören (ohne Musik) hier auf der egoFM-Homepage. Ich freue mich, wenn Ihr mitlauscht!

Prominente Gäste: Bis jetzt waren schon Friedrich Ani, Lily King, Zoë Beck, Alard von Kittlitz, Voodoo Jürgens, Sebastian Janata und die Band Siamese Elephants bei mir in der „Buchhaltung“. Für den 12. September hat sich schon Wladimir Kaminer angekündigt…

Literarische Kleinkunst aus Irland

Ganz ehrlich: Ich fand den Hype um die irische Autorin Sally Rooney und ihr Debüt „Gespräche mit Freunden“ übertrieben. Die in meinen Augen nicht besonders außergewöhnliche Geschichte wurde mit Literaturpreisen überschüttet und weltweit übersetzt. Doch jetzt erscheint der zweite Roman der 29-jährigen, und diesmal bin auch ich begeistert. Denn Rooney schreibt leise und intensiv zugleich, reduziert im Stil und doch ganz nah bei ihren Figuren, ganz tief in deren Gefühlsleben.

In „Normale Menschen“ (Luchterhand, übersetzt von Zoe Beck) erzählt Sally Rooney eine bezaubernde Liebesgeschichte, die in ein stilles Drama mündet. Im Mittelpunkt stehen Marianne und Connell, die in einer Kleinstadt im Westen Irlands aufwachsen. In der Schule ist sie die unscheinbare Außenseiterin, und er der beliebte Star der Fußballmannschaft. Sie haben völlig unterschiedliche Freundeskreise und kommen aus verschiedenen sozialen Schichten. Aber irgendetwas Unerklärliches, Magisches entsteht zwischen ihnen. Ist es nur Freundschaft oder vielleicht doch die erste Liebe?

Marianne und Connell treffen und lieben sich heimlich. Sie glauben nicht, dass ihre Zuneigung eine Zukunft hat, und sie versuchen immer wieder, auf Distanz zu gehen. Aber das funktioniert nicht – auch später beim Studium an der Universität in Dublin kommen sie sich näher, und sie denken sehnsüchtig aneinander, als sie später andere Partner haben.

Es ist eine ungleiche, ganz besondere Beziehung, von der Sally Rooney ruhig und verständnisvoll erzählt. In einer klaren, zärtlichen Sprache entstehen Momentaufnahmen, aus denen eine eigene Welt entsteht. Eine Welt, in der nur Marianne und Connell existieren.

Ein melancholischer, wunderbarer Roman über die Magie der Anziehungskraft. Literarische Kleinkunst aus Irland.

Am 22. August stelle ich das Buch in meiner Literatursendung auf egoFM vor. Zur Show hier.

Moderner Heimatroman

Das ist ein Roman über Zwetschgenschnaps, Traktoren, Wirtshäuser, Wildschweine, Wildbäche, Jäger, das Holzhacken und Leberkässemmeln. Und vor allem: Über ein antikes Gewehr, nach dem verdächtig viele Leute suchen.

Ein österreichischer Heimatroman? Ja. Aber ein moderner, schräger, mit schwarzem Humor. Und trotzdem mit Ernsthaftigkeit.

Zur Geschichte von Sebastian Janatas „Die Ambassadorin“ (Rowohlt): Hugo Navratil, ein junger Mann, muss aus Wien und Berlin zurück in die österreichische Provinz. Zur Beerdigung seines Großvaters, von dem er die Liebe zur Natur hat. Äußerlich scheint in dem burgenländischen Dorf alles wie immer zu sein. Doch hinter den bäuerlichen Fassaden brodelt es. Hugos Opa hatte Geheimnisse. Und plötzlich tauchen Frauen auf, die nach einer alten Flinte suchen.

Sebastian Janata, Musiker von der Indie-Band JA PANIK, ist ein überzeugendes Debüt mit skurrilen Figuren gelungen, das eine überraschende Wendung nimmt. Denn Hugos Reise aufs Land wird zu einer Reise zu einem historischen Frauen-Geheimbund. Mehr wird nicht verraten – außer, dass die Frauen in diesem Roman letztlich mehr zu sagen haben als die Männer.

Am 8. August war Sebastian Janata zu Gast in meiner Buchsendung auf egoFM vor. Zur Show hier.

 

Der Kiffer, der in ein High-Tech-Abenteuer stolpert

Heute ist die ganze Welt durchdesignt. Hinter erfolgreichen Produkten, sogar hinter Politikern, stecken oft ein Design, eine Kampagne, eine Marketingstrategie. Meist bestehen sie aus Phrasen und Glücksversprechen. Sie sind: perfekte Ablenkungsmanöver. Auch High-Tech-Unternehmen nutzen diese Mittel, um ihre neuen Entwicklungen positiv darzustellen. Und genau das ist der Hintergrund, vor dem dieser brillante neue Roman spielt.

Die Hauptfigur in Alard von Kittlitzs „Sonder“ (Piper) weiß genau, wie man etwas vermarktet. Der Produktdesigner Peter Siebert hat einen siebten Sinn für die Bedürfnisse des Marktes und die Wünsche der Konsumenten. Zunächst arbeitet er noch in Neuseeland für ein Colafirma, doch schon bald wird er von einer neuen Künstliche-Intelligenz-Company im Silicon Valley abgeworben, die ein Gerät zur Steigerung der Gehirnleistung entwickelt. Eine Denkdopingmaschine. Eine Revolution.

Für Peter ist es der Auftrag seines Lebens. Endlich muss er sich nicht mehr mit Zahnbürsten, Drinks, Feinwaschmitteln und Schokoriegeln beschäftigen, sondern mit etwas Großem, Bedeutenden. Sein neuer Boss Drew Itautis gilt als Legende, die Alard von Kittlitz als geheimnisvoll, größenwahnsinnig, genial und unmoralisch beschreibt. Eine schräge Mischung aus Steve Jobs und Elon Musk.

Den Produktdesigner zeichnet von Kittlitz als spleeniges Talent und professionellen Kiffer. Peter Siebert hat zwar großes Talent und einen guten Geschmack, und er wirkt wie ein hipper Playboy. Doch hinter der Erfolgsfassade fühlt er sich oft leer und einsam, ist verunsichert und bindungsunfähig. Also konzentriert er sich voll und ganz auf seinen neuen Auftrag. Mit dem Konzernchef, dessen Sicherheitsberaterin und einem hochrangigen Mitarbeiter jettet Peter nun um die Welt, auf der Suche nach Inspiration, und, klar, des Teamgeists wegen. USA, Japan, Australien, Italien – eine kreative Weltreise in Luxusresorts soll es werden, doch Alard von Kittlitz deutet kommentarhaft und mit liebevoller Ironie an, dass er keine Heldengeschichte geschrieben hat, dass Peter sich nicht täuschen lassen soll, dass sein Epos einem bitterbösen Ende zusteuert. Und so kommt es schließlich auch, was unter anderem damit zusammenhängt, dass sich Peter Hals über Kopf verliebt.

In seinem Romandebüt erweist sich der ZEIT-Redakteur Alard von Kittlitz als charmanter, elegant formulierender Erzähler. Mit feinem Gespür sucht er nach Menschlichkeit inmitten der kühl kalkulierenden Erfolgswelt der Tech-Konzerne und des hochwertigen Designs. Souverän steuert der Autor durch seine turbulente Story. „Sonder“ ist ein in leichtfüßiger, höchst kreativer Prosa verfasstes Werk, in dem zahlreiche skurrile Nebenfiguren auftauchen und große philosophische Fragen angesprochen werden. Ein grandioses Abenteuer, das von Größenwahn, Liebe und dem besten Gras der Welt handelt.

Am 8. August war Alard von Kittlitz zu Gast in meiner Buchsendung auf egoFM vor. Zur Show hier.