Über mich · Buchbranche · Moderation

Mein persönlicher Jahresrückblick

Besuch bei Ai Weiwei in seinem Berliner Atelier – eine der vielen besonderen Begegnungen mit Künstlern dieses Jahr

Es war ein Risiko. Aber seit diesem Jahr weiß ich: es hat sich gelohnt, es einzugehen.

Vor etwa acht Jahren habe ich beschlossen, mich voll und ganz der Literatur zu widmen. Bücher zu rezensieren, Autoren zu interviewen, Lesungen zu moderieren. All das hatte ich vorher auch schon getan – aber eher nebenbei, da ich auch noch viele andere Jobs für Radio- und TV-Sender hatte.

Damit machte ich Schluss. Konzentrierte mich auf das, was mir wirklich wichtig war. Eine gewagte Entscheidung, denn in den Medien (und besonders für uns Freiberufler) gilt: Am schlechtesten wird im Kulturbereich bezahlt. Kein Wunder also, dass es zähe, harte Jahre wurden, bis ich Redaktionen gefunden hatte, die meine Texte kauften. Ähnlich schleppend entwickelte sich meine Auftragslage für Lesungsmoderationen. Jahrelang war ich mir nicht sicher, ob ich davon leben könnte. Aber ich blieb dran. Startete diesen Blog. Machte weiter. Und ganz langsam entwickelte sich etwas.

Jetzt, nach einem erfüllenden und erfolgreichen Jahr, weiß ich: es klappt. 2017 hatte ich großartige Begegnungen und tolle Aufträge. Interviews und Moderationen mit T.C. Boyle (links), Ken Follett, Arundhati Roy (oben), Jo Nesbø, Jostein Gaarder (unten)… Außerdem traf ich den chinesischen Künstler Ai Weiwei und Hollywoodstar Bryan Cranston („Braking Bad“). Ich schreibe für jede Menge Medien und moderiere für fast alle großen Verlage und wichtigen Literaturfestivals.

Die Honorare in unserer Branche sind zwar nach wie vor oft unterirdisch. Skandalös schlecht. Ich verdiene bei weitem nicht so viel wie früher. Aber das ist mir egal – etwas tun zu können, das ich wirklich will und das sinnvoll ist, bedeutet mir mehr. Zum Glück habe ich inzwischen genug Auftraggeber, die Kultur schätzen – und meine Arbeit. Das motiviert. Und macht dankbar.

Vielen Dank auch an Euch alle – ich weiß, Ihr liebt Bücher, Filme und andere Kunstwerke genauso wie ich!

Machen wir einfach weiter – denn eine Welt ohne Kultur (und ohne Medien, die darüber berichten) ist nicht lebenswert.

 

 

 

 

 

 

Hörbuch · Neuerscheinung · Rezension

Ishiguro im Nobelhotel

kazuo ishiguro, bei anbruch der nacht, rezension, günter keilZwei Mumien schleichen nachts durch ein Nobelhotel in Hollywood. Sie lachen, kosten von einem Buffet und stehlen einen Gegenstand. Plötzlich stehen ihnen zwei Polizisten gegenüber. Werden sie entkommen?

Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro veröffentlichte 2009 seinen Erzählband „Bei Anbruch der Nacht“ – nun erscheint die skurrile Titelgeschichte neu als 2-Stunden-Hörbuch bei Argon. Eine außergewöhnliche Produktion und ein hochwertiger Hörgenuss, denn gelesen wird der Text von Christian Brückner, unterbrochen von kurzen Saxophon-Takes von Christian Weidner.

Das Saxophon ist kein Zufall. Hauptfigur Steven, ein genialer Jazzmusiker, spielt nur in der zweiten Reihe. Die große Karriere machen andere, besser aussehende Saxophonisten. Steven, behaupten sein Manager und seine Frau, sehe aus wie ein Versager. Eine Gesichts-OP soll ihn in die Oberliga katapultieren, die längst fällige Karriere starten. Widerwillig fügt sich Steven diesem Plan – und findet sich mit bandagiertem Gesicht nach der OP in der Reha in einem Nobelhotel wieder. Im Zimmer nebenan erholt sich Lindy, der Star der Boulevardpresse, von ihrer OP. Für Steven symbolisiert diese Frau alles, was er am Showbusiness hasst. Sie hat kein Talent, aber Erfolg. Doch die beiden freunden sich an. Lernen voneinander. Erleben kleine, heimliche Abenteuer.

Kazuo Ishiguro inszeniert ein wunderbares Kammerspiel. In federleichter Sprache spürt er der Frage nach, ob man sich Ruhm und Erfolg ohne künstlerisch hochwertige Leistungen erarbeiten kann. Seine Geschichte spielt mit dem Zynismus der Showbranche, die vor allem Jugend und Schönheit belohnt. Getragen von Wärme und Witz, zeigt Ishiguro, wie die Schicksalsgemeinschaft zweier gegensätzlicher Menschen den Branchengesetzen entgegenwirkt. Unterhaltung auf hohem Niveau. 

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Sakari & Kimmo

wagner, sakari, rezension, günter keil In dem Sommer, in dem Marisa den Mond vermessen möchte, betritt Kimmo Joentaa den Raum, in dem das Meer zu Hause ist. Sanna schwimmt im Sonnensee. Petri läuft zwischen den Bäumen, auf der Flucht vor sich selbst. David löscht die Sonne aus.“

Schon klar: Wenn ein Kriminalroman so beginnt, muss es ein besonderer sein. Einer von Jan Costin Wagner. „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ (Galiani Berlin) ist ein höchst dramatisches Buch, das jedoch ruhig, bisweilen poetisch erzählt und von einem stillen, feinfühligen Ermittler bestimmt wird. Kimmo Joentaa heißt dieser Mann, ein finnischer Polizist. „Papa ist manchmal ein großer Nachdenker“ sagt seine Tochter Sanna über ihn. Und tatsächlich: er denkt und fühlt viel, bevor er handelt. Weswegen er genau der richtige ist, um herauszufinden, warum sich Sakari nackt und mit einem Messer auf dem Marktplatz von Turku gezeigt hat. Und warum der junge Mann daraufhin von Joentaas Kollege Petri Grönholm erschossen wurde.

Jan Costin Wagner schreibt zarte, traurige Sätze. In einer leise lodernden Sprache. Er erschafft weite Räume für die Gefühle seiner Figuren, die zu offenen Räumen für die Vorstellungskraft seiner Leser werden. Die melancholische Atmosphäre seiner Romane ist fast noch wichtiger als seine Plots.

Wagner schildert, wie Joentaa in Sakaris Leben eintaucht. Bedächtig und doch bestimmt. Der Polizist findet heraus, dass Sakari vor vier Jahren einen Motorradunfall hatte, bei dem seine Freundin starb. Ein traumatischer Vorfall, der zwei Familien aus ihren Welten gerissen hat. Bei Wagner geht es immer um Trauer und Verlust; seine Figuren suchen nach Halt, Trost und Gewissheit nach furchtbaren Erlebnissen. Kimmo Koentaa ist der Mann, der auch diesmal, in seinem sechsten Fall, trösten kann. Eine unfassbar traurige, wunderbare Geschichte.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Wahlrecht oder Waschmaschine?

julie zeh, leere herzen, rezension, günter keil, literaturblogDeutschland in naher Zukunft. Der spießig-nationalistische „Bund Besorgter Bürger“ (BBB) regiert mit einer satten Mehrheit, seriöse Medien gibt es kaum noch, die meisten Menschen interessieren sich nicht mehr für Politik. Öffentliche Debatten, Meinungsvielfalt? Fehlanzeige. Jeder wurstelt vor sich hin, im Blick nur das eigene Wohl. Die Geschäfte laufen gut. In ihrem neuen Roman „Leere Herzen“ (Luchterhand) entwirft Julie Zeh ein düsteres, aber gar nicht so unwahrscheinliches Szenario.

Die wenigen verbliebenen Denker haben sich in die Blogs zurückgezogen, wo sie in einer Kombination aus Selbstanklage und Schuldzuweisung noch immer darüber streiten, wer für den Siegeszug der BBB verantwortlich ist.“

Schnörkellos und schnell erzählt Julie Zeh von einem Deutschland, in dem sogar der Terror privatisiert wurde. Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi leiten „Die Brücke“, eine Undercover-Firma, die potentielle Selbstmordattentäter ausbildet.

Wer heutzutage einen Attentäter braucht, muss nicht mehr auf verblendete Djihadisten mit narzisstischer Störung zurückgreifen, nicht auf halbe Kinder mit Waffen-Fetisch oder auf Psychopathen, die Ausländer und Frauen hassen. Sondern bekommt einen professionell ausgebildeten, auf Herz und Nieren getesteten Märtyrer, der für eine höhere Sache sterben will.“

Klingt verrückt, ist aber im Kontext des Umfelds, das Julie Zeh zeigt, durchaus denkbar. Denn ein gewisses Maß an Terror braucht die Gesellschaft, um ihre Feindbilder aufrecht und den BBB an der Macht zu behalten. „Leere Herzen“ ist eine bitterböse, großartige Gesellschaftssatire. Sie macht deutlich, wohin es führt, wenn nicht mehr engagiert über demokratische Werte diskutiert wird. Wenn Parteien nicht mehr die wahren Probleme ansprechen und Bürger sich abwenden. Wenn die Waschmaschine wichtiger als das Wahlrecht ist.

Fazit: Der wichtigste gesellschaftspolitische Roman des Jahres. Weil er genau das anregt und provoziert, was dem fiktiven Deutschland im Buch verloren gegangen ist – eine rege Diskussion um unsere Demokratie.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Was für ein köstliches, brutales Vergnügen!

tyll, kehlmann, rezension, literaturblog, günter keilWas für ein Buch! Mit „Tyll“ (Rowohlt) beschert Daniel Kehlmann seinen Lesern ein köstliches, hochwertiges Vergnügen. Einen historischen Roman von höchster Qualität und höchstem Unterhaltungswert. Kehlmann ist ganz nah dran an seiner Hauptfigur Tyll Ulenspiegel, so nah, dass man diesen begnadeten, unheimlichen Gaukler riechen und spüren kann. Kehlmann porträtiert Tyll mit Sätzen, die ebenso kunstvoll wirken wie die Aufführungen seines Protagonisten. Es ist eine gleichermaßen beschwingte und düstere Reise ins 17. Jahrhundert, auf die Kehlmann sein Publikum mitnimmt.

Tyll muss fliehen- Er fährt mit der Bäckerstochter Nele durch das vom Dreißigjährigen Krieg zerstörte Land. Er provoziert und verspottet die Menschen – und unterhält sie dabei erstklassig. Er schläft auf Bäumen und schlägt sich irgendwie durchs harte Leben. Viel später bleibt ihm nur noch die Henkersmahlzeit vor seiner Hinrichtung, und auch diesen Moment fängt Kehlmann in all seiner Dramatik und Skurrilität meisterhaft ein. Schade nur, dass Tyll im zweiten Teil des Romans nur noch gelegentlich auftaucht und sein Alltag hinter den geschilderten Nöten der Könige und Kurfürsten, deren Standesdünkeln und Missgeschicken verblasst. Das ist die einzige Schwäche von „Tyll“: dass Kehlmann abschweift und seinen charismatischen Entertainer vernachlässigt.

Mit feinsinnigem Humor und grandioser Erzählkunst richtet Daniel Kehlmann seinen Blick auf eine brutale, karge Zeit, in der Hunger, Durst und Tod allgegenwärtig sind. In der Wölfe herumstreichen, Aberglaube vorherrscht und ein Mann tänzelnd Licht ins Dunkel bringt: Tyll.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Rumänien-Ausverkauf

Warum kauft ein saudi-arabischer Agrarkonzern riesige Flächen Ackerland in Rumänien? Weshalb sind viele weitere milliardenschwere Unternehmen aus der ganzen Welt an diesen Böden interessiert? Und wieso setzt die europäische Landwirtschaft auf Großbetriebe und Monokulturen?

In „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“ (DuMont) berichtet Oliver Bottini von fatalen Entwicklungen. Sein komplexes Werk weist Züge eines Wirtschaftskrimis auf, doch mehr noch als die ökonomischen Aspekte interessieren Bottini die Menschen. Ioan Cozma zum Beispiel. Ein rumänischer Kommissar, die Hauptfigur. Die Erinnerungen an seine Taten im totalitären System Ceaucescus quälen Cozma. Doch er verdrängt sie, so wie das ganze Land seine Vergangenheit verdrängt. Modern soll das neue Rumänien sein, dynamisch und sauber. Insofern passt es Cozma gar nicht, dass ihm die Ermittlungsleitung in einem Mordfall übertragen wird: eine junge Deutsche wurde erstochen aufgefunden. Ihrem Vater gehört ein landwirtschaftlicher Großbetrieb, und der Verdacht fällt auf einen der Feldarbeiter, der nach Mecklenburg flüchtet. Was zunächst nach einer Tat aus Leidenschaft aussieht, entwickelt sich zu einem komplizierten Geflecht aus Geschäftsinteressen. Auf einmal ist Ioan Cozma mittendrin in einem Konkurrenzkampf internationaler Konzerne. Sie kaufen die vergleichsweise günstigen rumänischen Agrarflächen mit kriminellen Praktiken, bestechen Politiker, spekulieren mit ihrem Besitz.

Oliver Bottini zeigt, wie schwer es einer Gesellschaft und ihren Mitgliedern fällt, sich von den Schatten ihrer Vergangenheit zu lösen. Er zeigt auch, wie leicht es für skrupellose Unternehmen ist, von diesem Prozess zu profitieren. Der Berliner hat einen hochwertigen, extrem spannenden Roman geschrieben, umfassend recherchiert und mit eleganter Prosa verfeinert.