Neuerscheinung

Schirachs Strafe

Sie tun weh. Verdammt weh. Weil sie brutal sind, traurig und erschütternd. Weil sie in einer reduzierten, nüchternen Sprache daherkommen. Ferdinand von Schirachs Kurzgeschichten in „Strafe“ (Luchterhand) schmerzen aber vor allem, weil sie der Wahrheit entsprechen. Zumindest sind sie daran angelehnt.

Der ehemalige Strafverteidiger schildert zwölf neue Fälle aus dem Gerichtsalltag. Er erzählt etwa, wie eine Frau ihren Mann umbringt, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wie ein gewalttätiger Menschenhändler und Zuhälter freigesprochen wird. Und warum in beiden Fällen dennoch alles nach Recht und Ordnung ablief. Das ist schwer zu ertragen – aber eben Realität. Von Schirach will zum Diskutieren und Nachdenken anregen, über das, was einen Rechtsstaat ausmacht. Und über das Potential, zum Mörder zu werden, das offenbar in jedem von uns steckt. Seine neuen Stories sind brillante literarische Miniaturen, wie schon in „Verbrechen“ und „Schuld“, seinen früheren Bestsellern.

Interview

Schreiben ist wie Pferdereiten

John Irving und T.C. Boyle haben in den 1970-ern den Iowa Writers´ Workshop besucht, ein zweijähriges Studium in Kreativem Schreiben. Zwanzig Jahre später studierte dort auch Nickolas Butler – zurzeit erfolgreich mit „Die Herzen der Männer“ (Klett-Cotta). Dieser Roman fasziniert auch deswegen, weil Butlers Sprache sehr vielseitig ist: mal einfühlsam, zart und feinsinnig, mal schonungslos, brutal und realistisch. Ich habe mehrere Lesungen mit dem 38-jährigen Autor moderiert und wollte von ihm wissen, wie es zu dieser Vielseitigkeit kommt:

Mit der Sprache ist es wie mit dem Pferdereiten, das hat mir ein Dozent am Iowa Writers´ Workshop beigebracht: Du musst das Pferd manchmal ganz zart streicheln, aber ihm auch mal die Sporen geben. Würde es immer nur im gleichen Tempo laufen, wäre das langweilig. Tatsächlich achte ich immer darauf, dass ich nicht eintönig schreibe. Ich vergleiche das gerne mit der Arbeit eines Malers. Würde sein Bild nur schön oder einfarbig sein, würde man sich schnell daran sattsehen. Sobald es aber Brüche, Schattierungen und verschiedene Farben zeigt, zieht es Aufmerksamkeit auf sich. Das gilt auch für meine Romane.“

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Unter Kirschbäumen

Ein Vater, seine Tochter. Nebeneinander im Bus. Sprachlosigkeit. Draußen ziehen Kirschbäume vorbei. Ein seltsamer Ausflug.

In reduzierter Sprache und ruhigem Ton erzählt Nanae Aoyama in „Bruchstücke“ (Cass) von einer ganz alltäglichen Vater-Tochter-Beziehung. Die Studentin fungiert als Erzählerin, und sie fragt sich, was das überhaupt für ein Mann ist, neben dem sie ausharrt. „Mein Vater hat ein nichtssagendes Gesicht und ist von Natur aus harmlos“ konstatiert sie. Ab und zu versucht sie, ein Gespräch zu beginnen. Doch die Sätze verlieren sich im Nichts. „Mit dir zu reden ist wie Steine ins Wasser werfen“ sagt die Tochter. „Findest Du?“ ist das einzige, was ihr Vater darauf erwidert.

Als die Reisegesellschaft an einer Kirschbaumplantage stoppt, gehen Vater und Tochter getrennte Wege. Die junge Frau sucht Motive für ihre Fotokamera, und der ältere Herr hilft Ausflüglern, Krischen von einem Baum zu pflücken. Obwohl so gut wie nichts passiert, liest man gespannt weiter. Denn Aoyamas klare, geradezu schwebende Erzählung beinhaltet eine Ahnung, dass da mehr sein könnte als das tatsächlich Geschilderte. Diese Atmosphäre erinnert an Momente aus Haruki-Murakami-Romanen, an eine zur Kunstform erhobene Beiläufigkeit. Auch in „Farinas Zimmer“, der zweiten Kurzgeschichte, behält Nanae Aoyama ihren schlichten Stil bei. Ein junger Mann erzählt wie nebenbei von seiner Ex-Freundin Farina und seiner Verlobten Hanako. In „Wildkatzen“, der letzten Erzählung, schildert Aoyama das unaufgeregte Eheleben von Kyoko und Akihito.

Aoyama hält im Alltag ihrer Figuren inne, beobachtet und notiert. Unaufgeregt und entschleunigt. Mit der Folge, dass man sich bei der Lektüre bisweilen so fühlt wie vor einem Gemälde mit einer klaren, vereinfachten Farbfläche. Zu sehen gibt es kaum etwas, aber der Raum für eigene Gedanken öffnet sich.

Neuerscheinung

Bekenntnisse eines Mannes, der normalerweise keine Liebesromane liest

Ich gebe es zu: Typische Mainstream-Bücherstapel-Liebesromane lese und rezensiere ich nicht. Aber es gibt Ausnahmen. Denn ich schreibe seit Beginn des Jahres auch für das Magazin FREUNDIN. Und dabei bin ich auf zwei neue Romane gestoßen, die mich berührt haben – OBWOHL sie zur oben genannten Kategorie passen. Was ist also los? Mit mir? Oder mit dieser Art von Romanen? Bin ich plötzlich verführbar für diese Art Literatur geworden (oh Schreck!) – oder sind einige dieser Liebesromane in der Qualität gestiegen (was gar nicht schlecht wäre)?

Wie auch immer… Ich verrate, welche Romane es sind: Before you go (Blanvalet) von Clare Swatman und Was bleibt, sind wir (Heyne) von Jill Santopolo.

Swatman erzählt herzzerreißend und spannend von Zoe, die ihren verstorbenen Mann Ed vermisst und nichts lieber möchte als die Zeit zurückzudrehen. Und dann ist sie tatsächlich wieder 18, lernt Ed kennen, verliebt sich, erlebt alles noch einmal – aber immer in dem Wissen, dass er sterben wird. Oder kann sie das verhindern? Eine bestechende Fantasie.

Ebenfalls höchst dramatisch ist Jill Santopolos Geschichte von Lucy und Gabe. Das Paar erlebt die große Liebe, trennt sich aber bald. Gabe geht als Fotograf ins Ausland, Lucy macht in New York Karriere als Filmproduzentin und gründet eine Familie. Doch die Liebe zwischen Lucy und Gabe bleibt – kommen sie wieder zusammen? Eine spannende Konstellation.

Before you go“ und „Was bleibt, sind wir“ spielen sprachlich zwar auf einfachem Niveau, sind aber perfekt konstruiert. Und vor allem: beide Romane können zu Tränen rühren, wenn man sich darauf einlässt. 

Neuerscheinung

Bulle aus Belfast

Sie haben eine blühende Fantasie.“ – „Ich habe eine ganz schlechte Fantasie. Deshalb lebe ich ja in den Achzigern in Nordirland. Jeder Mensch mit ein wenig Fantasie wäre längst von hier verschwunden.“

Er ist ein harter Hund, ein Heißsporn. „Ein sturköpfiges Arschloch“ sagt er selbst. Doch er hat ein großes Herz, eine kleine Tochter, und einen genialen Instinkt als Mordermittler. Sean Duffy, der katholische Bulle in einem protestantischen Viertel von Belfast in den 1980-er-Jahren, sorgt als Hauptfigur seit ein paar Jahren für eine der besten internationalen Krimiserien.

Dirty Cops“ (Suhrkamp Nova), der neueste Duffy-Thriller von Adrian McKinty, hält das hohe Niveau. Sean Duffy verflucht wieder einmal seinen Job, seine Stadt, sein Land, und er rast mit seinem BMW 535i „wie eine Hexe auf ihrem Besen.“ Auf Anraten des Polizeiarztes versucht er, seinen Alkohol- und Zigarettenkonsum zu reduzieren. Dennoch ist auch mal früh um zehn Uhr ein Pint Guinness und ein doppelter Whiskey drin – nur zur Beruhigung. Denn seltsamerweise werden seine Ermittlungen nach dem Mord an einem Drogendealer blockiert. Wer will, dass er den Fall zu den Akten legt? Duffy wird entführt und soll ermordet werden – steckt die IRA dahinter? Und warum setzen ihn plötzlich die Anti-Korruptionseinheit und die Abteilung Interne Ermittlungen Druck?

Adrian McKinty überzeugt erneut mit einer raffinierten, politischen Geschichte und dem lakonischen, schnodderigen Ton seines Helden. Ein grandioser Kriminalroman!

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Intensiv tschechisch

monica bellova, am see, rezension, günter keil, literaturblogNami wächst in einem trostlosen Dorf bei seinen Großeltern auf. An seine Mutter hat er nur vage Erinnerungen: ihre duftende warme Haut, die drei roten Dreiecke ihres Bikinis, ihre weiche Stimme. Warum ist sie nicht mehr bei ihm? Niemand verrät es Nami. Die meisten Menschen in dem Dorf am vergifteten See sind desillusioniert, betrunken und arbeitslos. Bianca Bellová siedelt ihren großartigen Roman „Am See“ (Kein & Aber) in einer postsowjetischen Industriegegend an. Namis einziger Lichtblick sind die Treffen mit Zaza, einem Mädchen mit einer gelben Schleife im Haar. Nachdem Zaza jedoch von russischen Soldaten vergewaltigt wird, flüchtet Nami in die Großstadt. Dort hofft er, seine Mutter zu finden und Abstand von seiner furchtbaren Kindheit zu gewinnen.

Mit einer urwüchsigen Kraft, die einem den Atem raubt, erzählt Bianca Bellová von Namis Überlebenswillen. Der Jugendliche schlägt sich als Tagelöhner durch, schleppt Kisten, asphaltiert Straßen, lebt in einem heruntergekommenen Wohnheim, wird gnadenlos ausgebeutet. Doch er gibt nicht auf. Bellovás intensive Geschichte kann man als Parabel über Unterdrückung und Armut lesen. Oder als eigenwilligen Entwicklungsroman. Die knappe, lakonische Sprache der tschechischen Schriftstellerin bringt Namis verzweifelte Suche nach Sinn in jeder einzelnen Situation auf den Punkt. Eine unvergessliche literarische Erzählung, so schmerz- wie liebevoll.

 

Bilder-/Kinderbuch · Buchbranche · Kinderbuch · Moderation

Kinderleseschlaraffenland

Wie schön, wie lustig: Gestern durfte ich mal wieder mit Kindern und für Kinder moderieren. Wie jedes Jahr zur Eröffnung der Münchner Bücherschau Junior. Ein wunderbares Lesefestival mit Kreativwerkstätten, Lesehütten, Illustrationsausstellunge, Schmökerinseln und jeder Menge Lesungen. 5.000 Medien von mehr als 100 Verlagen liegen, stehen und hängen in den Räumen im Münchner Stadtmuseum. „Neugierig auf die Welt“ lautet das Motto – und es ist toll zu sehen, wie neugierig sich Kinder und Jugendliche auf die Bücher stürzen. Es wird also noch gelesen. Sogar voller Begeisterung. Doch wir alle wissen: das Lesen ist trotzdem gefährdet. Umso wichtiger, dass es es Festivals wie dieses gibt, die Kinderleseschlaraffenländer erschaffen.Vielen Dank an die Organisatorinnen! Und an meine beiden Co-Moderatoren Emelie und Peer – ihr wart klasse!