Traumstart für unsere Literatur-Tour

Was für ein großartiger Literaturabend! Vor einer Woche starteten Karla Paul und ich die Herbst-Tour unserer Literaturshow „Die Seitenspringer“ im Literaturhaus Herne/Ruhr. Besser hätte es nicht laufen können:

Das sympathische, kundige Publikum feierte, fieberte und rätselte mit. Der Veranstaltungsort, eine stylish modernisierte alte Druckerei, passte perfekt zu unserem Programm (und umgekehrt). Karla und ich kämpften mit 60-Sekunden-Pitches um Stimmen für unsere 18 Lieblingsbücher. Und hinter den Kulissen sorgte das Team vom Literaturhaus für gute Laune und einen reibungslosen Ablauf. Vielen Dank, vor allem an Verena Geiger und Elisabeth Röttsches!

Hinterher diskutierten wir mit den Besuchern, und wir beobachteten, wie jede Menge unserer vorgestellten Bücher gleich gekauft wurden. So soll es sein!

Mehr über unsere Tour bald – Kiel, Hannover, Würzburg und Erfurt haben wir gerade gerockt, Leipzig (17.9.) und Berlin (21.11.) folgen. Überall in Hugendubel-Filialen. Wir freuen uns, wenn Ihr vorbeikommt!

Alles richtig gemacht?

Endlich mal ein Roman, der in Rostock spielt. In den 70er und 80er-Jahren. Zumindest zu Beginn. Später verlegt Gregor Sander den Plot von „Alles richtig gemacht“ (Penguin) nach Berlin, in die wilden Jahre des wiedervereinten Deutschlands, und schließlich in die Gegenwart. Doch egal ob in Rostock oder Berlin, egal ob vor 30, 20 oder 10 Jahren: Sander richtet seine Scheinwerfer immer auf Thomas und Daniel. Und auf ihre Freundinnen, ihre WG-Mitbewohnerinnen, ihre Frauen.

Er erzählt von unterschiedlichen Lebenswegen. Und davon, dass man im Rückblick selten alles richtig gemacht hat. Aber auch nicht alles falsch.

Also: Zwei Jungs, zwei Männer. Früher beste Freunde, heute etwa 50 Jahre alt.

Thomas ist Anwalt, verheiratet, hat zwei Kinder. Von Daniel hat er ewig nichts mehr gehört, bis dieser plötzlich wieder vor seiner Tür steht. Ausgerechnet jetzt, wo Thomas Frau weg ist und seine beiden Töchter mitgenommen hat.

Das überraschende Auftauchen von Daniel konfrontiert Thomas mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Er erinnert sich daran, wie sie als Kinder Fahrrad fuhren, in der Ostsee badeten und als Jugendliche über ihre ersten Erlebnisse mit Mädchen sprachen. Viel aufregender war es Ende der 80er, Anfang der 90er: Thomas und Daniel stürzten sich ins Nachtleben, betrieben eine Bar, betranken sich bis früh morgens in Kneipen, fühlten sich jung und glücklich. Daniel dealte mit Drogen und fädelte ein spektakuläres Kunstfälscher-Geschäft ein.

Und sonst? Am Rande ihres Bewusstseins passierte Weltgeschichte. Der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung, die rassistischen Angriffe von Rostock-Lichtenhagen, der 11. September 2001, die Gentrifizierung Berlins. Dann war Thomas verheiratet und trug vor Gericht Anzüge, und Daniel verschwand. Als die alten Kumpels wieder aufeinandertreffen, haben sich kaum etwas zu sagen. Oder doch?

Gregor Sander setzt auf eine klare Sprache, die das Wesentliche prägnant einfängt. Das passt zu Thomas, dem Ich-Erzähler, der zurückblickt. Ein heller Roman, der zeigt, dass die Vergangenheit manchmal bis in die Gegenwart reicht.

Im Interview: Doris Dörrie

Seit vielen Jahren ist Doris Dörrie eine meiner Wunsch-Interviewpartnerinnen. Nun hat es geklappt – ich traf die Filmemacherin und Schriftstellerin in einem Schwabinger Café. Wir sprachen über ihre Berufung in die Oscar-Jury, ihre Kindheit, ihr Studium in den USA, ihre Faszination für Japan und ihr neues Buch „Leben, Schreiben, Atmen“ (Diogenes). Hier Auszüge aus dem Gespräch, über das ich u.a. für WAZ, Südwest Presse, Abendzeitung, Sächsische Zeitung und Nürnberger Nachrichten geschrieben habe.

Der Titel Ihres neuen Buches impliziert, dass das Schreiben ein Grundbedürfnis ist. Könnten Sie leben, ohne etwas zu Papier zu bringen? Nein. Das ist tatsächlich ein existenzielles Grundbedürfnis, so wie das Lesen. Denn schreibend und lesend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder aufs Neue. Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern.

Was genau passiert bei Ihnen in diesem Prozess? Das ist ein großes Abenteuer. Zu schreiben bedeutet, sich aus dem kleinen ordentlichen Garten mit gemähtem Rasen und Blumenrabatten herauszuwagen in den Dschungel. Ich gehe raus, beobachte, staune und erlebe, und notiere das. Indem ich meine Erlebnisse in Sprache fasse, verankere ich mich selbst mehr im Leben. Ich kann das nur jedem empfehlen: Wer schreibt, bekommt eine Ahnung von sich selbst. Und das ist wunderbar.

Hatten Sie schon als Kind das Talent zum Schreiben? Zunächst nicht. Alle anderen konnten es, nur ich nicht. Ich war Linkshänderin und mühte mich mit allem ab. Doch in der dritten Klasse änderte sich alles. Ich wurde für den Vorlesewettbewerb ausgewählt, genoss diesen Auftritt und bekam prompt den ersten Preis. Seitdem weiß ich: Ich bin eine Rampensau.

Wie kam es zu dieser Verwandlung? Es ist ein kleines Wunder passiert. Zum einen war es ein unglaublicher Kick zu merken, wie Geschichten Menschen in den Bann schlagen können. Ich spürte, wie sich die Atmosphäre im Raum veränderte, wie aus Worten Bilder wurden und wenige Sätzen eine ganze Welt heraufbeschwören konnten. Das hat mich umgehauen. Rückblickend habe ich mich als Kind völlig in Märchenwelten und Geschichten verloren, so wie alle Kinder.

Wann und wo schreiben Sie am liebsten? Im Bett, gleich nach dem Aufwachen. Die Zähne habe ich dann schon geputzt, und einen Becher Kaffee neben mir. Der noch leicht somnambule Zustand hilft, Blödsinn zu schreiben, überhaupt zu schreiben. Wenn ich aufstehe, mich wasche und anziehe, ist es vorbei.

Wann wird aus Ihren privaten Beobachtungen ein Film oder ein Buch? Die Übergänge sind fließend. Ich bin eine Flaneuse, die Lust am Aufsaugen der Welt und am Wiedergeben des Erlebten hat. Manche Figuren, die ich aufschreibe, wollen zum Film, manche nicht. Manchmal starte ich mit einer Prämisse, wie bei „Grüße aus Fukushima“ – den Ort wollte ich filmisch beschreiben, und die Figur der jungen Deutschen gab es schon in anderen Geschichten von mir als Vorstufe. Aber erst einmal lasse ich mich beim Schreiben vom allem inspirieren, selbst von fremden Einkaufszetteln, die ich sammle.

Es scheint, als seien Sie ein Mensch, der spontan auf Dinge stößt und sich auf neue Begegnungen einlässt. Da ist etwas dran. Ich versuche, immer wieder möglichst offen zu sein und Dinge an mich herankommen zu lassen. Wir haben viel zu oft den Impuls uns zu verschließen, und das ist fatal, das verhindert Kommunikation und macht einsam.

Haben Sie sich diese Grundeinstellung schon während Ihres Studiums in den USA angeeignet? Vielleicht ist dafür eher meine Neigung zu buddhistischen Sichtweisen verantwortlich. Aber die USA war natürlich sehr entscheidend für mich; ich habe dort eine unglaubliche Freiheit empfunden. Vieles, was jetzt wieder ein großes gesellschaftliches Thema ist, wurde damals schon heiß diskutiert: Konsumkritik, ökologische Aspekte, das Hinterfragen von Machtstrukturen. Im Gegensatz zu Deutschland habe ich mich in den USA dauernd ermuntert gefühlt, auch beim Schreiben. „Just do it!“ war das Motto. Das war eine große Befreiung für mich. Diese prinzipielle Ermunterung versuche ich weiter zu geben.

Später entdeckten Sie Japan für sich und waren inzwischen mehr als 30 Mal dort. Inwiefern hat dieses Land Sie geprägt? Für mich war der erste Besuch der wichtigste. Dieser Schock, mich nicht mehr über Sprache verständigen zu können, nichts mehr lesen zu können, auf einen Schlag völlig auf mich zurückgeworfen zu sein – das hatte eine euphorisierende Wirkung. Ich war verdonnert dazu, genau zu beobachten und registrieren, was vor sich geht. Diese Notwendigkeit hat mir viel gebracht und letztlich zu Filmen wie „Kirschblüten – Hanami“ geführt.

Ab nächstem Jahr dürfen Sie über die Vergabe der Oscars mitbestimmen. Wie haben Sie von dieser Ehre erfahren – gab es einen Anruf der Academy of Motion Picture Arts and Sciences? Ganz im Gegenteil. Mein Mann hatte im SPIEGEL von meiner Berufung gelesen und mir erzählt, ich dachte, das wäre eine Falschmeldung oder ein Witz. Denn ich wusste von nichts. Wochen vergingen, auch andere Medien berichteten darüber, und so fragte ich nach. Dabei stellte sich heraus, dass die Academy meine Mailadresse falsch geschrieben hatte.

Wie stehen Sie grundsätzlich zum Oscar? Ihre Filme scheiterten mehrmals in der Vorauswahl zum Auslandsoscar.  Da ich kaum Nazis in meinen Filmen habe, ich das auch nicht verwunderlich. Aber im Ernst: Die Frage ist, ob man demokratisch über die Qualität eines Kunstwerks entscheiden kann. Meistens gibt es einen kommerziellen Kompromiss, und das bedeutet, dass so begeisternde Filme wie „Moonlight“ die Ausnahme bleiben. Man darf auch nicht vergessen, dass Hollywood eine Industrie ist. Dort werden Produkte hergestellt, reproduzierbare Waren. Für Kunst ist da nicht viel Platz.

Zwei Paare in einer Vierecksgeschichte

„Ich kann es nicht anders als einen inneren Wetterumschwung nennen, was ich damals erlebte.“

In einem Häuschen auf einer dänischen Insel treffen sich zwei befreundete deutsche Paare. Sie wollen gemeinsam ein gemütliches Wochenende in der Natur verbringen. Doch der friedliche Inseltrip sorgt für inneren Aufruhr. Jan Christophersen erzählt in „Ein anständiger Mensch“ (mare) eine klassische Vierecksgeschichte über Anstand und Untreue und den schwelenden Reiz des Verbotenen.

Steen Friis, der Ich-Erzähler, ist Philosoph und Bestsellerautor. Er gibt öffentlich Ratschläge zum Thema Anstand und Moral, doch nun, auf der Insel, ist er überfordert und unsicher, was zu tun ist. Denn zwischen ihm, seiner Frau Frauke und dem anderen Paar, Ute und Gero, entwickelt sich eine fatale Dynamik. Frauke, eine Psychotherapeutin, fühlt sich zu Gero hingezogen und Ute, eine Verlagsfrau, versucht, Stehen zu verführen. Gewissheiten geraten ins Wanken, und aus diesem spannenden Prozess bastelt Jan Christophersen niveauvolle Unterhaltung. Der 45-jährige Autor hat ein feines Gespür für die psychologischen Aspekte des Zusammentreffens seiner Figuren. Aus vertraut wird fremd, aus Spiel wird Ernst.

DDR-Rassismus

Rassismus und Neonazis in der DDR? Gab es nicht. Durfte es nicht geben. Denn das sozialistische Deutschland versicherte sich gern: Nur drüben im Kapitalismus, dort gibt es Ausländerhass. Eine Lüge, wie man weiß.

Max Annas neuer Kriminalroman „Morduntersuchungskommission“ (Rowohlt) erzählt einen brisanten realen Fall ostdeutscher Geschichte: 1986 wurde ein mosambikanischer Arbeiter an der Bahnstrecke zwischen Ost-Berlin und Dessau tot aufgefunden. Ein Mord durch Neonazis, der erst nach dem Ende der DDR bekannt wurde. Max Annas erzählt nun einen ähnlichen Fall, einen fiktiven.

An der Bahnstrecke südlich von Jena wird 1983 eine entstellte Leiche gefunden. Der Tote: ein junger Mosambikaner, sogenannter Vertragsarbeiter. Oberleutnant Otto Castorp von der Morduntersuchungskommission Gera soll den Fall aufklären. Annas zeigt ihn nicht als coolen Cop, sondern als ziemlich durchschnittlichen, gewissenhaften DDR-Bürger. Castorp befragt Anwohner und Kollegen des Toten, ermittelt in Wohnheimen, und erfährt dabei, dass es immer wieder zu Prügeleien zwischen Ostdeutschen und afrikanischen Arbeitern kommt. Schließlich verdichten sich Hinweise, dass eine Gruppe deutschnationaler Glatzköpfe den aufgefundenen Mosambikaner gequält und getötet hat.

Für seinen Einsatz wird Otto Castorp bestraft. Das Ministerium für Staatssicherheit entzieht ihm den Fall.

Max Annas schreibt klar, fokussiert und objektiv. Er wertet nicht, blickt seiner Hauptfigur gekonnt über die Schulter. So gelingen ihm spannende, authentische Einblicke in den DDR-Alltag. Annas dokumentiert, und er fragt indirekt: Hat die Weigerung des sozialistischen Staates, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen, auch etwas mit der heutigen Stimmung in Ostdeutschland zu tun?

Eine Nigerianerin in San Francisco

Eine chic gekleidete, fast 75-jährige Dame fährt mit ihrem alten Porsche durch San Francisco. Sie heißt Morayo da Silva, kommt ursprünglich aus Nigeria, und jeder in ihrer Nachbarschaft kennt sie. Denn Morayo sprüht vor Lebensfreude. Sie plaudert mit allen – dem Blumenhändler, der Straßenfegerin, und sie macht ständig neue Bekanntschaften.

Beschwingt und charmant erzählt Sarah Ladipo Manyika in ihrem Debütroman „Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt“ (Hanser Berlin) von einer sympathischen Lebenskünstlerin. Kurz vor ihrem Geburtstag muss Morayo allerdings ins Krankenhaus zu einer Hüft-OP. In der anschließenden Reha freundet sie sich mit Pearl, Bella und Reggie an.

Während ihre Hüfte langsam eilt, erinnert sich die alte schwarze Dame an ihren Ex-Mann Ceasar, einen hochrangigen Diplomaten. An all die Länder, in denen sie gelebt und all die Häuser, die sie bewohnt hat. Und natürlich an ihre Heimat Nigeria, „das Land der ewigen Sonne und des täglichen Theaters“. Ihr Buchregal daheim hat Morayo übrigens danach sortiert, welche Charaktere aus den Romanen sich ihrer Meinung nach miteinander unterhalten sollen.

Sarah Ladipo Manyika, selbst in Nigeria geboren, hat eine kurze, bezaubernde Geschichte über Freundschaft und Lebensfreude im hohen Alter geschrieben. Ihre Hauptfigur Morayo möchte ich sofort als Freundin haben oder selbst so sein, später einmal, mit 75 Jahren.

Von der Ranch in die Boxhalle

„Ich werde eines Tages Boxweltmeister sein, und es ist mir egal, wie lange das dauert.“

Der US-Schriftsteller und Musiker Willy Vlautin porträtiert in seinem neuen Roman „Ein feiner Typ“ (Berlin) einen ungewöhnlichen Außenseiter. Horace heißt der junge Mann, der auf einer Ranch arbeitet. Er ist halb irisch und halb Paiute, ein „Halbblut“, nirgendwo so richtig daheim.

Obwohl er Tiere und die Arbeit auf der Ranch mag, und obwohl ihn das alte Rancherehepaar Mr. & Mrs. Reese wie einen Sohn behandelt, zieht es Horace in die Stadt. Er möchte Preisboxer werden. Siege erringen. Berühmt werden. Mr. & Mrs. Reese ahnen, dass das nicht gut gehen kann, doch Horace will seinen Traum verwirklichen. Um jeden Preis.

Statt Ranch, Pferden, Schafen und Lagerfeuer zählen nun also Boxhallen, Kämpfe, Trainingseinheiten und Deals mit Trainern. Eine unbarmherzige, harte Welt. Willy Vlautin begleitet Horace verständnis- und liebevoll, so wie er das mit all seinen Figuren macht. Wie in einer ruhigen, stimmungsvollen Dokumentation zeigt Vlautin Horaces unbändigen Willen. Und seine dramatischen Niederlagen. Mr. & Mrs. Reese möchten Horace zurück auf die Ranch holen, sein Leiden beenden, ihm die Ranch überschreiben. Doch Vlautin ist zu sehr Realist, um ein Happy End zu konstruieren.

In Vlautins Romanen kämpfen anständige, arme Amerikaner um Anerkennung und Würde. Meist verlieren sie. Und dennoch gewinnen sie: die Herzen der Leser*innen, die sich von Vlautins stillen Meisterwerken berühren lassen.

Auf Tour: Unsere Literaturshow

Es ist soweit: Die Literaturshow „Die Seitenspringer“ geht im September auf Tour – Karla Paul und ich präsentieren unser spannendes Buch-Battle mit 18 aktuellen Romanen und Sachbüchern in acht Städten.

6. September in Herne (Literaturhaus) Tickets hier.

10. September in Kiel (Hugendubel)

11. September in Hannover (Hugendubel)

12. September in Würzburg (Hugendubel)

13. September in Erfurt (Hugendubel)

17. September in Leipzig (Hugendubel)

27. September in Köln (Crime Cologne, mit Katrine Engberg und Leon Sachs). Tickets hier. 

21. November in Berlin (Hugendubel Steglitz)

Wir garantieren: so wurde Literatur noch nie präsentiert. Lasst Euch überraschen und stimmt jeden Abend live darüber ab, welche Titel gewinnen. Karla und ich freuen uns auf Euch!

Die mysteriöse Bedeutung von Hochzeitsfotos

„Als ich jung war, glaubte ich an fast alles, und später an fast gar nichts mehr, und irgendwann in dieser Zeit dürfte mir der Glaube, dürfte mir das Glauben abhanden gekommen sein.“

Franz wächst in den Bergen Tirols auf. Seine Eltern betreiben einen Gasthof und richten Hochzeiten aus – Franz fotografiert die glücklichen Paare. Doch er zweifelt an der Wahrheit und Einzigartigkeit dieses „schönsten Augenblicks des Lebens“. Die immer gleich inszenierten Feiern und Fotos scheinen das Glück nur vorzugaukeln. Und tatsächlich: nach einer der Hochzeiten stürzt nachts eine frisch getraute Braut den Berghang hinunter und stirbt; zuvor hatte sie Streit mit ihrem betrunkenen Ehemann. Dieser tragische Moment geht Franz nicht aus dem Kopf, ebenso wenig wie der nächtliche Spaziergang mit einem Mädchen namens Sarah, in die er sich verliebte, und die er aus den Augen verlor.

In feiner, präziser Prosa porträtiert der Österreicher Norbert Gstrein in „Als ich jung war“ (Hanser) einen jungen Mann, der spürt, dass er sein Glück woanders suchen muss. Franz zieht nach Wyoming in den USA und arbeitet dort als Skilehrer. Einer seiner Schüler ist ein Professor, der Franz Komplimente macht und über sieben Jahre hinweg immer bei ihm Unterricht nimmt. Bis er schließlich Selbstmord begeht. Franz ist erschüttert über diesen zweiten Todesfall in seiner unmittelbaren Nähe. Welche Geheimnisse und Sorgen hatte der Professor, und warum stürzte die Braut in den Tod? Haben die beiden Ereignisse etwas mit ihm zu tun? Stecken hinter Menschen und Fotos doch immer ganz andere Geschichten, als diejenigen, die erzählt werden?

Diese Fragen umkreist Norbert Gstrein gleichermaßen einfühlsam und unterhaltsam, auf hohem sprachlichen Niveau. Sein kunstvoll komponierter Roman sucht auch nach einer Definition von Heimat und nach dem angemessenen Umgang mit einer unerfüllten Liebe. Franz, die sympathische, suchende Hauptfigur, kehrt schließlich zurück nach Österreich. Ob er dort endlich Gewissheit und Orientierung findet? Und vielleicht doch noch einmal auf Sarah trifft? Norbert Gstrein schickt seinen Protagonisten auf einen verschlungene Weg mit vielen Überraschungen. Der 58-jährige Autor formuliert lange, unaufdringliche Sätze, deren Ruhe und Kraft wohl nicht zufällig an die Berge Tirols erinnern.

Mehr Humanismus!

Was tun gegen Trump, Putin und die Populisten in Süd- und Osteuropa? Gegen die Schere zwischen Arm und Reich, die Konzentration von Macht und Kapital? Paul Mason legt mit „Klare, lichte Zukunft“ (Suhrkamp) eine 400 Seiten starke Streitschrift vor. Der britische Wirtschaftsjournalist und Politaktivist fordert eine Rückbesinnung auf humanistische Werte. Mason, der sich in seinem Bestseller „Postkapitalismus“ bereits Gedanken über eine neue Wirtschaftsform machte, stört die fortwährende Dominanz des Neoliberalismus:

„In der Ära der freien Marktwirtschaft lernten wir, die Unterwerfung des Menschen unter die Marktkräfte zu akzeptieren. Wir behandelten Begriffe wie Bürgerrechte, Moral und Handlungsmacht so, als wären sie irrelevant in einer von Konsumentscheidungen und kreativer Finanztechnik beherrschten Welt.“

Nun sei es an der Zeit, etwas zu ändern, fordert Mason. Schluss mit Fatalismus, „der vorherrschenden Geisteshaltung auf unserem Planeten“. Mason blickt zunächst zurück. Er beschreibt, wie Donald Trump überhaupt an die Macht kommen konnte. Wie die Wirtschaftselite weltweit auf Deregulierung drängte, die organisierte Arbeiterklasse verschwand, die Ungleichheit wuchs und der Staat der Gesellschaft in sämtlichen Lebensbereichen den Wettbewerb aufzwang. Und: Wie viele Menschen offenbar ihre Fähigkeit zum logischen Denken verloren haben, und wie die autoritären Rechten geschickt davon profitierten.

Für Paul Mason steht fest: Der Mensch muss in den Mittelpunkt unserer Weltsicht rücken, nicht der Profit. Die Propaganda von Eliten, Faschisten und Bürokraten muss intelligent widerlegt werden. Folgerichtig zeigt Mason etwa, wie man Technologien zur Förderung des menschlichen Wohlergehens nutzen könnte. Für den Briten steht zudem fest: Nur wenn wir gegen Monopole und Preisabsprachen kämpfen, gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und Lohnstagnation, sowie das Horten von Informationen, hat der Humanismus noch eine Chance.

„Klare, lichte Zukunft“ ist die perfekte Ergänzung zu Yuval Noah Hararis genialer Bestandsaufnahme „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ (C. H. Beck). Während Harari ausgewogen und ruhig argumentiert, spürt man Masons Zeilen seine Wut und seinen Willen an, etwas zu verändern. Zwei wichtige, kluge Bücher.