Sie läuft, läuft, läuft

Eine Frau joggt um die Alster, völlig außer Atem. Viele Jahre ist sie nicht mehr gelaufen, aber jetzt muss es sein. Denn die Ich-Erzählerin von Isabel Bodgans Roman „Laufen“ (Kiepenheuer & Witsch) will ihre Trauer weglaufen, ihre Wut. Sie möchte endlich wieder leben, nicht nur grübeln. Der Grund ihres Ausnahmezustands: Ihr depressiver Mann hat sich das Leben genommen.

In schneller, klarer Sprache und in radikaler, assoziativer Form porträtiert Isabel Bogdan eine Frau, die zunächst verzweifelt erscheint. Ihre Laufversuche gestalten sich mühsam, und ihre Gedanken sind von Ohnmacht und Trauer geprägt: „Ich will nicht an die Zukunft denken und wie alles werden soll, ich bin doch schon froh, wenn ich durch die Gegenwart komme, ohne mitten in der Probe oder im Supermarkt heulen zu müssen.“ Doch je mehr die Hauptfigur, eine Orchestermusikerin, läuft, desto mehr gewinnt sie ihren Humor zurück, ihre Zuversicht. Wird es also tatsächlich irgendwann ein erfülltes Leben ohne ihren Mann geben, ein neues Zuhause? Oder bleibt es bei dem unerträglichen Zustand, den die Frau als „mickriges, kleines Scheißleben“ bezeichnet?

Wochen und Monate vergehen. Noch immer joggt die Frau, und sie berichtet in ihrem inneren Monolog von ersten Momenten der Hoffnung.

Isabel Bogdan hat ihren Roman wie eine Laufstrecke konstruiert. Mit langen temporeichen Sätzen, die von zahlreichen Kommata in kleine Einheiten, also letztlich Schritte, eingeteilt werden. Schritte zurück ins Leben. Das intensive Porträt ist kein „Betroffenheitsquark“, wie die Hauptfigur an einer Stelle über Ratgeber nach Schicksalsschlägen urteilt, sondern ein starker Roman über Verlust und Neuanfang.

Blind und brillant

„Die Welt ist ein beruhigend dunkler Schatten“

Jenny Aaron ist blind, und dennoch oder gerade deswegen eine herausragende Kämpferin. Die deutsche Elitepolizistin kann sich lautlos bewegen und besitzt eine Supersensibilität, die sie alles ahnen lässt, was in ihrer Umgebung passiert. Zudem beherrscht Aaron die japanische Kampfkunst Budo, zu der Akupunkturkarate mit 36 tödlichen Nervenpunkten zählt.

Auch in „Geblendet“ (Suhrkamp), dem dritten Fall der blinden Ermittlerin, setzt Andreas Pflüger auf die außergewöhnlichen Fähigkeiten und die vielschichtige Persönlichkeit seiner Hauptfigur. Aaron überzeugt mit eleganter Härte und stilvoller Kraft, und das gleiche gilt für Pflügers Prosa. Diesmal spielt der Plot in Berlin, Portugal, Paris und Barcelona. Und auf Rügen, wo Aaron eine Therapie beginnt, die ihre Sehzellen wieder aktivieren sollen. Doch Aaron weiß gar nicht, ob sie wieder sehen will – viele ihrer Fähigkeiten würde sie dann verlieren.

Nach einem Bombenanschlag auf die Büros ihrer geheimen Abteilung gehört Aaron zu den sieben Überlebenden. Ihre getöteten Kollegen will sie rächen, doch ihre Gegenspielerin ist eine ebenfalls hochtalentierte Frau, „meine dunkle Schwester“, wie Aaron meint. Wie sich die beiden exzellenten Kämpferinnen mehrmals tödlich nahe kommen, schildert Andreas Pflüger trocken, schnell und ästhetisch. Seinem Sog in die Blindenwelt kann man sich nicht entziehen.

Der Berliner Autor kreiert Szenen, die wie Stromstöße wirken, und auch der dritte Teil seiner Jenny-Aaron-Reihe besitzt die Energie einer Druckwelle, die er durch das komplette Buch jagt. Ein Erlebnis!

Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Ist das nun Journalismus, Literatur, Satire oder Polit-Kabarett,? Alles zugleich. In seinem listigen, kritischen und klugen Roman „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“ (Rowohlt) nimmt Friedrich Christian Delius die deutsche Politik aufs Korn, vor allem die Wirtschaftspolitik. Sein Ich-Erzähler, ein 63-jähriger Redakteur, notiert, was ihn nervt.

Ein Jahr lang, ab Ende 2017, führt der Mann Tagebuch. Endlich kann er schreiben, was er in seiner Zeitung nicht schreiben durfte. Endlich kann er abrechnen. Mit der verlogenen deutschen Politik während der Banken-, Griechenland- und Eurokrise. Mit den Finanzministern der Großen Koalition, die Gewinnschieberei und Steuertrickserei von Konzernen tolerieren. Mit der MÜK, „der maßlos überschätzten Kanzlerin“. Vor allem anderen stört den Journalisten, dass nichts gegen den wachsenden Einfluss Chinas getan wird. Er empört sich über das chinesische Sozialkreditsystem, „ein Wohlverhaltenskontrollmodell“, das Totalüberwachung ermögliche. Bald auch bei uns? Durchaus möglich, meint der pointiert argumentierende Kritiker, denn eines Tages werden die Chinesen Rügen kaufen. Viele Teile der Welt besitzen sie bereits, belegt er durch seine Recherchen.

Friedrich Christian Delius verteilt weder Gemeinplätze noch betreibt er Schwarzmalerei. Vielmehr klärt er auf, fragt, staunt, sammelt Informationen, zieht Schlüsse. Seine Figur ist ein scharfer Beobachter und brillanter Analyst, ähnlich wie der 2013 verstorbene Dieter Hildebrandt oder Georg Schramms Figur des Lothar Dombrowski. Ein starkes, wichtiges Buch!

„Kleiner Witz der Weltgeschichte: Ich China werden die Menschen mit allen Mitteln zu Mehrheiten geformt, normiert, während bei uns immer mehr Menschen einer Minderheit angehören wollen, möglichst einer benachteiligten, vernachlässigten Minderheit. Vor lauter Minderheiten kommt es nicht mehr zu Mehrheiten, jeder will es gemütlich haben auf seiner kleinen Identitätsinsel. So viel zur Entpolitisierung.“

Begegnungen

Eigentlich, so fällt mir regelmäßig auf, besteht mein Beruf aus Begegnungen. Und es sind diese Begegnungen, die ich so schätze, aus denen ich etwas forme, die mich motivieren. Ich begegne Künstler*innen jeder Art, und, ja, auch Büchern begegne ich ständig. Ebenso wichtig und schön: Ich begegne Leser*innen, die aus meinen Begegnungen eigene Begegnungen machen. Aber genug der philosophischen Deutung – hier einige meiner Moderationen, Interviews und Auftritte der vergangenen Wochen:

Der britische Komponist, Rockmusiker und Autor Tot Taylor (oben) zeigte mir in einem Münchner Tonstudio, wie Hits entstehen. Seinen starken Rock´n´Roll-Roman „The Story of John Nightly“ stelle ich in der aktuellen Folge des Podcasts „Long Story Short“ vor – einfach hier klicken.

In Köln feierten Karla Paul und ich die besten aktuellen Krimis in unserer Literaturshow bei der Crime Cologne. 150 Zuschauer im ausverkauften Harbour Club stimmten mit ab. Ebenfalls auf der Bühne: unsere sympathischen Stargäste Katrine Engberg & Leon Sachs.

Mit US-Autor Rob Hart („Der Store“) diskutierte ich im Amerikahaus München über die Gefahren der Machtkonzentration durch Amazon, Apple, Google & co. Rob ist ein engagierter, kluger Kopf, der für mehr kritisches Bewusstsein wirbt.

Eine Stunde Zeit hatte der renommierte Diplom-Psychologe und Coach Jens Corrsen für ein TV-Webinar, in dem er mir mehr über das Gelingen von Beziehungen erzählte und Zuschauerfragen beantwortete. Die komplette Sendung gibt´s hier auf Litlounge.tv oder hier auf Youtube.

Nicht normale Norweger

Auf Bærum, einer Insel vor Oslo, leben die Reichen und Privilegierten. Als ein Angler vor der Küste ein menschliches Ohr aus dem Gewässer fischt, ist Schluss mit der Idylle. Denn das Ohr gehört zu einem ermordeten Polen. Der illegal eingereiste Arbeiter schuftete auf der Baustelle eines berüchtigten Immobilienspekulanten. Die Polizei ermittelt, und plötzlich kämpfen alle gegeneinander: Vogelschützer, Anwälte, Migranten, Kleinkriminelle, Anteilseigner und Angler.

Der norwegische Autor Lars Lenth ist ein Meister des lockeren ironischen Tons. In „Schräge Vögel singen nicht“ (Limes) versammelt er eine Handvoll skurriler Typen, die in den Mordfall verwickelt sind. Die Ermittlungen führen auch drei ehemalige Schulkamerad*innen zusammen: Den kriminellen Hochstapler und Spekulanten Terje, den sympathischen Rechtsreferendar Leo und die attraktive Kommissarin Mariken. Außerdem treten auf: Die tollpatschigen Verbrecher Nils und Rino sowie der griesgrämige Angler, der den Fall unabsichtlich ins Rollen brachte.

Obwohl Lars Lenth die komödiantischen Seiten des Verbrechens hervorhebt, berichtet er parallel von kritischen gesellschaftspolitischen Entwicklungen: Die Ausbeutung osteuropäischer Arbeitskräfte, Betrug und Korruption bei großen Bauprojekten, die Umgehung von Umweltschutzgesetzen, die abgeschottete Welt der Reichen.

Ernsthaft und witzig, entspannt und spannend – Lenth kombiniert scheinbare Widersprüche und glänzt mit schwarzem Humor. Ein heiterer Krimi über Gier und Moral, und darüber, dass Norweger manchmal nicht ganz normal sind.

Von der Zerbrechlichkeit des Lebens

Ach, wären doch nur alle Ärzte so wie Rainer Jund. In seinem literarischen Debüt verbreitet der HNO-Mediziner weder Weißkittel-Heldengeschichten noch Notaufnahme-Abenteuer. Stattdessen erzählt er von Leid, Mitgefühl, Verletzbarkeit und Angst. Von der Zerbrechlichkeit des Lebens und der Nähe des Todes.

Vom Wunsch, zu helfen. Von der Ohnmacht, es nicht immer zu können.

„Tage in Weiß“ (Piper) ist ein schmales Buch mit reduzierten, realistischen Kurzgeschichten aus dem Alltag eines Arztes, poetisch verdichtet. Junds Alter Ego berichtet von seiner ersten Leichenobduktion, aggressiven Tumoren, tödlichen Gehirnblutungen, hochgradigen Verbrennungen. Er tut dies ohne Pathos, nachdenklich, ehrlich, menschlich. So wie Ferdinand von Schirach über die Justiz und Gerechtigkeit schreibt, spricht Rainer Jund über Krankheiten und Kliniken.

Existentielle Erfahrungen machen in seinem Werk alle: Patienten, Ärzte und Angehörige. Jund versucht, sich den einschneidenden Erlebnissen feinsinnig und empathisch zu nähern – im Gegensatz zu manchen Kollegen, denen Ego, Macht und Karriere wichtiger sind. Auch über diese Ärzte schreibt er. Und über eine Liebe, die sich im Krankenhaus entwickelt. Ein Buch, das zu Tränen rührt.

„All den Ärzten gewidmet, die in großen Anstrengungen und mit Leidenschaft bis zur Selbstvergessenheit für den Menschen arbeiten. All den Geduldigen, die kämpfen und hoffen. Wir sind alle Patienten.“

Ulrich Tukurs Zeitreise

Stellt Euch vor, Ihr findet in einem alten Fotoalbum Bilder von Euch selbst. Aber Ihr selbst könnt es nicht sein. Es muss eine andere Person sein, rund hundert Jahre vor Euch. Genau das passiert der Hauptfigur in Ulrich Tukurs neuem Roman „Der Ursprung der Welt“ (S.Fischer). Paul Goullet, der im Jahr 2033 in Deutschland lebt, findet in einem Fotoalbum in Paris Bilder, die ihn selbst zeigen. Ein Schock. Aber auch eine Chance.

Paul beschließt, seinem Alter Ego auf die Spur zu kommen. In Südfrankreich. Er reist mit dem Zug nach Perpignan, Port-Vendres und Banyuls. Immer wieder wird er von Polizisten und Militärs kontrolliert, denn Frankreich hat sich zu einem totalitären Überwachungsstaat entwickelt. Wer nicht gehorcht oder kein Visum hat, wird in Straf- oder Arbeitslager gebracht. Und, fast genauso beängstigend: Immer wieder reagieren andere Leute überrascht und schockiert, sobald sie Paul sehen, und er selbst findet sich in den Städten auf seiner Reise ganz leicht zurecht – obwohl er noch nie dort war.

Ulrich Tukur hat eine außergewöhnliche Dystopie geschrieben. Keinen aufgeregten Thriller, sondern eine besonnen und rätselhaft erzählte, spannende Geschichte. Die Zeiten darin scheinen zu verschwimmen; mal lebt Paul in 2033, mal in 1943.

„Das Leben ist ein Abgrund, dachte er, in dem jeder mit dem anderen zusammenhing,, ein unendlich fein verzweigtes, unterirdisches Geflecht, das die Erde seit Jahrtausenden durchzog und alles Böse und Gute, Tote und Lebendige miteinander verband.“

Paul driftet in Träume ab, er lebt als andere Person 1943 und wacht doch wieder 2033 auf. Dieser Mann ist eine faszinierende Figur: Eine, die sich den modernen Zeiten verweigert, kein Smartphone besitzt und die bereit ist, sich den Geheimnissen seiner Vorfahren zu stellen. Auf seiner Reise lernt er unter anderem eine 86-jährige ehemalige Chansonsängerin kennen, die Inhaberin einer Pension. Sie raucht Zigarillos, und sie scheint Paul gut zu kennen. Woher nur?

Ein Buch über Träume und Widerstand, über Heute und Gestern. Ein Buch gegen „die rapide Zerstörung unserer poetischen Spielgründe“, wie Tukur im Vorwort meint.

Was passiert, wenn wir keine gedruckten Bücher mehr lesen?

Klar, wir lesen noch. Sogar gedruckte Bücher. Aber wie lesen wir diese? Und was passiert in uns, wenn wir immer mehr an Bildschirmen lesen? Die US-Wissenschaftlerin Maryanne Wolf, Professorin für kindliche Entwicklung, Kognitions- und Literaturwissenschaftlerin, schaut genau hin. Sie forscht und lehrt über die Auswirkungen des Lesens aufs Gehirn, und sie schreibt darüber: In „Schnelles Lesen, langsames Lesen“ (Penguin) führt sie anregend, aufregend und ausgewogen in die Leseschaltkreise im Gehirn, erklärt die Macht unserer inneren Bilderwelt und beleuchtet die Aktivierung der Sprachnetzwerke. Wolf spricht ihre Leser*innen direkt an, schreibt ihnen neun Briefe, sprich: neun Kapitel.

„Lesen hat die Macht, das Leben eines Menschen tiefgreifend zu verändern“ schreibt Wolf. Sie feiert die menschliche Errungenschaft des lesenden Gehirns und erzeugt eine klare Vorstellung davon, was beim Lesen im Kopf passiert. Das Eintauchen ins ausformulierte Denken anderer Menschen ermögliche neue Sichtweisen, hinterfrage Vorurteile und schule unsere Fantasie. Allerdings: Wie steht es heute um diese Fähigkeiten? Der Wechsel von der alphabetisierten, druckbasierten Kultur zu einer viel schnelllebigeren digitalen Bildschirmkultur ist Realität.

Maryanne Wolf zitiert Studien, Schriftsteller und Philosophen, und sie kommt zu klaren Schlüssen: Das Bildschirmlesen verführe zum Querlesen, Überspringen und flüchtigen Lesen. Es ergebe einen anderen Bezug zu Themen, bleibe oberflächlich und verringere das Gefühl für den Verlauf und Ablauf von Geschichten. Für offene, demokratische Gesellschaften so wichtige Fähigkeiten wie das Erfassen, Analysieren, Durchdenken komplexer Zusammenhänge sowie Empathie drohten zu verkümmern: „Die Illusion, durch eine tägliche Flut an mundgerechten Informationshäppchen wirklich informiert zu werden, hat das Zeug dazu, die kritische Auseinandersetzung mit komplexen Wirklichkeiten zu korrumpieren.“

„Was wir verlieren, wenn wir keine gedruckten Bücher mehr lesen“, der Untertitel des Buches, ist Wolfs großes Thema. Sie verteufelt neue Medien keinesfalls, plädiert jedoch dafür, die alten Lesetechniken weiter zu lehren. Wolf will aufklären, und das gelingt ihr mit diesem sowohl kompetenten als auch persönlichen Buch hervorragend. Lohnende Lektüre für alle Leser und Nicht-Leser.

Im Podcast „Long Story Short“ haben wir übrigens auch vor kurzem über dieses Thema diskutiert. Mehr hier direkt in der Folge „Die Zukunft des Lesens“. 

Das Ultimatum

Staatskrise in Deutschland und Frankreich. Der Notstand wird ausgerufen. In Christian v. Ditfurths neuem Thriller „Ultimatum“ (C. Bertelsmann) erpresst eine unbekannte Organisation die Politik. „Erlassen Sie Italien, Spanien, Portugal und Griechenland alle Schulden“ fordern die Kidnapper. Ihre Druckmittel: Sie entführen den Mann der deutschen Kanzlerin und die Frau des französischen Präsidenten. Außerdem bringen sie ein Atomkraftwerk unter ihre Kontrolle und verlangen die Freilassung eines mächtigen inhaftierten Verbrechers. Die Berliner und Pariser Machtapparate sind in Schockstarre – niemand weiß, wer hinter den terroristischen Aktionen steht. Russland, China, Islamisten? Alle Spuren verlieren sich im Nichts.

Christian v. Ditfurth hat ein erschreckendes Szenario entworfen. Doch es ist nicht unrealistisch, vor allem, weil Ditfurth seinen packenden Plot mit zahlreichen Anspielungen auf reale Politiker spickt. Merkel, Seehofer, Altmeier und Maas, sie alle sind klar zu erkennen. Das gilt auch für Macron, Putin und Steve BannonChristian v. Ditfurth zeigt die Staatschefs, ihre Minister und Behörden, ihre Strippenzieher und Speichellecker. In all ihrer zur Schau gestellten Kompetenz und Macht, inmitten ihrer Hilflosigkeit, ihres armseligen Populismus.

Nur Eugen de Bodt, der Berliner Hauptkommissar, behält einen kühlen Kopf. Auch in seinem fünften Fall bleibt der intellektuelle Hardliner pragmatisch und denkt außerhalb der üblichen Muster. Doch die Kanzlerin vertraut auf de Bodts Fähigkeiten, und sie verschafft ihm den Freiraum, ohne Einschränkungen zu ermitteln.

Action mit Anspruch, so lautet Ditfurths Motto. Mit Stakkatosätzen jagt er seine Protagonisten blitzschnell durch Berlin und Paris, inszeniert Verfolgungsjagden, Schießereien, Explosionen und eine Massenpanik. Er macht Tempo, Tempo, Tempo. Das alles ist kein Selbstzweck. Sondern die effektivste und unterhaltsamste Art, einen klugen zeitgenössischen Polit-Thriller zu schreiben.

Ein Aussteiger und eine Ausreißerin

Sich durchschlagen. Improvisieren, überbrücken, es darauf ankommen lassen. Sich nur noch dem widmen, was unmittelbar da ist. Kurz: Das Leben auf die Reihe kriegen, wie auch immer.

Darum geht es in Terézia Moras neuem Roman „Auf dem Seil“ (Luchterhand). Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin vertraut zum dritten Mal auf Darius Kopp – der fiktive IT-Experte spielt nach „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“ wieder die Hauptrolle. Diesmal stattet ihn Mora mit einem ungewöhnlichen Sidekick aus: Kopps Nichte Lore, eine 17-jährige. Sie taucht überraschend auf Sizilien auf, wo Kopp die Asche seiner verstorbenen Frau verstreut hatte und nun als Pizzabäcker jobbt.

Der Onkel und die Nichte also. Ein Aussteiger und eine Ausreißerin. Terézia Mora hat ein umwerfendes, ungleiches Paar erfunden; zwei gestrandete Menschen, die sich auf der Vulkaninsel vor dem Leben verstecken. Der Spielraum ist eng: Kopp hat alle Ersparnisse und Versicherungen verloren. Lore hat mit ihrer Familie gebrochen, und wie sich bald herausstellt, ist sie schwanger.

„Der Mensch ist schief, so ist es“, schreibt Mora, und tatsächlich ist außer den gedruckten Sätzen kaum etwas in diesem Buch geradlinig. Kopp und Lore rutschen und stolpern durch ihr aus der Balance geratenes Leben. Terézia Moras Geschichte strotzt vor Virtuosität und Erzähllust, und ihr unverwechselbarer Stil bleibt so schief wie ihre Figuren, so unvorhersehbar und überraschend wie das Abenteuer, in das Kopp und Lore stürzen. Dennoch bewahrt sie sich eine erstaunliche Leichtigkeit und Lesbarkeit.

Der Onkel und die Nichte kommen schließlich wieder zurück nach Berlin. Auch dort bleibt ihnen nur ein Leben aus Notlösungen. Doch sie schlagen sich durch, es geht immer weiter – und vielleicht möchte Terézia Mora genau das zeigen: Es geht immer weiter. Ein versöhnlicher Gedanke, egal wie groß der Knick im Leben ist.