Neuerscheinung · Rezension · Romane

Smith swingt

zadie smith, swing time, rezension, blog, günter keilFred Astaire, Michael Jackson: Ihre Idole. Zwei Mädchen schwärmen vom Steppen und Tanzen. Die namenlose Erzählerin wird später Assistentin einer berühmten Popsängerin und Tracey, die andere, schafft es auf die Bühne im Londoner Westend. Zadie Smith, früher selbst Stepptänzerin und Jazzsängerin, erzählt in „Swing Time“ (Kiepenheuer & Witsch) von einer Mädchen- und Frauenfreundschaft mit Brüchen. Sie untersucht, wie sich Herkunft, Hautfarbe und Bildung auf das Leben ihrer Protagonisten auswirken.

Als „braun“ gelten Tracey und ihre Freundin, da sie aus gemischten Familien stammen. Sie wachsen in Sozialwohnungen im Nordwesten Londons auf. Die Erzählerin ist neidisch auf Tracey, denn deren weiße, ungebildete Mutter serviert den Kindern Pizza und Pfannkuchen. Sie ist stolz auf ihre Tochter und möchte ihr den Traum vom Tanzen erfüllen. Ein starker Kontrast zur anderen Mutter: die schwarze Feministin kocht nur Gesundes und trichtert ihrem Kind ein, wie wichtig Ernsthaftigkeit und Emanzipation sind. Ihre Tochter entflieht diesem intellektuellen Korsett. Sie stürzt sich in die Partystimmung des „Cool Britannia“, steigt auf zur Assistentin des größten Popstars dieser Zeit.

Nach mehr als zehn Jahren fühlt sie sich allerdings ausgebrannt und allein. Träume zerbrechen auch anderswo. Traceys kurze Karriere als Tänzerin endet abrupt, und sie schlägt sich mühsam als alleinerziehende Mutter durch. Wie in ihren vier vorherigen Romanen lotet Zadie Smith aus, woher wir stammen und welche Möglichkeiten sich bieten, das eigene Milieu hinter sich zu lassen. Getragen wird diese eindrucksvolle Geschichte vom bewährten Smith-Sound: er ist klar, klug und lebensnah.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Kommissar im Alleingang

christian v. ditfurth, giftflut, rezension, günter keilAlleingang. Ein Wort, das Eugen de Bodts Verhalten perfekt beschreibt. Der Berliner Hauptkommissar ist ein sturer Bock – überheblich und kompromisslos zieht er seine Solo-Ermittlungen durch. De Bodt unterläuft die Hierarchie, missachtet Dienstanweisungen. Er ist eine Zumutung für Polizei und Politik. Und ein Geschenk für Christian v. Ditfurths Leser.

Mit seiner grandiosen Hauptfigur punktet v. Ditfurth auch im dritten de-Bodt-Band „Giftflut“ (carl´s books). Die trockenen, teils zynischen Kommentare seines Ermittlers und dessen scharfe Typisierung der Behördenbürokraten sind einmalig: „Wie er diese Pinkel satthatte. Überzeugungsfrei, karrierebewusst. Diener ihres Herren. Die Pension im Auge.“ Doch in Ditfurths Thrillern geht es um viel mehr, um Geld, Gier, Macht. Und diesmal um eine verheerende Anschlagsserie: In Berlin, Paris und London sterben bei Brückenexplosionen hunderte Menschen. Die Politik reagiert panisch, die Bevölkerung hat Angst, es kommt zu Übergriffen auf Minderheiten und Flüchtlinge. Rechtsparteien werden stärker. Aktienmärkte und Wirtschaft stürzen ab. Nur ein Mann hat das Gespür für die Botschaft hinter dem Terror – klar, Querdenker de Bodt. Ein rasanter, spektatkulärer Politthriller. Christian v. Ditfurth schreibt das Beste, was in diesem Genre zurzeit veröffentlicht wird.

Die Ämter blickten sich an. Der Polizeipräsident zog die Mundwinkel erdwärts. Das BKA versteinerte. Die Bundeswehr errötete. Der Verfassungsschutz putzte sich die Nase. Der Generalbundesanwalt räusperte sich.“

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Indiens Transsexuelle und Gefallene

arundhati roy, das ministerium des äußersten Glücks, Rezension, Blog, Günter Keil 20 Jahre (!) hat sich Arundhati Roy für ihren neuen Roman Zeit gelassen. Die letzten zehn davon hat sie an „Das Ministerium des äußersten Glücks“ (S. Fischer) geschrieben. Herausgekommen ist ein Buch, das in seiner überbordenden Fülle von Details, Figuren, Biografien und Anekdoten kaum zu übertreffen ist. Und auf das man sich erst einlassen muss – anders ist diese Reichhaltigkeit schwer zu bewältigen.

Roy erzählt von Anjum, einer Transsexuellen, auf indisch: Hijra. Anjum lebt erst in einer multi-ethnischen Hijra-Gemeinschaft in Delhi, dann auf einem Friedhof. Dort baut sie eine Hütte, die zur Zuflucht für Menschen am Rande der Gesellschaft wird: „Dieser Ort, an dem wir leben, den wir zu unserem Zuhause gemacht haben, ist ein Ort der fallenden Menschen.“ Ein gefallener Hund ist auch dabei: Biroo. Die Gefallenen, Vergessenen, von Polizeiwillkür und Behördenschikanen eingeschüchterten Menschen finden in Roys Roman zusammen, und die Autorin schildert ihr Leid in dichter, lebendiger und bisweilen poetischer Prosa. Dass die Gefallenen im „neuen“ Indien, der kapitalistischen und nationalistischen Hindu-Supermacht, nur stören, ist offensichtlich.

Im zweiten Teil widmet sich Roy dem Kaschmir-Konflikt. Den Muslimen, die Opfer schwerster Gewalt werden, der unerträglichen Situation im umkämpften Gebiet zwischen Indien, Pakistan und China. Protokolle, Augenzeugenberichte, Befunde und Rückblicke auf reale Massaker vervollständigen ihre literarische Dokumentation von Chaos und Unterdrückung. Damit macht es Roy ihren Lesern nicht leicht – ihre Hauptfigur Anjum spielt kaum noch eine Rolle. Dennoch ist dieser Roman ein einzigartiges Ereignis: ein realistisch-kritischer Blick auf Indiens gesellschaftspolitische Probleme und eine hinreißende Würdigung der Gefallenen. Ein Mix, den nur Roy so zubereiten kann.

In der fast 15-stündigen Hörbuchfassung (Audible / Argon) führt Sprecherin Gabriele Blum einfühlsam und überzeugend durch Roys abwechslungsreichen Plot.

Übrigens: Arundhati Roy kommt nach Deutschland und liest u.a. in München, wo ich am 13.9. ihre Lesung im Literaturhaus moderiere.

Graphic Novel · Neuerscheinung

Hallo, kleiner Araber!

riad sattouf, der araber von morgen, rezension, günter keil Kann Riad Sattouf sein hohes Niveau halten? Das ist die spannendste Frage vor der Lektüre des dritten Bandes von „Der Araber von morgen“ (Knaus). Schnell ist klar: ja, er kann.

Der neueste Teil der international gefeierten Graphic Novel spielt in Syrien zwischen 1985 und `87. Sattouf erzählt darin einige weitere Kapitel seiner eigenen „Kindheit im Nahen Osten“, wie der Untertitel passend verspricht. Wie schon in den ersten Teilen lebt die Geschichte von der erfrischend klug-naiven Sichtweise des kleinen Riad. Und von den herausragenden, plakativen Illustrationen.

Trist, hart und karg wirkt Syrien, verbittert und aggressiv sehen die Menschen aus. Riad, der wegen seiner blonden Haare und seiner französischen Mutter („Eine Jüdin!“) gehänselt wird, freut sich auf Weihnachten. Er liebt DVDs aus den USA, allen voran „Conan der Barbar“. Sein Vater verspricht seiner Familie Wohlstand. Doch nichts wird besser, der Obstgarten blüht nicht auf und das Alltagsleben bleibt beschwerlich. Nur ein Ausflug in den Libanon bringt Abwechslung – und der Junge wird beschnitten.

Das Aufwachsen in einem heruntergekommenen Land, hin- und hergerissen zwischen der christlich-französischen und syrisch-muslimischen Kultur – das sind Riad Sattoufs Kernthemen. Scheinbar spielerisch, letztlich jedoch tiefgründig und schonungslos lotet er den Spielraum eines Kindes in dieser Welt aus. Sehr zu empfehlen, zum dritten Mal!

 

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Die Grausamkeit der Normalität

birgit vanderbeke, wer dann noch lachen kann, rezension, günter keil, literaturblog

Birgit Vanderbeke formuliert nicht lange oder umständlich herum. Schon auf der ersten Seite spricht sie ihre Leser direkt an: „Es gibt nur einen einzigen Menschen, der für Sie denken und auf Sie aufpassen kann. Das sind Sie. Und wenn Sie es nicht können, kann es niemand für Sie.“ Das ist die Kernbotschaft ihres neuen, erneut autobiografisch gefärbten Romans „Wer dann noch lachen kann“ (Piper). Ganz genau hinschauen, sich bloß nichts vormachen lassen, einen eigenen Weg gehen – eine Erkenntnis, die Vanderbekes Alter Ego im Buch schon als kleines Mädchen gewinnt. Ihr Vater schlägt sie mit einem Teppichklopfer blutig. Ihre Mutter schleppt sie zu Ärzten und behauptet, sie sei krankhaft überreizt.

Die Erzählerin beobachtet ihre Umwelt genau, sie hinterfragt und kommentiert, was sie erlebt und sieht. Sie flüchtet – wie Birgit Vanderbeke selbst im Alter von fünf Jahren – mit ihren Eltern aus der DDR in den Westen, ins „Land der Verheißung“. Doch auch dort trifft sie auf Widersprüche und Gewalt. Also flüchtet die Erzählerin in Traumwelten, erfindet einen Mikrochinesen, der auf ihrem kaputten Globus steht und ihr zuhört – im Gegensatz zu ihrer Mutter. Birgit Vanderbeke erzählt von einer Befreiung. Von Dogmen, Familien, Systemen, Traditionen. Von der Grausamkeit der Normalität.

Schwere, tiefgründige Kost, im Grunde genommen. Doch Vanderbeke schreibt so erfrischend und gewitzt, so gekonnt artistisch, dass die teilweise erschütternden Szenen keine düstere Stimmung verbreiten. Vielmehr bilden sie in ihrer Komplexität ein überzeugendes Plädoyer dafür, sich nicht einschüchtern, einlullen oder vereinnahmen zu lassen. Kleines Buch, große Literatur!

“Es ist anstrengend, zu denken, deshalb ist man immer in Versuchung, es andere für sich machen zu lassen.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Wie die Mafia an Flüchtlingen verdient

petra reski, bei aller liebe, rezension, günter keilIrgendwie sahen deutsche Staatsanwälte alle gleich aus, wie vom 3-D-Drucker ausgespuckt.“

Petra Reskis Metaphern sind so trocken und lakonisch wie die komplette Sprache ihrer Kriminalromane. In „Bei aller Liebe“ (Hoffmann und Campe) gehen Reski und ihre Hauptfigur mal wieder aufs Ganze – sie stellen sich der Mafia in den Weg. Serena Vitale, eine Anti-Mafia-Staatsanwältin aus Palermo, ermittelt in ihrem dritten Fall. Souverän, schlagfertig und unnachgiebig. Die Ermittlungen könnten brisanter kaum sein. Vitale findet heraus, dass der Sohn eines mächtigen Mafiabosses in Deutschland zum größten Player im Flüchtlingsbusiness aufgestiegen ist. Offiziell ein ganz seriöser Geschäftsmann, vermietet er Unterkünfte und beschäftigt dort Wachdienste, Catering- und Reinigungsfirmen. Ein Milliardengeschäft, das deutsche Politiker und Juristen nicht antasten. 

Petra Reski hat einen mutigen und wichtigen Roman geschrieben – einen, in dem man viel über skrupellose Schleuser, korrupte Politiker, ängstliche Staatsanwälte, opportunistische Journalisten und kriminelle Kirchenmänner lernt. Und über die Mafia, die struktureller Bestandteil des Geschäfts mit den Flüchtlingen geworden ist. Zum Fürchten gut und leider sehr realistisch.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Ein Tscheche im All

jaroslav kalfar, eine kurze geschichte der böhmischen raumfahrt, rezension, literaturblog, günter keilTschechien, eine Raumfahrtnation? Kann nur ein Witz sein. Oder eine Satire. Und genau so ist es: „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ (Tropen), das Debüt des 29-jährigen Jaroslav Kalfař, spielt mit dem Größenwahn der kleinen Nation. Um einmal den Weltmächten voraus zu sein, schickt die Tschechische Republik Jakub Procházka ins All. Der Astronaut soll eine kosmische Wolke untersuchen. Jakubs Landsleute feiern ihren Helden, Firmen sponsern die Mission, Politiker profitieren vom Rausch der Gefühle. Doch Jakubs Frau Lenka verlässt ihren Mann, und wenige Wochen später runiniert die Wolke das Raumschiff, Jakub muss allein ins All. Immerhin begleitet ihn ein spinnenartiges Wesen mit acht Beinen und 34 Augen – es hat den Auftrag, Jakub zu erforschen. Doch noch bevor aus dieser Begegnung Freundschaft werden kann, landet Jakub in einem russischen Raumschiff, das ihn zurück zur Erde bringt. Der gescheiterte Astronaut blickt zurück auf sein Leben, sein Land, seine Ehe. Kann er noch einmal von vorne beginnen?

Jaroslav Kalfař hat einen erstaunlichen Roman geschrieben. Einen, der sich nicht um Genregrenzen schert. Weltraum-Satire, Beziehungsstudie, Volksmärchen – alles ist drin in diesem Buch, das von einem lockeren Grundton und philosophischen Zwischentönen getragen wird. Zum Glück beschränkt sich Kalfař nicht auf die humoresken Aspekte der Mission; er sondiert das Lebensgefühl der Tschechen und fragt, was aus der Aufbruchstimmung der 1989-er-Revolution geworden ist. Außerirdisch originell!