Gier in Griechenland

„Es war unter Reichen Gesetz, dass die Muße im Sommer wie ein breiter und anmutiger Strom dahinfließen sollte. Es galt, eine gute Zeit zu haben und sich auf der leuchtenden Oberfläche treiben zu lassen.“

Lawrence Osborne ist ein Ästhet. Der britische Schriftsteller gönnt sich den Luxus wohlformulierter, durchdachter Sätze, die nach genussvoller Lektüre auf der Zunge zergehen wie eine Kugel Eis in der griechischen Sonne.

Luxus, Sonne, Griechenland. Drei wichtige Pfeiler von Osbornes neuem Roman „Welch schöne Tiere wir sind“ (Piper). Noch wichtiger sind Osbornes Themen: Rache, Schuld und Gier. Und, konkreter: Die Langeweile von Privilegierten und deren kriminelle Energie.

Auf der griechischen Insel Hydra genießen zwei reiche Familien aus England und den USA den Aufenthalt in ihren Villen. Dazu zählen Naomi und Sam, zwei junge Frauen, verwöhnt, intelligent, gelangweilt, von ihren Eltern und ihrem Dasein als Luxustöchter genervt. Die beiden erkunden versteckte Buchten, rauchen Gras, nehmen Drinks zu sich und bewegen sich mit aristokratischer Lässigkeit durch die sengende Hitze.

Als Naomi und Sam am Strand auf einen syrischen Flüchtling treffen, fühlen sie sich von seiner Fremdheit angezogen. Zudem ahnt Naomi, dass dieser Mann namens Faoud ihr die Gelegenheit gibt, sich an ihrem abgehobenen Vater und seiner unerträglichen neuen Frau zu rächen. Naomi und Sam bringen Faoud in einem Versteckt unter, und einige Tage später stiften sie ihn dazu an, in der Villa von Naomis Eltern einzubrechen. Von der Beute, so der Plan, würde Faoud aufs Festland flüchten und ein neues Leben beginnen können.

Doch der Plan misslingt, und in der Nacht des Einbruchs sterben zwei Menschen. Osbornes Porträt zweier Komplizinnen trägt Züge einer Psychostudie der sommerlichen Eindringlinge auf Hydra. Elegant und kultiviert schreibt Osborne über einen Kriminalfall, der aus purem Überdruss entsteht. Faszinierend!

 

 

 

 

 

3 plus 1 (Neues von Friedrich Ani)

Noch nie hat Friedrich Ani seine Leser so umfassend überrascht wie diesmal. Erstmals lässt er seine drei bekanntesten Figuren gemeinsam ermitteln: Tabor Süden, Jakob Franck und Polonius Fischer. Dazu gesellt sich in „All die unbewohnten Zimmer“ (Suhrkamp, Foto unten) Fariza Nasri, eine bayerische Kriminalkommissarin mit syrischen Wurzeln. Sie bringt als Ich-Erzählerin einen frischen Ton mit. 3 plus 1 also, plus hohes Tempo.

Vieles ist also neu in Friedrich Anis neuem Roman, und doch bleibt vieles beim Alten. Der Meister der nachdenklichen Töne lotet auch in seinem neuen Werk die Grauzonen Münchens aus. Hochgradig aktuell ist das Buch dennoch. Eine rechts-nationalistische Partei, der AfD ähnlich, demonstriert in der Innenstadt. Mitglieder einer Bürgerwehr verkünden, dass sie die Polizei nicht mehr bräuchten, um „sauber zu machen in allen Ecken, gründlich, damit die Leute wieder Freude an ihrem Land haben.“ Friedrich Anis neuer Roman erscheint nicht nur komplexer als viele seiner vorherigen Werke, sondern deutlicher in der Gegenwart verankert. In einem der zahlreichen intensiven Kapitel schildert Ani die Flucht von zwei Buben aus Aleppo, die mit ihrem Vater nach München flüchten. Später werden die Syrer verdächtigt, am Tod eines Streifenpolizisten in Schwabing beteiligt gewesen zu sein.

Neben diesem Fall müssen die vier Ermittler den Mord an einer Frau in Haidhausen aufklären. Friedrich Ani führt die verschiedenen Handlungsstränge und seine vier Hauptfiguren gekonnt zusammen. „All die unbewohnten Zimmer“ entwickelt eine eigenständige Qualität. Nicht zuletzt wegen Fariza Nasri, der Ani 2021 einen eigenen Roman widmen wird, wie er mir auf seiner Lesung im Literaturhaus München sagte (Foto). Diese Moderation war für mich eine große Ehre – ich schätze Ani und sein Werk sehr, und der 60-jährige beeindruckt sein Publikum jedes Mal aufs Neue.

 

Spießigkeit versus Lebenslust

Dieser Roman riecht nach einer würzigen Meeresbrise und nach starkem Spätsommerregen. Er schmeckt nach Gin Tonic und Whiskey Soda, und er flackert wie ein Feuer im Kamin. „Tage in Cape May“ (Blessing) des US-Autors Chip Cheek thematisiert die unterschiedlichen Auslegungen von Treue und das Verlangen nach einem anderen, aufregenderem Leben.

Die sinnliche Geschichte spielt 1957. Henry und Effie verbringen ihre Flitterwochen in Cape May. Das Städtchen ist verlassen, die Saison zu Ende. Das schüchterne junge Paar aus Georgia fühlt sich isoliert in der Fremde, und gerade als es beschließt, ihren Urlaub zu verkürzen, treffen sie auf Clara, eine Ferienbekanntschaft Effies aus Kindertagen. Clara wohnt ein paar Häuser weiter, und sie feiert Partys mit lässigen, reichen Freunden aus New York. Künstler, Playboys, Erben, Kreative. Darunter Max, Claras Liebhaber, und dessen mysteriöse Schwester Alma.

Clara lädt Henry und Effie ein, mit ihnen die Freizeit zu verbringen. Erst zögert das christliche junge Paar, doch dann schnuppert und kostet es fasziniert vom anderen Leben. Tagsüber Alkohol zu trinken, mit anderen aufs Meer hinaus zu segeln, am Pool abzuhängen und jeden Abend zu feiern, das fasziniert Henry und Effie. Schließlich kippt ihr Weltbild, und sie lassen sich verführen – doch sie spielen mit dem Feuer. Denn Henry lässt sich von Alma verführen, und er setzt seine Ehe aufs Spiel. Auch Elfie wird schwach. Können sie ihre Beziehung noch retten?

Charmant und stellenweise erotisch erzählt Chip Cheek von Gegensätzen, die sich anziehen und auflösen: Von Spießigkeit versus Lebenslust, von Treue versus Verlangen, von Verführung versus Verderben. In die geordnete Welt der Fünfzigerjahre platzt Claras unkonventionelle Lebensweise, die Henry und Effie begeistert und umwirft. Und schließlich zu einer Katastrophe führt. In prickelnder Prosa baut Chip Cheek eine untergründige Spannung auf, die seinem Roman eine starke Sogwirkung verpasst.

„Tage in Cape May“ werde ich übrigens auch im Podcast „Long Story Short“ vorstellen – inklusive Interview mit Chip Cheek. Ausstrahlung in Folge 7 im Juli.

Unerhörte Stimmen

Was hilft gegen Ausgrenzung und Ausbeutung? Freundschaft. Und Mitgefühl.

Elif Shafak erzählt schonungslos von der Brutalität des Lebens, und poetisch, wie man ihr etwas entgegensetzt. Sie zeigt eine Außenseiterin, die viel leiden muss, aber auch lernt zu lieben.

In ihrem neuen Roman „Unerhörte Stimmen“ (Kein & Aber) porträtiert Shafak eine Prostituierte aus Istanbul. Sie heißt Tequila Leila, und schon auf der ersten Seite ist sie tot. Ermordet, in einen Müllcontainer geworfen. Tequila Leila atmet zwar nicht mehr, doch ihr Geist ist noch hellwach. Zehn Minuten lang dauert es, bis ihr Gehirn zum Stillstand kommt, und diese Zeit nutzt die Tote, um auf ihr Leben zurück zu blicken. 

Tequila Leila ist eine Außenseiterin, die 1947 in einem rückständigen türkischen Dorf aufwächst. Sie wird von ihrem Onkel missbraucht und von ihrem streng gläubigen Vater schikaniert. Mit 17 flüchtet sie nach Istanbul, und landet in der Straße der Bordelle. Als Prostituierte wird sie erniedrigt und ausgenützt. Doch sie findet eine Ersatzfamilie: fünf neue Freunde, allesamt Außenseiter wie sie, die ihr näher stehen als jeder Angehörige. Diese Fünf sind Nostalgie Nalan, Sabotage Sinan, Hollywood Humeyra, Jamila und Zaynab122. Sie trösten und unterstützen sich gegenseitig, und sie sorgen letztlich dafür, dass Tequila Leila eine anständige letzte Ruhestätte findet.

Elif Shafak beschönigt nichts. Mit poetischer Traurigkeit und klarem kritischer Realismus schildert sie Tequila Leilas Leiden und die Brutalität der türkischen Gesellschaft. Und doch macht dieser Roman Mut. Denn erzählt auch von wahren Werten: Zwischenmenschlichkeit, Freundschaft, und Mitgefühl.

„Unerhörte Stimmen“ gleicht einer Hommage an von ihren Familien und Dörfern verstoßene und in Randgruppen gestrandete Menschen – „die Lästigen, die Vogelfreien und Verfemten“, wie Schafak schreibt. Ein Roman mit einer großen Seele, kunstvoll komponiert, mit Rückblicken und Kurzbiografien der fünf Freunde.

Draußen 28 Grad, drinnen 18 neue Bücher

Es wurde gelacht, gerätselt, mitgefiebert und mitgeschrieben. Zum Glück bei angenehm kühler Klimaanlagenluft, während draußen der Münchner Sommer glühende Abendhitze verbreitete.

Ja, es war ein rundum gelungener Abend im Hugendubel am Stachus – Karla Paul und ich präsentierten unsere Literaturshow „Die Seitenspringer“. Mit 18 neuen Buchtipps, Insiderinfos und zwei Stargästen, den Münchner Autor*innen Anne Sanders und Harry Kämmerer (Foto unten). Die beiden stellten sich nicht nur unseren Fragen, sondern auch zwei witzigen Ratespielen rund um Literatur.

Schon vor der Veranstaltung beschrieb die Süddeutsche Zeitung unser Konzept: „Abwechslungsreich, aber nicht oberflächlich. Unterhaltsam, aber nicht flach. Kompetent, aber nicht abgehoben.“ Genau so war´s dann auch, und wir hatten den Eindruck dass unser Publikum sowohl seine Freude hatte als auch gut informiert wurde. Hier der komplette SZ-Artikel. „Ein geistreicher Spaß“ schrieb das Magazin „in münchen“ und bezeichnete uns als „echte Seitenspringer“. Vielen Dank für das Lob!

Weitere Termine unserer Show: 6. September in Herne und 27. September in Köln bei der Crime Cologne. Zudem wird es Mitte September eine Tour durch fünf Hugendubel-Filialen geben – mehr Infos dazu bald. Wir freuen uns, wenn Ihr vorbeikommt!

Paris versinkt im Wasser

Es regnet und regnet. Paris scheint zu ertrinken, und ausgerechnet während dieses Hochwassers kommen 4 Personen für ein Familientreffen in die Stadt. Das ist die Grundkonstellation von Tatiana de Rosnays „Fünf Tage in Paris“ (C. Bertelsmann).

Die Malegardes wollen den 70. Geburtstag des Vaters feiern. Der Mann reist mit seiner Frau Lauren aus Südfrankreich ein, Tochter Tilia aus London und Sohn Linden aus San Francisco. Die beiden Kinder sind erfolgreiche Künstler, doch sie tragen traumatische Erlebnisse mit sich herum, über die sie nie miteinander sprechen.  

Auch ihre Eltern haben Geheimnisse. Das Schweigen hat Tradition in dieser Familie. Als der Vater jedoch ins Koma fällt, und die Lage im überschwemmten Paris immer bedrohlicher wird, überwinden die vier Malegardes ihre Scham und ihre Ängste. Endlich sprechen sie sich aus.

Tatiana de Rosnay hat ein bestechendes Szenario entworfen, atmosphärisch dicht, brillant komponiert. Mit uneitler Eleganz, in klarer Sprache, berichtet sie von einem Familiendrama. Eine trotz der inhaltlichen Schwere leichte, nie seichte Lektüre.

„Fünf Tage in Paris“ werde ich übrigens auch im Podcast „Long Story Short“ vorstellen – inklusive Interview mit Tatiana de Rosnay. Ausstrahlung in Folge 9 im August.

Entlarvende Vorurteile

„Sabrina und Gwenaelle, zwei Mädchen aus der dritten Klasse, lächelten mich ständig an. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.“

Riad hat es nicht leicht, nicht nur wegen der Mädchen. Der Sohn einer Französin und eines Arabers wird in Frankreich von Mitschülern für schwul gehalten und in Syrien von Araberkindern für einen Juden – verrückte, verkehrte, vorurteilsbeladene Welt. Die Folge: Riad ist schüchtern und verunsichert, und nirgends fühlt er sich willkommen, außer bei seinen französischen Großeltern.

Im vierten Teil seiner grandiosen Graphic-Novel-Serie „Der Araber von morgen“ (Penguin) entlarvt Riad Sattouf erneut das Denken in Vorurteilen. Der französische Illustrator erzählt von sich selbst, diesmal im Rückblick auf die Jahre 1987 bis 1992. Der kleine Riad pendelt zwischen den Welten und Kulturen. Zwischen Frankreich und Syrien, Islam und Christentum, Wohlstand und Armut. Sein Vater Abdel, der in Saudi-Arabien arbeitet, wendet sich immer mehr dem Islam zu. Er wird reaktionär und verbissen; er schimpft auf Juden und den Westen, und versucht seine Vorurteile auf Riad zu übertragen:

„Heirate niemals eine Französin. Sie wollen nur das, was sie wollen. Heirate später eine Syrerin! Die sind ohnehin schöner und schlauer als die Französinnen, aber vor allem folgen sie dir in allem, ohne sich jemals zu beklagen.“

Doch Riad lässt sich davon nicht beeinflussen. Er merkt, dass sein Vater ständig große Versprechungen macht, diese aber nie erfüllt. Abdel verkündet seit Jahren, seiner Familie eine Villa zu bauen, bald in Reichtum in den Ruhestand zu gehen, und Teil der großen islamischen, arabischen Welt zu werden. Indessen, nichts davon passiert. Abdel ist ein Sprücheklopfer, ein verblendeter Träumer, und er gefällt sich in seiner Opferhaltung. Denn schuld sind immer die anderen, vor allem die Juden, die Franzosen, die Frauen, der Westen, blablabla.

Zum Glück bleibt Riad ein ganz normaler Junge. Mit Pickeln, Anpassungsproblemen und einer Frisur wie Tom Cruise. Er verliebt sich unglücklich in eine Cousine, eine Schauspielerin, eine Mitschülerin. Und er zeichnet. Dass er damit später einmal Geld verdienen und international bekannt wird, weiß er nicht. Aber wir Leser wissen es, und das macht einen Teil der Faszination dieser autobiografischen Geschichte aus. „Der Araber von morgen“ wird mittlerweile in 21 Sprachen übersetzt. Riad Sattouf zeichnet und schreibt so berührend und belebend, so informativ und unterhaltsam, dass es immer wieder aufs neue ein großes Vergnügen ist, seinem Alter Ego zu folgen.

 

Ich freue mich schon…

…ganz besonders auf zwei Moderationen im Juni:

Am Mittwoch, 19.6., präsentiere ich mit Karla Paul unsere Literaturshow im Hugendubel am Stachus in München. Mit 18 neuen Büchern, einem spannenden Battle, witzigen Spielen und zwei Stargästen: Der Autorin mit drei Pseudonymen, Anne Sanders alias Lea Coplin alias Alexandra Pilz (Foto links). Und mit dem Autor, Musiker und Lektor Harry Kämmerer. Tickets gibt´s hier.

Eine Woche später habe ich die Ehre, Friedrich Ani (Foto rechts) im Literaturhaus München zu moderieren. Einer meiner absoluten Lieblingsautoren, der bald seinen neuen Roman „All die unbewohnten Zimmer“ (Suhrkamp) veröffentlicht, eine herausragende Geschichte um vier Kommissare und zwei Verbrechen. Tickets für diesen spannenden Abend hier. 

Ich freue mich, wenn Ihr Zeit und Lust darauf habt!

Oha, Oma!

„Dass auch meine Großmutter eine Frau war, kam mir nicht in den Sinn.“

Nein, eigentlich darf es so eine Oma nicht geben. Nicht im wahren Leben, und nicht in der Literatur. Doch in Alina Bronskys neuem Roman „Der Zopf meiner Großmutter“ (Kiepenheuer & Witsch) spielt eine übergriffige, überhebliche Person die Hauptrolle. Sie höhnt und stöhnt, schimpft und manipuliert. Überall wittert sie Keime und Bakterien, alles muss desinfiziert werden. Und sie macht ihrem Enkelkind Max das Leben zur Hölle. Für sie ist er ein Dummkopf und eine Plage, und das behauptet sie ganz offen.

Max erzählt aus seiner kindlichen Perspektive von den Schikanen seiner Oma, und das macht den besonderen Reiz dieses bitterbösen, urkomischen Romans aus. Da die Handlung in einem deutschen Flüchtlingsheim spielt (die Großeltern wandern aus Russland ein), bekommt die skurrile Geschichte einen gesellschaftspolitischen Rahmen. Bronsky erzählt auf sehr witzige Weise vom Ankommen und Eingewöhnen in einem fremden Land. Und von Vorurteilen gegenüber der neuen Heimat. Die argwöhnische Großmutter findet nahezu alles schlimm an Deutschland, und sie gibt vor, ihren Enkel beschützen zu müssen: Vor deutschen Ärzten und Schulen, vor türkischen und arabischen Mitschülern, und vor allem vor Juden. Dass sie selbst vorgibt, aus einer jüdischen Familie zu stammen, um ein Aufenthaltsrecht in Deutschland zu bekommen, ist ihr dabei egal.

Die Großmutter widerspricht sich permanent, und sie behauptet Dinge, von denen sie keine Ahnung hat – das lernt ihr Enkel schnell. Mit schwarzem Humor und köstlicher Situationskomik berichtet Alina Bronsky vom kleinen Max, der seine Oma durchschaut. Zunächst eingeschüchtert, fällt es dem Jungen schwer, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen. Doch je mehr er sich von seiner herrischen Großmutter löst, umso mehr findet er seinen eigenen Weg. Einen Großvater gibt es übrigens auch noch, aber er steht in der familiären Befehlskette ganz unten; trotzdem oder vielleicht gerade deswegen sorgt er für einen Skandal, den Max schneller begreift als seine Oma.

Alina Bronsky zeigt erneut ihr großartiges Gespür für skurrile Figuren, die man trotz ihrer Ruppigkeit und Unverschämtheit liebgewinnen kann. Der lakonische Ton ihrer Geschichte täuscht; dahinter steckt ein warmherziger Blick auf Menschen mit seltsamen Verhaltensweisen.

„Ich hatte nie Freunde gehabt, was ich normal fand, denn auch meine Großeltern hatten keine.“

Muscheln sammeln, Kochen, Reimen, aufs Meer schauen…

Muscheln und Treibholz sammeln. Reimen. Ein Feuer im Kamin entzünden. Kochen. Sich gegenseitig Fragen stellen und beantworten. Oder einfach nur dasitzen, aufs Meer schauen und nichts tun.

Wie befriedigend und beruhigend es sein kann, ein einfaches Leben zu führen, davon erzählt William Saroyan in „Tja, Papa“ (dtv). Sein kurzer, herzerwärmender Roman ist eine Liebeserklärung ans Meer, ans Schreiben und an an seinen zehnjährigen Sohn. Die aus der Sicht eines Zehnjährigen erzählte Geschichte erschien schon 1957; nun liegt sie erstmals auf Deutsch vor – zum Glück. Denn in unserer Zeit der Reizüberflutung, des Internets und Smartphones entfaltet dieser entschleunigte Roman eine äußert wohltuende, anregende Wirkung. Fast wie ein Meditationsretreat.

In kurzen, klaren Sätzen und mit vielen Dialogen erzählt William Saroyan von Pete und seinem Papa, die in einem einfachen Strandhaus in Malibu leben. Sie haben kaum Geld, aber viel Zeit, viel Verständnis, und viel Mitgefühl. Und sie haben eine Idee: Warum sollte nicht Pete einen Roman schreiben, nachdem sein Vater unter einer Schreibblockade leidet? Sein Sohn will zwar eigentlich lieber zum Mond fliegen oder einen großen Fisch angeln, aber er interessiert sich auch fürs Schreiben. Und für alles, was man erleben kann, um später darüber in einem Roman zu berichten. Also fragt Pete seinen Vater, warum er das Meer so liebt, was Gott ist, wie man mit einfachsten Mitteln kocht und viele andere Dinge, die den Alltag der beiden sympathischen Figuren bestimmen. Liebevoll und klug antwortet der Schriftsteller, und er schärft das Bewusstsein seines Sohnes für Achtsamkeit.

„Alte Zeitungen sind das beste Tischtuch überhaupt. Beim Essen schaut man sich die Sachen an, die darin stehen, und wenn man fertig ist, knüllt man das Tischtuch einfach zusammen und wirft es in den Kamin.“

William Saroyan, der für ein Theaterstück den Pulitzerpreis und für ein Drehbuch einen Oscar bekam, hat mit seiner bodenständigen Vater-Sohn-Geschichte einen Klassiker geschrieben. Ein zeitloses Buch, das die wahren Werte des Lebens in den Mittelpunkt stellt – ohne Verklärung und Kitsch. Pete, der Zehnjährige, plant, eine Sprache zu finden, in der man nicht lügen kann. Und sein Vater kocht „Schriftstellerreis“, mit allen Resten, die sich in der Küche finden lässt. Wenn die beiden zusammen essen oder mit ihrem kleinen roten Ford nach Half Moon Bay und San Francisco fahren, möchte man am liebsten dabei sein. Und sich freuen, wie einfach das Glück des Augenblicks zu finden ist.