jostein gaarder, ein treuer freund, interview, günter keil„Sofies Welt“ hat Jostein Gaarder berühmt gemacht – sein Bestseller von 1993 wurde in mehr als 60 Sprachen übersetzt. Vor ein paar Tagen hatte ich die Ehre, Gaarders Auftritt im Literaturhaus München zu moderieren (Foto). Anlass: „Ein treuer Freund“ (Hanser), der neue Roman des 65-jährigen Norwegers. In unserem Gespräch ging es natürlich um Philosophie, Gaarders großes Thema. Ich wollte von dem sympathischen Schriftsteller allerdings auch wissen, ob er eine besonders ausgeprägte Fantasie hat, der seine Figuren und Geschichten entspringen. Gaarders Antwort:

„Ich glaube, jeder von uns hat eine große Fantasie und die Fähigkeit zum Geschichtenerzählen. Wir träumen doch auch alle die verrücktesten und schönsten Träume – dann wachen wir auf und fragen uns: War das wirklich ich, der diese Geschichte erfunden hat und auch noch darin vorkam? Das Unterbewusstsein stattet uns mit viel Fantasie aus – nur kommt sie eben nicht immer hervor. Viele schüchterne Menschen blühen in bestimmten Situationen auf, Schauspieler etwa auf der Bühne. Dann werden sie laut und fantasievoll. Die Hauptfigur meines neuen Romans ist ein einsamer, zurückhaltender Mann, der mit einer Handpuppe spricht. Sie verhält sich genau andersherum, ist vorlaut, witzig und offensiv – und all das kommt trotzdem aus dem Mann. Wir sind vielschichtiger und kreativer als wir glauben.“

castle freeman, auf die sanfte tour, rezension, literaturblog günter keil Die Leute wollen, dass man seinen Job macht und dass man ihn nicht macht. Sie wollen, dass man seinen Job macht, aber nicht bei ihnen.“

Sheriff Wing ist ein alter Hase. Abgebrüht, lässig, nicht aus der Ruhe zu bringen. In einem Kaff in Vermont sorgt er für Ordnung. Viel gibt’s nicht zu tun: Betrunkene, Kleinganoven, Pechvögel, das war´s auch schon. In Castle Freemans „Auf die sanfte Tour“ (Hanser) erzählt Sheriff Wing von seinem Alltag. Und von seinen Über- zeugungen. Nichts überstürzen, immer mit der Ruhe, erstmal zuhören, das ist sein Credo. In erfreulich sparsamer Sprache zeichnet Castle Freeman das Bild eines besonnenen Sheriffs, wie man ihn sich in Zeiten von Trump und Erdogan wünscht.

Ein kurzer moderner Western, intelligent, trocken, weise. Mit Sätzen wie lakonische Kalendersprüche.

Einen reichen Mann sollte man, wenn es geht, zum Freund haben, aber ein armer Mann ist ein besserer Nachbar.“

mira magén, zu blaue augen, dtv, rezension, günter keil, literaturblogHannah Jonah ist 77 Jahre alt und Witwe. Mit ihren drei Töchtern, einer Enkelin und einer rumänischen Pflegekraft lebt sie in ihrem alten Haus in Jerusalem. Die Hauptfigur von Mira Magéns neuem Roman „Zu blaue Augen“ (dtv) scheint eine ganz normale Alte zu sein: gebrechlich und dement, pflegebedürftig und harmlos. Doch von wegen. Hannah Jonah ist die vielleicht aktivste und verrückteste Oma Israels. Magén porträtiert sie als lebenshungrige, gewitzte Frau, die Kleider, Wein, Männer, Käsekuchen und Schuhe schätzt. Manchmal treibt sie sich nachts in Bars herum. Ihr Motto: Hauptsache, in Bewegung bleiben.

Unser Leben lang ziehen wir immer wieder um und bewegen uns fort, um unser Glück zu suchen, und der Tod wird an dem Tag beginnen, an dem wir uns nicht mehr bewegen, an dem wir im Sessel versinken und nur noch aufstehen, um zu essen, zu pinkeln, und zu schlafen.“

Die Sehnsucht nach Leben und Liebe treibt Hannah Jonah um. Kaum etwas scheint sie in ihrem Aktivismus zu stören, weder ein Gehirntumor noch die Probleme ihrer Töchter oder der neue Mieter, der sie zum Verkauf ihres Hauses überreden will. Mira Magén hat um diese originelle Frauenfigur keine simple Komödie gestrickt, sondern eine charmante Geschichte über Lebensfreude und das Zusammenleben von Jung und Alt. Magéns empathischer Roman wirkt wie ein Plädoyer, das Leben leicht zu nehmen – trotz Schmerz, Trauer, Krankheit und Enttäuschung.

georg m. oswald, alle, die du liebst, interview, günter keil, literaturblog München, Stadtcafé. Ich diskutiere mit dem Anwalt, Autor und Verleger Georg M. Oswald über seinen neuen Roman „Alle, die du liebst“ (Piper). Der 53-jährige formuliert druckreif und lächelt gerne. Er schrieb Romane, Erzählungen, Essays und Kolumnen. Zudem leitete er von 2013 bis 2016 den Berlin-Verlag. Sein erfolgreichstes Buch „Alles was zählt“ (2010) wurde in zehn Sprachen übersetzt.

Was wollten Sie als Jugendlicher lieber werden: Anwalt, Autor oder Verleger? Ganz klar: Autor. Ich habe mich auch später immer primär als Autor betrachtet, obwohl ich überwiegend in den beiden anderen Bereichen tätig war. Meine ersten beruflichen Schritte gingen auch eher in Richtung Autor – ich schrieb journalistische Texte für Stadtmagazine und Zeitungen. Und im Stillen, ganz für mich, experimentierte ich mit literarischen Stoffen.

Warum haben Sie dann überhaupt Jura studiert? Ich war unglaublich fasziniert von der Sprache der Juristen, wie sie sich ausdrückten, wie sie den Konjunktiv einsetzten. Es gibt ohnehin eine Art natürlicher Nähe zwischen den beiden Feldern Jura und Literatur.

Wie meinen Sie das? Zunächst einmal ist da die Sprache: das Fach Jura hat eine starke Nähe zu ihr – die Sprache bedeutet alles im Studium und der Arbeit. Hinzu kommt: Jemand, der sich für Menschen und die Interaktion zwischen Menschen interessiert, landet schnell bei Jura oder Literatur, und letztlich finden sich unglaublich viele juristische Fragen und Konflikte in der Literatur. georg m. oswald, alle, die du liebst, interview, günter keil, literaturblog

Die Anwaltssprache gilt jedoch keineswegs als literarisch oder kreativ. Aber das stimmt in dieser Pauschalität gar nicht! Ich habe schon viel Spott für meine Behauptung geerntet, dass gut geschriebene Gerichtsurteile sprachlich hochinteressant sind, weil sie ein großes Maß an sprachlicher Präzision zeigen. Stattdessen hält sich hartnäckig das Klischee, Anwälte würden die Sprache verhunzen.

Passiert dies denn nicht? Doch, selbstverständlich. Ich gebe auch gerne zu: gut geschriebene juristische Texte sind eher die Ausnahme, nicht die Regel. Es gibt zahlreiche Anwaltsschriftsätze, die man liest und denkt: Du meine Güte, das ist ja nicht auszuhalten! Die sind trocken, spröde und weltfremd. Das gilt allerdings auch für literarische Texte, wenn man ehrlich ist.

Die Hauptfigur Ihres neuen Romans ist ein erfolgreicher Anwalt, dessen bisheriges Lebensmodell scheitert. Was hat Sie an seinem Absturz gereizt? Ich wollte wissen, was passiert, wenn er von der Sicherheit in die Unsicherheit rutscht. Hartmut Wilke ist ein Mann, der es gewohnt ist seine eigenen Lebensumstände zu bestimmen. Doch wie reagiert er, wenn ihm die Konventionen, die sein Leben absichern, abhanden kommen? Seine Frau droht ihm einen Scheidungskrieg an, er muss seine Kanzlei verlassen, und auf der Reise zu seinem Sohn nach Afrika wird er in eine völlig andere Welt gestoßen.

Indirekt erzählen Sie damit auch etwas über über unsere Gesellschaft. Auf jeden Fall. Denn wir leben zunehmend in einer Welt, in der wir unsere Sicht der Dinge nicht mehr als selbstverständlich betrachten können. Diese Entwicklung verunsichert viele Menschen. Wilkes Afrika-Abenteuer schien mir dafür eine gute Metapher zu sein.

Eine XL-Version dieses Interviews steht in der aktuellen Ausgabe des Magazins Münchner Feuilleton.

 

ece temelkuran, stumme schwäne, interview, günter keil…betrifft auch die Literatur des Landes. Stimmt die Mehrheit beim Referendum mit Ja, bekommt Präsident Erdoğan noch mehr Macht. Journalisten und Schriftsteller müssen dann noch stärker um ihre Freiheit fürchten. Eine der prominentesten Erdoğan-Kritikerinnen ist die 43-jährige Ece Temelkuran. Sie veröffentlichte Sachbücher und Romane, moderierte TV-Sendungen und schrieb für Zeitungen. Ihre Bücher werden in 22 Sprachen übersetzt. Soeben ist Temelkurans neuer Roman „Stumme Schwäne“ (Hoffmann & Campe) erschienen. Hier Auszüge aus meinem Interview:

Wie wird das Referendum ausgehen? Ich habe ein ungutes Gefühl, aber es ist sehr schwer, die Stimmung und das Ergebnis vorherzusagen. Was mich beunruhigt ist, dass einige Regierungsmitglieder ganz offen gesagt haben, dass es Auseinandersetzungen und Gewalt geben wird, wenn die Mehrheit nicht für das Präsidialsystem stimmt. Das klag wie eine Drohung. Ich fürchte, dass die Abstimmung dazu beitragen wird, das Schicksal der Türkei in negativer Weise zu besiegeln.

Sie leben seit kurzem im Exil – sind Sie bedroht worden? Jeder, der wie ich kritisch über die Regierung und den Präsidenten schreibt, wird bedroht. Viele meiner Kollegen sind verhaftet worden. Es geht aber nicht nur darum, eventuell angeklagt zu werden oder ins Gefängnis zu kommen, sondern um ganz alltägliche Einschüchterungen. Jedes Mal, wenn ich nach einer Auslandsreise zurückkam, fürchtete ich, dass man mir meinen Pass abnehmen würde. Als dann auch noch der Moderator einer nationalistischen Fernsehshow ankündigte, dass man dafür sorgen werde, dass meine Stimme aus der Öffentlichkeit verschwinden würde, habe ich Konsequenzen gezogen.

Ihr neuer Roman spielt kurz vor dem Militärputsch von 1980. Hat die damalige politische Situation etwas mit der aktuellen zu tun? Absolut! Das heutige Chaos in der Türkei hat seinen Ursprung in diesem Putsch. Damals wurde das Schicksal des Landes auf verhängnisvolle Weise in eine negative Richtung gedreht. Vor 1980 gab es eine bessere, freiere und fortschrittlichere Türkei – was danach kam, ist bekannt und gipfelt in der Präsidentschaft Erdoğans.

Inwiefern hat der Putsch den konservativen Islamismus gestärkt? Das Militär hat damals den Weg für religiöse Sekten geöffnet und sie unterstützt. Dadurch konnten konservative Parteien wie die AKP erst groß und mächtig werden. Das ist jedoch nicht der einzige Grund. Eine fatale Wirkung hatte auch die Zensur der türkischen Sprache. 1980 wurden hunderte Wörter aus den offiziellen Lexika und dem Sprachgebrauch der staatlichen Medien getilgt. Die Menschen bekamen Angst davor, etwas falsches zu sagen. Heute ist die Türkei ein Reich der Angst und Schizophrenie.

In Ihrem Roman zitiert eine Frau den Dichter Nâzım Hikmet, der einmal sagte: „Wir müssen an die Menschen glauben“. Tun Sie das? Es fällt mir manchmal schwer, aber woran sollte ich sonst glauben? Für mich ist das eine moralische Pflicht – ich habe gar keine andere Wahl. Die Menschen werden wieder aufstehen und die Geschichten ihres Leidens und ihres Widerstands erzählen, davon bin ich überzeugt. Vielleicht dauert es noch, aber es wird der Tag kommen, an dem ein Wind die Fenster aufstößt, hindurchweht und einen kühlen Lufthauch mit sich trägt.

Eine XL-Fassung meines Interviews wird in der Mai-Ausgabe des Magazins Münchner Feuilleton veröffentlicht.

kent haruf, unsere seelen bei nacht, rezension, literaturblog, günter keilIch wollte dich fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen.“ (Kent Haruf, Unsere Seelen bei Nacht, Diogenes)

Mit diesem Satz beginnt etwas Wunderschönes. Und ein Skandal. Addie, eine 70-jährige Witwe macht ihrem ebenfalls allein lebenden Nachbarn Louis einen Vorschlag. Es geht ihr nicht um Sex. Sondern um Nähe, Wärme, ein Mittel gegen Einsamkeit und Schlaflosigkeit. Louis lässt sich darauf ein. Fortan übernachtet er ab und zu bei Addie, die nur ein paar Häuser weiter lebt. Die beiden liegen nebeneinander und erzählen sich ihre Leben – eine einzigartige Beziehung entsteht. Dies weckt in der Kleinstadt allerdings Argwohn und Missgunst. Und auch Eddies Sohn hat etwas gegen diese Verbindung. In stillen, klaren Worten erzählt Kent Haruf in seinem letzten Roman von einer neuen Form der Zweisamkeit im Alter. Von Freiheit, Scham und Vorurteilen. Nicholas Sparks oder Paulo Coelho hätten aus dieser Geschichte eine unerträgliche Schmonzette gemacht – Haruf braucht jedoch keine großen Worte oder Gesten, keine Klischees, um zu berühren. Eine kluge Liebesgeschichte, die gut tut.

Ich liebe das greifbare Leben mit dir. Die Luft und das Land. Den Garten, den Kies im Seitenweg. Das Gras. Die kühlen Nächte. Im Bett zu liegen und mich im Dunkeln mit dir zu unterhalten.“

luca d andrea, der tod so kalt, rezension, literaturblog, günter keil Eine eiskalte, schroffe Bergwelt, die für Menschen tödlich sein kann. Ein Fremder, der in eine verschwiegene Dorfgemeinschaft eindringt. Eine Schlucht, in der vor langer Zeit drei junge Leute ermordet wurden.

Der italienische Autor Luca D’Andrea spielt in seinem Debütroman „Der Tod so kalt“ (DVA) mit klassischen Elementen aus großen Bergdramen. Was er daraus macht, ist über weite Strecken spektakulär. Atemberaubend. Mitreißend.

Siebenhoch, Alto Adige, Südtirol. Dorthin, in die Heimat seiner Frau, kommt der US-Filmemacher Salinger. Eigentlich will er nur eine Doku über den Bergrettungsverein drehen – doch dann zieht ihn eine alte Dorflegende in den Bann. Vor 30 Jahren, so erzählt man sich, ereignete sich das Bletterbach-Massaker. Während eines Gewittersturms wurden drei erfahrene Bergsteiger in freier Natur ermordet. Zerstückelt. Salinger wittert ein spannendes Thema, einen neuen Film. „Hör auf, an dieser Geschichte zu rühren“ mahnen ihn die Einheimischen – vergeblich. Wie besessen dringt Salinger in die Geschichte des Dorfes ein und bringt sich und seine Familie in Lebensgefahr. Liegt ein Fluch über allen, die das Massaker aufarbeiten wollen?

Luca D’Andrea gibt Salinger eine lässige, kräftige Stimme, die den Plot vorantreibt. Er zieht das Netz aus Gerüchten, Geheimnissen und Enthüllungen immer enger, brilliert mit Sätzen wie Blitzeinschlägen, Wendungen wie Steinschlägen und einem Tempo wie eine unaufhaltsame Lawine. Manchmal übertreibt er es ein bisschen, vor allem beim Showdown. Dennoch bleibt sein Thriller überdurchschnittlich – ein echter Kracher, wie man so sagt.