Dunkel und elegant

„Im Traum laufe ich über die schäumende Gicht, über Baumkronen, wir sind keine Grenzen gesetzt. Ich laufe über Berge und Vulkane, springe über Wolkenfelder, immer weiter. Ich bin im dazwischen, in den Tiefen des Ozeans, verliere mich in der Weite des Horizonts. Meine Beine tasten ins Leere, meine Hände greifen ins Nichts. Es ist als würde ich fallen, schweben, fliegen, oder alles zu gleich. Dann fällt der Himmel auf mich, saugt das Meer mich ein, erstickt mich der Wald. Ich kriege keine Luft. Alles ist dunkel als ich aufwache. Ich weiß nicht wo ich bin.“

Schwerer als das Licht von Tanja Raich

Tanja Raich weitet den Blick in ihrem Roman „Schwerer als das Licht“ (Blessing). Sie platziert ihren Plot in einem Paradies. Auf einer tropischen Insel voller Pflanzen, Blüten und Tiere. Es gibt dort alles, was man zum Leben braucht. Eine Frau, die im Süden der Insel gestrandet ist, nutzt die Gaben der Natur, sie baut sich ein Haus und lebt sich ein. Einmal bekommt sie Besuch von einem Mädchen aus dem Norden, das sagt: wir warten auf dich, und etwas später meint es zu der Frau: du bist hier falsch.

Dann passiert Unheimliches: die Blätter der Bäume färben sich schwarz, sie brechen ab und zerbröseln. Nichts wächst mehr. Am Ufer liegen tote Fische. Sterne fallen vom Himmel. Und in der Frau wächst die Angst vor den Leuten aus dem Norden leben. Sie baut ihr Haus zu einer Festung aus und rüstet sich für Angriffe.

Tanja Raich malt faszinierende Bilder mit ihren Worten, Bilder, die man auf verschiedenste Art interpretieren kann. Denn vielleicht erzählt diese Geschichte nicht nur von einer Frau und einer Insel, sondern von der Menschheit und der Zerstörung der Artenvielfalt, von Krieg und Frieden, von Schwere und Leichtigkeit im Leben. Die schleichende Naturkatastrophe beschreibt Tanja Raich schonungslos klar und direkt, doch ihre feine Prosa ist gleichzeitig sanft und stilvoll. Ein berauschendes Leseerlebnis, dunkel und elegant, wie das Cover.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Madrid, 1936

Hier kommt das literarische Vermächtnis der großen spanischen Autorin Almudena Grandes, die 2021 mit nur 61 Jahren verstorben ist: „Die drei Hochzeiten von Manolita“ (Hanser, übersetzt von Roberto de Hollanda).

Madrid, 1936. Im Spanischen Bürgerkrieg spielt die Metropole eine entscheidende Rolle, denn sie gilt als letzte Bastion der Republikaner. Hier ist der Widerstand gegen Francos Putschisten am größten, und Almudena Grandes führt ihre Leser*innen durch ein literarisches Wimmelbild, durch die Gassen, in die Wohnungen, zu den Küstler*innen und Schriftsteller*innen, den Revolutionären und Sozialist*innen, den Anarchisten und Aristokraten, sie ist ganz nah bei ihnen, unter ihnen, sie beobachtet sie, hört zu, dokumentiert ihren Alltag und erstellt daraus eine faszinierende Collage.

Im Mittelpunkt steht Manolita, eine junge Frau, die sich um ihre Familie kümmern muss, nachdem ihre Eltern nach Francos Machtergreifung im Gefängnis gelandet sind. Noch wichtiger: Manolita wird zur Botin für die Oppositionellen, sie schmuggelt Informationen ins Gefängnis, und um leichter dorthin zu kommen, behauptet sie mit Silverio liiert zu sein, einem Untergrundkämpfer, der Flugblätter druckt, und den sie später heiratet. Silverio ist ein Freund ihre Bruders Antonio, der wiederum in die Flamenco-Tänzerin Eladia verliebt ist und untertaucht.

Rund ein Dutzend Geschichten und Schicksale fließen in diesem großartigen Werk zusammen. Almudena Grandes beleuchtet die Zeit von 1936-1945, und deswegen ist ihr Roman hochpolitisch. Dennoch steht Manolita im Vordergrund, eine mutige Frau, über deren Lebensweg Grandes zeigt, wie aus einer Zweckehe wahre Liebe wird. Mir kam der Roman außerdem wie eine Hommage an den Widerstand antifranquistischer Frauen.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Ein Roman, der duftet

Riecht ihr es? „Der Duft von Eis“ von Yoko Ogawa (Liebeskind, übersetzt von Sabine Mangold) ist ein sanfter, feiner Roman über einzigartige Momente und Dinge, die duften. Zum Beispiel der Duft von Tau in einem tiefen Wald oder des Windes, der nach einem Regenschauer in der Abenddämmerung weht. Oder der Duft einer Jasminknospe in dem Augenblick, als sie aus dem Schlaf erwacht. Diese Düfte erkundet ein außergewöhnlich talentierter Parfümeur – Hiroyuki. Seiner Partnerin Ryoko schenkt er zum ersten Jahrestag ein Parfüm, das er selbst hergestellt hat. „Quell der Erinnerung“ nennt er es.

Kurz darauf wird Hiroyuki tot in seinem Labor gefunden. Seine Lebensgefährtin fällt in eine tiefe Trauer, und sie spürt, dass sie mehr über den stillen, bescheidenen Mann herausfinden muss. Denn der Parfümeur hat ihr nie etwas über sich und seine Familie erzählt. Prompt taucht Akira auf, sein jüngerer Bruder, der ihm sehr ähnlich sieht und Ryoko erzählt, dass Hiroyuki als Kind ein Mathematikgenie war. Weitere Geheimnisse kommen ans Licht: Offenbar war er auch ein artistischer Eiskunstläufer, der heimlich vor Publikum geniale Formen lief.

Schließlich reist Ryoko nach Prag, wo ihr Partner vor 15 Jahren an einem Mathewettbewerb teilgenommen hat. Dort führt sie der geschenkte Duft in eine Höhle tief unter der Erde, wo ein alter Mann eine Gruppe von Pfauen hütet und sich an Hiroyuki erinnert. Ihr merkt schon: diese Geschichte basiert auf übernatürlichen, metaphysischen, spirituellen Komponenten, wie so oft in der japanischen Literatur. Fazit: Eine faszinierende Rekonstruktion eines rätselhaften Lebens, ruhig erzählt, von der Meisterin der sanften Eindringlichkeit.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

Die Frau mit dem Gehstock und der Mann mit der Augenklappe

„Die Frau mit dem Gehstock und der Mann mit der Augenklappe.“ So könnte der Untertitel dieses melancholischen Romans lauten. Denn der Plot von Friedrich Anis „Bullauge“ (Suhrkamp) kreist um einen Münchner Polizisten, dem auf einer Demo eine Bierflasche ins Auge geschleudert wurde und der seitdem halbseitig blind ist. Bei der Suche nach den Tätern stößt der Bulle auf eine hinkende Frau, die einer nationalistischen Partei nahesteht und die Polizei hasst.

Kay Oleander und Silvia Glaser heißen die beiden. Sie könnten nicht unterschiedlicher sein, und doch verbindet sie einiges. Sie sind Außenseiter, ausrangiert, verletzt, am Rand der Gesellschaft. Sie sind erschöpft und fühlen sich ohnmächtig in einer gnadenlosen Welt. Friedrich Ani zeigt in Nahaufnahme, wie sich Oleander und Glaser erst misstrauisch beäugen, sich langsam annähern, und schließlich auf eine gefährliche gemeinsame Aufgabe zusteuern.

Denn die Frau erzählt dem Mann von einem geplanten Anschlag der Nationalisten. Oleander und Glaser beschließen, ihn zu verhindern und planen eine Beschattungsaktion, um an Beweise zu kommen. Friedrich Ani erzählt wie immer in seiner ganz eigenen hochwertigen, lakonischen Sprache. Sein Porträt der Frau mit dem Gehstock und dem Mann mit der Augenklappe ist große Literatur in einem kleinen Buch. Ani will wissen, wie das ist, wenn ein Anschlag oder ein Unfall das Leben völlig auf den Kopf stellt, wenn Menschen zu Außenseitern werden. Mich haben seine beiden Figuren tief berührt und noch lange nicht losgelassen.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

Anleitung ein anderer zu werden

„Meine Herkunft war überall in mir, sie bestimmte was ich aß, aber auch wie ich ging, wie ich mich kleidete, wie ich sprach. Mein Körper erzählte eine andere Geschichte als die, die ich durch meinen Willen formen wollte.“

Ich muss ein anderer werden. Ich muss ein anderer werden. Ich muss ein anderer werden. Mantramäßig wiederholt Édouard Louis sein Ziel. Im wahren Leben und in seinem neuen Buch „Anleitung ein anderer zu werden“ (Aufbau, übersetzt von Sonja Finck). Denn er plant eine radikale Veränderung. Er will sich von seiner verhassten Vergangenheit losreißen, koste es, was es wolle. Er will raus aus der Enge und Armut der Arbeiterklasse in Nordfrankreich, rein in die feinsten intellektuellen Pariser Kreise. Und er schafft es. Édouard lernt, anders zu sprechen und zu gehen, er büffelt wie ein Besessener für die Aufnahmeprüfung an einer Eliteuniversität, lässt sich seine Zähne richten und Haare transplantieren.

„Nach und nach löschte ich alle Spuren des Menschen aus, der ich gewesen war.“ schreibt Édouard, und er erzählt davon, wie er mit jedem neuen Schritt glaubte, von seiner Kindheit und seinen Ängsten befreit zu sein. Sein Plan, reich und berühmt zu werden, ein erfolgreicher Schriftsteller, und ein offen schwul lebender Mann, all das empfindet er als Rache an der Welt aus der er kommt. Als Genugtuung für die Erniedrigungen, denen er ausgesetzt war. Dem Mobbing der Mitschüler, die ihn als Schwuchtel beschimpften, und der Kindheit in extremer Armut, der Scham über die eigene Herkunft.

So wird aus Louis´ Erinnerungen die mitreißende Geschichte einer Befreiung, einer Rettung, eines sagenhaften sozialen Aufstiegs. Ein Roman über die Schlüssel und Codes zu einem neuen Leben. Grandios geschrieben und autofiktional.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

Die moderne Pipi Langstrumpf

„Wir ließen uns in den Schatten am Waldrand fallen. Tanja drückte meine Wange gegen die kräftige Erde, ihre raue Hand an meinem Gesicht, und zum ersten Mal fühlte ich: Unter der starren Oberfläche des Dorfes mit seinen alten Häusern und den unbeweglichen Regeln war Leben, der Boden voll mit Würmern, Käfern, kriechenden Wurzeln und Wasseradern.“

Achtung, hier kommt Tanja! Sie ist wild, kreativ, stolz, widerspenstig und voller verrückter Ideen. Keine guten Eigenschaften, wenn man in einem Dorf lebt, wo alles so läuft wie immer und alte Regeln gelten. Doch Tanja ist das egal, sie bringt die Traditionen kräftig durcheinander und hat ein sonniges Gemüt wie ihre Lieblingsblume, die Margerite.

Kerstin Brune erzählt in „Die Jahre des Maulwurfs“ (Penguin) von der modernen Pipi Langstrumpf leicht und locker, mit Sprachwitz und manchmal auch Poesie. Sie fängt Tragik und Komik des Aufwachsens in der Provinz gekonnt ein. Ihre Ich-Erzählerin ist die beste Freundin der rebellischen Tanja, die 30 Jahre später auf die Zeit zurückblickt, in der 2 Mädchen die Erwachsenenwelt in Frage stellen und ihre eigene Welt entwickeln. Sie staunen über die Dorfbewohner und ihre Bräuche, die Hähnchenausstellung, den Landfrauenbasar oder das Alttraktorenfest. Sie lesen gebannt die Entstehungsgeschichte des Dorfes, eine Legende, die mit dem Urbauern und dem Uresel beginnt, und in der auch der Urwirt auftaucht.

Was mir besonders gefallen hat: Dieser Roman ist heiter, aber nicht komödiantisch, schräg, aber nicht abgedreht, merkwürdig und doch ganz normal – denn die Kindheit auf dem Land ist doch immer und überall etwas komisch, wenn man genau hinschaut. Also: Eine bunte Geschichte, die zeigt, wie sehr wir fantasievolle Kinder und ihren magischen Blick brauchen – sonst wäre es einfach nur langweilig in der Provinz und überhaupt.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Barcelona, Billard und Bars

„Der Zufall bringt das Leben durcheinander, die Fiktion hingegen ordnet es.“

Miqui Oteros Roman „Simón“ (Klett-Cotta, übersetzt von Matthias Strobel) handelt von Barcelona, Billard, Bars und der engen Beziehung zwischen zwei Brüdern, die eigentlich Cousins sind. Darüber hinaus ist es eine Geschichte über den Schatz, der Büchern innewohnt, und über die Geldscheine, die zwischen den Büchern einer Bibliothek stecken. Aber eigentlich erzählt der Roman vom Aufbruch ins Abenteuer des Lebens, mit allem, was das an Lust und Leid mit sich bringt.

So, nun aber von vorne: Simón wächst in der Bar seiner Eltern am Stadtrand von Barcelona auf. Er bewundert Rico, seinen 10 Jähre älteren Cousin, der Billard spielt, Motoroller fährt und ihm jeden Sonntag einen Abenteuerroman vom Bücherflohmarkt mitbringt. So wie die Helden in den Romanen möchte Simón selbst einmal sein, und als sein Held Rico eines Tages verschwindet, muss er lernen allein zu bestehen. Rico hat ihm zwar einige versteckte Nachrichten hinterlassen, wie man das hinbekommt mit dem Erwachsenwerden, aber Simón merkt bald, dass er sich den Überraschungen des Schicksals stellen muss.

Er zieht hinaus in die weite Welt, wie eine Billardkugel rollt er umher, wird Koch in Luxusrestaurants, verliebt sich, und vergleicht sein Leben mit jenem von Rico und den Hauptfiguren der Romane, die ihn geprägt haben. Und eines Tages kehrt er wieder zurück nach Barcelona.

Miqui Otero schreibt frisch, fantasievoll und heiter, in einem treibenden, federndern Rhythmus – ein außergewöhnlicher Roman darüber wie die Literatur das Leben beeinflusst, und wie es ist ein romanhaftes Leben zu führen.

Ich stelle den Roman im Spanien-Special meiner Literatursendung bei egoFM vor – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

Literatur wie ein Vitamincocktail

„Da wo sonst das Gehirn ist“ (btb), der neue turbulente Familienroman von Sebastian Stuertz, zischt rein wie ein Vitamincocktail, er hat einen starken Sound, macht Spaß und tut gleichzeitig weh. Denn die Geschichte vereint viele Themen: Die Alltagsnöte von Großstadt-Teenagern. Den Patchworkwahnsinn, den Social Media Hype, Fake Identitäten, bewusstsenserweiternde Joints, Hasskommentare, verhängnisvolle Familiendynamiken und ein Deepfake-Porno.

Im Mittelpunkt steht die 17jährige Alina. Sie macht in einem halben Jahr Abi in der Freien Kreativschule Sternschanze und programmiert für ein Schulprojekt eine eigene App, ein Mini-Social-Network nur für ihre Klasse. Doch das wird schon bald manipuliert, außerdem nervt Alina ihre alleinerziehende, chaotische Mutter, mit der sie in eine neue WG zieht. Dazu kommen all die typischen Momente von fast erwachsenen Kindern, und dieser Roman fängt sie im Jugendslang ein, da ist also vieles verkackt, nice, arschig, mega lash oder voll sweet. „Weirde Wochen“ nennt Alina die Zeit, die sie durchmacht.

Sebastian Stuertz ballert witzige Dialoge raus, inszeniert schräge Szenen, übertreibt aber nicht mit Gags um jeden Preis – sein raffiniert konstruiertes Werk ist das Gegenteil von Comedy-Mainstream: große Wortwitzkunst mit überraschenden Wendungen und Gänsehautmomenten. Könnte ein Klassiker werden, ein Zeitdokument, das sowohl bitterböse als auch empathisch die Gegenwart festhält. Gibt’s übrigens auch als Hörbuch im Hörverlag, gelesen von Leonie Landa und Johannes Staeck.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

Brisante BND-Mission

„Menschen sind gestorben, Schicksale und Karrieren zerstört, doch am Ende zählt nur eines: dass der Apparat selbst unbeschadet bleibt.“

Februar 2003. Die USA planen, in den Irak einzumarschieren. Zur Legitimation behauten sie, dass dort Massenvernichtungswaffen hergestellt werden. Beweise liefert der BND Informant »Curveball« – wie sich später herausstellt, hat er gelogen, und der Krieg gegen den Irak war völkerrechtswidrig. So viel zur Realität, die Oliver Bottini in „Einmal noch sterben“ (DuMont) mit brisanter Fiktion vermischt.

Im Mittelpunkt des rasanten Plots steht BND Agent Frank Jaromin, ein erfahrener Scharfschütze, der im Auftrag des Kanzleramts in geheimer Mission nach Bagdad reist. Dort soll er sich mit einer irakische Regimegegnerin treffen, die behauptet, dass die Informationen von Curveball falsch sind. Wenn das stimmt, kann der Krieg noch verhindert werden – doch eine Gruppe Verschwörer innerhalb des BND will den Krieg um jeden Preis, denn sie arbeitet für die USA, gegen die eigene Regierung.

Oliver Bottini zeigt, wie Politiker und Agenten taktieren und tricksen, wie sie die Öffentlichkeit und sich gegenseitig täuschen, die Wahrheit verdrehen und verschleiern. Ein hochwertiger Hochtempo-Thriller, in präziser, knapper Sprache von rauer Schönheit. Ohne Füllmaterial, ohne einen einzigen überflüssigen Satz, und erschütternd gut konstruiert. Besser kann man einen Polit Thriller nicht schreiben.

Was mir außerdem gut gefällt: Bottini interessiert auch die menschliche Komponente – wie leben seine Protagonist*innen mit der Anspannung, der Geheimhaltung, dem Tod, den Lügen, der Schuld? Wie weit sind Sie bereit zu gehen, für die Karriere, die Demokratie? Antworten liefert Bottini, der sich für dieses Buch fünf Jahre Zeit gelassen hat und immer auf höchstem internationalen Niveau schreibt.

Ich stelle den Roman heute in meiner Literatursendung bei egoFM vor – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

Schmerzhaft schön

„Am angenehmsten ist es mir, wenn ich gar nicht daran denke, wer ich bin, wenn ich hinter den Bahngleisen auf dem Prellbock am Wehr sitze, ins Wasser schaue und mir vorstelle, einfach für immer darin zu verschwinden.“

So, jetzt bitte ich um volle Aufmerksamkeit für eine einfühlsame, wundersame Geschichte von Norbert Scheuer: „Mutabor“ (C.H. Beck). Willkommen in der Welt von Nina, einem Mädchen, das in einer Kleinstadt lebt, völlig allein, denn ihre Mutter ist verschwunden, ihr Vater unbekannt und ihre Großeltern sind tot. Nina gilt als Sozialfall und schwierige Außenseiterin, sie wohnt in einer Mansarde, verdient ein bisschen Geld in einer Gaststätte und beim Zeitungsaustragen. Damit möchte sie eine Reise finanzieren, ihre erste, auf der sie hofft, endlich Zugehörigkeit und Glück zu finden.

Angeleitet von der pensionierten Lehrerin Sophia, schreibt Nina Erinnerungen aus ihrer Kindheit auf, und aus ihren Tintenklecksen formt sie Geschichten. Nach und nach verwandelt sich ihre Heimat, das Urftland, in einen Ort voller Märchen und Mythen, den Norbert Scheuer zärtlich und einfühlsam beschreibt. Beim Lesen gleitet man ganz langsam in Ninas grauen Alltag und ihre bunten Gedanken, und die stille Prosa transformiert sich in große Literatur, in eigenwillige Poesie.

Und so sind in diesem Roman folgende Dinge zu bestaunen: lebendig tönende Murmeln, die aus dem Herzen der Erde geboren wurden. Kalifen in Byzanz, die sich in Störche verwandeln. Geschichten, die sich im Kopf als Reiserouten und Schatzkarten erweisen und eine Sammlung von Bierdeckeln, auf denen Gedankensplitter aus der Griechischen Mythologie notiert sind. Zusammen ergibt das alles einen schmerzhaft schönen Roman um ein Mädchen, das nach Wegen zur Lebensbewältigung sucht.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).