Was hat Thomas Mann mit Corona und dem Playboy zu tun?

Seltsame Frage, oder? Wobei: Ist zurzeit nicht alles seltsam? Also, ich antworte mit einer kleinen Geschichte:

Jeden Monat stelle ich auf der Literaturseite im Playboy drei Neuerscheinungen und einen Literaturklassiker vor – in einer der nächsten Ausgaben Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Das Problem: Der S. Fischer Verlag, bei dem Mann erscheint, konnte wegen Corona-Verspätungen das Buch nicht an die Redaktion liefern – dort macht die Redakteurin Corinna Beckmann monatlich ein Foto der vier Bücher. Die Zeit drängte, der Redaktionsschluss nahte. Was tun? Meinen privaten Krull nehmen? Nein. Der sieht so zerlesen aus, den will niemand sehen.

Zum Glück lebe ich in München und radle gerne durch die Stadt.

Station Nr. 1: Die Buchhandlung Lehmkuhl in Schwabing, die mir auf gerade noch legalem Weg eine neue Krull-Ausgabe besorgen konnte (Vielen Dank, ihr seid wunderbar!). Station Nr. 2: Der Englische Garten, der mehr oder weniger auf dem Weg zur Playboy-Redaktion liegt und in dem ich ein bisschen verweilte (was inzwischen doch wieder erlaubt ist, sogar in Bayern). Station Nr. 3: Der Kaiser-Ludwig-Platz 5 nahe der Theresienwiese, Standort der Redaktion, in der eine erfreute Notbesetzung mein Buch entgegennahm.

Fazit: Literatur hält fit. Und Buchhandlungen sind wichtiger als Baumärkte. Sollten bei den hoffentlich bald möglichen Lockerungen der Corona-Beschränkungen die Heimwerker-Center öffnen, während die Buchhändler nur online aktiv sein dürfen (wie es in einigen Bundesländern schon jetzt der Fall ist), werde ich sauer. Denn mit Gesundheitsschutz hat diese Ungleichbehandlung nichts zu tun.

Irisches Psychogramm

Was war gespielt, und was war echt? Das fragt sich die Tochter einer berühmten irischen Schauspielerin nach dem Tod ihrer Mutter – im neuen Roman „Die Schauspielerin“ (Penguin) der großartigen Anne Enright.

Tja. Wie war das denn? Was lief schief zwischen uns beiden, und was lief gar nicht so schlecht? Norah blickt zurück auf die Erfolge und Niederlagen ihrer Mutter und vor allem: auf deren unstillbare Sehnsucht nach Anerkennung.

„Meine Mutter war eine begabte Hochstaplerin. Sie war auch eine Künstlerin, eine Rebellin und eine Romantikerin; man durfte sie nennen, wie man wollte, solange man sie keine Engländerin nannte.“

Mit Schwung, Selbstironie und einem völlig ungeschönten Blick zeichnet Anne Enright ein feines Porträt einer Mutter-Tochter-Beziehung. Ein intensiver, manchmal subtil humorvoller Roman, offen und ehrlich, gegen Ende dramatischer, berührender. Denn im Alter nahm die große Schauspielerin Tabletten, trank zu viel Alkohol und schoss auf einen Filmproduzenten.

Norah erzählt aber nicht nur von ihrer Mutter, sondern auch von sich selbst, von ihren Fehlentscheidungen, ihren Männern und Zweifeln. Ein herausragendes irisches Psychogramm, dem man auch anmerkt, dass dessen Verfasserin weiß, worüber sie schreibt: Auch Anne Enrights Mutter war Schauspielerin. Wie schön, dass sie sich letztlich fürs Schreiben entschieden hat! 

Ich stelle diesen Roman auch im Podcast LONG STORY SHORT vor. Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

Sehnsucht nach Seeluft

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begibt sich ein junger Engländer auf Wanderschaft. Robert, der aus einer Bergarbeiterfamilie stammt, sehnt sich nach der Küste, der Seeluft, dem offenen Meer. Also marschiert er los, ohne Landkarte. Er arbeitet als Tagelöhner, übernachtet in Schuppen und Scheunen. Robert genießt seine Freiheit, denn er weiß: Wenn er zurückkehrt, wird auch er als Bergarbeiter schuften müssen.

Benjamin Myers begleitet seine Hauptfigur in „Offene See“ (DuMont) auf ihrem Weg ins Ungewisse, ins Erwachsenwerden. Myers ist ein ruhiger, sanfter Erzähler. Wie Robert hat er ein Gespür für magische Momente und einen Blick fürs Wesentliche.

Kurz vor seinem Ziel, wenige Kilometer vor der Küste, kommt der Wanderer an einem Cottage vorbei, deren Besitzerin ihn zu einer Tasse Brennesseltee einlädt. Dulcie lebt allein, wirkt selbstbewusst und äußert unkonventionelle Meinungen zu Politik, Religion und Liebe – so eine Frau hat Robert noch nie getroffen. Auch Dulcie ist überrascht: Von Roberts Naivität und Neugier. Die beiden finden Gefallen aneinander, und Robert bleibt über Nacht. Was er an diesem Abend noch nicht weiß: Dass er noch viele weitere Nächte bleiben wird.

Mündet dieser Roman also in einer klassischen Liebesgeschichte? Keineswegs. Dulcies und Roberts Beziehung bleibt plantonisch, und gestaltet sich dennoch äußerst spannend. Denn Robert stößt in einer Hütte neben dem Cottage auf ein altes Manuskript einer deutschen Dichterin. Was hatte Dulcie mit dieser Frau zu tun? In langen Gesprächen entlockt Robert seiner Gastgeberin ein gut gehütetes Geheimnis.

Benjamin Myers schreibt feinfühlig über Roberts Wanderung ins Leben. Sein berührender Roman handelt zudem von zwei Menschen, die von ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen lernen. Ein Buch übers Land und das Meer, über Lyrik und Freiheit.

 

Paartherapie mit Nick Hornby

Nick Hornby ist wieder da! Mit einem kurzen Stück namens „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst“ (Kiepenheuer & Witsch). Untertitel: Eine Ehe in zehn Sitzungen. Folgerichtig erfahren wir in zehn Kapiteln, wie es um die Ehe von Tom und Louise steht. Die beiden sind seit 15 Jahren verheiratet, haben zwei Kinder und keinen Sex mehr. Das heißt, Louise hatte durchaus Sex. Mit ihrer Affäre Matthew. Was Tom wiederum nicht so passend fand. Und aus diesen Gründen macht das Ehepaar eine Therapie.

Im Pub gegenüber der Eheberaterin treffen sich die beiden vor den Stunden. Tom trinkt Bier, Louise Wein. Sie blicken zurück auf ihre Beziehung, streiten, lachen, schweigen, grübeln und hoffen. Sie sprechen über Versöhnungssex, Online-Dating, Boxershorts, Katzenmedikamente, den Brexit (Tom stimmte für ihn, Louise dagegen) und die Paare, die vor ihnen bei der Beraterin sind.

In knappen, knackigen Dialogen erzählt Nick Hornby von einer ganz normalen gescheiterten Beziehung. Von den Therapiesitzungen erfahren wir allerdings nichts – und genau diese Auslassung macht Spaß. Denn so wird nur über die wöchentlichen Gespräche im Pub deutlich, ob das Paar Fortschritte macht. Nick Hornby hat zwar schon vielschichtigere und originellere Bücher geschrieben – sein eheliches Kammerspiel garantiert dennoch amüsante Unterhaltung. Und wer schon etwas länger verheiratet ist, wird sich in einer der beiden Figuren erkennen. 

Historisches Lehrstück

Dunkle Gassen, zwielichtige Straßenhändler. Pferdekutschen, Kopfsteinpflaster. Armut, Dreck. Hannover 1920. Dirk Kurbjuweits neuer Roman „Haarman“ (Penguin) spielt in dieser dunklen Zwischenkriegszeit. Er thematisiert eine brutale Mordserie, die vor hundert Jahren Deutschland erschütterte, und die von den Nazis für ihre Propaganda missbraucht wurde.

Innerhalb mehrerer Jahre verschwanden Anfang der 1920-er-Jahre in Hannover 24 Jungen. Wie sich herausstellte, wurden sie  von Fritz Haarmann umgebracht und zerstückelt. Ein unfassbarer, furchtbarer Skandal.

Der renommierte Journalist und Autor Dirk Kurbjuweit rollt die spektakulärste Mordserie der deutschen Geschichte erneut auf. Er konzentriert sich in seinem Buch auf den fiktiven Polizisten Robert Lahnstein, einen engagierten, aufrichtigen Mann. Dieser Ermittler stößt bei seinen Recherchen immer wieder auf Fritz Haarmann, doch seine Kollegen weigern sich, ihn als Verdächtigen einzustufen. Lahnstein lässt sich nicht einschüchtern, auch von den Nazis nicht. Der Polizist sammelt unermüdlich Indizien, und schließlich gelingt es ihm, den Mörder zu überführen.

Dirk Kurbjuweit hat ein historisches Lehrstück über menschliche Abgründe geschrieben. In knappen Sätzen und mit hohem Tempo skizziert Kurbjuweit die Ermittlungen und zeichnet ein realistisches Porträt dieser Zeit.

Das Brisante an dem Fall sind auch seine politischen Bezüge: Kann eine Demokratie Sicherheit gewährleisten, kann sie ihre Bürger mit rechtsstaatlichen Maßnahmen vor Gewalttaten schützen? Gegner der frühen Weimarer Republik nutzten die Mordserie, um der Regierung und dem Staat Versagen vorzuwerfen. „Schützt unsere Kinder!“ plakatierten und riefen die Nazis, und sie forderten „Freiheit für Hitler“, der damals im Gefängnis saß. Ein Jahr später war er wieder auf freiem Fuß, und er wurde von vielen Menschen weiterhin unterschätzt und verharmlost. So wie Fritz Haarmann. Und so wie heute teilweise die AfD, die wieder „Schützt unsere Kinder!“ plakatiert und Flüchtlinge als Gefahr darstellt.

Ich stelle diesen Roman auch im Podcast LONG STORY SHORT vor. Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

In Corona-Zeiten… Literatur-Podcasts hören…

Wie schön: Die neuen Freiräume der surrealen, unheimlichen und (un-)ruhigen Corona-Zeit nutzen viele von Euch zum zusätzlichen Lesen. Damit Ihr genug Anregungen für aktuelle Lektüre habt, haben Karla Paul und ich neue Folgen unseres Podcasts LONG STORY SHORT aufgenommen (siehe Foto im Studio der Verlagsgruppe Randomhouse).

Alle zwei Wochen schwärmen wir etwa 20 Minuten lang von Romanen, Sach- und Hörbüchern. In der aktuellen Folge „Unorthodoxe Frauen, verpasste Gelegenheiten und ein Fünf-Pfund-Burrito“  stellen wir Werke von Anne Enright, T.C. Boyle, Deborah Feldman, Shaun Usher und Jean-Philipe Blondel vor.

LONG STORY SHORT gibt´s kostenlos auf allen Plattformen, zum Beispiel hier. Viel Spaß beim Lauschen – wir freuen uns auf Euch!

Zauberhaft, dieser Roman!

O wie wunderbar! Graham Swift, der elegant erzählende Brite, hat mit „Da sind wir“ (dtv) einen weiteren bezaubernden Roman geschrieben. Nicht nur, weil es darin unter anderem um Zaubertricks geht. Sondern vor allem, weil Swift seine kurze Dreiecksgeschichte mit Tiefgang, Charme und feinem Humor verfasst hat.

Es ist Sommer 1959. Im Seebad Brighton moderiert Conferencier Jack eine Varieteshow, in der sein Freund Ronnie als Zauberer auftritt. Beide Männer verlieben sich in Ronnies Assistentin Evie, eine ehemalige Revuetänzerin. Jack ist ein begnadeter Entertainer, der mit seinem Lächeln das Publikum bis in die letzte Reihe verzaubert. Doch Evie verlobt sich mit dem eher introvertierten Ronnie. Die gemeinsame Show wird ein Sensationserfolg – nach der letzten Vorstellung verschwindet Ronnie allerdings ohne irgendeine Nachricht, und Evie beginnt eine Affäre mit Jack.

Graham Swift widmet sich klug und vielschichtig der Dynamik zwischen seinen drei Hauptfiguren. Er leuchtet deren Vergangenheit aus, zeigt ihre soziale Herkunft, steigert die Spannung, überzeugt mit trickreicher Dramaturgie. Auf nur 160 Seiten behandelt er große Fragen: Wie wird ein Mensch zum Zauberer, zum Bühnenprofi? Wie wirkt sich diese Tätigkeit aufs Privatleben aus? Und: „Was ist verwunderlicher: Dass Schauspieler sich in andere Menschen verwandeln können – wie geht das überhaupt? Oder dass jemand sich zu einem Menschen entwickelt, den man ihm nicht zugetraut hätte?“

In der Mitte des Romans wagt Graham Swift einen Zeitsprung ins Jahr 2009. Evie blickt als 75-jährige zurück auf ihre Ehe mit Jack, aus dem nach seiner Varietézeit ein Schauspiel-Star wurde. Doch Ronnies Verschwinden ist noch immer nicht aufgeklärt. Und manch anderes Drama schmerzt im Rückblick: „Selbst die Zauberkunst konnte da nicht helfen, so schien es. Sie konnte erstaunliche Verwandlungen bewirken, die grundlegenden Fakten des Lebens verändern konnte sie jedoch nicht.“

Fazit: Eine großartige Geschichte darüber, wie man Geheimnisse bewahrt und nicht jeden Zauber aufdecket. Graham Swift bleibt damit der Meister des literarischen Augenzwinkerns. Denn „Da sind wir“ beweist, dass tiefe Ernsthaftigkeit und größtmögliche Leichtigkeit kombinierbar sind.

Argentinisches Drama

Corona-Zeiten sind Lesezeiten. Ich werde Euch selbstverständlich weiterhin mit Tipps versorgen, und die fleißigen, wunderbaren Buchhändler*innen werden uns über ihre Online-Shops beliefern, nachdem sie ihre Läden schließen mussten. Also, los geht´s: 

Lucas will sein Leben endlich wieder in den Griff bekommen. Der argentinische Schriftsteller, Hauptfigur in Pedro Mairals neuem Roman „Auf der anderen Seite des Flusses“ (mare), hat einen Plan, wie er raus aus seinen Schulden kommt, aus seiner Schreibblockade, aus seinem tristen Alltag.

Ein einziger Tag soll die Wende bringen. Den Neuanfang.

Und so spielt die Handlung in weniger als 24 Stunden – in der Zeitspanne, in der Lucas von Buenos Aires mit der Fähre nach Uruguay fährt, einen Bus nach Montevideo besteigt und dort vor allem zwei Dinge vorhat: 15.000 Dollar Schwarzgeld von der Bank abzuheben und eine bestimmte Frau zu treffen. Beides gelingt Lucas. Und dennoch beschert dieser Tag voller Hoffnungen dem 44-jährigen letztlich eine bittere Niederlage.

Pedro Mairal schildert den schicksalhaften Aufbruch seines Protagonisten souverän als fieberhafte Reise. Sein Plot entwickelt eine unwiderstehliche Spannung und Dynamik. Mairal begleitet Lucas aus nächster Nähe, und er gibt diese Nähe an seine Leser*innen weiter. Wenn der Schriftsteller das Schwarzgeld in Empfang nimmt, die Frau trifft, und beide – von Joints und Whiskey benebelt – durch die Straßen Montevideos streifen, wünscht man ihm, dass er den Neubeginn schafft und sein Leben wieder in geordnete Bahnen bringen kann. Man ahnt allerdings schon, dass ihm die doppelte Versuchung (das Geld, die Frau) die Sinne verdrehen wird – sein Scheitern scheint unausweichlich.

Ein kurzer, großartiger Roman über die Illusion von der schnellen Lösung aller Probleme.

Wo ist der richtige Platz im Leben? Auf Sardinien?

Wo ist der richtige Platz im Leben, fürs Leben? Und wie wird man glücklich, obwohl nichts perfekt ist? Um diese entscheidenden Fragen hat die italienische Autorin Milena Argus einen feinen, berührenden Roman gebaut: „Eine fast perfekte Welt“ (dtv) erzählt die Geschichte von Ester und Raffaele, einem Paar aus Sardinien, das aufs Festland zieht. In Genua, wo Raffaele arbeitet, reicht das Geld zwar nur für eine dunkle, feuchte Wohnung, aber immerhin: Ester bekommt eine Tochter, Felicita.

Doch der Alltag bleibt hart, wie Ester feststellt: „Schließlich war das Leben der Menschen nichts anderes als die Suche nach dem Glück, die sich für gewöhnlich als strapaziöse Reise entpuppte.“ Die junge Familie beschließt, wieder nach Sardinien zurückzuziehen, ins Haus von Esters Mutter, einer strengen, schwarz gekleideten Frau. Nun fragt sich Felicita: „Wie schafft man es bloß an einem Ort wie diesem zu leben?“ Genau diese Frage stellte sich früher auch ihre Mutter, und ein paar Jahre später zieht Felicita nach Cagliari, um dem konservativen Dorfleben zu entkommen.

Milena Argus, deren Eltern aus Sardinien stammen, erzählt in ruhigem Ton von drei Generationen einer Familie. Verständnisvoll dokumentiert sie deren Suche nach dem richtigen Ort zum Leben. Gegen Ende des Buches zieht es Felicitas Sohn Gregorio noch weiter weg als seine Verwandten: Er entscheidet sich, in New York seine Karriere als Musiker zu starten. Milena Argus zeigt mit ihrer einfachen und dennoch vielschichtigen Geschichte den Gegensatz zwischen Stadt und Land, arm und reich, Tradition und Moderne. Ein Lehrstück übers Leben.

„Da niemand je das gelobte Land findet wäre es da nicht besser, einfach unterwegs anzuhalten, sobald man an einen Ort angelangt ist, wo es einem gut geht?“

Übrigens: Seit 10. März gibt es neue Folgen unseres Literaturpodcasts „Long Story Short“. Kostenlos auf allen Kanälen, zum Beispiel hier.

Sommer bei Nacht

Zwei Teddybären. Ein Grundschul-Flohmarkt in der Nähe von Wiesbaden. Eine Mutter mit Tochter und Sohn. Und ein unbekannter Mann. Plötzlich sind der Junge und der Mann verschwunden, mitsamt einem Teddybär. Obwohl die Mutter ihren Sohn Jannis nur für wenige Momente aus den Augen gelassen.

So beginnt Jan Costin Wagners neuer Kriminalroman „Sommer bei Nacht“ (Galiani). Knapp und präzise, in feinsten Miniatursätzen, startet Wagner den ersten Fall für seine Kommissare Ben Neven und Christian Sander. Die Polizisten stoßen auf Verbindungen zu einem älteren Fall eines weiteren vermissten Jungen. Auch damals wurde ein Teddybär am Tatort gesehen. Lockt der Täter also Kinder gezielt mit Stofftieren an? Es scheint so. Nach Jannis wird nun öffentlich gefahndet. Prompt melden sich die Eltern eines Jungen, der einmal von einem Mann mit Stofftier angesprochen wurde.

„Der Fall ist zum Ereignis geworden, zu einer Kette merkwürdiger, verstörender, trauriger Ereignisse.“

Jan Costin Wagner hat seinen literarischen Krimi raffiniert konstruiert. Er protokolliert die Ermittlungen aus schnell wechselnde Perspektiven. In Wiesbaden, Innsbruck und Rosenheim. Trotz der sogartigen Zuspitzung der Handlung gibt Wagner seinen Figuren Raum für Träume, Gedanken, für eine andere Dimension, ein Vielleicht. Sie halten inne und lassen die Geschehnisse auf sich wirken. Diese schwebende, bisweilen unwirkliche Ebene, unterscheidet Wagner von anderen Genreautoren. Bei ihm spielen Empathie und Zurückhaltung eine ebenso große Rolle wie Spannung. Eine Wohltat inmitten effektheischender lauter Thrillerware.

Übrigens: Ab morgen, 10. März, gibt es neue Folgen unseres Literaturpodcasts „Long Story Short“. Kostenlos auf allen Kanälen, zum Beispiel hier.