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hamid sulaiman, freedom hospital, rezension, literaturblog, günter keil Bomben explodieren. Kugeln zerfetzen Körper. Blut spritzt. Menschen sterben.

All das sieht man in „Freedom Hospital“ (Hanser), der Graphic Novel des syrischen Illustrators und Malers Hamid Sulaiman. Man muss die Gewalt auch sehen, spüren, ahnen. Denn die Handlung spielt 2012 in Sulaimans Heimat. Im Norden des Landes existiert ein geheimer friedlicher Ort: Die Pazifistin Yasmin betreibt ein Untergrund-Krankenhaus zur Versorgung verwundeter Rebellen. In diesem „Freedom Hospital“ treffen unterschiedlichste Persönlichkeiten und Überzeugungen aufeinander – Konflikte bleiben nicht aus. Und die Klinik wird immer wieder beschossen. „Wir werden weitermachen, selbst wenn sie das Krankenhaus hundertmal zerstören“ ruft Jasmin trotzig.

In düsteren schwarz-weißen Bildern dokumentiert Hamid Sulaiman Bombardements, Propaganda und Zerstörung. Aber eben auch die Aufbruchsstimmung rund um das „Freedom Hospital“, köstliche Joints, makabere Witze, leidenschaftlichen Sex. Im Nachwort erklärt der syrische Illustrator: „Ich musste einfach all das hinausschreien, was mir seit Beginn der Revolution im Hals stecken geblieben war.“ Das ist ihm mit seiner kunstvollen Bildsprache eindrucksvoll gelungen. 

Für das Magazin MÜNCHNER FEUILLETON habe ich dazu eine ausführliche Rezension geschrieben.

arabEin tristes, heruntergekommenes Land. Voller Dreck, Armut, Hass und Korruption. Syrien, wie es der französische Zeichner Riad Sattouf 1984 und 1985 als Kind erlebt hat. Und Syrien, wie er es im zweiten Teil seiner herausragenden Autobiografie „Der Araber von morgen. Eine Kindheit im Nahen Osten“ (Knaus) zeigt.

Die Graphic Novel erzählt davon, was der kleine Riad mit seinen Eltern und seinem Bruder in Homs erlebt. Wie er eingeschult und von der sadistischen Lehrerin gequält wird. Wie sein Vater von einem erblühenden Syrien und seiner eigenen Luxusvilla träumt. Wie die Menschen versuchen zu überleben, und sich dabei gegenseitig belügen und betrügen. Das klingt negativ und einseitig, doch die staunende, kindliche Perspektive des kleinen blonden Jungen taucht die Erlebnisse in ein objektives Licht. Riad Sattoufs bunte, poppige Zeichnungen mögen auf den ersten Blick geradezu heiter wirken. Auf den zweiten jedoch nicht. Überhaupt nicht. Denn wie schon im ersten Teil wird deutlich, wie groß die Kluft im Syrien der 1980er ist: zwischen politischer Propaganda und Realität, zwischen Arm und Reich, zwischen Fortschrittsgerede und Rückständigkeit. „Der Araber von morgen“ beschönigt nichts. Eine Graphic Novel, nach deren Lektüre man mehr über die syrische Alltagskultur zu wissen glaubt – und versteht, warum so viele Menschen flüchten.

 

riadSuuuuuper!!!! Ja, Ausrufezeichen gibt´s in diesem Buch zur Genüge. Ist ja auch eine Graphic Novel. Eine der besten der vergangenen Jahre. Soeben ausgezeichnet mit dem wichtigsten europäischen Comicpreis „Fauve d’or“. „Der Araber von morgen“ (Knaus) ist ein optisches, inhaltliches und haptisches Erlebnis. Der Pariser Comic-Zeichner Riad Sattouf erzählt darin von seiner Kindheit in Frankreich, Libyen und Syrien.

1978: Riad ist zwei Jahre alt, Sohn einer Französin und eines Syrers. Sein Vater führt die Familie nach Tripolis, wo er an der Universität lehrt und von einem vereinigten Arabien schwärmt. Für Riad und seine Mutter ist der Alltag im Libyen Gaddafis jedoch hart. Als die Familie nach ein paar Jahren in Assads diktatorisches Syrien umzieht, kommt es noch schlimmer: Dreck, Armut, Gewalt. Doch der Vater lügt sich die Realität schön.

Riad Sattouf zeigt seine Erlebnisse aus kindlicher Perspektive. Der knollennasige Junge blickt staunend auf die Erwachsenenwelt, auf Chaos und Gewalt, auf Polit-Propaganda, Judenhass und Frauenverachtung. Die Zeichnungen sind genial: Mal liebevoll-märchenhaft, mal reduziert-modern, mal drastisch, mal verträumt. Sattouf, der bis 2014 zehn Jahre lang auch für Charlie Hebdo zeichnete, vereint Anspruch und Unterhaltung, Witz und Tiefgang wie kein anderer. Wie gesagt: Suuuuper!!!