Außergewöhnlich romantisch

Geht das? Ein moderner Liebesroman, der nur aus Kurznachrichten besteht? Geht. Sehr gut sogar. In „Du wirst mein Herz verwüsten“ (Blumenbar, übersetzt von Annebelle Hirsch) wagt die Französin Morgane Ortin eine poetische Variante von Romanen wie „Gut gegen Nordwind“.

Nun denn: Ein Mann und eine Frau schicken sich Botschaften, sie schwärmen, verlieben und verlieren sich, weinen, lachen, sind begeistert, traurig, melancholisch. Ihr Wunsch ist es, sich von Zwängen zu befreien, nicht cool und abwartend zu sein, sondern sich total auf ihre Beziehung einzulassen. Sich fallenzulassen. Und so texten sie sich auch.

Das besondere daran: alle Kurznachrichten sind echt und von mehr als 200 verschiedenen Leuten. Morgane Ortin hat zuerst ihre eigenen Chatverläufe auf Instagram gepostet und dann den Account amours_solitaires gegründet, übersetzt: Die einsamen Liebenden. Dort veröffentlicht sie Kurznachrichten, die sie von ihren 800.000 Followern bekommt. Und aus diesen Chats hat sie den Roman gebaut.

Herausgekommen ist ein poetischer Dialog über Gänsehaut, Tränen, Sex, Gerüche, den Rausch des Verliebtseins bis zu Zweifeln und Ängsten. Außergewöhnlich und romatisch.

Das Buch habe ich auch in meiner Buchsendung auf egoFM am 11. Juli vorgestellt – zur Show hier.

Cowboyprosa

„Dummheit war kein Schwerverbrechen. War überhaupt kein Verbrechen. Nur ein Handicap.“

Trockene Kommentare in einer klaren, kantigen Sprache – das kann nur Jack Reacher sein, der Serienheld von Lee Child. In seinem neuen Fall „Bluthund“ (Blanvalet) begibt sich der ehemalige Militärpolizist auf einen Road Trip durch Wisconsin, South Dakota und Wyoming. Als Anhalter auf staubigen Landstraßen, als Ermittler in versteckt im Wald gelegenen Farmhäusern und im Gespräch mit verschrobenen Amerikanern mit Geheimnissen. Mit Erfolg: Reacher kommt einer Bande von illegalen Opiate-Händlern auf die Spur und spürt eine schwer verletzte Veteranin auf, die medikamentenabhängig ist. Davor allerdings wird ein Kopfgeld auf ihn angesetzt, und ein FBI-Agent kommt ihm in die Quere.

Dieser Jack Reacher, der von sich behauptet, er sei „nur ein gewöhnlicher Kerl auf der Durchreise“, ist ein großer, starker Typ mit einer linken Faust „so groß wie ein Hühnchen aus dem Supermarkt“. Nichts bringt ihn aus der Ruhe, er hat alles im Griff, und er hat vor allem: Prinzipien. Charakter. Moral. Die legendäre Figur verkörpert ganz altmodisch das Gute im Mann, und es bereitet jedes Mal wieder großes Lesevergnügen, wenn dieser Cowboy ohne Handy und ohne Gepäck seine Ermittlungen vorantreibt. Stur und ruhelos, obwohl er wie die Ruhe in Person wirkt, der Fels in der Brandung.

Auch der 22. Reacher-Roman überzeugt also mit erdiger, abgebrühter Prosa im Westernstyle (großartig übersetzt von Wulf Bergner), mit präzisen Beschreibungen von Mensch und Natur, mit knisternden, pointierten Dialogen, bei denen jedes Wort stimmt.

Nur fürs Protokoll noch einmal der Hinweis: Jener Jack Reacher, den Tom Cruise in den Hollywood-Verfilmungen spielt, hat nichts mit dem Jack Reacher aus den Büchern zu tun. Gar nichts. Er ist nur peinlich.

Am 8. August stelle ich den Thriller in meiner Buchsendung auf egoFM vor. Zur Show hier.

Bernhard Schlinks schlichte Eleganz

Zehn Jahre. So viel Zeit vergeht in der Regel, bis Bernhard Schlink einen neuen Erzählband veröffentlicht. Auf „Liebesfluchten“, seinen Bestseller aus dem Jahr 2000, folgte zehn Jahre später „Sommerlügen“, und nun, nachdem ein weiteres Jahrzehnt vergangen ist, erfreut der 76-jährige seine Leser*innen mit einer neuen Sammlung von Kurzgeschichten.

Der Titel „Abschiedsfarben“ (Diogenes) passt perfekt zu den neun Geschichten. Denn Schlink widmet sich Abschieden in zahlreichen Farbschattierungen. Seine Protagonist*innen, meist Menschen in der Lebensmitte oder im höheren Alter, verabschieden sich von früheren Lieben, von Zielen, Erinnerungen und Träumen. Sie blicken zurück auf vergangene Lebensphasen und ordnen diese nun, aus zeitlicher Distanz, anders ein als früher. Bisweilen erkennen sie, dass im falschen Leben das richtige lag und im richtigen das falsche. Diese Neubewertung macht manche der betreffenden Menschen traurig, während sich andere erfreut zeigen über den Perspektivwechsel. Die Schwere und die Leichtigkeit des Lebens liegen nah beieinander, wie immer bei Bernhard Schlink.

Unaufdringlich, geradezu behutsam, nähert sich Schlink den Menschen in seinen Geschichten. In leisen Tönen – man könnte sagen: in Abschiedsfarben – zeichnet er deren feine Porträts. Kaum ein anderer Schriftsteller vermag es die Buchseiten mit solch einer schlichten Eleganz zu füllen. Hinter der vermeintlich unscheinbaren, klar strukturierten Fassade brodelt es jedoch. Alte Wunden reißen auf, von wegen, die Zeit heile sie alle. Plötzlich sind da Enttäuschungen, Verletzungen, Wut und Trauer. Kann die Frau dem Mann verzeihen, der sie vor vielen Jahren verlassen hat und nun wieder vor ihr steht? Kann der Freund dem Kumpel vergeben, als er erfährt, dass dieser ihn damals an die DDR-Behörden verraten hat? Durfte das alte Ehepaar sich das Leben nehmen, ohne an die Trauer der Hinterbliebenen zu denken?

Es sind also die großen moralischen und menschlichen Fragen, die Bernhard Schlinks Figuren umtreiben. Sie entscheiden sich für unterschiedliche Lebenslinien und Lebensweisen, und sie müssen später den Mut aufbringen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Mit jeder seiner neun Kurzgeschichten  gestattet Schlink Einblicke in die zutiefst privaten Gedanken seiner Protagonist*innen. Da er dabei verständnisvoll und zurückhaltend vorgeht, in seiner gewohnt zeitlosen Sprache, fühlt man sich den fiktiven Charakteren nah. Und deren notwendige Abschiede erscheinen als Chancen – ein tröstlicher und versöhnlicher Gedanke.

Writers & Lovers

Lily King, Writers Lovers, C.H. Beck, Rezension, Literaturblog, Günter Keil „Das Einzige, was mir in den letzten sechs Jahren Halt gegeben hat, das Einzige, was in meinem Leben konstant war, ist der Roman, an dem ich geschrieben habe. Er war mein Zuhause, mein Zufluchtsort.“

Lily King erzählt in “Writers & Lovers” (C.H. Beck, Übersetzung Sabine Roth) vom holprigen Weg einer jungen Frau zur Schriftstellerin. Ein vibrierender Roman mit schnellen, pointierten Dialogen und realistischen, erhellenden Einblicken in den Schreibprozess der Hauptfigur. Ein Buch, das glücklich macht, obwohl die Hauptfigur das Glück erst noch finden muss.

Casey ist 31 und fast am Ende. Erschöpft von der Arbeit an ihrem Roman, gefrustet vom Ende ihrer Beziehungen mit Paco und Luke, traurig über den plötzlichen Tod ihrer Mutter. In einem winzigen, modrigen Schuppen in Boston müht sie sich mit den letzten Kapiteln ihres Buches ab. Zudem plagen sie Schulden, die sie durch stressige Doppelschichten in einem Restaurant abzustottern versucht.

Mit der verzweifelten, aber stets zum Schreiben zurückfindenden Casey hat Lily King eine sympathische Identifikationsfigur auf die Buchseiten gezaubert. Casey verbirgt nichts, gibt all ihre Schwächen preis, kommentiert lakonisch und herzlich ihre aussichtslose Situation. Sie trauert, um ihre Mutter und um ihre Männer. Im Zentrum von Kings intelligenter Geschichte entwickeln sich folgende Fragen: Was bleibt in der Realität vom Traum, Schriftstellerin zu werden? Was bleibt, von der Liebe, die alles in einem zum Brennen bringt? Und was ist wichtiger: Schreiben, Leben oder Lieben? Oder bedingt sich das alles?

Casey, deren letzte beiden Beziehungen tragisch zu Bruch gingen und ihren Schreibprozess ins Trudeln brachten, wird ab der Mitte des Romans von zwei Männern umworben: Silas und Oscar, beide ebenfalls Schriftsteller. Diese ungewohnte Situation bringt überraschende Erkenntnisse: „In der Regel bremst ein Mann in meinem Leben mich beim Schreiben, aber zwei Männer, stelle ich fest, geben mir einen Energieschub.“

In klarer, schneller Prosa und mit feinem Humor lotet Lily King aus, was uns antreibt und was uns im Innersten ausmacht. Das Finale gestaltet die US-Autorin unglaublich spannend – man fragt sich pausenlos: Wird Casey ihren Roman fertigstellen und einen Verlag finden? Und für welchen Mann wird sie sich entscheiden? Der in großen Teilen autobiografische Roman ist keine Mainstream-Liebeskomödie, sondern eine vielschichtige Geschichte um Schreibende und Liebende, genau, “Writers & Lovers”.

Am 25.7. spreche ich in meiner Buchsendung auf egoFM mit Lily King über „Writers & Lovers“. Zur Show hier.

Kleinstadt-Milieustudie

Eine Kleinstadt, irgendwo in Frankreich. Kein besonders cooler Ort, aber eine Clique von jungen Männern versucht, cool zu wirken. Sie gehen zum Boxtraining, rauchen Joints, spielen Karten, trinken Schnaps und hängen gemeinsam ab. Ab und zu gibt´s eine Schlägerei am Rande einer Party, manchmal verliebt sich einer in ein Mädchen, bei dem er keine Chance hat, und wenn sie Bock haben, fahren alle in die Großstadt, um in einer Bar Drinks zu kippen.

Die Jungs aus David Lopez´ Debüt „Aus der Deckung“ (Hoffmann und Campe) wirken wie in der Schwebe, zwischen Schule, Studium, Job und Familie. Sie sind noch nicht so richtig erwachsen, aber auch keine Teenager mehr. Sie ziehen ihre Basecaps ins Gesicht und versuchen, vor den Mädchen, die sie Chicks oder Bitches nennen, bloß keine Weicheier zu sein.

Das Besondere an dieser Geschichte: Sie wird ganz ehrlich von einem aus der Clique erzählt: Jonas. Er hat das Zeug zum Profiboxer, aber null Ehrgeiz. Also chillt er meistens mit seinen Kumpels, er nennt sie Homies, und sie sind wichtiger als seine Familie. Eine On-Off-Freundin hat Jonas auch, und er beschreibt einmal detailliert auf 8 Seiten, wie er sie beim Sex verwöhnt. Eine zutiefst erotische Szene.

Autor David Lopez ist 35 Jahre, früher hat er selbst geboxt und gerappt – das merkt man seiner lässigen, direkten, rhytmischen Sprache an. Seine kurzen schnellen Sätze wirken wie Schläge beim Aufwärmtraining im Boxclub. Und trotzdem haben sie etwas Leichtes, Sanftes, Atmosphärisches. Eine überzeugende Kleinstadt-Milieustudie.

Literatur moderieren, trotz Corona

„Jetzt geht´s wieder los, oder?“ werde ich zurzeit ständig gefragt. Tatsächlich finden wieder vereinzelt Lesungen statt, vom „Losgehen“ ist allerdings noch wenig zu spüren. Ich bekomme einzelne Anfragen für den Herbst, ja, aber viele große Veranstaltungen und Festivals bleiben abgesagt, zu unsicher ist die Lage, zu schwer die Finanzierung bei Einhaltung aller „Hygienevorschriften“.

Aber immerhin, es tut sich etwas. Und: Es gibt das Netz. Und Radio. In beiden bin ich zum Glück aktiv.

Am Samstag, 11. Juli, startet meine neue Buchsendung auf egoFM. Ab dann alle zwei Wochen, jeweils von 14.00 bis 16.00 Uhr. Über Antenne in zahlreichen Städten und weltweit online. Mehr dazu bald hier im Blog – ich freue mich sehr auf diese Show! Der Claim lautet: Die egoFM Buchhaltung – wer nicht hören will, muss lesen!“ Für mich ist es die schönstmögliche Rückkehr zu dem Medium, bei dem ich als 18-jähriger angefangen habe zu moderieren. Direkt zum Sender hier.

Und dann gibt´s die Online-Buchpremieren: Per Streaming moderierte ich vor kurzem Gespräche mit den Autorinnen Leonie Swann (mit der ich live englischen Tee trank, siehe Foto unten) und Claudia Winter (die wie ich im gestreiften T-Shirt vor der Kamera saß) – beide Gespräche wurden insgesamt mehr als 5.500 mal auf Instagram, Facebook und Youtube aufgerufen. So viele Zuschauer*innen hätten wir bei Lesungen kaum gehabt!

Ach ja, und wie wäre es mit einem kleinen 4-Minuten-Video aus meinem Büro, das ich fürs Literaturhaus Herne/Ruhr aufgenommen habe (siehe Foto ganz oben)? Mit zwei aktuellen Buchtipps (Ta-Nehisi Coates und Joanna Nadin). Falls es Euch interessiert, schaut rein, einfach HIER klicken.

Es gibt also viel zu tun, trotz Corona. Aber die echten Live-Begegnungen fehlen mir nach wie vor – für sie gibt es keinen Ersatz. 

 

 

Die perfekte Gesellschaft?

„Die perfekte Gesellschaft. Teilhabe für alle, die perfekt gesund sind und funktionieren. Ist etwas kaputt, wird es ausgetauscht. Spielt die Psyche nicht mit, wird sie repariert. Weg mit den Kranken und Schwachen. Weg mit störenden Föten. Fitte Menschen bis ins höchste Alter, das spart steigende Gesundheits- und Pflegekosten.“

Ja, wer fit ist, hat nichts zu befürchten. Wer hinterfragt, lebt gefährlich und bekommt Abzüge bei seinen Sozialpunkten. Im Deutschland der Zukunft, das Zoë Beck in ihrem unheimlichen, aber nicht unwahrscheinlichen Thriller „Paradise City“ (Suhrkamp) beschreibt, wird alles überwacht und von Algorithmen gesteuert. Jeder Bürger muss immer sein Smartcase mit sich führen – eine Karte, auf der alle personenbezogenen Daten gespeichert sind. Kranke werden von einer Gesundheits-App minutiös kontrolliert, und die Medien verkünden nur noch Staatspropaganda. Nach mehreren Pandemien und Antibiotikaresistenzen ist die Bevölkerung geschrumpft, und die Natur erobert sich teilweise wieder ihren Raum zurück.

Hauptfigur Liina ist eine der letzten unabhängigen Journalist*innen. Gemeinsam mit ihrem Team beschafft sie brisante Daten und Fakten, filmt und fotografiert heimlich. Doch nicht nur deswegen schwebt sie in permanenter Gefahr: Liina hat ein Spenderherz, das allmählich schwächer wird. Die Zeit läuft also gegen die junge Frau. Doch Liina und ihre Kolleg*innen geben nicht auf – sie recherchieren mysteriöse Todesfälle und kommen geheimen Forschungsprojekten auf die Spur. In knappen, klaren Sätzen treibt Zoë Beck ihre Hauptfigur durch den straffen Plot.

Die Berliner Autorin zeichnet ein düsteres Gesellschaftsbild, das vertraut erscheint. Denn viele der beschriebenen Entwicklungen beginnen schon heute. So wird aus diesem spannenden Roman eine eindringliche Warnung: Stoppt den Wahnsinn, bevor es zu spät ist! Geschrieben hat Beck das Manuskript ihres Thrillers übrigens schon lange vor Corona – erstaunlich hellseherisch.

Mein Interview mit Zoë Beck könnt Ihr in meiner Buchsendung auf egoFM vom 11. Juli nachhören – zur Show hier.

Im Interview: Marco Balzano

Marco Balzano zählt zu den erfolgreichsten italienischen Gegenwartsautoren. Sein neuer Roman „Ich bleibe hier“ (Diogenes) war für den Premio Strega nominiert, einen der wichtigsten Literaturpreise Italiens. Darin beschreibt Balzano den Widerstandskampf des Südtiroler Dorfs Graun gegen Mussolini und ein Staudammprojekt. Mich hat das reale Drama fasziniert – hier Ausschnitte aus meinem Gespräch mit Balzano:

Warum haben Sie als Schauplatz Ihres neuen Romans ausgerechnet ein kleines Dorf in Südtirol gewählt? Für mich ist Graun der Inbegriff dafür, wie brutal Geschichte sein kann. Es steht für all jene Dörfer, die von politisch-ökonomischen Interessen überrollt wurden, ohne dass die Bevölkerung dies verhindern konnte. Ich erzähle davon, wie ein sinnloser, und blindwütiger Fortschritt nicht nur eine Landschaft zerstört. Sondern auch eine Gemeinschaft und eine ganze Welt. Mein Roman spielt vor etwa 75 Jahren, aber diese Zerstörung findet auch heute noch statt, an vielen Orten.

Was genau ist in Graun passiert? Es wurde ab 1949 überflutet, wegen eines umstrittenen Staudammprojektes. Viele Bewohner kämpften jahrelang dagegen, und 26 Bauarbeiter starben bei der Arbeit. Die sozialen, wirtschaftlichen und psychologischen Folgen für die Enteigneten waren verheerend. Und die verantwortliche Firma ist ihrer moralischen Verantwortung nicht nachgekommen. Ein perfides Beispiel: Die Mitteilungen an die Bevölkerung erfolgten immer bewusst auf Italienisch – einer Sprache, die die Bewohner nicht verstanden; im Vinschgau spricht man Deutsch.

Sprache als Mittel von Macht und Widerstand spielt eine zentrale Rolle in Ihrem Roman, und Ihre Hautfigur ist eine Lehrerin, die Deutsch und Italienisch unterrichtet. Welche Bedeutung hat die Auseinandersetzung mit Sprache für Ihren Schreibprozess? Über die Sprache kann ich Ungerechtigkeiten, Leid und natürlich auch Lebensfreude benennen. Ein Schriftsteller sollte immer versuchen, das Schweigen zum Reden zu bringen – ich sehe das als meine größte Herausforderung. Mir geht es um ein Schweigen, dem es gelingt, das auszudrücken, was man nicht sagen kann, das, wofür die Wörter nicht genügen. Grundsätzlich bedeutet Literatur für mich, die Seiten zu erzählen, die aus den Geschichtsbüchern herausgerissenen wurden; das gilt besonders für Graun. Aus diesem Grund fühle ich mich manchmal wie ein Taucher, der etwas Versunkenes aus der Tiefe des Wassers nach oben ins Licht bringt. In „Ich bleibe hier“ wollte ich eine Frau darstellen, die das Wort als Mittel zum Widerstand verwendet. Auch als das Wasser das Dorf überflutet, auch als Trina alles verliert, auch als sie besiegt ist, bleiben ihr die Worte. Das gilt für uns alle: Solange es uns möglich ist, sie auszusprechen, haben wir nicht alles verloren.

Ihre Protagonist*innen können das allerdings nicht: Schon Mussolini hatte den Südtirolern verboten, ihre Sprache zu sprechen. Wenn man es sich genau überlegt, haben alle Diktaturen immer auch die Sprache betroffen. Sprache bedeutet Gedankenfreiheit, sie ist immer das Gegenteil von Diktatur. Sie ist ein mächtiges Hilfsmittel. In einer freien Welt dürfte man die Muttersprache niemals verlieren.

Wie hat sich Ihrer Meinung nach der Umgang mit Sprache verändert? Die Globalisierung und das Internet haben eine sehr simple Vorstellung von Sprache verbreitet, die – lexikalisch betrachtet – armselig und grob ist. Der Philosoph und Schriftsteller Joseph De Maistre meinte, dass der politische Verfall stets von einem entsprechenden sprachlichen Verfall begleitet ist. Ich glaube, dass diese These momentan sehr gut sichtbar ist. Politiker wie Donald Trump oder Matteo Salvini wären nie dort wo sie jetzt sind ohne diesen sprachlichen Verfall. Wir können selbst entscheiden, ob wir diesen Verfall passiv, von der Ferne aus betrachten wollen oder uns die Sprache, das heißt, das Instrument des Denkens, zu Herzen nehmen.

Die Widerstandskämpferin in Ihrem neuen Roman scheint sich von niemandem aufhalten zu lassen. Betrachten Sie Trina als Heldin? Ganz ehrlich: Ich mag das Wort „Heldin“ nicht. Wenn man jemanden als Helden bezeichnet, heißt das: Du hast die Kraft, also musst du für mich kämpfen, denn ich bin kein Held. Samuel Beckett sagt: „Gesegnet sind die Leute, die keine Helden brauchen.“ Das sehe ich genauso. Wir brauchen stattdessen mehr Bürgerengagement, politische Teilhabe, mehr Sorge für unsere Welt. Sobald diese Dinge fehlen, passiert das gleiche wie in Graun: Das Wasser steigt und überschwemmt alles.

Gab es einen bestimmten Grund, warum Sie sich für die Perspektive einer Frau aus Graun entschieden haben? Ein paar Jahre lang habe ich alles studiert, was über die Geschichte des Dorfes zu finden war. Ich habe mir von Ingenieuren, Historikern, Soziologen, Lehrern und Bibliothekaren helfen lassen. Und vor allem habe ich den Augenzeugen jener brutalen Jahre zugehört; darunter war eine Frau, die mir ein altes Foto in die Hand drückte. Darauf zu sehen war eine Bekannte von ihr, die tief im Wasser stand, mitten in ihrem überfluteten Haus. Da wusste ich, dass ich eine starke und widerstandsfähige Figur wie sie will. Kurz darauf war mir auch klar, dass sie eine Lehrerin sein muss.

Das komplette Interview ist in DER STANDARD erschienen. Direkt zum Text hier.

Foto: Geri Krischker / Diogenes

Doppelgänger in Havanna

Stellt Euch vor, Euer verstorbener Partner taucht einfach wieder auf. Ihr könnt es nicht glauben, aber es gibt keinen Zweifel: Er ist es. Er spricht sogar mit Euch. Aber er lebt inzwischen ein anderes Leben. Diese verstörende Erfahrung macht Clare, die Hauptfigur von Laura van den Bergs Roman „Das dritte Hotel“ (Penguin).

Die junge US-Geschäftsfrau reist nach Havanna auf ein Filmfestival, das sie eigentlich zusammen mit ihren Mann besuchen wollte. Doch Richard, ein Filmwissenschaftler, wurde wenige Wochen zuvor von einem Auto angefahren und starb später im Krankenhaus. Clare spaziert also allein durch die kubanische Hauptstadt, manchmal in einem Zustand der Bewusstlosigkeit, manchmal wach und neugierig. Sie geht zur Premiere des ersten kubanischen Horrorfilms, spricht mit Regisseuren und anderen Besuchern des Festivals.

Und plötzlich sieht sie Richard. Clare folgt ihm, beobachtet ihn, entdeckt ihn ein paar Tage später erneut. Verwirrt und betäubt fragt sie sich, was mit ihr los ist. Oder mit ihm. Befindet sie sich in der Realität oder in einem Traum, einem Film? Gibt es einen Doppelgänger? Erst vor kurzem schrieb Richard über einen Kinostreifen, in dem Menschen einfach wiederkehren. Nach ihrer Beerdigung tauchen sie auf, irgendwo, als wäre nichts gewesen.

Laura van den Berg liefert keine Erklärung für Richards Existenz. Sie spielt geschickt mit den Grenzen der Wahrnehmung, so ähnlich wie David Lynch, und bisweilen fühlen sich ihre Szenen wie Momente aus seinen Filmen an. Fantasie und Fiktion verbinden sich in diesem flirrenden, tranceartig schwebenden Roman mit der Wirklichkeit. Sind Clare und Richard tatsächlich in Havanna? Sind wir Leser*innen tatsächlich hier? Eine faszinierende Geschichte übers Reisen, Erinnern und Trauern. Und übers kubanische Kino.

Der fatale Seitensprung

Kennt Ihr das auch? Wenn man am Ende einer Netflix-Serienfolge einfach nicht widerstehen kann und unbedingt weitergucken muss? Weil die Spannung und die Neugier so groß sind und weil der Cliffhanger so genial konstruiert ist. Genauso ging es mir beim Lesen jedes Kapitels des neuen Thrillers von Jason Starr, „Seitensprung“ (Diogenes). Ich war völlig gebannt und konnte nicht aufhören. Bis zum überraschenden Finale.

Der New Yorker Autor erzählt die Geschichte eines ehemaligen Rockgitarristen, der schon lange keine Musik mehr macht und schon lange keinen Sex mehr mit seiner Frau hat. Jack Harper ist gelangweilt und gefrustet, Schulden muss er auch noch abbezahlen, und nur mühsam schlägt er sich als Immobilienmakler durch. Das einzige, was ihm Freude macht, ist sein Sohn Jonah. Und, neuerdings, eine Seitensprung-Website. Jack kann der Versuchung nicht widerstehen und lässt sich auf eine Online-Affäre ein.

Aus dem erhofften Sex-Abenteuer wird ein Alptraum. Jack gerät in einem Mordfall unter Verdacht und verliert Schritt für Schritt die Kontrolle über sein Leben. Wie in einem Auto, dessen Bremsen nicht mehr funktionieren, rast Jack auf den Abgrund zu. Jason Starr erzählt diesen prickelnden und packenden Thriller aus Jacks Perspektive – manchmal möchte man ihn schütteln, vor neuem Unglück bewahren: Mann, lass das sein! Aber er tut sowieso was er will.

In diesem raffiniert konstruierten Pageturner gibt es nur drei Gewaltszenen, und trotzdem platzt er fast vor Anspannung. Zwischen den Zeilen stellt Jason Starr wichtige Grundsatzfragen: Was wird aus den Träumen und Leidenschaften, der Liebe? Wie kann man aus dem Alltagstrott ausbrechen, und was muss man dafür bezahlen? Jack weiß es nach diesem Abenteuer jedenfalls ganz genau.

Übrigens: Ich stelle diesen Roman auch in der Premiere meiner neuen Buchsendung auf egoFM vor. Mehr Infos bald…