Begegnungen

Eigentlich, so fällt mir regelmäßig auf, besteht mein Beruf aus Begegnungen. Und es sind diese Begegnungen, die ich so schätze, aus denen ich etwas forme, die mich motivieren. Ich begegne Künstler*innen jeder Art, und, ja, auch Büchern begegne ich ständig. Ebenso wichtig und schön: Ich begegne Leser*innen, die aus meinen Begegnungen eigene Begegnungen machen. Aber genug der philosophischen Deutung – hier einige meiner Moderationen, Interviews und Auftritte der vergangenen Wochen:

Der britische Komponist, Rockmusiker und Autor Tot Taylor (oben) zeigte mir in einem Münchner Tonstudio, wie Hits entstehen. Seinen starken Rock´n´Roll-Roman „The Story of John Nightly“ stelle ich in der aktuellen Folge des Podcasts „Long Story Short“ vor – einfach hier klicken.

In Köln feierten Karla Paul und ich die besten aktuellen Krimis in unserer Literaturshow bei der Crime Cologne. 150 Zuschauer im ausverkauften Harbour Club stimmten mit ab. Ebenfalls auf der Bühne: unsere sympathischen Stargäste Katrine Engberg & Leon Sachs.

Mit US-Autor Rob Hart („Der Store“) diskutierte ich im Amerikahaus München über die Gefahren der Machtkonzentration durch Amazon, Apple, Google & co. Rob ist ein engagierter, kluger Kopf, der für mehr kritisches Bewusstsein wirbt.

Eine Stunde Zeit hatte der renommierte Diplom-Psychologe und Coach Jens Corrsen für ein TV-Webinar, in dem er mir mehr über das Gelingen von Beziehungen erzählte und Zuschauerfragen beantwortete. Die komplette Sendung gibt´s hier auf Litlounge.tv oder hier auf Youtube.

Nicht normale Norweger

Auf Bærum, einer Insel vor Oslo, leben die Reichen und Privilegierten. Als ein Angler vor der Küste ein menschliches Ohr aus dem Gewässer fischt, ist Schluss mit der Idylle. Denn das Ohr gehört zu einem ermordeten Polen. Der illegal eingereiste Arbeiter schuftete auf der Baustelle eines berüchtigten Immobilienspekulanten. Die Polizei ermittelt, und plötzlich kämpfen alle gegeneinander: Vogelschützer, Anwälte, Migranten, Kleinkriminelle, Anteilseigner und Angler.

Der norwegische Autor Lars Lenth ist ein Meister des lockeren ironischen Tons. In „Schräge Vögel singen nicht“ (Limes) versammelt er eine Handvoll skurriler Typen, die in den Mordfall verwickelt sind. Die Ermittlungen führen auch drei ehemalige Schulkamerad*innen zusammen: Den kriminellen Hochstapler und Spekulanten Terje, den sympathischen Rechtsreferendar Leo und die attraktive Kommissarin Mariken. Außerdem treten auf: Die tollpatschigen Verbrecher Nils und Rino sowie der griesgrämige Angler, der den Fall unabsichtlich ins Rollen brachte.

Obwohl Lars Lenth die komödiantischen Seiten des Verbrechens hervorhebt, berichtet er parallel von kritischen gesellschaftspolitischen Entwicklungen: Die Ausbeutung osteuropäischer Arbeitskräfte, Betrug und Korruption bei großen Bauprojekten, die Umgehung von Umweltschutzgesetzen, die abgeschottete Welt der Reichen.

Ernsthaft und witzig, entspannt und spannend – Lenth kombiniert scheinbare Widersprüche und glänzt mit schwarzem Humor. Ein heiterer Krimi über Gier und Moral, und darüber, dass Norweger manchmal nicht ganz normal sind.

Von der Zerbrechlichkeit des Lebens

Ach, wären doch nur alle Ärzte so wie Rainer Jund. In seinem literarischen Debüt verbreitet der HNO-Mediziner weder Weißkittel-Heldengeschichten noch Notaufnahme-Abenteuer. Stattdessen erzählt er von Leid, Mitgefühl, Verletzbarkeit und Angst. Von der Zerbrechlichkeit des Lebens und der Nähe des Todes.

Vom Wunsch, zu helfen. Von der Ohnmacht, es nicht immer zu können.

„Tage in Weiß“ (Piper) ist ein schmales Buch mit reduzierten, realistischen Kurzgeschichten aus dem Alltag eines Arztes, poetisch verdichtet. Junds Alter Ego berichtet von seiner ersten Leichenobduktion, aggressiven Tumoren, tödlichen Gehirnblutungen, hochgradigen Verbrennungen. Er tut dies ohne Pathos, nachdenklich, ehrlich, menschlich. So wie Ferdinand von Schirach über die Justiz und Gerechtigkeit schreibt, spricht Rainer Jund über Krankheiten und Kliniken.

Existentielle Erfahrungen machen in seinem Werk alle: Patienten, Ärzte und Angehörige. Jund versucht, sich den einschneidenden Erlebnissen feinsinnig und empathisch zu nähern – im Gegensatz zu manchen Kollegen, denen Ego, Macht und Karriere wichtiger sind. Auch über diese Ärzte schreibt er. Und über eine Liebe, die sich im Krankenhaus entwickelt. Ein Buch, das zu Tränen rührt.

„All den Ärzten gewidmet, die in großen Anstrengungen und mit Leidenschaft bis zur Selbstvergessenheit für den Menschen arbeiten. All den Geduldigen, die kämpfen und hoffen. Wir sind alle Patienten.“

Ulrich Tukurs Zeitreise

Stellt Euch vor, Ihr findet in einem alten Fotoalbum Bilder von Euch selbst. Aber Ihr selbst könnt es nicht sein. Es muss eine andere Person sein, rund hundert Jahre vor Euch. Genau das passiert der Hauptfigur in Ulrich Tukurs neuem Roman „Der Ursprung der Welt“ (S.Fischer). Paul Goullet, der im Jahr 2033 in Deutschland lebt, findet in einem Fotoalbum in Paris Bilder, die ihn selbst zeigen. Ein Schock. Aber auch eine Chance.

Paul beschließt, seinem Alter Ego auf die Spur zu kommen. In Südfrankreich. Er reist mit dem Zug nach Perpignan, Port-Vendres und Banyuls. Immer wieder wird er von Polizisten und Militärs kontrolliert, denn Frankreich hat sich zu einem totalitären Überwachungsstaat entwickelt. Wer nicht gehorcht oder kein Visum hat, wird in Straf- oder Arbeitslager gebracht. Und, fast genauso beängstigend: Immer wieder reagieren andere Leute überrascht und schockiert, sobald sie Paul sehen, und er selbst findet sich in den Städten auf seiner Reise ganz leicht zurecht – obwohl er noch nie dort war.

Ulrich Tukur hat eine außergewöhnliche Dystopie geschrieben. Keinen aufgeregten Thriller, sondern eine besonnen und rätselhaft erzählte, spannende Geschichte. Die Zeiten darin scheinen zu verschwimmen; mal lebt Paul in 2033, mal in 1943.

„Das Leben ist ein Abgrund, dachte er, in dem jeder mit dem anderen zusammenhing,, ein unendlich fein verzweigtes, unterirdisches Geflecht, das die Erde seit Jahrtausenden durchzog und alles Böse und Gute, Tote und Lebendige miteinander verband.“

Paul driftet in Träume ab, er lebt als andere Person 1943 und wacht doch wieder 2033 auf. Dieser Mann ist eine faszinierende Figur: Eine, die sich den modernen Zeiten verweigert, kein Smartphone besitzt und die bereit ist, sich den Geheimnissen seiner Vorfahren zu stellen. Auf seiner Reise lernt er unter anderem eine 86-jährige ehemalige Chansonsängerin kennen, die Inhaberin einer Pension. Sie raucht Zigarillos, und sie scheint Paul gut zu kennen. Woher nur?

Ein Buch über Träume und Widerstand, über Heute und Gestern. Ein Buch gegen „die rapide Zerstörung unserer poetischen Spielgründe“, wie Tukur im Vorwort meint.

Was passiert, wenn wir keine gedruckten Bücher mehr lesen?

Klar, wir lesen noch. Sogar gedruckte Bücher. Aber wie lesen wir diese? Und was passiert in uns, wenn wir immer mehr an Bildschirmen lesen? Die US-Wissenschaftlerin Maryanne Wolf, Professorin für kindliche Entwicklung, Kognitions- und Literaturwissenschaftlerin, schaut genau hin. Sie forscht und lehrt über die Auswirkungen des Lesens aufs Gehirn, und sie schreibt darüber: In „Schnelles Lesen, langsames Lesen“ (Penguin) führt sie anregend, aufregend und ausgewogen in die Leseschaltkreise im Gehirn, erklärt die Macht unserer inneren Bilderwelt und beleuchtet die Aktivierung der Sprachnetzwerke. Wolf spricht ihre Leser*innen direkt an, schreibt ihnen neun Briefe, sprich: neun Kapitel.

„Lesen hat die Macht, das Leben eines Menschen tiefgreifend zu verändern“ schreibt Wolf. Sie feiert die menschliche Errungenschaft des lesenden Gehirns und erzeugt eine klare Vorstellung davon, was beim Lesen im Kopf passiert. Das Eintauchen ins ausformulierte Denken anderer Menschen ermögliche neue Sichtweisen, hinterfrage Vorurteile und schule unsere Fantasie. Allerdings: Wie steht es heute um diese Fähigkeiten? Der Wechsel von der alphabetisierten, druckbasierten Kultur zu einer viel schnelllebigeren digitalen Bildschirmkultur ist Realität.

Maryanne Wolf zitiert Studien, Schriftsteller und Philosophen, und sie kommt zu klaren Schlüssen: Das Bildschirmlesen verführe zum Querlesen, Überspringen und flüchtigen Lesen. Es ergebe einen anderen Bezug zu Themen, bleibe oberflächlich und verringere das Gefühl für den Verlauf und Ablauf von Geschichten. Für offene, demokratische Gesellschaften so wichtige Fähigkeiten wie das Erfassen, Analysieren, Durchdenken komplexer Zusammenhänge sowie Empathie drohten zu verkümmern: „Die Illusion, durch eine tägliche Flut an mundgerechten Informationshäppchen wirklich informiert zu werden, hat das Zeug dazu, die kritische Auseinandersetzung mit komplexen Wirklichkeiten zu korrumpieren.“

„Was wir verlieren, wenn wir keine gedruckten Bücher mehr lesen“, der Untertitel des Buches, ist Wolfs großes Thema. Sie verteufelt neue Medien keinesfalls, plädiert jedoch dafür, die alten Lesetechniken weiter zu lehren. Wolf will aufklären, und das gelingt ihr mit diesem sowohl kompetenten als auch persönlichen Buch hervorragend. Lohnende Lektüre für alle Leser und Nicht-Leser.

Im Podcast „Long Story Short“ haben wir übrigens auch vor kurzem über dieses Thema diskutiert. Mehr hier direkt in der Folge „Die Zukunft des Lesens“. 

Das Ultimatum

Staatskrise in Deutschland und Frankreich. Der Notstand wird ausgerufen. In Christian v. Ditfurths neuem Thriller „Ultimatum“ (C. Bertelsmann) erpresst eine unbekannte Organisation die Politik. „Erlassen Sie Italien, Spanien, Portugal und Griechenland alle Schulden“ fordern die Kidnapper. Ihre Druckmittel: Sie entführen den Mann der deutschen Kanzlerin und die Frau des französischen Präsidenten. Außerdem bringen sie ein Atomkraftwerk unter ihre Kontrolle und verlangen die Freilassung eines mächtigen inhaftierten Verbrechers. Die Berliner und Pariser Machtapparate sind in Schockstarre – niemand weiß, wer hinter den terroristischen Aktionen steht. Russland, China, Islamisten? Alle Spuren verlieren sich im Nichts.

Christian v. Ditfurth hat ein erschreckendes Szenario entworfen. Doch es ist nicht unrealistisch, vor allem, weil Ditfurth seinen packenden Plot mit zahlreichen Anspielungen auf reale Politiker spickt. Merkel, Seehofer, Altmeier und Maas, sie alle sind klar zu erkennen. Das gilt auch für Macron, Putin und Steve BannonChristian v. Ditfurth zeigt die Staatschefs, ihre Minister und Behörden, ihre Strippenzieher und Speichellecker. In all ihrer zur Schau gestellten Kompetenz und Macht, inmitten ihrer Hilflosigkeit, ihres armseligen Populismus.

Nur Eugen de Bodt, der Berliner Hauptkommissar, behält einen kühlen Kopf. Auch in seinem fünften Fall bleibt der intellektuelle Hardliner pragmatisch und denkt außerhalb der üblichen Muster. Doch die Kanzlerin vertraut auf de Bodts Fähigkeiten, und sie verschafft ihm den Freiraum, ohne Einschränkungen zu ermitteln.

Action mit Anspruch, so lautet Ditfurths Motto. Mit Stakkatosätzen jagt er seine Protagonisten blitzschnell durch Berlin und Paris, inszeniert Verfolgungsjagden, Schießereien, Explosionen und eine Massenpanik. Er macht Tempo, Tempo, Tempo. Das alles ist kein Selbstzweck. Sondern die effektivste und unterhaltsamste Art, einen klugen zeitgenössischen Polit-Thriller zu schreiben.

Ein Aussteiger und eine Ausreißerin

Sich durchschlagen. Improvisieren, überbrücken, es darauf ankommen lassen. Sich nur noch dem widmen, was unmittelbar da ist. Kurz: Das Leben auf die Reihe kriegen, wie auch immer.

Darum geht es in Terézia Moras neuem Roman „Auf dem Seil“ (Luchterhand). Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin vertraut zum dritten Mal auf Darius Kopp – der fiktive IT-Experte spielt nach „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“ wieder die Hauptrolle. Diesmal stattet ihn Mora mit einem ungewöhnlichen Sidekick aus: Kopps Nichte Lore, eine 17-jährige. Sie taucht überraschend auf Sizilien auf, wo Kopp die Asche seiner verstorbenen Frau verstreut hatte und nun als Pizzabäcker jobbt.

Der Onkel und die Nichte also. Ein Aussteiger und eine Ausreißerin. Terézia Mora hat ein umwerfendes, ungleiches Paar erfunden; zwei gestrandete Menschen, die sich auf der Vulkaninsel vor dem Leben verstecken. Der Spielraum ist eng: Kopp hat alle Ersparnisse und Versicherungen verloren. Lore hat mit ihrer Familie gebrochen, und wie sich bald herausstellt, ist sie schwanger.

„Der Mensch ist schief, so ist es“, schreibt Mora, und tatsächlich ist außer den gedruckten Sätzen kaum etwas in diesem Buch geradlinig. Kopp und Lore rutschen und stolpern durch ihr aus der Balance geratenes Leben. Terézia Moras Geschichte strotzt vor Virtuosität und Erzähllust, und ihr unverwechselbarer Stil bleibt so schief wie ihre Figuren, so unvorhersehbar und überraschend wie das Abenteuer, in das Kopp und Lore stürzen. Dennoch bewahrt sie sich eine erstaunliche Leichtigkeit und Lesbarkeit.

Der Onkel und die Nichte kommen schließlich wieder zurück nach Berlin. Auch dort bleibt ihnen nur ein Leben aus Notlösungen. Doch sie schlagen sich durch, es geht immer weiter – und vielleicht möchte Terézia Mora genau das zeigen: Es geht immer weiter. Ein versöhnlicher Gedanke, egal wie groß der Knick im Leben ist.

5 Tage, 5 Städte…

5 Tage, 5 Städte, 5 Buchabenteuer: Ja, es war schon etwas ganz Besonderes für Karla Paul und mich, mit unserer Literaturshow kreuz und quer durch Deutschland zu touren. Zum ersten Mal! Jeden Abend eine andere Hugendubel-Filiale, eine andere Bühne, ein anderes Publikum. Und dennoch: Jeden Abend Buch-Begeisterung. Es ist unglaublich schön, in aufmerksame, interessierte Gesichter zu blicken. Zu spüren, wie unsere Buchtipps aufgenommen werden.

Und, oft überraschend: Wie unterschiedlich von unseren Zuschauern abgestimmt wird. Denn Karlas und meine Lieblingsbücher treten gegeneinander an. Aus meiner Liste gewannen zum Beispiel meist Wolfgang Scheuers „Wienterbienen“ und Doris Dörries „Leben, Schreiben, Atmen“. Manchmal jedoch nicht. Ähnlich lief es mit Karlas Fabio Genovesi „Wo man im Meer nicht stehen kann“ oder Madeline Millers „Ich bin Circe“ – meist Sieger im direkten Duell, aber manchmal unterlegen. Genau das mögen wir: Jeder Abend hat seine eigene Dynamik.

Kiel, Hannover, Würzburg, Erfurt, Leipzig. Kurz Zeit für Sightseeing, dann schon wieder zum nächsten Auftritt, zur nächsten Bahn, ins nächste Hotel. Eine vollgepackte Woche.

Zwei Mal treten wir in diesem Jahr noch mit unserer Show auf: Am 27.9. in Köln bei der Crime Cologne und am 21.11. in Berlin beim Hugendubel in Steglitz.

Vielen Dank an alle engagierten Buchhändler*innen der Hugendubel Buchhandlungen, unsere Zuschauer sowie unsere Stargäste Angelika Svensson, Jan Christophersen, Angela Kirchner (oben im Foto links), Sebastian Hilpert (oben im Foto 2. v.l.) und Franka Bloom.

Auf Erden sind wir kurz grandios

Ocean Vuong ist 30 Jahre alt, und er schreibt wie ein Dichter. Er ist auch einer. Vielfach ausgezeichnet, nun wieder hochgelobt für seinen ersten Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ (Hanser). Vuong erzählt darin eine Variante seines eigenen Lebens: Geboren in Vietnam, im Alter von zwei Jahren mit der Familie in die USA ausgewandert. Seine Verwandten: traumatisiert vom Krieg. Er selbst: als Ausländer und Schwuler gemobbt und auf der Suche nach seiner Identität. Vuongs Alter Ego formuliert seinen Text als Brief an seine Mutter:

„Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, 165 cm groß, 50 Kilo schwer. Ich sehe von genau drei Seiten gut aus und ätzend von überall sonst. Ich schreibe dir aus einem Körper heraus, der einmal dir gehörte. Das heißt, ich schreibe als ein Sohn.“

In kurzen Kapiteln, verdichtet und poetisch, radikal und zärtlich, schonungslos und eindringlich, reflektiert der Außenseiter über die Schläge, die ihm seine Mutter verpasst hat. Über die fremde Sprache, die fremde Welt, in der seine Familie landete. Er versucht zu verstehen, wer seine Eltern waren, wer er selbst ist, woher er kommt, wohin er möchte. Große, nachdenkliche Wort-Kunst.

„Ich drückte mich gegen das Fenster und füllte meinen Blick mit der Außenwelt, malvenfarben mit frühmorgendlicher Dunkelheit“

Drei!

Orna, Emilia, Ella. Drei Frauen.

Die erste sucht Trost und Ablenkung. Die zweite sucht Verständnis und ein Zuhause. Die dritte sucht Bestätigung. Alle drei stoßen auf Gil, einen Rechtsanwalt. Gil will etwas ganz Bestimmtes von den Frauen; etwas, das sie nicht ahnen.

Mit „Drei“ (Diogenes) ist dem israelischen Autor Dror Mishani der bis jetzt beste Kriminalroman des Jahres geglückt. Eine Geschichte in drei Teilen, die man so noch nie gelesen hat. Mishani schreibt so präzise wie Ferdinand von Schirach, so psychologisch ausgefeilt wie Patricia Highsmith.

In „Drei“ handeln nur drei Sätze von körperlicher Gewalt. Trotzdem ist dieses Buch erschütternd, fesselnd und kaum auszuhalten. Ein Meisterwerk, über das ich nicht mehr verrate. Denn man muss es selbst erlesen und erlebt haben.