Warum ich meinen Beruf liebe?

Wegen Abenden wie diesen: Gestern hatte ich die Ehre, T.C. Boyles Lesung in der Münchner Muffathalle zu moderieren. Vor 800 Zuschauern. Nun ja… Lesung? Boyle sagt immer, dass er eine Show bieten möchte. Und das tat er auch. Der 70-jährige behauptete, sich wie 36 zu fühlen, erzählte jede Menge Anekdoten, bedankte sich beim Publikum für seine Treue und nahm sich trotz Erkältung & Erschöpfung (er ist seit zehn Tagen auf Deutschlandtour) noch anderthalb Stunden Zeit, um Bücher zu signieren.

Backstage ist er übrigens genauso wie on stage. Freundlich, humorvoll, lässig. Keine Star-Allüren, keine Wichtigtuerei. Zwischendurch, auf der Bühne, fragte er mich, ob er kürzere Antworten geben solle, einfach nur YES oder NO, damit ich ihn schneller übersetzen könne. Ein anderes Mal, nachdem ich ihn zu den LSD-Trips in „Das Licht“ (Hanser) und in seiner Hippie-Zeit befragt hatte, meinte er: „Günter, lass uns nicht mehr über Drogen reden. In meinem neuen Roman gibt es schließlich auch viel Sex. Das sollten die Zuschauer wissen – vor allem, weil heute Valentinstag ist.“ 

Es war ein großer Abend mit einem großen Schriftsteller. Ich schätze T.C. Boyle sehr, und er hat es verdient, zum ersten Mal in seiner langen Karriere auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste zu stehen. Ab morgen ist es soweit. Gratulation, Tom!

Cowboy vs. Model

Ein zugemüllter Pick-up rumpelt durch die kalifornische Provinz. Am Steuer: Charles, ein wortkarger Detektiv, fast ein Cowboy. Neben ihm: Phoebe, eine launische Journalistin, fast ein Model. Das explosive Paar aus Jonathan Lethems „Der wilde Detektiv“ (Tropen) sucht auf seinem Road-Trip eine vermisste junge Frau. Und es kommt sich selbst gefährlich nah, trotz aller Widersprüche.

„Ich sah uns als zwei Kontinente, aneinander angrenzend, aber innerlich einsam. Aber hey, trotz alledem war es nicht schlecht.“

Der vielfach ausgezeichnete Jonathan Lethem hat einen lässigen Roman im Stile Raymond Chandlers geschrieben, komplett aus Phoebes Perspektive. Ein Mix aus wildem Western und origineller Lovestory, kreativ formuliert, mit umwerfenden Metaphern:

„Das Wüstengestrüpp tüpfelte den staubigen, geschundenen Boden mit der Kraftlosigkeit von Achselhöhlengrün oder Teenagerschamhaaren.“

Unterwegs im Pick-up, versuchen Charles und Phoebe der aggressiven Donald-Trump-Stimmung zu entkommen. Tatsächlich treffen sie auf Gleichgesinnte: Freaks und Aussteiger, die sich vor der derzeitigen USA verstecken. In Tunnels, auf Bergen, in der Wüste. Ein lakonisch erzählter, präzise beobachteter Roman, so stimmungsvoll wie ein David-Lynch-Film.

Der alte Psychiater

„Jahre der Übung halfen mir, an den richtigen Stellen zu brummen, ohne tatsächlich zuzuhören.“

Ein alter Psychiater zählt die Tage bis zu seinem Ruhestand. Noch 5 Monate, 22 Wochen, 800 Gespräche. Dann ist Schluss, endlich. Und bis dahin tut er eben nur so, als höre er seinen Patienten zu. Eigentlich unverschämt, was sich die Hauptfigur in Anne Cathrine Bomanns kurzem Roman „Agathe“ (Hanser Blau) leistet. Doch man verzeiht dem alten Franzosen, der weder Freunde noch Verwandte hat. Der Psychiater hakt gedankenversunken und von Angst vor der Einsamkeit, dem Tod, seine Tage ab. Ohne Freude am Leben, ohne Anteilnahme an den Schicksalen seiner Patienten.

Bis eines Tages eine seltsame Deutsche auf seinem grünen Diwan sitzt. Die angeblich selbstmordgefährdete, herb wirkende Frau weckt langsam das Interesse des Psychiaters. Er hört ihr fasziniert zu, genießt den Duft ihres Parfums (nach Äpfeln mit Zimt, im Ofen gebacken, so wie es seine Mutter immer gebacken hat) und besucht sie zu Hause. Aus dieser freundschaftlichen Nähe entsteht Zuversicht, und die düsteren Gedanken verschwinden.

Anne Cathrine Bomann, selbst Psychologin, hat eine liebens- und lesenswerte Erzählung geschrieben. Voller Ruhe und mit feinem Gespür für menschliche Bedürfnisse.

Bei Böll in Irland

Vorsicht! Das ist ein Buch über philosophische Straßenschilder, Heinrich Böll, modernes Ruinentum, WLAN-freie Zonen und den Krieg gegen den Riesenrhabarber.

Was das bitteschön sein soll? Und wie das überhaupt zusammenpasst? Nun. Mit „Alle, die vor uns da waren“ (Piper) packt Birgit Vanderbeke ein kunterbuntes, schräges literarisches Paket für ihre Leser. Sie nimmt die Unerträglichkeit des modernen Lebens selbstironisch aufs Korn – „Roman“ steht auf dem Titel, doch das ist kein klassischer Roman, eher ein Mix aus amüsanten Anekdoten und skurrilen Gedankenspielen. Als roter Faden fungiert der Aufenthalt der Erzählerin (die B.V. sehr ähnelt) in Irland. Auf Achill Island, wo die Schriftstellerin und ihr Mann im ehemaligen Ferienhaus von Heinrich Böll wohnen. Ohne Telefon, ohne WLAN, ohne Auto, „eine erstaunliche Zwangserholung“.

„Jetzt waren wir aber in unserem Jahrhundert am Ende der Welt angekommen und vollständig aus dem Raum und der Zeit gefallen und in einer anderen Wirklichkeit angelangt. Wir merkten, dass wir die Wirklichkeit unseres Jahrhundert snicht kannten, weil sie aus dem Plasma der Bildschirme besteht.“

Vanderbeke – beziehungsweise ihr Alter Ego – beklagt das Verschwinden der Philosophie, der Weisheit, der Bücher, und sie kritisiert, dass die Menschen in teilnahmslose Apathie vor den Bildschirmen erstarren. Das Internet ist für sie „die Riesenkrake“, und die User sind gefangen „im Quallenkoma“. An Querdenker und Mahner wie Heinrich Böll und Fritz Bauer, so fürchtet sie, erinnert sich kaum noch jemand. Zu schnell vergeht die Zeit, rauscht das Wichtige vorbei.

Das wäre auf Dauer zu pessimistisch und pauschal, um es gerne zu lesen, doch Vanderbeke verpackt ihre Gesellschaftskritik in literarische Kleinkunst. Ihr zuckersüßer Zynismus ist einzigartig, und ihre Alltagsbeobachtungen von der abgeschiedenen irischen Insel sind köstlich. Zwischen Begegnungen mit stoischen Schafen und merkwürdigen Einheimischen packt sie noch ein bisschen persönliche Kindheitsaufarbeitung und Familienpsychologie, und schon ist er fertig, der oben genannte unvergleichliche Mix. 171 Seiten, an denen vielleicht sogar Böll seine Freude hätte.

T.C. Boyle sieht das Licht

„Die Implikation war: Man brauchte keine langwierige Psychotherapie. Man brauchte keine Bücher, keine Studien, keine Laborratten – man brauchte nur diese kleine rosarote Tablette. Es war wie Zauberei.“

LSD. Der erste Selbstversuch von Albert Hofmann. Die ersten Harvard-Experimente, die legendären Sessions, die umstrittenen Partys. T.C. Boyle schreibt in „Das Licht“ (Hanser) mitreißend über ein Thema, das er gut aus eigener Erfahrung kennt. Boyle nahm als 20-jähriger alles: Marihuana, Heroin, LSD. Mit 25 war er clean und wusste: Ich werde Schriftsteller. Ohne Drogen.

Seitdem hat Boyle oft über Sucht geschrieben. Aber schon lange nicht mehr so souverän und unterhaltsam. Er erzählt seine wahre Geschichte aus der Perspektive von Fitz Loney, einem wissenschaftlichen Assistenten, der in den eingeschworenen Kreis um Timothy Leary aufgenommen wird. Fitz und seine Frau nehmen an den LSD-Sessions in Harvard teil. Sie staunen über ihre Wahrnehmungen nach der Einnahme von LSD: „Unvermittelt erwachten alle Objekte im Raum zum Leben, als hätten sie ein Herz und würden von Blut durchströmt: Kommode, Bücherregal, Orientteppich, Schaukelstuhl, Sessel, das Seestück über dem Kamin – alles bebte, bewegte sich, warf Licht durch den Raum.“

Trip folgt auf Trip, und der Gebrauch von LSD wird zur Gewohnheit für Fitz und die Leary-Jünger. Mit bildhaften, atmosphärischen Szenen zeigt T.C. Boyle, wie sich das Bewusstsein der Teilnehmer verändert, nicht nur während der Experimente. Denn die Wissenschaftler verlieren den Kontakt zur Realität, ihre LSD-Tabletten werden gereicht als handele es sich um ein Sakrament. Boyle gelingt das Kunststück, einerseits ganz nah bei seinen Figuren zu sein, und andererseits ihr Handeln aus der Distanz zu beobachten. Erleuchtung und Verblendung, eng miteinander verknüpft, grandios und authentisch beschrieben.

Im Februar kommt T.C. Boyle nach Deutschland – ich freue mich schon auf die Moderation seiner Lesung in München.

Die Arabisierung der deutschen Sprache

„Dies Büchlein ist ernsthafter sprachwissenschaftlicher Schwachsinn.“

Stimmt genau, was Abbas Khider über sein neues Buch schreibt. In „Deutsch für alle“ (Hanser) skizziert der deutsch-irakische Autor die Grundlagen des von ihm erfundenen Neudeutsch. Einer Sprache, die einfacher und logischer ist als das uns bekannte Deutsch. Und wozu dieser höchst amüsant und intelligent umgesetzte Quatsch? Nun, zunächst einmal möchte Khider ganz egoistisch seine chronischen linguistischen deutschen Traumata überwinden. Darüber hinaus will er anderen Einwanderern den Einstieg ins Deutsche erleichtern und uns Altdeutsche dazu ermuntern, die eigene Sprache durch den Blick von außen neu zu betrachten.

Das alles gelingt Khider. Mit trockenem Humor schafft er Dativ und Genitiv ab, widersetzt sich der Autorität des Artikels und streicht die Deklination, die funktioniere „wie die Verhörbeamten in einer Diktatur.“ Auch dem deutschen Satzbau geht er an den Kragen: Das Verb steht im Neudeutsch immer nach dem Subjekt. Präpositionen werden reduziert, Verben sind untrennbar. Fertig ist sie, die vereinfachende Arabisierung der deutschen Sprache.

Ein origineller Sprachspaß mit zahlreichen Anekdoten aus Abbas Khibers Ankunft in Deutschland, seinem Studium und Rückblicken auf seine religiöse Phase als Jugendlicher. Zum Glück wollte er dann doch lieber Schriftsteller statt Imam werden: „Schöner zu schreiben als Allah, das war mein Plan.“ Ob ihm das mit seinem Neudeutsch-Lehrbüchlein gelingt? Eher nicht. Aber er verfasst ja auch Romane.

Berlin, 1942

Täter oder Opfer? Stella Goldschlag war beides. Die 1922 in Berlin geborene Jüdin erklärte sich 1943 bereit, mit den Nazis zusammenzuarbeiten. Zuvor hatte sie vergeblich versucht, aus einem Sammellager zu fliehen und wurde gefoltert. Um ihre Eltern vor der Deportation zu schützen, arbeitete sie für die Gestapo. Goldschlags Aufgabe bestand darin, das Vertrauen untergetauchter Juden zu gewinnen und sie später zu denunzieren.

Aus dieser wahren Geschichte hat Takis Würger mit „Stella“ (Hanser) einen kurzen, eindrucksvollen Roman gemacht. Der 33-jährige Autor erzählt seine Version aus der Perspektive eines jungen, wohlhabenden Schweizers. Friedrich kommt 1942 nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er auf das Aktmodell Kristin. In Jazzclubs, auf Partys und in Friedrichs Luxushotel kommen sich die beiden näher. Zwischen Bombenalarm, Nazipropaganda und Lebensmittelrationierungen zelebriert das junge Paar seine Liebe, als gäbe es keinen Krieg und keine Judenverfolgung. Doch Takis Würger streut stichwortartig und dokumentarisch Fakten und Ausschnitte aus Prozessakten in seinen Roman.

Eines Tages gesteht Kristin Friedrich, ihn belogen zu haben. Stella sei ihr richtiger Name, und sie sei Jüdin. Friedrich akzeptiert die große Lüge und den großen Verrat seiner Frau. In knappen, schnörkellosen Sätzen lässt Takis Würger seinen Ich-Erzähler auf das Jahr 1942 zurückblicken.: „Diese Frau trug so viele Rollen in sich, das Aktmodell, die Sängerin mit der dünnen Stimme, die Schönheit in meiner Badewanne, die Büßerin, die Lügnerin, das Opfer, die Täterin. Stella Goldschlag, die Greiferin, meine Frau.“ „Stella“ zeigt, wie nah Leichtigkeit und Schuld, Liebe und Verrat sein können. Ein kleiner, großer Roman.

Typisch Houellebecq!

Typisch Houellebecq. Diese unvergleichliche Mischung aus Gossenjargon und Hochliteratur.

„Schlampe“, „Schwuchtel“, „Schwänze“ – gepaart mit philosophischen Ausführungen über die fragwürdige menschliche Existenz. „Ein Stück Scheiße“, „Muschi“, „am Arsch“ – gepaart mit feinstem Lobgesang auf die Liebe und bitterbösem akademischem Abgesang auf das Abendland. All das bietet „Serotonin“ (DuMont), Michel Houellebecqs neuer Roman.

„Ich war nie etwas anderes gewesen als ein substanzloses Weichei“ sagt die Hauptfigur Florent-Claude Labrouste. Ein 46-jähriger Landwirtschaftsexperte, der Antidepressiva schluckt und die Schnauze voll hat vom Leben, von den Frauen, von Paris, von der EU, vom Neoliberalismus, von Behörden, von alten Nudisten, von sich selbst, vom globalen Freihandel, ach, von allem. „Meine Arbeit im Landwirtschaftsministerium widerte mich an, nebenbei bemerkt, genauso wie meine japanische Partnerin, ich machte eine schwere Zeit durch, manche bringen sich wegen weniger um.“

Mit Zynismus und Ironie lästert sich Florent-Claude Labrouste durch den Roman. Ein intellektueller Wutbürger, der überall negative Entwicklungen sieht, Ausbeutung und Kapitulation der Kleinbauern, Massentierhaltung, Missachtung der Probleme der Menschen. Ein Philosoph des Untergangs. Ein Mann ohne Illusionen oder Hoffnungen. Hinter seinem rotzig-gleichgültigen Ton steckt tiefste Einsamkeit, und Labrouste wirkt erschreckend klar in seiner Isolation. Sich selbst bescheinigt er „eine friedvolle, gefestigte Traurigkeit.“

Nur Sex könnte ihn noch retten. Doch den hat er schon lange nicht mehr. Also die Liebe? „Sie blieb das Einzige, an das man vielleicht noch glauben konnte“ – doch auch sie ist Labrouste abhanden gekommen. Sehnsüchtig erinnert er sich an Claire, Kate und Camille, und er weiß, dass er selbst schuld daran ist, dass er seine geliebten Frauen verloren hat.

Michel Houellebecq hat einen düsteren, pessimistischen Roman geschrieben. Viele Elemente dieses Buches kennen seine Leser bereits, es ist der typische Houellebecq-Ton, die typische Houellebecq-Hauptfigur. Und dennoch ist es auch ein sehr aktueller, wacher Roman. Eine unterhaltsame, spannende Provokation von höchster literarischer Qualität. Houellebecq eben.

 

Was dieser französische Roman mit einem Kuchen zu tun hat…

Die unauffälligen Kuchen in der Vitrine. Die nicht protzen mit Größe und Aussehen. Die mit inneren Werten überzeugen. Das sind die Romane von Jean-Philippe Blondel

Der französische Bestsellerautor schreibt kurze, knapp formulierte Romane in eher bodenständiger Prosa. Und doch berührt er seine Leser zutiefst, auch mit seinem aktuellen Werk, „Ein Winter in Paris“ (Deuticke).

Blondel erzählt von Victor, einem Gymnasiallehrer und Schriftsteller, der vor 30 Jahren die Provinz hinter sich ließ und an einem elitären Lycée studierte, obwohl er aus einfachen Verhältnissen stammte. Plötzlich sind die entschwundenen Erinnerungen an diese Zeit wieder da. An den Winter 1984. An den Selbstmord von Victors Kommilitone Mathieu, mit dem er ab und zu eine Zigarette rauchte. Dessen Tod änderte Victors Position als Außenseiter:

„Ich wurde zu einer Vertrauensperson, einem Geheimnisträger, dem zukünftigen Schriftsteller von Romanen, die im Paris der achtziger Jahre spielen. Ich war begehrt. Und das überraschte mich immer wieder.“

Der Freund des Opfers, das ist die Rolle, die Victor fortan einnimmt. Eine Rolle, die ihm hilft, seinen Platz in der Welt zu finden. Sein Leben zu beginnen. Das wird Victor, inzwischen 49 Jahre alt, im Rückblick klar. Jean-Philippe Blondel hat eine empathische, leise Geschichte über Freundschaft geschrieben. Er hat einen Kuchen gebacken, der vielleicht nicht besonders beeindruckend aussehen mag, jedoch schon bald einen intensiven, wunderbaren Geschmack entwickelt. Aufgrund der hochwertigen Inhaltsstoffe.

 

 

Lärm in São Paulo

„Wir sind nicht nur, was wir essen, vermute ich seit langem. Wir sind auch, was wir hören.“

Es gibt bessere Viertel in São Paulo, aber auch schlechtere. Ein Biologielehrer hat sich mit seiner winzigen Wohnung in hässlicher Umgebung abgefunden – bis ihn der Lärm eines Nachbarn zur Weißglut treibt. In ihrem neuen Roman „Der Nachbar“ (Tropen) erzählt die brasilianische Autorin Patrícia Melo vom Terror der Geräusche von oben. Vom Terror im Stockwerk drüber, der aus einem friedlichen Menschen einen hasserfüllten Mann macht, der zu fast allem fähig ist. Ein bitterböses Lehrstück.

Der Biologielehrer, genervt vom Klappern, Poltern, Dröhnen, Klongen und Knacken, lässt sich auf einen Kleinkrieg mit seinem Nachbarn ein. Sie zerkratzen gegenseitig ihre Autos und zeigen offen ihre Abneigung. Der Konflikt eskaliert in der Wohnung des Nachbarn, als es zu einem Gerangel kommt, in dem der Biologielehrer dem Lärmmacher ins Bein schießt und dieser zu Boden fällt, wobei er so schwer stürzt, dass er stirbt. Der Lehrer ist geschockt. Er weiß, dass ihm niemand glauben würde – also zersägt er die Leiche und vergräbt sie im Wald.

Doch er wird ertappt und angeklagt. Zudem verlässt ihn seine Frau für einen anderen Mann. Wird es der Anwalt des Biologielehrers schaffen, ihn wegen einer Dysfunktion des Gehirns freizubekommen? Patrícia Melo schreibt lakonisch aus Sicht des unfreiwilligen Täters, sie redet nicht drumherum und erschafft so ein rohes, fesselndes Protokoll. Eine kriminell gute Parabel auf Stille und Nachbarschaft, auf Schuld und Verbrechen. Und nebenbei ein authentischer Einblick ins Alltagsleben São Paulos.