Ein Nobelpreisträger, der von Verständnis und Menschlichkeit erzählt

Als Abdulrazak Gurnah im vergangenen Jahr den Nobelpreis bekam, hieß es in der Jurybegründung: „Für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Flüchtlingsschicksals in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten.“ Wie treffend diese Begründung war, zeigt sich auch in Abdulrazak Gurnahs aktuell ins Deutsche übertragenem Roman „Ferne Gestade“ (Penguin, übersetzt von Thomas Brückner). In diesem Werk steckt die ganze Welt. Oder zumindest stecken Afrika und Europa darin, und erzählt wird von Flucht und Integration, von Kolonialismus und Geschichte, von Schuld und Vergebung, von trügerischen Erinnerungen und absichtlichem Vergessen.

Klingt vielleicht nach zu viel, zu schwer, zu komplex. Aber so ist es nicht. Abdulrazak Gurnah hat die seltene Gabe, sehr menschlich und verständlich zu erzählen. Etwas Weiches, Warmes, umgibt seine Sätze, und man spürt, es geht ihm um Verständnis, um Ausgewogenheit. Und so entrollt er meisterhaft seine Geschichte von zwei älteren Männern, die auf Sansibar aufgewachsen sind und nach 30 Jahren erstmals wieder aufeinandertreffen. In England, wohin die beiden Muslime unter falschen Namen geflüchtet sind.

Das, was die Männer verbindet, ist äußerst schmerzhaft: eine schwere Familienfehde, die aus Täuschung, Hass, Lügen und Vertreibung besteht. Die Erbstreitigkeiten, in die sie verwickelt sind, machen sie zu Feinden – und dennoch hören sie sich jetzt im Exil erstmals zu, sie brechen ihr Schweigen, vergleichen ihre Erinnerungen und lernen die Geschichte ihres Schicksals neu.

Abdulrazak Gurnah erzählt sanft, aber mit großer Spannung davon, wie zwei Menschen endlich eine gemeinsame Version ihrer Vergangenheit finden. So entsteht etwas sehr Versöhnliches und Verbindendes, das jedoch überschattet wird von den bewegenden Lebensgeschichten der zwei Afrikaner, von Flucht und Gefängnis, Verrat und Täuschung. Ein Roman, der zeigt, dass die Menschlichkeit siegen kann.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Minimalismus versus Vergnügungswahn

„Sein Kapital wuchs nicht durch Addition, sondern Substraktion. Sein einsamartiger Reichtum bestand darin, dass er weder Mammon noch Menschen, Zuneigung, Anerkennung, Trost oder Liebe brauchte.“

„Wir alle sind Widerlinge“ von Santiago Lorenzo (Heyne Hardcore, übersetzt von Karolin Viseneber & Daniel Müller) ist ein spezieller Roman, bei dem ich viel gestaunt und geschmunzelt habe. Eine ironische Parabel auf das Glück der Einsamkeit und den Irrsinn des modernen Freizeitlebens.

Zum Plot: Manuel flüchtet aus Madrid, denn er hat in Notwehr einen Polizisten verletzt und fürchtet, ins Gefängnis zu kommen. In einem verlassenen Dorf taucht er unter und findet dort seinen Seelenfrieden. Er versorgt sich selbst, baut ein heruntergekommenes Häuschen wieder auf, und beschäftigt sich sonst nur noch mit Nichtigkeiten. Manuel schläft lange, geht ohne Ziel spazieren, stopft ein Loch in seiner Hose, und spürt mit jeder Woche, mit jedem Monat, wie glücklich ihn das Alleinsein macht. Er genießt die Verkargung, wie er seinen Rückzug nennt.

Doch dann beziehen Leute aus der Stadt das Haus nebenan. Sie feiern und lärmen, glotzen laut Trash-TV und hören dummes Hitparadengedudel. Und natürlich bimmeln ständig ihre Handys. Manuels Ruhe und Selbstversunkenheit ist dahin, und so beschließt er, sich zu rächen, seine Freiheit zu verteidigen.

Für mich ist das ein modernes Märchen über die Absurdität und Lächerlichkeit des modernen Freizeitlebens, des laut seins und permanent beschäftigt seins, statt inne zu halten und die Klappe zu halten. Eine grandiose, mit trockenem Humor erzählte Geschichte über den Kampf Minimalismus gegen Vergnügungswahn, Achtsamkeit gegen Freizeitterror.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

22 Lieblingsbücher für unser Publikum

Bücherfrühling live! Ja, so sah das aus vor ein paar Tagen, als ich nach sechs Stunden Bahnfahrt im Ruhrgebiet ausstieg und im Literaturhaus Herne/Ruhr tatsächlich ein Saal voller literaturbegeisterter Zuschauer*innen auf Verena Geiger und mich wartete. Gemeinsam präsentierten wir unsere aktuellen 22 Lieblingsbücher, darunter Lucy Fricke, Julia May Jonas, Abdulrazak Gurnah, Kristine Bilkau, Tash Aw, Sibylle Berg, Laurent Petitmangin, Verena Rossbacher und Joachim B. Schmidt .

Hach, es hätte noch ewig weitergehen können! Nach knapp zwei Stunden kaufte unser tolles Publikum den Büchertisch fast leer und wir diskutierten noch lange über unsere Branche und die wichtigsten Neuerscheinungen. Vielen lieben Dank an das großartige Literaturhaus-Team und meine wunderbare Bühnenpartnerin Verena, die auch sonst im Literaturhaus moderiert und fürs Programm verantwortlich ist. Nach dem Erfolg des Abends steht fest: Es wird eine Neuauflage geben…

(Fotos: Claudia Korbik)

Eine Revolution muss her!

„Wir bedeuten nichts, wir zählen nicht, wir haben unsere Welt verloren. Darum kämpfen wir jetzt.“

Da ist sie endlich wieder, die Göttin der modernen Dystopie. Sibylle Berg. Ihr neuer radikaler Roman „RCE“ (Kiepenheuer & Witsch) tut weh, rüttelt auf, packt den ganzen Irrsinn unserer Welt auf knapp 700 Seiten. Ein Meisterwerk. Über die Revolution, die längst fällig ist.

Sibylle Berg zeigt, wohin es führt, wenn wir so weitermachen mit noch mehr Konsum und Kapitalkonzentration, „dem Einpeitschen des Wettbewerbs in Kinderhirne“, wenn wir als Vorbilder „Konzernchefs, Milliardäre, Macher, mutige Männer“ feiern, von denen wir radikalisiert und ermuntert werden, noch kapitalistischer zu handeln. Im RCE-Szenario glaubt keiner mehr an irgendetwas, außer an Geld. Während die Masse der Menschen ums Überleben kämpft, desillusioniert und hoffnungslos, bereichert sich eine Minderheit dreister denn je.

Doch Moment. Stop. Eine Gruppe von jungen europäischen Hackern kämpft gegen den neoliberalen Wahnsinn. Maggy, Ben, Kemal, Pavel, Rachel und Don planen den Sturz des Systems. Sie wollen die Apathie der Massen in Wut verwandeln, und dazu starten sie eine PR-Kampagne gegen Lobbyismus, Bestechung, Korruption und die fatale Verknüpfung von Industrie, Kapital und Politik.

Präzise, messerscharf, böse, schonungslos und mit dem ihr eigenen dunkeln Ironie. So schreibt Sibylle Berg, während sie ihren Plot vorantreibt, nah an ihre Held*innen heranzoomt und diese durch ganz Europa jagt. Ein komplexer Roman mit der Faktendichte von drei Sachbüchern und mit 20 Schauplätzen. Kühn konstruiert, mit rasanten Schnitten und in einer speziellen, Poetry Slam ähnlichen Diktion verfasst – kurz: Kunst. Wer diese 700 Seiten Politik-Gewitter durchhält, spürt wie nah wir Sibylle Bergs Dystopie schon sind, wie dringend wir für eine andere, humanere, sozialere Welt kämpfen sollten.

„RCE“ ist übrigens nach „GRM“ Teil 2 einer Trilogie. Ich stelle das Buch am Samstag, 14.5., in meiner Literatursendung bei egoFM vor – ihr hört die Show ab Montag hier im Stream.

Beste Freundinnen, 23 Jahre getrennt

Eigentlich hätte das Leben doch so aufregend, so anders sein können. So hat es sich zumindest damals zur Schulzeit angefühlt, als Ines und Kirsten sich vorgenommen haben etwas Großes, Fantastisches zu erleben. Doch jetzt, 23 Jahre später, ist davon nichts geblieben. Ines und Kirsten haben sich aus den Augen verloren, und sie erkennen beide, wie der Verlust der besten Freundin das ganze Leben geprägt hat.

Im ersten Teil ihres Romans „Nachtwanderung“ (Wunderraum) erzählt Cornelia Achenbach schonungslos von Ines, die als berufstätige Mutter erschöpft und überfordert ist. Ihr Leben kommt ihr spießig, vorhersehbar und langweilig vor. Ines stellt sich vor, dass Kirsten ganz anders lebt, denn sie war früher selbstbewusst und stark, schnell und einfallsreich. Doch im zweiten Teil des Romans wird klar, dass auch Kirstens Leben eine verhängnisvolle Entwicklung genommen hat. Fast so krass wie das Ende von Kurt Cobain, den die beiden in ihrer schwermütigen Jugend ständig zu Bier und Zigaretten gehört haben.

Im dritten Teil spitzt Cornelia Achenbach ihre intensive, kurze Story zu – die beiden Frauen begegnen sich auf einem Klassentreffen zum ersten Mal wieder, und all die Erinnerungen und Enttäuschungen krachen in diesen Moment. Ein starker, unverstellter Roman über Freundschaft, Lüge und Verrat. Über beste Freundinnen, dramatische Lebenslinien und psychische Gewalt.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Der alleinerziehende Lothringer

Alleinerziehende Väter spielen in der Literatur selten eine Hauptrolle – kein Wunder, sind sie doch auch in der Realität eine Ausnahme. Ihre Probleme ähneln jenen der Mütter allerdings stark, wie dieser kurze Roman von Laurent Petitmangin zeigt. In „Was es braucht in der Nacht“ (dtv, übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller) eine Hauptfigur, einen Monteur aus Lothringen, der seit dem Krebstod seiner Frau komplett überfordert ist.

Seine Söhne Fus und Gillou machen ihm zwar zunächst keine Sorgen; er bringt sie zum Fußball und in den Ferien zum Zelten, kocht und lernt mit ihnen. Doch seitdem Fus 20 Jahre alt ist, hängt er mit einer rechtsextremen Clique ab. Sein Vater, ein Sozialist, ist schockiert. Fortan wird die Kluft zwischen den beiden immer größer – sie schweigen sich erbittert an und gehen sich aus dem Weg. Nur der Fußball bleibt neutrales Terrain und sorgt für ein paar Stunden für eine Verbindung.

Der verunsicherte Vater kämpft mit Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schuldgefühlen, während Fus mit seinen Kumpels Flugblätter für den Front National verteilt und schließlich in eine tödliche Schlägerei gerät, für die er sich vor Gericht verantworten muss.

Laurent Petitmangin erfasst in wenigen Worten das Drama einer Familie, einer Region, eines Landes. Seine Tragödie spiegelt die Spaltung der Gesellschaft abseits der Großstädte, und sie porträtiert Menschen, die sich fragen, wer denn nun auf der Seite der Arbeiter steht? Die Sozialisten oder der Front National? Auf nur 160 Seiten erzählt Petitmangin von den privaten Problemen eines alleinerziehenden Mannes, hinter denen das ganze politische Dilemma Frankreichs steht: Strukturwandel, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Armut. Ein großer kleiner Roman, knapp, ehrlich, bodenständig.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Casablanca, 1994

Die Sonne von Casablanca bringt einem zum Schmelzen, heißt es gleich auf der ersten Seite von Abigail Assors „So reich wie der König“ (Insel, übersetzt von Nicola Denis), und mich hat dieser Roman zum Schmelzen gebracht. Er erzählt die funkelnde Geschichte einer 16jährigen Französin aus einem Armenviertel, die nur eines will: Den sozialen Aufstieg. Einen reichen Mann, ein Leben im Luxus, in den Villenvierteln auf den Hügeln.

Für dieses Ziel ist Sarah bereit alles zu opfern, ihre Würde, ihren Körper. Sie weiß, wie sie mit ihren Augen all ihren Charme und ihre Schönheit versprühen kann, und sie weiß, wie sie ihre Armut verbregen kann. Nach einem raffinierten Plan verführt sie schließlich Driss, den reichsten der jungen marokkanischen Männer. Wird es ihr gelingen ihn zu heiraten? Beim Lesen bangt und fiebert man mit dem Mädchen, das keine Grenzen zu kennen scheint und der das Risiko ihres Spiels lange nicht bewusst ist.

Die Geschichte vom sozialen Aufstieg erzählt die Assor in eleganter, warmer, weicher Prosa, obwohl sie harte Themen behandelt: Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Gewalt und Ausbeutung. Hinter der perfekten literarischen Form lauert die bittere Realität, und Sarah, die 16jährige, merkt, dass sich Driss mit Geld alles kaufen kann was ihr bisher verborgen blieb, einfach so, weil er in eine wohlhabende muslimische Familie geboren wurde.

Also: Ein glitzernder vielschichtiger Casablanca-Roman, der 1994 spielt und dem man anmerkt, dass die Autorin selbst dort aufgewachsen ist. Abigail Assor fängt die Schönheit und die Brutalität der Stadt gekonnt ein und navigiert stilsicher durch alle Wohnviertel und Gesellschaftsschichten. Die 32jährige lebt schon lange in Paris, und ihr Debüt war für den Prix Goncourt de Premier nominiert.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Nebenan

In einem kleinen Ort am Nord-Ostsee-Kanal spielt dieser vielschichtige Roman von Kristine Bilkau: „Nebenan“ (Luchterhand). Zum Inhalt: Julia und Chris wollen hier neu anfangen – Julia mit einem Kind und einem Keramikladen, Chris als Biologe mit Studien zur Verschmutzung des Wassers.

Doch das sehnlichst gewünschte Kind kommt einfach nicht, obwohl Julia wirklich alles versucht. Und nebenan, im Haus der Nachbarn, ist plötzlich niemand mehr. Keine Spur von der Familie, die dort wohnte. Und so kreisen Julias Gedanken um die verschwundenen Nachbarn, um ihre Fruchtbarkeit, um das Dorf, das immer verlassener wirkt. Was geschieht nur mit ihr selbst, mit ihren Träumen, mit der Welt?

Auch Astrid, eine 60-jährige Ärztin, macht sich Sorgen. Sie lebt fast ihr ganzes Leben im Dorf und führt eine Praxis in der nahen Kreisstadt. Doch in letzter Zeit beunruhigt sie, dass ihre Tante verwirrten Eindruck macht und dass sie selbst anonyme Briefe mit Beleidigungen bekommt. Was passiert mit ihr, den Menschen, dem Dorfleben?

Kristine Bilkau schreibt in weichen, formschönen Wellen, sie erzählt gleichzeitig beruhigend und beunruhigend, und sie findet einen eigenen sanften Ton, einer Stimme der man vertraut, und es scheint als ob sie über den Häusern schwebt, hinein schaut in die Zimmer und Herzen ihrer Bewohner*innen. Bilkau interessiert sich für Veränderungen, für Stimmungen, und wenn alle Soziologinnen so schreiben könnten wie sie, würden wir wohl auch in ihren Studien so tief versinken wie in diesem Buch.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Brisante Obsession

„Eine wachsende Aufregung und Wildheit kroch durch mein Nervensystem, ein Kribbeln der Bewusstheit, die in den Knochen saß und nach außen strahlte.“

Alles was Frauen und Männer heute beschäftigt, taucht in diesem pulsierenden Roman auf: Liebe, Sex, Machtmissbrauch, Generationen- und Geschlechterkonflikte, das Älterwerden und die Fixierung aufs Äußerliche. Ja, Julia May Jonas ist mit „Vladimir“ (Blessing, übersetzt von Eva Bonné) ein großer Wurf gelungen.

Die Ich-Erzählerin, eine Literaturprofessorin an einem kleinen US-College, berichtet schonungslos, selbstironisch, und unverschämt offen von ihren Gefühlen. Sie ist Ende fünfzig, seit dreißig Jahren mit John verheiratet, der am selben College unterrichtet, und mit dem sie eine offene Beziehung führt – doch John übertreibt es, er vögelt herum und wird schließlich von einer Studentin wegen Machtmissbrauchs angezeigt. Muss seine Frau sich für ihren Mann rechtfertigen oder kann sie unabhängig bleiben, ihn mit seinem Problem allein lassen? Die Professorin ist hin- und hergerissen, mal zieht sich zurück, dann geht sie in die Offensive.

Besonders brisant wird die Situation, als die Professorin eine Obsession für Vladimir entwickelt, einen deutlich jüngeren Kollegen. Immer wenn Vladimir in ihrer Nähe ist, knistert und prickelt es, und sie malt sich aus wie es wäre ein paar Tage mit ihm allein zu sein – was tatsächlich passiert, und woraufhin alles eskaliert, aber ganz anders als erwartet.

Julia May Jonas hat mich mit ihrem klugen, witzigen Stil und ihrer packenden, dramaturgisch perfekt umgesetzten Geschichte begeistert. Sie behandelt elementare Fragen des Zusammenlebens und der Begierde mit starken Metaphern und einem differenzierten, überraschenden Blick. Das Hörbuch (Hörverlag) liest kongenial Schauspielerin Martina Gedeck.

Neuer Kinderbuch-Klassiker

Die schönsten, kreativsten, besten Kinderbücher: Ab heute ist eine neue Folge unseres Podcasts LONG STORY SHORT online, in der Karla Paul und ich sechs neue Titel für Kleine und Große vorstellen. Darunter „Minna Melone / Wundersame Geschichten aus dem Wahrlichwald“ (cbj) von Sven Gerhardt, zurzeit mein Favorit – ein Buch für Kinder ab 6, das mich verzaubert hat.

Zum Inhalt: Zara das Eichhörnchen kann es kaum glauben: Eines Tages kommt eine coole weiße Wanderratte in den Wald, sie ist elegant gekleidet, und sie baut auf einer Lichtung eine Bühne auf. Mit rotem Vorhang und allem was sonst noch dazugehört. Minna Melone heißt die Ratte, und sie verspricht Zara, dass sie ab sofort »Jeden Abend Abenteuer!« auf der Bühne erzählen wird.

Und tatsächlich: Immer abends kommt Minna Melone hinter dem Vorhang hervor und berichtet von den Abenteuern ihres Lebens. Wie sie von zuhause weggegangen ist, mit der Piratin Barbara Rossa den Schatz von Rattlantis gefunden hat, wie sie übers Meer nach Amerika gefahren ist, mit einem Seeungeheuer gekämpft und mit einem Paradiesvogel Saxofon gespielt hat.

Eichhörnchen Zara ist begeistert, und mit jedem Abend erscheinen mehr Tiere zu den Vorstellungen. Sie sitzen auf Baumstämmen und lauschen gebannt den Abenteuern, die Minna erzählt – so etwas gab es hier noch nie. Einigen Tieren geht das allerdings zu weit, sie befüchrchten, dass die Tiere von der Arbeit abgelenkt werden und sie behaupten, dass Minna nur Lügen verbreitet und dass man Ratten sowieso nicht trauen kann. Doch die mutige, tolle Minna setzt sich letztlich durch.

Sven Gerhardt hat eine zauberhafte Geschichte erfunden, über die Magie von Fantasie, über die Tradition des Erzählens und den Reiz des Anderen, Fremden. Minna Melone könnte zum Klassiker werden – ein Buch, das Spaß macht, Mut macht und zu Freudentränen rührt. Mit sagenhaft schönen Illustrationen von Mareike Ammersken.

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