Neuerscheinung · Rezension · Romane

Zwei in der Provenece

„Sie streckte ihren Arm aus und berührte mich an der Schulter, ließ ihre Hand dort liegen, und ich spürte sie nicht, spürte sie doch, wollte sie aber nicht spüren, wollte nicht, dass diese Frau sich einmischte, auf mich herabsah, sich anmaßte, mich zu trösten oder zu bemitleiden.“

Andreas Vollmann lebt zurückgezogen in einem Haus in der Provence. Er trauert um seine geliebte Schwester Nina. Und er kann es kaum glauben: Eines Tages steht eine junge Frau vor ihm und behauptet, Ninas Tochter zu sein. Von nun an leben die beiden unter einem Dach, lernen sich und die verstorbene Nina neu kennen, und stellen fest, dass die Wärme und die Stimme eines anderen Menschen zum Glücklichsein ausreichen.

Das ist – stark vereinfacht – der Inhalt von Thommie Bayers neuem Roman „Das innere Ausland“ (Piper). Klingt ein bisschen wie der Plot eines kitschigen Nicholas-Sparks-Buches. Doch Bayer erzählt diese Geschichte einer behutsamen Annäherung zwischen Onkel und Nichte in einem zurückhaltenden, angenehmen Ton, der keine Klischees zulässt. Wenn Andreas und Malin (so heißt seine Nichte) durch Olivenhaine oder über Felder spazieren, wenn sie am Kaminfeuer sitzen und über Nina sprechen, dann wird einem auch beim Lesen warm ums Herz. Und wenn die beiden sich nachts auf eine Bank unter einer Platane neben einem Dorfbrunnen legen, dann schläft man neben ihnen beruhigt ein. Oder man tut dies daheim, nach der Lektüre. Ein berührender, wunderbar unaufgeregter Roman .

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Fürsorgliche Ausbeutung

„Wie, du kennst wirklich deine Bioeltern?“ In der Welt, die Julia von Lucadou in ihrem brillanten Roman „Die Hochhausspringerin“ (Hanser) entwirft, haben echte Eltern und ihre Kinder nichts miteinander zu tun. Wer sich nach Trost, Nähe und Zuspruch sehnt, wählt in der App eines Parentbots die Mutteroption – und spricht mit einer einfühlsamen Stimme, die perfekt eine Wunschmama imitiert. Dass es sich um eine Maschine handelt, vergessen die User meist nach wenigen Minuten. Die moderne Metropole, in der sie leben, verspricht auch jenseits von „Bioeltern“ Glück: durch permanente Selbstoptimierung, vielversprechende Karriereoptionen und einen privilegierten Status.

Die Menschen haben sich voneinander entfremdet. Stattdessen sorgt Technik für ein Gefühl von Geborgenheit und Liebe, wie im Film „Her“ mit Joaquin Phoenix. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist in Lucadous Vision so weit (aber realistisch) fortgeschritten, dass totale Transparenz und Überwachung ganz alltäglich sind. Alles, was man tut oder sagt, wird irgendwo registriert. Im Mittelpunkt der intensiven, atmosphärisch dichten Geschichte steht Riva, eine professionelle Hochhausspringerin. Riva ist ein Star mit Millionen Fans. Und ein Musterbeispiel für eine Frau, die es aus den vernachlässigten „Peripherien“ in die Stadt und nach ganz oben geschafft hat.

Doch plötzlich mag Riva nicht mehr. Sie stoppt ihr Training, ihre Auftritte, ihre PR-Verpflichtungen. Ihr Arbeitgeber, die Akademie für Highrise Diving, engagiert die Therapeutin Hitomi, um die Ursachen für Rivas Krise herauszufinden. Außerdem soll Hitomi so schnell wie möglich dafür sorgen, dass Riva wieder springt. Doch die Spitzensportlerin weigert sich beharrlich, sie klinkt sich völlig aus, wirkt depressiv. Ein Skandal in einer Welt, in der die Selbstoptimierung und der ständige Wille zum Erfolg wie Gesetze wirken.

Julia von Lucadou erzählt mitreißend und elegant vom Wahn, gezielt Glück, Gesundheit und Erfolg herbeiführen zu können. Sie skizziert ein System, das seine Bürger unter permanenten Druck setzt, und dabei ständig behauptet, doch nur das Beste zu wollen. Hinter dem schönen Schein, den blankgeputzten Glasfassaden und den lächelnden Gesichtern der Stadtbewohner lauern Einsamkeit, Angst, Anspannung und Depression. Grund ist ein erschreckend plausibles Prinzip der fürsorglichen Ausbeutung, nicht weit entfernt von der Welt, in der wir schon jetzt leben.

Buchbranche · Lesungen · Moderation

Unsere neue Literaturshow – live in Hamburg und Köln

Literatur live, geht das bitteschön auch mal anders? Unterhaltsam, ohne flach zu sein? Kompetent, ohne abgehoben zu wirken? Abwechslungsreich, ohne oberflächlich rüberzukommen?

Na klar. Das geht. Deutschlands erfolgreichste Literaturbloggerin Karla Paul und ich haben ein Konzept geschrieben, es Literaturfestivals angeboten – und stehen bald in Hamburg und Köln auf der Bühne. Mit unserer eigenen Literaturshow. Mit prominenten Gästen wie Melanie Raabe & Linus Genschke (Köln) sowie Anne Siegel & Till Raether (Hamburg). Mit einem spannenden, witzigen Wettbewerb um die besten neuen Bücher. Mit einem Literaturabend, den es so noch nicht gab. Denn wir glauben, dass das Publikum nicht nur klassische Lesungen mag, sondern offen für Neues ist – genau das braucht die Literatur, um zu überleben.

Karla und ich werden live diskutieren, lachen und schwärmen. Mit unserem Publikum das Wunder des Lesens erkunden, hinter die Kulissen der Buchbranche blicken, Überraschungen liefern und von unseren Jobs erzählen. Wir freuen uns, wenn auch Ihr mit dabei seid! Noch gibt es Tickets

Die Termine: 19. September beim Harbourfront Literaturfestival Hamburg / 2. Oktober bei der Crime Cologne in Köln

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Im finnischen Lappland

„Einen Sommer. Einen solchen Sommer und noch ein halbes Jahr, das hatten wir, und das soll jetzt für ein ganzes Leben reichen?“

Als Viljami aus dem Krieg zurückkommt, ist Lempi, seine Frau, verschwunden. Die Finnin Minna Rytisalo erzählt in ihrem 200-Seiten-Debüt „Lempi, das heißt Liebe“ (Hanser) eine dramatische, leise Geschichte von Verlust und Schmerz. Aber auch von Hass und Lüge. Denn im Verlauf des Romans stellt sich heraus, dass es mehrere Versionen der großen tragischen Liebesgeschichte gibt.

Aus drei Perspektiven berichtet Minna Rytisalo vom jungen Bauernsohn Viljami, der sich in Lempi, die Tochter eines Ladenbesitzers in Lappland, verliebt. Viljami trauert um seine Frau und ihr gemeinsames Glück – die erste Erzählebene. In der zweiten entwirft Elli, die Magd am Hof des Ehepaares, ein differenzierteres Bild. Elli hasste Lempi, denn sie wäre gern selbst Viljamis Frau gewesen. Schließlich nimmt sie Lempis Platz ein, als diese nicht mehr nach Hause kommt. Im dritten Teil setzt Lempis Schwester Sisko die Differenzierung fort: Lempi war wohl doch nicht die Heilige, als die sie ihr Mann in Erinnerung behält. Die Fassade der uneingeschränkten Liebe bröckelt, und als Leser reist man gebannt durch drei Versionen der Wahrheit.

Eine vielschichtige, ruhige Erzählung vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs im finnischen Lappland.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Gute Nacht, Deutschland

Dunkel ist es. Düster. Unheimlich. Bedrohlich. Das Deutschland, das Max Annas in seinem neuen Roman „Finsterwalde“ (Rowohlt) beschreibt, ist, ja, finster.

Die Handlung spielt in naher Zukunft. Es regiert eine nationalistische Partei, die alle Bürger ohne deutsche Wurzeln abschiebt oder zunächst auf unbestimmte Zeitkaserniert.. Polizisten, Soldaten und Bürgerwehren machen in aller Öffentlichkeit Jagd auf Fremde – Annas schildert Szenen, die an die Verfolgung der Juden zur Nazizeit erinnern. Die Polizei, so heißt es an einer Stelle, habe „die Lizenz zum Demütigen“.

Im Osten des Landes werden Städte geräumt. Einige der verlassenen Orte dienen als Lagerstätten für unerwünschte Bürger. In Finsterwalde harren tausende Menschen dunkler Hautfarbe aus. Max Annas hat ein erschreckend gutes Gespür für die angespannte Stimmung und die latente Bedrohung, die Bürger mit Migrationshintergrund verspüren. Er konzentriert sich auf eine kleine Gruppe aus Finsterwalde, die einen riskanten Plan verfolgt: Eine junge Frau und einige andere Insassen flüchten durch einen Abwasserkanal nach Berlin, wo sie drei zurückgelassene afrikanische Kinder retten wollen. Parallel erzählt Annas von einer griechischen Ärztin, die mit ihrem Freund und ihren Kindern nach Deutschland einwandert – hochqualifizierte Ausländer dürfen auf Bewährung ins Land kommen, müssen aber einen Überwachungsring am Fuß tragen. Der Freund der Ärztin, ein Journalist, stößt bei seinen Recherchen auf die zurückgelassenen Kinder. Und so verbinden sich schließlich die beiden Erzählstränge.

Schnörkellos und souverän skizziert Max Annas ein abgeschottetes Land, geprägt von Misstrauen, Empathielosigkeit und Kontrollwahn. Ein Roman wie eine Warnung vor den Folgen von Fremdenfeindlichkeit.

Neuerscheinung · Rezension · Sachbuch

Unbedingt lesen: Diese beiden Sachbücher!

Meistens lese und rezensiere ich Belletristik – doch diese beiden aktuellen Sachbücher empfehle ich gerne weiter:

„Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ (Hoffmann & Campe) von Jaron Lanier ist ein überzeugendes Plädoyer, sich von Facebook & Google zu trennen. Lanier, Internet-Pionier, Erfinder und Kritiker, wird dem Titel absolut gerecht. In schneller, pointierter Sprache und höchst kompetent legt er dar, wie Social Media die Wahrheit untergräbt, Mitgefühl tötet, prekäre Arbeitsverhältnisse fördert und seriöse Politik unmöglich macht. Ein Buch, das aufrüttelt, aufdeckt und bittere Wahrheiten enthält. Unbedingt lesen!

Thea Dorn formuliert und argumentiert in „Deutsch, nicht dumpf“ (Knaus) deutlich besonnener und ausführlicher als Jaron Lanier. Das macht die Lektüre stellenweise etwas zäh – doch der Inhalt ist brillant. In ihrem „Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“ (Untertitel) widerlegt Dorn zahlreiche konservative Thesen zur deutschen „Leitkultur“ und beschreibt, was wirklich Deutsch ist. Oder sein sollte. Ein komplexer, niveauvoller und intelligenter Beitrag zur Debatte um Werte, Heimat und Nationalismus. Auch hier gilt: Unbedingt lesen!

Lesungen · Moderation

Vorfreude auf meinen Literaturherbst

Wer denkt schon mitten im Sommer an den Herbst? Ich. Das gebe ich ganz offen zu. Denn zurzeit laufen die Planungen für den Literatur-Herbst auf Hochtouren.

Schon jetzt steht fest, dass ich etwa am 6. November in München die Premierenlesung für Charlotte Links neuen Roman „Die Suche“ moderieren werde (Foto links). Außerdem gehe ich mit Arne Dahl auf Lesereise (u.a. am 12.10. bei der Crime Cologne, 17.10. in Erfurt und 18.10. in München). „Downton Abbey“-Autorin Jessica Fellowes treffe ich am 18. September auf Schloss Hamm, US-Autor Tom Rachman am 21.9. im Literaturhaus München.

Damit nicht genug. Bei Europas größtem Krimifestival Mord am Hellweg moderiere ich Veranstaltungen mit der irischen Thrillerautorin Olivia Kiernan (26.9.), dem Griechen Petros Markaris (28.10., Foto rechts), dem schwedischen Duo Hjorth & Rosenfeldt (8.11.) und Simon Beckett mit Schauspieler Joe Bausch (20.11.).

Weitere Termine folgen… Ich freue mich schon drauf!