Interview

Im Interview: Arundhati Roy

arundhati roy, interview, günter keil, blogIntelligent, unnachgiebig und charmant kämpft Arundhati Roy für soziale Gerechtigkeit. Nun war sie endlich wieder in Deutschland – mit ihrem neuen Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“ (S. Fischer). Und ich hatte die große Ehre, die Lesung der indischen Schriftstellerin im Literaturhaus München zu moderieren. Klar, dass ich sie auch interviewt habe.

Sie haben Architektur studiert – planen und bauen Sie Ihre Bücher wie ein Haus? Der Gott der kleinen Dinge“ war wirklich wie ein Haus. Aber „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist wie eine Stadt. Ich wollte experimentieren, wie sich all meine Themen zu einem vielschichtigen Ganzen entwickeln. Eben wie in einer echten Stadt: dort manchen die Menschen auch dauernd Pläne, wie alles aussehen und funktionieren soll – und dann kommt es ganz anders.

hren Roman widmen Sie „den Ungetrösteten“. Wen meinen Sie damit? Mir geht es um uns alle. Denn das heute allgegenwärtige Glücksversprechen, diese über soziale Medien und Werbung institutionalisierte und dargestellte Glücklichkeit, sorgt bei vielen Menschen für Leere und Verzweiflung. Es passiert etwas Seltsames mit uns. Da hofft man, dass irgendjemand die Arme um einen legt und tröstet. Vielleicht kann das sogar ein Buch leisten – ich wollte es jedenfalls versuchen.

Anjum, Ihre Hauptfigur, ist eine Transsexuelle, die zunächst in einer Hausgemeinschaft und später auf einem alten Friedhof lebt. Gibt es diese Wohnformen in Delhi tatsächlich? Ja. Hijras, wie Transsexuelle in Indien genannt werden, haben einen Ehrenplatz in der indischen Mythologie und leben tatsächlich in eigenen Wohngemeinschaften. Diese basieren auf einem traditionellen System, das den Hijras auch heute noch Schutz bietet. Ich bin mit einigen Mitgliedern einer dieser Gemeinschaften in der Altstadt von Delhi befreundet. Was das Leben auf einem Friedhof betrifft: es gibt hunderte, vermutlich sogar tausende Menschen, die wirklich dort zwischen Gräbern leben. In meinem Buch baut sich Anjum sogar ein kleines Gästehaus auf dem Friedhof und klaut den Strom aus der benachbarten Leichenhalle eines Krankenhauses.

Anjum nennt dieses Gästehaus „Jannat“, das Urdu-Wort für „Paradies“. Auch die fiktive Hijdra-Wohngemeinschaft heißt so. Diese Orte wirken wie Zufluchtsstätten in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Vielleicht sind Sie das auch tatsächlich. Wenn die Spezies Mensch so weitermacht, mit Klimawandel, Kriegen und Nationalismus, brauchen wir möglicherweise solche Plätze.

Vor kurzem wurde die regierungskritische Jounalistin Gauri Lankesh ermordet, eine Freundin von Ihnen. Sie selbst wurden mehrfach bedroht, angeklagt und verurteilt. Fühlen Sie sich noch sicher in Ihrer Heimat? Es ist in der Tat eine gefährliche Zeit für uns. Und jeder, der sich engagiert, macht sich natürlich auch Sorgen. Wir alle wissen, dass es riskant ist, Kritik zu üben. Aber wir haben keine Wahl. Eine Sache ist uns ganz klar bewusst: Wir würden lieber verlieren, als auf der anderen Seite zu stehen. Also kämpfen wir weiter.

Heißt das, Sie würden nicht ins Exil gehen? Schließlich könnten Sie es sich schon längst leisten, überall auf der Welt zu leben. Was wäre das für ein Zeichen, wenn ich gehen würde? Nein, das ist keine Option für mich. Ich bin kein Individuum, sondern ein Baum, tief verwurzelt mit diesem Land, mit Freunden, Verwandten, Liebenden. Wenn ich irgendwo anders hin verpflanzt würde, würde ich meine Blätter verlieren.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Finnisch, lakonisch, herrlich

petri tamminen, meeresroman, rezension, günter keil, literaturblogLakonischer, liebenswerter und skurriler geht’s kaum. Entspannter und finnischer auch nicht.

Meeresroman“ (Mare) von Petri Tamminen: eine bezaubernde Tragikomödie.

Antiheld Vilhelm Huurna, ein kleiner Mann, will ein großer Kapitän werden. Und tatsächlich: Huurnas Traum erfüllt sich – er bereist die Meere der Welt. Dass er dabei ein Schiff nach dem anderen versenkt, nun, ist das wirklich seine Schuld? „Jeder, der schon einmal im Sturm gesegelt ist, weiß, dass Segelschiffe vieles tun, worum sie zu bitten der Mensch nicht einmal auf die Idee käme.“

In sparsamer Sprache, mit Sätzen wie kleine Kunstwerke, erzählt Petri Tamminen von einem Mann, der sich nicht unterkriegen lässt. Obwohl er oft unter Wasser gerät. Huurna macht die Erfahrung, dass man Dinge einfach hinnehmen muss, mit viel Schnaps und ausdauerndem Schweigen. Eine herrlich schräge Geschichte, gespickt mit schelmischen Weisheiten und finnischem Humor.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Der Bob Dylan der Spannungsliteratur

friedrich ani, ermordung des glücks, rezension, günter keil, blogEine verzweifelte Mutter stolpert betrunken durchs nächtliche München. Müde Menschen stehen an den Fenstern ihrer Wohnungen und schauen ratlos auf die Straßen. Ein erschöpfter Kommissar liegt auf einer Wolldecke, Arme und Beine von sich gestreckt, und hört auf die Stimme in seinem Inneren. Zwei traurige Geschwister, Mann und Frau, liegen in einem Bett und halten sich tröstend an den Händen.

In „Ermordung des Glücks“ (Suhrkamp) von Friedrich Ani leiden die Protagonisten, immerfort. Die Stadt, in der sie leben, ist kalt und dunkel. Ein 11-jähriger Junge wurde ermordet, und niemand weiß, von wem, warum, wo. Den pensionierten Kommissar Jakob Franck lässt dieser Fall (sein zweiter nach „Der namenlose Tag“) nicht los. Er vergräbt sich tief in den Akten, befragt mögliche Zeugen, arbeitet unerbittlich an der Aufklärung, hört zu. Vor allem dies. Franck ist der Zuhörer. Und Ani der Bob Dylan der Spannungsliteratur.

In der literarischen Ruhe des Münchner Autors liegt eine Radikalität, die einzigartig ist. Es scheint, als hielte er in seinem Roman das Tempo an, das den Alltag bestimmt, um sich den wahren Dramen zu widmen: Verzweiflung, Trauer, Wut, Einsamkeit und Reue. Ein schmerzhafter, melancholischer, meisterhafter Roman.

Lennard, das Kind, dachte er, hatte ein Anrecht auf die gleiche Gnadenlosigkeit bei der Suche nach dem Mörder, wie sie dieser bei seiner Tat hatte walten lassen.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Liebenswert zynisch

simone buchholz, beton rouge, rezension, günter keil, blogGefühle sind nicht so ihr Ding. Zigaretten und Alkohol schon eher. Und eine sehr spezielle hanseatische Melancholie.

Ich bin der Typ, dem es selten besonders gut geht, außer am Meer. Ich bin der Typ, der bei all der Ungerechtigkeit auf dieser Welt das kalte Kotzen kriegt.“

Sagt Staatsanwältin Chastity Riley, Hauptfigur und Ich-Erzählerin in „Beton Rouge“ (Suhrkamp) von Simone Buchholz. Im siebten Band überzeugt die Hamburger Autorin wieder mit ihrer schnoddrigen Hauptfigur, ihrem lakonischen Stil und knackigen Dialogen. Riley muss diesmal einen seltsamen Fall lösen: Zwei Medienmanager werden nackt in Käfige gesperrt und vor ihrem Verlagshaus öffentlich ausgestellt – Sadismus? Protest? Rache? Riley erfährt viel über Stellenstreichungen und Gewinnmaximierung. Was ihre Stimmung nicht unbedingt bessert – Rileys liebenswerter Zynismus und dunkler Lokalpatriotismus zählen zu den zahlreichen Stärken dieser Krimireihe.

Andre Leute haben Tanzpartner, ich hab Trinkpartner.“

Mit jeder Menge rauem Charme vermeidet es Simone Buchholz zum Glück, ihre drauflos plappernde Heldin zur Comedyfigur zu stilisieren. Riley bleibt Riley: trocken, eigenwillig, herb. Grandios!

Unten auf der Elbe fährt ein Kreuzfahrtschiff vorbei und schenkt der Stadt seine Abgase.“

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Bester Migrationsroman des Jahres

mohsin hamid, exit west, rezension, günter keil, literaturblogWir sind alle Migranten in der Zeit.“

In „Exit West“ (DuMont) erzählt Mohsin Hamid die bewegende Geschichte von Nadia und Saeed. Ein junges Paar in einem nicht genannten muslimischen Land, das im Bürgerkrieg versinkt und der Machtübernahme von Extremisten ausgeliefert ist. Alles, was das Leben ausmacht, verschwinde: Normalität, Freiheit, Freude, Menschlichkeit und Würde. Nadia und Saeed beschließen zu flüchten. Grenzen gibt es in Hamids Roman nicht, nur Türen. Durch diese muss man schreiten, zunächst ins Dunkel, um danach in anderen Ländern wieder aufzutauchen. Dieser Vorgang und Hamids reine, poetische Prosa geben dem Buch etwas Märchenhaftes.

Nadia und Saeed landen in Griechenland, später in Großbritannien und in den USA. Mohsin Hamid behält die beiden fest im Blick, und er untersucht ihre Reaktionen: Was macht Flucht aus einem Paar? Wie unterschiedlich reagieren Frau und Mann, wie passen sich an? Hamid beschreibt eine Welt ohne Einheimische und Sesshafte, alle ziehen weiter, sind auf der Flucht oder der Suche nach besseren Jobs: „Ein großer Teil des globalen Südens war unterwegs in Richtung globaler Norden.“ Die reisenden Menschen entfernen sich, nicht nur von Orten, auch von Menschen. Auch zwischen Nadia und Saeed wächst die Kluft, und ihre Wege trennen sich schließlich.

Mohsin Hamid hat eine beeindruckende Liebesgeschichte in Zeiten von Extremismus und Migration verfasst. So erschütternd sein Szenario auch ist – der pakistanisch-amerikanische Autor erzählt eher neutral beobachtend. Ja, die Welt bricht auseinander, und nichts ist mehr sicher. Doch die Welt geht nicht unter, sie verändert sich nur.

Bilder-/Kinderbuch · Literaturblog

Literatur = Integration

lesen, integration, literatur, blog, günter keil Vor ein paar Monaten lebte Aram noch in einem Flüchtlings- lager. Und vor zwei Jahren im Irak. Jetzt hat seine Familie eine Wohnung in München. Und sie lernt fleißig Deutsch.

Warum ich mit Aram auf dem Sofa sitze? Weil ich in den Sommerferien jede Woche eine Stunde mit ihm lese – damit sein Deutsch bis zum Schulbeginn nicht einrostet. Für mich eine wunderbare ehrenamtliche Aufgabe: Mit dazu beizutragen, wie sich Literatur in Integration verwandelt. Das kann ich auch allen AfD- und CSU- Sympathisanten empfehlen: Wenn ihr euch so sehr sorgt, dass Flüchtlinge sich nicht integrieren, dann helft doch einfach mit, dass es gar nicht dazu kommt. Ihr werdet sehen: es macht Spaß.

Und was sind Arams Lieblingsbücher? Alle, in denen Piraten, Autos und Fußball eine Rolle spielen – klingt schon ziemlich deutsch. Oder universell, ganz wie man es nimmt. Zum Vorlesen kam ich übrigens nicht zufällig – schon seit ein paar Jahren bin ich aktiv bei den Lesefüchsen. Dieser gemeinnützige Verein organisiert bundesweit Lesestunden.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Smith swingt

zadie smith, swing time, rezension, blog, günter keilFred Astaire, Michael Jackson: Ihre Idole. Zwei Mädchen schwärmen vom Steppen und Tanzen. Die namenlose Erzählerin wird später Assistentin einer berühmten Popsängerin und Tracey, die andere, schafft es auf die Bühne im Londoner Westend. Zadie Smith, früher selbst Stepptänzerin und Jazzsängerin, erzählt in „Swing Time“ (Kiepenheuer & Witsch) von einer Mädchen- und Frauenfreundschaft mit Brüchen. Sie untersucht, wie sich Herkunft, Hautfarbe und Bildung auf das Leben ihrer Protagonisten auswirken.

Als „braun“ gelten Tracey und ihre Freundin, da sie aus gemischten Familien stammen. Sie wachsen in Sozialwohnungen im Nordwesten Londons auf. Die Erzählerin ist neidisch auf Tracey, denn deren weiße, ungebildete Mutter serviert den Kindern Pizza und Pfannkuchen. Sie ist stolz auf ihre Tochter und möchte ihr den Traum vom Tanzen erfüllen. Ein starker Kontrast zur anderen Mutter: die schwarze Feministin kocht nur Gesundes und trichtert ihrem Kind ein, wie wichtig Ernsthaftigkeit und Emanzipation sind. Ihre Tochter entflieht diesem intellektuellen Korsett. Sie stürzt sich in die Partystimmung des „Cool Britannia“, steigt auf zur Assistentin des größten Popstars dieser Zeit.

Nach mehr als zehn Jahren fühlt sie sich allerdings ausgebrannt und allein. Träume zerbrechen auch anderswo. Traceys kurze Karriere als Tänzerin endet abrupt, und sie schlägt sich mühsam als alleinerziehende Mutter durch. Wie in ihren vier vorherigen Romanen lotet Zadie Smith aus, woher wir stammen und welche Möglichkeiten sich bieten, das eigene Milieu hinter sich zu lassen. Getragen wird diese eindrucksvolle Geschichte vom bewährten Smith-Sound: er ist klar, klug und lebensnah.