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friedrich ani, nackter mann, der brennt, suhrkamp, literaturblog günter keil, rezensionPuh. Ich hab´s geschafft. Habe „Nackter Mann, der brennt“ (Suhrkamp), Friedrich Anis neuen Roman, gelesen. Ein Vergnügen war´s nicht. Es ist Anis dunkelster und radikalster Roman. Die Chronik eines Rachefeldzuges. Der Ich-Erzähler kehrt nach vierzig Jahren in sein tief katholisches Heimatdorf zurück. Aus einem einzigen Grund: Er will sich an den Männern rächen, die ihn und seine Schulkameraden früher missbraucht haben – ein Arzt, ein Apotheker, ein Lehrer, weitere angesehene Persönlichkeiten. Sie alle müssen nun büßen. Der Rächer entführt, foltert und tötet sie, skrupellos. Friedrich Ani lässt ihn ungefiltert von seinen Taten prahlen, voller Hass und in sarkastischem Ton. Das ist kaum zu ertragen, und wenn dieses Buch nicht von einem der besten Krimiautoren Deutschlands stammen würde, hätte ich es nach 50 Seiten abgebrochen. Um schrecklichen Missbrauch in verlogenen Dorfgemeinschaften anzuprangern, kann man selbstverständlich in die Rolle des Täters schlüpfen. Eine krasse Perspektive, die möglicherweise gerade deswegen aufrüttelt. Mir ist diese Erzählform allerdings zu eindimensional, zu zynisch, zu grausam. Friedrich Anis Stärken, sein geniales Gespür für Zwischentöne und Stimmungen, seine feinsinnige Beobachtungsgabe und herausragende Menschenkenntnis, seine philosophisch-literarischen Formulierungen werden diesmal von brennender Brutalität nahezu erschlagen.

Da stand ich, am Rand der Nacht, zum Morden geboren, zum Sterben bereit und starb nicht und mordete noch lang nicht genug.“

ani-2Menschen, die sich aus Trauer und Einsamkeit betrinken. Die sich von ihrem Leben ausruhen oder dem, was davon übrig ist. Die aus Verzweiflung lügen.

Ein Ermittler, der die Augen schließt, damit die Welt verschwindet. Der versucht, an der Grenze zur Unhöflichkeit abwesend zu wirken. Der so lange schweigt, bis andere aus ihrem Selbstschutzpanzer herausklettern.

„Der einsame Engel“ (Droemer), Friedrich Anis neuer Tabor-Süden-Roman. Einer seiner besten. Süden und seine Detektei-Kolleginnen sollen einen Geschäftsmann finden, der seit zwölf Tagen verschwunden ist. Mühsam ringt sich Süden zu Befragungen durch – eigentlich möchte er nur um seine verstorbenen Freunde trauern und sich besaufen.

Wir tranken aus Gewohnheit. Und wenn die Kellner hinter uns die Stühle auf die Tische stellten, bekamen wir es mit der Angst. Draußen wartete die Nacht, und in meiner Wohnung hockte ein Fremder, der meinen Namen angenommen hatte, weil er glaubte, auf diese Weise unbeschadet über die Grenze ins Morgen zu gelangen.“

Friedrich Anis Prosa berührt, bis die Tränen kommen. Viele seiner Sätze sind tieftraurig und wunderschön. Sätze, die noch einmal gelesen, gefühlt werden wollen. Sätze, hinter denen die Sorgfalt und das Feingefühl eines großartigen Schriftstellers stecken.

Ani erweist den Vergessenen, Gestrandeten und Vernachlässigten, den in München schon fast Unsichtbaren erneut seinen Respekt. Er zeigt einfache, verzweifelte Menschen, ohne sie vorzuführen, ohne Sozialkitsch. Zum Wohlstandsbauch Münchens schreibt Ani: „An diesem Bauch perlten die Krisen strukturschwacher Stadtteile und die wachsende Not gewöhnlicher Wohnungssuchender ab wie Schweißtropfen auf den sonnengebräunten Wampen von Rimini-Urlaubern.“

aniEine Umarmung, die sieben Stunden lang anhält. Kriminalhauptkommissar Jakob Franck kann sie einfach nicht vergessen, obwohl sie schon 21 Jahre zurückliegt. Damals überbrachte Franck der Mutter eines 16-jährigen Mädchens die Nachricht, dass ihre Tochter erhängt aufgefunden wurde. Der Polizist und die Frau hielten sich fest, und sie ließen sich erst um halb vier Uhr morgens los. Ohne dass sie mehr taten als sich zu umarmen.

Diese Geste ist der bewegendste Moment in Friedrich Anis neuem Roman „Der namenlose Tag“ (Suhrkamp). Ani, mit neuem Verlag und neuer Hauptfigur, erzählt in leisen, langsamen Sätzen, in einer einzigartigen entschleunigten Sprache, von einem tragischen Fall. Und von Jakob Franck, der seit zwei Monaten im Ruhestand ist. Nun suchen ihn die Geister seiner Arbeit auf, die Toten, mit denen er in seiner Wohnung sitzt, ihnen zuhört, mit ihnen spricht. Vor allem der angebliche Selbstmord des Mädchens lässt ihn nicht los. Gewissenhaft nimmt Franck erneut die Ermittlungen auf. Seine Befragungen verlaufen jedoch schleppend, und in Anis Roman passiert nicht viel. Außer der stillen „Gedankenfühligkeit“, mit der Franck neue Erkenntnisse gewinnt. Wer sich auf den ruhigen Stil und die melancholische Stimmung einlässt, gerät in einen wohltuenden, nahezu meditativen Lesefluss. Und erlebt die längste Umarmung der Kriminalliteratur.

aniIn Friedrich Anis Büchern passieren ganz bewusst Dinge, die in anderen Krimis höchstens unabsichtlich vorkommen: die Handlung holpert, Dialoge stocken. Ani hat etwas gegen künstlich choreographierte Spannungsbögen. Ebenso wenig widmet er sich klischeehaften Tätern, Opfern und Ermittlern, sondern den Menschen hinter diesen Rollen. Anis Hauptfigur, der Privatdetektiv Tabor Süden, ermittelt in „M“ (Droemer) im rechtsradikalen Milieu Münchens – doch das weiß er zunächst gar nicht. Denn Mia Bischof, die Frau, die ihren verschwundenen Freund finden lassen möchte, ist eine seriöse Journalistin, die ehrenamtlich Ausflüge für Mütter und Kinder organisiert. Alles Fassade, wie sich herausstellt. Süden und seine Kollegen aus der Detektei kommen über Bischof einem Ring bürgerlicher Neonazis auf die Spur. Doch die bayerischen Ermittlungsbehörden wollen weitere Recherchen unterbinden. Hintergrund: eingeschleuste V-Männer könnten gefährdet werden. Friedrich Ani zeigt seine Hauptfigur erneut als wortkargen, eigenwilligen Ermittler, der allein durch Gespräche die Wahrheit enthüllt. Ein melancholischer, überdurchschnittlicher Kriminalroman, bei dem man das Gefühl hat, echten Menschen in echten Situationen zu begegnen. Darüber hinaus ist „M“ eine wichtige Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus – der richtige Roman in Zeiten des NSU-Prozesses.