Die längste Umarmung der Kriminalliteratur

aniEine Umarmung, die sieben Stunden lang anhält. Kriminalhauptkommissar Jakob Franck kann sie einfach nicht vergessen, obwohl sie schon 21 Jahre zurückliegt. Damals überbrachte Franck der Mutter eines 16-jährigen Mädchens die Nachricht, dass ihre Tochter erhängt aufgefunden wurde. Der Polizist und die Frau hielten sich fest, und sie ließen sich erst um halb vier Uhr morgens los. Ohne dass sie mehr taten als sich zu umarmen.

Diese Geste ist der bewegendste Moment in Friedrich Anis neuem Roman „Der namenlose Tag“ (Suhrkamp). Ani, mit neuem Verlag und neuer Hauptfigur, erzählt in leisen, langsamen Sätzen, in einer einzigartigen entschleunigten Sprache, von einem tragischen Fall. Und von Jakob Franck, der seit zwei Monaten im Ruhestand ist. Nun suchen ihn die Geister seiner Arbeit auf, die Toten, mit denen er in seiner Wohnung sitzt, ihnen zuhört, mit ihnen spricht. Vor allem der angebliche Selbstmord des Mädchens lässt ihn nicht los. Gewissenhaft nimmt Franck erneut die Ermittlungen auf. Seine Befragungen verlaufen jedoch schleppend, und in Anis Roman passiert nicht viel. Außer der stillen „Gedankenfühligkeit“, mit der Franck neue Erkenntnisse gewinnt. Wer sich auf den ruhigen Stil und die melancholische Stimmung einlässt, gerät in einen wohltuenden, nahezu meditativen Lesefluss. Und erlebt die längste Umarmung der Kriminalliteratur.

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