Tote Hose? Im Gegenteil.

„Ich habe an diesem Abend mein erstes Konzert erlebt und zum ersten Mal einen Busen gespürt. Man gewinnt nicht häufig im Leben. Häufiger verliert man, und die meiste Zeit passiert nichts, außer Mittagessen kochen, sich aufregen und freuen. Aber an diesem Abend war ich eindeutig Gewinner. Da darf man nicht dumm sein, da muss man sich erinnern.“

Der Musiker und Autor Thees Uhlmann hat eine Liebeserklärung an Die Toten Hosen geschrieben. Dieses originelle Büchlein aus der „Kiwi Musikbibliothek“ (Kiepenheuer & Witsch) feiert nicht nur Campino & Co., sondern auch die Liebe, das Saufen, das Leben als Künstler, die Elternschaft und den Punk.

Uhlmann plaudert locker drauflos, er philosophiert, und er erinnert sich an sein erstes Konzert der Toten Hosen 1988, als er 14 war. Später, viel später, spielte er als Supportact vor seiner Lieblingsband und 70.000 Zuschauern in Köln. Irre.

Dies ist also keine Hosen-Biografie. Sondern ein sehr persönlicher, witziger und philosophischer Blick auf Deutschlands erfolgreichste Punkmusiker. Geschrieben in Uhlmanns unverwechselbaren Sound, der so klingt als wären Tresengespräche unter Kumpels in Literatur verwandelt worden.

„Man kann sich das vielleicht nicht mehr vorstellen, aber man hatte damals keine Angst zu sterben.“

Von der Zerbrechlichkeit des Lebens

Ach, wären doch nur alle Ärzte so wie Rainer Jund. In seinem literarischen Debüt verbreitet der HNO-Mediziner weder Weißkittel-Heldengeschichten noch Notaufnahme-Abenteuer. Stattdessen erzählt er von Leid, Mitgefühl, Verletzbarkeit und Angst. Von der Zerbrechlichkeit des Lebens und der Nähe des Todes.

Vom Wunsch, zu helfen. Von der Ohnmacht, es nicht immer zu können.

„Tage in Weiß“ (Piper) ist ein schmales Buch mit reduzierten, realistischen Kurzgeschichten aus dem Alltag eines Arztes, poetisch verdichtet. Junds Alter Ego berichtet von seiner ersten Leichenobduktion, aggressiven Tumoren, tödlichen Gehirnblutungen, hochgradigen Verbrennungen. Er tut dies ohne Pathos, nachdenklich, ehrlich, menschlich. So wie Ferdinand von Schirach über die Justiz und Gerechtigkeit schreibt, spricht Rainer Jund über Krankheiten und Kliniken.

Existentielle Erfahrungen machen in seinem Werk alle: Patienten, Ärzte und Angehörige. Jund versucht, sich den einschneidenden Erlebnissen feinsinnig und empathisch zu nähern – im Gegensatz zu manchen Kollegen, denen Ego, Macht und Karriere wichtiger sind. Auch über diese Ärzte schreibt er. Und über eine Liebe, die sich im Krankenhaus entwickelt. Ein Buch, das zu Tränen rührt.

„All den Ärzten gewidmet, die in großen Anstrengungen und mit Leidenschaft bis zur Selbstvergessenheit für den Menschen arbeiten. All den Geduldigen, die kämpfen und hoffen. Wir sind alle Patienten.“

Edward Hopper und die Literatur

„Ich bin der festen Überzeugung, dass Hoppers Bilder über die sichtbare Wirklichkeit hinausreichen und den Betrachter in einen virtuellen Raum stellen, wo allein das Gefühl Geltung besitzt und einen beherrschenden Einfluss ausübt.“

Vor 15 Jahren erschien im Schirmer/Mosel Verlag ein Buch, in dem der US-Dichter Mark Strand 30 Gemälde Edward Hoppers interpretierte. Ein schmaler Band mit kurzen, klaren Texten. Ein zeitloses Beispiel, wie Moderne Kunst und Literatur ineinander fließen können, und: wie man kompetent und literarisch Bilder kommentiert, ohne in abgehobenen Kuratorenjargon zu verfallen.

Mark Strand, der 2014 verstarb, beschäftigt sich darin mit den verborgenen Bildstrategien Hoppers, er untersucht die Geometrie einzelner Werke, die Anordnung von Gegenständen, die Stärke des Lichts und das narrative Potential der Gemälde.

In „House by the Railroad“ entdeckt Strand „eine Aura schroffer Ablehnung“, in „Western Motel“ berührt ihn „eine erstaunliche Ruhe“ und „Room in New York“ erinnert den Lyriker an Vermeer. Strands Texte stehen meist auf der gegenüberliegenden Seite von Hoppers Bildern, sodass ein direkter Vergleich leicht fällt. Ein kluges, kleines Buch, das anregt und erklärt, auch 15 Jahre nach seinem Erscheinen.

Dass Edward Hopper noch immer Schriftsteller inspiriert, zeigt „Nighthawks“, 2016 bei Droemer erschienen.17 Bilder, zu denen Starautoren spannende Kurzgeschichten erdacht haben. Mit Stephen King, Michael Connelly, Jeffery Deaver, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Ebenfalls sehr zu empfehlen, auch für Leser*innen, die noch nicht Hopper-Fans sind.

Heimat. Flucht. Sprache: Stanišić

„Dass ich heute mit Sprache arbeiten, dass ich literarisch schreiben kann, ist ein Privileg. Ich weiß noch, wie es sich anfühlt, für etwas keine Sprache zu haben.“

Saša Stanišić hat seine Heimat Jugoslawien verloren. In „Herkunft“ (Luchterhand) schreibt er darüber, wie das war. Als aus Nachbarn plötzlich Feinde wurden, 1992, und als er nach Deutschland kam. Erst nach Heidelberg, später Hamburg. Ohne die richtige Sprache. Ohne Ahnung von der deutschen Gründlichkeit. Stanišić erzählt davon, wie schwierig es mit seinem Namen war, eine Mietwohnung zu bekommen – und wie leicht, nachdem er mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Er blickt aber auch weiter zurück, in seine Kindheit in einer kleinen Stadt am Fluss Drina. Stanišić zählt auf, was er dort hatte:

„Eine Sammlung von Katzenaugen, abgeschraubt von Autokennzeichen. Das einzige Mal geschlagen worden von den Eltern deswegen. Eine Großmutter, die mir das Alphabet der Nierenbohnen beherrschte und die mir riet, dass ich mich an Worte halten sollte, ein Leben lang, dann werde zwar trotzdem nicht alles gutgehen, aber einiges lasse sich besser ertragen.“

Das besondere an diesem Buch ist seine Vielseitigkeit und Genauigkeit. Sein Blick für skurrile Momente und liebevolle Verwandte. Und die Abwesenheit von Wut, Rechtfertigung oder einer Abrechnung. Stanišić erzählt persönlich und bewegend, spielerisch und künstlerisch. Er ist nicht auf Pointen fixiert wie Wladimir Kaminer, sondern hat den Mut, ambivalente Erinnerungen stehen zu lassen, sozialistische Lieder zu zitieren, stille und laute Familienmomente zu beschreiben. Und gleichzeitig nie oberflächlich zu sein.

Mit der deutschen Sprache arbeiten, das kann der heute 41-jährige nun schon lange. Sogar um einiges besser als so mancher Muttersprachler. „Herkunft“ versammelt Geschichten, die den Weg von einem Sprach- und Lebensraum zum nächsten verdeutlichen. Vom Abschied und Anfang.

Schirach, mal persönlich

„Das Recht schützt auch Menschen, die es verachten.“

Klar, auch im neuen Buch von Ferdinand von Schirach geht es um Recht und Gerechtigkeit. Doch nicht nur. In „Kaffee und Zigaretten“ (Luchterhand) mixt der ehemalige Strafverteidiger autobiografische Erinnerungen, kluge Notizen und alltägliche Beobachtungen. Er erzählt von seinem silbernen Zigarettenetui, den Sommerferien 1981 in London, und er kritisiert seinen Großvater, einen Nazi:

„Vielleicht bin ich auch aus Wut und Scham über seine Sätze und Taten der geworden, der ich bin.“

Von Schirach ist ein kluger Mahner, ein feiner Beobachter und ein nachdenklicher Essayist. Er notiert Widersprüche, Absurditäten und Skurrilitäten. Erinnert sich an Begegnungen mit Mick Jagger, Lars Gustafsson und Imre Kertész. Lobt die demokratischen Verfassungen und die Filme von Michael Haneke. Wer den 55-jährigen Bestsellerautor ohnehin schon schätzt, der wird diese bunte, nachdenkliche Sammlung von Texten und Gedanken lieben. Wer von Schirach grundsätzlich eher kritisch beurteilt, wird dieses Buch als überflüssige Verwertung von Abfallprodukten seiner bisherigen Tätigkeit betrachten. Sicher ist: So persönlich hat er noch nie geschrieben.

Auf einen Tee mit Heinz Strunk

Das kann nur Heinz Strunk: Lakonisch und dokumentarisch von Verlierern, Versehrten und Verbrechern zu erzählen, ohne diese lächerlich zu machen oder literarisch auszubeuten.

In seinem neuen Kurzgeschichtenband „Das Teemännchen“ (Rowohlt) stellt der Hamburger Autor eine Pommesverkäuferin vor, ein Spießerpaar, einen onanierenden Jungen, „Nutten mit Kaffeefahne“ und einen Mann mit Teeladen – eben, das „Teemännchen“. Heinz Strunk schreibt im Präsens. Er lässt seine Figuren und ihre Erlebnisse authentisch wirken, und er reduziert seinen Stil auf eine Art, die jenem Ferdinand von Schirachs ähnlich ist. Eine gewisse Distanz oder Kühle umgibt seine Geschichten, und doch schimmert Verständnis und Wärme zwischen den Zeilen hindurch.

So formt er aus Kurzbiografien und Momenten ein skurriles, schräges Sammelsurium von Beobachtungen. Live aus dem Alltag ganz normaler Menschen, die sonst in der Literatur eher selten auftauchen.

 

„Wir sind alle Syrer“ – Wladimir Kaminer im Interview

Seit Wochen steht Wladimir Kaminer mal wieder oben in den Bestsellerlisten. Diesmal mit „Ausgerechnet Deutschland“ (Goldmann), einem bemerkenswerten Band mit Kurzgeschichten über Flüchtlinge. Kaminers typischer Mix aus Witz, Weisheit und Augenzwinkern hat ihm eine Gesamtauflage seiner Bücher und Hörbücher von mehr als 3,7 Millionen beschert. Hier mein Interview mit dem 50-jährigen Deutschrussen:

 In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie: „Wir sind alle Syrer“ – wie meinen Sie das? Hinter jeder Familiengeschichte steckt zumindest zum Teil eine Flüchtlingsgeschichte. Schauen Sie meine Familie an: Meine Mutter musste 1941 aus Moskau flüchten, meine Schwiegereltern entkamen 1991 aus Grosny, und ich selbst habe 1990 als Flüchtling in Ostberlin um humanitäres Asyl gebeten. Gegen das Schicksal der syrischen Kriegsflüchtlinge ist meine Geschichte natürlich ein Witz, und ich hatte viel Glück. Aber ich kenne das Gefühl, in einem neuen Land von vorne zu beginnen.

Welches Bild hatten Sie von Deutschland, als Sie sich von der Sowjetunion aus auf den Weg in den Westen gemacht haben? Literatur und Musik waren die Köder, die uns aus der Heimat lockten. Die Kunst und die Kultur des Westens, so dachten wir, wollten nicht bessere Menschen aus uns machen oder uns erziehen wie im Sozialismus. Vielmehr erschienen sie uns als ein großes, freies, buntes Abenteuer. Da wollten wir hin. Der Westen war wie eine verbotene Frucht.

Und wie erlebten Sie dann die Realität? Es war eine fremde, spießige, kleinbürgerliche Welt, die auf uns wartete. Sie hatte Angst vor Fremden und keine Lust auf Abenteuer. Sie war bei weitem nicht so spannend und interessant, wie in den Büchern, die wir gelesen hatten. Wir sind aber trotzdem geblieben. Und es gab auch positive Seiten: Am Tag meiner Ankunft wurde Deutschland Fußballweltmeister – alle waren gut drauf und hatten Bierflaschen in der Hand. Also kaufte ich mir auch eine.

Heute haben wieder viele Menschen Angst vor Fremden. Blicken Sie nun, 28 Jahre nach Ihrer Einwanderung, trotzdem positiver auf Deutschland? Auf jeden Fall! Deutschland hat sich unglaublich entwickelt, in jeder Hinsicht. Daran kann auch die AfD nichts ändern. Die Vereinigung mit den anderen europäischen Staaten in der EU hat sehr viel gebracht. Natürlich kann man die ökonomisch-politische Ausrichtung der EU kritisieren, aber kulturell ist Deutschland durch sie einen Riesenschritt nach vorne gekommen. Ich fühle mich hier sehr zu Hause.

In „Ausgerechnet Deutschland“ schreiben Sie über skurrile Situationen im Umgang mit Flüchtlingen. Hatten Sie keine Bedenken, ein so heikles Thema aufzugreifen? Nein, denn ich suche immer nach menschlichen Tragödien, um darüber lachen zu können. Das lustvolle Scheitern ist so eine Sache, die mir sehr gut gefällt. Und nachdem Tragödien vor allem dort entstehen, wo zwei Welten aufeinanderprallen, die einander überhaupt nicht kennen, ist die so genannte Flüchtlingskrise genau mein Thema. Dazu kam auch noch, dass in dem brandenburgischen Dorf, in dem ich lebe, Flüchtlinge einquartiert wurden. Ich konnte sie und die Reaktionen auf ihre Ankunft aus nächster Nähe beobachten. Doch die Realität ist einfach zu skurril: kaum hatte ich das Buch geschrieben, waren die Flüchtlinge schon wieder weggeflüchtet.

Ist das ein Scherz? Nein. Die Syrer aus unserem Dorf sind nach Cottbus gezogen, weil sie plötzlich dort ihre Zukunft zu sehen glaubten. Dann wollten sie wieder zurück zu uns. Ihr Familienoberhaupt bereute den Umzug und sagte, die Zukunft läge auf keinen Fall in Cottbus. Jetzt weiß aber keiner, ob das überhaupt geht mit dem Zurückgehen.

Das Glück liegt also auch für Flüchtlinge immer anderswo. Ganz genau. Es bleibt eine der großen menschlichen Illusionen, dass man woanders hin muss, um glücklich zu sein. Es gibt immer mehr Flüchtlinge und Urlauber – alle wollen weg. Doch die Flüchtlinge von heute können die Urlauber von morgen sein, und umgekehrt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die ganze Welt vor sich selbst flüchtet. So lange wir aber nicht verstehen, dass die Erde rund ist und wir immer wieder an den gleichen Stellen rauskommen, mit den gleichen Problemen, macht das keinen Sinn.

Im Interview: T.C. Boyle

Good Home“ (Hanser) heißt der neue Erzählband von T.C. Boyle. Darin beweist der Amerikaner mal wieder, dass er zu Recht als Meister der Kurzgeschichte gilt. Ich hatte die Ehre, im vergangenen November eine Lesung mit Boyle zu moderieren (Foto) und ihn zu interviewen. Das Besondere an einem Gespräch mit dem 68-jährigen: Er sprüht vor Witz, Charme und Intelligenz, dass man kaum hinterherkommt. Für SPIEGEL ONLINE habe ich ihn vor ein paar Tagen noch einmal interviewt – hier das komplette Gespräch. Und hier ein kleiner Auszug:

Schreiben Sie Kurzgeschichten, um zwischen Ihren großen Romanen in Übung zu bleiben? Das ist sehr viel mehr als ein Training. Short stories sind für mich eine völlig eigenständige Kunstform. Diese klare, im Umfang begrenzte Vorgabe fasziniert mich und ich stürze mich in jede Erzählung mit genauso viel Energie wie in meine Romane. Auf Kurzgeschichten habe ich schließlich auch meine Karriere aufgebaut: 1979 erschien mein erstes Buch „Tod durch Ertrinken“, das aus 17 short stories bestand.

Seitdem haben Sie 27 weitere Bücher veröffentlicht, sind mit Literaturpreisen überhäuft worden und begeistern weltweit Zuschauer bei Ihren Liveshows. Sie sind unglaublich produktiv. Das liegt vielleicht daran, dass ich irgendwann einmal erkannt habe, dass die meisten Künstler vor ihrem Tod produktiver sind als danach. Also gebe ich Gas, arbeite hart und schaue nach vorn. Es gibt immer etwas, worüber ich schreiben will. Mein nächster Roman dreht sich um den Schweizer Wissenschaftler Albert Hofmann, der 1943 die halluzinogene Wirkung von LSD entdeckt hat.

Ihre Kurzgeschichte „Good Home“ hat – wie viele Ihrer Erzählungen – einen Schluss, der alles offen lässt. Warum verwenden Sie diese Form so gerne? Anspruchsvolle Literatur behandelt ihre Leser als gleichwertige Partner. Ich will, dass meine Leser in die Geschichte gezogen werden und sie weiterdenken, auch nach dem Ende. Diesen Prozess würde ich mit einem klassischen Schluss zunichtemachen. In „Good Home“ kann es zu einer Katastrophe kommen. Oder eben auch nicht. Das überlasse ich der Fantasie meiner Leser. So wird das Lesen zu einem doppelten Abenteuer.

Knausgard im Herbst

karl ove knausgrad, im herbst, literaturblog, günter keil, rezensionIch stehe in diesem Herbst früh auf, gegen vier Uhr morgens, wenn es draußen noch vollkommen dunkel und still ist.“

Eigentlich hat Karl Ove Knausgrad versprochen, es nie wieder zu tun. Am Schluss von „Kämpfen“, dem letzten Band seiner Tetralogie, versicherte er, dass er seiner Frau und seinen Kindern „nie wieder so etwas antun“ werde. Gemeint war wohl, so radikale Einblicke in sein Privat- und Gefühlsleben zu geben, und so viel Zeit damit zu verbringen. Doch nun, wenige Monate nach der Veröffentlichung, liegt schon wieder ein neues Knausgard-Buch zum Verkauf bereit. Und schon wieder gibt der norwegische Starautor intime Einblicke:

Gerade bin ich draußen gewesen und habe auf den Rasen gepinkelt, was ich nur tue, wenn alle schlafen und ich allein bin.“

In „Im Herbst“ (Luchterhand) erzählt Knausgard kurze Geschichten. Von Dingen, die ihn im Herbst beschäftigen, von Veränderungen der Natur, die ihm auffallen, von seinem ganz banalen Alltag. Von Fröschen, der Dämmerung, Schornsteinen, Thermoskannen, der Erde oder der Bienenzucht. Er reflektiert auch über die demütigende Macht der Wespen, die einzigartige Ausprägung von Schamlippen, das Farbenspiel von Benzinpfützen und die Form von Toilettenschüsseln. Ein schräger Mix. Kanusgard-Kenner werden diese Texte womöglich oberflächlich finden, wie eine Light-Version seiner sechs biographischen Bände. Und tatsächlich: Knausgrad geht darin nicht in die Tiefe. In einem leisen, unaufdringlichen Ton erklärt er seiner jüngsten Tochter mit diesen Anekdoten die Welt. Und sein eigenes Leben.

Wenn er über Vergebung schreibt, klingt er wie ein buddhistischer Gelehrter: „Das Geheimnis der Vergebung besteht jedoch darin, dass sie einen Ort entstehen lässt, tief im Einzelnen verwurzelt, an dem kein anderer Macht besitzt, und wenn man einmal dorthin vordringt, wo andere Menschen nichts bedeuten, findet man eine Stärke, die einem keiner nehmen kann.“

Weniger radikal, nicht so schonungslos, und längst nicht so ausschweifend: Knausgrad hat also doch Wort gehalten – „so etwas“ wie seine Tetralogie hat er dann doch nicht verfasst. Nur den Auftakt zu einem vierbändigen Jahreszeiten-Zyklus, der sich ideal als Einstieg für Leser eignet, die sich bis jetzt nicht an Knausgards große Werke getraut haben.

Jetzt fallen nach und nach die Blätter des Kastanienbaums und bedecken den Steinplattenweg auf der Erde, der nur hier und da sichtbar ist.“

Fitzgerald & Poe – Kleines von den Großen

n, literaturblog günter keil Dass Literaturlegenden oft vielseitiger geschrieben haben als bekannt, zeigen zwei neu übersetzte Sammlungen:

Edgar Allan Poes „Unheimliche Geschichten“ (dtv) und F. Scott Fitzgeralds „Für dich würde ich sterben“ (Hoffmann und Campe). Jeweils mehr als ein Dutzend short stories, die einen neuen Blick auf die beiden Klassiker möglich machen – und ihre Genialität bestätigen.

Poe, 1849 verstorben, gilt als Erfinder der literarischen Moderne. Die wegweisenden, von Charles Baudelaire herausgegebenen Bände, machten Poe berühmt, als er noch um jeden Auftrag froh war. Neu zu entdecken gibt es Detektiv- und Abenteuergeschichten, Lyrik, mysteriöse Erzählungen, Essays und Grotesken. Eine wunderbare bibliophile Neuausgabe.

Und Fitzgerald? Vor 77 Jahren verstorben, und dennoch präsent. Aber meist reduziert auf Gatsby, Gatsby, Gatsby. Dass er viel mehr beherrschte als elegante Milieustudien und High-Society-Dramen, zeigen diese erstmals auf Deutsch erscheinenden Texte und Filmexposés aus den 1930er-Jahren. Melancholische Liebesgeschichten, kuriose Dramen und charmante Possen. Zum Vertiefen.