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Schlagwort-Archive: Kurzgeschichten

n, literaturblog günter keil Dass Literaturlegenden oft vielseitiger geschrieben haben als bekannt, zeigen zwei neu übersetzte Sammlungen:

Edgar Allan Poes „Unheimliche Geschichten“ (dtv) und F. Scott Fitzgeralds „Für dich würde ich sterben“ (Hoffmann und Campe). Jeweils mehr als ein Dutzend short stories, die einen neuen Blick auf die beiden Klassiker möglich machen – und ihre Genialität bestätigen.

Poe, 1849 verstorben, gilt als Erfinder der literarischen Moderne. Die wegweisenden, von Charles Baudelaire herausgegebenen Bände, machten Poe berühmt, als er noch um jeden Auftrag froh war. Neu zu entdecken gibt es Detektiv- und Abenteuergeschichten, Lyrik, mysteriöse Erzählungen, Essays und Grotesken. Eine wunderbare bibliophile Neuausgabe.

Und Fitzgerald? Vor 77 Jahren verstorben, und dennoch präsent. Aber meist reduziert auf Gatsby, Gatsby, Gatsby. Dass er viel mehr beherrschte als elegante Milieustudien und High-Society-Dramen, zeigen diese erstmals auf Deutsch erscheinenden Texte und Filmexposés aus den 1930er-Jahren. Melancholische Liebesgeschichten, kuriose Dramen und charmante Possen. Zum Vertiefen.

matthias brandt, raumpatrouille, rezension, literaturblog, günter keil Ein Junge erzählt. Frei heraus, schelmisch und schlau. Er berichtet von dem Tag, an dem er die Gardinen im Haus seiner Eltern in Brand steckt. Von seinem geliebten Hund Gabor, den er als Kopfkissen benutzt, um am Himmel die Wolken zählen zu können. Von seiner ersten Stuyvesant, die er mit einem Schulkameraden raucht. Vom Norwegenurlaub mit seiner Mutter. Von der Astronautenausrüstung, die er statt der Schulbücher kauft.

In Matthias Brandts kurzen Kurzgeschichten „Raumpatrouille“ (Kiepenheuer & Witsch) werden die 70-er-Jahre zum Leben erweckt. Mit Tri Trop, Eichenholzeinbauschränken, Kondensmilch, Bonanza-Fahrrädern und Pantoffeln. Was daran liegt, dass der Ich-Erzähler sehr genau hinguckt und beschreibt. Der Zehnjährige ist natürlich der Autor selbst, aufgewachsen am Rande von Bonn, als Sohn von Willy Brandt. Sein berühmter Vater spielt in den liebevoll und leicht ironisch erzählten Geschichten jedoch nur eine Nebenrolle. Denn meist ist er nicht da, oder er arbeitet, immer eine Zigarette im Mund. Nur seine Bodyguards sind allgegenwärtig, und der Junge versucht sie gelegentlich abzuschütteln.

In seinem literarischen Debüt zaubert Brandt die Magie seiner alltäglichen und doch besonderen Kindheit zwischen zwei Buchdeckel. Er hat ein beeindruckendes Gespür für berührende und skurrile Szenen, für die Perspektive seines zehnjährigen Alter Egos. Ein stilsicheres Buch, mit dem Brandt augenzwinkernd beweist, dass er nicht nur ein großer Schauspieler, sondern auch ein sehr talentierter Autor ist.

In letzter Zeit hatten sich bei mir zwei Berufswünsche herausgebildet: Astronaut, und falls das nicht klappte, Briefträger.“

snelaBloß nicht wundern! Dieser Autor erfindet die deutsche Sprache neu. Er spielt, experimentiert und jongliert mit Worten. Viele Formulierungen aus Jan Snelas erstem Erzählband „Milchgesicht“ (Klett-Kotta) haben die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen. Oder Entzücken. Oder: Verwirrung. Sicher ist: sie sind fast immer kurios.

Ich sah den Himmelsozean sich in sich selbst verlieren, durchschwirrt von Schwalben, die keine Fische waren.“

Snelas mit dadaistischen Einschüben aufgepeppte Sprache lässt sich nicht eindeutig einer Gattung zuordnen. Der 36-jährige Autor ist ein geistreicher Schelm, der mal überdreht-komödiantisch, mal sanft-schwärmerisch drauflos fabuliert.

Es blinken Auspuffrohre der neben Hauseingängen geparkten Feuerstühle, die auf Visiten brummböser Buben bei born-to-be-wild-geborenen, ehrbaren Töchtern schließen lassen.“

Ist das nun literarischer Klamauk oder hochgeistige Unterhaltung? Oder beides? Hinter Snelas heiterer Attitüde steckt jedenfalls immer auch das Werk eines akkuraten Handwerkers, eines tiefgründigen Sprachpoeten.

Meine umfassende Rezension ist soeben im Magazin Münchner Feuilleton erschienen.

wagnerEin Zuhause, das seinen Bewohnern durch den Tod eines Familienmitglieds fremd wird. Ein Mensch, der in einem Flugzeug sitzt, das plötzlich vom Himmel verschwindet. Ein Schuss, der die Stille durchbohrt, in der sich ein Einbrecher sicher gefühlt hat. Ein Mann, der einfach nur dasteht und eindringlich beobachtet. – Vier Situationen aus „Sonnenspiegelung“ (Galiani Berlin), dem ersten Erzählband Jan Costin Wagners.

Der 43-jährige ist für seine feinsinnigen, geradezu poetischen Kriminalromane vielfach ausgezeichnet worden. Auch in den neuen Kurzgeschichten dominiert sein klarer, ruhiger Stil, hinter dem sich Abgründe auftun. Wie eine sanfte Schneedecke legt sich Melancholie über die Figuren. Wagner schreibt über Trauer, Ohnmacht, Schuld und Rache. Über dunkle Familiengeheimnisse, die plötzlich ans Tageslicht kommen. Und über die Last des Loslassens nach einer Tragödie. Acht bewegende Geschichten – stille Dramen, knappe Psychostudien und unkonventionelle Kurzkrimis.

„Der Tag, an dem sie zurückkehrt, ist ein 24. Dezember, und die Welt ist weiß.“

wessDa liegt es, das neue Buch von Kathrin Weßling. Es vibriert. Zittert, bebt, brüllt. Nur manchmal verkriecht es sich in eine Ecke, ganz still und traurig. Und es fällt, wie seine Protagonisten.

In „Morgen ist es vorbei“ (Luchterhand) schreibt Weßling darüber, wie Liebe entsteht, und vor allem: wie sie vergeht. Und: was mit den Menschen passiert, die zurückbleiben. Wie verzweifelt, wütend, betäubt und verängstigt sie sind. 14 Stories über Schmerz, Trauer, Einsamkeit und Hoffnung. Kathrin Weßling guckt dorthin, wo es weh tut. Aber auch in die Richting, in der etwas Neues entstehen kann. „Morgen ist es vorbei“ reden sich ihre Protagonisten immer wieder ein, und ihre Freundeskreise versuchen sie aufzumuntern. Aber so einfach ist es natürlich nie, wenn sich Liebeskummer breit macht.

Die 30-jährige Autorin schreibt unglaublich intensiv und authentisch, und verfeinert ihre Beobachtungen zu literarischen Fallstudien. Ein starkes Buch voller Energie, ohne Happy Ends. Und trotzdem macht es Mut. Denn Weßling zeigt den Liebenden und Leidenden: Ihr seid nicht allein. Liebeskummer ist überall.

blasimAktuelle Kurzgeschichten aus dem Irak, so etwas gab es noch nie bei einem renommierten deutschen Verlag. Texte über Halbwüchsige, die stehlen. Über Militärpolizisten, die ihre Mitbürger schikanieren. Über verzweifelte Flüchtlinge. Der 42jährige irakische Autor Hassan Blasim erzählt in „Der Verrückte vom Freiheitsplatz“ (Kunstmann) von Menschen in einer erbarmungslosen Welt und von einem Land, das sich seit 35 Jahren im Krieg befindet. „Es gibt nur noch Hungrige, Mörder, Analphabeten, Soldaten, Dörfler, Beter, Verirrte und Unterdrückte“ meint einer seiner Protagonisten. Blasim schildert makabere Morde, heruntergekommene Viertel und brutale Religionskämpfe. Er beobachtet Gemüsehändler, Taschendiebe und Zigarettenverkäufer. Gelegentlich dreht der nach Finnland emigrierte Autor seine Geschichten ins Surreale und überzeugt mit subtilem Charme. Nachhaltige Hoffnung auf einen neuen Irak hat Blasim kaum noch, denn „der brüchige Friede, der zurzeit herrscht, ist nichts als ein schlafender Vulkan.“