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Schlagwort-Archive: Jan Costin Wagner

wagnerEin Zuhause, das seinen Bewohnern durch den Tod eines Familienmitglieds fremd wird. Ein Mensch, der in einem Flugzeug sitzt, das plötzlich vom Himmel verschwindet. Ein Schuss, der die Stille durchbohrt, in der sich ein Einbrecher sicher gefühlt hat. Ein Mann, der einfach nur dasteht und eindringlich beobachtet. – Vier Situationen aus „Sonnenspiegelung“ (Galiani Berlin), dem ersten Erzählband Jan Costin Wagners.

Der 43-jährige ist für seine feinsinnigen, geradezu poetischen Kriminalromane vielfach ausgezeichnet worden. Auch in den neuen Kurzgeschichten dominiert sein klarer, ruhiger Stil, hinter dem sich Abgründe auftun. Wie eine sanfte Schneedecke legt sich Melancholie über die Figuren. Wagner schreibt über Trauer, Ohnmacht, Schuld und Rache. Über dunkle Familiengeheimnisse, die plötzlich ans Tageslicht kommen. Und über die Last des Loslassens nach einer Tragödie. Acht bewegende Geschichten – stille Dramen, knappe Psychostudien und unkonventionelle Kurzkrimis.

„Der Tag, an dem sie zurückkehrt, ist ein 24. Dezember, und die Welt ist weiß.“

costinJetzt mal ganz LAUT: Jan Costin Wagner ist einer der besten Krimiautoren Europas. Dennoch ist es merkwürdig STILL um ihn. Warum? Vielleicht, weil er nicht bei einem der Großverlage veröffentlicht. Oder weil sein Serienheld, der finnische Polizist Kimmo Joentaa, ein STILLER Melancholiker ist. Wie auch immer: „Tage des letzten Schnees“ (Galiani Berlin) heißt Wagners neuer Roman. Viele Sätze darin wirken wie Gedichte: „Er spürte den Aufprall hinter der Stirn, und sein Blick glitt zur Seite, in Richtung der Fenster, in die sonnige Winterwelt, die wie die Ahnung einer Sehnsucht vorüberflog“. Wagner kann nicht nur literarisch hochwertig formulieren. Er jongliert lässig mit drei Handlungssträngen: das Ehepaar Ekholm trauert um seine Tochter Anna, die bei einem Autounfall stirbt. Der Investmentbanker Markus Sedin verliebt sich in eine rumänische Prostituierte. Und ein junger Mann bereitet sich auf einen Amoklauf vor. Wagner kleidet diese Geschichten in kurze, meditative Sätze. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – ist die Spannung kaum auszuhalten. Mehr verrate ich nicht. Sondern sage noch einmal ganz LAUT: Lest Wagner!