Tieftraurig & wunderschön

ani-2Menschen, die sich aus Trauer und Einsamkeit betrinken. Die sich von ihrem Leben ausruhen oder dem, was davon übrig ist. Die aus Verzweiflung lügen.

Ein Ermittler, der die Augen schließt, damit die Welt verschwindet. Der versucht, an der Grenze zur Unhöflichkeit abwesend zu wirken. Der so lange schweigt, bis andere aus ihrem Selbstschutzpanzer herausklettern.

„Der einsame Engel“ (Droemer), Friedrich Anis neuer Tabor-Süden-Roman. Einer seiner besten. Süden und seine Detektei-Kolleginnen sollen einen Geschäftsmann finden, der seit zwölf Tagen verschwunden ist. Mühsam ringt sich Süden zu Befragungen durch – eigentlich möchte er nur um seine verstorbenen Freunde trauern und sich besaufen.

Wir tranken aus Gewohnheit. Und wenn die Kellner hinter uns die Stühle auf die Tische stellten, bekamen wir es mit der Angst. Draußen wartete die Nacht, und in meiner Wohnung hockte ein Fremder, der meinen Namen angenommen hatte, weil er glaubte, auf diese Weise unbeschadet über die Grenze ins Morgen zu gelangen.“

Friedrich Anis Prosa berührt, bis die Tränen kommen. Viele seiner Sätze sind tieftraurig und wunderschön. Sätze, die noch einmal gelesen, gefühlt werden wollen. Sätze, hinter denen die Sorgfalt und das Feingefühl eines großartigen Schriftstellers stecken.

Ani erweist den Vergessenen, Gestrandeten und Vernachlässigten, den in München schon fast Unsichtbaren erneut seinen Respekt. Er zeigt einfache, verzweifelte Menschen, ohne sie vorzuführen, ohne Sozialkitsch. Zum Wohlstandsbauch Münchens schreibt Ani: „An diesem Bauch perlten die Krisen strukturschwacher Stadtteile und die wachsende Not gewöhnlicher Wohnungssuchender ab wie Schweißtropfen auf den sonnengebräunten Wampen von Rimini-Urlaubern.“

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