Der Schneeleopard

Schneeleoparden zählen zu den seltensten Tieren der Welt. Sie leben meist in 4.000 bis 5.000 Meter Höhe, sie töten blitzschnell ihre Beute im Sprung, und sie sind für Menschen kaum zu erkennen. Deswegen gleicht jeder Versuch, auch nur einen einzigen Schneeleoparden zu entdecken, einem Abenteuer. Und vor allem: Einer schwierigen Übung von Geduld und Achtsamkeit, einer anstrengenden Meditation. Denn nur wer tage- und wochenlang still wartet, hat eine Chance auf eine kurze Begegnung aus weiter Ferne.

In „Der Schneeleopard“ (Rowohlt, übersetzt von Nicola Denis) erzählt der französische Schriftsteller und Abenteurer Sylvain Tesson von seiner Suche nach dem edlen Tier. Gemeinsam mit dem Fotografen Vincent Munier und zwei weiteren Belgeiter*innen reiste Tesson nach Tibet. Auf einer entlegenen Hochebene legte er  sich auf die Lauer und wartete und wartete und wartete. Er beobachtete Wölfe, Yaks, Wildesel, Raubvögel, Gazellen und Füchse, und er wartete weiter auf den Schneeleopard.

Von dieser wochenlangen Zeit der geschärften Aufmerksamkeit, der Stille, der Annäherung, schreibt Sylvain Tesson präzise, elegant und geradezu poetisch. Zum Glück ist er kein selbstverliebter Schwätzer, sondern ein reflektierender, philosophierender Beobachter, der mit Selbstironie nicht spart und einen feinen Humor pflegt. So entsteht aus dem entschleunigten Abenteuer ein kluges Plädoyer fürs Bewahren. Denn Tesson und sein Gefährt*innen sind keine Jäger, keine Wissenschaftler, sondern Künstler. Sie wissen, dass das Tier und die es umgebende Natur ihnen überlegen sind.

Eines Tages taucht tatsächlich ein Schneeleopard auf, stolz, schön, gefährlich und geduldig. Und schon bald verschwindet er wieder. Tesson berichtet von dem Glücksgefühl, ihn gesehen zu haben. Und von der Gewissheit, als Mensch in einer viel niedrigeren Liga zu spielen – als eine lächerliche, zerstörerische Spezies.

Die Erfindung des Dosenöffners

In Tarkan Bagcis „Die Erfindung des Dosenöffners“ (Ullstein) hat Timur einen Traum: Als Star-Journalist wird er über die ganz großen Themen schreiben. Sein Leben wird endlich einen Sinn haben, und natürlich wird er auch seine Traumfrau kennenlernen. Dumm nur, dass es beim Traum bleibt.

Stattdessen steckt Timur in einer Lokalredaktion fest. Der Job ist frustrierend, die Kleinstadt nervt, und Timurs Freunde scheinen Karriere zu machen, ein aufregendes Leben zu führen. Nur er fühlt sich als Loser, gestrandet in der Bedeutungslosigkeit.

Aber dann riecht er sie doch noch, die Hammer-Story: eine alte Frau im Rollstuhl behauptet, dass sie den Dosenöffner erfunden hat und damit reich geworden ist. Timur fährt mit ihr in die Schweiz, und bei dem turbulenten Rod Trip verändert sich sein Blick aufs Leben. Von der coolen, frechen Rentnerin lernt er, dass das Glück manchmal viel näher liegt als man glaubt. Dass das Unspektakuläre erfüllender sein kann als die große Karriere.

Eine herrlich komische Geschichte mit trockenen Kommentaren und köstlichen Vergleichen. Ein Generationen verbindendender, witziger und weiser Roman von Comedy-Profi Tarkan Bagci.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 13. März auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Durch Bosnien im Opel Astra

„Vielleicht ist das Erinnern für mich wie ein zugefrorener See – trüb und glatt -, an dessen Oberfläche sich von Zeit zu Zeit ein Riss auftut, durch den ich meine Hand stecken und ein Detail, eine Erinnerung, im kalten Wasser fassen kann. Doch zugefrorene Seen sind heimtückisch.“

Sara und Lejla, zwei junge Frauen, fahren in Lana Bastašićs Debütroman „Fang den Hasen“ (S. Fischer übersetzt von Rebekka Zeinzinger) in einem Opel Astra quer durch Bosnien. Lejla ist wild und ruppig, sie schmeißt blutige Tampons und alte Kassetten zum Fenster raus. Sara dagegen ist kontrolliert und sie fragt sich, was diese gemeinsame Reise eigentlich soll. Klar, sie wollen nach Wien, denn dort lebt Lejlas Bruder Armin, in den Sara früher verliebt war. Und der eines Tages spurlos verschwunden war. Doch im Grunde genommen kennt Sara Leijla gar nicht mehr, und meist geht sie ihr auf die Nerven.

12 Jahre ist es her, dass Sara Bosnien den Rücken gekehrt hat, um in Dublin ein neues Leben zu beginnen. 12 Jahre herrschte absolute Funkstille zwischen den beiden alten Schulfreundinnen. Jetzt sitzen sie tagelang nebeneinander, auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, und auf der Suche nach Armin. Ein erstaunlicher Freundschaftsroman, sehr wach und scharfzüngig, über heimtückische gemeinsame Erinnerungen. Liest sich wie echte Indie-Literatur mit eigenem Sound, der zwischen rotzfrech und poetisch schwankt.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 13. März auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Warum ich keine Bücher verreiße

Ich habe keine Lust auf Verrisse. Auf die akribische Suche nach Schwächen und Fehlern, auf eitle Belehrungen und verletzende Schmähungen.

Wozu sollte das auch gut sein? Wem hilft es, wenn Literaturkritiker*innen den Platz, der ihnen in Medien zur Verfügung steht, für Bücher nutzen, von denen sie abraten? Klar: Wenn selbstgefällige Rezensenten ein vernichtendes Urteil fällen, gibt es Schlagzeilen, Klicks und mediales Echo. Aber: Wäre es nicht viel besser, konstruktive Kritik zu üben? Begründete Empfehlungen zu geben? Zum Kauf guter Bücher anzuregen statt vom Erwerb schlechter Literatur abzuraten?

Literaturkritik ist ein komplexes, widersprüchliches Thema. Sie schwebt irgendwo zwischen Journalismus und Literaturwissenschaft, zwischen Lesebegeisterung und Prüfmechanismen. Rezensionen sind so vielfältig wie ihre Verfasser*innen, und die Bandbreite von Literaturkritik ist enorm – sie wird seit Jahren immer größer. Ihr Spektrum reicht von digitalen Buchplattform-Kommentaren, Leserkreis-Tipps und Regionalzeitungs-Buchbesprechungen, über Blogs und Vlogs, bis zur literaturgeschichtlich eingeordneten Feuilletonkritik in Qualitätsmedien.

Diese Vielfalt ist wichtig. Und es lohnt sich, den riesigen Raum zwischen Lob und Tadel, Demütigung und Glorifizierung, Empfehlung und Analyse zu untersuchen. Was passiert dort? Warum begeistern sich die einen für Bücher, während die anderen Werke schmähen? Und was macht mehr Sinn?

Beginnen wir damit, was für mich „gute“ Literatur ist. Bei meinen Rezensionen lege ich ganz bewusst den Bewertungsfokus auf den unmittelbaren Effekt von Romanen. Denn sie sollten Reaktionen auslösen: Freude, Empathie, Spaß, Überraschung, Bestätigung, Trauer, Wut, Fassungslosigkeit. Bloß nicht: Gleichgültigkeit und Langweile. In der Folge passiert dies: Gute Bücher wecken Interesse und schaffen Verständnis für die Situation anderer Menschen. Sie irritieren, verstören, kurz: sie berühren die Seele. Sie unterhalten nicht nur, sondern regen indirekt an, über sich und die Welt nachzudenken. Wenn wir beim Lesen etwas über andere Lebenswelten (oder uns selbst) lernen, verstehen wir diese (und uns) besser.

Gleichzeitig dürfen und sollen uns Geschichten aus dem Alltag entführen, geradezu wegbeamen, und wenn sie das können, wenn sie uns vergessen und abschalten lassen, wenn sie zur Erholung und Erfüllung beitragen, dann sind sie gute Geschichten. Davon bin ich überzeugt.

Moment mal! Ruft an dieser Stelle die traditionelle Literaturkritik. Das ist doch eine völlig unqualifizierte, subjektive Wohlfühlperspektive. Wo bleiben die üblichen Kriterien? Die Qualitätsmaßstäbe betreffend Sprache, Aufbau, Originalität und Relevanz?

Keine Sorge. Sie gelten nach wie vor. Und sie sollten auch Teil (m)einer Rezension sein. Aber sie sollten unterschiedliche Zielgruppen berücksichtigen und nicht von oben herab gepredigt werden. Vor allem sollten sie nicht davon ablenken, dass auch eine scheinbar objektive Beweisführung eines Experten subjektiv ist – anerkannte Literaturkritiker widersprechen sich häufig. Dieser Diskurs ist erfrischend, doch die alleinige, einseitige Vernichtung eines Werkes ohne Widerspruch, das Contra ohne Pro, ist – ja, kontraproduktiv. Eine Seite Verriss – wozu? Um sich an der eigenen Überlegenheit zu erfreuen? Um sich über ein Buch echauffiert zu haben, während dutzende empfehlenswerte Bücher keine Erwähnung finden? Das schadet der Literatur.

Nicht zu vergessen: Auch ein herausragender literarischer Text kann zum Gähnen langweilig sein, wohingegen eine scheinbar simple Geschichte bewegen und begeistern kann.

Ja, wir brauchen professionelle Literaturkritik. Um Bücher einordnen und einschätzen zu können. Um für unsere Leseentscheidung mehr zur Verfügung zu haben als Klappen- und PR-Texte oder Online-Kommentare. Kritik dient immer als Orientierung, und es hat auch durchaus seinen Reiz, wenn Denis Scheck in „Druckfrisch“ schonungslos über die Titel der Bestsellerliste urteilt. Er darf das. Denn im Rest seiner Sendung lobt und feiert er die Literatur so schwärmerisch wie kaum ein anderer renommierter Kritiker.

Selbstverständlich nähere ich mich den zu begutachtenden Werken kritisch. Doch die Stärken hervorzuheben und die Schwächen zu erwähnen, erscheint mir sinnvoller als den Finger in die Wunde zu legen. Falls mir ein Roman überhaupt nicht zusagt, schreibe ich einfach nicht darüber. Denn die Zeilen, die ich für eine Abrechnung verbrauchen würde, fehlten für Literatur, die ich ans Herz legen möchte. Und davon gibt es mehr als genug.

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

„Für das, was wir taten, gab es wieder Tradition noch Vorbild. Wir fanden es mit jedem Schritt. Dabei gab es definierte Grenzen, wir hatten uns darauf geeinigt, dass die Strafen, wie das erste Mal, Überraschungen sein würden. Er würde nicht wissen was kommt.“

Lucy bestraft Jake, ihren Mann. Drei Mal. Denn er hat sie betrogen. Doch „Die Harpyie“ von Megan Hunter (C.H. Beck, übersetzt von Ebba D. Drolshagen) ist kein typisches Ehedrama oder Mainstream-Beziehungsthriller. Der kurze Roman gleicht vielmehr einem brillanten Psychogramm.

Denn über der Geschichte von Rache und Vergebung schwebt eine Harpyie, dieses Mischwesen aus der griechischen Mythologie. Die Vogelgestalt mit Frauenkopf hat Lucy schon als Kind fasziniert, und nun, in ihrer Wut und Verzweiflung als betrogene Ehefrau, wird die Harpyie zu ihrem Vorbild. Und, noch wichtiger: Lucy wird selbst zu einer Harpyie, ihr Körper und Geist scheinen sich zu verändern, und sie findet Gefallen daran, Jake zu verletzen.

Megan Hunter genügen wenige Worte, um tiefe Abgründe einzufangen. Von Beginn an umgibt ihren Roman etwas Bedrohliches, Unheimliches – die Familienidylle wird von Lucy und Jake nur imitiert, wie von Schauspielern. Dahinter toben Stürme, und hinter Hunters reduzierter, klarer Sprache flackern Kindheitstraumata auf, stürzt das Ehepaar ins Dunkel, fällt Lucy aus der Rolle. Deren aufgewühlten, rätselhaften Zustand vermittelt die britische Autorin ungefiltert und radikal, als wären da keine Buchseiten, keine Sätze, sondern stünde Lucy persönlich vor einem, als flattere die Harpyie aus dem Roman.

Eine intensive Geschichte, und eines jener Werke, die sich im beunruhigenden Mittelreich zwischen Wahn und Wirklichkeit abspielen. Hintergründig und gefährlich wie ein Tornado.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 27. Februar auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Anderssein

„Die Fremde“ heißt dieser neue Roman aus dem Zsolnay Verlag. Claudia Durastanti, die junge Autorin, war selbst oft die Fremde. Etwa in New York, wo sie von gehörlosen italienischen Eltern geboren wurde. Später in einem Dorf in den Abruzzen, wo sie kein Wort der Landessprache verstand. Und noch eine Weile später, als sie nach London zog, um ein neues Leben zu beginnen.

Durastanti erzählt von der Suche nach einer Heimat, nach Worten, mit denen man sich verständigen kann. Sie entwirft bewegende Bilder von Migration und von dem Wunsch, endlich eine stabile Verbindung zu den eigenen Eltern zu haben, auch wenn diese ihre Tochter nicht hören können. Der Weg der Ich-Erzählerin ist steinig, und Durastanti beschreibt ihn mit herber Schönheit und zerbrechlicher Zärtlichkeit.

Zwischen New York, Italien und London besichtigt und untersucht Claudia die Ruinen ihrer Familie. Komische und gestrandete Gestalten tauchen auf, denn die Eltern sind Glücksspieler und Zechpreller und auch die amerikanische Verwandtschaft entspricht nicht dem Durchschnittsbürger-Klischee.

Eine reflektierte Familiengeschichte übers Anderssein, festgehalten in feinem melancholischen Grundton. Übersetzt von Annette Kopetzki.

Die Bagage, Teil 2

Ein Mann mit Beinprothese, der Bücher liebt, mehr alles andere.

Ein Kriegsopfer-Erholungsheim in den Bergen mit einer verborgenen Bibliothek.

Eine Frau, die nicht mehr aufsteht und sich nicht mehr wäscht.

Eine Tochter, die das merkwürdige Leben ihres Vaters einzuordnen versucht.

Zwei frisch gewaschene Kopfkissen, die noch nach den verstorbenen Eltern riechen.

Die wundersame Wärme der Waldränder.

Die Farben der Tschengla: Lilienweiß, Enzianblau und Erdbeerrot.

Der scheinheilige Wind.

Die Enge und Armut in der Südtirolersiedlung.

Das ist der Inhalt von Monika Helfers „Vati“ (Hanser) in Kurzform. Der Roman ist eine Art Fortsetzung oder Ergänzung ihres herausragenden Romans „Die Bagage“. Erneut autobiografisch angelegt, erneut in ihrer eigenen, speziellen Art zu schreiben – beim Lesen glaubt man sie sprechen zu hören. Helfer ist die Ich-Erzählerin dieser Geschichte, in dessen Mittelpunkt ihr Vater Josef steht, ein Literaturbegeisterter, ein Vorleser, ein Flüchtender, ein Außenseiter, ein Städter vom Land. Eine tragische Figur. In einem ruhigen, tastenden Ton nähert sich Helfer der Inventur seines Lebens, und sie untersucht, wie und warum er so war wie er war, früher und später. Heraus kommen dabei Grauzonen und Zwischentöne, und auch Helfer selbst scheint sich nicht festlegen zu wollen, ob sie ihren Vater nun bedauert, bewundert oder einfach nur neutral beschreibt. Ein Buch, das bewegt – nicht nur im übertragenen Sinn, sondern auch dazu, sofort wieder „Die Bagage“ zum direkten Vergleich zu verschlingen.

Ich stelle das Buch in meiner Literatursendung am 13. Februar auf egoFM vor. Zur Show hier. 

 

Tierschutz vs. Forschung, Liebe vs. Profit

Ein Schimpanse, eine junge Frau und ein Professor. So eine Dreiecksgeschichte hat die moderne Literatur noch nicht gesehen. Vielleicht aus gutem Grund, denn ähnliche Geschichten mit einem Tier rutschen bisweilen ins Lächerliche, Bemühte oder Groteske. Doch T.C. Boyle erweist sich in „Sprich mit mir“ (Hanser, übersetzt von Dirk van Gunsteren) als der perfekte Autor für dieses furiose Drama, und von der ersten Seite an spürt man seine unbändige Erzähllust. Worüber er diesmal schreibt, ganz grundsätzlich? Über Tierschutz versus Forschung, Liebe versus Profit, Frau versus Mann.

Die USA in den 1960ern. Professor Guy Schemerhorn zieht einen neugeborenen Schimpansen auf einer Universitäts-Ranch wie ein Kind auf. Er lebt mit ihm, bringt ihm die Gebärdensprache bei und versucht, seine menschlichen Seiten zu erforschen. Sam heißt das Tier, mit dem Guy Schemerhorn Karriere machen will und das er stolz in einer TV-Show präsentiert. Eine seiner Assistentinnen, Amiee, baut zu Sam ein besonders inniges Verhältnis auf. Als Monate später die Forschungsgelder gestrichen werden und Sam für Tierexperimente von einer anderen Universität beschlagnahmt werden soll, ist Aimee am Boden zerstört und beschließt, Sam zu retten.

Dank T.C. Boyles rasanter Erzählweise entwickelt die Geschichte einen starken Sog. Zwischen Sam, Aimee und Guy entstehen vielschichtige Abhängigkeiten, die Boyle genüsslich, aber durchaus mitfühlend untersucht. Ab und zu nimmt Boyle die Perspektive des Schimpansen ein. In diesen kurzen intensiven Passagen läuft Boyle zur Hochform auf – seine eigens dafür kreierte Sprache bringt Sams Dilemma und seine Verzweiflung grandios auf den Punkt.

Ob das Menschliche im Schimpansen tatsächlich überwiegt, ob die Spracherwerbsforschung an Primaten Sinn macht, ob ein Schimpanse zum zahmen Vorzeigeobjekt taugt, darüber kann nach der Lektüre trefflich diskutiert werden. T.C. Boyle zeigt, wie die Menschen Tiere manipulieren und umgekehrt. 

Ich stelle das Buch bzw. Hörbuch im Podcast „LONG STORY SHORT“ (Folge ab 9.2.) und in der „egoFM Buchhaltung“ vor. Einfach klicken und hören!

Murakamis merkwürdige Geschichten

Was will er nur damit sagen? Diese Frage stellt sich Murakami-Leser*innen seit jeher bei der Lektüre des Meisters Geschichten. Und auch nach fast jeder der acht Erzählungen seines neuen Bandes „Erste Person Singular“ (DuMont) stellt sich das vertraute Gefühl ein: Eine Mischung aus Ratlosigkeit, Faszination, Verwirrung und Verzückung. Und bisweilen Enttäuschung. Denn der japanische Schriftsteller liebt mystische Momente, Andeutungen und Experimente, und vieles bleibt im Vagen, weshalb seine Erzählungen wie literarische Skizzen wirken.

Die Hautfiguren von Haruki Murakami, nahezu ausschließlich Männer, erinnern sich stets im Rückblick, etwa an seltsamen Sex, einen sprechenden Affen, die Intelligenz einer hässlichen Frau, einen unerfreulichen Dialog in einer Bar. Haben diese Erinnerungen eine Bedeutung, einen Sinn, und entsprechen sie überhaupt der Realität? Das fragen sich Murakamis acht Erzähler selbst, und sie kommen zu keinem klaren Schluss.

In einer Geschichte erzählt ein Mann mittleren Alters von einer zufälligen Begegnung vor langer Zeit. Damals bat ihn ein alter Mann, sich einen Kreis mit mehreren Mittelpunkten und ohne Begrenzungen vorzustellen. Der Junge überlegte lange, doch er fand keine Lösung, woraufhin ihn der Alte zurechtwies: „Wozu hast du deinen Verstand? Er ist dazu da, dir unverständliche Dinge verständlich zu machen. Das ist die crème de la crème des Lebens.“ Möglicherweise sieht sich Haruki Murakami in der Rolle dieses alten Mannes – er möchte, dass seine Leser*innen ihren Verstand gebrauchen, um die Geheimnisse seiner Geschichten aufzudecken. Über den Verstand allein lassen sich seine literarischen Rätsel allerdings kaum lösen; seine Prosa hat eine bewusstseinserweiternde Ebene, und wer sich nicht auf die Welt hinter seinen subtilen, gelegentlich spirituellen Andeutungen einlässt, wird sie wohl eher befremdlich finden.

Zwar erzählen Murakamis Figuren in nüchternem, beiläufigem Ton von ihren Erlebnissen, und sie stellen sich als unbedeutende Durchschnittsmenschen dar. Doch in ihrem Inneren glimmt nicht selten ein kleines Feuer, aus dem ein Flächenbrand werden kann.

Ich stelle das Buch in meiner Literatursendung am 30. Januar auf egoFM vor. Zur Show hier. 

Von Bodyguards bewacht

Stellt Euch vor, Ihr werdet dauernd bewacht. Alles, was Ihr tut, steht unter Beobachtung. Nie seid Ihr wirklich allein und unabhängig. Ständig sorgen Bodyguards für Eure Sicherheit, ob Ihr es wollt oder nicht. Ein Alptraum, oder?

Johann Scheerer hat das tatsächlich erlebt. In seinem neuen Roman „Unheimlich nah“ (Piper) erzählt er vom Aufwachsen mit Personen- und Gebäudeschützern, von einem Teenagerleben unter Dauerkontrolle und ständiger Bedrohung. Wie kann man sich unter diesen Umständen abnabeln, erwachsen werden und zu sich selbst finden? Diese Fragen begleiten den Ich-Erzähler, einen 15jährigen, rund um die Uhr. Denn wie soll er zur Schule kommen, Partys feiern, Mädchen kennenlernen, mit seinen Bandkollegen proben, Urlaub machen, ohne dabei von Bodyguards begleitet zu werden?

„Ich hatte Angst vor der neuen, unheimlichen Nähe zu diesen Fremden. Würde ich dieser Sicherheit jemals wieder entkommen können?“

Die Antwort ist bitter: Nein. Er muss sein Leben mit seinen Bewachern teilen. Sonst ist er in Gefahr. Der Hintergrund: Sein Vater hat viel Geld geerbt, wurde entführt und erst nach 33 Tagen gegen ein Lösegeld in Millionenhöhe freigelassen. Seitdem kennt jeder seine Familie, und seine Eltern haben Angst, dass so etwas nochmal vorkommt. Deswegen die Bewachung, die Kontrolle, der Schutz. Die Familiengeschichte ist Realität: Johann Scheerer ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma. In seinem Debütroman „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ hat er bereits 2018 einen Teil seiner Erlebnisse während der Entführung verarbeitet.

In einem lockeren, authentischen Ton erzählt Johann Scheerer von seinem Alter Ego. Der Teenager im Buch versucht, sich an die neue Situation zu gewöhnen, ihr manchmal sogar etwas abzugewinnen. Er sucht Wege und Auswege. Er sehnt sich nach Freiheit und Normalität. Und doch scheitert er immer wieder an diesem Anspruch: „Ich verwendete viel Energie darauf, mich optisch anzupassen und dem Bild des eigenständigen und möglichst unabhängigen Jugendlichen zu entsprechen, wurde aber täglich damit konfrontiert, dass Eigenständigkeit in diesem Lebenssystem nicht vorgesehen war.“

Immerhin, er bekommt einen Plattenvertrag mit seiner Band, und er hat erste Beziehungen. Er zieht durch die Bars auf St. Pauli, wird volljährig, bekommt von seinen Beschützern ein Sicherheitstraining, nimmt Drogen, findet und verliert sich.

Johann Scheerer schildert drei Jahre im Leben eines ganz normalen Teenagers, der unter ganz ungewöhnlichen Bedingungen leben muss. Ein kluger Coming of Age Roman, hinter dem eine reflektierte Grundhaltung steckt. Die Figur Johann lässt tief in ihr Innerstes Blicken, schildert selbstironisch, nachdenklich, offen und komisch von Ängsten und Unsicherheiten. Von einem bewachten Leben und dem Wunsch, auszubrechen.

Ich stelle das Buch in meiner Literatursendung am 16. Januar auf egoFM vor. Zur Show hier.