Mystisch, magisch, isländisch

„Wochenlang waren wir ganz erdverbunden gewesen, hatten uns übers Kochen unterhalten, über Erziehung, Gartenarbeit und Gesundheit. Hatten Kaffee getrunken, Marmelade gekocht, klebrige Fingerchen abgewischt und ständig aufgepasst. Es war an der Zeit, den Korken aus der Flasche zu ziehen und den Geist heraus zu lassen.“

Die Isländerin Gudrún Eva Mínervudóttir erzählt in „Das Gewächshaus“ (btb, übersetzt von Anika Wolff) von einer speziellen Freundschaft. Von zwei Frauen, die Tomaten einkochen, Möhren ernten, Sauerkraut machen. Aus herbem Gemüse einfachen Genuss entwickeln. Zusammen eine Zigarette rauchen und schweigen. Gemeinsam durchs Dorf gehen, aus dem Dorf hinaus, und immer vertrauter werden, verwobener, verbundener. Das ist die Geschichte von Eva und Ljuba, die Geschichte einer Annäherung.

Eva ist neu in dem isländischen Dorf – eine Schriftstellerin, die unter Schlafstörungen leidet, einen depressiven Mann und eine kleine Tochter hat. Auf dem Land soll es für sie besser werden, doch es ist kalt, windig und viel zu lange viel zu dunkel. Dann lernt sie ihre Nachbarin Ljuba kennen, eine zupackende, positive Frau, ein Lichtblick. Ljuba führt einen Gemüseladen und baut alles selbst an. Langsam knüpfen die beiden ein enges Band, eine eigene Welt jenseits ihrer Familien. Sie kochen und rauchen, trinken Schnaps und erzählen sich von ihren Männern, ihren Müttern. So entstehen helle Momente im dunklen nebligen Dorf.

Ein mystischer, traumverhangener Roman, der mir ermöglicht hat, diesen beiden Frauen nah sein zu können, beim Lesen mit ihnen zu gehen, dabei zu sein, wie sie tiefe ferne Bereiche in sich und außerhalb erkunden. Ein kostbare Geschichte über die magische Kraft der Freundschaft, die das Bedrohliche für kurze Momente aus der Welt schaffen kann.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Stewart O′Nan über zwei Schwestern

Der erste Satz eines Romans entscheidet stark mit darüber, ob ich weiterlese. Beim Start von Stewart O′Nans neuem Roman „Ocean State“ (Rowohlt, Übersetzt von: Thomas Gunkel) war sofort klar, dass ich mehr wissen will – der Einstieg lautet:  „Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester dabei, ein anderes Mädchen zu töten.“

Ein Mord definiert also diese Geschichte, doch es ist kein Thriller, kein Krimi, manchmal dachte ich, ich bin in einer literarischen Familienaufstellung, in einem vielschichtigen Spannungsroman, in einer Sozialstudie über zwei Schwestern und in einem verhängnisvollen Beziehungsroman. Das alles kriegt Stewart O′Nan auf nur 250 flugs weggeschmökerten Seiten unter.

Die Story spielt in Westerly, einer Arbeiterstadt in Neuengland. Dort leben die Schwestern Marie und Angel mit ihrer Mutter Carol in einem heruntergekommenen Haus. Alle drei sind gut im Vertuschen – sie lügen und bagatellisieren, wenn es um ihre Probleme geht: Marie futtert zu viel, Carol ist Alkoholikerin und Angel, die 18 jährige, wird zur Täterin, als sie mit ihrem Freund das Mädchen tötet, mit dem er eine Affäre hatte.

Aus den wechselnden Perspektiven der vier Mädchen und Frauen untersucht Stewart O′Nan die Grauzonen zwischen Schuld, Mitschuld, Reue und Gerechtigkeit. Er schildert die Seelenqualen seiner Figuren, ohne sie auszubeuten. Hinter seinem feinen, reinen Stil lauern die Abgründe, in die uns die Liebe treiben kann.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Drama aus Malaysia

„Das Meer hat alles vernichtet was wir für unzerstörbar gehalten hatten. Hatte es zermalmt, unter sich begraben. Unsere mit Fischen gefüllten Teiche. Unsere Farm. All das war jetzt Teil des Meeres.“

„Wir, die Überlebenden“ (Luchterhand) des malayischen Schriftstellers Tash Aw hat mich nachhaltig beeindruckt und berührt. Es ist die Geschichte eines einfachen Mannes aus einem malaysischen Fischerdorf, der von Reichtum und Sicherheit träumt. Schon als Kind schuftet er wie ein Erwachsener, später steigt er auf zum Vorarbeiter einer Fischfarm. Doch dann wird er wegen Mordes angeklagt, und sein Traum vom sozialen Aufstieg zerplatzt endgültig. Im Roman erzählt er im Rückblick, wie alles begann und wie es so weit kommen konnte. Wie er sich enfremdete und von seinen Wurzeln entfernte.

Über das Schicksal dieses jungen Mannes erzählt der malayische Autor Tash Aw noch viel mehr, denn sein persönlicher Bericht wirkt wie eine spannende soziologische Studie. Sie zeigt, wie brutal die Arbeitsbedingungen in Sudostasien sind, wie sehr Ausbeutung, Menschenhandel und Profitgier den Fischmarkt bestimmen, wie fatal sich Gewinnstreben und Globalisierung auswirken, sogar auf ganz einfache Menschen vom Land. Denn der Druck von Firmen, Supermarktketten und Restaurants wird immer größer, es muss immer schneller und billiger produziert werden.

Also: Ein literarischer, authentischer Live-Bericht aus der Arbeiterschicht Malaysias, und das ergreifende Porträt eines Außenseiters. Die Geschichte ist so raffiniert konstruiert, dass sie einen Sog erzeugt und immer tiefer ins Leben der Hauptfigur eintaucht – ich wollte eingreifen, den Mann retten, und wahrscheinlich wollte genau das der Autor, dass wir Mitgefühl entwickeln.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Meret & Sarah

„Ich fand sie im Halbdunkel. Der Schnee, der draußen lag, warf kaltes Licht hinein. Ich brauchte einen Moment, bis ich ihre Umrisse richtig deuten konnte. Aber ich hatte gewusst, dass sie da war. Wir kannten uns mittlerweile gut genug, um die Anwesenheit der anderen zu spüren, bevor wir das Zimmer betraten.“

Klinikromane und Krankenhaus-Serien sind überhaupt nicht mein Ding. Doch obwohl Yael Inokais Roman „Ein simpler Eingriff“ (Hanser Berlin) ausschließlich in einer Klinik und in einem Schwesternwohnheim spielt, hat er mich tief berührt. Das liegt vor allem an der exzellenten Sprache, an sanften, poetischen Momenten und an etwas Rätselhaftem, Dunklem, das die sparsamen Sätze umgibt.

Da lauert also etwas hinter dem hellen, klaren Ton, und hinter dem geregelten, pflichtbewussten Leben von Meret. Die junge Krankenschwester hat die Aufgabe, Patientinnen abzulenken, während an ihnen ein spezieller Eingriff vorgenommen wird. Meret redet und spielt mit ihnen, und sie ist überzeugt davon, dass die psychischen Probleme und Wutanfälle der Patientinnen nach der OP verschwinden. Doch allmählich verliert sie den Glauben an die Macht der Medizin, denn irgendetwas kommt ihr verdächtig vor an den Eingriffen, für Frauen, die nicht der Norm entsprechen.

Während Merets Zweifel wachsen, entsteht eine ungewohnte Nähe zu ihrer Zimmergenossin Sarah. Die beiden flüstern im Dunklen, hinterlegen Dinge füreinander, Bücher, Schokoladen, Blumen und kurze Nachrichten. Sie berühren sich und genießen die Stunden zu zweit, in denen alles, was draußen vor sich geht, außer Kraft gesetzt wird. Szenen, die an Zärtlichkeit und Sprachkunst kaum zu übertreffen sind.

Ein Hauch von „Der Report der Magd“ weht durch diesen feinsinnigen Roman, der vor allem von Meret und Sarah handelt – zwei jungen Frauen, die erstmals in ihrem Leben etwas erkunden und wagen: Den Freiraum, die Freiheit, ein neues Leben inmitten eines starren Krankenhausalltags.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Ein Nobelpreisträger, der von Verständnis und Menschlichkeit erzählt

Als Abdulrazak Gurnah im vergangenen Jahr den Nobelpreis bekam, hieß es in der Jurybegründung: „Für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Flüchtlingsschicksals in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten.“ Wie treffend diese Begründung war, zeigt sich auch in Abdulrazak Gurnahs aktuell ins Deutsche übertragenem Roman „Ferne Gestade“ (Penguin, übersetzt von Thomas Brückner). In diesem Werk steckt die ganze Welt. Oder zumindest stecken Afrika und Europa darin, und erzählt wird von Flucht und Integration, von Kolonialismus und Geschichte, von Schuld und Vergebung, von trügerischen Erinnerungen und absichtlichem Vergessen.

Klingt vielleicht nach zu viel, zu schwer, zu komplex. Aber so ist es nicht. Abdulrazak Gurnah hat die seltene Gabe, sehr menschlich und verständlich zu erzählen. Etwas Weiches, Warmes, umgibt seine Sätze, und man spürt, es geht ihm um Verständnis, um Ausgewogenheit. Und so entrollt er meisterhaft seine Geschichte von zwei älteren Männern, die auf Sansibar aufgewachsen sind und nach 30 Jahren erstmals wieder aufeinandertreffen. In England, wohin die beiden Muslime unter falschen Namen geflüchtet sind.

Das, was die Männer verbindet, ist äußerst schmerzhaft: eine schwere Familienfehde, die aus Täuschung, Hass, Lügen und Vertreibung besteht. Die Erbstreitigkeiten, in die sie verwickelt sind, machen sie zu Feinden – und dennoch hören sie sich jetzt im Exil erstmals zu, sie brechen ihr Schweigen, vergleichen ihre Erinnerungen und lernen die Geschichte ihres Schicksals neu.

Abdulrazak Gurnah erzählt sanft, aber mit großer Spannung davon, wie zwei Menschen endlich eine gemeinsame Version ihrer Vergangenheit finden. So entsteht etwas sehr Versöhnliches und Verbindendes, das jedoch überschattet wird von den bewegenden Lebensgeschichten der zwei Afrikaner, von Flucht und Gefängnis, Verrat und Täuschung. Ein Roman, der zeigt, dass die Menschlichkeit siegen kann.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Minimalismus versus Vergnügungswahn

„Sein Kapital wuchs nicht durch Addition, sondern Substraktion. Sein einsamartiger Reichtum bestand darin, dass er weder Mammon noch Menschen, Zuneigung, Anerkennung, Trost oder Liebe brauchte.“

„Wir alle sind Widerlinge“ von Santiago Lorenzo (Heyne Hardcore, übersetzt von Karolin Viseneber & Daniel Müller) ist ein spezieller Roman, bei dem ich viel gestaunt und geschmunzelt habe. Eine ironische Parabel auf das Glück der Einsamkeit und den Irrsinn des modernen Freizeitlebens.

Zum Plot: Manuel flüchtet aus Madrid, denn er hat in Notwehr einen Polizisten verletzt und fürchtet, ins Gefängnis zu kommen. In einem verlassenen Dorf taucht er unter und findet dort seinen Seelenfrieden. Er versorgt sich selbst, baut ein heruntergekommenes Häuschen wieder auf, und beschäftigt sich sonst nur noch mit Nichtigkeiten. Manuel schläft lange, geht ohne Ziel spazieren, stopft ein Loch in seiner Hose, und spürt mit jeder Woche, mit jedem Monat, wie glücklich ihn das Alleinsein macht. Er genießt die Verkargung, wie er seinen Rückzug nennt.

Doch dann beziehen Leute aus der Stadt das Haus nebenan. Sie feiern und lärmen, glotzen laut Trash-TV und hören dummes Hitparadengedudel. Und natürlich bimmeln ständig ihre Handys. Manuels Ruhe und Selbstversunkenheit ist dahin, und so beschließt er, sich zu rächen, seine Freiheit zu verteidigen.

Für mich ist das ein modernes Märchen über die Absurdität und Lächerlichkeit des modernen Freizeitlebens, des laut seins und permanent beschäftigt seins, statt inne zu halten und die Klappe zu halten. Eine grandiose, mit trockenem Humor erzählte Geschichte über den Kampf Minimalismus gegen Vergnügungswahn, Achtsamkeit gegen Freizeitterror.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Eine Revolution muss her!

„Wir bedeuten nichts, wir zählen nicht, wir haben unsere Welt verloren. Darum kämpfen wir jetzt.“

Da ist sie endlich wieder, die Göttin der modernen Dystopie. Sibylle Berg. Ihr neuer radikaler Roman „RCE“ (Kiepenheuer & Witsch) tut weh, rüttelt auf, packt den ganzen Irrsinn unserer Welt auf knapp 700 Seiten. Ein Meisterwerk. Über die Revolution, die längst fällig ist.

Sibylle Berg zeigt, wohin es führt, wenn wir so weitermachen mit noch mehr Konsum und Kapitalkonzentration, „dem Einpeitschen des Wettbewerbs in Kinderhirne“, wenn wir als Vorbilder „Konzernchefs, Milliardäre, Macher, mutige Männer“ feiern, von denen wir radikalisiert und ermuntert werden, noch kapitalistischer zu handeln. Im RCE-Szenario glaubt keiner mehr an irgendetwas, außer an Geld. Während die Masse der Menschen ums Überleben kämpft, desillusioniert und hoffnungslos, bereichert sich eine Minderheit dreister denn je.

Doch Moment. Stop. Eine Gruppe von jungen europäischen Hackern kämpft gegen den neoliberalen Wahnsinn. Maggy, Ben, Kemal, Pavel, Rachel und Don planen den Sturz des Systems. Sie wollen die Apathie der Massen in Wut verwandeln, und dazu starten sie eine PR-Kampagne gegen Lobbyismus, Bestechung, Korruption und die fatale Verknüpfung von Industrie, Kapital und Politik.

Präzise, messerscharf, böse, schonungslos und mit dem ihr eigenen dunkeln Ironie. So schreibt Sibylle Berg, während sie ihren Plot vorantreibt, nah an ihre Held*innen heranzoomt und diese durch ganz Europa jagt. Ein komplexer Roman mit der Faktendichte von drei Sachbüchern und mit 20 Schauplätzen. Kühn konstruiert, mit rasanten Schnitten und in einer speziellen, Poetry Slam ähnlichen Diktion verfasst – kurz: Kunst. Wer diese 700 Seiten Politik-Gewitter durchhält, spürt wie nah wir Sibylle Bergs Dystopie schon sind, wie dringend wir für eine andere, humanere, sozialere Welt kämpfen sollten.

„RCE“ ist übrigens nach „GRM“ Teil 2 einer Trilogie. Ich stelle das Buch am Samstag, 14.5., in meiner Literatursendung bei egoFM vor – ihr hört die Show ab Montag hier im Stream.

Beste Freundinnen, 23 Jahre getrennt

Eigentlich hätte das Leben doch so aufregend, so anders sein können. So hat es sich zumindest damals zur Schulzeit angefühlt, als Ines und Kirsten sich vorgenommen haben etwas Großes, Fantastisches zu erleben. Doch jetzt, 23 Jahre später, ist davon nichts geblieben. Ines und Kirsten haben sich aus den Augen verloren, und sie erkennen beide, wie der Verlust der besten Freundin das ganze Leben geprägt hat.

Im ersten Teil ihres Romans „Nachtwanderung“ (Wunderraum) erzählt Cornelia Achenbach schonungslos von Ines, die als berufstätige Mutter erschöpft und überfordert ist. Ihr Leben kommt ihr spießig, vorhersehbar und langweilig vor. Ines stellt sich vor, dass Kirsten ganz anders lebt, denn sie war früher selbstbewusst und stark, schnell und einfallsreich. Doch im zweiten Teil des Romans wird klar, dass auch Kirstens Leben eine verhängnisvolle Entwicklung genommen hat. Fast so krass wie das Ende von Kurt Cobain, den die beiden in ihrer schwermütigen Jugend ständig zu Bier und Zigaretten gehört haben.

Im dritten Teil spitzt Cornelia Achenbach ihre intensive, kurze Story zu – die beiden Frauen begegnen sich auf einem Klassentreffen zum ersten Mal wieder, und all die Erinnerungen und Enttäuschungen krachen in diesen Moment. Ein starker, unverstellter Roman über Freundschaft, Lüge und Verrat. Über beste Freundinnen, dramatische Lebenslinien und psychische Gewalt.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Der alleinerziehende Lothringer

Alleinerziehende Väter spielen in der Literatur selten eine Hauptrolle – kein Wunder, sind sie doch auch in der Realität eine Ausnahme. Ihre Probleme ähneln jenen der Mütter allerdings stark, wie dieser kurze Roman von Laurent Petitmangin zeigt. In „Was es braucht in der Nacht“ (dtv, übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller) eine Hauptfigur, einen Monteur aus Lothringen, der seit dem Krebstod seiner Frau komplett überfordert ist.

Seine Söhne Fus und Gillou machen ihm zwar zunächst keine Sorgen; er bringt sie zum Fußball und in den Ferien zum Zelten, kocht und lernt mit ihnen. Doch seitdem Fus 20 Jahre alt ist, hängt er mit einer rechtsextremen Clique ab. Sein Vater, ein Sozialist, ist schockiert. Fortan wird die Kluft zwischen den beiden immer größer – sie schweigen sich erbittert an und gehen sich aus dem Weg. Nur der Fußball bleibt neutrales Terrain und sorgt für ein paar Stunden für eine Verbindung.

Der verunsicherte Vater kämpft mit Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schuldgefühlen, während Fus mit seinen Kumpels Flugblätter für den Front National verteilt und schließlich in eine tödliche Schlägerei gerät, für die er sich vor Gericht verantworten muss.

Laurent Petitmangin erfasst in wenigen Worten das Drama einer Familie, einer Region, eines Landes. Seine Tragödie spiegelt die Spaltung der Gesellschaft abseits der Großstädte, und sie porträtiert Menschen, die sich fragen, wer denn nun auf der Seite der Arbeiter steht? Die Sozialisten oder der Front National? Auf nur 160 Seiten erzählt Petitmangin von den privaten Problemen eines alleinerziehenden Mannes, hinter denen das ganze politische Dilemma Frankreichs steht: Strukturwandel, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Armut. Ein großer kleiner Roman, knapp, ehrlich, bodenständig.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Casablanca, 1994

Die Sonne von Casablanca bringt einem zum Schmelzen, heißt es gleich auf der ersten Seite von Abigail Assors „So reich wie der König“ (Insel, übersetzt von Nicola Denis), und mich hat dieser Roman zum Schmelzen gebracht. Er erzählt die funkelnde Geschichte einer 16jährigen Französin aus einem Armenviertel, die nur eines will: Den sozialen Aufstieg. Einen reichen Mann, ein Leben im Luxus, in den Villenvierteln auf den Hügeln.

Für dieses Ziel ist Sarah bereit alles zu opfern, ihre Würde, ihren Körper. Sie weiß, wie sie mit ihren Augen all ihren Charme und ihre Schönheit versprühen kann, und sie weiß, wie sie ihre Armut verbregen kann. Nach einem raffinierten Plan verführt sie schließlich Driss, den reichsten der jungen marokkanischen Männer. Wird es ihr gelingen ihn zu heiraten? Beim Lesen bangt und fiebert man mit dem Mädchen, das keine Grenzen zu kennen scheint und der das Risiko ihres Spiels lange nicht bewusst ist.

Die Geschichte vom sozialen Aufstieg erzählt die Assor in eleganter, warmer, weicher Prosa, obwohl sie harte Themen behandelt: Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Gewalt und Ausbeutung. Hinter der perfekten literarischen Form lauert die bittere Realität, und Sarah, die 16jährige, merkt, dass sich Driss mit Geld alles kaufen kann was ihr bisher verborgen blieb, einfach so, weil er in eine wohlhabende muslimische Familie geboren wurde.

Also: Ein glitzernder vielschichtiger Casablanca-Roman, der 1994 spielt und dem man anmerkt, dass die Autorin selbst dort aufgewachsen ist. Abigail Assor fängt die Schönheit und die Brutalität der Stadt gekonnt ein und navigiert stilsicher durch alle Wohnviertel und Gesellschaftsschichten. Die 32jährige lebt schon lange in Paris, und ihr Debüt war für den Prix Goncourt de Premier nominiert.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).