Die indischen drei ???

Hmmmm. Hier riecht es köstlich nach dampfenden Süßkartoffelwürfeln, bestrichen mit Masala und Limonensaft. Nach Maiskolben, die auf glühenden Kohlen gegrillt werden. Nach Aloo-tikki, dem scharfen Gemüsegericht, nach der Linsenspeise Masoor-dal und Dosa, dem Pfannkuchen aus Reis und Urdbohnen.

Deepa Anappara fängt in ihrem faszinierenden Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ (Rowohlt) die Gerüche und Geräusche ihrer indischen Heimat ein. Motoroller knattern, Hunde bellen, Fahrradrikschas surren, Fernseher und Babys plärren um die Wette. Mit Atemschutzmasken versuchen sich die Menschen vor dem Smog zu schützen. Da Anapparas funkelnde Geschichte in einem Armenviertel (Basti genannt) spielt, riecht man beim Lesen gelegentlich auch die nahegelegene Müllkippe und die gemeinschaftliche Toilettenanlage.

Der neunjährige Jai lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester inmitten des engen, lauten Soziotops. Er sitzt zwar lieber vor der Glotze als zu lernen, aber er streunt auch oft neugierig durch die Gassen, schnappt Gespräche und Konflikte auf. Besorgt beobachtet er, wie korrupte Polizisten Schmiergelder erpressen und mit dem Abriss der illegal erbauten Häuser drohen.

Deepa Anappara porträtiert ihren Ich-Erzähler als sympathischen und schelmischen Jungen, der ständig Krimis und Polizei-Dokus guckt, und deswegen glaubt, selbst ein guter Detektiv zu sein. Prompt gibt es einen Anlass für Jai, aktiv zu werden: Omvir und Bahadur, zwei Kinder aus dem Basti, sind verschwunden. Jai überredet seine Freundin Pari und seinen Kumpel Faiz, mit ihm zu ermitteln. Die drei Hobbydetektive befragen die Eltern der Verschwundenen und recherchieren im verwinkelten Bhoot-Basar. Dort wimmelt es vor skurrilen Händlern, zwielichtigen Gestalten und Straßenkötern. Im Verlauf der turbulenten Handlung verschwinden noch vier weitere Kinder, aus deren Perspektiven Deepa Anappara in kurzen Einschüben erzählt.

Der bunte Kriminalfall wirkt von Beginn an wie ein realistisches Gesellschaftsporträt. Denn Jai erzählt nicht nur von seinen Träumen und Ängsten. Sondern auch von sozialen und religiösen Spannungen, Kastendenken und Kinderarbeit im heutigen Indien. Ein reichhaltiger, beschwingt formulierter Roman, in dem auch diverse Geister und Götter auftauchen, wie in Indien üblich.

Ein Tag am Meer, viel zu heiß

Von oben brennt die Sonne, und in ihm brodeln Schuldgefühle. Der 17-jährige Léonard taumelt durch den letzten Tag seines Campingurlaubs am Atlantik. Während seine Kumpels weiter trinken, rauchen und flirten, ist Léonard tief verunsichert. In der Nacht hat er einem Jungen beim Selbstmord am Strand zugesehen, ohne etwas zu unternehmen. Nun plagen ihn diese düsteren Minuten – hätte er eingreifen sollen, müssen, können? Ablenkung verspricht die verführerische Luce, die ihn auf einmal wahrzunehmen scheint – soll er ihr nachgeben? Darf er das überhaupt noch, nach seiner Untätigkeit?

Auf nur 150 Seiten entwirft Victor Jestin in „Hitze“ (Kein & Aber) ein intensives, atmosphärisches Drama. Der 26-jährige Autor beschreibt Léonards Dilemma in einer flirrenden, die Hitze und Hilflosigkeit erstaunlich gut transportierenden Prosa. Zu Beginn scheint die Hauptfigur völlig gelähmt zu sein, träge schleppt sie sich durch den Sand, und die Zeit scheint kaum vorüberzugehen. Später zieht Victor Jestin das Tempo und seine Erzählfäden an, und man fiebert mit Léonard mit: Hat ihn jemand in der Nacht beobachtet? Wird ihn Luce aufheitern? Ein von Unsicherheit geprägter Tag am Meer, eindringlich beschrieben in knappen Sätzen.

Wie man einen Bären kocht

Hier gibt es Moore und Mücken, Berge und Bäche. Natur pur. Mikael Niemis neuer Roman „Wie man einen Bären kocht“ (btb) spielt in einem abgelegenen Dorf in Nordschweden 1852. Doch die vermeintliche Idylle hat eine Kehrseite. Der Umgangston ist rau, das Bildungsniveau niedrig, Gewalt und Armut sind alltäglich. 

Der junge Jussi entflieht seinem Elternhaus und wird von einem protestantischen Geistlichen aufgenommen. Der Erweckungsprediger („Probst“) lehrt dem vernachlässigten samischen Jungen Lesen und Schreiben. Er erklärt Jussi Pflanzen, Blüten und Blätter. Auf ihren Wanderungen sammeln die beiden Gräser und Blumen in einer Botanisiertrommel und legen zu Hause ein Herbrarium an.

Mit Jussi und dem Probst, dem ungleichen Paar, hat Mikael Niemi ein faszinierendes Duo erschaffen. Die glaubwürdigen, sympathischen Protagonisten führen gekonnt in eine zunächst poetisch-herbe, später zunehmend dramatische Geschichte, die phasenweise an den Ton in Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ erinnert.

Als ein Mädchen tot im Wald gefunden wird, glauben die Dorfbewohner, dass sie Opfer eines Bären geworden ist. Bis auf den Probst und Jussi. Sie inspizieren den Tatort, werten Spuren aus und kommen zu dem Schluss, dass ein Mann der Täter war. Nach dem rätselhaften Tod eines weiteren Mädchens erhärtet sich ihr Verdacht. Doch der Dorfgendarm hält an der Bärenlegende fest. Jussi und der Probst werden als Störenfriede und Lügner bezeichnet, und durch ihre unabhängigen Ermittlungen geraten sie in Lebensgefahr.

In knappen, atmosphärischen Sätzen erzählt Mikael Niemi von einem Jungen, dem sich die Welt öffnet, von einem Mann, der für Menschlichkeit kämpft und einem Dorf, das zwischen Rückständigkeit und Fortschritt schwankt. Kann es Gerechtigkeit geben in einem Umfeld, das von Traditionen geprägt und von ursprünglicher Natur umgeben ist? Der Probst glaubt an das Gute, an Bildung und die Güte Gottes – kann er sich mit dieser Haltung durchsetzen?

Ich stelle diesen Roman auch im Podcast LONG STORY SHORT vor („Versteckte Gefühle und eiskalte Morde“). Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

Nix passiert? Doch!

„Ich will einfach nur hier sein, wisst ihr, hier, wo mir nichts passieren kann, weil ja gar nix passiert, wo einfach alles einfach ist, weil es das doch eigentlich auch ist.“

Ein junger Mann aus Berlin zieht vorübergehend zurück in die Provinz, zu seinen Eltern. Dorthin, wo seine alten, von ihm belächelten Schulkamerad*innen leben. Denn Alex, so heißt der Erzähler in Kathrin Weßlings Roman „Nix passiert“ (Ullstein), ist am Ende. Seine Freundin hat ihn verlassen, und der Liebeskummer quält ihn. Alex ist verzweifelt, gelähmt und frustriert. Und alles wird ihm zu viel. Sein „komplett kaputtes Herz“ stürzt ihn in seelische Abgründe.

Die Folge: Plötzlich empfindet Alex Sehnsucht nach dem einfachen Leben, er möchte durchatmen, abschalten, runterkommen – aber geht das so einfach? Kann er das überreizte Großstadtleben gegen seine Vergangenheit eintauschen? Auf dem Land wird Alex mit völlig anderen Lebensentwürfen konfrontiert, mit Doppelhaushälften und Normalität. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Vom hippen, überreizten Berlin kommt Alex ins langweilige, bodenständige Umland.

Hm. Und nun? Welches Leben ist besser, passt besser, fühlt sich besser an? Oder ist alles einfach nur noch zum Kotzen, fragt sich Alex.

Rasant und radikal erzählt Kathrin Weßling vom Gegensatz Stadt/Land sowie von der Suche nach Heimat und sich selbst. Ein Aufbruchsroman, der mitreißt.

Sehnsucht nach Seeluft

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begibt sich ein junger Engländer auf Wanderschaft. Robert, der aus einer Bergarbeiterfamilie stammt, sehnt sich nach der Küste, der Seeluft, dem offenen Meer. Also marschiert er los, ohne Landkarte. Er arbeitet als Tagelöhner, übernachtet in Schuppen und Scheunen. Robert genießt seine Freiheit, denn er weiß: Wenn er zurückkehrt, wird auch er als Bergarbeiter schuften müssen.

Benjamin Myers begleitet seine Hauptfigur in „Offene See“ (DuMont) auf ihrem Weg ins Ungewisse, ins Erwachsenwerden. Myers ist ein ruhiger, sanfter Erzähler. Wie Robert hat er ein Gespür für magische Momente und einen Blick fürs Wesentliche.

Kurz vor seinem Ziel, wenige Kilometer vor der Küste, kommt der Wanderer an einem Cottage vorbei, deren Besitzerin ihn zu einer Tasse Brennesseltee einlädt. Dulcie lebt allein, wirkt selbstbewusst und äußert unkonventionelle Meinungen zu Politik, Religion und Liebe – so eine Frau hat Robert noch nie getroffen. Auch Dulcie ist überrascht: Von Roberts Naivität und Neugier. Die beiden finden Gefallen aneinander, und Robert bleibt über Nacht. Was er an diesem Abend noch nicht weiß: Dass er noch viele weitere Nächte bleiben wird.

Mündet dieser Roman also in einer klassischen Liebesgeschichte? Keineswegs. Dulcies und Roberts Beziehung bleibt plantonisch, und gestaltet sich dennoch äußerst spannend. Denn Robert stößt in einer Hütte neben dem Cottage auf ein altes Manuskript einer deutschen Dichterin. Was hatte Dulcie mit dieser Frau zu tun? In langen Gesprächen entlockt Robert seiner Gastgeberin ein gut gehütetes Geheimnis.

Benjamin Myers schreibt feinfühlig über Roberts Wanderung ins Leben. Sein berührender Roman handelt zudem von zwei Menschen, die von ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen lernen. Ein Buch übers Land und das Meer, über Lyrik und Freiheit.

 

Paartherapie mit Nick Hornby

Nick Hornby ist wieder da! Mit einem kurzen Stück namens „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst“ (Kiepenheuer & Witsch). Untertitel: Eine Ehe in zehn Sitzungen. Folgerichtig erfahren wir in zehn Kapiteln, wie es um die Ehe von Tom und Louise steht. Die beiden sind seit 15 Jahren verheiratet, haben zwei Kinder und keinen Sex mehr. Das heißt, Louise hatte durchaus Sex. Mit ihrer Affäre Matthew. Was Tom wiederum nicht so passend fand. Und aus diesen Gründen macht das Ehepaar eine Therapie.

Im Pub gegenüber der Eheberaterin treffen sich die beiden vor den Stunden. Tom trinkt Bier, Louise Wein. Sie blicken zurück auf ihre Beziehung, streiten, lachen, schweigen, grübeln und hoffen. Sie sprechen über Versöhnungssex, Online-Dating, Boxershorts, Katzenmedikamente, den Brexit (Tom stimmte für ihn, Louise dagegen) und die Paare, die vor ihnen bei der Beraterin sind.

In knappen, knackigen Dialogen erzählt Nick Hornby von einer ganz normalen gescheiterten Beziehung. Von den Therapiesitzungen erfahren wir allerdings nichts – und genau diese Auslassung macht Spaß. Denn so wird nur über die wöchentlichen Gespräche im Pub deutlich, ob das Paar Fortschritte macht. Nick Hornby hat zwar schon vielschichtigere und originellere Bücher geschrieben – sein eheliches Kammerspiel garantiert dennoch amüsante Unterhaltung. Und wer schon etwas länger verheiratet ist, wird sich in einer der beiden Figuren erkennen. 

Historisches Lehrstück

Dunkle Gassen, zwielichtige Straßenhändler. Pferdekutschen, Kopfsteinpflaster. Armut, Dreck. Hannover 1920. Dirk Kurbjuweits neuer Roman „Haarman“ (Penguin) spielt in dieser dunklen Zwischenkriegszeit. Er thematisiert eine brutale Mordserie, die vor hundert Jahren Deutschland erschütterte, und die von den Nazis für ihre Propaganda missbraucht wurde.

Innerhalb mehrerer Jahre verschwanden Anfang der 1920-er-Jahre in Hannover 24 Jungen. Wie sich herausstellte, wurden sie  von Fritz Haarmann umgebracht und zerstückelt. Ein unfassbarer, furchtbarer Skandal.

Der renommierte Journalist und Autor Dirk Kurbjuweit rollt die spektakulärste Mordserie der deutschen Geschichte erneut auf. Er konzentriert sich in seinem Buch auf den fiktiven Polizisten Robert Lahnstein, einen engagierten, aufrichtigen Mann. Dieser Ermittler stößt bei seinen Recherchen immer wieder auf Fritz Haarmann, doch seine Kollegen weigern sich, ihn als Verdächtigen einzustufen. Lahnstein lässt sich nicht einschüchtern, auch von den Nazis nicht. Der Polizist sammelt unermüdlich Indizien, und schließlich gelingt es ihm, den Mörder zu überführen.

Dirk Kurbjuweit hat ein historisches Lehrstück über menschliche Abgründe geschrieben. In knappen Sätzen und mit hohem Tempo skizziert Kurbjuweit die Ermittlungen und zeichnet ein realistisches Porträt dieser Zeit.

Das Brisante an dem Fall sind auch seine politischen Bezüge: Kann eine Demokratie Sicherheit gewährleisten, kann sie ihre Bürger mit rechtsstaatlichen Maßnahmen vor Gewalttaten schützen? Gegner der frühen Weimarer Republik nutzten die Mordserie, um der Regierung und dem Staat Versagen vorzuwerfen. „Schützt unsere Kinder!“ plakatierten und riefen die Nazis, und sie forderten „Freiheit für Hitler“, der damals im Gefängnis saß. Ein Jahr später war er wieder auf freiem Fuß, und er wurde von vielen Menschen weiterhin unterschätzt und verharmlost. So wie Fritz Haarmann. Und so wie heute teilweise die AfD, die wieder „Schützt unsere Kinder!“ plakatiert und Flüchtlinge als Gefahr darstellt.

Ich stelle diesen Roman auch im Podcast LONG STORY SHORT vor. Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

Zauberhaft, dieser Roman!

O wie wunderbar! Graham Swift, der elegant erzählende Brite, hat mit „Da sind wir“ (dtv) einen weiteren bezaubernden Roman geschrieben. Nicht nur, weil es darin unter anderem um Zaubertricks geht. Sondern vor allem, weil Swift seine kurze Dreiecksgeschichte mit Tiefgang, Charme und feinem Humor verfasst hat.

Es ist Sommer 1959. Im Seebad Brighton moderiert Conferencier Jack eine Varieteshow, in der sein Freund Ronnie als Zauberer auftritt. Beide Männer verlieben sich in Ronnies Assistentin Evie, eine ehemalige Revuetänzerin. Jack ist ein begnadeter Entertainer, der mit seinem Lächeln das Publikum bis in die letzte Reihe verzaubert. Doch Evie verlobt sich mit dem eher introvertierten Ronnie. Die gemeinsame Show wird ein Sensationserfolg – nach der letzten Vorstellung verschwindet Ronnie allerdings ohne irgendeine Nachricht, und Evie beginnt eine Affäre mit Jack.

Graham Swift widmet sich klug und vielschichtig der Dynamik zwischen seinen drei Hauptfiguren. Er leuchtet deren Vergangenheit aus, zeigt ihre soziale Herkunft, steigert die Spannung, überzeugt mit trickreicher Dramaturgie. Auf nur 160 Seiten behandelt er große Fragen: Wie wird ein Mensch zum Zauberer, zum Bühnenprofi? Wie wirkt sich diese Tätigkeit aufs Privatleben aus? Und: „Was ist verwunderlicher: Dass Schauspieler sich in andere Menschen verwandeln können – wie geht das überhaupt? Oder dass jemand sich zu einem Menschen entwickelt, den man ihm nicht zugetraut hätte?“

In der Mitte des Romans wagt Graham Swift einen Zeitsprung ins Jahr 2009. Evie blickt als 75-jährige zurück auf ihre Ehe mit Jack, aus dem nach seiner Varietézeit ein Schauspiel-Star wurde. Doch Ronnies Verschwinden ist noch immer nicht aufgeklärt. Und manch anderes Drama schmerzt im Rückblick: „Selbst die Zauberkunst konnte da nicht helfen, so schien es. Sie konnte erstaunliche Verwandlungen bewirken, die grundlegenden Fakten des Lebens verändern konnte sie jedoch nicht.“

Fazit: Eine großartige Geschichte darüber, wie man Geheimnisse bewahrt und nicht jeden Zauber aufdecket. Graham Swift bleibt damit der Meister des literarischen Augenzwinkerns. Denn „Da sind wir“ beweist, dass tiefe Ernsthaftigkeit und größtmögliche Leichtigkeit kombinierbar sind.

Argentinisches Drama

Corona-Zeiten sind Lesezeiten. Ich werde Euch selbstverständlich weiterhin mit Tipps versorgen, und die fleißigen, wunderbaren Buchhändler*innen werden uns über ihre Online-Shops beliefern, nachdem sie ihre Läden schließen mussten. Also, los geht´s: 

Lucas will sein Leben endlich wieder in den Griff bekommen. Der argentinische Schriftsteller, Hauptfigur in Pedro Mairals neuem Roman „Auf der anderen Seite des Flusses“ (mare), hat einen Plan, wie er raus aus seinen Schulden kommt, aus seiner Schreibblockade, aus seinem tristen Alltag.

Ein einziger Tag soll die Wende bringen. Den Neuanfang.

Und so spielt die Handlung in weniger als 24 Stunden – in der Zeitspanne, in der Lucas von Buenos Aires mit der Fähre nach Uruguay fährt, einen Bus nach Montevideo besteigt und dort vor allem zwei Dinge vorhat: 15.000 Dollar Schwarzgeld von der Bank abzuheben und eine bestimmte Frau zu treffen. Beides gelingt Lucas. Und dennoch beschert dieser Tag voller Hoffnungen dem 44-jährigen letztlich eine bittere Niederlage.

Pedro Mairal schildert den schicksalhaften Aufbruch seines Protagonisten souverän als fieberhafte Reise. Sein Plot entwickelt eine unwiderstehliche Spannung und Dynamik. Mairal begleitet Lucas aus nächster Nähe, und er gibt diese Nähe an seine Leser*innen weiter. Wenn der Schriftsteller das Schwarzgeld in Empfang nimmt, die Frau trifft, und beide – von Joints und Whiskey benebelt – durch die Straßen Montevideos streifen, wünscht man ihm, dass er den Neubeginn schafft und sein Leben wieder in geordnete Bahnen bringen kann. Man ahnt allerdings schon, dass ihm die doppelte Versuchung (das Geld, die Frau) die Sinne verdrehen wird – sein Scheitern scheint unausweichlich.

Ein kurzer, großartiger Roman über die Illusion von der schnellen Lösung aller Probleme.

Sommer bei Nacht

Zwei Teddybären. Ein Grundschul-Flohmarkt in der Nähe von Wiesbaden. Eine Mutter mit Tochter und Sohn. Und ein unbekannter Mann. Plötzlich sind der Junge und der Mann verschwunden, mitsamt einem Teddybär. Obwohl die Mutter ihren Sohn Jannis nur für wenige Momente aus den Augen gelassen.

So beginnt Jan Costin Wagners neuer Kriminalroman „Sommer bei Nacht“ (Galiani). Knapp und präzise, in feinsten Miniatursätzen, startet Wagner den ersten Fall für seine Kommissare Ben Neven und Christian Sander. Die Polizisten stoßen auf Verbindungen zu einem älteren Fall eines weiteren vermissten Jungen. Auch damals wurde ein Teddybär am Tatort gesehen. Lockt der Täter also Kinder gezielt mit Stofftieren an? Es scheint so. Nach Jannis wird nun öffentlich gefahndet. Prompt melden sich die Eltern eines Jungen, der einmal von einem Mann mit Stofftier angesprochen wurde.

„Der Fall ist zum Ereignis geworden, zu einer Kette merkwürdiger, verstörender, trauriger Ereignisse.“

Jan Costin Wagner hat seinen literarischen Krimi raffiniert konstruiert. Er protokolliert die Ermittlungen aus schnell wechselnde Perspektiven. In Wiesbaden, Innsbruck und Rosenheim. Trotz der sogartigen Zuspitzung der Handlung gibt Wagner seinen Figuren Raum für Träume, Gedanken, für eine andere Dimension, ein Vielleicht. Sie halten inne und lassen die Geschehnisse auf sich wirken. Diese schwebende, bisweilen unwirkliche Ebene, unterscheidet Wagner von anderen Genreautoren. Bei ihm spielen Empathie und Zurückhaltung eine ebenso große Rolle wie Spannung. Eine Wohltat inmitten effektheischender lauter Thrillerware.

Übrigens: Ab morgen, 10. März, gibt es neue Folgen unseres Literaturpodcasts „Long Story Short“. Kostenlos auf allen Kanälen, zum Beispiel hier.