Romane · Neuerscheinung · Rezension

Der Briefträger aus Montreal

Denis Theriault, Die Verlobte des Briefträgers, Rezension, Günter Keil, BlogEinen zeitlosen Roman – gibt es so etwas überhaupt? Schließlich bleibt kaum ein Autor von literarischen Trends unbeeinflusst. Der Kanadier Denis Thériault wagt dennoch den Versuch: Seinen neuen Roman „Die Verlobte des Briefträgers“ (dtv) baut er aus einfachen, liebenswerten Worten. Auch der Handlung entzieht er nahezu alle modischen, zeitgemäßen Aspekte. Heraus kommt eine wunderbare, tatsächlich zeitlos wirkende Geschichte um einen Briefträger und eine Kellnerin. Beide stammen aus Montreal und finden über ziemlich verschlungene Wege zueinander. Die Kunst der Kalligrafie, die Sinnlichkeit von Haikus und die Magie der Literatur spielen bei dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle.

Denis Thériault inszeniert seinen Roman im ersten Teil wie ein Kammerspiel – die wichtigsten Szenen spielen in einem kleinen Restaurant. Dort treffen Bilodo, der Briefträger, und Tanja, die Kellnerin, täglich aufeinander. Doch erst im zweiten Teil des Buches bekommt ihre Liebe eine Chance. Als Bilodo nach einem Unfall ohne Erinnerungsvermögen aus dem Koma erwacht und Tanja behauptet, seine Verlobte zu sein. Dass es Denis Thériault seinen Figuren anschließend doch nicht so leicht macht, ist klar. Gekonnt spielt er mit deren Hoffnungen und Erinnerungen, lässt sie zum klärenden Finale nach Guadeloupe fliegen. Kann, darf oder muss man dem Schicksal nachhelfen? Und ist in der Liebe alles erlaubt? Das sind die zeitlosen Fragen, die hinter der zarten Geschichte durchschimmern.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Hypnotischer Road-Trip

dan dalton, johnny ruin, rezension, literaturblogWir sind schon eine halbe Tankfüllung weit in der Wüste, als die Droge zu wirken beginnt.“

10.000 Meilen im Auto durch die USA. 30 Staaten in 30 Tagen. Johnny Ruin aus London ist auf einem Road Trip. Aber warum? Und wann? Fährt er in der Gegenwart über die Highways oder war das früher? Momentaufnahmen, Blitzlichter und Erinnerungsfetzen bestimmen diesen rasanten Roman von Dan Dalton. „Johnny Ruin“ (Tempo) erzählt von einem jungen Mann mit gebrochenem Herzen. Von seiner Suche nach Ablenkung und Erlösung, nach der Antwort auf die Frage, warum alles schief ging in seinem Leben. Warum ihn Sophia verlassen hat. Warum er sich mit Alkohol und Antidepressiva vollgepumpt hat. Auf seinem Trip über Nevada, Colorado, Iowa, Pennsylvania nach New York erinnert sich Johnny an seine große Liebe, Teenager-Abenteuer und seinen Bruder. Und er wundert sich, warum ein alternder Rockstar mit einem Flachmann neben ihm im Wagen sitzt: Jon Bon Jovi, dem er seine Geschichte erzählt und der sie trocken kommentiert. Falls Bon Jovi nicht eine Halluzination ist. In extrem hohem Tempo und mit beeindruckender Virtuosität berichtet Dan Dalton von Liebeskummer und Selbstfindung. Ein tolles Debüt.

Viele Stifte zu besitzen, gibt mir das Gefühl, Schriftsteller zu sein.“

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Olga!

bernhard schlink, olga, rezension, blog, günter keilDas, was Bernhard Schlink mit seinem neuen Roman gelingt, ist die große Kunst eines großen Schriftstellers: Auf gerade einmal 320 Seiten und in leicht verständlicher Sprache skizziert er wichtige historische Entwicklungen, für die andere meist mehr als doppelt so viel Platz benötigen. Schlinks Handlung beginnt im späten 19. Jahrhundert und endet im frühen 21. Jahrhundert – erzählt wird die Lebensgeschichte einer Frau.

„Olga“ (Diogenes), die in einem Dorf in Pommern als Waise aufwächst, und Herbert, der Sohn eines Gutsherrn, verlieben sich. Sie werden ein Paar. „Zwei, die anders waren. Sich fanden. Sich verloren.“ schreibt Schlink. Olga wird Lehrerin, und Herbert reist als Abenteurer durch die Welt. Seine Arktis-Expedition scheitert, und alle Versuche ihn zu retten, scheitern. Fortan muss Olga ohne ihren Liebsten auskommen. Die bescheidene und kritische Frau bleibt weiterhin mit Herbert verbunden – über zahlreiche liebevolle Briefe, die sie ihm bis zu ihrem eigenen Tod schreibt.

Bernhard Schlink porträtiert Olga als Symbol für Neugier, Toleranz und Hoffnung. Er zeigt eine Frau, die gegen den Größenwahn ihres Landes aufbegehrt. Die weiß, dass die Möglichkeit zu lernen ein Privileg ist, und die erfährt, dass das Leben eine Kette von Verlusten darstellt. Ihre Lebensfreude und Hilfsbereitschaft lässt sich „Fräulein Rinke“, wie sie oft genannt wird, trotzdem nicht nehmen. Hätte es mehr Olgas gegeben, so wird zwischen den Zeilen deutlich, wäre Deutschlands Geschichte um einiges friedlicher verlaufen.

Eindrucksvoll beweist Bernhrad Schlink erneut, dass er ein echter Erzähler ist und kein Fabulierer. So entsteht eine Mischung aus Geschichtsstunde und Lebenskunde, diemich zutiefst bewegt hat.

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Die zufällige Biografie einer Liebe

Miguel Saldanda Paris war wirklich melancholisch: ein Mann aus einer anderen Zeit, in der er gefangen war, ein Mann aus der Zeit, in der das Glück noch keine Pflicht war, sondern das Schicksal von ein paar Narren.“

Der Portugiese João Tordo, Spezialist für melancholisch-philosophische Bücher, gelingt in seinem aktuellen Roman ein Kunststück: „Die zufällige Biographie einer Liebe“ (Droemer) ist die Geschichte einer Männerfreundschaft, die Chronik einer Vater-Tochter-Beziehung und die Aufarbeitung einer vergangenen Liebe. Diese drei Aspekte beleuchtet Tordo mit psychologischer Tiefe, ohne sich zu verzetteln. Ohne seinen Roman zu überladen. Ohne sprachlich abzudriften. In klarer Prosa erzählt der 42-jährige von einem spanischen Literaturdozenten und einem mexikanischen Dichter. Die beiden freunden sich an, und, viel wichtiger noch: der Spanier hilft dem Mexikaner, das höchst dramatische Ende seiner Beziehung zu Teresa zu verstehen und zu verarbeiten. Dazu ist allerdings eine Reise von London über Kanada bis nach Lissabon nötig. Und die Bereitschaft, sich der schmerzhaften Vergangenheit zu stellen.

Mit diesem feinfühligen, überraschend konstruierten Roman beweist João Tordo erneut, dass er zurecht als eine der wichtigsten Stimmen der portugiesischen Gegenwartsliteratur gilt.

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Wüstenmänner vs. Europäer

lawrence osborne, denen man vergfibt, rezension, literaturblog günter keilWüstenmänner treffen auf Europäer, Muslime auf Ungläubige, Traditionalisten auf Nihilisten. In seinem flirrenden Roman „Denen man vergibt“ (Wagenbach) lässt Lawrence Osborne Welten, Kulturen und Religionen aufeinanderprallen. Krasser könnte man die Unterschiede kaum skizzieren als in seinem bestechenden Szenario:

Inmitten der Wüste Marokkos veranstalten Richard und Dally, ein schwules britisches Paar, für ihre Freunde eine dreitägige Party. Extravagant und dekadent ist diese Feier – mit Kokain, Champagner, feinsten Speisen, Feuerwerk und Showeinlagen. Auf dem Weg dorthin überfährt das betrunkene Paar David und Jo einen jungen Fossilienverkäufer am Straßenrand. Die Leiche nehmen sie im Kofferraum mit. Die ausgelassene Gesellschaft ist nur kurz irritiert und feiert weiter. Doch dann taucht die muslimische Familie des Opfers auf dem Party-Anwesen auf und verlangt Davids Anwesenheit bei der Beerdigung in einem abgelegenen Wüstendorf. Der Brite kommt diesem Wunsch widerwillig nach, während seine Frau sich weiter vergnügt.

Lawrence Osborne ist ein herausragender Beobachter und ein sinnlich-souveräner Erzähler. Er widmet der Landschaft, dem Wetter, den Gerüchen fast ebenso viel Aufmerksamkeit wie seinen Protagonisten. Wie geht David mit seiner Schuld um, und inwiefern sind die Angehörigen des Opfers zur Vergebung fähig? Wer ist gut, wer böse in diesem Stück? Osborne wertet nicht – gnadenlos objektiv lotet er die Gefühlslage seiner Figuren aus. Sein kunstvoll inszeniertes Aufeinanderprallen von Arm und Reich erwächst zu einem wertvollen, spannenden Stück Literatur.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Sakari & Kimmo

wagner, sakari, rezension, günter keil In dem Sommer, in dem Marisa den Mond vermessen möchte, betritt Kimmo Joentaa den Raum, in dem das Meer zu Hause ist. Sanna schwimmt im Sonnensee. Petri läuft zwischen den Bäumen, auf der Flucht vor sich selbst. David löscht die Sonne aus.“

Schon klar: Wenn ein Kriminalroman so beginnt, muss es ein besonderer sein. Einer von Jan Costin Wagner. „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ (Galiani Berlin) ist ein höchst dramatisches Buch, das jedoch ruhig, bisweilen poetisch erzählt und von einem stillen, feinfühligen Ermittler bestimmt wird. Kimmo Joentaa heißt dieser Mann, ein finnischer Polizist. „Papa ist manchmal ein großer Nachdenker“ sagt seine Tochter Sanna über ihn. Und tatsächlich: er denkt und fühlt viel, bevor er handelt. Weswegen er genau der richtige ist, um herauszufinden, warum sich Sakari nackt und mit einem Messer auf dem Marktplatz von Turku gezeigt hat. Und warum der junge Mann daraufhin von Joentaas Kollege Petri Grönholm erschossen wurde.

Jan Costin Wagner schreibt zarte, traurige Sätze. In einer leise lodernden Sprache. Er erschafft weite Räume für die Gefühle seiner Figuren, die zu offenen Räumen für die Vorstellungskraft seiner Leser werden. Die melancholische Atmosphäre seiner Romane ist fast noch wichtiger als seine Plots.

Wagner schildert, wie Joentaa in Sakaris Leben eintaucht. Bedächtig und doch bestimmt. Der Polizist findet heraus, dass Sakari vor vier Jahren einen Motorradunfall hatte, bei dem seine Freundin starb. Ein traumatischer Vorfall, der zwei Familien aus ihren Welten gerissen hat. Bei Wagner geht es immer um Trauer und Verlust; seine Figuren suchen nach Halt, Trost und Gewissheit nach furchtbaren Erlebnissen. Kimmo Koentaa ist der Mann, der auch diesmal, in seinem sechsten Fall, trösten kann. Eine unfassbar traurige, wunderbare Geschichte.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Wahlrecht oder Waschmaschine?

julie zeh, leere herzen, rezension, günter keil, literaturblogDeutschland in naher Zukunft. Der spießig-nationalistische „Bund Besorgter Bürger“ (BBB) regiert mit einer satten Mehrheit, seriöse Medien gibt es kaum noch, die meisten Menschen interessieren sich nicht mehr für Politik. Öffentliche Debatten, Meinungsvielfalt? Fehlanzeige. Jeder wurstelt vor sich hin, im Blick nur das eigene Wohl. Die Geschäfte laufen gut. In ihrem neuen Roman „Leere Herzen“ (Luchterhand) entwirft Julie Zeh ein düsteres, aber gar nicht so unwahrscheinliches Szenario.

Die wenigen verbliebenen Denker haben sich in die Blogs zurückgezogen, wo sie in einer Kombination aus Selbstanklage und Schuldzuweisung noch immer darüber streiten, wer für den Siegeszug der BBB verantwortlich ist.“

Schnörkellos und schnell erzählt Julie Zeh von einem Deutschland, in dem sogar der Terror privatisiert wurde. Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi leiten „Die Brücke“, eine Undercover-Firma, die potentielle Selbstmordattentäter ausbildet.

Wer heutzutage einen Attentäter braucht, muss nicht mehr auf verblendete Djihadisten mit narzisstischer Störung zurückgreifen, nicht auf halbe Kinder mit Waffen-Fetisch oder auf Psychopathen, die Ausländer und Frauen hassen. Sondern bekommt einen professionell ausgebildeten, auf Herz und Nieren getesteten Märtyrer, der für eine höhere Sache sterben will.“

Klingt verrückt, ist aber im Kontext des Umfelds, das Julie Zeh zeigt, durchaus denkbar. Denn ein gewisses Maß an Terror braucht die Gesellschaft, um ihre Feindbilder aufrecht und den BBB an der Macht zu behalten. „Leere Herzen“ ist eine bitterböse, großartige Gesellschaftssatire. Sie macht deutlich, wohin es führt, wenn nicht mehr engagiert über demokratische Werte diskutiert wird. Wenn Parteien nicht mehr die wahren Probleme ansprechen und Bürger sich abwenden. Wenn die Waschmaschine wichtiger als das Wahlrecht ist.

Fazit: Der wichtigste gesellschaftspolitische Roman des Jahres. Weil er genau das anregt und provoziert, was dem fiktiven Deutschland im Buch verloren gegangen ist – eine rege Diskussion um unsere Demokratie.