Außergewöhnlich romantisch

Geht das? Ein moderner Liebesroman, der nur aus Kurznachrichten besteht? Geht. Sehr gut sogar. In „Du wirst mein Herz verwüsten“ (Blumenbar, übersetzt von Annebelle Hirsch) wagt die Französin Morgane Ortin eine poetische Variante von Romanen wie „Gut gegen Nordwind“.

Nun denn: Ein Mann und eine Frau schicken sich Botschaften, sie schwärmen, verlieben und verlieren sich, weinen, lachen, sind begeistert, traurig, melancholisch. Ihr Wunsch ist es, sich von Zwängen zu befreien, nicht cool und abwartend zu sein, sondern sich total auf ihre Beziehung einzulassen. Sich fallenzulassen. Und so texten sie sich auch.

Das besondere daran: alle Kurznachrichten sind echt und von mehr als 200 verschiedenen Leuten. Morgane Ortin hat zuerst ihre eigenen Chatverläufe auf Instagram gepostet und dann den Account amours_solitaires gegründet, übersetzt: Die einsamen Liebenden. Dort veröffentlicht sie Kurznachrichten, die sie von ihren 800.000 Followern bekommt. Und aus diesen Chats hat sie den Roman gebaut.

Herausgekommen ist ein poetischer Dialog über Gänsehaut, Tränen, Sex, Gerüche, den Rausch des Verliebtseins bis zu Zweifeln und Ängsten. Außergewöhnlich und romatisch.

Das Buch habe ich auch in meiner Buchsendung auf egoFM am 11. Juli vorgestellt – zur Show hier.

Cowboyprosa

„Dummheit war kein Schwerverbrechen. War überhaupt kein Verbrechen. Nur ein Handicap.“

Trockene Kommentare in einer klaren, kantigen Sprache – das kann nur Jack Reacher sein, der Serienheld von Lee Child. In seinem neuen Fall „Bluthund“ (Blanvalet) begibt sich der ehemalige Militärpolizist auf einen Road Trip durch Wisconsin, South Dakota und Wyoming. Als Anhalter auf staubigen Landstraßen, als Ermittler in versteckt im Wald gelegenen Farmhäusern und im Gespräch mit verschrobenen Amerikanern mit Geheimnissen. Mit Erfolg: Reacher kommt einer Bande von illegalen Opiate-Händlern auf die Spur und spürt eine schwer verletzte Veteranin auf, die medikamentenabhängig ist. Davor allerdings wird ein Kopfgeld auf ihn angesetzt, und ein FBI-Agent kommt ihm in die Quere.

Dieser Jack Reacher, der von sich behauptet, er sei „nur ein gewöhnlicher Kerl auf der Durchreise“, ist ein großer, starker Typ mit einer linken Faust „so groß wie ein Hühnchen aus dem Supermarkt“. Nichts bringt ihn aus der Ruhe, er hat alles im Griff, und er hat vor allem: Prinzipien. Charakter. Moral. Die legendäre Figur verkörpert ganz altmodisch das Gute im Mann, und es bereitet jedes Mal wieder großes Lesevergnügen, wenn dieser Cowboy ohne Handy und ohne Gepäck seine Ermittlungen vorantreibt. Stur und ruhelos, obwohl er wie die Ruhe in Person wirkt, der Fels in der Brandung.

Auch der 22. Reacher-Roman überzeugt also mit erdiger, abgebrühter Prosa im Westernstyle (großartig übersetzt von Wulf Bergner), mit präzisen Beschreibungen von Mensch und Natur, mit knisternden, pointierten Dialogen, bei denen jedes Wort stimmt.

Nur fürs Protokoll noch einmal der Hinweis: Jener Jack Reacher, den Tom Cruise in den Hollywood-Verfilmungen spielt, hat nichts mit dem Jack Reacher aus den Büchern zu tun. Gar nichts. Er ist nur peinlich.

Am 8. August stelle ich den Thriller in meiner Buchsendung auf egoFM vor. Zur Show hier.

Bernhard Schlinks schlichte Eleganz

Zehn Jahre. So viel Zeit vergeht in der Regel, bis Bernhard Schlink einen neuen Erzählband veröffentlicht. Auf „Liebesfluchten“, seinen Bestseller aus dem Jahr 2000, folgte zehn Jahre später „Sommerlügen“, und nun, nachdem ein weiteres Jahrzehnt vergangen ist, erfreut der 76-jährige seine Leser*innen mit einer neuen Sammlung von Kurzgeschichten.

Der Titel „Abschiedsfarben“ (Diogenes) passt perfekt zu den neun Geschichten. Denn Schlink widmet sich Abschieden in zahlreichen Farbschattierungen. Seine Protagonist*innen, meist Menschen in der Lebensmitte oder im höheren Alter, verabschieden sich von früheren Lieben, von Zielen, Erinnerungen und Träumen. Sie blicken zurück auf vergangene Lebensphasen und ordnen diese nun, aus zeitlicher Distanz, anders ein als früher. Bisweilen erkennen sie, dass im falschen Leben das richtige lag und im richtigen das falsche. Diese Neubewertung macht manche der betreffenden Menschen traurig, während sich andere erfreut zeigen über den Perspektivwechsel. Die Schwere und die Leichtigkeit des Lebens liegen nah beieinander, wie immer bei Bernhard Schlink.

Unaufdringlich, geradezu behutsam, nähert sich Schlink den Menschen in seinen Geschichten. In leisen Tönen – man könnte sagen: in Abschiedsfarben – zeichnet er deren feine Porträts. Kaum ein anderer Schriftsteller vermag es die Buchseiten mit solch einer schlichten Eleganz zu füllen. Hinter der vermeintlich unscheinbaren, klar strukturierten Fassade brodelt es jedoch. Alte Wunden reißen auf, von wegen, die Zeit heile sie alle. Plötzlich sind da Enttäuschungen, Verletzungen, Wut und Trauer. Kann die Frau dem Mann verzeihen, der sie vor vielen Jahren verlassen hat und nun wieder vor ihr steht? Kann der Freund dem Kumpel vergeben, als er erfährt, dass dieser ihn damals an die DDR-Behörden verraten hat? Durfte das alte Ehepaar sich das Leben nehmen, ohne an die Trauer der Hinterbliebenen zu denken?

Es sind also die großen moralischen und menschlichen Fragen, die Bernhard Schlinks Figuren umtreiben. Sie entscheiden sich für unterschiedliche Lebenslinien und Lebensweisen, und sie müssen später den Mut aufbringen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Mit jeder seiner neun Kurzgeschichten  gestattet Schlink Einblicke in die zutiefst privaten Gedanken seiner Protagonist*innen. Da er dabei verständnisvoll und zurückhaltend vorgeht, in seiner gewohnt zeitlosen Sprache, fühlt man sich den fiktiven Charakteren nah. Und deren notwendige Abschiede erscheinen als Chancen – ein tröstlicher und versöhnlicher Gedanke.

Kleinstadt-Milieustudie

Eine Kleinstadt, irgendwo in Frankreich. Kein besonders cooler Ort, aber eine Clique von jungen Männern versucht, cool zu wirken. Sie gehen zum Boxtraining, rauchen Joints, spielen Karten, trinken Schnaps und hängen gemeinsam ab. Ab und zu gibt´s eine Schlägerei am Rande einer Party, manchmal verliebt sich einer in ein Mädchen, bei dem er keine Chance hat, und wenn sie Bock haben, fahren alle in die Großstadt, um in einer Bar Drinks zu kippen.

Die Jungs aus David Lopez´ Debüt „Aus der Deckung“ (Hoffmann und Campe) wirken wie in der Schwebe, zwischen Schule, Studium, Job und Familie. Sie sind noch nicht so richtig erwachsen, aber auch keine Teenager mehr. Sie ziehen ihre Basecaps ins Gesicht und versuchen, vor den Mädchen, die sie Chicks oder Bitches nennen, bloß keine Weicheier zu sein.

Das Besondere an dieser Geschichte: Sie wird ganz ehrlich von einem aus der Clique erzählt: Jonas. Er hat das Zeug zum Profiboxer, aber null Ehrgeiz. Also chillt er meistens mit seinen Kumpels, er nennt sie Homies, und sie sind wichtiger als seine Familie. Eine On-Off-Freundin hat Jonas auch, und er beschreibt einmal detailliert auf 8 Seiten, wie er sie beim Sex verwöhnt. Eine zutiefst erotische Szene.

Autor David Lopez ist 35 Jahre, früher hat er selbst geboxt und gerappt – das merkt man seiner lässigen, direkten, rhytmischen Sprache an. Seine kurzen schnellen Sätze wirken wie Schläge beim Aufwärmtraining im Boxclub. Und trotzdem haben sie etwas Leichtes, Sanftes, Atmosphärisches. Eine überzeugende Kleinstadt-Milieustudie.

Die perfekte Gesellschaft?

„Die perfekte Gesellschaft. Teilhabe für alle, die perfekt gesund sind und funktionieren. Ist etwas kaputt, wird es ausgetauscht. Spielt die Psyche nicht mit, wird sie repariert. Weg mit den Kranken und Schwachen. Weg mit störenden Föten. Fitte Menschen bis ins höchste Alter, das spart steigende Gesundheits- und Pflegekosten.“

Ja, wer fit ist, hat nichts zu befürchten. Wer hinterfragt, lebt gefährlich und bekommt Abzüge bei seinen Sozialpunkten. Im Deutschland der Zukunft, das Zoë Beck in ihrem unheimlichen, aber nicht unwahrscheinlichen Thriller „Paradise City“ (Suhrkamp) beschreibt, wird alles überwacht und von Algorithmen gesteuert. Jeder Bürger muss immer sein Smartcase mit sich führen – eine Karte, auf der alle personenbezogenen Daten gespeichert sind. Kranke werden von einer Gesundheits-App minutiös kontrolliert, und die Medien verkünden nur noch Staatspropaganda. Nach mehreren Pandemien und Antibiotikaresistenzen ist die Bevölkerung geschrumpft, und die Natur erobert sich teilweise wieder ihren Raum zurück.

Hauptfigur Liina ist eine der letzten unabhängigen Journalist*innen. Gemeinsam mit ihrem Team beschafft sie brisante Daten und Fakten, filmt und fotografiert heimlich. Doch nicht nur deswegen schwebt sie in permanenter Gefahr: Liina hat ein Spenderherz, das allmählich schwächer wird. Die Zeit läuft also gegen die junge Frau. Doch Liina und ihre Kolleg*innen geben nicht auf – sie recherchieren mysteriöse Todesfälle und kommen geheimen Forschungsprojekten auf die Spur. In knappen, klaren Sätzen treibt Zoë Beck ihre Hauptfigur durch den straffen Plot.

Die Berliner Autorin zeichnet ein düsteres Gesellschaftsbild, das vertraut erscheint. Denn viele der beschriebenen Entwicklungen beginnen schon heute. So wird aus diesem spannenden Roman eine eindringliche Warnung: Stoppt den Wahnsinn, bevor es zu spät ist! Geschrieben hat Beck das Manuskript ihres Thrillers übrigens schon lange vor Corona – erstaunlich hellseherisch.

Mein Interview mit Zoë Beck könnt Ihr in meiner Buchsendung auf egoFM vom 11. Juli nachhören – zur Show hier.

Der fatale Seitensprung

Kennt Ihr das auch? Wenn man am Ende einer Netflix-Serienfolge einfach nicht widerstehen kann und unbedingt weitergucken muss? Weil die Spannung und die Neugier so groß sind und weil der Cliffhanger so genial konstruiert ist. Genauso ging es mir beim Lesen jedes Kapitels des neuen Thrillers von Jason Starr, „Seitensprung“ (Diogenes). Ich war völlig gebannt und konnte nicht aufhören. Bis zum überraschenden Finale.

Der New Yorker Autor erzählt die Geschichte eines ehemaligen Rockgitarristen, der schon lange keine Musik mehr macht und schon lange keinen Sex mehr mit seiner Frau hat. Jack Harper ist gelangweilt und gefrustet, Schulden muss er auch noch abbezahlen, und nur mühsam schlägt er sich als Immobilienmakler durch. Das einzige, was ihm Freude macht, ist sein Sohn Jonah. Und, neuerdings, eine Seitensprung-Website. Jack kann der Versuchung nicht widerstehen und lässt sich auf eine Online-Affäre ein.

Aus dem erhofften Sex-Abenteuer wird ein Alptraum. Jack gerät in einem Mordfall unter Verdacht und verliert Schritt für Schritt die Kontrolle über sein Leben. Wie in einem Auto, dessen Bremsen nicht mehr funktionieren, rast Jack auf den Abgrund zu. Jason Starr erzählt diesen prickelnden und packenden Thriller aus Jacks Perspektive – manchmal möchte man ihn schütteln, vor neuem Unglück bewahren: Mann, lass das sein! Aber er tut sowieso was er will.

In diesem raffiniert konstruierten Pageturner gibt es nur drei Gewaltszenen, und trotzdem platzt er fast vor Anspannung. Zwischen den Zeilen stellt Jason Starr wichtige Grundsatzfragen: Was wird aus den Träumen und Leidenschaften, der Liebe? Wie kann man aus dem Alltagstrott ausbrechen, und was muss man dafür bezahlen? Jack weiß es nach diesem Abenteuer jedenfalls ganz genau.

Übrigens: Ich stelle diesen Roman auch in der Premiere meiner neuen Buchsendung auf egoFM vor. Mehr Infos bald…

Ein Roman, fünf Genres

Dieser Roman ist… 1. Eine unkonventionelle Mutter-Tochter-Geschichte 2. Eine herzerwärmende love story 3. Ein großes Drama 4. Ein köstliches Vergnügen 5. Eine bittere Tragödie. Heißt: Er passt in keine Schublade. Das macht die Lektüre zu einem großartigen Abenteuer.

Die britische Autorin Joanna Nadin überreicht ihren Leser*innen mit „Unser wildes Leben und alles dazwischen“ (Limes) eine belletristische Wundertüte. Auf 450 Seiten erzählt sie von Dido, beginnend im sechsten Lebensjahr. 22 Jahre später endet der pointenreiche Roman mit einer Überraschung.

Doch nun von vorne: 1976 zieht Dido mit ihrer Mutter Edie von London in eine Kleinstadt nach Essex. Edie ist Feministin, Trinkerin, Teilzeit-Lesbe und eine Art Pipi-Langstrumpf-Hippiemutter. Sie hasst Spießer, benimmt sich oft daneben, bleibt immer locker und kümmert sich kaum um ihre Tochter. Aus diesem Erziehungsvakuum entwickelt bei Dido der Wunsch nach einer klassischen Familie, nach Ordnung, Regeln und Zuverlässigkeit.

Neben dem Häuschen, das Edie geerbt hat, leben die Trevelyans. Eine Bilderbuchfamilie. Schon bald verbringt Dido mehr Zeit bei Angela, David (den Eltern) und ihren Kindern Harry (ein Mädchen, später Didos beste Freundin) und Tom (ein etwas älterer Junge, später Didos Schwarm) als bei ihrer Mutter. Das sorgt für Konflikte mit Edie, die gern von ihrer Tochter geliebt und respektiert werden würde – doch das Gegenteil ist der Fall. Dido nabelt sich ab, distanziert sich.

Mit Witz und Wärme skizziert Joanna Nadin die Gegensätze zwischen Mutter und Tochter. Die rasanten Dialoge der beiden sprühen vor Eifersucht, Vorwürfen und dem Wunsch, respektiert und geliebt zu werden. Je älter Dido wird, umso mehr rückt Joanna Nadin die Suche ihrer Hauptfigur nach einem zuverlässigen Mann und einer Familie in den Mittelpunkt. Es fällt Dido allerdings schwer, ihren Weg zu finden, und sie gibt ihrer Mutter die Schuld dafür.

Viele Männer, Abstürze und Verletzungen später erkennt Dido, dass Edie durchaus ihre guten Seiten hatte. Sie zieht Bilanz, und sie bittet ihre Mutter um Verzeihung. Nadins Roman strotzt vor Energie und Erzähllust, und hinter der frischen, flotten Schreibe steckt psychologische Tiefe. Und wo bleibt die love story? Sie zieht sich durch den Plot, manchmal still und verzweifelt, manchmal laut und romantisch.

Flucht aus der Sklaverei

„In der Sklaverei gibt es keinen Frieden, denn jeder Tag unter der Herrschaft eines anderen ist ein Tag im Krieg.“

West Virginia, im 18. Jahrhundert. Der elfjährige Hiram schuftet als Sklave auf einer Tabakplantage wie Millionen andere Farbige (so werden sie in diesem Roman genannt). Er muss miterleben, wie seine Mutter verkauft wird und verschwindet. Seitdem hat er das Verlangen und die Sehnsucht, alldem zu entkommen. Seine Chancen stehen nicht schlecht, denn Hiram ist ein kluges Kind, das mehr sieht und begreift als die meisten Erwachsenen. Zudem ist sein Vater der mächtige Plantagenbesitzer, und seine Mutter hat ihm eine übernatürliche Gabe vererbt. Doch zunächst wird Hiram gedemütigt und geschlagen wie alle Sklaven.

In dem imposanten Roman „Der Wassertänzer“ (Blessing) erzählt Ta-Nehisi Coates von Hirams abenteuerlicher Flucht aus der Gefangenschaft. Und von seiner späteren Mitgliedschaft im „Underground“, einer geheimen Gesellschaft von Farbigen. Diese unsichtbare Armee führt einen stillen Krieg gegen die Sklaventreiber. Sie fälscht Ausweise und Briefe, säht Zweitracht unter den Weißen und befreit Sklaven in waghalsigen Rettungsaktionen. Der Underground will die herrschaftliche Ordnung im Süden stürzen und endlich gleiche Rechte für die Farbigen, so wie im Norden, in Philadelphia. Hiram entwickelt sich zu einem der besten Agenten und befindet sich zum ersten Mal im Einklang mit der Welt. Indessen, er will noch einmal zurück nach Virginia – um Thena und Sophia zu retten, die beiden Frauen, die ihm seit dem Tod seiner Mutter am meisten bedeuten.

Ta-Nehisi Coates´ kunstvoller Roman stand im vergangenen Jahr auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste. Völlig zu recht, denn Coates ist ein begnadeter Erzähler und eleganter Wortschöpfer. Aus dem klassischen Historienroman über die Sklaverei entwickelt er gekonnt eine sowohl persönliche als auch politische Geschichte. Coates fängt Hirams Schmerz und sein Leiden ein und all die Demütigungen, denen er und seine Freunde ausgesetzt sind. Doch aus dem Grauen, der Brutalität und Unmenschlichkeit wächst bei seinem Protagonisten der Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit. Diese Entwicklung schildert Coates in flirrend-fließender Prosa wie einen Ausbruch aus einem Gefängnis, wie den Beginn eines zweiten Lebens. Ein zutiefst menschliches, exzellentes Plädoyer für Selbstbestimmung.

Ich stelle dieses Buch auch im Podcast LONG STORY SHORT vor. Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

Die indischen drei ???

Hmmmm. Hier riecht es köstlich nach dampfenden Süßkartoffelwürfeln, bestrichen mit Masala und Limonensaft. Nach Maiskolben, die auf glühenden Kohlen gegrillt werden. Nach Aloo-tikki, dem scharfen Gemüsegericht, nach der Linsenspeise Masoor-dal und Dosa, dem Pfannkuchen aus Reis und Urdbohnen.

Deepa Anappara fängt in ihrem faszinierenden Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ (Rowohlt) die Gerüche und Geräusche ihrer indischen Heimat ein. Motoroller knattern, Hunde bellen, Fahrradrikschas surren, Fernseher und Babys plärren um die Wette. Mit Atemschutzmasken versuchen sich die Menschen vor dem Smog zu schützen. Da Anapparas funkelnde Geschichte in einem Armenviertel (Basti genannt) spielt, riecht man beim Lesen gelegentlich auch die nahegelegene Müllkippe und die gemeinschaftliche Toilettenanlage.

Der neunjährige Jai lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester inmitten des engen, lauten Soziotops. Er sitzt zwar lieber vor der Glotze als zu lernen, aber er streunt auch oft neugierig durch die Gassen, schnappt Gespräche und Konflikte auf. Besorgt beobachtet er, wie korrupte Polizisten Schmiergelder erpressen und mit dem Abriss der illegal erbauten Häuser drohen.

Deepa Anappara porträtiert ihren Ich-Erzähler als sympathischen und schelmischen Jungen, der ständig Krimis und Polizei-Dokus guckt, und deswegen glaubt, selbst ein guter Detektiv zu sein. Prompt gibt es einen Anlass für Jai, aktiv zu werden: Omvir und Bahadur, zwei Kinder aus dem Basti, sind verschwunden. Jai überredet seine Freundin Pari und seinen Kumpel Faiz, mit ihm zu ermitteln. Die drei Hobbydetektive befragen die Eltern der Verschwundenen und recherchieren im verwinkelten Bhoot-Basar. Dort wimmelt es vor skurrilen Händlern, zwielichtigen Gestalten und Straßenkötern. Im Verlauf der turbulenten Handlung verschwinden noch vier weitere Kinder, aus deren Perspektiven Deepa Anappara in kurzen Einschüben erzählt.

Der bunte Kriminalfall wirkt von Beginn an wie ein realistisches Gesellschaftsporträt. Denn Jai erzählt nicht nur von seinen Träumen und Ängsten. Sondern auch von sozialen und religiösen Spannungen, Kastendenken und Kinderarbeit im heutigen Indien. Ein reichhaltiger, beschwingt formulierter Roman, in dem auch diverse Geister und Götter auftauchen, wie in Indien üblich.

Ein Tag am Meer, viel zu heiß

Von oben brennt die Sonne, und in ihm brodeln Schuldgefühle. Der 17-jährige Léonard taumelt durch den letzten Tag seines Campingurlaubs am Atlantik. Während seine Kumpels weiter trinken, rauchen und flirten, ist Léonard tief verunsichert. In der Nacht hat er einem Jungen beim Selbstmord am Strand zugesehen, ohne etwas zu unternehmen. Nun plagen ihn diese düsteren Minuten – hätte er eingreifen sollen, müssen, können? Ablenkung verspricht die verführerische Luce, die ihn auf einmal wahrzunehmen scheint – soll er ihr nachgeben? Darf er das überhaupt noch, nach seiner Untätigkeit?

Auf nur 150 Seiten entwirft Victor Jestin in „Hitze“ (Kein & Aber) ein intensives, atmosphärisches Drama. Der 26-jährige Autor beschreibt Léonards Dilemma in einer flirrenden, die Hitze und Hilflosigkeit erstaunlich gut transportierenden Prosa. Zu Beginn scheint die Hauptfigur völlig gelähmt zu sein, träge schleppt sie sich durch den Sand, und die Zeit scheint kaum vorüberzugehen. Später zieht Victor Jestin das Tempo und seine Erzählfäden an, und man fiebert mit Léonard mit: Hat ihn jemand in der Nacht beobachtet? Wird ihn Luce aufheitern? Ein von Unsicherheit geprägter Tag am Meer, eindringlich beschrieben in knappen Sätzen.