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carlos ruiz zafón, das labyrinth des Lichts, Rezension, Günter Keil Carlos Ruiz Zafón ist ein Magier. Er zaubert so düster-schöne, so abgründig-wunderbare, so zerrissen-liebevolle Gestalten und Schauplätze in seine Romane, dass es einem beim Lesen schwindlig wird. Fünf Jahre hat Zafón an seinem neuen Roman „Das Labyrinth der Lichter“ (S. Fischer) geschrieben – das spürt man. Dieses Werk ist fantasievoll, ausschweifend, mitreißend – und, ja, nahezu vollkommen. Ein Meisterstück großer Erzählkunst, ein würdiger Abschluss von Zafóns Zyklus um den „Friedhof der Vergessenen Bücher“.

Wie schon in „Der Schatten des Windes“, „Das Spiel des Engels“ und „Der Gefangene des Himmels“ spielt die Handlung überwiegend im Barcelona in den dunklen Jahren des Franco-Regimes. Die Geheimpolizistin Alicia Gris soll das Verschwinden des Kulturministers Mauricio Valls aufklären. Er war Direktor des sagenumwobenen Gefängnisses von Montjuïc – diesen unheimlichen Knast kennen Zafón-Leser bereits, ebenso wie die Buchhandlung Sempere & Söhne. Es ist also ein großes Wiedersehen, das der spanische Autor inszeniert, doch nicht nur das. Mit Alicia Gris hat Zafón eine umwerfende neue Figur geschaffen. Eine abgründige, smarte, teuflisch gute Ermittlerin, die durch unheimliche Gassen, düstere Tunnel und gefährliche Ruinen streift, und starke Schmerzen aushalten muss.

Zu Zafón Zauberkunst zählt auch, schonungslos brutal von der Unmenschlichkeit einer Diktatur erzählen zu können, schwärmerisch vom Zauber der Literatur, überzeugend von der Wonne und dem Leid der Liebe. Gleichzeitig. Zum Schluss seiner verschachtelten, märchenhaften Geschichte führt Carlos Ruiz Zafón die Erzählfäden seines Zyklus zusammen. Und verzaubert endgültig seine Leser. Wow.

 

doris knecht, rowohlt, alles über beziehungen, rezension, literaturblog, günter keil Warum betrügen so viele Großstadtmenschen ihre Partner? Was treibt sie in fremde Betten und wie rechtfertigen sie ihre Affären? Diesen Fragen spürt Doris Knecht in ihrer bitterbösen neuen Satire „Alles über Beziehungen“ (Rowohlt) nach. Ihre Hauptfigur vögelt sich ungehemmt durch ganz Wien: Viktor, Intendant eines Theaterfestivals, fünf Kinder, zwei Exfrauen, eine aktuelle Lebensgefährtin. Und jede Menge Affären. „Viktor hielt sich nicht für treuelos. Sein Treuebegriff entsprach nur einfach nicht dem Paradigma der sexuellen Eingleisigkeit, der altmodischen Monogamie.“

Doris Knecht entlarvt jede Menge Ausreden und Selbsttäuschungen, nicht nur von Viktor, sondern auch von den Frauen, die mit ihm Sex haben. Und weil diese Begründungen so bequem sind, dreht sich das Wiener Seitensprung-Karussell munter weiter. Zwar spitzt Knecht ihre so scharfe wie komische Geschichte zum Ende hin zu, doch der Kern ihres rasanten Romans sind schonungslose Psychostudien. So kultiviert die österreichische Autorin gekonnt ihre anspruchsvolle Heiterkeitsironie und legt ihre Finger tief in Beziehungswunden. Köstlich!

ulrich fasshauer, das u-boot-auf dem berg, rezension, günter keil, literaturblog Sein Name: Mauritius. Seine Leidenschaft: Fische.

Sein Beziehungsstatus: Verliebt in Mieke. Sein Spitzname: Blobfisch. Seine Traumwelt: Die Tiefsee.

Tja, Mauritius hat´s nicht leicht. Die schüchterne Hauptfigur aus dem wunderbaren Kinderroman „Das U-Boot auf dem Berg“ (Tulipan, ab 10 Jahren) von Ulrich Fasshauer flüchtet in ihre Traumwelt unter Wasser. Dort in der Tiefsee wird aus einer 5 im Zeugnis eine ganz normale Zahl. In der Realität ist das nicht ganz so einfach – außer für Mauritius´ Onkel Christoph, der bei seiner Familie einzieht. Der tätowierte Mann pfeift auf Regeln und zeigt Mauritius, wie man Spaß im Leben hat. Und siehe da: Zum Geburtstag bekommt der fisch-verrückte Mauritius ein U-Boot. Ulrich Fasshauer hat eine herrlich originelle und empathische Geschichte geschrieben – einerseits klassisch, da aus einem Außenseiter ein Held wird. Andererseits ungewöhnlich, da Fasshauers Sprache deutlich über dem Mainstream liegt. Er gibt Mauritius eine Stimme, die von unwiderstehlich leichter Tiefe getragen wird.

jens eisel, bevor es dunkel wird, rezension, literaturblog, günter keilAlex lernt früh, was es bedeutet, verlassen zu werden. Sein Vater haut ab, als er vier Jahre ist. Seine Mutter stirbt an Krebs, als Alex ein Teenager ist. Sein Bruder Dennis, ein Soldat, wird durch ein Kriegstrauma aus dem Leben gerissen. Der Hamburger Autor Jens Eisel gibt in seinem melancholischen Roman “Bevor es hell wird“ (Piper) Alex eine Stimme. Sie ist ruhig, klar und ehrlich. Und sie gibt Einblick in den Alltag von Supermarktkassiererinnen, Frührentnern, Alleinerziehenden und Arbeitslosen. Alex erzählt, wie er an der Elbe aufwächst, in einem Kino jobbt, mit seinem Freund in einer Autowerkstatt herumhängt und schließlich Mechaniker wird. Über ihm schwebt düster die Erfahrung von Verlust und Trauer – und über dem Buch eine offene Frage, die erst ganz zum Schluss beantwortet wird: Warum war Alex zwei Jahre im Knast?

Eisel hat ein beeindruckendes Gespür für Stimmungen und Szenen, für Ravioli aus der Dose, einen alten Wohnwagen am Strand, gegrillte Maiskolben beim Volksfestbesuch. Er dokumentiert in einfachen, klaren Worten das mühevolle Leben eines jungen Mannes am Rand. In seiner empathischen, aber nie anbiedernden Sprache ähnelt er US-Autor Willy Vlautin. Beide verbindet zudem, dass sie ihren verständnisvollen Blick auf Menschen aus der Arbeiterschicht richten.

e.o. chrirovici, das buch der spiegel, goldmann, rezension, günter keil, literaturblogEin mysteriöses Manuskript verschwindet. Ein 27 Jahre alter ungeklärter Mord steht kurz vor der Auflösung. Ein Literaturagent glaubt, das Buch seines Lebens an der Angel zu haben. Und dann kommt doch alles ganz anders.

In seinem Roman „Das Buch der Spiegel“ (Goldmann) erzählt E. O. Chirovici eine Dreiecksgeschichte von einem Psychologie-Professor in Princeton, seiner Studentin Laura und dessen Freund Flynn. 1987 treffen die drei aufeinander – und am Ende des Jahres wird der Professor ermordet. Was ist damals passiert? Das soll 27 Jahre später ein Manuskript enthüllen. Doch der Autor ist verstorben. Und die fieberhafte Suche nach der Wahrheit beginnt.

E. O. Chirovici hat einen raffinierten Ermittlerroman geschrieben. Ohne Schießerei, ohne Leichenfund, ohne Abenteuer. Und dennoch extrem spannend, erzählt aus den Perspektiven eines Literaturagenten, eines Reporters und eines pensionierten Polizisten. Ein intelligentes, mitreißendes  Buch über den fragwürdigen Wahrheitsgehalt von Erinnerungen.

adrian mckinty, rain dogs, rezension, literaturblog, günter keilWahnsinn, Regen, Irland – passt alles zusammen.“

Adrian McKinty liebt klare Worte. Formuliert punktgenau. Langweilt nie. In „Rain Dogs“ (Suhrkamp Nova), dem fünften Roman aus seiner Reihe um den nordirischen Polizisten Sean Duffy, zeigt McKinty mal wieder, wie man das macht: einen intelligenten, packenden Thriller zu schreiben. Mit einer überzeugenden Hauptfigur und gesellschaftspolitischer Relevanz.

Carrickfergus bei Belfast, 1987. Der Bürgerkrieg ist für Sean Duffy nichts besonderes mehr: „Ein Tag voller Schilde, Formationen und Molotow-Cocktails. Bullenbeschimpfungen. Milchflaschen voller Urin oder Benzin, die durch die Luft segelten. Alles wie gehabt. So langweilig, dass es der Beschreibung nicht lohnt.“ Ja, dieser Duffy ist cool und abgebrüht, und er erzählt trocken. Doch er ist auch verletzlich und hat eine dunkle Seite – ein komplexer Charakter, harter Hund, weicher Kerl, schlauer Typ, alles. Diesmal beschützt Duffy Muhammad Ali bei seinem Belfast-Besuch und beißt sich die Zähne am Tod einer englischen Journalistin aus. Sie wurde im Hof von Carrickfergus Castle gefunden – Selbstmord?

Die Ermittlungen führen ihn nach London und Finnland, und auf eine Pint-Tour durch die fünfzehn Pubs von Carrickfergus. Im letzten Viertel des Buches übertrifft Adiran McKinty sich selbst, haut seinen Lesern sein Können um die Ohren, liefert unvorhersehbare Wendungen, virtuose Sprache, unerhörte Spannung. Kein Zweifel: der in Australien lebende Ire spielt in einer Liga mit Don Winslow, Jo Nesbö und Dennis Lehane. Unbedingt lesen!

Wodka, Limettensaft. Soda, Eis – vier einfache Zutaten, die zusammen die meisten Probleme der Welt verschwinden lassen.“

hamid sulaiman, freedom hospital, rezension, literaturblog, günter keil Bomben explodieren. Kugeln zerfetzen Körper. Blut spritzt. Menschen sterben.

All das sieht man in „Freedom Hospital“ (Hanser), der Graphic Novel des syrischen Illustrators und Malers Hamid Sulaiman. Man muss die Gewalt auch sehen, spüren, ahnen. Denn die Handlung spielt 2012 in Sulaimans Heimat. Im Norden des Landes existiert ein geheimer friedlicher Ort: Die Pazifistin Yasmin betreibt ein Untergrund-Krankenhaus zur Versorgung verwundeter Rebellen. In diesem „Freedom Hospital“ treffen unterschiedlichste Persönlichkeiten und Überzeugungen aufeinander – Konflikte bleiben nicht aus. Und die Klinik wird immer wieder beschossen. „Wir werden weitermachen, selbst wenn sie das Krankenhaus hundertmal zerstören“ ruft Jasmin trotzig.

In düsteren schwarz-weißen Bildern dokumentiert Hamid Sulaiman Bombardements, Propaganda und Zerstörung. Aber eben auch die Aufbruchsstimmung rund um das „Freedom Hospital“, köstliche Joints, makabere Witze, leidenschaftlichen Sex. Im Nachwort erklärt der syrische Illustrator: „Ich musste einfach all das hinausschreien, was mir seit Beginn der Revolution im Hals stecken geblieben war.“ Das ist ihm mit seiner kunstvollen Bildsprache eindrucksvoll gelungen. 

Für das Magazin MÜNCHNER FEUILLETON habe ich dazu eine ausführliche Rezension geschrieben.