Tote Hose? Im Gegenteil.

„Ich habe an diesem Abend mein erstes Konzert erlebt und zum ersten Mal einen Busen gespürt. Man gewinnt nicht häufig im Leben. Häufiger verliert man, und die meiste Zeit passiert nichts, außer Mittagessen kochen, sich aufregen und freuen. Aber an diesem Abend war ich eindeutig Gewinner. Da darf man nicht dumm sein, da muss man sich erinnern.“

Der Musiker und Autor Thees Uhlmann hat eine Liebeserklärung an Die Toten Hosen geschrieben. Dieses originelle Büchlein aus der „Kiwi Musikbibliothek“ (Kiepenheuer & Witsch) feiert nicht nur Campino & Co., sondern auch die Liebe, das Saufen, das Leben als Künstler, die Elternschaft und den Punk.

Uhlmann plaudert locker drauflos, er philosophiert, und er erinnert sich an sein erstes Konzert der Toten Hosen 1988, als er 14 war. Später, viel später, spielte er als Supportact vor seiner Lieblingsband und 70.000 Zuschauern in Köln. Irre.

Dies ist also keine Hosen-Biografie. Sondern ein sehr persönlicher, witziger und philosophischer Blick auf Deutschlands erfolgreichste Punkmusiker. Geschrieben in Uhlmanns unverwechselbaren Sound, der so klingt als wären Tresengespräche unter Kumpels in Literatur verwandelt worden.

„Man kann sich das vielleicht nicht mehr vorstellen, aber man hatte damals keine Angst zu sterben.“

Magisch, dieser Migrationsroman

„Ich machte meine Jacke zu und wollte gerade wieder gehen, als die Wände plötzlich leuchtend blau und gelb aufblitzten, als würde ein Eisvogel vorbeischießen.“

In diesem Zitat aus Nhung Dams Roman „Tausend Väter“ (Ullstein) steckt schon vieles, das dieses fantastische Winterbuch zu einem unvergleichlichen Erlebnis macht: Die Natur in Form des Eisvogels, das Übernatürliche, Märchenhafte als bunter Blitz und die Ich-Perspektive eines 11-jährigen Mädchens.

Diese Nhung, das Alter Ego der Autorin, wurde als Tochter von Bootsflüchtlingen in einem unbekannten und eiskalten Land abgesetzt. Alles ist dem Mädchen aus Vietnam fremd, und es ist ihr viel zu kalt. Ihr Vater ist abgehauen, und ihre Mutter zieht sich träge zurück. Die trotzige, aktive Nhung entpuppt sich dagegen als ein Mädchen, das ihre Träume nicht aufgibt. Sie wirkt frei, unschuldig und fantasievoll. Nhung erzählt vom Seemann Amour, spricht mit ihrem Vogel Pirouette, besucht den Wahrsager Onkel Ho und lacht mit ihrer besten Freundin Mose.

Ein magischer Migrationsroman inmitten von Schnee, unendlicher Weite und dem dunklen Ozean. Der niederländischen Autorin Nhung Dam ist damit ein modernes Märchen geglückt, in dem sie die wahre Fluchtgeschichte ihrer Eltern verarbeitet. Mit grandiosen Bildern und einer starken jungen Heldin.

Boris Johnson, die Kakerlake

Er ist es, eindeutig. Auch wenn er zu Beginn dieser Erzählung noch sechs Beine hat.

In „Die Kakerlake“ (Diogenes) zeigt Ian McEwan den britischen Premier Boris Johnson als – nun ja, Kakerlake. Das ist der satirische und fantastische Anteil der Geschichte. Später, nach der Verwandlung des Sechsbeiners in einen Zweibeiner namens Jim Sams, porträtiert McEwan Johnson so, wie wir ihn kennen: Als skrupellosen Wahrheitsverdreher und ungezügelten Propagandisten, berauscht von Macht, Ego, Aufgabe und Amt. Das ist der realistische Anteil der Geschichte.

Ian McEwan hat einen eleganten Weg gefunden, sich seine Wut und seinen Schock über Boris Johnson und den Brexit von der Seele zu schreiben. Auf nur 132 Seiten erzählt er komisch und wahr, witzig und bitterböse von der aktuellen britischen Politik. Um Fakten oder gar die Regeln der parlamentarischen Demokratie geht es seiner Hauptfigur Jim Sams nicht. Sondern allein darum, egoistische Ziele zu verfolgen und diese als „den Willen des Volkes“ durchzusetzen.

Den Brexit erwähnt McEwan übrigens nicht. Sein Premierminister kämpft für etwas ähnlich Absurdes: Dem Reversalismus, der Umkehr des Geldflusses. Ein kompletter Schwachsinn, für den sich Jim Sams und seine unterwürfigen, opportunistischen Kabinettsmitglieder (bis auf eine Ausnahme ebenfalls Kakerlaken) einsetzen.

Eine kurze, funkelnde Politsatire. Brillant formuliert und so entlarvend, dass einem das Lachen oft im Halse stecken bleibt. Franz Kafka, der 1912 in „Die Verwandlung“ von einem Mann erzählt, der zur Kakerlake wird, hätte wohl seine Freude daran.

Woher das Kokain für den Kiez stammt

Simone Buchholz erzählt in ihrem neuen Fall für die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley zwei packende Geschichten parallel und abwechselnd. Und dann kreuzen sie sich plötzlich. „Hotel Cartagena“ (Suhrkamp) heißt der kompakte Krimi.

Story Nummer 1: Spektakuläre Geiselnahme am Hamburger Hafen. Eine Gruppe bewaffneter Männer hält alle Gäste einer noblen Bar hoch über der Stadt gefangen. Darunter sind Chastity Riley, ihre Ex- und ihr aktueller Lover sowie mehrere Polizisten.

Story Nummer 2: Ein junger Mann aus St. Pauli macht in Kolumbien unfreiwillig Karriere im Drogenmilieu und sorgt mit seinen Kontakten dafür, dass Kokain für die Hamburger High Society geliefert werden kann. Wie sich herausstellt, ist dieser Typ der Kidnapper. Er will sich an einer bestimmten Person rächen.

Lässig, lakonisch und souverän berichtet Simone Buchholz davon, wie sich ihre trinkfeste Hauptfigur als Geisel verhält. Zudem beschreibt sie die eisernen Regeln unter den Drogendealern auf dem Kiez. Und, noch entscheidender: Sie erzählt davon, wie man manchmal in eine bestimmte Rolle rutscht, ins Verhängnis – ohne es zu wollen oder geplant zu haben. Verdammt spannend, mit umfassend recherchierten Hintergrundinfos über die Strukturen der internationalen Kokainszene.

Ruhiges Rentnerleben

„Sein Leben lang hatte er sich bemüht, das Richtige zu tun.“

Kann man 470 Seiten über einen ganz normalen Rentner schreiben, ohne dass es langweilig wird? Der große amerikanische Erzähler Stewart O´Nan kann das. In „Henry, persönlich“ (Rowohlt) porträtiert er das Alltagsleben von Henry Maxwell liebevoll, präzise und feinsinnig.

Dieser Henry ist kein Held und kein Kämpfer, aber einer, der versucht, im altmodischen Sinne anständig zu sein. Er achtet aufs Geld, lädt seine Frau Emily zum Valentinstag in ein nobles Restaurant ein, repariert alle kaputten Gegenstände im Haus, engagiert sich im Kirchenvorstand, spielt Golf mit alten Kollegen – und freut sich auf die Zeit im Sommerhaus am See mit seinen Kindern und Enkeln.

Ein feiner, leiser Ehe- und Familienroman übers Zusammenleben und Zusammenaltwerden, über die Annehmlichkeiten des Vertrauens und das Wissen, dass das Glück befristet ist.

Henry ist friedlich, bescheiden und vernünftig. Stewart O´Nan zeigt ihn in einer stillen Sprache, mit wohlgesonnenem Blick und als aufmerksamer Beobachter. Ein entschleunigter Roman, der realistisch vom ruhigen Rentnerleben erzählt. Eine wunderbare Ergänzung zu O´Nans Bestseller „Emily, allein“, in dem der US-Schriftsteller schon im Jahr 2011 Henrys Frau porträtierte.

 

Elton John? John Lennon? Fast.

Puh. 960 Seiten. Ein dicker Brocken. Aber niemals langweilig.

Der englische Musiker, Komponist und Labelgründer Tot Taylor hat mit „The Story of John Nightly“ (Heyne) eine Liebeserklärung an die Swinging Sixties in London geschrieben. Eine Insider-Story übers Musikbusiness, ironisch und originell, ein Blick hinter die Kulissen und ein Einblick ins Leben eines großen fiktiven Künstlers, der sich nie verbiegt und nach der Karriere ein erfolgreicher Blumenzüchter wird. Dieser John Nightly ist eine Mischung aus Elton John, John Lennon, George Harrisson und Mike Oldfield.

Das Besondere: Im Fokus steht nicht die Karriere von John Nightly, sondern sein ganzes Leben, also auch die Anfänge in Schülerbands, der erste Deal mit einer Plattenfirma, und vor allem sein zurückgezogenes Leben in Cornwall nach dem Hype. John züchtet eigene Blumenarten und wird ein Meister des Gartenbaus.

Tot Taylor schreibt schwärmerisch, knallbunt, kompetent, melancholisch, authentisch – heraus kommt dabei eine literarische und musikalische Wundertüte. Es steht zwar „Roman“ auf dem Cover, dieses Buch ist aber eher wie ein großes Rockfestival mit Live-Atmosphäre, wie ein Best Of von Musikmagazinen wie Rolling Stone und hat die Dichte eines Pop-Rocklexikons. Mit fiktiven Interviews und Briefen sowie echten Fotos, etwa der Abbey Road Studios.

Ja, ein dicker Brocken. Aber einer, der das Zeug hat zu einem Klassiker der Rock´n´Roll-Romane.

Sie läuft, läuft, läuft

Eine Frau joggt um die Alster, völlig außer Atem. Viele Jahre ist sie nicht mehr gelaufen, aber jetzt muss es sein. Denn die Ich-Erzählerin von Isabel Bodgans Roman „Laufen“ (Kiepenheuer & Witsch) will ihre Trauer weglaufen, ihre Wut. Sie möchte endlich wieder leben, nicht nur grübeln. Der Grund ihres Ausnahmezustands: Ihr depressiver Mann hat sich das Leben genommen.

In schneller, klarer Sprache und in radikaler, assoziativer Form porträtiert Isabel Bogdan eine Frau, die zunächst verzweifelt erscheint. Ihre Laufversuche gestalten sich mühsam, und ihre Gedanken sind von Ohnmacht und Trauer geprägt: „Ich will nicht an die Zukunft denken und wie alles werden soll, ich bin doch schon froh, wenn ich durch die Gegenwart komme, ohne mitten in der Probe oder im Supermarkt heulen zu müssen.“ Doch je mehr die Hauptfigur, eine Orchestermusikerin, läuft, desto mehr gewinnt sie ihren Humor zurück, ihre Zuversicht. Wird es also tatsächlich irgendwann ein erfülltes Leben ohne ihren Mann geben, ein neues Zuhause? Oder bleibt es bei dem unerträglichen Zustand, den die Frau als „mickriges, kleines Scheißleben“ bezeichnet?

Wochen und Monate vergehen. Noch immer joggt die Frau, und sie berichtet in ihrem inneren Monolog von ersten Momenten der Hoffnung.

Isabel Bogdan hat ihren Roman wie eine Laufstrecke konstruiert. Mit langen temporeichen Sätzen, die von zahlreichen Kommata in kleine Einheiten, also letztlich Schritte, eingeteilt werden. Schritte zurück ins Leben. Das intensive Porträt ist kein „Betroffenheitsquark“, wie die Hauptfigur an einer Stelle über Ratgeber nach Schicksalsschlägen urteilt, sondern ein starker Roman über Verlust und Neuanfang.

Blind und brillant

„Die Welt ist ein beruhigend dunkler Schatten“

Jenny Aaron ist blind, und dennoch oder gerade deswegen eine herausragende Kämpferin. Die deutsche Elitepolizistin kann sich lautlos bewegen und besitzt eine Supersensibilität, die sie alles ahnen lässt, was in ihrer Umgebung passiert. Zudem beherrscht Aaron die japanische Kampfkunst Budo, zu der Akupunkturkarate mit 36 tödlichen Nervenpunkten zählt.

Auch in „Geblendet“ (Suhrkamp), dem dritten Fall der blinden Ermittlerin, setzt Andreas Pflüger auf die außergewöhnlichen Fähigkeiten und die vielschichtige Persönlichkeit seiner Hauptfigur. Aaron überzeugt mit eleganter Härte und stilvoller Kraft, und das gleiche gilt für Pflügers Prosa. Diesmal spielt der Plot in Berlin, Portugal, Paris und Barcelona. Und auf Rügen, wo Aaron eine Therapie beginnt, die ihre Sehzellen wieder aktivieren sollen. Doch Aaron weiß gar nicht, ob sie wieder sehen will – viele ihrer Fähigkeiten würde sie dann verlieren.

Nach einem Bombenanschlag auf die Büros ihrer geheimen Abteilung gehört Aaron zu den sieben Überlebenden. Ihre getöteten Kollegen will sie rächen, doch ihre Gegenspielerin ist eine ebenfalls hochtalentierte Frau, „meine dunkle Schwester“, wie Aaron meint. Wie sich die beiden exzellenten Kämpferinnen mehrmals tödlich nahe kommen, schildert Andreas Pflüger trocken, schnell und ästhetisch. Seinem Sog in die Blindenwelt kann man sich nicht entziehen.

Der Berliner Autor kreiert Szenen, die wie Stromstöße wirken, und auch der dritte Teil seiner Jenny-Aaron-Reihe besitzt die Energie einer Druckwelle, die er durch das komplette Buch jagt. Ein Erlebnis!

Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Ist das nun Journalismus, Literatur, Satire oder Polit-Kabarett,? Alles zugleich. In seinem listigen, kritischen und klugen Roman „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“ (Rowohlt) nimmt Friedrich Christian Delius die deutsche Politik aufs Korn, vor allem die Wirtschaftspolitik. Sein Ich-Erzähler, ein 63-jähriger Redakteur, notiert, was ihn nervt.

Ein Jahr lang, ab Ende 2017, führt der Mann Tagebuch. Endlich kann er schreiben, was er in seiner Zeitung nicht schreiben durfte. Endlich kann er abrechnen. Mit der verlogenen deutschen Politik während der Banken-, Griechenland- und Eurokrise. Mit den Finanzministern der Großen Koalition, die Gewinnschieberei und Steuertrickserei von Konzernen tolerieren. Mit der MÜK, „der maßlos überschätzten Kanzlerin“. Vor allem anderen stört den Journalisten, dass nichts gegen den wachsenden Einfluss Chinas getan wird. Er empört sich über das chinesische Sozialkreditsystem, „ein Wohlverhaltenskontrollmodell“, das Totalüberwachung ermögliche. Bald auch bei uns? Durchaus möglich, meint der pointiert argumentierende Kritiker, denn eines Tages werden die Chinesen Rügen kaufen. Viele Teile der Welt besitzen sie bereits, belegt er durch seine Recherchen.

Friedrich Christian Delius verteilt weder Gemeinplätze noch betreibt er Schwarzmalerei. Vielmehr klärt er auf, fragt, staunt, sammelt Informationen, zieht Schlüsse. Seine Figur ist ein scharfer Beobachter und brillanter Analyst, ähnlich wie der 2013 verstorbene Dieter Hildebrandt oder Georg Schramms Figur des Lothar Dombrowski. Ein starkes, wichtiges Buch!

„Kleiner Witz der Weltgeschichte: Ich China werden die Menschen mit allen Mitteln zu Mehrheiten geformt, normiert, während bei uns immer mehr Menschen einer Minderheit angehören wollen, möglichst einer benachteiligten, vernachlässigten Minderheit. Vor lauter Minderheiten kommt es nicht mehr zu Mehrheiten, jeder will es gemütlich haben auf seiner kleinen Identitätsinsel. So viel zur Entpolitisierung.“

Nicht normale Norweger

Auf Bærum, einer Insel vor Oslo, leben die Reichen und Privilegierten. Als ein Angler vor der Küste ein menschliches Ohr aus dem Gewässer fischt, ist Schluss mit der Idylle. Denn das Ohr gehört zu einem ermordeten Polen. Der illegal eingereiste Arbeiter schuftete auf der Baustelle eines berüchtigten Immobilienspekulanten. Die Polizei ermittelt, und plötzlich kämpfen alle gegeneinander: Vogelschützer, Anwälte, Migranten, Kleinkriminelle, Anteilseigner und Angler.

Der norwegische Autor Lars Lenth ist ein Meister des lockeren ironischen Tons. In „Schräge Vögel singen nicht“ (Limes) versammelt er eine Handvoll skurriler Typen, die in den Mordfall verwickelt sind. Die Ermittlungen führen auch drei ehemalige Schulkamerad*innen zusammen: Den kriminellen Hochstapler und Spekulanten Terje, den sympathischen Rechtsreferendar Leo und die attraktive Kommissarin Mariken. Außerdem treten auf: Die tollpatschigen Verbrecher Nils und Rino sowie der griesgrämige Angler, der den Fall unabsichtlich ins Rollen brachte.

Obwohl Lars Lenth die komödiantischen Seiten des Verbrechens hervorhebt, berichtet er parallel von kritischen gesellschaftspolitischen Entwicklungen: Die Ausbeutung osteuropäischer Arbeitskräfte, Betrug und Korruption bei großen Bauprojekten, die Umgehung von Umweltschutzgesetzen, die abgeschottete Welt der Reichen.

Ernsthaft und witzig, entspannt und spannend – Lenth kombiniert scheinbare Widersprüche und glänzt mit schwarzem Humor. Ein heiterer Krimi über Gier und Moral, und darüber, dass Norweger manchmal nicht ganz normal sind.