Magisch, dieser Migrationsroman

„Ich machte meine Jacke zu und wollte gerade wieder gehen, als die Wände plötzlich leuchtend blau und gelb aufblitzten, als würde ein Eisvogel vorbeischießen.“

In diesem Zitat aus Nhung Dams Roman „Tausend Väter“ (Ullstein) steckt schon vieles, das dieses fantastische Winterbuch zu einem unvergleichlichen Erlebnis macht: Die Natur in Form des Eisvogels, das Übernatürliche, Märchenhafte als bunter Blitz und die Ich-Perspektive eines 11-jährigen Mädchens.

Diese Nhung, das Alter Ego der Autorin, wurde als Tochter von Bootsflüchtlingen in einem unbekannten und eiskalten Land abgesetzt. Alles ist dem Mädchen aus Vietnam fremd, und es ist ihr viel zu kalt. Ihr Vater ist abgehauen, und ihre Mutter zieht sich träge zurück. Die trotzige, aktive Nhung entpuppt sich dagegen als ein Mädchen, das ihre Träume nicht aufgibt. Sie wirkt frei, unschuldig und fantasievoll. Nhung erzählt vom Seemann Amour, spricht mit ihrem Vogel Pirouette, besucht den Wahrsager Onkel Ho und lacht mit ihrer besten Freundin Mose.

Ein magischer Migrationsroman inmitten von Schnee, unendlicher Weite und dem dunklen Ozean. Der niederländischen Autorin Nhung Dam ist damit ein modernes Märchen geglückt, in dem sie die wahre Fluchtgeschichte ihrer Eltern verarbeitet. Mit grandiosen Bildern und einer starken jungen Heldin.

Boris Johnson, die Kakerlake

Er ist es, eindeutig. Auch wenn er zu Beginn dieser Erzählung noch sechs Beine hat.

In „Die Kakerlake“ (Diogenes) zeigt Ian McEwan den britischen Premier Boris Johnson als – nun ja, Kakerlake. Das ist der satirische und fantastische Anteil der Geschichte. Später, nach der Verwandlung des Sechsbeiners in einen Zweibeiner namens Jim Sams, porträtiert McEwan Johnson so, wie wir ihn kennen: Als skrupellosen Wahrheitsverdreher und ungezügelten Propagandisten, berauscht von Macht, Ego, Aufgabe und Amt. Das ist der realistische Anteil der Geschichte.

Ian McEwan hat einen eleganten Weg gefunden, sich seine Wut und seinen Schock über Boris Johnson und den Brexit von der Seele zu schreiben. Auf nur 132 Seiten erzählt er komisch und wahr, witzig und bitterböse von der aktuellen britischen Politik. Um Fakten oder gar die Regeln der parlamentarischen Demokratie geht es seiner Hauptfigur Jim Sams nicht. Sondern allein darum, egoistische Ziele zu verfolgen und diese als „den Willen des Volkes“ durchzusetzen.

Den Brexit erwähnt McEwan übrigens nicht. Sein Premierminister kämpft für etwas ähnlich Absurdes: Dem Reversalismus, der Umkehr des Geldflusses. Ein kompletter Schwachsinn, für den sich Jim Sams und seine unterwürfigen, opportunistischen Kabinettsmitglieder (bis auf eine Ausnahme ebenfalls Kakerlaken) einsetzen.

Eine kurze, funkelnde Politsatire. Brillant formuliert und so entlarvend, dass einem das Lachen oft im Halse stecken bleibt. Franz Kafka, der 1912 in „Die Verwandlung“ von einem Mann erzählt, der zur Kakerlake wird, hätte wohl seine Freude daran.

Ruhiges Rentnerleben

„Sein Leben lang hatte er sich bemüht, das Richtige zu tun.“

Kann man 470 Seiten über einen ganz normalen Rentner schreiben, ohne dass es langweilig wird? Der große amerikanische Erzähler Stewart O´Nan kann das. In „Henry, persönlich“ (Rowohlt) porträtiert er das Alltagsleben von Henry Maxwell liebevoll, präzise und feinsinnig.

Dieser Henry ist kein Held und kein Kämpfer, aber einer, der versucht, im altmodischen Sinne anständig zu sein. Er achtet aufs Geld, lädt seine Frau Emily zum Valentinstag in ein nobles Restaurant ein, repariert alle kaputten Gegenstände im Haus, engagiert sich im Kirchenvorstand, spielt Golf mit alten Kollegen – und freut sich auf die Zeit im Sommerhaus am See mit seinen Kindern und Enkeln.

Ein feiner, leiser Ehe- und Familienroman übers Zusammenleben und Zusammenaltwerden, über die Annehmlichkeiten des Vertrauens und das Wissen, dass das Glück befristet ist.

Henry ist friedlich, bescheiden und vernünftig. Stewart O´Nan zeigt ihn in einer stillen Sprache, mit wohlgesonnenem Blick und als aufmerksamer Beobachter. Ein entschleunigter Roman, der realistisch vom ruhigen Rentnerleben erzählt. Eine wunderbare Ergänzung zu O´Nans Bestseller „Emily, allein“, in dem der US-Schriftsteller schon im Jahr 2011 Henrys Frau porträtierte.

 

Elton John? John Lennon? Fast.

Puh. 960 Seiten. Ein dicker Brocken. Aber niemals langweilig.

Der englische Musiker, Komponist und Labelgründer Tot Taylor hat mit „The Story of John Nightly“ (Heyne) eine Liebeserklärung an die Swinging Sixties in London geschrieben. Eine Insider-Story übers Musikbusiness, ironisch und originell, ein Blick hinter die Kulissen und ein Einblick ins Leben eines großen fiktiven Künstlers, der sich nie verbiegt und nach der Karriere ein erfolgreicher Blumenzüchter wird. Dieser John Nightly ist eine Mischung aus Elton John, John Lennon, George Harrisson und Mike Oldfield.

Das Besondere: Im Fokus steht nicht die Karriere von John Nightly, sondern sein ganzes Leben, also auch die Anfänge in Schülerbands, der erste Deal mit einer Plattenfirma, und vor allem sein zurückgezogenes Leben in Cornwall nach dem Hype. John züchtet eigene Blumenarten und wird ein Meister des Gartenbaus.

Tot Taylor schreibt schwärmerisch, knallbunt, kompetent, melancholisch, authentisch – heraus kommt dabei eine literarische und musikalische Wundertüte. Es steht zwar „Roman“ auf dem Cover, dieses Buch ist aber eher wie ein großes Rockfestival mit Live-Atmosphäre, wie ein Best Of von Musikmagazinen wie Rolling Stone und hat die Dichte eines Pop-Rocklexikons. Mit fiktiven Interviews und Briefen sowie echten Fotos, etwa der Abbey Road Studios.

Ja, ein dicker Brocken. Aber einer, der das Zeug hat zu einem Klassiker der Rock´n´Roll-Romane.

Sie läuft, läuft, läuft

Eine Frau joggt um die Alster, völlig außer Atem. Viele Jahre ist sie nicht mehr gelaufen, aber jetzt muss es sein. Denn die Ich-Erzählerin von Isabel Bodgans Roman „Laufen“ (Kiepenheuer & Witsch) will ihre Trauer weglaufen, ihre Wut. Sie möchte endlich wieder leben, nicht nur grübeln. Der Grund ihres Ausnahmezustands: Ihr depressiver Mann hat sich das Leben genommen.

In schneller, klarer Sprache und in radikaler, assoziativer Form porträtiert Isabel Bogdan eine Frau, die zunächst verzweifelt erscheint. Ihre Laufversuche gestalten sich mühsam, und ihre Gedanken sind von Ohnmacht und Trauer geprägt: „Ich will nicht an die Zukunft denken und wie alles werden soll, ich bin doch schon froh, wenn ich durch die Gegenwart komme, ohne mitten in der Probe oder im Supermarkt heulen zu müssen.“ Doch je mehr die Hauptfigur, eine Orchestermusikerin, läuft, desto mehr gewinnt sie ihren Humor zurück, ihre Zuversicht. Wird es also tatsächlich irgendwann ein erfülltes Leben ohne ihren Mann geben, ein neues Zuhause? Oder bleibt es bei dem unerträglichen Zustand, den die Frau als „mickriges, kleines Scheißleben“ bezeichnet?

Wochen und Monate vergehen. Noch immer joggt die Frau, und sie berichtet in ihrem inneren Monolog von ersten Momenten der Hoffnung.

Isabel Bogdan hat ihren Roman wie eine Laufstrecke konstruiert. Mit langen temporeichen Sätzen, die von zahlreichen Kommata in kleine Einheiten, also letztlich Schritte, eingeteilt werden. Schritte zurück ins Leben. Das intensive Porträt ist kein „Betroffenheitsquark“, wie die Hauptfigur an einer Stelle über Ratgeber nach Schicksalsschlägen urteilt, sondern ein starker Roman über Verlust und Neuanfang.

Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Ist das nun Journalismus, Literatur, Satire oder Polit-Kabarett,? Alles zugleich. In seinem listigen, kritischen und klugen Roman „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“ (Rowohlt) nimmt Friedrich Christian Delius die deutsche Politik aufs Korn, vor allem die Wirtschaftspolitik. Sein Ich-Erzähler, ein 63-jähriger Redakteur, notiert, was ihn nervt.

Ein Jahr lang, ab Ende 2017, führt der Mann Tagebuch. Endlich kann er schreiben, was er in seiner Zeitung nicht schreiben durfte. Endlich kann er abrechnen. Mit der verlogenen deutschen Politik während der Banken-, Griechenland- und Eurokrise. Mit den Finanzministern der Großen Koalition, die Gewinnschieberei und Steuertrickserei von Konzernen tolerieren. Mit der MÜK, „der maßlos überschätzten Kanzlerin“. Vor allem anderen stört den Journalisten, dass nichts gegen den wachsenden Einfluss Chinas getan wird. Er empört sich über das chinesische Sozialkreditsystem, „ein Wohlverhaltenskontrollmodell“, das Totalüberwachung ermögliche. Bald auch bei uns? Durchaus möglich, meint der pointiert argumentierende Kritiker, denn eines Tages werden die Chinesen Rügen kaufen. Viele Teile der Welt besitzen sie bereits, belegt er durch seine Recherchen.

Friedrich Christian Delius verteilt weder Gemeinplätze noch betreibt er Schwarzmalerei. Vielmehr klärt er auf, fragt, staunt, sammelt Informationen, zieht Schlüsse. Seine Figur ist ein scharfer Beobachter und brillanter Analyst, ähnlich wie der 2013 verstorbene Dieter Hildebrandt oder Georg Schramms Figur des Lothar Dombrowski. Ein starkes, wichtiges Buch!

„Kleiner Witz der Weltgeschichte: Ich China werden die Menschen mit allen Mitteln zu Mehrheiten geformt, normiert, während bei uns immer mehr Menschen einer Minderheit angehören wollen, möglichst einer benachteiligten, vernachlässigten Minderheit. Vor lauter Minderheiten kommt es nicht mehr zu Mehrheiten, jeder will es gemütlich haben auf seiner kleinen Identitätsinsel. So viel zur Entpolitisierung.“

Ulrich Tukurs Zeitreise

Stellt Euch vor, Ihr findet in einem alten Fotoalbum Bilder von Euch selbst. Aber Ihr selbst könnt es nicht sein. Es muss eine andere Person sein, rund hundert Jahre vor Euch. Genau das passiert der Hauptfigur in Ulrich Tukurs neuem Roman „Der Ursprung der Welt“ (S.Fischer). Paul Goullet, der im Jahr 2033 in Deutschland lebt, findet in einem Fotoalbum in Paris Bilder, die ihn selbst zeigen. Ein Schock. Aber auch eine Chance.

Paul beschließt, seinem Alter Ego auf die Spur zu kommen. In Südfrankreich. Er reist mit dem Zug nach Perpignan, Port-Vendres und Banyuls. Immer wieder wird er von Polizisten und Militärs kontrolliert, denn Frankreich hat sich zu einem totalitären Überwachungsstaat entwickelt. Wer nicht gehorcht oder kein Visum hat, wird in Straf- oder Arbeitslager gebracht. Und, fast genauso beängstigend: Immer wieder reagieren andere Leute überrascht und schockiert, sobald sie Paul sehen, und er selbst findet sich in den Städten auf seiner Reise ganz leicht zurecht – obwohl er noch nie dort war.

Ulrich Tukur hat eine außergewöhnliche Dystopie geschrieben. Keinen aufgeregten Thriller, sondern eine besonnen und rätselhaft erzählte, spannende Geschichte. Die Zeiten darin scheinen zu verschwimmen; mal lebt Paul in 2033, mal in 1943.

„Das Leben ist ein Abgrund, dachte er, in dem jeder mit dem anderen zusammenhing,, ein unendlich fein verzweigtes, unterirdisches Geflecht, das die Erde seit Jahrtausenden durchzog und alles Böse und Gute, Tote und Lebendige miteinander verband.“

Paul driftet in Träume ab, er lebt als andere Person 1943 und wacht doch wieder 2033 auf. Dieser Mann ist eine faszinierende Figur: Eine, die sich den modernen Zeiten verweigert, kein Smartphone besitzt und die bereit ist, sich den Geheimnissen seiner Vorfahren zu stellen. Auf seiner Reise lernt er unter anderem eine 86-jährige ehemalige Chansonsängerin kennen, die Inhaberin einer Pension. Sie raucht Zigarillos, und sie scheint Paul gut zu kennen. Woher nur?

Ein Buch über Träume und Widerstand, über Heute und Gestern. Ein Buch gegen „die rapide Zerstörung unserer poetischen Spielgründe“, wie Tukur im Vorwort meint.

Drei!

Orna, Emilia, Ella. Drei Frauen.

Die erste sucht Trost und Ablenkung. Die zweite sucht Verständnis und ein Zuhause. Die dritte sucht Bestätigung. Alle drei stoßen auf Gil, einen Rechtsanwalt. Gil will etwas ganz Bestimmtes von den Frauen; etwas, das sie nicht ahnen.

Mit „Drei“ (Diogenes) ist dem israelischen Autor Dror Mishani der bis jetzt beste Kriminalroman des Jahres geglückt. Eine Geschichte in drei Teilen, die man so noch nie gelesen hat. Mishani schreibt so präzise wie Ferdinand von Schirach, so psychologisch ausgefeilt wie Patricia Highsmith.

In „Drei“ handeln nur drei Sätze von körperlicher Gewalt. Trotzdem ist dieses Buch erschütternd, fesselnd und kaum auszuhalten. Ein Meisterwerk, über das ich nicht mehr verrate. Denn man muss es selbst erlesen und erlebt haben.

Zwei Paare in einer Vierecksgeschichte

„Ich kann es nicht anders als einen inneren Wetterumschwung nennen, was ich damals erlebte.“

In einem Häuschen auf einer dänischen Insel treffen sich zwei befreundete deutsche Paare. Sie wollen gemeinsam ein gemütliches Wochenende in der Natur verbringen. Doch der friedliche Inseltrip sorgt für inneren Aufruhr. Jan Christophersen erzählt in „Ein anständiger Mensch“ (mare) eine klassische Vierecksgeschichte über Anstand und Untreue und den schwelenden Reiz des Verbotenen.

Steen Friis, der Ich-Erzähler, ist Philosoph und Bestsellerautor. Er gibt öffentlich Ratschläge zum Thema Anstand und Moral, doch nun, auf der Insel, ist er überfordert und unsicher, was zu tun ist. Denn zwischen ihm, seiner Frau Frauke und dem anderen Paar, Ute und Gero, entwickelt sich eine fatale Dynamik. Frauke, eine Psychotherapeutin, fühlt sich zu Gero hingezogen und Ute, eine Verlagsfrau, versucht, Stehen zu verführen. Gewissheiten geraten ins Wanken, und aus diesem spannenden Prozess bastelt Jan Christophersen niveauvolle Unterhaltung. Der 45-jährige Autor hat ein feines Gespür für die psychologischen Aspekte des Zusammentreffens seiner Figuren. Aus vertraut wird fremd, aus Spiel wird Ernst.

Eine Nigerianerin in San Francisco

Eine chic gekleidete, fast 75-jährige Dame fährt mit ihrem alten Porsche durch San Francisco. Sie heißt Morayo da Silva, kommt ursprünglich aus Nigeria, und jeder in ihrer Nachbarschaft kennt sie. Denn Morayo sprüht vor Lebensfreude. Sie plaudert mit allen – dem Blumenhändler, der Straßenfegerin, und sie macht ständig neue Bekanntschaften.

Beschwingt und charmant erzählt Sarah Ladipo Manyika in ihrem Debütroman „Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt“ (Hanser Berlin) von einer sympathischen Lebenskünstlerin. Kurz vor ihrem Geburtstag muss Morayo allerdings ins Krankenhaus zu einer Hüft-OP. In der anschließenden Reha freundet sie sich mit Pearl, Bella und Reggie an.

Während ihre Hüfte langsam eilt, erinnert sich die alte schwarze Dame an ihren Ex-Mann Ceasar, einen hochrangigen Diplomaten. An all die Länder, in denen sie gelebt und all die Häuser, die sie bewohnt hat. Und natürlich an ihre Heimat Nigeria, „das Land der ewigen Sonne und des täglichen Theaters“. Ihr Buchregal daheim hat Morayo übrigens danach sortiert, welche Charaktere aus den Romanen sich ihrer Meinung nach miteinander unterhalten sollen.

Sarah Ladipo Manyika, selbst in Nigeria geboren, hat eine kurze, bezaubernde Geschichte über Freundschaft und Lebensfreude im hohen Alter geschrieben. Ihre Hauptfigur Morayo möchte ich sofort als Freundin haben oder selbst so sein, später einmal, mit 75 Jahren.