Neuerscheinung · Rezension · Romane

Wenn Lebensverläufe kollidieren

matthew weiner, alles über heather, rezension, rowohlt, blog, günter keil Nur 125 Seiten. Mehr braucht Matthew Weiner nicht. Um eine scheinbar heile Welt einstürzen zu lassen. Um zwei Lebensverläufe kollidieren zu lassen. Um seine Leser mitzureißen. Um zu zeigen, wie brillant er eine packende Geschichte konstruieren kann.

Alles über Heather“ (Rowohlt) heißt der Miniroman des Autors, Produzenten und Regisseurs der TV-Erfolgsserie „Mad Men“. Weiner erzählt zwei Plots, die sich später kreuzen – von Mark, Karen und ihrer Tochter Heather, einer Vorzeigefamilie. Und von Bobby, einem Kriminellen aus der Unterschicht. Nüchtern und reduziert berichtet der US-Autor vom gesellschaftlichen Aufstieg der privilegierten Familie, und vom fortwährenden Abstieg des Mannes, der von Geburt an am Abgrund lebte. Doch mit jeder Seite verschwimmen die Grenzen zwischen diesen beiden Welten – auch Mark, Karen und Heather scheitern. Fatal. Brutal.

Eine souverän zugespitzte, klar umrissene Erzählung, die an untergründiger Spannung kaum zu übertreffen ist. Ein lautes Bravo für dieses Debüt!

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Nachts bricht das Trauma auf

john williams, nichts als die nacht, rezension, günter keil, literaturblogJohn Williams war zweiundzwanzig, als er „Nichts als die Nacht“ (dtv) schrieb. Sein Erstlingswerk von 1948, eine Novelle, ein kleines existenzielles Drama – damals ein Misserfolg. Williams protokolliert zwölf Stunden im Leben von Arthur Maxley. Ein Abend, eine Nacht. Und ein tiefer innerer Abgrund, der sich schließlich auftut. Maxley treibt wie betäubt durch San Francisco, trifft sich kurz mit seinem Vater, wirkt wirr und völlig daneben.

Der Kopf wummerte im Takt mit dem pochenden Puls; die Stirn war klamm und kalt, und sein Atem ging rasch, während ihn immer wieder ein heftiger Schauder überlief.“

In einer düsteren Bar trinkt er Martinis mit einem Bekannten, später bestellt er in einem schäbigen Nachtclub Brandy und Champagner für Claire, eine schöne Frau, die er gerade erst kennengelernt hat. Als er schließlich mit zu ihr nach Hause geht, bricht ein schweres Trauma auf, das ihn seit seiner Kindheit plagt.

In ihm drängte ein angeschwollener Strom, die Summe all seiner unterdrückten Liebe, seines Hasses und seines Mitleids, die Summe aus Furcht, Angst, Zufriedenheit, Langeweile, Ungeduld Ennui und Leidenschaft.“

In eindringlichen, intensiven Worten schildert John Williams das Leiden seiner Hauptfigur. Eine kurze, heftige Geschichte, stilistisch noch nicht so ausgefeilt wie Williams´ spätere Werke „Stoner“ oder „Butcher´s Crossing“. Dennoch gut, dass es diese Novelle nun erstmals auf Deutsch gibt.

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Neuanfang in Südafrika

deon meyer, fever, rezension, blog, günter keilEin tödliches Fieber. Und danach: nichts. Deon Meyer entwirft in seinem neuen, dicken Roman „Fever“ (Rütten & Loening) apokalyptisches Szenario: 95 Prozent der Weltbevölkerung sterben – in Südafrika zählen Willem Storm und sein Sohn Nico zu den Überlebenden. Sie beschließen, eine neue, friedliche Gemeinschaft aufzubauen. Das Zusammenleben funktioniert zunächst hervorragend. Die Bewohner züchten Tiere, bauen Obst und Gemüse an, gründen ein politisches Komitee und erarbeiten ein Grundgesetz. Das einfache, überschaubare Leben ohne Smartphones, Stress und Konsum tut den Menschen gut. Doch schon bald wird eine eigene Armee nötig, um die mittlerweile auf 5.000 Menschen angewachsene Stadt vor Feinden zu schützen. Zudem verblasst das Gemeinwohl, Egoismus kehrt zurück.

Schonungslos beleuchtet Deon Meyer die großen existenziellen Fragen: Was passiert, wenn die zivilisierte Welt verschwindet? Wie verhalten sich Menschen, wenn sie wieder von ganz vorne anfangen müssen? Ohne Elektrizität und Kanalisation, regierungs- und gesetzlos? Haupterzähler ist Nico, der als 47-jähriger auf die bewegten Jahre zurückblickt. Zwischen dessen Erinnerungen streut Deon Meyer Protokolle mehrerer Bewohner und liefert einen völlig überraschenden Schluss. Ein beeindruckender, teilweise brutaler Blick aufs menschliche Zusammensein.

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Matrix + Känguru + The Circle + 1984 = Quality Land

marc-uwe kling, quality land, rezension, blog, günter keilDeutschland in naher Zukunft: Drohnen und Autos sprechen, Beziehungen werden per Knopfdruck beendet, Zufälle gibt es nicht mehr. Die Maschinen werden immer menschlicher, und die Menschen immer maschineller. Marc-Uwe Kling, Autor der legendären Känguru-Chroniken, hat eine komische und ironische Version unseres Alltagslebens entworfen. In seinem „QualityLand“ (Ullstein) läuft alles rund, alles ist perfekt, und alle Menschen sind glücklich – zumindest offiziell. Das von Algorithmen bestimmte Leben hat jedoch auch Schattenseiten. Nicht einmal der PDF, „Dein persönlicher digitaler Freund“, kann helfen. Er lacht zwar über die Witze seines Besitzers und vergisst nie seinen Geburtstag, aber er hat kein Mittel gegen das Gefühl, nicht mehr selbstbestimmt zu sein. Eine lockere Zukunftssatire, bei der einem das Lachen oft im Hals stecken bleibt. Und eine Warnung, wohin die schon in „1984“, „Matrix“ und „The Circle“ dargestellte gesellschaftliche Entwicklung führen kann. Ach ja, und das Känguru taucht auch auf, so ganz nebenbei.

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Germany, 1945

uwe timm, ikarien, rezension, literaturblog, günter keilEr will verstehen, was es nicht zu verstehen gibt. Der junge Soldat Michael Hansen kehrt im April 1945 als amerikanischer Offizier in das Land seiner Geburt zurück. Im Auftrag des Geheimdienstes soll er das Leben und Wirken eines einflussreichen Eugenikers recherchieren.

Das ist die Ausgangslage von Uwe Timms Roman „Ikarien“ (Kiepenheuer & Witsch), von Schauspieler Ulrich Noethen als Hörbuch vertont (Random House Audio). Timms klare Prosa und Noethens herausragende Interpretation – lesend und hörend kann man sich dieses großartige, komplexe Werk erschließen.

Die ersten Tage nach dem Krieg sind es, in denen Hansen über Trümmer steigt, die Deutschen beobachtet, Kaugummis verschenkt, sich Tagebuchnotizen macht. Timm zeigt Hansen als objektiven, menschlichen Soldaten – einen, der wirklich wissen will, wie es zu Rassenwahn und Holocaust kommen konnte. Das Verbot der Fraternisierung bricht er, hat Affären mit deutschen Frauen, lebt mit einem Kollegen in einer Villa am Ammersee, fährt im Cabrio herum. Soweit der eine, private Erzählstrang des Romans. Im anderen, fachlichen, steigt Timm mit seiner Hauptfigur tief ein in die Geschichte der Eugenik und die Suche nach einer besseren Gesellschaftsform. Bei seinen Recherchen und zahlreichen Gesprächen wird Hansen klar, dass die Nazi-Ideologie vom auserwählten Volk aus einer kruden Mischung stammt: sozialistische, spirituelle und utopische Projekte, etwa die amerikanische Gemeinde Ikarien, wurden von Wissenschaftlern geprüft und weiterentwickelt. Hansen ist fasziniert und entsetzt zugleich – und muss feststellen, dass seine Vorgesetzten bald das Interesse an seiner Arbeit verlieren.

Uwe Timm wechselt souverän und fließend seine Erzählebenen. Mal lässt er Hansen in seinen Recherchen geradezu versinken und gleitet ins Theoretische ab, mal ist er ganz nah bei Hansens privilegiertem Privatleben. Eine lehr- und abwechslungsreiche Geschichtsstunde auf hohem literarischem Niveau.

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Zwei Männer aus den Bergen

paolo cognetti, acht berge, rezension, günter keil, literaturblogIch habe geweint beim Lesen. „Acht Berge“ (DVA) berührt und bewegt. Und das ist ein kleines Wunder. Denn: Dieser Roman hat so gar nichts von typischen Bergromanzen oder Naturdramen. Paolo Cognetti drückt nicht auf die Tränendrüse, und er vermittelt kein verklärtes Naturbild.

In klaren, ruhigen Worten erzählt der italienische Autor von einer 30 Jahre anhaltenden Männerfreundschaft. Von Pietro und Bruno, die in einem abgelegenen Dorf in den Dolomiten aufwachsen. Von ihrer Begeisterung für Wildbäche, Talschluchten, Wälder und Gipfel. Für Falken und Murmeltiere. Für alte Ställe, Heuschober und Kornspeicher, die sie erkunden. Pietro zieht es später in die Stadt, irgendwann auch nach Nepal, wo er Dokumentarfilme dreht. Bruno hingegen bleibt im Dorf – Bergbauer ist seine Berufung. Cognettis wunderbares Buch erzählt auch eine Vater-Sohn-Geschichte, in der das Bergsteigen eine wichtige Rolle spielt: „Die einzig richtige Erziehung, die mir von meinem Vater jemals zuteilwurde“, sagt Pietro über die gemeinsamen Touren. Später erbt er von seinem Vater ein Berggrundstück mit einer Ruine, und er beschließt, mit Bruno die Hütte wieder aufzubauen:

Ich saß auf einer einer Mauer mitten im Schnee, vor einem zugefrorenen See in in zweitausend Meter Höhe. Und ich spürte, dass es einfach so sein musste. Aus unerfindlichen Gründen hatte mich mein Vater hier haben wollen, auf dieser lawinengeplagten Hochebene am Fuß dieses seltsamen Felsen, damit ich mit diesem Mann eine Ruine restaurierte.“

Worauf kommt es im Leben wirklich an? Darauf, den höchsten Berg von allen zu besteigen, also ein großes Ziel in weiter Ferne zu erreichen? Oder eher darum, viele kleine Berge nahe der Heimat zu erklimmen? Indirekt dreht sich dieser Roman um große Fragen. Aber ganz direkt bleibt er im Dorf, am Berg, bei Pietro und Bruno. Eine kostbare Geschichte.

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Finnisch, lakonisch, herrlich

petri tamminen, meeresroman, rezension, günter keil, literaturblogLakonischer, liebenswerter und skurriler geht’s kaum. Entspannter und finnischer auch nicht.

Meeresroman“ (Mare) von Petri Tamminen: eine bezaubernde Tragikomödie.

Antiheld Vilhelm Huurna, ein kleiner Mann, will ein großer Kapitän werden. Und tatsächlich: Huurnas Traum erfüllt sich – er bereist die Meere der Welt. Dass er dabei ein Schiff nach dem anderen versenkt, nun, ist das wirklich seine Schuld? „Jeder, der schon einmal im Sturm gesegelt ist, weiß, dass Segelschiffe vieles tun, worum sie zu bitten der Mensch nicht einmal auf die Idee käme.“

In sparsamer Sprache, mit Sätzen wie kleine Kunstwerke, erzählt Petri Tamminen von einem Mann, der sich nicht unterkriegen lässt. Obwohl er oft unter Wasser gerät. Huurna macht die Erfahrung, dass man Dinge einfach hinnehmen muss, mit viel Schnaps und ausdauerndem Schweigen. Eine herrlich schräge Geschichte, gespickt mit schelmischen Weisheiten und finnischem Humor.