Neuerscheinung

Gegen das Vergessen und Verschweigen

Gerechtigkeit, Schuld und Vergebung – das sind die Themen, die Mechtild Borrmann in ihrem neuen Roman „Grenzgänger“ anpackt. Die vielfach ausgezeichnete Autorin stand mit ihrem letzten Werk „Trümmerkind“ monatelang auf den Bestsellerlisten, und auch mit ihrer neuen spannenden Geschichte reist sie zurück in die deutsche Nachkriegszeit. Darf man verschweigen, was passiert ist? Kann man mit seiner Schuld leben? Diese Fragen treiben Borrmanns Figuren um, auch 20 Jahre nach den dramatischen Ereignissen.

Im Mittelpunkt steht ein Mädchen, das schon früh Grenzen auslotet: Henni wächst in einem kleinen Dorf an der deutsch-belgischen Grenze mit drei Geschwistern auf. Ihre Mutter stirbt früh, ihr Vater ist ein strenger Katholik – die Familie lebt in bescheidenen Verhältnissen. Doch Henni findet einen Weg, Geld zu verdienen. Wie viele andere Leute schmuggelt sie zwischen 1947 und 1950 Kaffee aus Belgien in die Eifel. Manchmal nimmt sie dabei ihre Geschwister mit, und auf einer Tour erschießt ein Zöllner Hennis Schwester Johanna.

Für Hennis Vater ist klar: Henni ist schuld an dieser Tragödie. Er will, dass seine Tochter in eine Besserungsanstalt kommt. Die jüngeren Geschwister landen in einem kirchlichen Heim, wo Matthias angeblich an einer Lungenentzündung stirbt. Als Henni später davon erfährt, glaubt sie, dass sein Tod eine andere Ursache hatte – doch kann sie es beweisen?

Mechtild Borrmann erzählt in ihrer präzisen, klaren Sprache von dieser aufwühlenden Zeit. Die Rahmenhandlung ihres Romans spielt 20 Jahre später. Henni ist inzwischen 37 Jahre alt, und sie steht vor Gericht. Man wirft ihr vor, zwei Menschen getötet zu haben. Diese Taten sollen im Zusammenhang mit dem Heimaufenthalt der Kinder stehen. Borrmann springt gekonnt zwischen den Zeitebenen und taucht tiefer in die Vergangenheit von Henni und ihren Geschwistern ein. Was ist damals in den Heimen wirklich passiert?

Mechthild Borrmann beweist erneut, dass sie wie kaum eine andere Autorin Spannung und Zeitgeschichte verknüpfen kann. Ein starkes Buch gegen das Verschweigen und Vergessen in der Nachkriegszeit. 

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Ein Roman wie ein breites Grinsen

Er ist schüchtern, dick und höflich. Und verliebt. Und man schließt ihn sofort ins Herz. Denn der namenlose junge Mann aus Wolf Haas´ neuem Roman „Junger Mann“ (Hoffmann undCampe) stolpert und futtert sich so herrlich und ehrlich durch die Geschichte, dass es eine reine Freude ist.

Haas lässt seinen Antihelden selbst erzählen. Zu Beginn des Buches ist er erst vier Jahre alt, gibt aber schon Weisheiten übers Skifahren und Schanzenbauen von sich: „Den Kopf senkte ich so tief, dass ich zwischen meinen Knien nach hinten schauen konnte. Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt immer am interessantesten.“

Mit zwölf jobbt der Junge an einer Tankstelle und verliebt sich „augenblicklich um den Verstand.“ Ausgerechnet in Elsa, die Frau des coolen Lastwagenfahrers Tscho. Elsa macht ihm Komplimente, und der junge Mann nimmt sich vor, ganz schnell ganz viel abzunehmen. Um von seinen 93 Kilo runterzukommen. Also zählt er Kalorien, schleckt nur kurz am Eis, nagt an Leinsamenbrot und verzichtet auf die halbe Pizza. Schließlich erlebt der junge Mann noch ein Abenteuer: er darf mit Tscho nach Griechenland fahren. Ein Road Trip, der stellenweise an „Tschick“ erinnert; wobei Wolfgang Herrndorfs Klassiker unerreicht bleibt.

Wolf Haas blickt voller Empathie auf seine Hauptfigur – was ihn jedoch nicht daran hindert, mit unvergleichlich trockenem Wortwitz von ihr zu erzählen. Ein Roman wie ein schelmisches, breites Grinsen. Ach ja, und um Brunzpausen, Betonwatschn und das Lässigschauen geht´s natürlich auch. Ist ja schließlich ein Roman über einen Jungen.

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Vorsicht: verwöhnte Teenies!

„Sagte ich, Fälschen kriegt jeder Depp auf die Reihe, sofern er einen Stift halten kann? Sorry. Muss mich korrigieren. Bisschen Hirn gehört schon dazu. Mein Wort drauf.“

Furios, frisch und frech kommt dieser moderne Lausbubenroman daher. „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ (Berlin Verlag) von Thomas Klupp liegt sprachlich zwischen Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ und Wolf Haas´ Brenner-Krimis. Will heißen: Unkonventionell. Schnell. Originell. Der Autor, selbst Literaturwissenschaftler, besticht durch eine unbändige Lust am Fabulieren und Formulieren.

Klupp erzählt aus der Perspektive des 16-jährigen Benedikt Jäger, eines verwöhnten Teenagers aus einer verwöhnten Vorzeigekleinstadt. Benedikt und seine Kumpels, allesamt nah am Rande der Wohlstandsverwahrlosung, witzeln und feiern sich durch den Schulalltag. Ihre pointenreichen Erlebnisse purzeln aus diesem Buch wie aus einer literarischen Wundertüte. Egal, ob es um effektive Wasserbomben, aktuelle Mädchen-Rankings, gefälschte Schulaufgaben und Unterschriften oder um schlaue Lehrer-Verarschen geht – Klupps Kosmos macht großen Spaß. Und seine Vergleiche ebenso:

„Meine Handflächen wurden feucht wie Spüllappen.“ / „Ich nickte in einem Tempo, in dem Kolibris mit den Flügeln schlagen.“

Interview · Neuerscheinung

Im Interview: Timur Vermes

Drei Millionen verkaufte Bücher, erschienen in 43 Ländern. Verfilmt, 2,4 Millionen Kinobesucher, adaptiert fürs Theater, Schullektüre in zahlreichen Bundesländern. Das ist die Erfolgsgeschichte von Timur Vermes „Er ist wieder da“ von 2012. Soeben ist der neue Roman des 51-jährigen erschienen: „Die Hungrigen und die Satten“ (Eichborn), eine rasante Gesellschaftssatire über eine Massenflucht nach Deutschland. Ich habe gestern die Premierenlesung in München moderiert und Vermes interviewt:

Die Erwartungshaltung, dass Sie einen weiteren Mega-Bestseller abliefern, ist groß. Haben Sie diesen Druck beim Schreiben gespürt? Nein. Die Frage ist ja, ob man sich diesen Schuh anzieht oder nicht. Ich konnte mich gut davon freimachen, da ich ja schon bei „Er ist wieder da“ nicht ahnen konnte, dass es so ein großer Erfolg wird. Ich habe damals nicht gewusst, was meine Leser wollten und einfach nur getan, worauf ich Lust hatte. Das war jetzt wieder genauso – überraschenderweise merkte ich beim Schreiben: Oh, das ist anschlussfähig! Was die drei Millionen Käufer von „Er ist wieder da“ wollen oder erwarten, wusste ich nicht, und es spielte auch keine Rolle für mich.

Schon erstaunlich, dass Sie in den sechs Jahren seit Ihrem Debüt so gelassen geblieben sind. Wahrscheinlich habe ich den Vorteil, Anfang 50 zu sein und nicht Ende 20. In meinem Alter ist man dann doch ein bisschen entspannter. Außerdem habe ich ja auch einiges getan in dieser Zeit: Meine Nase ins Filmgeschäft gesteckt, Drehbücher geschrieben, ein Buch übersetzt, ein halbes Jahr bei der BUNTE gearbeitet, und letztlich zwei Jahre intensiv an meinem neuen Roman gesessen. Ich versuchte einfach, meine gute Laune zu behalten – das geht aber grundsätzlich nur, wenn ich bei der Basis meines Schreibens bleibe. Dazu gehört, dass ich ohne Druck arbeiten will.

Hat sich Ihr Leben durch den Erfolg verändert? Ja, gründlich. Früher war ich froh, wenn ich Jobs hatte. Jetzt kann ich entscheiden, was ich machen will. Meine Halbprominenz hat zum Beispiel dazu geführt, dass ich eine Kolumne über Comics schreiben kann; so habe ich mir einen alten Wunsch erfüllen können. In den vergangenen Jahren hat mich natürlich oft die Frage umgetrieben: Was will ich eigentlich aus meinem Leben machen? Ich genieße jetzt die wirtschaftliche Sicherheit, die als freier Journalist keine Selbstverständlichkeit ist. Aber diese neue Freiheit, dieses Privileg, ist natürlich auch eine Herausforderung. Damit umzugehen muss man lernen, denn man ist so etwas ja nicht gewohnt. Ich versuche jedenfalls, vernünftige Sachen zu machen.

In „Die Hungrigen und die Satten“ schreiben Sie über eine riesige Flüchtlingsbewegung, die in einem Lager in Afrika startet. Wann fiel der Entschluss, dies zu Ihrem neuen Thema zu machen?  Zu dem Zeitpunkt, zu dem sich jeder von uns damit beschäftigt hat: 2015. Ich sehe fern, lese Zeitung und informiere mich wie jeder andere auch, und so fiel mir nach einiger Zeit auf, dass die Reaktionen auf die Flüchtlingsfrage nicht rationaler wurden. Von Anfang an gab es die Willkommenskultur auf der einen Seite und die Ablehnung auf der anderen. Was aber genau passieren würde, wenn wir wirklich alle Flüchtlinge aufnehmen oder alle an der Grenze ablehnen würden, damit hat sich niemand beschäftigt. Mir kam es so vor, als ob beide Seiten, Linksaußen und Rechtsaußen, das Denken eingestellt hätten, und als ob niemand den Mumm hatte zu sagen, was wirklich in diesem oder jenem Fall passieren könnte.

Und dann haben Sie beschlossen, dies selbst zu tun? Ich habe mir zumindest gedacht: Dann helfe ich Euch mal dabei, dass Ihr Euch vorstellen könnt, wie das ist, wenn die Grenzen dicht sind und ein paar hunderttausend Flüchtlinge davor stehen. Meine Geschichte hat absolut nichts Enthüllendes oder Überraschendes. Sie arbeitet im Wesentlichen mit bekannten Elementen und Informationen. Jeder, der Nachrichten sieht, weiß, dass es so kommen könnte. Aber wie Schüler, die ewig das Erledigen ihrer Hausaufgaben rausschieben und hoffen, dass sie irgendjemand anderes macht, hat niemand ernsthaft so ein Szenario entwickelt.

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Parabel auf Heimweh, die Liebe und Lebensträume

Eine Hommage an die Berge und das bäuerliche Leben, ein historischer Roman, eine Liebesgeschichte und eine moderne Komödie – kann man all dies in einem Buch vereinen? Unmöglich.

Möglich. Alex Capus gelingt es. Auf nicht einmal 200 Seiten erzählt er in „Königskinder“ (Hanser) zwei Geschichten, die kunstvoll miteinander verwoben sind. Capus beginnt in der Gegenwart, im bergigen Greyerzerland. Tina und Max bleiben mit ihrem Auto im Schnee stecken, eine ganze Nacht lang. Zum Zeitvertreib erfindet Max für Tina eine Geschichte, die genau dort in den Bergen, zur Zeit der französischen Revolution, ihren Anfang nimmt. Eine tragikomische Liebesgeschichte um den Knecht Jakob und Marie, die Tochter eines reichen Bauern. Jahrelang dürfen sie sich nicht sehen, nur sehnen.

In federleichter, feiner Prosa beschriebt Alex Capus das Unglück der Liebenden sowie den Alltag auf dem Land. Zwischendurch springt er zurück in die Gegenwart, ins verschneite Auto in den Schweizer Bergen. Dort unterbricht Tina Max´ Erzählung und kritisiert seine angeblich klischeehafte Schilderung. Max behauptet jedoch, alles habe sich genau so zugetragen, und fährt mit der Geschichte fort. Durch dieses Wechselspiel zwischen den Jahrhunderten bekommt Capus´ Roman eine doppelbödige, reflektierende Ebene.

Nach vielen Jahren finden Marie und Jakob schließlich zueinander. Ausgerechnet in Versailles, wo sich Elisabeth, die kleine Schwester von König Ludwig XVI, für das Paar stark macht. Eine höchst vergnügliche Geschichtsstunde.

Die muntere Parabel auf Heimweh, die Liebe und Lebensträume gibt es auch als Hörbuch (Der Hörverlag), herausragend gelesen von Ulrich Noethen.

 

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Zwei in der Provenece

„Sie streckte ihren Arm aus und berührte mich an der Schulter, ließ ihre Hand dort liegen, und ich spürte sie nicht, spürte sie doch, wollte sie aber nicht spüren, wollte nicht, dass diese Frau sich einmischte, auf mich herabsah, sich anmaßte, mich zu trösten oder zu bemitleiden.“

Andreas Vollmann lebt zurückgezogen in einem Haus in der Provence. Er trauert um seine geliebte Schwester Nina. Und er kann es kaum glauben: Eines Tages steht eine junge Frau vor ihm und behauptet, Ninas Tochter zu sein. Von nun an leben die beiden unter einem Dach, lernen sich und die verstorbene Nina neu kennen, und stellen fest, dass die Wärme und die Stimme eines anderen Menschen zum Glücklichsein ausreichen.

Das ist – stark vereinfacht – der Inhalt von Thommie Bayers neuem Roman „Das innere Ausland“ (Piper). Klingt ein bisschen wie der Plot eines kitschigen Nicholas-Sparks-Buches. Doch Bayer erzählt diese Geschichte einer behutsamen Annäherung zwischen Onkel und Nichte in einem zurückhaltenden, angenehmen Ton, der keine Klischees zulässt. Wenn Andreas und Malin (so heißt seine Nichte) durch Olivenhaine oder über Felder spazieren, wenn sie am Kaminfeuer sitzen und über Nina sprechen, dann wird einem auch beim Lesen warm ums Herz. Und wenn die beiden sich nachts auf eine Bank unter einer Platane neben einem Dorfbrunnen legen, dann schläft man neben ihnen beruhigt ein. Oder man tut dies daheim, nach der Lektüre. Ein berührender, wunderbar unaufgeregter Roman .

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Fürsorgliche Ausbeutung

„Wie, du kennst wirklich deine Bioeltern?“ In der Welt, die Julia von Lucadou in ihrem brillanten Roman „Die Hochhausspringerin“ (Hanser) entwirft, haben echte Eltern und ihre Kinder nichts miteinander zu tun. Wer sich nach Trost, Nähe und Zuspruch sehnt, wählt in der App eines Parentbots die Mutteroption – und spricht mit einer einfühlsamen Stimme, die perfekt eine Wunschmama imitiert. Dass es sich um eine Maschine handelt, vergessen die User meist nach wenigen Minuten. Die moderne Metropole, in der sie leben, verspricht auch jenseits von „Bioeltern“ Glück: durch permanente Selbstoptimierung, vielversprechende Karriereoptionen und einen privilegierten Status.

Die Menschen haben sich voneinander entfremdet. Stattdessen sorgt Technik für ein Gefühl von Geborgenheit und Liebe, wie im Film „Her“ mit Joaquin Phoenix. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist in Lucadous Vision so weit (aber realistisch) fortgeschritten, dass totale Transparenz und Überwachung ganz alltäglich sind. Alles, was man tut oder sagt, wird irgendwo registriert. Im Mittelpunkt der intensiven, atmosphärisch dichten Geschichte steht Riva, eine professionelle Hochhausspringerin. Riva ist ein Star mit Millionen Fans. Und ein Musterbeispiel für eine Frau, die es aus den vernachlässigten „Peripherien“ in die Stadt und nach ganz oben geschafft hat.

Doch plötzlich mag Riva nicht mehr. Sie stoppt ihr Training, ihre Auftritte, ihre PR-Verpflichtungen. Ihr Arbeitgeber, die Akademie für Highrise Diving, engagiert die Therapeutin Hitomi, um die Ursachen für Rivas Krise herauszufinden. Außerdem soll Hitomi so schnell wie möglich dafür sorgen, dass Riva wieder springt. Doch die Spitzensportlerin weigert sich beharrlich, sie klinkt sich völlig aus, wirkt depressiv. Ein Skandal in einer Welt, in der die Selbstoptimierung und der ständige Wille zum Erfolg wie Gesetze wirken.

Julia von Lucadou erzählt mitreißend und elegant vom Wahn, gezielt Glück, Gesundheit und Erfolg herbeiführen zu können. Sie skizziert ein System, das seine Bürger unter permanenten Druck setzt, und dabei ständig behauptet, doch nur das Beste zu wollen. Hinter dem schönen Schein, den blankgeputzten Glasfassaden und den lächelnden Gesichtern der Stadtbewohner lauern Einsamkeit, Angst, Anspannung und Depression. Grund ist ein erschreckend plausibles Prinzip der fürsorglichen Ausbeutung, nicht weit entfernt von der Welt, in der wir schon jetzt leben.