Paris versinkt im Wasser

Es regnet und regnet. Paris scheint zu ertrinken, und ausgerechnet während dieses Hochwassers kommen 4 Personen für ein Familientreffen in die Stadt. Das ist die Grundkonstellation von Tatiana de Rosnays „Fünf Tage in Paris“ (C. Bertelsmann).

Die Malegardes wollen den 70. Geburtstag des Vaters feiern. Der Mann reist mit seiner Frau Lauren aus Südfrankreich ein, Tochter Tilia aus London und Sohn Linden aus San Francisco. Die beiden Kinder sind erfolgreiche Künstler, doch sie tragen traumatische Erlebnisse mit sich herum, über die sie nie miteinander sprechen.  

Auch ihre Eltern haben Geheimnisse. Das Schweigen hat Tradition in dieser Familie. Als der Vater jedoch ins Koma fällt, und die Lage im überschwemmten Paris immer bedrohlicher wird, überwinden die vier Malegardes ihre Scham und ihre Ängste. Endlich sprechen sie sich aus.

Tatiana de Rosnay hat ein bestechendes Szenario entworfen, atmosphärisch dicht, brillant komponiert. Mit uneitler Eleganz, in klarer Sprache, berichtet sie von einem Familiendrama. Eine trotz der inhaltlichen Schwere leichte, nie seichte Lektüre.

„Fünf Tage in Paris“ werde ich übrigens auch im Podcast „Long Story Short“ vorstellen – inklusive Interview mit Tatiana de Rosnay. Ausstrahlung in Folge 9 im August.

Oha, Oma!

„Dass auch meine Großmutter eine Frau war, kam mir nicht in den Sinn.“

Nein, eigentlich darf es so eine Oma nicht geben. Nicht im wahren Leben, und nicht in der Literatur. Doch in Alina Bronskys neuem Roman „Der Zopf meiner Großmutter“ (Kiepenheuer & Witsch) spielt eine übergriffige, überhebliche Person die Hauptrolle. Sie höhnt und stöhnt, schimpft und manipuliert. Überall wittert sie Keime und Bakterien, alles muss desinfiziert werden. Und sie macht ihrem Enkelkind Max das Leben zur Hölle. Für sie ist er ein Dummkopf und eine Plage, und das behauptet sie ganz offen.

Max erzählt aus seiner kindlichen Perspektive von den Schikanen seiner Oma, und das macht den besonderen Reiz dieses bitterbösen, urkomischen Romans aus. Da die Handlung in einem deutschen Flüchtlingsheim spielt (die Großeltern wandern aus Russland ein), bekommt die skurrile Geschichte einen gesellschaftspolitischen Rahmen. Bronsky erzählt auf sehr witzige Weise vom Ankommen und Eingewöhnen in einem fremden Land. Und von Vorurteilen gegenüber der neuen Heimat. Die argwöhnische Großmutter findet nahezu alles schlimm an Deutschland, und sie gibt vor, ihren Enkel beschützen zu müssen: Vor deutschen Ärzten und Schulen, vor türkischen und arabischen Mitschülern, und vor allem vor Juden. Dass sie selbst vorgibt, aus einer jüdischen Familie zu stammen, um ein Aufenthaltsrecht in Deutschland zu bekommen, ist ihr dabei egal.

Die Großmutter widerspricht sich permanent, und sie behauptet Dinge, von denen sie keine Ahnung hat – das lernt ihr Enkel schnell. Mit schwarzem Humor und köstlicher Situationskomik berichtet Alina Bronsky vom kleinen Max, der seine Oma durchschaut. Zunächst eingeschüchtert, fällt es dem Jungen schwer, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen. Doch je mehr er sich von seiner herrischen Großmutter löst, umso mehr findet er seinen eigenen Weg. Einen Großvater gibt es übrigens auch noch, aber er steht in der familiären Befehlskette ganz unten; trotzdem oder vielleicht gerade deswegen sorgt er für einen Skandal, den Max schneller begreift als seine Oma.

Alina Bronsky zeigt erneut ihr großartiges Gespür für skurrile Figuren, die man trotz ihrer Ruppigkeit und Unverschämtheit liebgewinnen kann. Der lakonische Ton ihrer Geschichte täuscht; dahinter steckt ein warmherziger Blick auf Menschen mit seltsamen Verhaltensweisen.

„Ich hatte nie Freunde gehabt, was ich normal fand, denn auch meine Großeltern hatten keine.“

Muscheln sammeln, Kochen, Reimen, aufs Meer schauen…

Muscheln und Treibholz sammeln. Reimen. Ein Feuer im Kamin entzünden. Kochen. Sich gegenseitig Fragen stellen und beantworten. Oder einfach nur dasitzen, aufs Meer schauen und nichts tun.

Wie befriedigend und beruhigend es sein kann, ein einfaches Leben zu führen, davon erzählt William Saroyan in „Tja, Papa“ (dtv). Sein kurzer, herzerwärmender Roman ist eine Liebeserklärung ans Meer, ans Schreiben und an an seinen zehnjährigen Sohn. Die aus der Sicht eines Zehnjährigen erzählte Geschichte erschien schon 1957; nun liegt sie erstmals auf Deutsch vor – zum Glück. Denn in unserer Zeit der Reizüberflutung, des Internets und Smartphones entfaltet dieser entschleunigte Roman eine äußert wohltuende, anregende Wirkung. Fast wie ein Meditationsretreat.

In kurzen, klaren Sätzen und mit vielen Dialogen erzählt William Saroyan von Pete und seinem Papa, die in einem einfachen Strandhaus in Malibu leben. Sie haben kaum Geld, aber viel Zeit, viel Verständnis, und viel Mitgefühl. Und sie haben eine Idee: Warum sollte nicht Pete einen Roman schreiben, nachdem sein Vater unter einer Schreibblockade leidet? Sein Sohn will zwar eigentlich lieber zum Mond fliegen oder einen großen Fisch angeln, aber er interessiert sich auch fürs Schreiben. Und für alles, was man erleben kann, um später darüber in einem Roman zu berichten. Also fragt Pete seinen Vater, warum er das Meer so liebt, was Gott ist, wie man mit einfachsten Mitteln kocht und viele andere Dinge, die den Alltag der beiden sympathischen Figuren bestimmen. Liebevoll und klug antwortet der Schriftsteller, und er schärft das Bewusstsein seines Sohnes für Achtsamkeit.

„Alte Zeitungen sind das beste Tischtuch überhaupt. Beim Essen schaut man sich die Sachen an, die darin stehen, und wenn man fertig ist, knüllt man das Tischtuch einfach zusammen und wirft es in den Kamin.“

William Saroyan, der für ein Theaterstück den Pulitzerpreis und für ein Drehbuch einen Oscar bekam, hat mit seiner bodenständigen Vater-Sohn-Geschichte einen Klassiker geschrieben. Ein zeitloses Buch, das die wahren Werte des Lebens in den Mittelpunkt stellt – ohne Verklärung und Kitsch. Pete, der Zehnjährige, plant, eine Sprache zu finden, in der man nicht lügen kann. Und sein Vater kocht „Schriftstellerreis“, mit allen Resten, die sich in der Küche finden lässt. Wenn die beiden zusammen essen oder mit ihrem kleinen roten Ford nach Half Moon Bay und San Francisco fahren, möchte man am liebsten dabei sein. Und sich freuen, wie einfach das Glück des Augenblicks zu finden ist.

Das Buch zur Europawahl

„Es gibt kein Entkommen. Von seiner Geschichte. Von meiner Geschichte.“

Herr Kraus und Herr Winterberg reisen mit der Bahn kreuz und quer durch Europa, immer entlang ihrer Biografien. Kraus könnte Winterbergs Enkel sein, doch er ist sein Pfleger. Mit dieser Reise erfüllt Kraus dem fast Hundertjährigen seinen letzten Wunsch. Ausgestattet mit einem Baedecker-Reiseführer von Österreich-Ungarn aus dem Jahr 1913, fährt das ungleiche Paar durch seine eigene, und selbstverständlich, durch die große, wirre Geschichte Europas.

Mit „Winterbergs letzte Reise“ (Luchterhand) hat Jaroslav Rudiš das vielleicht beste europäische Buch im Vorfeld der Europawahl geschrieben. Einen poetischen, melancholischen Reisebericht, der nicht nur zwei Menschen verbindet, sondern zahlreiche Sprachen und Kulturen. Von Berlin aus reisen die beiden unter anderem nach Königgrätz, Budweis, Pilsen, Linz, Wien, Brünn, Budapest, Zagreb und Sarajevo. Und wieder zurück. Dabei muss sich Kraus stundenlang Geschichten anhören:

„Er erzählte mir von der Geschichte. Von den historischen Zufällen. Von den historischen Unfällen. Er erzählte von den historischen Anfällen, an denen er leidet.“

Die teilweise ermüdend langen Erzählpassagen Winterbergs sind der einzige Schwachpunkt dieses großartigen Romans. Davon abgesehen, begeistert Jaroslav Rudiš mit herb-herzlichen Dialogen, einer modernen, Poetry-Slam-nahen Prosa und einem Plot, der Augen und Herzen öffnen kann: für geteiltes Leid und geteilte Freude, für Versöhnung im Angesicht der Ungerechtigkeit und Unverständlichkeit von Geschichte. Wer musste fliehen, wer wurde vertrieben, welche Kriege wurden gewonnen, welche verloren? Bisweilen verlieren sich die zwei Männer im Nebel der Geschichte, in Museen, auf Friedhöfen und Bahngleisen. Zwischen Schlachten und Schnitzeln.

„Winterbergs letzte Reise“ ist ein Roman, der von Menschlichkeit und Verständnis geprägt ist, trotz all der Widersprüche und bitteren Erinnerungen, mit denen die Hauptfiguren konfrontiert werden. Denn eigentlich suchen Kraus und Winterberg auch nach zwei Frauen, die in ihrem Leben eine entscheidende Rolle gespielt haben:

„Ich schaute ihn an und dachte, nicht nur er, auch ich bin verloren. Er reist mit mir durch Europa und weint Lenka Morgenstern nach. Doch anstelle von Lenka Morgenstern reise ich mit ihm durch Europa und weine Carla nach.“

Wenn ein Leben zerreißt

„Wie kann sich ein Leben von einer Sekunde auf die nächste so dramatisch verändern? Wie fällt es auseinander, bekommt einen Riss, wie schrumpft es einfach zusammen, bis es sich im Nichts auflöst? Hatte Ogi, ohne es zu merken, seinem Leben geholfen, sich auf genau diese Weise zu entwickeln?“

Puh. Erstmal durchatmen. „Der Riss“ (btb) der koreanischen Schriftstellerin Pyun Hye-Young ist ein kleiner Roman mit großer Wirkung. Denn er geht tief. Das Drama über das furchtbares Schicksal eines gelähmten Mannes wurde in Südkorea mit den wichtigsten Literaturpreisen ausgezeichnet. Die Geschichte ist fast wie ein Kammerspiel aufgebaut, denn die Handlung dreht sich meist nur um 2 Personen in einem Raum: Um Ogi, der nach einem Unfall gelähmt ans Bett gefesselt ist, und seine Schwiegermutter, die ihn pflegt. Die beiden sind verbittert und können sich nicht ausstehen.

Ogi hat bei dem Autounfall seine Frau verloren. So wie der Wagen in einen Abgrund stürzte, stürzt nun auch Ogi in die Tiefe, erst ins Koma, dann ins Dunkel von Ohnmacht und Depression. Sein Leben hat einen Riss bekommen, und nichts ist mehr wie zuvor. Hätte er etwas anders machen können oder sollen? Hätte er sich mehr um seine unglückliche Frau kümmern müssen? Ogi verzweifelt an seinen Erinnerungen.

Nüchtern und klar schildert Hye-Young Pyun das Leiden des Mannes. Sie weidet sich nicht in seinem Schmerz, sondern erzählt geradezu dokumentarisch von seinem furchtbaren Schicksal und der Auseinandersetzung mit seiner Schwiegermutter.

Für Ogi ist es zu spät, um sein Leben anders zu gestalten – für uns als Leser zum Glück nicht. Ich habe dieses schmale Buch als Mahnung gelesen, das Leben zu genießen, zu achten, und nichts für selbstverständlich zu halten.

„Ogi erinnerte sich daran, wie das Auto die Leitplanke durchbrochen hatte und einen dunklen Abhang hinuntergerutscht war. Noch nie hatte er Geschwindigkeit so deutlich wahrgenommen und eine solche Todesangst erfahren – das würde er nie vergessen.“

 

 

Los Angeles, 1965

Dieser Roman blitzt, kracht und flackert. Er hat ein Höllentempo. Riecht nach Feuer. Und er klingt nach ungeschminktem Jazz. Was kaum erstaunt, denn er spielt mitten in den Unruhen in Los Angeles 1965. Die Stadt brennt. Die Schwarzen greifen die Cops an. Auf den Straßen: Chaos, Kämpfe, Flammen, Blut.

In seinem Debüt „Graffitipalast“ (Kunstmann) schildert A.G. Lombardo die Revolte aus einer bestechenden Perspektive: Seine Hauptfigur, der Stadtforscher und Semiotiker Monk, schlurft, rennt und torkelt durch die Ghettos. Er dokumentiert die Graffiti der rivalisierenden Gangs. Wie in Trance geht er immer weiter, immer tiefer hinein in den Konflikt. Wo er ist, brodelt es. In hochwertiger, rauschartiger Prosa begleitet A.G. Lombardo seinen Monk, notiert Streetslang, skizziert Tagger, Sprayer, Randalierer, Aktivisten, Cops, Plünderer, Säufer, Flaschen- und Steinewerfer. Ein atmosphärisches, bildstarkes Porträt eines Aufstands.

„Monk schlägt sein zerfleddertes blaues Notizbuch auf, ein dickes Bündel Zettel, Notizen und Zeichnungen von Graffiti und Street Art: Bleistift- und Tintenskizzen von Gangzeichen, Tags und Homeboy-Kunst, dazwischen Anmerkungen in kleiner, krakeliger Druckschrift; Fundorte, Erklärungen, Fragen, Zugehörigkeiten, Stile, gängige Motive, Querverweise.“

Heimat. Flucht. Sprache: Stanišić

„Dass ich heute mit Sprache arbeiten, dass ich literarisch schreiben kann, ist ein Privileg. Ich weiß noch, wie es sich anfühlt, für etwas keine Sprache zu haben.“

Saša Stanišić hat seine Heimat Jugoslawien verloren. In „Herkunft“ (Luchterhand) schreibt er darüber, wie das war. Als aus Nachbarn plötzlich Feinde wurden, 1992, und als er nach Deutschland kam. Erst nach Heidelberg, später Hamburg. Ohne die richtige Sprache. Ohne Ahnung von der deutschen Gründlichkeit. Stanišić erzählt davon, wie schwierig es mit seinem Namen war, eine Mietwohnung zu bekommen – und wie leicht, nachdem er mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Er blickt aber auch weiter zurück, in seine Kindheit in einer kleinen Stadt am Fluss Drina. Stanišić zählt auf, was er dort hatte:

„Eine Sammlung von Katzenaugen, abgeschraubt von Autokennzeichen. Das einzige Mal geschlagen worden von den Eltern deswegen. Eine Großmutter, die mir das Alphabet der Nierenbohnen beherrschte und die mir riet, dass ich mich an Worte halten sollte, ein Leben lang, dann werde zwar trotzdem nicht alles gutgehen, aber einiges lasse sich besser ertragen.“

Das besondere an diesem Buch ist seine Vielseitigkeit und Genauigkeit. Sein Blick für skurrile Momente und liebevolle Verwandte. Und die Abwesenheit von Wut, Rechtfertigung oder einer Abrechnung. Stanišić erzählt persönlich und bewegend, spielerisch und künstlerisch. Er ist nicht auf Pointen fixiert wie Wladimir Kaminer, sondern hat den Mut, ambivalente Erinnerungen stehen zu lassen, sozialistische Lieder zu zitieren, stille und laute Familienmomente zu beschreiben. Und gleichzeitig nie oberflächlich zu sein.

Mit der deutschen Sprache arbeiten, das kann der heute 41-jährige nun schon lange. Sogar um einiges besser als so mancher Muttersprachler. „Herkunft“ versammelt Geschichten, die den Weg von einem Sprach- und Lebensraum zum nächsten verdeutlichen. Vom Abschied und Anfang.

Fantasievolle Wundertütenliteratur

Das hier ist Kunst. Keine gut gemachte Unterhaltung, sondern noch besser gemachte Literatur.

Eine einzigartige Erzählung. 218 Seiten kurz. Wunderschön und verstörend. Still und schillernd. Aufregend und unberechenbar. Nachdenklich und intelligent. So ähnlich wie schon Max Porters Debüt „Trauer ist das Ding mit Federn“, und doch anders.

„Lanny“ (Kein und Aber) handelt von zwei Sonderlingen in einem englischen Dorf. Lanny, ein Junge, der lieber allein im Wald spielt als mit Freunden, und Pete, ein einst erfolgreicher Künstler, der Lanny das Zeichnen beibringt. Max Porter erzählt aus verschiedenen Perspektiven von dieser Verbindung, dieser Freundschaft, die dem Erkunden der Natur, dem Erkennen von Farben und Gerüchen, dem Leben jenseits von Konsum, Medien und Gruppenzwang dient. Das wirkt verdächtig auf die Dorfbewohner. Lannys Eltern und Lehrer machen sich Sorgen ums Kindeswohl, und als der Junge eines Tages verschwunden ist, bricht Panik aus.

Mit unheimlicher Ruhe und Mut fürs Unkonventionelle fängt Max Porter den Zauber einer Freundschaft ein. Zwischendurch gestattet der 37-jährige einer lauten, archaischen Figur diverse Auftritte: Altvater Schuppenwurz, ein Waldwesen und ein Symbol für die Ängste und Hoffnungen, die in den Menschen schlummern. Er schleudert seine Halbsätze mitten in den Roman – nun, und jetzt ist klar, warum ich diesen Post „Fantasievolle Wundertütenliteratur“ genannt habe, oder?

Im ICE

„Mietskasernen, Kriegerdenkmäler. Kreisverkehre. Rehe.“

Das ist die Welt draußen, hinter Glas. Drinnen, im ICE, eine ältere Frau. Sie lebt in Zügen. Mit einer Bahncard 100, einer Tasche mit dem Nötigsten. Albrecht Selge nimmt in „Fliegen“ (Rowohlt) den besonderen Blick der Bahnfrau auf, und er sieht mit ihr auf Deutschland. Auf Freundlichkeit und Feindseligkeit.

Dabei ist eine rasante literarische Reise ohne Ziel herausgekommen, ein fliegender, funkelnder Roman. Kurz und prägnant, voller schneller Eindrücke, genauer Beobachtungen. Momentaufnahmen einer Außenseiterin, die immer mittendrin sitzt im Großraumabteil. Fährt sie ihrem Leben davon? Oder hinterher? Sieht sie mehr von der Welt, von sich, als wir? Diese Fragen stellt man sich beim Lesen, denn Albrecht Selge wertet nicht. Er zeigt sie nur, die Frau, die früher einmal eine Wohnung hatte, einen Beruf, einen Mann. Die Frau, die sich abgrenzt und gelegentlich ausgegrenzt wird. Sie schaut hinaus in die Landschaft, und hinaus ins eigene Leben, und es ist faszinierend, mit ihr zu reisen.

„Auf einmal das ganze Großraumabteil am Kauen, lauter Wiederkäuer auf einer Zugweide.“

Mitreißendes Psycho-Rätsel

„Ich hatte ein Rätsel gelöst, nur um gleich auf das nächste zu stoßen.“

Eugene Chirovici hat es schon einmal getan: Seine Leser in eine mysteriöse Dreiecksgeschichte gestoßen, in ein brillantes literarisches Rätsel. „Das Buch der Spiegel“ hieß der raffinierte Roman von 2017, und Chirovicis neues Werk, „Das Echo der Wahrheit“ (Goldmann), orientiert sich vom Aufbau eindeutig daran.

Ich-Erzähler ist der New Yorker Psychiater Dr. James Cobb. Er wird von einem reichen Mann, Josh Fleischer, um eine Privatbehandlung mit Hypnose gebeten. Der Grund: Fleischer möchte endlich wissen, was in einer verhängnisvollen Nacht des Jahres 1976 passiert ist. Fleischer war damals als Student mit seinem Kumpel Abe und seiner Freundin Simone in einem Hotelzimmer in Paris; am nächsten Morgen lag Simone tot in der Badewanne, und Abe war verschwunden. Panisch flüchtete Fleischer aus Paris, und seitdem quälen die unvollständigen Erinnerungen den Millionär.

Also versetzt Cobb Fleischer in Trance, mehrfach und intensiv. Das Protokoll der Hypnosesitzungen gestaltet Eugene Chirovici so mitreißend und rätselhaft, dass man als Leser selbst vom Ermittlungsfieber gepackt wird. Auch Cobb, der Psychiater, will endlich Klarheit über die Nacht. Doch die Sachlage wird immer komplizierter. Cobb befragt Freunde und Bekannte von Fleischer und Abe, und immer neue Versionen der Nacht tauchen auf. Nichts ist gewiss. Und alles ist möglich. Das macht diesen Roman so ungeheuer spannend, obwohl nichts passiert.

„Unser Bewusstsein agiert wie ein Regisseur, schneidet Szenen aus seinem Film, wie es ihm gefällt, und verbindet andere miteinander, um ihnen einen bestimmten Sinn zu verleihen.“

Eugene Chirovici bestätigt seinen Ruf als Meister der doppelbödigen Dreiecksgeschichte. Ach was: Drei-, vier-, fünfbödig ist sie. Ein erstaunlicher Roman über fehlerhafte Wahrnehmungen, halluzinatorische Verzerrungen und irrtümliche Überzeugungen – kurz: über unsere Psyche und unser Gedächtnis.