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Schlagwort-Archive: Romane

mariana leky, was man von hier aus sehen kann, rezension, günter keilKlar, ein Okapi. Dieses wundersame Tier. Spielt eine wichtige Rolle in diesem wundersamen, wunderbaren Roman von Mariana Leky, „Was man von hier aus sehen kann“ (DuMont).

Also, dieses Okapi taucht ab und zu im Traum einer alten Frau aus dem Westerwald auf, Selma heißt sie. Und wenn es auftaucht, hat das ganze Dorf Angst. Denn es heißt, immer wenn Selma diesen Traum hat, stirbt jemand. Luise, die Enkelin von Selma, hält viel von ihrer Oma. Sie spürt, dass Realität und Traum manchmal ineinander übergehen, und sie beobachtet genau die Erwachsenen in ihrem Umfeld. Da ist zum Beispiel der Optiker, der in Selma verliebt ist und ihr ständig Liebesbriefe schreibt. Das heißt, er beginnt, sie zu schreiben, und fängt immer wieder von vorne an, ohne sie abzuschicken. Gut, dass Luise ihren Hund Alaska hat – der ist nicht ganz so wundersam wie die Menschen. Als sie älter wird, lernt Luise einen buddhistischen Mönch kennen, auch er ein wundersamer, wunderbarer Typ. Kein Wunder, dass sie sich in ihn verliebt.

Mariana Leky erzählt ihre eigenwillige Geschichte mit trockenem Humor und spickt sie mit liebevollen Skurrilitäten. Ihre komischen Figuren geben Janosch-Sätze von sich und landen in Situationen, die an jene aus „Die fabelhafte Welt der Amelie“ erinnern, nur dass eben alles im Westerwald spielt. Zum Glück bewahren die Protagonisten ihre Würde, sie werden nicht zu Witzfiguren, im Gegenteil: immer wieder schimmern entspannte Weisheiten durch ihre Sätze. „Ihr seid alle so bescheuert, es ist nicht zu fassen“ sagt einmal einer. Klar, ist ja auch ein irgendwie bescheuert gutes Buch.

lena gorelik, mehr schwarz als lila, rezension, günter keilRatte, Alex, Paul. Zwei Mädchen, ein Junge. Siebzehn Jahre alt, eng befreundet. Alex trägt nur schwarze Klamotten, Paul hat schöne lange Finger, Ratte wäre gern ein Geheimnis. Die drei sind unzertrennlich. Bis eines Tages…

In „Mehr Schwarz als Lila“ (Rowohlt) erzählt Lena Gorelik eine Dreiecksgeschichte, aus der ein Viereck wird. Denn zu Ratte, Alex und Paul kommt Johnny, der junge Referendar, in den sich die Ich-Erzählerin Alex verliebt. Welche Dynamik entsteht, wenn aus drei Freunden vier werden, beschreibt Gorelik in einer lebendigen Sprache voll kurzer, heller Sätze. Sie bleibt nah bei ihren Figuren, und es es faszinierend zu lesen, wie die Jugendlichen sich gegenseitig und das Leben erkunden, erfühlen, erspielen. Gorelik fängt gekonnt ihr Staunen ein, ihre Enttäuschung, ihre Neugier. Alles in diesem Buch steht in Bezug zu Ratte, Alex und Paul. Das macht den Roman dicht, trotz seiner Leichtigkeit.

Eine hinreißende Geschichte über alles, was Freundschaft ausmacht – gepaart mit der Frage, ob das auch etwas mit Liebe zu tun haben kann. Lena Gorelik, die ohnehin nie schwach schreibt, hat mit ihrem fünften Roman eines ihrer besten Bücher vorgelegt.

kim thuy, die vielen Namen der Liebe, Rezension, Günter Keil Der Duft von gehacktem und geröstetem Zitronengras hängt in der Luft, von sautierten und in Limettensoße getauchten Bambussprossen. Es sind die typischen Gerüche der vietnamesischen Küche, von denen Bao Vi, die Ich-Erzählerin in Kim Thúys Roman „Die vielen Namen der Liebe“ (Kunstmann) schwärmt. Doch diese Düfte entfalten sich fern der Heimat, in Québec. Bao Vi, ihre drei Brüder und ihre Mutter flüchteten 1975 aus Vietnam, der Vater blieb zurück. Die gebildete Familie zählt zur ersten großen Welle vietnamesischer Flüchtlinge, die in Kanada aufgenommen wurden.

In feinen, klaren Worten berichtet Kim Thúy von Flucht und Familie. Von Traditionen in der Ferne, vom Ankommen in einer fremden Kultur. Ihre Hauptfigur Bao Vi erzählt zurückhaltend von ihrem eigenen Weg und dem Abnabelungsprozess von ihrer Mutter. Ihren Verwandten gilt sie als „zu verwestlicht“, denn sie studiert Jura und widersetzt sich dem Druck der vietnamesischen Exilgemeinde, einen jungen Landsmann zu heiraten. Ein schmales, inhaltlich und optisch mit großer Sorgfalt erstelltes Buch. Ein bemerkenswerter kleiner Roman über große Themen.

hari kunzru, white tears, rezension, literaturblog, günter keil Wow! Was für ein Roman! Originell, vielschichtig, mitreißend. In „White Tears“ (Liebeskind) erzählt Hari Kunzru von zwei jungen Musikproduzenten aus New York.

Seth und Carter sind besessen von alten Bluessongs. In ihrem Tonstudio tüfteln sie an neuen Sounds, die wie früher klingen. Kunzru führt seine Hauptfiguren als ungleiche beste Freunde ein: Da ist Seth, eher schüchtern, pleite, immer auf der Suche nach akustischen Phänomenen. Und da ist Carter, der charismatische Spross einer reichen Familie, steht auf Partys, Clubs und Koks.

Eines Tages beschließen die beiden, einen fiktiven alten Bluessong von 1928 zu basteln und einen Sänger namens Charlie Shaw zu erfinden. Sie stellen den Titel ins Netz – eine Sensation. Doch ein alter Plattensammler warnt Seth und Carter: Charlie Shaw gäbe es wirklich, er sei gefährlich. Und tatsächlich: Von nun an gerät alles außer Kontrolle. Carter wird fast zu Tode geprügelt. Während er im Koma liegt, fährt Seth in den Süden der USA, um dem Geheimnis des Songs näher zu kommen.

Hari Kunzru inszeniert seine Geschichte nun als hypnotischen Road Trip, als Spurensuche über die Ursprünge des Blues. Schließlich macht Seth schockierende Entdeckungen – über Carters Familie, die Aneignung des Blues durch die Weißen und sein eigenes Leben. Kunzrus furioser Roman klingt wie ein künstlerisch hochwertiges Album – mit einem unwiderstehlichen Rhythmus

simon strauss, sieben nächte, rezension, günter keil, literaturblogEndlich. Ein Roman, der auch Vielleser wie mich überrascht. Der begeistert, anregt, fasziniert. Simon Strauss hat mit „Sieben Nächte“ (Blumenbar) eine brillante Selbstkritik geschrieben. Einen Weckruf für eine angepasste Generation.

Der Erzähler, ein junger Mann, hat Angst: „Bald, sehr bald, werde ich mich festlegen müssen. Auf ein Leben, eine Arbeit, eine Frau.“ Die Aussicht auf einen Ehevertrag, eine Festanstellung, ein Leben ohne Überraschungen, deprimiert ihn. Er will endlich mal Vordenker sein, nicht Mitmacher. Doch er ist ein Wohlstandskind, verwöhnt, vorhersehbar: „Mein Inneres ist bedroht durch den farblosen Rahmen, der auf mich wartet. Er hängt schon rechts oben an der weißen Wand. Bereit, mich einzupassen, mein Leben still zu halten.“

Schluss damit! Der Mann schließt mit einem Bekannten einen Pakt: In sieben Nächten wird er den sieben Todsünden begegnen – und danach entscheiden, ob sie eine Alternative zum geregelten Leben sein können. Also springt er von einer Hochhausfassade, isst sündiges Fleisch, bleibt allein, wettet auf Pferde, neidet einer Bibliothek ihre Schätze, steigt in einen Keller der Wollust, erzürnt sich. Er berauscht sich an den neuen Erfahrungen, fasst Pläne: „Ich werde durchsetzen, dass vor jeder Ausschusssitzung, jeder Parketteröffnung oder Redaktionskonferenz verpflichtend ein Gedicht vorgelesen werden muss. Das würde sehr helfen. Zum Beispiel dabei, den Geist einzustimmen auf größere Fragen, weitere Horizonte.“

Klingt gut. Aber reicht der Enthusiasmus bis zum Ende des Experiments? Nur so viel: Simon Strauss hat ein herausforderndes, herausragendes Buch geschrieben. Nur 140 Seiten kurz, und doch mit einer Wucht, die manches 500-Seiten-Werk alt aussehen lässt. Ein intelligentes Plädoyer für mehr Umwege und mehr Zauber. Im Leben und überhaupt.

karine tuil, die zeit der ruhelosen, rezension, literaturblog, günter keilEr trug dunkle Anzüge von lässiger Eleganz und kaschierte so die Unerbittlichkeit, mit der er seine Ziele verfolgte, die da lauteten: die Konkurrenz ausschalten, Siege erringen, Kämpfe bestehen, sich immer höherhangeln.“

Osman Diboula hat es geschafft: der schwarze Streetworker aus der Pariser Banlieue zählt zum engsten Mitarbeiterkreis des französischen Präsidenten. Diese Macht berauscht ihn, und er passt sich immer mehr der Elite an, die ihn umgibt. Bis er abserviert wird – und sich mühsam wieder nach oben kämpft. Karine Tuil erzählt in ihrem fesselnden Roman „Die Ruhelosen“ (Ullstein) davon, wie Karrieren in Politik und Wirtschaft den Charakter verändern und Lebenswege beeinflussen.

Ohne deren Taten zu werten, schildert Tuil Aufstieg und Fall von Osman Diboula und zwei weiteren Männern: dem Manager François Vély und dem Soldaten Romain Roller. Vély, dem zehntreichsten Mann Frankreichs, einem rücksichtslosen Alphatier, scheint alles zu gelingen. Bis seine Ex-Frau Selbstmord begeht und ihm ein Mediencoup zum Verhängnis wird. Plötzlich bezichtigt man ihn des Rassismus und Sexismus – eine mediale Treibjagd beginnt. Und Roller? Der Afghanistan-Rückkehrer wird von Schuldgefühlen geplagt, weil Freunde von ihm bei einem Einsatz starben. Er denkt an Selbstmord.

Raffiniert führt Karine Tuil die Schicksale ihrer Hauptfiguren zusammen – über Diboula, Roller und Vély erzählt Tuil von den großen Konfliktthemen der westlichen Gesellschaft: der Gier der Mächtigen, dem Elend der Vorstädte, Rassismus und Radikalisierung. Ein schneller, schonungsloser Roman – eine literarische Form von „House of Cards“ auf Französisch.

 

rachel kushner, telex aus kuba, rezension, literaturblog, günter keil Hmmmmm. Lecker. Dieses Buch schmeckt nach Zuckerrohr, Cocktails, Grillfleisch und Meer. Kuba eben. Doch Rachel Kushner bedient in ihrem komplexen Roman „Telex aus Kuba“ (Rowohlt) keineswegs die gängigen Klischees. Ihr Kuba zwischen 1953 und 1959 schmeckt auch nach Explosionen, Überfällen und verbrannter Erde – die Revolution breitet sich über die Insel aus.

Kushner erzählt ihre packende Geschichte unter anderem aus der Perspektive von zwei Jugendlichen: Everly Lederer und K.C. Stites, Kinder von privilegierten US-Amerikanern. Dass von der Kubanischen Revolution zahlreiche dubiose Gestalten profitierten, zeigt Rachel Kushner immer dann, wenn sie sich in einzelnen Kapiteln den Jugendlichen ab-, und dem Untergrund zuwendet. Die Geschäfte der Kontaktmänner, Waffenhändler, Gangster und Mätressen beschreibt sie fesselnd wie in einem Thriller. Und mit einer Portion Selbstironie, denn eine Zazou-Tänzerin mit besten Kontakten zu Politikern und Rebellen nennt sie Rachel K. Kushners größte Leistung besteht darin, dass sie die Zeit der Revolution aus verschiedensten Blickwinkeln dokumentiert: sie schreibt über die harten Arbeitsbedingungen auf den Zuckerrohrplantagen ebenso wie über den Luxus der amerikanischen Geschäftsleute. Über die Strategiebesprechungen in den Dschungelcamps der Rebellen ebenso wie über die Mauscheleien in den Hinterzimmern des Präsidentenpalasts. So entsteht ein umfassendes, hervorragend recherchiertes Gesamtbild.