Im Interview: Burhan Sönmez

Ein Leben zwischen zwei Kulturen: Burhan Sönmez pendelt zwischen Cambridge und Istanbul, außer in Corona-Zeiten. Der international erfolgreiche Schriftsteller wuchs in Zentralanatolien auf und studierte Jura in Istanbul. Die vielfach ausgezeichneten Romane des 55-jährigen erscheinen in mehr als zwanzig Ländern. Vor kurzem wurde „Labyrinth“ (btb) veröffentlicht, die Geschichte eines jungen Musikers mit Gedächtnisverlust. Ich habe Sönmez vor kurzem interviewt (Fotocredit: Hatice Sahin):

In Ihrem neuen Roman erzählen Sie von Labyrinthen – von echten und von jenen im Kopf. Seit wann beschäftigen Sie sich mit Irrgärten? Ich wuchs in einem Dorf in Zentralanatolien auf, das in einer riesigen Steppe lag. Dieses flache Land war durchzogen von ausgetrockneten Flussbetten, den sogenannten Wadis. Sie wurden tief in die Erde gegraben. Als Kind habe ich dort stundenlang gespielt. Wenn ich in einem Wadi stand, konnte ich nichts außer dem Himmel über mir sehen, und es gab zunächst nur zwei Richtungen, in die ich gehen konnte: Vorwärts oder rückwärts. Wenn ich weiter ging, mündeten andere Flussbetten in mein Wadi. Ich musste mich also entscheiden, ob ich nach rechts oder links abbog oder auf meinem Weg blieb. Das fühlte sich an wie in einem Labyrinth.

Haben Sie später andere, echte Labyrinthe entdeckt? Als ich zum ersten Mal nach Istanbul kam, hatte ich ein ähnliches Gefühl wie in den Wadis. Diese Stadt mit 16 Millionen Einwohnern und tausenden von Gassen wirkte auf mich wie ein undurchdringliches Labyrinth. Auch meiner Hauptfigur Boratin geht das so. Nach einem Selbstmordversuch hat er sein Gedächtnis verloren. Er zieht durch seine Heimatstadt, um seinen Erinnerungen auf die Sprünge zu helfen und um aus dem Labyrinth seiner Psyche zu entkommen. Doch das Gewirr der Gassen stürzt ihn in ein weiteres Labyrinth.

Daraufhin beschließt Boratin, nicht weiter nach seinen Erinnerungen zu suchen. Würden Sie sich in dieser Situation ähnlich verhalten? Nein. Ich bin nicht wie er; ich bin ein Mensch, der von Erinnerungen lebt. Für mich sind sie von entscheidender Bedeutung – sie sind die Quelle des Lebens. Meine Vergangenheit begleitet mich überallhin. Wie wohl jeder andere Mensch bereue ich auch bestimmte Dinge, oder hätte sie gerne anders geregelt. Aber normalerweise erinnere ich mich an die guten Momente.

Können Sie Beispiele nennen? Ich denke oft an meine Teenagerzeit, die ich in dem Dorf verbracht habe. Oder an die ersten Jahre, die ich an der Universität in Istanbul verbrachte. Damals kam ich in Kontakt mit Literatur und Politik, was mich sehr geprägt hat. Sie sehen also, ich bin ein Mensch der Vergangenheit. Andererseits frage ich mich: Was, wenn Boratin recht hat und ich falsch liege? Wenn es wichtiger ist, in der Gegenwart zu leben? Ich habe diesen Roman geschrieben um jemanden zu verstehen der anders ist als ich.

Gab es auch in Ihrem Leben einen Moment, der Ihren Blick auf sich selbst und die Welt komplett verändert hat? 1996 passierte tatsächlich etwas, das mein ganzes Leben veränderte. Ich wurde von der türkischen Polizei niedergeschlagen – diese Männer wollten mich töten. Schwer verletzt, musste ich mich operieren und jahrelang behandeln lassen. In diesen Jahren dachte ich manchmal, dass Selbstmord keine schlechte Wahl wäre. Doch zum Glück habe ich überlebt, und diese schreckliche Zeit führte schließlich dazu, dass ich begann zu schreiben. Erst waren es nur Notizen und Ideen in meinem Krankenlager, doch später wollte ich einen Roman daraus machen. Und seitdem bin ich süchtig danach, mich mit Geschichten zu beschäftigen, die ich selbst erfunden habe.

Sie leben seit vielen Jahren in Cambridge und Istanbul. Wie fühlt sich das Pendeln zwischen zwei Kulturen an? Ich sehe es als großen Vorteil an, denn es sind tatsächlich zwei Welten, in denen ich lebe. Das regt den Verstand und die Wahrnehmung an und es bereichert den Geschmack, den man vom Leben bekommt.

Von den in Großbritannien und der Türkei regierenden Politikern dürften Sie allerdings kaum erfreut sein.  Das kann man wohl sagen. Aber ich bin mit dieser Situation vertraut: Was Politiker betrifft, hatte ich nie Glück; immer gerate ich in eine Lage, in der ich gegen grausame, dumme Politiker kämpfen muss. Das ist mein Schicksal. Auf der anderen Seite sehe ich das als Test: Wird es mir gelingen, beharrlich weiterzukämpfen? Bis jetzt schaffe ich das ganz gut.

In Ihren Büchern erzählen sich die Figuren oft gegenseitig Geschichten, oder sie suchen die Geschichte ihres Lebens, wie in „Labyrinth“. Welche Bedeutung hat das Geschichtenerzählen für Sie? Meine Mutter ist eine großartige Geschichtenerzählerin, und die Freude daran empfand sie immer als den Ursprung des Lebens. Als ich klein war, gab es bei uns im Dorf keine Elektrizität. Also saßen wir rund um das gedämpfte Licht einer Gaslampe und lauschten meiner Mutter, die uns wunderbare Geschichten von Feen und Dschinns erzählte. Das ist meine kostbarste Erinnerung.

Was ist das Besondere an den Erzählungen Ihrer Mutter? Beim Geschichtenerzählen ist nicht das Entscheidende, wie man sie vorträgt oder worum es geht. Der Punkt ist vielmehr der Wunsch und das Verlangen, sie erzählen zu wollen. Meine Mutter war darin eine Meisterin. Sie fragte uns stets: „Na, wollt ihr eine Geschichte hören?“ Und wie wir das wollten! Ihre Geschichten waren wie ein verborgener Schatz, der durchs Erzählen gehoben wurde.

In Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und social distancing ist das gegenseitige Geschichtenerzählen nur noch über Internet oder Telefon möglich. Wie werden wir diese Phase ohne Sozialkontakte überstehen? Es ist möglich. Menschen sitzen jahrelang in dunklen Gefängniszellen und überleben. Jetzt sind wir alle in unseren eigenen Zellen, wie in einem Sciene-Fiction-Film. Nur dass es diesmal real ist. Aber auch wir werden überleben und uns dann über die Dinge austauschen, die uns geholfen und bewegt haben. Erinnern Sie sich an Robinson Crusoe? Er strandete auf einer einsamen Insel und erschuf sich eine komplett neue Welt. Und wir? Den einzigen Rat, den ich geben würde, ist: Wir sollten versuchen uns die Lebensfreude zu bewahren und denen helfen, die uns brauchen.

Wie hat sich Ihr Leben durch Corona verändert? Ich reise nicht mehr, aber davon abgesehen ist mein Leben nahezu gleich geblieben. Ich lese und schreibe fast den ganzen Tag, so wie immer. Schlimm an der Situation ist allerdings, dass ich meine Mutter und meine Geschwister nicht besuchen kann. Andererseits freue ich mich, dass ich nun mehr Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern verbringe.

Im Interview: Harry-Potter-Illustrator Jim Kay

Vor vier Jahren startete Harry-Potter noch einmal von vorne: die erfolgreichste Buchreihe der Welt erscheint seitdem auch in farbig illustrierten Schmuckausgaben im Großformat – jedes Jahr ein neuer Bildband. Für den englischen Illustrator Jim Kay entwickelte sich dieser Auftrag zur größten Herausforderung seiner Karriere. Der 45-jährige studierte Illustration an der University of Westminster und wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Vor kurzem ist der vierte von Kay illustrierte Band erschienen, „Harry Potter und der Feuerkelch“ (Carlsen). Hier Auszüge aus meinem Gespräch mit dem sympathischen Briten:

Welche Figur aus den Harry-Potter-Büchern zeichnen Sie am liebsten? Der Halbriese Hagrid ist mein absoluter Favorit. Ich liebe seine wilden Locken und seinen Rauschebart, und wie all das zusammenwächst. J.K. Rowling hat ihn als 3,51 Meter groß beschrieben, und diese Größe ist für einen Illustrator eine enorme Herausforderung.

Warum? Sie können sich doch so viel Platz nehmen, wie Sie wollen. Das schon, aber alles um Hagrid herum muss ins richtige Verhältnis gesetzt werden. Auf einem Bild von mir räkelt sich ein enormer Hippogreif auf dem Bett in Hagrids Hütte, und ich fragte mich beim Zeichnen: Wie kann ich diese unglaublichen Ausmaße verdeutlichen? Die Lösung: Ich platzierte zwei ganz normale Hühner ins Bild – diese wirken nun allerdings wie geschrumpft, weil Hagrids Hütte und der Hippogreif gigantisch sind.

In den Verfilmungen wird Hagrid von Robbie Coltrane gespielt. Durften Sie sich beim Illustrieren von ihm und den anderen Schauspielern lösen? Zum Glück ja! Ich sollte und wollte für die Schmuckausgaben ganz eigene, neue Bilder von den Figuren machen. Was nicht leicht war, denn früher, beim Lesen der Bücher und später beim Anschauen der Filme hatte ich ja schon zwei Mal Vorstellungen von der Potterwelt entwickelt. J.K. Rowling hat durch ihre Beschreibungen viel vorgegeben, besonders bei Harry; das habe ich selbstverständlich übernommen. Aber bei einigen Figuren blieb ein kreativer Spielraum, und den habe ich voller Freude genutzt.

Um wen ging es, und wie sind Sie dabei vorgegangen? Der Zauberer Severus Snape basiert in meinen Illustrationen auf meinem guten Freund David. Ich fand, dass er optisch perfekt zur Figur Snapes passt, vor allem wegen seiner tieftraurigen Augen. Nun sehe ich immer David, wenn ich Snape sehe, und nicht mehr Alan Rickman, der ihn in den Verfilmungen spielte.

Ihre Hermine Granger unterscheidet sich ebenfalls. Die Darstellerin Emma Watson erkennt man kaum in Ihren Illustrationen. Stimmt. Bei Ihr habe ich mich nach meiner Nichte gerichtet. Noch lustiger wird es bei Familie Weasley: Molly, die Mutter, basiert auf einer Bekannten. Und zwei von Mollys sieben Kindern sehen so aus wie die beiden realen Kinder dieser Frau. Für mich hat das Illustrieren nach echten Vorbildern zwei entscheidende Vorteile: Ich habe ein reales Modell, und ich kann das Altern der Figuren in der Wirklichkeit beobachten. Das ist wichtig, denn die sieben Potter-Bände umfassen ja eine große Zeitspanne. Drei habe ich noch vor mir.

Womit und worauf zeichnen Sie Ihre Originale? Meistens mit einfachen Bleistiften auf großen Papierbögen. Die ersten Entwürfe sind fast alle schwarz-weiß, oft 20, 30 Stück, bevor ich mir sicher bin. Erst später verwende ich Farben, und dabei bevorzuge ich einfache Wand- und Fassadenfarben. Obwohl ich auch mit dem Pinsel arbeite, bin ich aber eigentlich der Skizzentyp, der pausenlos Ideen aufs Papier kritzelt und sie immer wieder verwirft und verbessert. Das geht oft stundenlang so, bis in die Nacht und manchmal auch bis zum Morgen. Ich bin sehr selbstkritisch und so gut wie nie mit den ersten Versuchen zufrieden.

Setzen Sie beim Illustrieren auch digitale Technik ein? Zur Sicherheit, ja. Viele Varianten meiner Bilder speichere ich ab, um zu vorherigen Stadien zurückkehren zu können, wenn ich am Originalbild so weitergearbeitet habe, dass es mir nicht mehr gefällt. Es beruhigt mich zu wissen, dass es alles noch einmal gibt. Selbstverständlich illustriere ich auch digital, aber das sind eher Ausnahmen. Manchmal erzielt man damit großartige Effekte: Den Hirsch namens Krone, Harrys verwandelten Vater, malte ich erst auf Papier, digitalisierte ihn anschließend und reproduzierte ihn als Negativ. Das ergab einen geisterhaften, unheimlichen Ausdruck. Genau so silbern und schimmernd, wie J.K. Rowling ihn beschreibt.

In welcher Verbindung stehen Sie zu J.K. Rowling? Wir schreiben uns ab und zu Briefe oder Mails, um Details zu klären, aber ansonsten kommuniziere ich mit ihrem Verlag. Es ist überwältigend, dass J.K. Rowling mich für diese Aufgabe ausgewählt hat. Ihr Briefkopf wird übrigens tatsächlich von einer goldenen Eule geschmückt.

 

Im Interview: Doris Dörrie

Seit vielen Jahren ist Doris Dörrie eine meiner Wunsch-Interviewpartnerinnen. Nun hat es geklappt – ich traf die Filmemacherin und Schriftstellerin in einem Schwabinger Café. Wir sprachen über ihre Berufung in die Oscar-Jury, ihre Kindheit, ihr Studium in den USA, ihre Faszination für Japan und ihr neues Buch „Leben, Schreiben, Atmen“ (Diogenes). Hier Auszüge aus dem Gespräch, über das ich u.a. für WAZ, Südwest Presse, Abendzeitung, Sächsische Zeitung und Nürnberger Nachrichten geschrieben habe.

Der Titel Ihres neuen Buches impliziert, dass das Schreiben ein Grundbedürfnis ist. Könnten Sie leben, ohne etwas zu Papier zu bringen? Nein. Das ist tatsächlich ein existenzielles Grundbedürfnis, so wie das Lesen. Denn schreibend und lesend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder aufs Neue. Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern.

Was genau passiert bei Ihnen in diesem Prozess? Das ist ein großes Abenteuer. Zu schreiben bedeutet, sich aus dem kleinen ordentlichen Garten mit gemähtem Rasen und Blumenrabatten herauszuwagen in den Dschungel. Ich gehe raus, beobachte, staune und erlebe, und notiere das. Indem ich meine Erlebnisse in Sprache fasse, verankere ich mich selbst mehr im Leben. Ich kann das nur jedem empfehlen: Wer schreibt, bekommt eine Ahnung von sich selbst. Und das ist wunderbar.

Hatten Sie schon als Kind das Talent zum Schreiben? Zunächst nicht. Alle anderen konnten es, nur ich nicht. Ich war Linkshänderin und mühte mich mit allem ab. Doch in der dritten Klasse änderte sich alles. Ich wurde für den Vorlesewettbewerb ausgewählt, genoss diesen Auftritt und bekam prompt den ersten Preis. Seitdem weiß ich: Ich bin eine Rampensau.

Wie kam es zu dieser Verwandlung? Es ist ein kleines Wunder passiert. Zum einen war es ein unglaublicher Kick zu merken, wie Geschichten Menschen in den Bann schlagen können. Ich spürte, wie sich die Atmosphäre im Raum veränderte, wie aus Worten Bilder wurden und wenige Sätzen eine ganze Welt heraufbeschwören konnten. Das hat mich umgehauen. Rückblickend habe ich mich als Kind völlig in Märchenwelten und Geschichten verloren, so wie alle Kinder.

Wann und wo schreiben Sie am liebsten? Im Bett, gleich nach dem Aufwachen. Die Zähne habe ich dann schon geputzt, und einen Becher Kaffee neben mir. Der noch leicht somnambule Zustand hilft, Blödsinn zu schreiben, überhaupt zu schreiben. Wenn ich aufstehe, mich wasche und anziehe, ist es vorbei.

Wann wird aus Ihren privaten Beobachtungen ein Film oder ein Buch? Die Übergänge sind fließend. Ich bin eine Flaneuse, die Lust am Aufsaugen der Welt und am Wiedergeben des Erlebten hat. Manche Figuren, die ich aufschreibe, wollen zum Film, manche nicht. Manchmal starte ich mit einer Prämisse, wie bei „Grüße aus Fukushima“ – den Ort wollte ich filmisch beschreiben, und die Figur der jungen Deutschen gab es schon in anderen Geschichten von mir als Vorstufe. Aber erst einmal lasse ich mich beim Schreiben vom allem inspirieren, selbst von fremden Einkaufszetteln, die ich sammle.

Es scheint, als seien Sie ein Mensch, der spontan auf Dinge stößt und sich auf neue Begegnungen einlässt. Da ist etwas dran. Ich versuche, immer wieder möglichst offen zu sein und Dinge an mich herankommen zu lassen. Wir haben viel zu oft den Impuls uns zu verschließen, und das ist fatal, das verhindert Kommunikation und macht einsam.

Haben Sie sich diese Grundeinstellung schon während Ihres Studiums in den USA angeeignet? Vielleicht ist dafür eher meine Neigung zu buddhistischen Sichtweisen verantwortlich. Aber die USA war natürlich sehr entscheidend für mich; ich habe dort eine unglaubliche Freiheit empfunden. Vieles, was jetzt wieder ein großes gesellschaftliches Thema ist, wurde damals schon heiß diskutiert: Konsumkritik, ökologische Aspekte, das Hinterfragen von Machtstrukturen. Im Gegensatz zu Deutschland habe ich mich in den USA dauernd ermuntert gefühlt, auch beim Schreiben. „Just do it!“ war das Motto. Das war eine große Befreiung für mich. Diese prinzipielle Ermunterung versuche ich weiter zu geben.

Später entdeckten Sie Japan für sich und waren inzwischen mehr als 30 Mal dort. Inwiefern hat dieses Land Sie geprägt? Für mich war der erste Besuch der wichtigste. Dieser Schock, mich nicht mehr über Sprache verständigen zu können, nichts mehr lesen zu können, auf einen Schlag völlig auf mich zurückgeworfen zu sein – das hatte eine euphorisierende Wirkung. Ich war verdonnert dazu, genau zu beobachten und registrieren, was vor sich geht. Diese Notwendigkeit hat mir viel gebracht und letztlich zu Filmen wie „Kirschblüten – Hanami“ geführt.

Ab nächstem Jahr dürfen Sie über die Vergabe der Oscars mitbestimmen. Wie haben Sie von dieser Ehre erfahren – gab es einen Anruf der Academy of Motion Picture Arts and Sciences? Ganz im Gegenteil. Mein Mann hatte im SPIEGEL von meiner Berufung gelesen und mir erzählt, ich dachte, das wäre eine Falschmeldung oder ein Witz. Denn ich wusste von nichts. Wochen vergingen, auch andere Medien berichteten darüber, und so fragte ich nach. Dabei stellte sich heraus, dass die Academy meine Mailadresse falsch geschrieben hatte.

Wie stehen Sie grundsätzlich zum Oscar? Ihre Filme scheiterten mehrmals in der Vorauswahl zum Auslandsoscar.  Da ich kaum Nazis in meinen Filmen habe, ich das auch nicht verwunderlich. Aber im Ernst: Die Frage ist, ob man demokratisch über die Qualität eines Kunstwerks entscheiden kann. Meistens gibt es einen kommerziellen Kompromiss, und das bedeutet, dass so begeisternde Filme wie „Moonlight“ die Ausnahme bleiben. Man darf auch nicht vergessen, dass Hollywood eine Industrie ist. Dort werden Produkte hergestellt, reproduzierbare Waren. Für Kunst ist da nicht viel Platz.

Ursula Poznanski im Interview

Acht Kinderbücher, neun Jugendbücher, sieben Thriller – und jetzt der Start einer neuen Krimi-Reihe, „Vanitas, Schwarz wie Erde“ (Knaur): Ursula Poznanski ist eine der produktivsten, vielseitigsten und erfolgreichsten deutschsprachigen Autorinnen. Ich habe gestern Abend die Lesung der 50-jährigen Wienerin in München moderiert. Hier Auszüge aus unserem Gespräch:

Unterscheidet sich Ihr Schreibprozess, wenn Sie an Büchern für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene arbeiten? Nein, nicht besonders. Erwachsenen kann ich aber mehr zumuten, vielleicht auch mal kein Happy-End. Und bei Kindern muss ich manchmal überlegen, ob sie bestimmte Worte kennen – über „oszillierend“ habe ich zum Beispiel gerade nachgedacht, und es dann weggelassen. Und bei Schallplatten war ich mir nicht sicher, ob die meisten Jugendlichen sie überhaupt noch kennen. Grundsätzlich läuft die Schreibarbeit aber sehr ähnlich ab: Ich nehme mir jeden Tag vier bis sechs Seiten vor, und das ziehe ich dann durch.

Liest Ihr Sohn Ihre Bücher? Zurzeit leider nicht – er beschäftigt sich lieber mit Computerspielen. Aber ich nehme das nicht persönlich, denn er liest auch keine anderen Bücher. Und irgendwann kommt er hoffentlich wieder auf den Geschmack.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, Ihre neue Hauptfigur Carolin in einem Blumenladen arbeiten zu lassen? Weil Blumen der größtmögliche Unterschied zu ihrem Leben davor sind. Carolin hatte als Polizeiinformantin einige schlimme Erfahrungen gemacht und musste eine neue Identität annehmen. Im Umfeld der Blumen kann sie sich ein bisschen davon erholen; aber nicht zu lange, dann wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt. Und der Wiener Zentralfriedhof ist gleich um die Ecke des Ladens – die Toten sind immer in Carolins Nähe.

Stimmt das Klischee, dass die Wiener den Tod mögen? Da ist schon etwas dran. In „Vanitas“ schreibe ich: „Nirgendwo sonst ist man mit dem Tod so gerne per Du“. Das hat eine große, schaurige Tradition. Denken Sie nur an das Lied „Es lebe der Zentralfriedhof“ von Wolfgang Ambros aus dem Jahr 1974. Ich finde die Vorstellung völlig in Ordnung, das der grantige Gevatter Tod durch Wien zieht – und durch meine Thriller.

„Mein Buch soll eine Waffe sein!“ – Interview mit Jean Ziegler

Er ist 84 Jahre alt. Und er kämpft unermüdlich – für eine gerechte, solidarische Welt, gegen Hunger und Armut in der Dritten Welt, gegen den Konsumwahn und die Gewinnmaximierung im Kapitalismus. Der Soziologe und Bestsellerautor Jean Ziegler hat ein neues Buch geschrieben, „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ (C. Bertelsmann), und ich hatte die Ehre, seine Lesung in Weiden zu moderieren. 330 Zuschauer drängten sich in die Buchhandlung Rupprecht (Foto). Hier Auszüge aus meinem Gespräch mit dem Schweizer:

In Ihrem neuen Buch führen Sie einen Dialog mit Ihrer Enkelin Zohra. Wie ist dieses Gespräch entstanden? Eigentlich waren es viele verschiedene Gespräche mit meinen fünf Enkelkindern, die zwischen vier und 16 Jahre alt sind. Sie wissen natürlich, was ihr Großvater tut und sie sehen mich oft im Fernsehen bei politischen Diskussionen – also stellen sie Fragen. Oft sind das radikale, unbarmherzige, intelligente Fragen, auf die sie klare Antworten haben wollen, und keine ausschweifenden Beschwichtigungen. Aus diesen sehr interessanten Gesprächen habe ich dieses Buch geformt.

Welche Frage wird Ihnen von Ihren Enkeln am häufigsten gestellt? Warum müssen Kinder an Hunger sterben? Das verstehen sie nicht, und das treibt sie um. Mit Gleichaltrigen identifizieren sich Kinder am ehesten. Sie sind unglaublich gut informiert, viel besser als vorige Generationen. Sie sehen, dass Kinder im Süd-Sudan oder im Jemen sterben und sind schockiert. Meine Enkel und ihre Freunde haben genug zu essen, und sie fragen mich: Warum haben das nicht auch die anderen?

Wie lautet Ihre Antwort? Weil der Kapitalismus für Ungerechtigkeit und Armut sorgt. Im UN-Welternährungsbericht steht, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren stirbt. Außerdem steht darin, dass die Weltlandwirtschaft problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte; doppelt so viele wie es zurzeit gibt. Zum ersten Mal existiert demnach kein objektiver Mangel mehr. Hunger ist von Menschen gemacht und könnte morgen aus der Welt geschafft werden. Das ist unfassbar und macht mich zornig.

Wie reagieren Ihre Enkel auf solche Erklärungen? Sie können es ebenso wenig akzeptieren wie ich. Dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, beschäftigt sie sehr. Von mir wissen sie, dass weltweit ein Prozent der Menschen 99 Prozent des Vermögens besitzen. Dass die Mächtigen und die Politiker nichts gegen diese Ungerechtigkeit und gegen die Zerstörung der Natur tun, treibt Kinder und Jugendliche auf die Straße – ich finde das großartig!

Haben Ihre Enkel etwa auch schon Schule geschwänzt, um zu demonstrieren? Ja. Zwei der fünf waren auf den Demos, bei denen endlich Taten gegen den Klimawandel gefordert wurden. Ich wollte von ihnen wissen, was ihre Lehrer dazu meinten, und sie antworteten: Ach, das kümmert uns nicht. Wir wollen endlich etwas tun. Ist das nicht wunderbar?

Haben Sie das Gefühl, dass die junge Generation politischer ist als ihre Vorgänger? Die jungen Leute haben ein starkes politisches Gesamtinteresse. Moralische Grundfragen beschäftigen sie sehr, und Naturzerstörung und Rassismus lehnen sie komplett ab.

Haben Sie die Hoffnung, dass daraus tatsächlich eines Tages eine gerechtere Welt entsteht? Ja! Selbst wenn es sich bei den Demonstrationen nur um Buschfeuer handelt, können sie jederzeit wieder aufflammen. Jeden Tag kann etwas entscheidendes passieren. Karl Marx hat gesagt, dass der Revolutionär das Gras wachsen hören muss. Ich höre es zurzeit wachen. Und von Che Geuvara stammt der Satz: „Auch die stärksten Mauern fallen durch Risse“ . In der Mauer des Kapitalismus scheinen momentan Risse zu entstehen, und das macht mir tatsächlich Hoffnung. Wenn ich mit meinem Buch einen Teil dazu beitragen kann, umso besser. Möge es eine Waffe in der Hand der jungen Menschen sein, um für eine gerechtere Welt zu kämpfen!

 

Im Interview: Dennis Lehane

Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Clint Eastwood, Martin Scorsese… Sie alle haben schon mit Dennis Lehane gearbeitet und die Verfilmungen seiner Bücher („Shutter Island“, „Mystic River“, „Gone Baby Gone“) zu Erfolgen gemacht. Der 53-jährige Autor hat bei Diogenes einen neuen Roman veröffentlicht – Zeit für ein Gespräch über Hollywood, Lügen, Fake-News und Lehanes Aufwachsen in der Arbeiterklasse.

„Der Abgrund in dir“ unterscheidet sich deutlich von Ihren früheren Büchern – was hat Sie daran gereizt? Nach 15 Jahren mit Romanen, die meistens in der Vergangenheit und in sehr männlich dominierten Welten spielten, wollte ich unbedingt etwas anderes schreiben. Etwas, das fest im Heute verankert ist und eine weibliche Hauptfigur hat. Das ist Rachel, eine Journalistin, die aufdeckt, dass ihr Ehemann ein Betrüger und ihr gemeinsames Leben allein auf Lügen aufgebaut ist.

Rachel behauptet: „Wir sind alle Lügner“. Tatsächlich? Ja. Wir alle nehmen selbst fabrizierte Identitäten an, die wir der Welt präsentieren. Mal ganz ehrlich: Wir würden es doch vorziehen, wenn die Menschen, die wir treffen, glauben, dass wir viel schlauer und geistreicher sind als es tatsächlich der Fall ist. Also spielen wir eine Rolle. Unsere echtesten Identitäten zeigen wir nur den Leuten, die wir nicht mehr täuschen können – unsere Partner, Geschwister und Kinder.

In Zeiten von fake news und Donald Trump, scheinen Lügen zunehmend akzeptiert zu werden. Wie konnte das passieren?  Das Internet hat nicht nur die Art geändert, wie die Leute ihre Nachrichten erhalten. Es hat auch die Vorstellung vom Zusammenhang der Dinge ausradiert. Früher wussten wir, dass die Fakten, die wir etwa von der New York Times bekamen, viel wertvoller und realistischer waren als die „Fakten“, die uns der Typ anvertraute, der in der Kneipe neben uns auf dem Barhocker saß. Und warum? Weil die Reporter der Times Bildung und Erfahrung hatten. Also gab es einen Zusammenhang und eine Voraussetzung für die Fakten. Aus irgendeinem Grund schätzen wir das heute aber nicht mehr. Und der Typ auf dem Barhocker ist jetzt das Internet.

Apropos Barhocker: Stimmt es, dass Ihr Vater Sie früher regelmäßig heimlich in eine Bar mitgenommen hat? Jeden Samstag schickte meine Mutter ihn auf den Markt zum Einkaufen und ich durfte mit. Mein Vater ging mit mir allerdings bald in eine Bar. Ich saß auf einem Hocker, vor mir ein Ginger Ale, und um mich herum all diese irischen und polnischen Arbeiter beim Biertrinken. Meine Familie und diese Bar haben die Basis für meine Karriere als Geschichtenerzähler gelegt.

Wo liegt der Zusammenhang? Ich lernte durchs Zuhören, wie man Leute mit einer Geschichte fesselt. Ich habe vier Geschwister, und mein Vater wuchs sogar mit 15 Brüdern und Schwestern auf. Bei so vielen Verwandten ist ständig etwas los und dauernd gibt es Familientreffen. Dabei habe ich die Grundregeln des Geschichtenerzählens gelernt: 1. Fang immer sofort mit der Story an, halte dich nicht mit langen Umschreibungen auf. 2. Sei komisch und lustig, habe einen Blick fürs Skurrile. 3. Bleib´ glaubwürdig. Dazu zählt, dass die Hauptfigur nicht dauernd Glück und Erfolg haben darf. Das wäre unrealistisch und langweilig.

Woran liegt es eigentlich, dass Ihre Romane in Hollywood so gut ankommen? Keine Ahnung. Zurzeit könnte ich wohl sogar spontan ein paar Ideen auf einen Bierdeckel kritzeln, und irgendein Studio würde sagen: wow, was für ein toller Stoff, den kaufen wir! Aber im Ernst: ich habe einen hohen Anspruch an die Verfilmungen, ähnlich wie bei meinen Büchern. Qualität ist mir wichtiger als Geld.

Mit einer Millionensumme kann man Sie nicht locken? Nein. Das größte Studio mit dem dicksten Scheck hat mich noch nie interessiert. Ich arbeite nur mit Leuten, die auch auf Qualität Wert legen. Mein Alptraum wäre es, meine Arbeit für viel Geld jemandem zu überlassen, der nicht kapiert worum es mir geht und sie dann zerfetzt. Zum Glück ist das noch nie passiert. Ich habe zwar auch ein paar beschissene Erfahrungen mit Hollywood gemacht, aber die meisten waren positiv.

Wie ist es, mit Superstars wie Leonardo DiCaprio, Ben Affleck oder Sean Penn zu arbeiten?  Ich mag diese Jungs genauso gern wie all die anderen, mit denen ich gearbeitet habe. Wir hatten auch wirklich Spaß während der Dreharbeiten. Aber danach ist es vorbei, und wir alle gehen wieder unsere eigenen Wege. Ich habe zwar die Telefonnummern von Leo, Ben und den anderen, habe sie aber noch nie angerufen.

 

Im Interview: Timur Vermes

Drei Millionen verkaufte Bücher, erschienen in 43 Ländern. Verfilmt, 2,4 Millionen Kinobesucher, adaptiert fürs Theater, Schullektüre in zahlreichen Bundesländern. Das ist die Erfolgsgeschichte von Timur Vermes „Er ist wieder da“ von 2012. Soeben ist der neue Roman des 51-jährigen erschienen: „Die Hungrigen und die Satten“ (Eichborn), eine rasante Gesellschaftssatire über eine Massenflucht nach Deutschland. Ich habe gestern die Premierenlesung in München moderiert und Vermes interviewt:

Die Erwartungshaltung, dass Sie einen weiteren Mega-Bestseller abliefern, ist groß. Haben Sie diesen Druck beim Schreiben gespürt? Nein. Die Frage ist ja, ob man sich diesen Schuh anzieht oder nicht. Ich konnte mich gut davon freimachen, da ich ja schon bei „Er ist wieder da“ nicht ahnen konnte, dass es so ein großer Erfolg wird. Ich habe damals nicht gewusst, was meine Leser wollten und einfach nur getan, worauf ich Lust hatte. Das war jetzt wieder genauso – überraschenderweise merkte ich beim Schreiben: Oh, das ist anschlussfähig! Was die drei Millionen Käufer von „Er ist wieder da“ wollen oder erwarten, wusste ich nicht, und es spielte auch keine Rolle für mich.

Schon erstaunlich, dass Sie in den sechs Jahren seit Ihrem Debüt so gelassen geblieben sind. Wahrscheinlich habe ich den Vorteil, Anfang 50 zu sein und nicht Ende 20. In meinem Alter ist man dann doch ein bisschen entspannter. Außerdem habe ich ja auch einiges getan in dieser Zeit: Meine Nase ins Filmgeschäft gesteckt, Drehbücher geschrieben, ein Buch übersetzt, ein halbes Jahr bei der BUNTE gearbeitet, und letztlich zwei Jahre intensiv an meinem neuen Roman gesessen. Ich versuchte einfach, meine gute Laune zu behalten – das geht aber grundsätzlich nur, wenn ich bei der Basis meines Schreibens bleibe. Dazu gehört, dass ich ohne Druck arbeiten will.

Hat sich Ihr Leben durch den Erfolg verändert? Ja, gründlich. Früher war ich froh, wenn ich Jobs hatte. Jetzt kann ich entscheiden, was ich machen will. Meine Halbprominenz hat zum Beispiel dazu geführt, dass ich eine Kolumne über Comics schreiben kann; so habe ich mir einen alten Wunsch erfüllen können. In den vergangenen Jahren hat mich natürlich oft die Frage umgetrieben: Was will ich eigentlich aus meinem Leben machen? Ich genieße jetzt die wirtschaftliche Sicherheit, die als freier Journalist keine Selbstverständlichkeit ist. Aber diese neue Freiheit, dieses Privileg, ist natürlich auch eine Herausforderung. Damit umzugehen muss man lernen, denn man ist so etwas ja nicht gewohnt. Ich versuche jedenfalls, vernünftige Sachen zu machen.

In „Die Hungrigen und die Satten“ schreiben Sie über eine riesige Flüchtlingsbewegung, die in einem Lager in Afrika startet. Wann fiel der Entschluss, dies zu Ihrem neuen Thema zu machen?  Zu dem Zeitpunkt, zu dem sich jeder von uns damit beschäftigt hat: 2015. Ich sehe fern, lese Zeitung und informiere mich wie jeder andere auch, und so fiel mir nach einiger Zeit auf, dass die Reaktionen auf die Flüchtlingsfrage nicht rationaler wurden. Von Anfang an gab es die Willkommenskultur auf der einen Seite und die Ablehnung auf der anderen. Was aber genau passieren würde, wenn wir wirklich alle Flüchtlinge aufnehmen oder alle an der Grenze ablehnen würden, damit hat sich niemand beschäftigt. Mir kam es so vor, als ob beide Seiten, Linksaußen und Rechtsaußen, das Denken eingestellt hätten, und als ob niemand den Mumm hatte zu sagen, was wirklich in diesem oder jenem Fall passieren könnte.

Und dann haben Sie beschlossen, dies selbst zu tun? Ich habe mir zumindest gedacht: Dann helfe ich Euch mal dabei, dass Ihr Euch vorstellen könnt, wie das ist, wenn die Grenzen dicht sind und ein paar hunderttausend Flüchtlinge davor stehen. Meine Geschichte hat absolut nichts Enthüllendes oder Überraschendes. Sie arbeitet im Wesentlichen mit bekannten Elementen und Informationen. Jeder, der Nachrichten sieht, weiß, dass es so kommen könnte. Aber wie Schüler, die ewig das Erledigen ihrer Hausaufgaben rausschieben und hoffen, dass sie irgendjemand anderes macht, hat niemand ernsthaft so ein Szenario entwickelt.

„Wir sind alle Syrer“ – Wladimir Kaminer im Interview

Seit Wochen steht Wladimir Kaminer mal wieder oben in den Bestsellerlisten. Diesmal mit „Ausgerechnet Deutschland“ (Goldmann), einem bemerkenswerten Band mit Kurzgeschichten über Flüchtlinge. Kaminers typischer Mix aus Witz, Weisheit und Augenzwinkern hat ihm eine Gesamtauflage seiner Bücher und Hörbücher von mehr als 3,7 Millionen beschert. Hier mein Interview mit dem 50-jährigen Deutschrussen:

 In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie: „Wir sind alle Syrer“ – wie meinen Sie das? Hinter jeder Familiengeschichte steckt zumindest zum Teil eine Flüchtlingsgeschichte. Schauen Sie meine Familie an: Meine Mutter musste 1941 aus Moskau flüchten, meine Schwiegereltern entkamen 1991 aus Grosny, und ich selbst habe 1990 als Flüchtling in Ostberlin um humanitäres Asyl gebeten. Gegen das Schicksal der syrischen Kriegsflüchtlinge ist meine Geschichte natürlich ein Witz, und ich hatte viel Glück. Aber ich kenne das Gefühl, in einem neuen Land von vorne zu beginnen.

Welches Bild hatten Sie von Deutschland, als Sie sich von der Sowjetunion aus auf den Weg in den Westen gemacht haben? Literatur und Musik waren die Köder, die uns aus der Heimat lockten. Die Kunst und die Kultur des Westens, so dachten wir, wollten nicht bessere Menschen aus uns machen oder uns erziehen wie im Sozialismus. Vielmehr erschienen sie uns als ein großes, freies, buntes Abenteuer. Da wollten wir hin. Der Westen war wie eine verbotene Frucht.

Und wie erlebten Sie dann die Realität? Es war eine fremde, spießige, kleinbürgerliche Welt, die auf uns wartete. Sie hatte Angst vor Fremden und keine Lust auf Abenteuer. Sie war bei weitem nicht so spannend und interessant, wie in den Büchern, die wir gelesen hatten. Wir sind aber trotzdem geblieben. Und es gab auch positive Seiten: Am Tag meiner Ankunft wurde Deutschland Fußballweltmeister – alle waren gut drauf und hatten Bierflaschen in der Hand. Also kaufte ich mir auch eine.

Heute haben wieder viele Menschen Angst vor Fremden. Blicken Sie nun, 28 Jahre nach Ihrer Einwanderung, trotzdem positiver auf Deutschland? Auf jeden Fall! Deutschland hat sich unglaublich entwickelt, in jeder Hinsicht. Daran kann auch die AfD nichts ändern. Die Vereinigung mit den anderen europäischen Staaten in der EU hat sehr viel gebracht. Natürlich kann man die ökonomisch-politische Ausrichtung der EU kritisieren, aber kulturell ist Deutschland durch sie einen Riesenschritt nach vorne gekommen. Ich fühle mich hier sehr zu Hause.

In „Ausgerechnet Deutschland“ schreiben Sie über skurrile Situationen im Umgang mit Flüchtlingen. Hatten Sie keine Bedenken, ein so heikles Thema aufzugreifen? Nein, denn ich suche immer nach menschlichen Tragödien, um darüber lachen zu können. Das lustvolle Scheitern ist so eine Sache, die mir sehr gut gefällt. Und nachdem Tragödien vor allem dort entstehen, wo zwei Welten aufeinanderprallen, die einander überhaupt nicht kennen, ist die so genannte Flüchtlingskrise genau mein Thema. Dazu kam auch noch, dass in dem brandenburgischen Dorf, in dem ich lebe, Flüchtlinge einquartiert wurden. Ich konnte sie und die Reaktionen auf ihre Ankunft aus nächster Nähe beobachten. Doch die Realität ist einfach zu skurril: kaum hatte ich das Buch geschrieben, waren die Flüchtlinge schon wieder weggeflüchtet.

Ist das ein Scherz? Nein. Die Syrer aus unserem Dorf sind nach Cottbus gezogen, weil sie plötzlich dort ihre Zukunft zu sehen glaubten. Dann wollten sie wieder zurück zu uns. Ihr Familienoberhaupt bereute den Umzug und sagte, die Zukunft läge auf keinen Fall in Cottbus. Jetzt weiß aber keiner, ob das überhaupt geht mit dem Zurückgehen.

Das Glück liegt also auch für Flüchtlinge immer anderswo. Ganz genau. Es bleibt eine der großen menschlichen Illusionen, dass man woanders hin muss, um glücklich zu sein. Es gibt immer mehr Flüchtlinge und Urlauber – alle wollen weg. Doch die Flüchtlinge von heute können die Urlauber von morgen sein, und umgekehrt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die ganze Welt vor sich selbst flüchtet. So lange wir aber nicht verstehen, dass die Erde rund ist und wir immer wieder an den gleichen Stellen rauskommen, mit den gleichen Problemen, macht das keinen Sinn.

Schreiben ist wie Pferdereiten

John Irving und T.C. Boyle haben in den 1970-ern den Iowa Writers´ Workshop besucht, ein zweijähriges Studium in Kreativem Schreiben. Zwanzig Jahre später studierte dort auch Nickolas Butler – zurzeit erfolgreich mit „Die Herzen der Männer“ (Klett-Cotta). Dieser Roman fasziniert auch deswegen, weil Butlers Sprache sehr vielseitig ist: mal einfühlsam, zart und feinsinnig, mal schonungslos, brutal und realistisch. Ich habe mehrere Lesungen mit dem 38-jährigen Autor moderiert und wollte von ihm wissen, wie es zu dieser Vielseitigkeit kommt:

Mit der Sprache ist es wie mit dem Pferdereiten, das hat mir ein Dozent am Iowa Writers´ Workshop beigebracht: Du musst das Pferd manchmal ganz zart streicheln, aber ihm auch mal die Sporen geben. Würde es immer nur im gleichen Tempo laufen, wäre das langweilig. Tatsächlich achte ich immer darauf, dass ich nicht eintönig schreibe. Ich vergleiche das gerne mit der Arbeit eines Malers. Würde sein Bild nur schön oder einfarbig sein, würde man sich schnell daran sattsehen. Sobald es aber Brüche, Schattierungen und verschiedene Farben zeigt, zieht es Aufmerksamkeit auf sich. Das gilt auch für meine Romane.“

Im Interview: T.C. Boyle

Good Home“ (Hanser) heißt der neue Erzählband von T.C. Boyle. Darin beweist der Amerikaner mal wieder, dass er zu Recht als Meister der Kurzgeschichte gilt. Ich hatte die Ehre, im vergangenen November eine Lesung mit Boyle zu moderieren (Foto) und ihn zu interviewen. Das Besondere an einem Gespräch mit dem 68-jährigen: Er sprüht vor Witz, Charme und Intelligenz, dass man kaum hinterherkommt. Für SPIEGEL ONLINE habe ich ihn vor ein paar Tagen noch einmal interviewt – hier das komplette Gespräch. Und hier ein kleiner Auszug:

Schreiben Sie Kurzgeschichten, um zwischen Ihren großen Romanen in Übung zu bleiben? Das ist sehr viel mehr als ein Training. Short stories sind für mich eine völlig eigenständige Kunstform. Diese klare, im Umfang begrenzte Vorgabe fasziniert mich und ich stürze mich in jede Erzählung mit genauso viel Energie wie in meine Romane. Auf Kurzgeschichten habe ich schließlich auch meine Karriere aufgebaut: 1979 erschien mein erstes Buch „Tod durch Ertrinken“, das aus 17 short stories bestand.

Seitdem haben Sie 27 weitere Bücher veröffentlicht, sind mit Literaturpreisen überhäuft worden und begeistern weltweit Zuschauer bei Ihren Liveshows. Sie sind unglaublich produktiv. Das liegt vielleicht daran, dass ich irgendwann einmal erkannt habe, dass die meisten Künstler vor ihrem Tod produktiver sind als danach. Also gebe ich Gas, arbeite hart und schaue nach vorn. Es gibt immer etwas, worüber ich schreiben will. Mein nächster Roman dreht sich um den Schweizer Wissenschaftler Albert Hofmann, der 1943 die halluzinogene Wirkung von LSD entdeckt hat.

Ihre Kurzgeschichte „Good Home“ hat – wie viele Ihrer Erzählungen – einen Schluss, der alles offen lässt. Warum verwenden Sie diese Form so gerne? Anspruchsvolle Literatur behandelt ihre Leser als gleichwertige Partner. Ich will, dass meine Leser in die Geschichte gezogen werden und sie weiterdenken, auch nach dem Ende. Diesen Prozess würde ich mit einem klassischen Schluss zunichtemachen. In „Good Home“ kann es zu einer Katastrophe kommen. Oder eben auch nicht. Das überlasse ich der Fantasie meiner Leser. So wird das Lesen zu einem doppelten Abenteuer.