Im Interview: Dennis Lehane

Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Clint Eastwood, Martin Scorsese… Sie alle haben schon mit Dennis Lehane gearbeitet und die Verfilmungen seiner Bücher („Shutter Island“, „Mystic River“, „Gone Baby Gone“) zu Erfolgen gemacht. Der 53-jährige Autor hat bei Diogenes einen neuen Roman veröffentlicht – Zeit für ein Gespräch über Hollywood, Lügen, Fake-News und Lehanes Aufwachsen in der Arbeiterklasse.

„Der Abgrund in dir“ unterscheidet sich deutlich von Ihren früheren Büchern – was hat Sie daran gereizt? Nach 15 Jahren mit Romanen, die meistens in der Vergangenheit und in sehr männlich dominierten Welten spielten, wollte ich unbedingt etwas anderes schreiben. Etwas, das fest im Heute verankert ist und eine weibliche Hauptfigur hat. Das ist Rachel, eine Journalistin, die aufdeckt, dass ihr Ehemann ein Betrüger und ihr gemeinsames Leben allein auf Lügen aufgebaut ist.

Rachel behauptet: „Wir sind alle Lügner“. Tatsächlich? Ja. Wir alle nehmen selbst fabrizierte Identitäten an, die wir der Welt präsentieren. Mal ganz ehrlich: Wir würden es doch vorziehen, wenn die Menschen, die wir treffen, glauben, dass wir viel schlauer und geistreicher sind als es tatsächlich der Fall ist. Also spielen wir eine Rolle. Unsere echtesten Identitäten zeigen wir nur den Leuten, die wir nicht mehr täuschen können – unsere Partner, Geschwister und Kinder.

In Zeiten von fake news und Donald Trump, scheinen Lügen zunehmend akzeptiert zu werden. Wie konnte das passieren?  Das Internet hat nicht nur die Art geändert, wie die Leute ihre Nachrichten erhalten. Es hat auch die Vorstellung vom Zusammenhang der Dinge ausradiert. Früher wussten wir, dass die Fakten, die wir etwa von der New York Times bekamen, viel wertvoller und realistischer waren als die „Fakten“, die uns der Typ anvertraute, der in der Kneipe neben uns auf dem Barhocker saß. Und warum? Weil die Reporter der Times Bildung und Erfahrung hatten. Also gab es einen Zusammenhang und eine Voraussetzung für die Fakten. Aus irgendeinem Grund schätzen wir das heute aber nicht mehr. Und der Typ auf dem Barhocker ist jetzt das Internet.

Apropos Barhocker: Stimmt es, dass Ihr Vater Sie früher regelmäßig heimlich in eine Bar mitgenommen hat? Jeden Samstag schickte meine Mutter ihn auf den Markt zum Einkaufen und ich durfte mit. Mein Vater ging mit mir allerdings bald in eine Bar. Ich saß auf einem Hocker, vor mir ein Ginger Ale, und um mich herum all diese irischen und polnischen Arbeiter beim Biertrinken. Meine Familie und diese Bar haben die Basis für meine Karriere als Geschichtenerzähler gelegt.

Wo liegt der Zusammenhang? Ich lernte durchs Zuhören, wie man Leute mit einer Geschichte fesselt. Ich habe vier Geschwister, und mein Vater wuchs sogar mit 15 Brüdern und Schwestern auf. Bei so vielen Verwandten ist ständig etwas los und dauernd gibt es Familientreffen. Dabei habe ich die Grundregeln des Geschichtenerzählens gelernt: 1. Fang immer sofort mit der Story an, halte dich nicht mit langen Umschreibungen auf. 2. Sei komisch und lustig, habe einen Blick fürs Skurrile. 3. Bleib´ glaubwürdig. Dazu zählt, dass die Hauptfigur nicht dauernd Glück und Erfolg haben darf. Das wäre unrealistisch und langweilig.

Woran liegt es eigentlich, dass Ihre Romane in Hollywood so gut ankommen? Keine Ahnung. Zurzeit könnte ich wohl sogar spontan ein paar Ideen auf einen Bierdeckel kritzeln, und irgendein Studio würde sagen: wow, was für ein toller Stoff, den kaufen wir! Aber im Ernst: ich habe einen hohen Anspruch an die Verfilmungen, ähnlich wie bei meinen Büchern. Qualität ist mir wichtiger als Geld.

Mit einer Millionensumme kann man Sie nicht locken? Nein. Das größte Studio mit dem dicksten Scheck hat mich noch nie interessiert. Ich arbeite nur mit Leuten, die auch auf Qualität Wert legen. Mein Alptraum wäre es, meine Arbeit für viel Geld jemandem zu überlassen, der nicht kapiert worum es mir geht und sie dann zerfetzt. Zum Glück ist das noch nie passiert. Ich habe zwar auch ein paar beschissene Erfahrungen mit Hollywood gemacht, aber die meisten waren positiv.

Wie ist es, mit Superstars wie Leonardo DiCaprio, Ben Affleck oder Sean Penn zu arbeiten?  Ich mag diese Jungs genauso gern wie all die anderen, mit denen ich gearbeitet habe. Wir hatten auch wirklich Spaß während der Dreharbeiten. Aber danach ist es vorbei, und wir alle gehen wieder unsere eigenen Wege. Ich habe zwar die Telefonnummern von Leo, Ben und den anderen, habe sie aber noch nie angerufen.

 

Im Interview: Timur Vermes

Drei Millionen verkaufte Bücher, erschienen in 43 Ländern. Verfilmt, 2,4 Millionen Kinobesucher, adaptiert fürs Theater, Schullektüre in zahlreichen Bundesländern. Das ist die Erfolgsgeschichte von Timur Vermes „Er ist wieder da“ von 2012. Soeben ist der neue Roman des 51-jährigen erschienen: „Die Hungrigen und die Satten“ (Eichborn), eine rasante Gesellschaftssatire über eine Massenflucht nach Deutschland. Ich habe gestern die Premierenlesung in München moderiert und Vermes interviewt:

Die Erwartungshaltung, dass Sie einen weiteren Mega-Bestseller abliefern, ist groß. Haben Sie diesen Druck beim Schreiben gespürt? Nein. Die Frage ist ja, ob man sich diesen Schuh anzieht oder nicht. Ich konnte mich gut davon freimachen, da ich ja schon bei „Er ist wieder da“ nicht ahnen konnte, dass es so ein großer Erfolg wird. Ich habe damals nicht gewusst, was meine Leser wollten und einfach nur getan, worauf ich Lust hatte. Das war jetzt wieder genauso – überraschenderweise merkte ich beim Schreiben: Oh, das ist anschlussfähig! Was die drei Millionen Käufer von „Er ist wieder da“ wollen oder erwarten, wusste ich nicht, und es spielte auch keine Rolle für mich.

Schon erstaunlich, dass Sie in den sechs Jahren seit Ihrem Debüt so gelassen geblieben sind. Wahrscheinlich habe ich den Vorteil, Anfang 50 zu sein und nicht Ende 20. In meinem Alter ist man dann doch ein bisschen entspannter. Außerdem habe ich ja auch einiges getan in dieser Zeit: Meine Nase ins Filmgeschäft gesteckt, Drehbücher geschrieben, ein Buch übersetzt, ein halbes Jahr bei der BUNTE gearbeitet, und letztlich zwei Jahre intensiv an meinem neuen Roman gesessen. Ich versuchte einfach, meine gute Laune zu behalten – das geht aber grundsätzlich nur, wenn ich bei der Basis meines Schreibens bleibe. Dazu gehört, dass ich ohne Druck arbeiten will.

Hat sich Ihr Leben durch den Erfolg verändert? Ja, gründlich. Früher war ich froh, wenn ich Jobs hatte. Jetzt kann ich entscheiden, was ich machen will. Meine Halbprominenz hat zum Beispiel dazu geführt, dass ich eine Kolumne über Comics schreiben kann; so habe ich mir einen alten Wunsch erfüllen können. In den vergangenen Jahren hat mich natürlich oft die Frage umgetrieben: Was will ich eigentlich aus meinem Leben machen? Ich genieße jetzt die wirtschaftliche Sicherheit, die als freier Journalist keine Selbstverständlichkeit ist. Aber diese neue Freiheit, dieses Privileg, ist natürlich auch eine Herausforderung. Damit umzugehen muss man lernen, denn man ist so etwas ja nicht gewohnt. Ich versuche jedenfalls, vernünftige Sachen zu machen.

In „Die Hungrigen und die Satten“ schreiben Sie über eine riesige Flüchtlingsbewegung, die in einem Lager in Afrika startet. Wann fiel der Entschluss, dies zu Ihrem neuen Thema zu machen?  Zu dem Zeitpunkt, zu dem sich jeder von uns damit beschäftigt hat: 2015. Ich sehe fern, lese Zeitung und informiere mich wie jeder andere auch, und so fiel mir nach einiger Zeit auf, dass die Reaktionen auf die Flüchtlingsfrage nicht rationaler wurden. Von Anfang an gab es die Willkommenskultur auf der einen Seite und die Ablehnung auf der anderen. Was aber genau passieren würde, wenn wir wirklich alle Flüchtlinge aufnehmen oder alle an der Grenze ablehnen würden, damit hat sich niemand beschäftigt. Mir kam es so vor, als ob beide Seiten, Linksaußen und Rechtsaußen, das Denken eingestellt hätten, und als ob niemand den Mumm hatte zu sagen, was wirklich in diesem oder jenem Fall passieren könnte.

Und dann haben Sie beschlossen, dies selbst zu tun? Ich habe mir zumindest gedacht: Dann helfe ich Euch mal dabei, dass Ihr Euch vorstellen könnt, wie das ist, wenn die Grenzen dicht sind und ein paar hunderttausend Flüchtlinge davor stehen. Meine Geschichte hat absolut nichts Enthüllendes oder Überraschendes. Sie arbeitet im Wesentlichen mit bekannten Elementen und Informationen. Jeder, der Nachrichten sieht, weiß, dass es so kommen könnte. Aber wie Schüler, die ewig das Erledigen ihrer Hausaufgaben rausschieben und hoffen, dass sie irgendjemand anderes macht, hat niemand ernsthaft so ein Szenario entwickelt.

„Wir sind alle Syrer“ – Wladimir Kaminer im Interview

Seit Wochen steht Wladimir Kaminer mal wieder oben in den Bestsellerlisten. Diesmal mit „Ausgerechnet Deutschland“ (Goldmann), einem bemerkenswerten Band mit Kurzgeschichten über Flüchtlinge. Kaminers typischer Mix aus Witz, Weisheit und Augenzwinkern hat ihm eine Gesamtauflage seiner Bücher und Hörbücher von mehr als 3,7 Millionen beschert. Hier mein Interview mit dem 50-jährigen Deutschrussen:

 In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie: „Wir sind alle Syrer“ – wie meinen Sie das? Hinter jeder Familiengeschichte steckt zumindest zum Teil eine Flüchtlingsgeschichte. Schauen Sie meine Familie an: Meine Mutter musste 1941 aus Moskau flüchten, meine Schwiegereltern entkamen 1991 aus Grosny, und ich selbst habe 1990 als Flüchtling in Ostberlin um humanitäres Asyl gebeten. Gegen das Schicksal der syrischen Kriegsflüchtlinge ist meine Geschichte natürlich ein Witz, und ich hatte viel Glück. Aber ich kenne das Gefühl, in einem neuen Land von vorne zu beginnen.

Welches Bild hatten Sie von Deutschland, als Sie sich von der Sowjetunion aus auf den Weg in den Westen gemacht haben? Literatur und Musik waren die Köder, die uns aus der Heimat lockten. Die Kunst und die Kultur des Westens, so dachten wir, wollten nicht bessere Menschen aus uns machen oder uns erziehen wie im Sozialismus. Vielmehr erschienen sie uns als ein großes, freies, buntes Abenteuer. Da wollten wir hin. Der Westen war wie eine verbotene Frucht.

Und wie erlebten Sie dann die Realität? Es war eine fremde, spießige, kleinbürgerliche Welt, die auf uns wartete. Sie hatte Angst vor Fremden und keine Lust auf Abenteuer. Sie war bei weitem nicht so spannend und interessant, wie in den Büchern, die wir gelesen hatten. Wir sind aber trotzdem geblieben. Und es gab auch positive Seiten: Am Tag meiner Ankunft wurde Deutschland Fußballweltmeister – alle waren gut drauf und hatten Bierflaschen in der Hand. Also kaufte ich mir auch eine.

Heute haben wieder viele Menschen Angst vor Fremden. Blicken Sie nun, 28 Jahre nach Ihrer Einwanderung, trotzdem positiver auf Deutschland? Auf jeden Fall! Deutschland hat sich unglaublich entwickelt, in jeder Hinsicht. Daran kann auch die AfD nichts ändern. Die Vereinigung mit den anderen europäischen Staaten in der EU hat sehr viel gebracht. Natürlich kann man die ökonomisch-politische Ausrichtung der EU kritisieren, aber kulturell ist Deutschland durch sie einen Riesenschritt nach vorne gekommen. Ich fühle mich hier sehr zu Hause.

In „Ausgerechnet Deutschland“ schreiben Sie über skurrile Situationen im Umgang mit Flüchtlingen. Hatten Sie keine Bedenken, ein so heikles Thema aufzugreifen? Nein, denn ich suche immer nach menschlichen Tragödien, um darüber lachen zu können. Das lustvolle Scheitern ist so eine Sache, die mir sehr gut gefällt. Und nachdem Tragödien vor allem dort entstehen, wo zwei Welten aufeinanderprallen, die einander überhaupt nicht kennen, ist die so genannte Flüchtlingskrise genau mein Thema. Dazu kam auch noch, dass in dem brandenburgischen Dorf, in dem ich lebe, Flüchtlinge einquartiert wurden. Ich konnte sie und die Reaktionen auf ihre Ankunft aus nächster Nähe beobachten. Doch die Realität ist einfach zu skurril: kaum hatte ich das Buch geschrieben, waren die Flüchtlinge schon wieder weggeflüchtet.

Ist das ein Scherz? Nein. Die Syrer aus unserem Dorf sind nach Cottbus gezogen, weil sie plötzlich dort ihre Zukunft zu sehen glaubten. Dann wollten sie wieder zurück zu uns. Ihr Familienoberhaupt bereute den Umzug und sagte, die Zukunft läge auf keinen Fall in Cottbus. Jetzt weiß aber keiner, ob das überhaupt geht mit dem Zurückgehen.

Das Glück liegt also auch für Flüchtlinge immer anderswo. Ganz genau. Es bleibt eine der großen menschlichen Illusionen, dass man woanders hin muss, um glücklich zu sein. Es gibt immer mehr Flüchtlinge und Urlauber – alle wollen weg. Doch die Flüchtlinge von heute können die Urlauber von morgen sein, und umgekehrt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die ganze Welt vor sich selbst flüchtet. So lange wir aber nicht verstehen, dass die Erde rund ist und wir immer wieder an den gleichen Stellen rauskommen, mit den gleichen Problemen, macht das keinen Sinn.

Schreiben ist wie Pferdereiten

John Irving und T.C. Boyle haben in den 1970-ern den Iowa Writers´ Workshop besucht, ein zweijähriges Studium in Kreativem Schreiben. Zwanzig Jahre später studierte dort auch Nickolas Butler – zurzeit erfolgreich mit „Die Herzen der Männer“ (Klett-Cotta). Dieser Roman fasziniert auch deswegen, weil Butlers Sprache sehr vielseitig ist: mal einfühlsam, zart und feinsinnig, mal schonungslos, brutal und realistisch. Ich habe mehrere Lesungen mit dem 38-jährigen Autor moderiert und wollte von ihm wissen, wie es zu dieser Vielseitigkeit kommt:

Mit der Sprache ist es wie mit dem Pferdereiten, das hat mir ein Dozent am Iowa Writers´ Workshop beigebracht: Du musst das Pferd manchmal ganz zart streicheln, aber ihm auch mal die Sporen geben. Würde es immer nur im gleichen Tempo laufen, wäre das langweilig. Tatsächlich achte ich immer darauf, dass ich nicht eintönig schreibe. Ich vergleiche das gerne mit der Arbeit eines Malers. Würde sein Bild nur schön oder einfarbig sein, würde man sich schnell daran sattsehen. Sobald es aber Brüche, Schattierungen und verschiedene Farben zeigt, zieht es Aufmerksamkeit auf sich. Das gilt auch für meine Romane.“

Im Interview: T.C. Boyle

Good Home“ (Hanser) heißt der neue Erzählband von T.C. Boyle. Darin beweist der Amerikaner mal wieder, dass er zu Recht als Meister der Kurzgeschichte gilt. Ich hatte die Ehre, im vergangenen November eine Lesung mit Boyle zu moderieren (Foto) und ihn zu interviewen. Das Besondere an einem Gespräch mit dem 68-jährigen: Er sprüht vor Witz, Charme und Intelligenz, dass man kaum hinterherkommt. Für SPIEGEL ONLINE habe ich ihn vor ein paar Tagen noch einmal interviewt – hier das komplette Gespräch. Und hier ein kleiner Auszug:

Schreiben Sie Kurzgeschichten, um zwischen Ihren großen Romanen in Übung zu bleiben? Das ist sehr viel mehr als ein Training. Short stories sind für mich eine völlig eigenständige Kunstform. Diese klare, im Umfang begrenzte Vorgabe fasziniert mich und ich stürze mich in jede Erzählung mit genauso viel Energie wie in meine Romane. Auf Kurzgeschichten habe ich schließlich auch meine Karriere aufgebaut: 1979 erschien mein erstes Buch „Tod durch Ertrinken“, das aus 17 short stories bestand.

Seitdem haben Sie 27 weitere Bücher veröffentlicht, sind mit Literaturpreisen überhäuft worden und begeistern weltweit Zuschauer bei Ihren Liveshows. Sie sind unglaublich produktiv. Das liegt vielleicht daran, dass ich irgendwann einmal erkannt habe, dass die meisten Künstler vor ihrem Tod produktiver sind als danach. Also gebe ich Gas, arbeite hart und schaue nach vorn. Es gibt immer etwas, worüber ich schreiben will. Mein nächster Roman dreht sich um den Schweizer Wissenschaftler Albert Hofmann, der 1943 die halluzinogene Wirkung von LSD entdeckt hat.

Ihre Kurzgeschichte „Good Home“ hat – wie viele Ihrer Erzählungen – einen Schluss, der alles offen lässt. Warum verwenden Sie diese Form so gerne? Anspruchsvolle Literatur behandelt ihre Leser als gleichwertige Partner. Ich will, dass meine Leser in die Geschichte gezogen werden und sie weiterdenken, auch nach dem Ende. Diesen Prozess würde ich mit einem klassischen Schluss zunichtemachen. In „Good Home“ kann es zu einer Katastrophe kommen. Oder eben auch nicht. Das überlasse ich der Fantasie meiner Leser. So wird das Lesen zu einem doppelten Abenteuer.

Die therapeutische Wirkung von Krimis

arne dahl, sechs mal zwei, günter keil, krimiIch hasse Keller und mag kein Blut. Aber ich schreibe gerne darüber. In meinem neuen Thriller `Sechs mal Zwei´ gibt es zum Beispiel eine schrecklich spannende Kellerszene und jede Menge Blut“ hat mir Arne Dahl auf einer seiner Lesungen verraten, die ich moderiert habe. „Mir hilft das wie eine Katharsis.“

Der schwedische Bestsellerautor weiß also, dass Spannungsromane eine therapeutische Wirkung haben. Nicht nur, weil sie helfen können, sich persönlichen Abneigungen zu stellen. Sondern auch, weil sie in unruhigen Zeiten Sicherheit und Kontrolle verheißen: „In einer Welt, in der Menschen wie Trump regieren und Fake-News üblich geworden sind, beinhalten Krimis und Thriller das Versprechen an ihre Leser: es wird zwar unangenehm, und ihr müsst etwas aushalten, aber dann kommt garantiert eine Lösung. Das Problem ist unter Kontrolle. Genau diese verlässliche Kontrolle, die das Grauen in Grenzen hält, macht die Faszination von Spannungsliteratur aus.“

Und wie geht es weiter mit dieser aktuellen „dummen Welt“, wie sie Arne Dahl nennt? Er gibt die Hoffnung nicht auf: „Alle wichtigen menschlichen Entwicklungen und Errungenschaften, die Zivilisation, der Humanismus, sind aus Rückschlägen und Krisen entstanden. Auch aus dem Dunkel kann sich Helligkeit entwickeln – darauf vertraue ich.“ Möge er Recht behalten und die Katharsis funktionieren!

Im Interview: Arundhati Roy

arundhati roy, interview, günter keil, blogIntelligent, unnachgiebig und charmant kämpft Arundhati Roy für soziale Gerechtigkeit. Nun war sie endlich wieder in Deutschland – mit ihrem neuen Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“ (S. Fischer). Und ich hatte die große Ehre, die Lesung der indischen Schriftstellerin im Literaturhaus München zu moderieren. Klar, dass ich sie auch interviewt habe.

Sie haben Architektur studiert – planen und bauen Sie Ihre Bücher wie ein Haus? Der Gott der kleinen Dinge“ war wirklich wie ein Haus. Aber „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist wie eine Stadt. Ich wollte experimentieren, wie sich all meine Themen zu einem vielschichtigen Ganzen entwickeln. Eben wie in einer echten Stadt: dort manchen die Menschen auch dauernd Pläne, wie alles aussehen und funktionieren soll – und dann kommt es ganz anders.

hren Roman widmen Sie „den Ungetrösteten“. Wen meinen Sie damit? Mir geht es um uns alle. Denn das heute allgegenwärtige Glücksversprechen, diese über soziale Medien und Werbung institutionalisierte und dargestellte Glücklichkeit, sorgt bei vielen Menschen für Leere und Verzweiflung. Es passiert etwas Seltsames mit uns. Da hofft man, dass irgendjemand die Arme um einen legt und tröstet. Vielleicht kann das sogar ein Buch leisten – ich wollte es jedenfalls versuchen.

Anjum, Ihre Hauptfigur, ist eine Transsexuelle, die zunächst in einer Hausgemeinschaft und später auf einem alten Friedhof lebt. Gibt es diese Wohnformen in Delhi tatsächlich? Ja. Hijras, wie Transsexuelle in Indien genannt werden, haben einen Ehrenplatz in der indischen Mythologie und leben tatsächlich in eigenen Wohngemeinschaften. Diese basieren auf einem traditionellen System, das den Hijras auch heute noch Schutz bietet. Ich bin mit einigen Mitgliedern einer dieser Gemeinschaften in der Altstadt von Delhi befreundet. Was das Leben auf einem Friedhof betrifft: es gibt hunderte, vermutlich sogar tausende Menschen, die wirklich dort zwischen Gräbern leben. In meinem Buch baut sich Anjum sogar ein kleines Gästehaus auf dem Friedhof und klaut den Strom aus der benachbarten Leichenhalle eines Krankenhauses.

Anjum nennt dieses Gästehaus „Jannat“, das Urdu-Wort für „Paradies“. Auch die fiktive Hijdra-Wohngemeinschaft heißt so. Diese Orte wirken wie Zufluchtsstätten in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Vielleicht sind Sie das auch tatsächlich. Wenn die Spezies Mensch so weitermacht, mit Klimawandel, Kriegen und Nationalismus, brauchen wir möglicherweise solche Plätze.

Vor kurzem wurde die regierungskritische Jounalistin Gauri Lankesh ermordet, eine Freundin von Ihnen. Sie selbst wurden mehrfach bedroht, angeklagt und verurteilt. Fühlen Sie sich noch sicher in Ihrer Heimat? Es ist in der Tat eine gefährliche Zeit für uns. Und jeder, der sich engagiert, macht sich natürlich auch Sorgen. Wir alle wissen, dass es riskant ist, Kritik zu üben. Aber wir haben keine Wahl. Eine Sache ist uns ganz klar bewusst: Wir würden lieber verlieren, als auf der anderen Seite zu stehen. Also kämpfen wir weiter.

Heißt das, Sie würden nicht ins Exil gehen? Schließlich könnten Sie es sich schon längst leisten, überall auf der Welt zu leben. Was wäre das für ein Zeichen, wenn ich gehen würde? Nein, das ist keine Option für mich. Ich bin kein Individuum, sondern ein Baum, tief verwurzelt mit diesem Land, mit Freunden, Verwandten, Liebenden. Wenn ich irgendwo anders hin verpflanzt würde, würde ich meine Blätter verlieren.

Im Interview: Don Winslow

don winslow, interview, corruption, günter keil, literaturblogSchlagfertig und schlau ist er – zwei der Gründe, warum ich immer wieder gerne Don Winslow treffe. Vor allem jetzt, nachdem sein neuer Thriller „Corruption“ erschienen ist. Eines der besten Bücher des 62-jährigen, wie ich finde. Also: Los geht´s:

Für die Recherche Ihres neuen Thrillers sind Sie zurück in Ihre alte Heimat New York City gekommen – wie war das Wiedersehen? Ein großes Abenteuer! Ich streifte stundenlang durch die Straßen, besuchte meine früheren Lieblingsplätze, sprach mit Gangstern, Drogendealern und Polizisten. Da sich mein Roman vor allem um den Alltag eines Elite-Cops und seiner Einsatztruppe dreht, habe ich besonders viel Zeit mit Polizisten und ihren Familien verbracht. Am besten war, dass ich bei ihren Einsätzen mitfahren durfte: Verhaftungen, Razzien, Schießereien – ich habe alles aus nächster Nähe mitverfolgt.

Wir sind alle korrupt“ sagt Ihre Hauptfigur, der Elite-Polizist Denny Malone. Hat er recht? In seiner Welt in New York sind tatsächlich alle korrupt. Er beobachtet das jeden Tag, wenn er mit seiner Sondereinheit durch Harlem zieht und Verbrecher jagt. Das ist eine der moralischen Gefahren seines Jobs: man glaubt, dass jeder trickst, lügt, bestechlich ist und Hintergedanken hat. Außerdem sehen Malone und seine Truppe ständig, welch riesige Summen im Drogenhandel verdient werden – das verführt. Ich sehe das etwas differenzierter – jeder von uns hat den Samen der Korruption in sich, aber entscheidend ist, ob man ihn keimen lässt. corruption, don winslow, günter keil

Hat man Ihnen schon einmal Geld geboten, um in einer bestimmten Weise zu schreiben? Verleger haben mir hohe Summen versprochen, wenn ich endlich mal einen ganz normalen, banalen Krimi schreibe. Aber darauf habe ich einfach keine Lust! Man hat mir oft gesagt, dass ich zu düster, politisch, brutal, verschroben und komplex schreibe, und dass meine Karriere bald am Ende ist. Zum Glück ist es anders gekommen – und ich bin meinen Stil treu geblieben.

Sie scheuen sich nicht, auch positiv über Gangster und bestechliche Polizisten zu schreiben. Mögen Sie etwa Ihre fragwürdigen Figuren? Das ist nicht leicht zu beantworten. Es mag seltsam klingen, aber, wenn ich schreibe, bemühe ich mich ganz bewusst, nicht objektiv zu sein. Meine Aufgabe besteht nicht darin, mit Distanz aufs Geschehen zu blicken und es zu kommentieren, sondern in die Köpfe meiner Figuren zu gehen und dafür zu sorgen, dass meine Leser alles durch deren Augen sehen. Zweifellos tun meine Figuren grenzwertige, unangemessene Dinge, aber es ist völlig egal, wie ich darüber denke. Wichtig ist nur, wie sie darüber denken. Erst dann können meine Leser ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Das komplette Interview wird als Special in der Playboy-Ausgabe 08/17 erscheinen (Mitte Juli).

Im Interview: Mira Magén (Israel)

mira magén, interview, literaturblog, günter keil Sie spricht leise, wirkt bescheiden. Dabei zählt Mira Magén zu den bedeutendsten Autorinnen Israels. Ihr Werk, das mehr als ein Dutzend Romane und Erzählungen umfasst, wurde vielfach ausgezeichnet. Vor kurzem ist Magéns neuer, siebter ins Deutsche übersetzter Roman „Zu blaue Augen“ (dtv) erschienen. Ich habe die 67-jährige in München zum Interview getroffen.

In Ihrem neuen Roman spielt eine 77-jährige aus Jerusalem die Hauptrolle, die auf Konventionen pfeift und trotz Rückschlägen ihr verrücktes Leben genießt. Wie kamen Sie auf diese Figur? Hannah Jonah ist das Gegenteil meiner Mutter, der es immer wichtig war, was die Nachbarn dachten. Sie richtete sich nach sozialen und religiösen Normen. Daran habe ich mich immer gerieben – auch noch, als meine Mutter schwer krank wurde und sich langsam aus dem Leben verabschiedete. Ich musste diese Antipode erfinden, um mich von meiner Mutter friedlich lösen zu können. Tatsächlich habe ich die Geschichte erst für mich ganz allein geschrieben, bevor sie wie ein Katalysator wirken konnte. Ich selbst würde gerne so frei leben können wie Hannah Jonah – insofern ist sie wohl auch ein gewünschtes Alter Ego. Denn es stimmt, was sie sagt: Jeder hat ein Recht auf Verrücktheit!

Nach Ihrem Studium haben Sie in verschiedenen Berufen gearbeitet, vor allem als Krankenschwester. Was hat Sie daran gereizt? Ich habe mich schon immer für das menschliche Wesen interessiert. Der Frage, warum wir uns so verhalten wie wir es tun, kann man nur an wenigen Orten so authentisch nachspüren wie in einem Krankenhaus. Dort leiden die Menschen, sie werden auf sich selbst zurückgeworfen, sind allein, wollen eine Antwort finden. Schon nach kurzer Zeit als Krankenschwester habe ich mich allerdings gefragt, warum Gott so viel Leid zulässt. Mich hat es traurig gemacht, dass ich meist nichts am Krankheitsverlauf der Patienten ändern konnte und mit ansehen musste, wie sie ihrem Schicksal ergeben waren. So entstand mein Wunsch, selbst bestimmen zu können, wer wie lange lebt – und das konnte ich nur als Schriftstellerin.

Heißt das, Schreiben ist für Sie eine Therapie, um mit den Tiefen des Lebens zurechtzukommen? Da ist etwas dran. Der Schreibprozess organisiert zudem mein Innenleben, das sehr stürmisch ist. Ich manage mein Leben über den Stift, und das hat eine therapeutische Wirkung.

Wie hat Ihr orthodoxes Umfeld darauf reagiert, dass Sie Bücher schreiben, in denen Gott infrage gestellt und Sex beschrieben wird? Meine Mutter hat mich oft gebeten, bloß nicht über Intimitäten zu schreiben. Letztlich hat sie aber meinen Weg akzeptiert und mich unterstützt. Und was meine orthodoxen Nachbarn betrifft: Ein paar Tage nachdem mein erster Roman erschienen war, klopfte es an meiner Tür. Ich öffnete, und da stand ein Mädchen mit einem riesigen Blumenstrauß. Sie gehörte zu einer der religiösesten Familien in dem Wohnkomplex, in dem ich damals wohnte, und überreichte mir die Blumen. In dem Strauß steckte eine Notiz, auf der stand: „Wir werden zwar nie Ihre Bücher lesen, aber wir akzeptieren, dass Sie sie schreiben und gratulieren Ihnen zu Ihrem Erfolg.“ Das hat mich sehr bewegt, und die Notiz habe ich aufbewahrt.

Das komplette Interview erscheint in der aktuellen Ausgabe des Magazins MÜNCHNER FEUILLETON.

Jostein Gaarder über Träume und die Fantasie

jostein gaarder, ein treuer freund, interview, günter keil„Sofies Welt“ hat Jostein Gaarder berühmt gemacht – sein Bestseller von 1993 wurde in mehr als 60 Sprachen übersetzt. Vor ein paar Tagen hatte ich die Ehre, Gaarders Auftritt im Literaturhaus München zu moderieren (Foto). Anlass: „Ein treuer Freund“ (Hanser), der neue Roman des 65-jährigen Norwegers. In unserem Gespräch ging es natürlich um Philosophie, Gaarders großes Thema. Ich wollte von dem sympathischen Schriftsteller allerdings auch wissen, ob er eine besonders ausgeprägte Fantasie hat, der seine Figuren und Geschichten entspringen. Gaarders Antwort:

„Ich glaube, jeder von uns hat eine große Fantasie und die Fähigkeit zum Geschichtenerzählen. Wir träumen doch auch alle die verrücktesten und schönsten Träume – dann wachen wir auf und fragen uns: War das wirklich ich, der diese Geschichte erfunden hat und auch noch darin vorkam? Das Unterbewusstsein stattet uns mit viel Fantasie aus – nur kommt sie eben nicht immer hervor. Viele schüchterne Menschen blühen in bestimmten Situationen auf, Schauspieler etwa auf der Bühne. Dann werden sie laut und fantasievoll. Die Hauptfigur meines neuen Romans ist ein einsamer, zurückhaltender Mann, der mit einer Handpuppe spricht. Sie verhält sich genau andersherum, ist vorlaut, witzig und offensiv – und all das kommt trotzdem aus dem Mann. Wir sind vielschichtiger und kreativer als wir glauben.“