Neuerscheinung · Rezension · Romane

Ein Zopf aus drei Geschichten

Fortgehen, diesen Ort weit hinter sich lassen. Es ist der einzige Ausweg.“

In „Der Zopf“ (S.Fischer) von Laetitia Colombani geben drei Frauen ihrem Leben eine radikale Wendung. Das müssen sie auch, weil sie sonst unglücklich werden, verzweifeln, sterben. In Frankreich war dieser Roman Nr.1, er erscheint in 28 Ländern, und er wird verfilmt. Die Gründe für diesen Erfolg liegen auf der Hand:

Laetitia Colombani schreibt im Präsens, schnell und klar. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass ihre drei Hauptfiguren aus Indien, Kanada und Italien ums Überleben kämpfen. Smita riskiert für ihre Tochter ihr Leben, Giulia rettet ihr Familienunternehmen und Sarah kämpft gegen den Krebs. Colombani führt ihre drei Geschichten Schritt für Schritt zusammen, knüpft sie kunstvoll wie einen Zopf. Und obwohl sie wegen des hohen Tempos und der Kürze des Romans nicht in die Tiefe geht, berühren diese Schicksale. Ein moderner dramatischer Roman über mutige Frauen, die sich befreien.

Sie wagt nicht, ihrer Tochter zu sagen, dass sie fortgehen und nicht zurückkommen werden. Dass sie mit einem Ticket ohne die Möglichkeit zur Rückkehr unterwegs sein werden, dass es sich um eine einfache Fahrt hin zu einem besseren Leben handelt.“

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Murakamis zweiter Teil

Im Leben gibt es einige Dinge, die man nicht erklären kann, und auch einige, die man nicht erklären sollte. Denn in den meisten Fällen geht dabei das Wichtigste verloren.“

Stimmt genau. Und es gilt auch für Literatur. Zu viel zu erklären kann die Lesefreude negativ beeinträchtigen. Viel wichtiger: sich auf ein Buch einlassen, ohne zu viel zu wissen. Auf den zweitem Teil von Haruki Murakamis „Die Ermordung des Commendatore“ (DuMont). Das Zitat stammt von einem der Protagonisten, und ich nehme es zum Anlass, mich kurz zu fassen.

Ärgerlich, dass dieser Roman zweigeteilt wurde. Denn nach der Lesepause muss man sich erst wieder auf den Maler, das von ihm porträtierte junge Mädchen (Marie) und den geheimnisvollen Nachbarn (Menshiki) einstellen. Die Handlung setzt nahtlos an den ersten Band an, und sie ist nicht minder mysteriös. Murakami schickt seine Hauptfigur auf zwei Reisen: zunächst ans Sterbebett des großen alten Malers, dessen Haus sie bewohnt und von dem das titelgebende Bild stammt. Und dann… Ja, dann… Passiert etwas, das nur in einem Murakami-Roman passieren kann, ohne dass die Schublade „Fantasy“ gezogen wird. Der geniale Japaner stürzt den jungen Maler in ein unbeschreibliches Abenteuer im Land der Metaphern, wo er unter anderem durch die Schlucht zwischen Sein und Nichtsein muss. Noch Fragen? Klar. Viele. Aber wie gesagt, es gibt Dinge, die man nicht erklären sollte. Der Abschluss eines fantastischen, fantasievollen Romans.

Mehr zum ersten Teil hier.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Wundersame Wendungen

Schon klar: „Das rote Notizbuch“ (Rowohlt) von Paul Auster, die legendäre Sammlung wundersamer Kurzgeschichten, ist schon mehrmals erschienen. Aber noch nie auf Deutsch in dieser vollständigen Ausgabe. Und noch nie in so geschmackvoller bibliophiler Ausstattung.

Auster erzählt „wahre Geschichten“, die er selbst erlebt hat. Oder von Freunden, Kollegen, Verwandten erzählt bekommen hat. Es sind skurrile, märchenhafte, unglaubliche stories – von einem Sohn, der seinen Vater nach 40 Jahren wieder trifft. Von der Magie eines Zwiebelkuchens in Südfrankreich. Von einem Mann, der sich nach 20 Jahren erneut in seine große Liebe verliebt. Von einer verlorengegangenen Münze, die an einem anderen Ort in Brooklyn wieder auftaucht. Und vom Fluch der vier Reifenpannen.

In einfachen, klaren Sätzen, und aufs Wesentliche reduziert, hält Paul Auster die rätselhaften Wendungen des Lebens, die verschlungenen Wege des Schicksals, das Mysterium unseres Daseins fest. Wunderbare Erlebnisse und Begegnungen, die versöhnlich stimmen. Ein schmales, feines Buch, das das Herz erwärmt. 

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Quotendruck & tödliche Geschäfte

Zwischen dem größten Flüchtlingslager der Welt in Kenia und einer prominenten deutschen Polit-TV-Moderatorin besteht eine Verbindung. 

Stimmt schon: Horst Eckert stellt in seinem neuen Thriller „Der Preis des Todes“ (Wunderlich) brisante Zusammenhänge dar. Zwischen Sarah Wolf, der Moderatorin, Christian Wagner, einem Bundestagsabgeordneten, dem Pharmakonzern Samax AG, und Dadaab, dem Lager mit mehr als 500.000 Bewohnern.

In hohem Tempo schildert Eckert, wie Sarah Wolf und ihr Team ihre Talkshow vorbereiten. Druck gibt es von allen Seiten – der Sender besteht auf hohen Einschaltquoten und möchte nicht, dass zu kritische Fragen gestellt werden. Die politischen Parteien schicken nur dann prominente Gäste, wenn ihnen das Thema passt. Eckert zeigt realistisch und gut recherchiert, wie zynisch das TV-Geschäft abläuft.

Zum spannenden Polit-Thriller wird das Buch, weil Sarah Wolf mit dem Abgeordneten Christian Wagner liiert ist. Kurz nachdem ihn eine Boulevardzeitung als Lobbyist für einen Pharmakonzern gebrandmarkt hat, stirbt er unter mysteriösen Umständen. Auch eine junge Menschenrechtsaktivistin wird tot aufgefunden – sie hatte Kontakt zu Wagner, und sie arbeitete im Flüchtlingslager Dadaab. Sarah Wolf und ihr Team recherchieren im Berliner Politikzirkus und in Kenia. Und sie decken einen unglaublichen Skandal auf: Unter dem Deckmantel von Wohltätigkeit wurden Flüchtlinge systematisch ausgebeutet und ihre Organe verkauft.

Quotendruck, Lobbyismus, Parteiengeplänkel und tödliche Geschäfte – Horst Eckert packt eine Vielzahl wichtiger Themen in seinen rundum gelungenen Thriller.

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Am Meer

Er flackert wie ein Sommerfeuer. Und er flirrt wie die Hitze des Südens.

Kein Wunder, denn Deborah Levys Roman „Heiße Milch“ (Kiepenheuer & Witsch) spielt auch dort. „Vater Grieche, Mutter Engländerin, in Großbritannien geboren.“ sagt Sofia, wenn sie nach ihrer Herkunft gefragt wird. Die 25-jährige ist mit ihrer kranken Mutter nach Andalusien gereist. Dort soll Dr. Gomez in einer Spezialklinik deren Leiden lindern. Sofia hat viel Zeit, um nachzudenken. Ein kühneres, größeres Leben wünscht sie sich, und tatsächlich emanzipiert sie sich am Meer. Sie verliebt sich in eine Frau, flirtet mit einem Studenten und ordnet die Beziehung zu ihren Eltern neu. Beim Lesen riecht man den Strand, spürt die Sonne und nimmt eine ganz besondere, schwebende Stimmung wahr. Ein starker, unsentimentaler Roman von Deborah Levy über eine junge Frau, die endlich lernt, eigene Wege zu gehen.

Ich bin fünfundzwanzig und hinke synchron mit meiner Mutter, um mit ihr Schritt zu halten. Meine Beine sind ihre Beine. Auf diese Weise gelangen wir zu einträchtiger Fortbewegung.“

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Unter Kirschbäumen

Ein Vater, seine Tochter. Nebeneinander im Bus. Sprachlosigkeit. Draußen ziehen Kirschbäume vorbei. Ein seltsamer Ausflug.

In reduzierter Sprache und ruhigem Ton erzählt Nanae Aoyama in „Bruchstücke“ (Cass) von einer ganz alltäglichen Vater-Tochter-Beziehung. Die Studentin fungiert als Erzählerin, und sie fragt sich, was das überhaupt für ein Mann ist, neben dem sie ausharrt. „Mein Vater hat ein nichtssagendes Gesicht und ist von Natur aus harmlos“ konstatiert sie. Ab und zu versucht sie, ein Gespräch zu beginnen. Doch die Sätze verlieren sich im Nichts. „Mit dir zu reden ist wie Steine ins Wasser werfen“ sagt die Tochter. „Findest Du?“ ist das einzige, was ihr Vater darauf erwidert.

Als die Reisegesellschaft an einer Kirschbaumplantage stoppt, gehen Vater und Tochter getrennte Wege. Die junge Frau sucht Motive für ihre Fotokamera, und der ältere Herr hilft Ausflüglern, Krischen von einem Baum zu pflücken. Obwohl so gut wie nichts passiert, liest man gespannt weiter. Denn Aoyamas klare, geradezu schwebende Erzählung beinhaltet eine Ahnung, dass da mehr sein könnte als das tatsächlich Geschilderte. Diese Atmosphäre erinnert an Momente aus Haruki-Murakami-Romanen, an eine zur Kunstform erhobene Beiläufigkeit. Auch in „Farinas Zimmer“, der zweiten Kurzgeschichte, behält Nanae Aoyama ihren schlichten Stil bei. Ein junger Mann erzählt wie nebenbei von seiner Ex-Freundin Farina und seiner Verlobten Hanako. In „Wildkatzen“, der letzten Erzählung, schildert Aoyama das unaufgeregte Eheleben von Kyoko und Akihito.

Aoyama hält im Alltag ihrer Figuren inne, beobachtet und notiert. Unaufgeregt und entschleunigt. Mit der Folge, dass man sich bei der Lektüre bisweilen so fühlt wie vor einem Gemälde mit einer klaren, vereinfachten Farbfläche. Zu sehen gibt es kaum etwas, aber der Raum für eigene Gedanken öffnet sich.

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Intensiv tschechisch

monica bellova, am see, rezension, günter keil, literaturblogNami wächst in einem trostlosen Dorf bei seinen Großeltern auf. An seine Mutter hat er nur vage Erinnerungen: ihre duftende warme Haut, die drei roten Dreiecke ihres Bikinis, ihre weiche Stimme. Warum ist sie nicht mehr bei ihm? Niemand verrät es Nami. Die meisten Menschen in dem Dorf am vergifteten See sind desillusioniert, betrunken und arbeitslos. Bianca Bellová siedelt ihren großartigen Roman „Am See“ (Kein & Aber) in einer postsowjetischen Industriegegend an. Namis einziger Lichtblick sind die Treffen mit Zaza, einem Mädchen mit einer gelben Schleife im Haar. Nachdem Zaza jedoch von russischen Soldaten vergewaltigt wird, flüchtet Nami in die Großstadt. Dort hofft er, seine Mutter zu finden und Abstand von seiner furchtbaren Kindheit zu gewinnen.

Mit einer urwüchsigen Kraft, die einem den Atem raubt, erzählt Bianca Bellová von Namis Überlebenswillen. Der Jugendliche schlägt sich als Tagelöhner durch, schleppt Kisten, asphaltiert Straßen, lebt in einem heruntergekommenen Wohnheim, wird gnadenlos ausgebeutet. Doch er gibt nicht auf. Bellovás intensive Geschichte kann man als Parabel über Unterdrückung und Armut lesen. Oder als eigenwilligen Entwicklungsroman. Die knappe, lakonische Sprache der tschechischen Schriftstellerin bringt Namis verzweifelte Suche nach Sinn in jeder einzelnen Situation auf den Punkt. Eine unvergessliche literarische Erzählung, so schmerz- wie liebevoll.