Neuerscheinung · Rezension · Romane

Finnisch, lakonisch, herrlich

petri tamminen, meeresroman, rezension, günter keil, literaturblogLakonischer, liebenswerter und skurriler geht’s kaum. Entspannter und finnischer auch nicht.

Meeresroman“ (Mare) von Petri Tamminen: eine bezaubernde Tragikomödie.

Antiheld Vilhelm Huurna, ein kleiner Mann, will ein großer Kapitän werden. Und tatsächlich: Huurnas Traum erfüllt sich – er bereist die Meere der Welt. Dass er dabei ein Schiff nach dem anderen versenkt, nun, ist das wirklich seine Schuld? „Jeder, der schon einmal im Sturm gesegelt ist, weiß, dass Segelschiffe vieles tun, worum sie zu bitten der Mensch nicht einmal auf die Idee käme.“

In sparsamer Sprache, mit Sätzen wie kleine Kunstwerke, erzählt Petri Tamminen von einem Mann, der sich nicht unterkriegen lässt. Obwohl er oft unter Wasser gerät. Huurna macht die Erfahrung, dass man Dinge einfach hinnehmen muss, mit viel Schnaps und ausdauerndem Schweigen. Eine herrlich schräge Geschichte, gespickt mit schelmischen Weisheiten und finnischem Humor.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Der Bob Dylan der Spannungsliteratur

friedrich ani, ermordung des glücks, rezension, günter keil, blogEine verzweifelte Mutter stolpert betrunken durchs nächtliche München. Müde Menschen stehen an den Fenstern ihrer Wohnungen und schauen ratlos auf die Straßen. Ein erschöpfter Kommissar liegt auf einer Wolldecke, Arme und Beine von sich gestreckt, und hört auf die Stimme in seinem Inneren. Zwei traurige Geschwister, Mann und Frau, liegen in einem Bett und halten sich tröstend an den Händen.

In „Ermordung des Glücks“ (Suhrkamp) von Friedrich Ani leiden die Protagonisten, immerfort. Die Stadt, in der sie leben, ist kalt und dunkel. Ein 11-jähriger Junge wurde ermordet, und niemand weiß, von wem, warum, wo. Den pensionierten Kommissar Jakob Franck lässt dieser Fall (sein zweiter nach „Der namenlose Tag“) nicht los. Er vergräbt sich tief in den Akten, befragt mögliche Zeugen, arbeitet unerbittlich an der Aufklärung, hört zu. Vor allem dies. Franck ist der Zuhörer. Und Ani der Bob Dylan der Spannungsliteratur.

In der literarischen Ruhe des Münchner Autors liegt eine Radikalität, die einzigartig ist. Es scheint, als hielte er in seinem Roman das Tempo an, das den Alltag bestimmt, um sich den wahren Dramen zu widmen: Verzweiflung, Trauer, Wut, Einsamkeit und Reue. Ein schmerzhafter, melancholischer, meisterhafter Roman.

Lennard, das Kind, dachte er, hatte ein Anrecht auf die gleiche Gnadenlosigkeit bei der Suche nach dem Mörder, wie sie dieser bei seiner Tat hatte walten lassen.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Liebenswert zynisch

simone buchholz, beton rouge, rezension, günter keil, blogGefühle sind nicht so ihr Ding. Zigaretten und Alkohol schon eher. Und eine sehr spezielle hanseatische Melancholie.

Ich bin der Typ, dem es selten besonders gut geht, außer am Meer. Ich bin der Typ, der bei all der Ungerechtigkeit auf dieser Welt das kalte Kotzen kriegt.“

Sagt Staatsanwältin Chastity Riley, Hauptfigur und Ich-Erzählerin in „Beton Rouge“ (Suhrkamp) von Simone Buchholz. Im siebten Band überzeugt die Hamburger Autorin wieder mit ihrer schnoddrigen Hauptfigur, ihrem lakonischen Stil und knackigen Dialogen. Riley muss diesmal einen seltsamen Fall lösen: Zwei Medienmanager werden nackt in Käfige gesperrt und vor ihrem Verlagshaus öffentlich ausgestellt – Sadismus? Protest? Rache? Riley erfährt viel über Stellenstreichungen und Gewinnmaximierung. Was ihre Stimmung nicht unbedingt bessert – Rileys liebenswerter Zynismus und dunkler Lokalpatriotismus zählen zu den zahlreichen Stärken dieser Krimireihe.

Andre Leute haben Tanzpartner, ich hab Trinkpartner.“

Mit jeder Menge rauem Charme vermeidet es Simone Buchholz zum Glück, ihre drauflos plappernde Heldin zur Comedyfigur zu stilisieren. Riley bleibt Riley: trocken, eigenwillig, herb. Grandios!

Unten auf der Elbe fährt ein Kreuzfahrtschiff vorbei und schenkt der Stadt seine Abgase.“

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Bester Migrationsroman des Jahres

mohsin hamid, exit west, rezension, günter keil, literaturblogWir sind alle Migranten in der Zeit.“

In „Exit West“ (DuMont) erzählt Mohsin Hamid die bewegende Geschichte von Nadia und Saeed. Ein junges Paar in einem nicht genannten muslimischen Land, das im Bürgerkrieg versinkt und der Machtübernahme von Extremisten ausgeliefert ist. Alles, was das Leben ausmacht, verschwinde: Normalität, Freiheit, Freude, Menschlichkeit und Würde. Nadia und Saeed beschließen zu flüchten. Grenzen gibt es in Hamids Roman nicht, nur Türen. Durch diese muss man schreiten, zunächst ins Dunkel, um danach in anderen Ländern wieder aufzutauchen. Dieser Vorgang und Hamids reine, poetische Prosa geben dem Buch etwas Märchenhaftes.

Nadia und Saeed landen in Griechenland, später in Großbritannien und in den USA. Mohsin Hamid behält die beiden fest im Blick, und er untersucht ihre Reaktionen: Was macht Flucht aus einem Paar? Wie unterschiedlich reagieren Frau und Mann, wie passen sich an? Hamid beschreibt eine Welt ohne Einheimische und Sesshafte, alle ziehen weiter, sind auf der Flucht oder der Suche nach besseren Jobs: „Ein großer Teil des globalen Südens war unterwegs in Richtung globaler Norden.“ Die reisenden Menschen entfernen sich, nicht nur von Orten, auch von Menschen. Auch zwischen Nadia und Saeed wächst die Kluft, und ihre Wege trennen sich schließlich.

Mohsin Hamid hat eine beeindruckende Liebesgeschichte in Zeiten von Extremismus und Migration verfasst. So erschütternd sein Szenario auch ist – der pakistanisch-amerikanische Autor erzählt eher neutral beobachtend. Ja, die Welt bricht auseinander, und nichts ist mehr sicher. Doch die Welt geht nicht unter, sie verändert sich nur.

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Smith swingt

zadie smith, swing time, rezension, blog, günter keilFred Astaire, Michael Jackson: Ihre Idole. Zwei Mädchen schwärmen vom Steppen und Tanzen. Die namenlose Erzählerin wird später Assistentin einer berühmten Popsängerin und Tracey, die andere, schafft es auf die Bühne im Londoner Westend. Zadie Smith, früher selbst Stepptänzerin und Jazzsängerin, erzählt in „Swing Time“ (Kiepenheuer & Witsch) von einer Mädchen- und Frauenfreundschaft mit Brüchen. Sie untersucht, wie sich Herkunft, Hautfarbe und Bildung auf das Leben ihrer Protagonisten auswirken.

Als „braun“ gelten Tracey und ihre Freundin, da sie aus gemischten Familien stammen. Sie wachsen in Sozialwohnungen im Nordwesten Londons auf. Die Erzählerin ist neidisch auf Tracey, denn deren weiße, ungebildete Mutter serviert den Kindern Pizza und Pfannkuchen. Sie ist stolz auf ihre Tochter und möchte ihr den Traum vom Tanzen erfüllen. Ein starker Kontrast zur anderen Mutter: die schwarze Feministin kocht nur Gesundes und trichtert ihrem Kind ein, wie wichtig Ernsthaftigkeit und Emanzipation sind. Ihre Tochter entflieht diesem intellektuellen Korsett. Sie stürzt sich in die Partystimmung des „Cool Britannia“, steigt auf zur Assistentin des größten Popstars dieser Zeit.

Nach mehr als zehn Jahren fühlt sie sich allerdings ausgebrannt und allein. Träume zerbrechen auch anderswo. Traceys kurze Karriere als Tänzerin endet abrupt, und sie schlägt sich mühsam als alleinerziehende Mutter durch. Wie in ihren vier vorherigen Romanen lotet Zadie Smith aus, woher wir stammen und welche Möglichkeiten sich bieten, das eigene Milieu hinter sich zu lassen. Getragen wird diese eindrucksvolle Geschichte vom bewährten Smith-Sound: er ist klar, klug und lebensnah.

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Kommissar im Alleingang

christian v. ditfurth, giftflut, rezension, günter keilAlleingang. Ein Wort, das Eugen de Bodts Verhalten perfekt beschreibt. Der Berliner Hauptkommissar ist ein sturer Bock – überheblich und kompromisslos zieht er seine Solo-Ermittlungen durch. De Bodt unterläuft die Hierarchie, missachtet Dienstanweisungen. Er ist eine Zumutung für Polizei und Politik. Und ein Geschenk für Christian v. Ditfurths Leser.

Mit seiner grandiosen Hauptfigur punktet v. Ditfurth auch im dritten de-Bodt-Band „Giftflut“ (carl´s books). Die trockenen, teils zynischen Kommentare seines Ermittlers und dessen scharfe Typisierung der Behördenbürokraten sind einmalig: „Wie er diese Pinkel satthatte. Überzeugungsfrei, karrierebewusst. Diener ihres Herren. Die Pension im Auge.“ Doch in Ditfurths Thrillern geht es um viel mehr, um Geld, Gier, Macht. Und diesmal um eine verheerende Anschlagsserie: In Berlin, Paris und London sterben bei Brückenexplosionen hunderte Menschen. Die Politik reagiert panisch, die Bevölkerung hat Angst, es kommt zu Übergriffen auf Minderheiten und Flüchtlinge. Rechtsparteien werden stärker. Aktienmärkte und Wirtschaft stürzen ab. Nur ein Mann hat das Gespür für die Botschaft hinter dem Terror – klar, Querdenker de Bodt. Ein rasanter, spektatkulärer Politthriller. Christian v. Ditfurth schreibt das Beste, was in diesem Genre zurzeit veröffentlicht wird.

Die Ämter blickten sich an. Der Polizeipräsident zog die Mundwinkel erdwärts. Das BKA versteinerte. Die Bundeswehr errötete. Der Verfassungsschutz putzte sich die Nase. Der Generalbundesanwalt räusperte sich.“

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Indiens Transsexuelle und Gefallene

arundhati roy, das ministerium des äußersten Glücks, Rezension, Blog, Günter Keil 20 Jahre (!) hat sich Arundhati Roy für ihren neuen Roman Zeit gelassen. Die letzten zehn davon hat sie an „Das Ministerium des äußersten Glücks“ (S. Fischer) geschrieben. Herausgekommen ist ein Buch, das in seiner überbordenden Fülle von Details, Figuren, Biografien und Anekdoten kaum zu übertreffen ist. Und auf das man sich erst einlassen muss – anders ist diese Reichhaltigkeit schwer zu bewältigen.

Roy erzählt von Anjum, einer Transsexuellen, auf indisch: Hijra. Anjum lebt erst in einer multi-ethnischen Hijra-Gemeinschaft in Delhi, dann auf einem Friedhof. Dort baut sie eine Hütte, die zur Zuflucht für Menschen am Rande der Gesellschaft wird: „Dieser Ort, an dem wir leben, den wir zu unserem Zuhause gemacht haben, ist ein Ort der fallenden Menschen.“ Ein gefallener Hund ist auch dabei: Biroo. Die Gefallenen, Vergessenen, von Polizeiwillkür und Behördenschikanen eingeschüchterten Menschen finden in Roys Roman zusammen, und die Autorin schildert ihr Leid in dichter, lebendiger und bisweilen poetischer Prosa. Dass die Gefallenen im „neuen“ Indien, der kapitalistischen und nationalistischen Hindu-Supermacht, nur stören, ist offensichtlich.

Im zweiten Teil widmet sich Roy dem Kaschmir-Konflikt. Den Muslimen, die Opfer schwerster Gewalt werden, der unerträglichen Situation im umkämpften Gebiet zwischen Indien, Pakistan und China. Protokolle, Augenzeugenberichte, Befunde und Rückblicke auf reale Massaker vervollständigen ihre literarische Dokumentation von Chaos und Unterdrückung. Damit macht es Roy ihren Lesern nicht leicht – ihre Hauptfigur Anjum spielt kaum noch eine Rolle. Dennoch ist dieser Roman ein einzigartiges Ereignis: ein realistisch-kritischer Blick auf Indiens gesellschaftspolitische Probleme und eine hinreißende Würdigung der Gefallenen. Ein Mix, den nur Roy so zubereiten kann.

In der fast 15-stündigen Hörbuchfassung (Audible / Argon) führt Sprecherin Gabriele Blum einfühlsam und überzeugend durch Roys abwechslungsreichen Plot.

Übrigens: Arundhati Roy kommt nach Deutschland und liest u.a. in München, wo ich am 13.9. ihre Lesung im Literaturhaus moderiere.