Neuerscheinung · Rezension · Romane

Der Mönch von Mokka

Was für ein aberwitziger Plan: Mokhtar Alkhanshali, US-Bürger jemenitischer Abstammung, will den Kaffeemarkt revolutionieren. In seiner alten Heimat möchte er die Produktion hochwertigen Kaffees fördern, fairen Handel mit den Farmern betreiben und die kostbaren Bohnen importieren. Doch Alkhanshali meint es ernst. Und das Unwahrscheinliche passiert tatsächlich: Alkhanshali gelingt es, vom armen Einwandererkind zum Kaffeeimporteur und Medienstar zu werden.

Soweit die Kurzfassung der märchenhaften Geschichte „Der Mönch von Mokka“ (Kiepenheuer & Witsch), die Dave Eggers erzählt. Der Autor von „Der Circle“ betont im Vorwort, dass es sich um keinen Roman handelt. Sondern um „die Darstellung von Ereignissen, wie sie von Mokhtar Alkhanshali wahrgenommen und erlebt wurden.“ Eine wahre Geschichte also. Eggers hat sich mehrfach mit dem ungewöhnlichen Unternehmer getroffen und ist mit ihm in den Jemen gereist. In Eggers´ Augen ist Alkhanshali ein Vorbild – einer jener Männer, die „durch unternehmerisches Engagement und beharrlichen Einsatz unentbehrliche Brücken zwischen Industrie- und Entwicklungsländern bauen.“ Das Buch liest sich folgerichtig wie eine Antwort auf Donald Trumps Hetze gegenüber muslimischen Migranten. Auch Einwanderer aus dem Jemen, zeigt Eggers, können für den amerikanischen Traum stehen.

Von Alkhanshalis Abenteuer erzählt Dave Eggers in einer dokumentarischen, bisweilen etwas langatmigen Sprache. Und er verrät im Vorwort zu viel des Inhalts. Dennoch fasziniert dieses Buch als Mix aus Sachbuch, Porträt und Plädoyer für soziales Unternehmertum.

 

Bilder-/Kinderbuch · Neuerscheinung · Rezension

Quirlig, tollpatschig, turbulent

Oh my god. Weihnachten naht. Deswegen dringend gesucht: Ein witziges, kreatives Kinderbuch zum Verschenken. Hier ist es

In „Mister Pinguin und der verlorene Schatz“ (Arena) geht es richtig rund. Der britische Autor Alex T. Smith begleitet seinen selbsternannten Detektiv auf seinem ersten Abenteuer. Zwar würde Mr. Pinguin viel lieber in seinem Iglu abhängen und Fischstäbchen-Sandwiches futtern, doch genau diese kann er sich nicht mehr leisten. Geld muss her, ein Job, und zwar schnell. Doch: „Heute war sein erster Tag als professioneller Abenteurer, aber es lief nicht so richtig nach Plan.“

Immerhin gibt es dann doch einen Auftrag: Im „Museum exklusiver Seltsamkeiten“ wird ein Goldschatz vermisst. Die Inhaberin Kriemhilde Knochen und ihr riesiger Bruder Montague hoffen auf Mr. Pinguins Gespür. Also gut. Dann mal los. Gemeinsam mit seinem Freund, der Kung-Fu-kämpfenden Spinne Colin, ermittelt der Pinguin. Unter dem Museum stoßen die beiden liebenswert-skurrilen Kreaturen auf einen Dschungel, eine Höhle, einen Wasserfall und riesige Alligatoren. Und überleben nur knapp. „Ka-Wumm!“

Alex T. Smith schreibt flott und witzig, immer passiert irgendetwas, und Mr. Pinguin ist an Quirligkeit und Tollpatschigkeit kaum zu übertreffen. Erstaunlich: Der feine britische Humor der Originalausgabe konnte ins Deutsche gerettet werden – aber ob der Pinguin und die Spinne auch den Goldschatz vor den beiden aus dem Gefängnis entflohenen Gaunern retten können? Wird nicht verraten. Ein sehr vergnügliches, spannendes Buch für Kinder ab etwa 8 Jahren. Mit vielen lustigen Ilustrationen.

 

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Jerusalem, 1946

Ein alter Peugeot tuckert 1946 durch die Straßen Jerusalems. Ein Taxi, und am Steuer sitzt Jossi. Der lettische Holocaust-Überlebende fährt Touristen zu den Sehenswürdigkeiten und erzählt Anekdoten. Doch Jossi ist ein schwermütiger Mann, der alles verloren hat: Seine Heimat, seine Frau, seine Familie. In Jerusalem möchte er eigentlich nur überleben. Und vergessen. Doch schon kurz nach seiner Ankunft tun sich neue Abgründe au

„Sein altes Leben war vorbei, sein neues ein Scherbenhaufen und Schwindel“ schreibt US-Autor Stewart O’Nan in „Stadt der Geheimnisse“ (Rowohlt). Denn Jossi unterstützt eine zionistische Untergrundorganisation – als Gegenleistung dafür, dass sie ihm den Neustart und das Taxi finanziert. Die gewalttätige Gruppe kämpft gegen die britische Mandatsregierung von Palästina und für einen unabhängigen jüdischen Staat Israel. Ab und zu bekommt Jossi streng geheime Aufträge. Mal soll er eine Bombe oder Pistole transportieren, später einen Zug überfallen oder Gleise sprengen. Stewart O’Nan schildert diese Einsätze in einer knappen, klaren Sprache – er bleibt mit seiner Prosa so nüchtern wie Jossi selbst. Noir-Stimmung macht sich breit.

Der Roman besticht neben der bewegenden Darstellung von Jossi durch die atmosphärische Schilderung der Situation im Jerusalem der Jahre um 1945: „Die Stadt war ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in den Straßen, aus Beduinen und Bankiers.“ Oder: „Trotz aller Wunder war Jerusalem klein.“

Wenn O’Nan seinen traurigen Helden durch die Gassen fahren lässt, sieht man die heilige Stadt bildhaft vor sich, mit all ihren Gegensätzen und Gefahren. Ein kurzer Roman von lang anhaltender Intensität.

 

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Moderne Nostalgie

Gibt es so etwas? Moderne Nostalgie? 

Wenn man „The Hills“ (Heyne), den neuen Roman von Mathias Faldbakken, liest, spürt man: Ja. Die gibt es. Moderne Nostalgie, gepaart mit feiner literarischer Ästhetik. Der Plot spielt in einem altehrwürdigen Restaurant in Oslo, aber was heißt schon Plot? Eigentlich beobachtet man als Leser nur das Personal und die Gäste von „The Hills“, und das entwickelt sich zu einem entschleunigten, großen Lesegenuss. Vor allem, weil der langjährige Kellner so präzise aus seinem Alltag plaudert:

„Regelmäßigkeit und Dienstleistung bilden ein Bollwerk gegen inneren Lärm. Ich arbeite, so viel ich kann.“ 

„Zu der Kellnerjacke habe ich ein klares Verhältnis, denn sie hat eine erprobte, tief in der Tradition verwurzelte Form, was heißt, dass sie nicht gezwungen ist, der Allerweltsvorstellung von „Jetzt“, „Normalität“ oder Ähnlichem eines von Geldgier getriebenen Jackendesigners zu genügen.“

Faldbakken schreibt wohltemperiert über ausgeklügelte Servierrituale, die Macken der Restaurant-Klientel, das Säubern der Tische mit einem Tischkehrer und die allgegenwärtige Akkuratesse im „The Hills“ – ein origineller, atmosphärischer Roman über die Menschen und Stimmungen in einem wie aus der Zeit gefallenen Restaurant.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Egoismus & Kreativität

Kann man ein erfolgreicher Künstler sein und gleichzeitig ein liebevoller Vater und Ehemann? Der britisch-kanadische Autor Tom Rachman gibt mit seinem neuen Roman „Die Gesichter“ (dtv) eine eindeutige Antwort: Sein fiktiver Kunststar Bear Bavinsky, einer der wichtigsten modernen Maler des 20. Jahrhunderts, stellt seine Arbeit über alles. Der charismatische Künstler demütigt seine Frau und vernachlässigt seinen Sohn. „Mein wahres Leben findet nur statt, wenn ich arbeite“ sagt der Maler ohne Reue. Dass er mit dieser Einstellung nicht allein steht, zeigen geschickt in die Handlung verwebte Beispiele realer prominenter Künstler. Auch Picasso und Giacometti kannten keine Skrupel, ihre Frauen für ihre Kunst auszubeuten und zu erniedrigen.

Mit feinem psychologischem Gespür porträtiert Tom Rachman den überheblichen Künstler. Der Roman kreist jedoch nicht – wie die Kunstwelt – um Bear Bavinsky, sondern vor allem um dessen Sohn Pinch. Rachman erzählt eine mitreißende, komplexe Vater-Sohn-Geschichte, die 1955 in Rom beginnt. Bavinsky ist zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt, seine Frau Natalie 14 Jahre jünger und sein Sohn fünf. Die Familie führt ein privilegiertes Leben, das jedoch schon nach wenigen Jahren endet. Bavinsky zieht allein nach New York, heiratet erneut, bekommt weitere Kinder. Natalie und Pinch müssen fortan in einem heruntergekommenen Atelier wohnen. Während Natalie, eigentlich eine versierte Töpferei-Künstlerin, in Depressionen versinkt, eifert Pinch seinem Vater nach: er zeichnet. Als er Bavinsky seine Versuche zeigt, reagiert dieser abschätzig. Für Pinch bricht eine Welt zusammen, und doch strebt er weiterhin nach Anerkennung durch seinen Vater.

Tom Rachman begleitet Pinch zum Studium der Kunstgeschichte nach Kanada und Pennsilvania, und später nach London, wo er an einer Sprachschule Italienisch unterrichtet. Pinch träumt davon, eine Biografie über seinen Vater zu schreiben. Doch die Distanz zu seinem Vater wächst, als sich herausstellt, dass der Maler insgesamt 17 Kinder von mehreren Frauen hat. Bei einem Besuch in Bavinkskys Ferienhaus in Südfrankreich trifft Pinch schließlich eine Entscheidung, die sein restliches Leben und das künstlerische Erbe seines Vaters grundlegend verändert.

Eine großartige psychologische Studie über Egoismus und Kreativität! 

 

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Medienmanipulation in Osteuropa

troll, tropen, michal hvorecky, rezension, günter keil „Die Trolle sorgten dafür, dass das Netz immer mehr den Sumpf der zornigen Seelen im fünften Kreis der Hölle ähnelte. Aus Angst, aus Gehässigkeit, aus Rachedurst, aus Hass gegen alle anderen und gegen sich selbst.“

Willkommen in den Sozialen Medien: Es wird gelogen, manipuliert und gehetzt. Bezahlte Trolle verunglimpfen Menschen, die für Demokratie kämpfen oder die Regierung kritisieren. Der slowakische Autor Michal Hvorecky hat mit „Troll“ (Tropen) einen brisanten, ultraschnellen Roman geschrieben. Der Plot spielt in naher Zukunft. Die EU gibt es nicht mehr, stattdessen im Osten ein „Reich“, in dem Aktivisten, Künstler, Oppositionelle und die schwächsten Glieder der Gesellschaft systematisch fertig gemacht werden.

„Vor unseren Augen geschah etwas Komplizierteres als Propaganda: Man konnte nichts belegen, und gleichzeitig verlor der Begriff des Beweises seinen Sinn.“

Der namenlose Held der kurzen Geschichte versucht mit seiner Freundin, das System von innen heraus zu überlisten. Die beiden verbreiten ebenfalls Hass und Lügen, um nicht aufzufallen – ob sie es schaffen, die Spirale der Desinformation zu vernichten? Wird nicht verraten. Nur so viel:

Michal Hvorecky (rechts) hält sein hohes Tempo. Er zeigt souverän und schockierend, wie stark der Einfluss der Medienmanipulation in Osteuropa geworden ist. Das Unfassbare daran: Eigentlich ist „Troll“ gar keine Dystopie, sondern (fast) schon Realität. Der 41-jährige Autor, der sich in seiner Heimat für Demokratie und Pressefreiheit einsetzt, kennt zahlreiche Beispiele von politisch motivierten Troll-Attacken aus eigener Erfahrung.

Ich habe Hvorecky für SPIEGEL ONLINE interviewthier das spannende Gespräch. Künstler wie Hvorecky, die sich mutig in der Öffentlichkeit positionieren, sind für den Fortbestand der Demokratie und das friedliche Zusammenleben in Europa extrem wichtig – ich bewundere sein Engagement.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Junger Mann sucht Freiheit, findet Techno, stürzt ab

Fred ist 17. Er wächst in der fränkischen Provinz auf, in gutbürgerlicher Routine. Der junge Held in Max Wolfs rasantem, vor Energie fast platzendem Roman „Glücksreaktor“ (Tempo) spürt schon früh: Ich will da raus!

„Mein Leben wird nicht so sein. Ich werde mein Leben nicht in diesem Kaff verbringen. Ich werde nicht für irgendein Unternehmen arbeiten und irgendwelche sinnlose Produkte verkaufen. Ich werde nicht einfach das Leben meiner Eltern oder das von irgendjemand anderem kopieren. Ich werde keine Ameise. Ich will sprudeln!“

Gesagt, getan: Frank und sein bester Kumpel Nick stürzen sich ins Clubleben. Sie kiffen, tanzen, feiern, chillen und lachen, bis sie nicht mehr können. Sie tauchen aus dem Dämmerzustand des „Ameisenlebens“ auf und wagen sich rein „ins Hochdruckgebiet“. Fred sprudelt tatsächlich, er blüht auf, sieht klar.

„Ich oszilliere zwischen einer cremig-goldenen Extase und einem hellblau-plüschigen Ladezustand. “

Max Wolf findet genau die richtige Sprache für das Experiment seiner Hauptfigur. Sein Roman über die Suche nach Freiheit und Freundschaft ist laut, schnell, mutig und stark – „eine fette Sache“ würde Fred wohl sagen. Die Geschichte ist allerdings auch eine Chronik des Absturzes. Denn Fred uns seine Clique suchen nicht nur den Kick, leben für den Tanz, den Rausch. Sie bleiben dort, im Club, im Drogennebel, stecken. Sie drehen sich im Kreis. Knocken sich aus. Und irgendwie werden sie so selbst zu Ameisen.