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Rezension

james rayburn, sie werden dich finden, tropen, rezension, günter keilTempo, Härte, Präzision. Diese drei Komponenten prägen James Rayburns CIA-Thriller „Sie werden dich finden“ (Tropen). Dazu kommt ein bisschen Geheimniskrämerei. Denn hinter dem fiktiven Autorennamen steckt der vielfach ausgezeichnete Roger Smith.

Wie auch immer: Rayburn/Smith inszeniert eine atemlose Verfolgungsjagd, von den USA über Deutschland nach Thailand. Im Mittelpunkt steht Kate Swift, eine abgebrühte Profikillerin, die unter falschem Namen mit ihrer Tochter untergetaucht ist. Als Kates Identität auffliegt, muss sie flüchten. Der Grund: Lucien Benway, ihr ehemaliger Chef bei der CIA, hat ihr nie verziehen, dass sie ihn öffentlich denunzierte. Also haut Kate ab, über Berlin nach Thailand. Dort hofft sie auf Hilfe ihres ehemaligen Mentors – Harry Hook, ein genialer CIA-Agent, der aus jeder ausweglosen Lage entkommen konnte. Mit Schrecken muss Kate jedoch feststellen, dass Harry ausgebrannt und abgehalftert ist. James Rayburn jagt seine Heldin in dutzende scheinbar ausweglose Situationen. Die Zeit läuft, und Kates Verfolger schrecken vor nichts zurück. Ob es ein Happy-End gibt? Wird nicht verraten. Bei Roger Smiths gehobenen Vollgas-Thrillern weiß man nie…

david duchovny, ein papagei in brooklyn, rezension, günter keil, literaturblogDuchovny? Der Schauspieler aus „Akte X“ und „Californication“?

Genau der. Kann der den schreiben? Und wie. Er hat sogar mal in Princeton und Yale Literatur studiert und eine skurrile Tiergeschichte veröffentlicht. Sein Roman „Ein Papagei in Brooklyn“ (Heyne Encore) ist eine intelligente, ironische Vater-Sohn-Geschichte. Ted, der Sohn, ein Genie, müsste längst gefeierter Schriftsteller sein. Stattdessen raucht er Joints, hört The Greatful Dead und verkauft bei den Yankees-Spielen Erdnüsse. Marty, sein zynischer Papa, lässt kein gutes Haar an Ted. Dabei ist auch er gescheitert. Und unheilbar an Lungenkrebs erkrankt.

Duchovny porträtiert zwei schräge Sturköpfe und notiert ihre Verbalduelle. Er schreibt schnell, virtous und manchmal fast schon zynisch – doch hinter der Ruppigkeit seiner Figuren liegt Zuneigung und Herzlichkeit. Ein rasanter NY-Roman.

lena andersson, unvollkommene verbindlichkeiten, rezension, literaturblog günter keil Du meine Güte. Wann kapiert sie es endlich? Als Leser möchte man Hauptfigur Ester schon nach wenigen Seiten warnen: Lass die Finger von diesem Mann! Sofort! Aber in Lena Anderssons großartigem Roman „Unvollkommene Verbindlichkeiten“ (Luchterhand) nimmt das Unglück seinen Lauf, ohne dass man eingreifen kann. Wie schon in ihrem Debüt „Widerrechtliche Inbesitznahme“ erzählt die schwedische Autorin eine Liebesgeschichte, die weh tut. Denn Ester, eine intelligente und erfolgreiche Publizistin, fühlt sich hilflos zu dem verheirateten Schauspieler Olof hingezogen. Er spielt mit ihr, macht falsche Versprechungen und demütigt sie – doch Ester ignoriert alles, um ihn weiter lieben zu können. Sie interpretiert Olofs Verhalten immer nur so, dass sie daraus Hoffnung schöpfen kann.

Er wurde interessiert, wenn sie resignierte. Sie resignierte, wenn er uninteressiert war. Dann trat er einen Schritt näher, was sie dann auch tat, worauf er sie wegschob, worauf sie kühl und abweisend wurde, und das schärfte seine Aufmerksamkeit. Ein Kreislauf, dem man nicht entkam.“

Lena Andersson dokumentiert Verzweiflung, Hoffnung und Wahn, in unbestechlicher, unsentimentaler Prosa. Das ist phasenweise kaum auszuhalten, aber brillant. Mit dieser klugen Kommunikationsanalyse erteilt Andersson all denjenigen eine bittere literarische Lektion, die nicht erkennen wollen oder können, dass ihr Wunschpartner der Falsche ist.

blake crouch, dark matter, der zeitenläufer, rezension, günter keil, literaturblogDie Rezeptur dieses Buches ist einfach und effektiv:

33,33 Prozent Sciene Fiction, 33,33 Prozent Quantenphysik, 33,33 Prozent Hochspannung.

„Dark Matter. Der Zeitenläufer“ (Goldmann) von Blake Crouch. Ein Thriller, der vom ganz normalen Alltag eines Atomphysikers aus Chicago (Job, Ehefrau, Sohn) in die abgedrehten Ebenen eines Multiversums stürzt. Dieser Mann, Jason Dessen, wird eines Abends auf offener Straße entführt – man spritzt ihm ein Präparat und bringt ihn in eine abgelegene Firma. Und plötzlich ist nichts mehr, wie es vorher war. Dessen heißt zwar noch genauso, und er lebt nach wie vor in Chicago, aber seine Frau kennt ihn nicht mehr, sein Sohn existiert nicht. Angeblich hat Dessen einen genialen Würfel erfunden, mit dem man in andere Schichten der Realität vordringen kann. Doch der Physiker erinnert sich an nichts. Ist er wahnsinnig geworden? Spielt man ihm einen Streich? Hat er einen Gehrintumor? Er flüchtet, wird verfolgt, jagt durch sein neues Leben, taucht in mehrere Versionen davon ein, kann nicht fassen, was mit ihm passiert.

Blake Crouch inszeniert seinen Thriller so bildstark wie „Matrix“ oder „Inception“, knallt kurze Sätze aufs Papier, verschwendet keine Zeit, treibt den Plot voran. Die Figuren bleiben etwas grob gezeichnet, doch der Sog, den Crouch erzeugt, ist unwiderstehlich.

castle freeman, auf die sanfte tour, rezension, literaturblog günter keil Die Leute wollen, dass man seinen Job macht und dass man ihn nicht macht. Sie wollen, dass man seinen Job macht, aber nicht bei ihnen.“

Sheriff Wing ist ein alter Hase. Abgebrüht, lässig, nicht aus der Ruhe zu bringen. In einem Kaff in Vermont sorgt er für Ordnung. Viel gibt’s nicht zu tun: Betrunkene, Kleinganoven, Pechvögel, das war´s auch schon. In Castle Freemans „Auf die sanfte Tour“ (Hanser) erzählt Sheriff Wing von seinem Alltag. Und von seinen Über- zeugungen. Nichts überstürzen, immer mit der Ruhe, erstmal zuhören, das ist sein Credo. In erfreulich sparsamer Sprache zeichnet Castle Freeman das Bild eines besonnenen Sheriffs, wie man ihn sich in Zeiten von Trump und Erdogan wünscht.

Ein kurzer moderner Western, intelligent, trocken, weise. Mit Sätzen wie lakonische Kalendersprüche.

Einen reichen Mann sollte man, wenn es geht, zum Freund haben, aber ein armer Mann ist ein besserer Nachbar.“

mira magén, zu blaue augen, dtv, rezension, günter keil, literaturblogHannah Jonah ist 77 Jahre alt und Witwe. Mit ihren drei Töchtern, einer Enkelin und einer rumänischen Pflegekraft lebt sie in ihrem alten Haus in Jerusalem. Die Hauptfigur von Mira Magéns neuem Roman „Zu blaue Augen“ (dtv) scheint eine ganz normale Alte zu sein: gebrechlich und dement, pflegebedürftig und harmlos. Doch von wegen. Hannah Jonah ist die vielleicht aktivste und verrückteste Oma Israels. Magén porträtiert sie als lebenshungrige, gewitzte Frau, die Kleider, Wein, Männer, Käsekuchen und Schuhe schätzt. Manchmal treibt sie sich nachts in Bars herum. Ihr Motto: Hauptsache, in Bewegung bleiben.

Unser Leben lang ziehen wir immer wieder um und bewegen uns fort, um unser Glück zu suchen, und der Tod wird an dem Tag beginnen, an dem wir uns nicht mehr bewegen, an dem wir im Sessel versinken und nur noch aufstehen, um zu essen, zu pinkeln, und zu schlafen.“

Die Sehnsucht nach Leben und Liebe treibt Hannah Jonah um. Kaum etwas scheint sie in ihrem Aktivismus zu stören, weder ein Gehirntumor noch die Probleme ihrer Töchter oder der neue Mieter, der sie zum Verkauf ihres Hauses überreden will. Mira Magén hat um diese originelle Frauenfigur keine simple Komödie gestrickt, sondern eine charmante Geschichte über Lebensfreude und das Zusammenleben von Jung und Alt. Magéns empathischer Roman wirkt wie ein Plädoyer, das Leben leicht zu nehmen – trotz Schmerz, Trauer, Krankheit und Enttäuschung.

kent haruf, unsere seelen bei nacht, rezension, literaturblog, günter keilIch wollte dich fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen.“ (Kent Haruf, Unsere Seelen bei Nacht, Diogenes)

Mit diesem Satz beginnt etwas Wunderschönes. Und ein Skandal. Addie, eine 70-jährige Witwe macht ihrem ebenfalls allein lebenden Nachbarn Louis einen Vorschlag. Es geht ihr nicht um Sex. Sondern um Nähe, Wärme, ein Mittel gegen Einsamkeit und Schlaflosigkeit. Louis lässt sich darauf ein. Fortan übernachtet er ab und zu bei Addie, die nur ein paar Häuser weiter lebt. Die beiden liegen nebeneinander und erzählen sich ihre Leben – eine einzigartige Beziehung entsteht. Dies weckt in der Kleinstadt allerdings Argwohn und Missgunst. Und auch Eddies Sohn hat etwas gegen diese Verbindung. In stillen, klaren Worten erzählt Kent Haruf in seinem letzten Roman von einer neuen Form der Zweisamkeit im Alter. Von Freiheit, Scham und Vorurteilen. Nicholas Sparks oder Paulo Coelho hätten aus dieser Geschichte eine unerträgliche Schmonzette gemacht – Haruf braucht jedoch keine großen Worte oder Gesten, keine Klischees, um zu berühren. Eine kluge Liebesgeschichte, die gut tut.

Ich liebe das greifbare Leben mit dir. Die Luft und das Land. Den Garten, den Kies im Seitenweg. Das Gras. Die kühlen Nächte. Im Bett zu liegen und mich im Dunkeln mit dir zu unterhalten.“