Paris versinkt im Wasser

Es regnet und regnet. Paris scheint zu ertrinken, und ausgerechnet während dieses Hochwassers kommen 4 Personen für ein Familientreffen in die Stadt. Das ist die Grundkonstellation von Tatiana de Rosnays „Fünf Tage in Paris“ (C. Bertelsmann).

Die Malegardes wollen den 70. Geburtstag des Vaters feiern. Der Mann reist mit seiner Frau Lauren aus Südfrankreich ein, Tochter Tilia aus London und Sohn Linden aus San Francisco. Die beiden Kinder sind erfolgreiche Künstler, doch sie tragen traumatische Erlebnisse mit sich herum, über die sie nie miteinander sprechen.  

Auch ihre Eltern haben Geheimnisse. Das Schweigen hat Tradition in dieser Familie. Als der Vater jedoch ins Koma fällt, und die Lage im überschwemmten Paris immer bedrohlicher wird, überwinden die vier Malegardes ihre Scham und ihre Ängste. Endlich sprechen sie sich aus.

Tatiana de Rosnay hat ein bestechendes Szenario entworfen, atmosphärisch dicht, brillant komponiert. Mit uneitler Eleganz, in klarer Sprache, berichtet sie von einem Familiendrama. Eine trotz der inhaltlichen Schwere leichte, nie seichte Lektüre.

„Fünf Tage in Paris“ werde ich übrigens auch im Podcast „Long Story Short“ vorstellen – inklusive Interview mit Tatiana de Rosnay. Ausstrahlung in Folge 9 im August.

Entlarvende Vorurteile

„Sabrina und Gwenaelle, zwei Mädchen aus der dritten Klasse, lächelten mich ständig an. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.“

Riad hat es nicht leicht, nicht nur wegen der Mädchen. Der Sohn einer Französin und eines Arabers wird in Frankreich von Mitschülern für schwul gehalten und in Syrien von Araberkindern für einen Juden – verrückte, verkehrte, vorurteilsbeladene Welt. Die Folge: Riad ist schüchtern und verunsichert, und nirgends fühlt er sich willkommen, außer bei seinen französischen Großeltern.

Im vierten Teil seiner grandiosen Graphic-Novel-Serie „Der Araber von morgen“ (Penguin) entlarvt Riad Sattouf erneut das Denken in Vorurteilen. Der französische Illustrator erzählt von sich selbst, diesmal im Rückblick auf die Jahre 1987 bis 1992. Der kleine Riad pendelt zwischen den Welten und Kulturen. Zwischen Frankreich und Syrien, Islam und Christentum, Wohlstand und Armut. Sein Vater Abdel, der in Saudi-Arabien arbeitet, wendet sich immer mehr dem Islam zu. Er wird reaktionär und verbissen; er schimpft auf Juden und den Westen, und versucht seine Vorurteile auf Riad zu übertragen:

„Heirate niemals eine Französin. Sie wollen nur das, was sie wollen. Heirate später eine Syrerin! Die sind ohnehin schöner und schlauer als die Französinnen, aber vor allem folgen sie dir in allem, ohne sich jemals zu beklagen.“

Doch Riad lässt sich davon nicht beeinflussen. Er merkt, dass sein Vater ständig große Versprechungen macht, diese aber nie erfüllt. Abdel verkündet seit Jahren, seiner Familie eine Villa zu bauen, bald in Reichtum in den Ruhestand zu gehen, und Teil der großen islamischen, arabischen Welt zu werden. Indessen, nichts davon passiert. Abdel ist ein Sprücheklopfer, ein verblendeter Träumer, und er gefällt sich in seiner Opferhaltung. Denn schuld sind immer die anderen, vor allem die Juden, die Franzosen, die Frauen, der Westen, blablabla.

Zum Glück bleibt Riad ein ganz normaler Junge. Mit Pickeln, Anpassungsproblemen und einer Frisur wie Tom Cruise. Er verliebt sich unglücklich in eine Cousine, eine Schauspielerin, eine Mitschülerin. Und er zeichnet. Dass er damit später einmal Geld verdienen und international bekannt wird, weiß er nicht. Aber wir Leser wissen es, und das macht einen Teil der Faszination dieser autobiografischen Geschichte aus. „Der Araber von morgen“ wird mittlerweile in 21 Sprachen übersetzt. Riad Sattouf zeichnet und schreibt so berührend und belebend, so informativ und unterhaltsam, dass es immer wieder aufs neue ein großes Vergnügen ist, seinem Alter Ego zu folgen.

 

Oha, Oma!

„Dass auch meine Großmutter eine Frau war, kam mir nicht in den Sinn.“

Nein, eigentlich darf es so eine Oma nicht geben. Nicht im wahren Leben, und nicht in der Literatur. Doch in Alina Bronskys neuem Roman „Der Zopf meiner Großmutter“ (Kiepenheuer & Witsch) spielt eine übergriffige, überhebliche Person die Hauptrolle. Sie höhnt und stöhnt, schimpft und manipuliert. Überall wittert sie Keime und Bakterien, alles muss desinfiziert werden. Und sie macht ihrem Enkelkind Max das Leben zur Hölle. Für sie ist er ein Dummkopf und eine Plage, und das behauptet sie ganz offen.

Max erzählt aus seiner kindlichen Perspektive von den Schikanen seiner Oma, und das macht den besonderen Reiz dieses bitterbösen, urkomischen Romans aus. Da die Handlung in einem deutschen Flüchtlingsheim spielt (die Großeltern wandern aus Russland ein), bekommt die skurrile Geschichte einen gesellschaftspolitischen Rahmen. Bronsky erzählt auf sehr witzige Weise vom Ankommen und Eingewöhnen in einem fremden Land. Und von Vorurteilen gegenüber der neuen Heimat. Die argwöhnische Großmutter findet nahezu alles schlimm an Deutschland, und sie gibt vor, ihren Enkel beschützen zu müssen: Vor deutschen Ärzten und Schulen, vor türkischen und arabischen Mitschülern, und vor allem vor Juden. Dass sie selbst vorgibt, aus einer jüdischen Familie zu stammen, um ein Aufenthaltsrecht in Deutschland zu bekommen, ist ihr dabei egal.

Die Großmutter widerspricht sich permanent, und sie behauptet Dinge, von denen sie keine Ahnung hat – das lernt ihr Enkel schnell. Mit schwarzem Humor und köstlicher Situationskomik berichtet Alina Bronsky vom kleinen Max, der seine Oma durchschaut. Zunächst eingeschüchtert, fällt es dem Jungen schwer, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen. Doch je mehr er sich von seiner herrischen Großmutter löst, umso mehr findet er seinen eigenen Weg. Einen Großvater gibt es übrigens auch noch, aber er steht in der familiären Befehlskette ganz unten; trotzdem oder vielleicht gerade deswegen sorgt er für einen Skandal, den Max schneller begreift als seine Oma.

Alina Bronsky zeigt erneut ihr großartiges Gespür für skurrile Figuren, die man trotz ihrer Ruppigkeit und Unverschämtheit liebgewinnen kann. Der lakonische Ton ihrer Geschichte täuscht; dahinter steckt ein warmherziger Blick auf Menschen mit seltsamen Verhaltensweisen.

„Ich hatte nie Freunde gehabt, was ich normal fand, denn auch meine Großeltern hatten keine.“

Muscheln sammeln, Kochen, Reimen, aufs Meer schauen…

Muscheln und Treibholz sammeln. Reimen. Ein Feuer im Kamin entzünden. Kochen. Sich gegenseitig Fragen stellen und beantworten. Oder einfach nur dasitzen, aufs Meer schauen und nichts tun.

Wie befriedigend und beruhigend es sein kann, ein einfaches Leben zu führen, davon erzählt William Saroyan in „Tja, Papa“ (dtv). Sein kurzer, herzerwärmender Roman ist eine Liebeserklärung ans Meer, ans Schreiben und an an seinen zehnjährigen Sohn. Die aus der Sicht eines Zehnjährigen erzählte Geschichte erschien schon 1957; nun liegt sie erstmals auf Deutsch vor – zum Glück. Denn in unserer Zeit der Reizüberflutung, des Internets und Smartphones entfaltet dieser entschleunigte Roman eine äußert wohltuende, anregende Wirkung. Fast wie ein Meditationsretreat.

In kurzen, klaren Sätzen und mit vielen Dialogen erzählt William Saroyan von Pete und seinem Papa, die in einem einfachen Strandhaus in Malibu leben. Sie haben kaum Geld, aber viel Zeit, viel Verständnis, und viel Mitgefühl. Und sie haben eine Idee: Warum sollte nicht Pete einen Roman schreiben, nachdem sein Vater unter einer Schreibblockade leidet? Sein Sohn will zwar eigentlich lieber zum Mond fliegen oder einen großen Fisch angeln, aber er interessiert sich auch fürs Schreiben. Und für alles, was man erleben kann, um später darüber in einem Roman zu berichten. Also fragt Pete seinen Vater, warum er das Meer so liebt, was Gott ist, wie man mit einfachsten Mitteln kocht und viele andere Dinge, die den Alltag der beiden sympathischen Figuren bestimmen. Liebevoll und klug antwortet der Schriftsteller, und er schärft das Bewusstsein seines Sohnes für Achtsamkeit.

„Alte Zeitungen sind das beste Tischtuch überhaupt. Beim Essen schaut man sich die Sachen an, die darin stehen, und wenn man fertig ist, knüllt man das Tischtuch einfach zusammen und wirft es in den Kamin.“

William Saroyan, der für ein Theaterstück den Pulitzerpreis und für ein Drehbuch einen Oscar bekam, hat mit seiner bodenständigen Vater-Sohn-Geschichte einen Klassiker geschrieben. Ein zeitloses Buch, das die wahren Werte des Lebens in den Mittelpunkt stellt – ohne Verklärung und Kitsch. Pete, der Zehnjährige, plant, eine Sprache zu finden, in der man nicht lügen kann. Und sein Vater kocht „Schriftstellerreis“, mit allen Resten, die sich in der Küche finden lässt. Wenn die beiden zusammen essen oder mit ihrem kleinen roten Ford nach Half Moon Bay und San Francisco fahren, möchte man am liebsten dabei sein. Und sich freuen, wie einfach das Glück des Augenblicks zu finden ist.

Das Buch zur Europawahl

„Es gibt kein Entkommen. Von seiner Geschichte. Von meiner Geschichte.“

Herr Kraus und Herr Winterberg reisen mit der Bahn kreuz und quer durch Europa, immer entlang ihrer Biografien. Kraus könnte Winterbergs Enkel sein, doch er ist sein Pfleger. Mit dieser Reise erfüllt Kraus dem fast Hundertjährigen seinen letzten Wunsch. Ausgestattet mit einem Baedecker-Reiseführer von Österreich-Ungarn aus dem Jahr 1913, fährt das ungleiche Paar durch seine eigene, und selbstverständlich, durch die große, wirre Geschichte Europas.

Mit „Winterbergs letzte Reise“ (Luchterhand) hat Jaroslav Rudiš das vielleicht beste europäische Buch im Vorfeld der Europawahl geschrieben. Einen poetischen, melancholischen Reisebericht, der nicht nur zwei Menschen verbindet, sondern zahlreiche Sprachen und Kulturen. Von Berlin aus reisen die beiden unter anderem nach Königgrätz, Budweis, Pilsen, Linz, Wien, Brünn, Budapest, Zagreb und Sarajevo. Und wieder zurück. Dabei muss sich Kraus stundenlang Geschichten anhören:

„Er erzählte mir von der Geschichte. Von den historischen Zufällen. Von den historischen Unfällen. Er erzählte von den historischen Anfällen, an denen er leidet.“

Die teilweise ermüdend langen Erzählpassagen Winterbergs sind der einzige Schwachpunkt dieses großartigen Romans. Davon abgesehen, begeistert Jaroslav Rudiš mit herb-herzlichen Dialogen, einer modernen, Poetry-Slam-nahen Prosa und einem Plot, der Augen und Herzen öffnen kann: für geteiltes Leid und geteilte Freude, für Versöhnung im Angesicht der Ungerechtigkeit und Unverständlichkeit von Geschichte. Wer musste fliehen, wer wurde vertrieben, welche Kriege wurden gewonnen, welche verloren? Bisweilen verlieren sich die zwei Männer im Nebel der Geschichte, in Museen, auf Friedhöfen und Bahngleisen. Zwischen Schlachten und Schnitzeln.

„Winterbergs letzte Reise“ ist ein Roman, der von Menschlichkeit und Verständnis geprägt ist, trotz all der Widersprüche und bitteren Erinnerungen, mit denen die Hauptfiguren konfrontiert werden. Denn eigentlich suchen Kraus und Winterberg auch nach zwei Frauen, die in ihrem Leben eine entscheidende Rolle gespielt haben:

„Ich schaute ihn an und dachte, nicht nur er, auch ich bin verloren. Er reist mit mir durch Europa und weint Lenka Morgenstern nach. Doch anstelle von Lenka Morgenstern reise ich mit ihm durch Europa und weine Carla nach.“

Wenn ein Leben zerreißt

„Wie kann sich ein Leben von einer Sekunde auf die nächste so dramatisch verändern? Wie fällt es auseinander, bekommt einen Riss, wie schrumpft es einfach zusammen, bis es sich im Nichts auflöst? Hatte Ogi, ohne es zu merken, seinem Leben geholfen, sich auf genau diese Weise zu entwickeln?“

Puh. Erstmal durchatmen. „Der Riss“ (btb) der koreanischen Schriftstellerin Pyun Hye-Young ist ein kleiner Roman mit großer Wirkung. Denn er geht tief. Das Drama über das furchtbares Schicksal eines gelähmten Mannes wurde in Südkorea mit den wichtigsten Literaturpreisen ausgezeichnet. Die Geschichte ist fast wie ein Kammerspiel aufgebaut, denn die Handlung dreht sich meist nur um 2 Personen in einem Raum: Um Ogi, der nach einem Unfall gelähmt ans Bett gefesselt ist, und seine Schwiegermutter, die ihn pflegt. Die beiden sind verbittert und können sich nicht ausstehen.

Ogi hat bei dem Autounfall seine Frau verloren. So wie der Wagen in einen Abgrund stürzte, stürzt nun auch Ogi in die Tiefe, erst ins Koma, dann ins Dunkel von Ohnmacht und Depression. Sein Leben hat einen Riss bekommen, und nichts ist mehr wie zuvor. Hätte er etwas anders machen können oder sollen? Hätte er sich mehr um seine unglückliche Frau kümmern müssen? Ogi verzweifelt an seinen Erinnerungen.

Nüchtern und klar schildert Hye-Young Pyun das Leiden des Mannes. Sie weidet sich nicht in seinem Schmerz, sondern erzählt geradezu dokumentarisch von seinem furchtbaren Schicksal und der Auseinandersetzung mit seiner Schwiegermutter.

Für Ogi ist es zu spät, um sein Leben anders zu gestalten – für uns als Leser zum Glück nicht. Ich habe dieses schmale Buch als Mahnung gelesen, das Leben zu genießen, zu achten, und nichts für selbstverständlich zu halten.

„Ogi erinnerte sich daran, wie das Auto die Leitplanke durchbrochen hatte und einen dunklen Abhang hinuntergerutscht war. Noch nie hatte er Geschwindigkeit so deutlich wahrgenommen und eine solche Todesangst erfahren – das würde er nie vergessen.“

 

 

Hochwertige Schnipselkunst

„Und AN DER ECKE GELINGT der kleinen Straße DIE Kunst der Krümmung einer Kaffeetasse“

Moment mal… Da stimmt doch etwas nicht. Falsche Groß-/Kleinschreibung, fehlender Punkt… Egal. Schließlich handelt es sich um das neue Werk der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ (Hanser) heißt der Collagenband, in dem Müller mal wieder dichtet, Buchstaben klebt, mit Worten spielt. Heraus kommen bunt gebastelte Gedichte und wertvolle Wort-Collagen; unverwechselbare Poesie und große Kunst. Mal mit Reim, mal ohne. Mal mit Sinn, mal ohne. Philosophie und Dadaismus, gleichberechtigt nebeneinander.

„SIE fragen wie wir DURCH die Grenzkontrolle kamen, und wundern sich WEIL wir die Wahrheit sagen: wir sind befreundet MIT vierundneunzig GRASSAMEN“

Müllers leichtfüßige und rätselhafte Bildtexte entstanden in ihrer Wortwerkstatt. Seit vielen Jahren sammelt die Schriftstellerin ausgeschnittene Buchstaben und Worte. Diese Schnipsel bewahrt sie auf wie Schätze, und im richtigen Moment montiert sie ihre Fundstücke zu kurzen komischen Texten, die man wieder und wieder liest, um zu schmunzeln, nachzudenken und verblüfft innezuhalten. Oft kommt man der Struktur und dem Witz einer Collage erst beim wiederholten Lesen auf die Spur. Und manchmal geht es ganz schnell und einfach:

„Die Pfütze IST eine Sache aus NASSEM Licht. Das begreift DIE Straße nicht“

Das literarische Spiel mit Schere und Papier, angereichert mit Zeichnungen, bereitet großes Vergnügen. Und ist doch ein ernsthaftes Suchen nach neuen Ein- und Aussichten. Niemand beherrscht diese hochwertige Schnipselkunst so gekonnt wie Herta Müller – einfach grandios.

„DER WIND mit leichtem Handgepäck pfeift DA und dort und irgendwo DER Nachbar sagt, mitten im Maisfeld hat DER Sommer sein Büro“

Los Angeles, 1965

Dieser Roman blitzt, kracht und flackert. Er hat ein Höllentempo. Riecht nach Feuer. Und er klingt nach ungeschminktem Jazz. Was kaum erstaunt, denn er spielt mitten in den Unruhen in Los Angeles 1965. Die Stadt brennt. Die Schwarzen greifen die Cops an. Auf den Straßen: Chaos, Kämpfe, Flammen, Blut.

In seinem Debüt „Graffitipalast“ (Kunstmann) schildert A.G. Lombardo die Revolte aus einer bestechenden Perspektive: Seine Hauptfigur, der Stadtforscher und Semiotiker Monk, schlurft, rennt und torkelt durch die Ghettos. Er dokumentiert die Graffiti der rivalisierenden Gangs. Wie in Trance geht er immer weiter, immer tiefer hinein in den Konflikt. Wo er ist, brodelt es. In hochwertiger, rauschartiger Prosa begleitet A.G. Lombardo seinen Monk, notiert Streetslang, skizziert Tagger, Sprayer, Randalierer, Aktivisten, Cops, Plünderer, Säufer, Flaschen- und Steinewerfer. Ein atmosphärisches, bildstarkes Porträt eines Aufstands.

„Monk schlägt sein zerfleddertes blaues Notizbuch auf, ein dickes Bündel Zettel, Notizen und Zeichnungen von Graffiti und Street Art: Bleistift- und Tintenskizzen von Gangzeichen, Tags und Homeboy-Kunst, dazwischen Anmerkungen in kleiner, krakeliger Druckschrift; Fundorte, Erklärungen, Fragen, Zugehörigkeiten, Stile, gängige Motive, Querverweise.“

Anspruchsvolle Leichtigkeit

„Ein kurzer Schlaf, der sich anfühlte wie eine komfortable Parkbank im hintersten Winkel des Universums.“

Cheng ist wieder da – endlich! Nach fast zehn Jahren Pause hat Heinrich Steinfest wieder einen Roman aus seiner Reihe um den einarmigen Wiener Privatdetektiv mit chinesischen Wurzeln geschrieben. „Der schlaflose Cheng“ (Piper), Band Nr. 5, funkelt – wie fast alle Bücher Steinfests – vor Originalität, Einfallsreichtum und anspruchsvoller Leichtigkeit.

„Vom Meer her ein Klang als hätte Gott sich verschluckt.“

Der Plot beginnt auf Mallorca und führt später nach London, Reykjavík, Edinburgh, Darmstadt, und natürlich nach Wien. Trotz all der Ortswechsel lässt Heinrich Steinfest nie den ursprünglichen Fall aus den Augen: Cheng, der niemals rennt oder kämpft (das ist unter seiner Würde), muss den Mord an einem Hollywoodstar in London aufklären. Hauptverdächtiger ist ausgerechnet der deutsche Synchronsprecher des Schauspielers. Cheng befragt ihn und stößt auf ein düsteres Geheimnis in der Vergangenheit des Sprechers. Verspielt, in feinem ironischem Ton und höchst akrobatisch formulierend, zeigt Steinfest einmal mehr, was (Kriminal-) literatur kann. Überraschend sein zum Beispiel. Und schöngeistig, ohne abgehoben zu wirken. Zahlreiche Preise hat der österreichische Schriftsteller für seine Werke schon bekommen – jetzt fehlt nur noch der kommerzielle Durchbruch. Also, meine Empfehlung: Kaufen!

„In unserer Welt ist die Wahrheit eigentümlich unglaubwürdig.“

 

Heimat. Flucht. Sprache: Stanišić

„Dass ich heute mit Sprache arbeiten, dass ich literarisch schreiben kann, ist ein Privileg. Ich weiß noch, wie es sich anfühlt, für etwas keine Sprache zu haben.“

Saša Stanišić hat seine Heimat Jugoslawien verloren. In „Herkunft“ (Luchterhand) schreibt er darüber, wie das war. Als aus Nachbarn plötzlich Feinde wurden, 1992, und als er nach Deutschland kam. Erst nach Heidelberg, später Hamburg. Ohne die richtige Sprache. Ohne Ahnung von der deutschen Gründlichkeit. Stanišić erzählt davon, wie schwierig es mit seinem Namen war, eine Mietwohnung zu bekommen – und wie leicht, nachdem er mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Er blickt aber auch weiter zurück, in seine Kindheit in einer kleinen Stadt am Fluss Drina. Stanišić zählt auf, was er dort hatte:

„Eine Sammlung von Katzenaugen, abgeschraubt von Autokennzeichen. Das einzige Mal geschlagen worden von den Eltern deswegen. Eine Großmutter, die mir das Alphabet der Nierenbohnen beherrschte und die mir riet, dass ich mich an Worte halten sollte, ein Leben lang, dann werde zwar trotzdem nicht alles gutgehen, aber einiges lasse sich besser ertragen.“

Das besondere an diesem Buch ist seine Vielseitigkeit und Genauigkeit. Sein Blick für skurrile Momente und liebevolle Verwandte. Und die Abwesenheit von Wut, Rechtfertigung oder einer Abrechnung. Stanišić erzählt persönlich und bewegend, spielerisch und künstlerisch. Er ist nicht auf Pointen fixiert wie Wladimir Kaminer, sondern hat den Mut, ambivalente Erinnerungen stehen zu lassen, sozialistische Lieder zu zitieren, stille und laute Familienmomente zu beschreiben. Und gleichzeitig nie oberflächlich zu sein.

Mit der deutschen Sprache arbeiten, das kann der heute 41-jährige nun schon lange. Sogar um einiges besser als so mancher Muttersprachler. „Herkunft“ versammelt Geschichten, die den Weg von einem Sprach- und Lebensraum zum nächsten verdeutlichen. Vom Abschied und Anfang.