99 Nächte in Logar

Ein Roman aus Afghanistan? Von einem jungen muslimischen Autor, der in einem Flüchtlingscamp in Pakistan geboren wurde und inzwischen in Kalifornien lebt? Ja, das ist eine Überraschung. Eine große Überraschung. Viel zu selten schaffen es Bücher aus Afghanistan oder ähnlichen Ländern in unsere Buchläden.

Dass es „99 Nächte in Logar“ (btb, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence) gelungen ist, liegt an Jamil Jan Kochai, dem 28-jährigen Autor. Er schreibt schnell und berauschend, und er nimmt uns mit auf ein außergewöhnliches afghanisches Abenteuer. Vier Jungs im Alter von 12 bis 15 Jahren rennen durch den Plot, denn sie suchen den Hund Budabasch. Der hat einem von ihnen, Marwan, eine Fingerkuppe abgebissen, und das wollen die 4 Kumpels nicht akzeptieren. Also machen sie Jagd auf Budabasch in Dörfern, Moscheen, in den Bergen, und sogar bis nach Kabul kommen die Kinder.

Schon nach wenigen Seiten ist man mittendrin in dieser berauschenden, schnellen, bunten, lauten und lebendigen Geschichte. Man taucht ein in eine völlig andere Welt, in das echte alltägliche Afghanistan, und nicht in jenes aus der Nachrichten- und Reportageperspektive. In diesem Buch gibt´s zwar auch den Krieg, die Friedhöfe, Minen, Drohnen und Soldaten, ja, es gibt Tod und Gewalt, aber dominierend sind die Spiele & Streiche der Jungs, die Bräuche ihrer Familien, und vor allem die Geschichten, Legenden und Geister, von denen sich alle ständig erzählen.

Dieses wilde moderne Märchen hat mich überrascht und mitgerissen. Es steckt voller Figuren, Eindrücke, Gerüche und Geräusche, und es wirkt unverfälscht und authentisch. Ein überraschendes Leseerlebnis. Wallah!

Ich stelle das Buch im Podcast „LONG STORY SHORT“ und in der „egoFM Buchhaltung“ vor. Einfach klicken und hören!

 

Von Bodyguards bewacht

Stellt Euch vor, Ihr werdet dauernd bewacht. Alles, was Ihr tut, steht unter Beobachtung. Nie seid Ihr wirklich allein und unabhängig. Ständig sorgen Bodyguards für Eure Sicherheit, ob Ihr es wollt oder nicht. Ein Alptraum, oder?

Johann Scheerer hat das tatsächlich erlebt. In seinem neuen Roman „Unheimlich nah“ (Piper) erzählt er vom Aufwachsen mit Personen- und Gebäudeschützern, von einem Teenagerleben unter Dauerkontrolle und ständiger Bedrohung. Wie kann man sich unter diesen Umständen abnabeln, erwachsen werden und zu sich selbst finden? Diese Fragen begleiten den Ich-Erzähler, einen 15jährigen, rund um die Uhr. Denn wie soll er zur Schule kommen, Partys feiern, Mädchen kennenlernen, mit seinen Bandkollegen proben, Urlaub machen, ohne dabei von Bodyguards begleitet zu werden?

„Ich hatte Angst vor der neuen, unheimlichen Nähe zu diesen Fremden. Würde ich dieser Sicherheit jemals wieder entkommen können?“

Die Antwort ist bitter: Nein. Er muss sein Leben mit seinen Bewachern teilen. Sonst ist er in Gefahr. Der Hintergrund: Sein Vater hat viel Geld geerbt, wurde entführt und erst nach 33 Tagen gegen ein Lösegeld in Millionenhöhe freigelassen. Seitdem kennt jeder seine Familie, und seine Eltern haben Angst, dass so etwas nochmal vorkommt. Deswegen die Bewachung, die Kontrolle, der Schutz. Die Familiengeschichte ist Realität: Johann Scheerer ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma. In seinem Debütroman „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ hat er bereits 2018 einen Teil seiner Erlebnisse während der Entführung verarbeitet.

In einem lockeren, authentischen Ton erzählt Johann Scheerer von seinem Alter Ego. Der Teenager im Buch versucht, sich an die neue Situation zu gewöhnen, ihr manchmal sogar etwas abzugewinnen. Er sucht Wege und Auswege. Er sehnt sich nach Freiheit und Normalität. Und doch scheitert er immer wieder an diesem Anspruch: „Ich verwendete viel Energie darauf, mich optisch anzupassen und dem Bild des eigenständigen und möglichst unabhängigen Jugendlichen zu entsprechen, wurde aber täglich damit konfrontiert, dass Eigenständigkeit in diesem Lebenssystem nicht vorgesehen war.“

Immerhin, er bekommt einen Plattenvertrag mit seiner Band, und er hat erste Beziehungen. Er zieht durch die Bars auf St. Pauli, wird volljährig, bekommt von seinen Beschützern ein Sicherheitstraining, nimmt Drogen, findet und verliert sich.

Johann Scheerer schildert drei Jahre im Leben eines ganz normalen Teenagers, der unter ganz ungewöhnlichen Bedingungen leben muss. Ein kluger Coming of Age Roman, hinter dem eine reflektierte Grundhaltung steckt. Die Figur Johann lässt tief in ihr Innerstes Blicken, schildert selbstironisch, nachdenklich, offen und komisch von Ängsten und Unsicherheiten. Von einem bewachten Leben und dem Wunsch, auszubrechen.

Ich stelle das Buch in meiner Literatursendung am 16. Januar auf egoFM vor. Zur Show hier. 

Kunst & Gewalt

„Ich glaube an Schmerz, und ich glaube an Kunst. Ich glaubte, sie könnten einander erschaffen. Aber dieser Schmerz erschafft nichts. Von ihm geht nichts aus. Er verschlingt nur.“

Hier kommt ein hochwertiger Spannungsroman über Kunst und Gewalt, Risse in der Seele, Leidenschaft und Aggression. „Alles, was zu ihr gehört“ von Sara Sligar (Hanserblau, übersetzt von Ulrike Brauns) wirkt teilweise wie ein Thriller, ist aber vielschichtiger aufgebaut.

Kate, eine junge Journalistin aus New York, nimmt einen neuen Job in Kalifornien an. Sie soll den Nachlass der berühmten Foto-Künstlerin Miranda Brand sortieren. Also wühlt sie sich im Haus der radikalen Fotografin durch stapelweise Mails, Briefe, Rechnungen und Tagebücher. Das Bild, das Kate dadurch von Miranda bekommt, wird immer unklarer und unheimlicher. Denn die Fotografin hat viel über Gewalt, Schmerz und Depressionen geschrieben, über das Chaos und den Wahnsinn ihres Lebens und ihrer Kunst. Sie starb vor knapp 20 Jahren, angeblich hatte sie sich selbst erschossen. Doch je mehr Kate recherchiert, umso mehr zweifelt sie an dem Selbstmord. Die Wahrheit herauszufinden, entwickelt sich zur Obsession der Archivarin.

Außerdem verfällt Kate dem herben Charme ihres Auftraggebers Theo Brand, dem Sohn der Verstorbenen. Und so verstrickt sich die Journalistin immer tiefer mit dem Leben der Familie Brand. Autorin Sara Sligar springt zwischen den Erzählpassagen in den Nachlass der Künstlerin, zeigt die (fiktiven) Dokumente und baut gekonnt Spannung auf. So entstehen tiefe, verstörende Einblicke ins Leben einer radikalen Künstlerin und ein mysteriöser Sog. Eine aufregende, intensive Geschichte.

„Doch jetzt brachte die Aussicht auf die alte Aufregung ihr Blut in Wallung. Sie hatte vergessen, wie sehr sie die Jagd liebte. Wie tief das Wasser auch war, was immer dort unten lauerte, sie zögerte nicht und sprang hinein.“

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 28.11.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Schneedrama aus Kanada

„Du hast meine Pläne durchkreuzt, du bist mir ein Klotz am Bein. Aber du bist auf die Lösung für mein Problem. Mein Weg zurück nach Hause.“

Es schneit und schneit und schneit. Ein Dorf versinkt unter Schnee und Eis, alle Zufahrtswege sind dicht. In einer Hütte sind zwei Männer eingesperrt und aufeinander angewiesen. Der jüngere kann sich nach einem schweren Autounfall kaum noch bewegen, der ältere pflegt ihn. Doch er tut es nicht freiwillig. Sondern nur, weil es die Dorfgemeinschaft so will und er nur so einen Platz im ersten Bus bekommt, der nach dem Schneechaos fahren soll.

Der kanadische Autor Christian Guay-Poliquin liefert mit „Das Gewicht von Schnee“ (Hoffmann & Campe, übersetzt von Sonja Finck & Andreas Jandl) einen intensiven Winterroman ab. Ich kam mir beim Lesen vor wie in einem Kammerspiel, ganz nah bei den beiden Männern. Misstrauisch und genervt ertragen sie sich, helfen sich, vertreiben sich die Zeit miteinander. Draußen heult der Wind, fällt noch mehr Schnee, scheint die Welt unterzugehen. Und drinnen kämpfen der Kranke und der Alte um ein bisschen Würde und Macht. Sie wären gern woanders, doch sie müssen sich und die Situation aushalten, mehrere Monate lang.

In knappen Sätzen und einem wie gefrorenes Eis funkelndem Stil, blickt Christian in die Seele seiner Figuren. Die Männer berichten live, wie in Tagebucheinträgen oder Kommentaren von Schmerz, Angst und Ohnmacht. Ein starkes, aufwühlendes Psychogramm, das auf ein Finale zusteuert, in dem endlich der Schnee schmilzt.

Sinnsuche in Indien

„Bald wäre er in Arabien. Dort fände er Sinn. In Arabien, so hieß es sei all der Sinn zu Hause, der Sinn des Himmels und der Erde, Gottes Sinn und der Menschen Sinn und der Sinn aller Dinge.“

Zwei Sinnsucher treffen in Christine Wunnickes bezaubernden Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ (Berenberg) zufällig aufeinander. Zwar nicht in Arabien, wohin sie eigentlich wollten, sondern auf einer verdreckten Insel vor Bombay. Im Jahr 1764. Dort hocken sie also, der deutsche Forschungsreisende Carsten Niebuhr und der persische Astrolabienbauer Meister Musa. Zwei gestrandete Gelehrte. Nur mühsam kommen sie miteinander ins Gespräch, auf Arabisch, und sie werden immer wieder gestört. Von Affen und Ziegen, von seltsamen Menschen. Und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, lernen Musa und Niebuhr sich und ihre jeweiligen Erzählkulturen besser kennen. Im Laufe eines Tages und einer Nacht werden sie zwar nicht unbedingt Freunde, aber sie erfahren eine Menge über Welten, die sie vorher nicht kannten.

Christine Wunnicke fängt die west-östliche Annäherung mit hochwertigem Sprachwitz und köstlichen Dialogen ein. Ihre Figuren, zwei liebevoll verschrobene Charaktere, könnten kaum unterschiedlicher sein: Der etwas steife, von Fieberattacken geschüttelte Deutsche und der lockere, zum ausschweifenden Fabulieren aufgelegte Perser. „So will ich denn reden und reden, bis der Morgen graut“, nimmt sich Meister Musa vor, um die Zeit zu überbrücken. Die Gespräche über das Morgenland und Mekka, die Heldentaten der Väter und Mütter, Sternkunde und Kartographie, münden in ein außergewöhnliches Palaver, das Wunnicke humorvoll und hintergründig notiert.

Und während man als Leser*in ganz nah bei den beiden Männern sitzt, die sich neugierig und bisweilen verständnislos zuhören, Ziegenmilch schlürfen und Sauerdatteln essen, spürt man: Dies ist eine zauberhafte Parabel auf west-östliche Kulturunterschiede und eine Verneigung vor den Legenden aus 1001er Nacht. Einfach herrlich! Und ein schönes Weihnachtsgeschenk für anspruchsvolle Leser*innen…

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 12.12.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Barbarotti und der schwermütige Busfahrer

„Wenn man sich vor der Welt verstecken will, ist diese herbstlethargische Gegend, in der die Natur in stiller Balance und Harmonie zu leben scheint, keine schlechte Wahl.“ 

Stimmt. Dieser Kriminalroman lebt von der Herbstlethargie auf Gotland und auf Farö, der vorgelagerten Insel. Aber auch von vielen anderen Faktoren – dazu später mehr.„Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ heißt das neue Werk von Hakan Nesser (btb, übersetzt von Paul Berf), in dem – logischerweise – Inspektor Gunnar Barbarotti ermittelt. Wobei der schwedische Kommissar eigentlich mit seiner Polizeikollegin und Lebensgefährtin Eva Backman zwei Monate Urlaub machen will. Im Norden Gotlands nehmen sie sich eine Auszeit. Gotland, diese geschützte, stille Insel, auf der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, eignet sich perfekt, um Abstand zu gewinnen.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Barbarotti glaubt, einen Mann erkannt zu haben, der eigentlich tot sein müsste. Ein Busfahrer, der vor 11 Jahren ohne Verschulden einen Unfall verursachte, bei dem 18 Menschen starben. Dieser Busfahrer bekam Morddrohungen und wurde später angeblich auf einer Finnlandfähre über Bord geworfen. Der Fall galt als abgeschlossen. Doch Barbarotti und Backmann ahnen, dass es noch einiges zu ermitteln gibt. Und dass ihr Urlaub den Recherchen zum Opfer fällt.

Hakan Nesser glänzt mal wieder durch seine Markenzeichen: Eine raffiniert aufgebaute Geschichte auf mehreren Zeitebenen. Ein verständnisvoller Blick auf seine Figuren, unvorhersehbare Wendungen und eine humane, leicht ironische Sprache. Was mir bei Nesser besonders gut gefällt: Sine philosophische Erzählhaltung, die zum Nachdenken über die wichtigen Grundfragen des Lebens einlädt. Fazit: Entspannte Spannung.

Das Alphabet der Puppen

„Ich kam mir selbst wie ein Puppenhaus vor, mit einer kleinen Person in mir drin, und stellte mir vor, ich würde winzige Stühle und Schüsseln verschlucken, damit sie sich wohler fühlte.“

Hmmmm… sind das hier vielleicht düstere Märchen? Surreale Fanatsien? Moderne feministische Texte? Oder morbide Short Stories mit Horror-Elemeten?

Ja, diese ungewöhnlichen Kurzgeschichten in „Das Alphabet der Puppen“ (Culturbooks, übersetzt von Zoe Beck) von Camilla Grudova haben von alldem etwas. Handelt es sich also um ein neues Genre, Female Gothic? Könnte man sagen. Denn Grudova entführt uns ihren ganz eigenen mysteriösen Kosmos, in dem sich nicht nur Frauen und Männer, sondern auch Nähmaschinen, Puppen, Spinnen, Särge, Konservendosen und Insekten tummeln. Das künstlerisch hochwertig gestaltete Cover deutet schon auf den Inhalt hin.

Einige der Texte spielen in kaputten Welten, in denen Frauen unterdrückt werden oder sich befreien, in denen Alpträume wahr werden und absurde Regeln das Leben bestimmen. Wer die Filme von Tim Burton mag oder die Geschichten von Margaret Atwood, Franz Kafka oder Edgar Allan Poe, wird auch die Kanadierin Grudova mögen.

Camilla Grudova erzählt unverschämt frei von Konventionen. Ihre short stories sind ungewöhnlich, verstörend, anregend, aufregend – genau das, was Literatur neben guter Unterhaltung auch leisten sollte.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 14.11.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Literarisches Erinnerungsrätsel

„Wenn Sprache auf irgendeine Art unser Denken bestimmt, hätte ich nie eine andere werden können als die, die ich bin. Und die Sprache, mit der ich aufwuchs, war eine Sprache, die kein anderer sprach. Ich würde mich in der Gesellschaft anderer also immer isoliert, einsam und unwohl fühlen. Es lag an meiner Sprache. Es lag an der Sprache, die du mir gegeben hast.“

Eine Tochter blickt zurück. Wütend, entschlossen und mutig. Sie will endlich wissen, was ihre Mutter ihr angetan hat. Warum sie früher mit ihr in einer eigenen Sprache mit frei erfundenen Worten gesprochen hat. Was damals auf ihrem Hausboot geschehen ist. Und vor allem: Warum sie, die Mutter, vor 16 Jahren verschwunden ist.

Daisy Johnsons Roman „Untertauchen“ (btb, übersetzt von Birgit Maria Pfaffinger) handelt von einer vor Anspannung fast berstenden Mutter-Tochter-Beziehung. Gleich zu Beginn spricht Gretel, die Tochter, ihre Mutter Sarah direkt an. Du. Du. Du. Mit einer prägnanten, starken Stimme fordert sie Erklärungen. Doch ihre Mutter hat Alzheimer, und an vieles möchte sie sich offenbar auch nicht erinnern. Also streiten sie, und versöhnen sich wieder. Sie sind abwechselnd laut und leise, wie dieses Buch, das von einer intensiven, widersprüchlichen Aufarbeitung der Vergangenheit handelt.

In einer schonungslosen, druckvollen Prosa schildert Daisy Johnson Gretels Rolle in diesem Erinnerungsdrama, während die 30-jährige Autorin in den Kapiteln mit den Rückblenden deutlich ruhigere, poetischere Töne findet. Gegensätze, die auch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter charakterisieren: Wut und Liebe liegen nah beisammen, ebenso wie Nähe und Distanz, Resignation und Hoffnung. Gretel, die um Klarheit bemühte Lexikografin, steht in ihrem Kampf um die Wahrheit Sarah gegenüber, der verwirrten Vagabundin. Größer könnten die Gegensätze kaum sein, und Daisy Johnson bemüht sich nicht, diese zu kaschieren. Umso spannender entwickelt sich ihr Plot, der von elementarer Prosa getragen wird: Beim Lesen glaubt man, das Wasser strömen zu sehen, die Luft flirren zu hören, die Erde riechen zu können. Ein literarisches Erinnerungsrätsel, das noch länger in Erinnerung bleiben wird.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 28.11.20 auf egoFM vorgestellt und Daisy Johnson interviewt. Zur Show hier. 

John Lennon auf der Flucht

„Warum genau ist er eigentlich hier in dieser Nichts Stadt in diesem nirgendwo Land auf der falschen Seite des Ozeans und so weit fort von denen, die er liebt, von zu Hause? Vielleicht, weil er weiß, dass er hier draußen allein sein kann.“

Es ist 1978. John Lennon flieht aus New York, um endlich mal wieder rauszukommen, zu sich zu kommen, dem Wahnsinn seines Ruhms zu entkommen. In Irland möchte er ein paar Tage auf der kleinen Insel verbringen, die er vor neun Jahren gekauft hat. Nur er allein, im Nichts, im Nirgendwo, auf dieser tristen leeren Insel, bei Regen und Wind. Das ist die Ausgangslage von Kevin Barrys Roman „Beatlebone“ (Rowohlt, übersetzt von Bernhard Robben)

Doch wie sich schnell herausstellt, ist es gar nicht so einfach, auf die Insel zu kommen. Das Wetter ist mies und ein Haufen Reporter sind John Lennon auf der Spur, er muss sich bei einem Bekannten verstecken. Der Superstar ist genervt, verzweifelt, und er dreht bald durch. Wird er jemals ankommen?

Kevin Barry schreibt über dieses Abenteuer, diese missglückte irische Magical Mystery Tour, mit jeder Menge Ironie. Sein Stil ist akrobatisch, er jongliert mit Sätzen und er lässt seine Protagonisten ständig laut fluchen. Ein schräger Roman, in dem auch die Urschreitherapie, ein Haufen Hippies, ein Hund namens Brian Wilson und makrobiotische Ernährung vorkommen. Und das beste daran: Das alles beruht auf wahren Ereignissen – googelt es einfach mal…

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 26.9.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Knausgårds opulentes Debüt

Erstmals auf Deutsch: Das 1998er-Debüt von Karl Ove Knausgård, „Aus der Welt“ (Luchterhand, übersetzt von Paul Berf).

Ein verschneiter, dunkler Ort am Rande der Welt. 300 Einwohner, hoch oben im Norden Norwegens. Jeder kennt jeden, und die Natur, die Kälte, das Meer, der Schnee, haben das Dorf im Griff. Doch dann bringt ein junger Mann das abgeschottete, ruhige Leben aus dem Gleichgewicht.

Henrik, der Aushilfslehrer, ist 26 Jahre alt, kommt aus dem Süden des Landes und unterrichtet ein Jahr lang an der Schule. Er träumt, trinkt, raucht, reflektiert und jetzt kommt das Unfassbare: Er verliebt sich in Miriam, eine 13jährige Schülerin. Er lädt sie zu sich ein, küsst und streichelt sie, will noch mehr. Henrik schämt sich für seine Lust, sein Verlagen, und er hat höllische Angst, aufzufliegen. Doch trotz seiner Schuldgefühle lässt er nicht von Miriam ab.

Ist das literarische Pädophilie? Teile dieses opulenten, tiefsinnigen Romans wurden als Skandal bezeichnet. Und tatsächlich, die Handlung des ersten Teils ist eine brisante Provokation. Aber entscheidender für mich ist, wie großartig Knausgård schreibt. Wie er von jedem Moment ein bezauberndes Bild malt, wie unheimlich präzise er beobachtet – nichts entgeht ihm, kein Geräusch, keine Bewegung, kein Geruch, keine Stimmung. Im zweiten Teil, in dem Henrik von seinen Eltern und ihrem Kennenlernen im sommerlichen Kristiansand erzählt, zeigt Knausgård sein ganzes Können: In feiner, schwebender Prosa schildert er, wie Ingrid und Harald sich nahekommen und eine Familie gründen.

Wie seine Hauptfigur innehält, sich vergegenwärtigt, alles hinterfragt, zwischen Traum und Realität wechselt, ins Philosophieren kommt und sich schonungslos selbst erkundet, das ist ganz große Literatur. Schon klar, die permanente Selbstbespiegelung, die überbordende Detailversessenheit und geschwätzige Ergründung des Sinns des Lebens, kann zwischendurch nerven. Auch der dritte Teil mit seinen literaturtheorethischen Ausschweifungen, ist teilweise überflüssig. Doch dann verzaubert Knausgård wieder, mit poetischen Sätzen über Scham, Lust, Zweifel, Fantasie, Liebe und Träume, die man zum Zeitpunkts des Erscheinens dieses Debüts so noch nie gelesen hatte. Kein Wunder, dass dieses Werk den Startschuss für eine Weltkarriere gab.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 14.11.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier.