Die Kapitänin und der Ozean

Die französische Schriftstellerin Mariette Navarro entwirft in ihrem Debürtoman „Über die See (Kunstmann, übersetzt von Sophie Beese) ein faszinierendes Szenario:

Mitten im Atlantik stoppt eine erfahrene Kapitänin ihr Containerschiff und schaltet den Radar ab. Denn ihre Besatzung möchte auf dem offenen Meer schwimmen gehen, und von diesem Ereignis darf niemand erfahren. Während die 20 Männer von einem Beiboot aus in den Ozean gleiten, bleibt die Kapitänin an Bord und behält den Überblick.

Als die Matrosen nach etwa einer Stunde zurück an Bord sind, geschehen rätselhafte Dinge: Der Horizont verschwindet im Nebel, und eine Masse wie Zuckerwatte hüllt das Schiff ein. Außerdem fährt es langsamer, obwohl die Maschinen auf Volldampf laufen. Und seit dem Badestopp ist ein Mann mehr an Bord als vorher. Irgendetwas gerät also aus dem Gleichgewicht, die festgelegte Ordnung auf dem Schiff kommt in Schieflage.

Die Kapitänin, deren Gemütszustand sonst immer im Gleichklang mit dem Ozean steht, zweifelt erstmals an ihren Entscheidungen und fragt sich: Bestimmt man wirklich über alles, wenn man das Kommando hat? Sie spürt, dass sie wohl doch nicht alles so perfekt planen und gestalten kann wie sie gerne möchte.

Mariette Navarro gelingen feinste Sätze, poetisch und stilvoll, das ist fast schon Lyrik, aber gut lesbar. Ein schmales Buch, das den riesigen Ozean in seiner Einzigartigkeit voll und ganz einfängt – dazu ein starkes Porträt einer Kapitänin, deren Gewissheiten ins Wanken geraten.

Ich werde den Roman am 10. September in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellen – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

Barcelona im Sommer

„Wir sollten ausschließlich mit Menschen sprechen, die wir gerne küssen würden.“ Das meint die Ich-Erzählerin dieses kurzen Romans von Milena Busquets, „Meine verlorene Freundin“ (Suhrkamp, übersetzt von Svenja Becker). Dieser Satz verrät schon viel über den Ton und den Inhalt. Denn die Sprache glänzt elegant, sie passt zu Barcelona im Sommer, und die Hauptfigur, eine Autorin Mitte vierzig, liebt das Leben, das Küssen, den Champagner und ihre beiden Kinder. Erquicklich und vergnüglich klingt das, doch in diese Stimmung mischen sich dunkle Erinnerungen.

Der Grund: Die beste Freundin aus ihrer Kindheit, Gema, starb mit 15 an Leukämie. Auf einmal denkt die Frau wieder an Gema, sie fragt sich was wohl aus ihr geworden wäre? Wann sie einander zuletzt gesehen haben? Und warum die Erinnerung an die verlorene Freundin so verblasst ist? Fortan stöbert sie in alten Fotoalben, befragt andere frühere Freundinnen und zeichnet im Rückblick ein Bild von Gema, deren Tod sie auch an den Tod ihres Vaters erinnert.

Milena Busquets erzählt gelassen, heiter und lebensklug davon, wie wir mit Erinnerungen und Verlust umgehen, wie wir die Lebensfreude bewahren und gleichzeitig den Tod annehmen, und ihn endlich gehen lassen können. Busquets zaubert herrliche Metaphern hervor und glänzt mit einem Mix aus Melancholie und Leichtigkeit. Mehr als nur angenehme Sommerunterhaltung.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Von Basel bis nach North Dakota

„Susanna wollte überhaupt keinen Lebensweg einschlagen. Für sie gab es keine Wege. Es gab nur Schritte, die sie machen würde. Einen Schritt um den anderen, Tag für Tag, Stunde um Stunde.“

Was ist wirklich wichtig im Leben? Eine gesicherte Existenz oder das Risiko, das Abenteuer? Wofür leben wir? Für unsere Träume oder für die Erwartungen von anderen? Davon erzählt der neue Roman von Alex Capus, Susanna (Hanser), in dem eine eigenwillige Frau die Hauptrolle spielt:

Susanna. Eine Malerin aus Basel, die Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrer Mutter nach Amerika auswandert. Diese Figur basiert auf der 1844 geborenen Susanna Carolina Faesch, die sich später als Künstlerin Caroline Weldon nannte. Frei und unabhängig zu bleiben, das ist ihr tiefster Wunsch. Und tatsächlich: Susanna entscheidet sich gegen die Planbarkeit des Lebens, sie folgt ihrer Neugier und ihrem Gefühl, sie lässt die Schweiz zurück, wo es ihr zu wenig Lebensfreude gab, und sie lässt sich voll ein auf New York und die neue Welt. Doch nachdem die Brooklyn Bridge eröffnet wurde, erstmals Glühbirnen die Stadt erleuchten und die Maschinen das Arbeitsleben dominieren, spürt Susanna, dass es wieder Zeit ist, aufzubrechen.

Mit ihrem Sohn reist sie 1890 ins Dakota-Territorium. Sie will zu den Ureinwohnern, zu Sitting Bull, und dort, am Grand River in North Dakota, spielen die letzten, grandiosen Szenen des Romans. Alex Capus ist ein souveräner Erzähler mit einer wohltuenden unaufdringlichen Art, deren Zauber sich ganz von allein entfaltet. In seiner Prosa liegt eine ruhende Kraft, seine Figuren behalten Anstand und Würde, und seine feinsinnige Geschichte über die Lebenswege Susannas hat mich fasziniert und berührt.

Sechzehn Pferde

„Dunkle Autos, unterwegs auf dunklen Straßen. In der Marsch, die zu dieser Stunde nur aus Schatten bestand. Die flache Weite verschlang die Fahrzeuge. Sie tanzten durch das Dunkel, durch die Leere.“

Schon lange hat mich kein Roman so beunruhigt, so erschaudern lassen wie diese dunkle Geschichte. Die Atmosphäre in Greg Buchanans „Sechzehn Pferde“ (S.Fischer, übersetzt von Henning Ahrens) kam mir vor wie in Twin Peaks, und ein bisschen wie in den Wallander-Krimis von Henning Mankell. Also, hochwertige Spannung, die nicht durch Action erzeugt wird, sondern durch eine kaum auszuhaltende Schwere und Melancholie.

Zum Plot: In einem heruntergekommenen englischen Küstenort werden auf einer Farm 16 Pferdeköpfe entdeckt. Sie wurden kreisförmig eingegraben. Klar ist zunächst nur, dass ein furchtbares Verbrechen an den Tieren stattgefunden hat. Aufklären soll die Tat eine Tierärztin und Forensikerin, Dr. Cooper Allen. Die wortkarge Spezialistin arbeitet mit dem örtlichen Polizisten Alec Nichols zusammen, beide sind Außenseiter, und beide spüren, dass etwas zutiefst Verstörendes und Bedrohliches von dem Fall ausgeht.

Tatsächlich verbreitet sich durch die Pferde-Kadaver eine Infektion, die Gemeinde wird unter Quarantäne gestellt. Später gehen auch noch zwei Farmen in Flammen auf und ein junger Mann verschwindet. Greg Buchanan erzählt unaufgeregt, reduziert und in hoher literarischer Qualität von gequälten Tieren und verlorenen Seelen in einer sterbenden Stadt. Seine Sätze haben etwas Endgültiges und schmerzhaft Schönes – ein herausragender Spannungsroman um Schuld und Vergeltung.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Zwischen Tradition und Moderne

Tel Aviv und New York – in diesen Städten spielen die meisten der zehn Kurzgeschichten in Nicole Krauss´ neuem Werk „Ein Mann sein“ (Rowohlt, übersetzt von Grete Osterwald). Dazu kommen noch Genf und Tokio. Obwohl der Titel suggeriert, dass es im Buch vor allem um Männer geht, schreibt Nicole Krauss meist aus der Perspektive von Frauen – in ihren Familiendramen, Stories über Freundinnen und Beziehungsgeschichten sind Männer prägend, aber nicht unbedingt bestimmend. Ihre Protagonist*innen pendeln zwischen Tradition und Moderne, zwischen Israel und den USA, zwischen jüdischen Bräuchen und europäischen Einflüssen.

Eine junge Frau begegnet in der Wohnung ihres verstorbenen Vaters einem rätselhaften Unbekannten. Ein Mann erwacht aus dem Koma, und nach diesen zwei Wochen in der Schwebe zwischen Leben und Tod, ist er plötzlich Großvater.

Eine Tänzerin und ihre Freundin glauben, einen iranischen Schauspieler aus ihrem Lieblingsfilm im wirklichen Leben zu erkennen. Außerdem drehen sich die Erzählungen um einen jungen Rabbi, Geheimnisse unter drei Freundinnen und die Macht, Männer anzuziehen, den Drang, in die Welt hinauszugehen.

Nicole Krauss ist eine kluge Erzählerin mit Gespür für zärtliche Momente, die sie bewahrt. Sie porträtiert ihre Figuren mit Empathie und begleitet sie bei wundersamen Entdeckungen und der Suche danach, frei zu sein. Krauss beobachtet, wie sich Familien auflösen und der Zauber der Gegenwart eines anderen Menschen verfliegt, aber ohne Bitterkeit oder Häme, sondern immer mit großem Verständnis für alles, was passiert.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Mystisch, magisch, isländisch

„Wochenlang waren wir ganz erdverbunden gewesen, hatten uns übers Kochen unterhalten, über Erziehung, Gartenarbeit und Gesundheit. Hatten Kaffee getrunken, Marmelade gekocht, klebrige Fingerchen abgewischt und ständig aufgepasst. Es war an der Zeit, den Korken aus der Flasche zu ziehen und den Geist heraus zu lassen.“

Die Isländerin Gudrún Eva Mínervudóttir erzählt in „Das Gewächshaus“ (btb, übersetzt von Anika Wolff) von einer speziellen Freundschaft. Von zwei Frauen, die Tomaten einkochen, Möhren ernten, Sauerkraut machen. Aus herbem Gemüse einfachen Genuss entwickeln. Zusammen eine Zigarette rauchen und schweigen. Gemeinsam durchs Dorf gehen, aus dem Dorf hinaus, und immer vertrauter werden, verwobener, verbundener. Das ist die Geschichte von Eva und Ljuba, die Geschichte einer Annäherung.

Eva ist neu in dem isländischen Dorf – eine Schriftstellerin, die unter Schlafstörungen leidet, einen depressiven Mann und eine kleine Tochter hat. Auf dem Land soll es für sie besser werden, doch es ist kalt, windig und viel zu lange viel zu dunkel. Dann lernt sie ihre Nachbarin Ljuba kennen, eine zupackende, positive Frau, ein Lichtblick. Ljuba führt einen Gemüseladen und baut alles selbst an. Langsam knüpfen die beiden ein enges Band, eine eigene Welt jenseits ihrer Familien. Sie kochen und rauchen, trinken Schnaps und erzählen sich von ihren Männern, ihren Müttern. So entstehen helle Momente im dunklen nebligen Dorf.

Ein mystischer, traumverhangener Roman, der mir ermöglicht hat, diesen beiden Frauen nah sein zu können, beim Lesen mit ihnen zu gehen, dabei zu sein, wie sie tiefe ferne Bereiche in sich und außerhalb erkunden. Ein kostbare Geschichte über die magische Kraft der Freundschaft, die das Bedrohliche für kurze Momente aus der Welt schaffen kann.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Stewart O′Nan über zwei Schwestern

Der erste Satz eines Romans entscheidet stark mit darüber, ob ich weiterlese. Beim Start von Stewart O′Nans neuem Roman „Ocean State“ (Rowohlt, Übersetzt von: Thomas Gunkel) war sofort klar, dass ich mehr wissen will – der Einstieg lautet:  „Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester dabei, ein anderes Mädchen zu töten.“

Ein Mord definiert also diese Geschichte, doch es ist kein Thriller, kein Krimi, manchmal dachte ich, ich bin in einer literarischen Familienaufstellung, in einem vielschichtigen Spannungsroman, in einer Sozialstudie über zwei Schwestern und in einem verhängnisvollen Beziehungsroman. Das alles kriegt Stewart O′Nan auf nur 250 flugs weggeschmökerten Seiten unter.

Die Story spielt in Westerly, einer Arbeiterstadt in Neuengland. Dort leben die Schwestern Marie und Angel mit ihrer Mutter Carol in einem heruntergekommenen Haus. Alle drei sind gut im Vertuschen – sie lügen und bagatellisieren, wenn es um ihre Probleme geht: Marie futtert zu viel, Carol ist Alkoholikerin und Angel, die 18 jährige, wird zur Täterin, als sie mit ihrem Freund das Mädchen tötet, mit dem er eine Affäre hatte.

Aus den wechselnden Perspektiven der vier Mädchen und Frauen untersucht Stewart O′Nan die Grauzonen zwischen Schuld, Mitschuld, Reue und Gerechtigkeit. Er schildert die Seelenqualen seiner Figuren, ohne sie auszubeuten. Hinter seinem feinen, reinen Stil lauern die Abgründe, in die uns die Liebe treiben kann.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Drama aus Malaysia

„Das Meer hat alles vernichtet was wir für unzerstörbar gehalten hatten. Hatte es zermalmt, unter sich begraben. Unsere mit Fischen gefüllten Teiche. Unsere Farm. All das war jetzt Teil des Meeres.“

„Wir, die Überlebenden“ (Luchterhand) des malayischen Schriftstellers Tash Aw hat mich nachhaltig beeindruckt und berührt. Es ist die Geschichte eines einfachen Mannes aus einem malaysischen Fischerdorf, der von Reichtum und Sicherheit träumt. Schon als Kind schuftet er wie ein Erwachsener, später steigt er auf zum Vorarbeiter einer Fischfarm. Doch dann wird er wegen Mordes angeklagt, und sein Traum vom sozialen Aufstieg zerplatzt endgültig. Im Roman erzählt er im Rückblick, wie alles begann und wie es so weit kommen konnte. Wie er sich enfremdete und von seinen Wurzeln entfernte.

Über das Schicksal dieses jungen Mannes erzählt der malayische Autor Tash Aw noch viel mehr, denn sein persönlicher Bericht wirkt wie eine spannende soziologische Studie. Sie zeigt, wie brutal die Arbeitsbedingungen in Sudostasien sind, wie sehr Ausbeutung, Menschenhandel und Profitgier den Fischmarkt bestimmen, wie fatal sich Gewinnstreben und Globalisierung auswirken, sogar auf ganz einfache Menschen vom Land. Denn der Druck von Firmen, Supermarktketten und Restaurants wird immer größer, es muss immer schneller und billiger produziert werden.

Also: Ein literarischer, authentischer Live-Bericht aus der Arbeiterschicht Malaysias, und das ergreifende Porträt eines Außenseiters. Die Geschichte ist so raffiniert konstruiert, dass sie einen Sog erzeugt und immer tiefer ins Leben der Hauptfigur eintaucht – ich wollte eingreifen, den Mann retten, und wahrscheinlich wollte genau das der Autor, dass wir Mitgefühl entwickeln.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Meret & Sarah

„Ich fand sie im Halbdunkel. Der Schnee, der draußen lag, warf kaltes Licht hinein. Ich brauchte einen Moment, bis ich ihre Umrisse richtig deuten konnte. Aber ich hatte gewusst, dass sie da war. Wir kannten uns mittlerweile gut genug, um die Anwesenheit der anderen zu spüren, bevor wir das Zimmer betraten.“

Klinikromane und Krankenhaus-Serien sind überhaupt nicht mein Ding. Doch obwohl Yael Inokais Roman „Ein simpler Eingriff“ (Hanser Berlin) ausschließlich in einer Klinik und in einem Schwesternwohnheim spielt, hat er mich tief berührt. Das liegt vor allem an der exzellenten Sprache, an sanften, poetischen Momenten und an etwas Rätselhaftem, Dunklem, das die sparsamen Sätze umgibt.

Da lauert also etwas hinter dem hellen, klaren Ton, und hinter dem geregelten, pflichtbewussten Leben von Meret. Die junge Krankenschwester hat die Aufgabe, Patientinnen abzulenken, während an ihnen ein spezieller Eingriff vorgenommen wird. Meret redet und spielt mit ihnen, und sie ist überzeugt davon, dass die psychischen Probleme und Wutanfälle der Patientinnen nach der OP verschwinden. Doch allmählich verliert sie den Glauben an die Macht der Medizin, denn irgendetwas kommt ihr verdächtig vor an den Eingriffen, für Frauen, die nicht der Norm entsprechen.

Während Merets Zweifel wachsen, entsteht eine ungewohnte Nähe zu ihrer Zimmergenossin Sarah. Die beiden flüstern im Dunklen, hinterlegen Dinge füreinander, Bücher, Schokoladen, Blumen und kurze Nachrichten. Sie berühren sich und genießen die Stunden zu zweit, in denen alles, was draußen vor sich geht, außer Kraft gesetzt wird. Szenen, die an Zärtlichkeit und Sprachkunst kaum zu übertreffen sind.

Ein Hauch von „Der Report der Magd“ weht durch diesen feinsinnigen Roman, der vor allem von Meret und Sarah handelt – zwei jungen Frauen, die erstmals in ihrem Leben etwas erkunden und wagen: Den Freiraum, die Freiheit, ein neues Leben inmitten eines starren Krankenhausalltags.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).

Minimalismus versus Vergnügungswahn

„Sein Kapital wuchs nicht durch Addition, sondern Substraktion. Sein einsamartiger Reichtum bestand darin, dass er weder Mammon noch Menschen, Zuneigung, Anerkennung, Trost oder Liebe brauchte.“

„Wir alle sind Widerlinge“ von Santiago Lorenzo (Heyne Hardcore, übersetzt von Karolin Viseneber & Daniel Müller) ist ein spezieller Roman, bei dem ich viel gestaunt und geschmunzelt habe. Eine ironische Parabel auf das Glück der Einsamkeit und den Irrsinn des modernen Freizeitlebens.

Zum Plot: Manuel flüchtet aus Madrid, denn er hat in Notwehr einen Polizisten verletzt und fürchtet, ins Gefängnis zu kommen. In einem verlassenen Dorf taucht er unter und findet dort seinen Seelenfrieden. Er versorgt sich selbst, baut ein heruntergekommenes Häuschen wieder auf, und beschäftigt sich sonst nur noch mit Nichtigkeiten. Manuel schläft lange, geht ohne Ziel spazieren, stopft ein Loch in seiner Hose, und spürt mit jeder Woche, mit jedem Monat, wie glücklich ihn das Alleinsein macht. Er genießt die Verkargung, wie er seinen Rückzug nennt.

Doch dann beziehen Leute aus der Stadt das Haus nebenan. Sie feiern und lärmen, glotzen laut Trash-TV und hören dummes Hitparadengedudel. Und natürlich bimmeln ständig ihre Handys. Manuels Ruhe und Selbstversunkenheit ist dahin, und so beschließt er, sich zu rächen, seine Freiheit zu verteidigen.

Für mich ist das ein modernes Märchen über die Absurdität und Lächerlichkeit des modernen Freizeitlebens, des laut seins und permanent beschäftigt seins, statt inne zu halten und die Klappe zu halten. Eine grandiose, mit trockenem Humor erzählte Geschichte über den Kampf Minimalismus gegen Vergnügungswahn, Achtsamkeit gegen Freizeitterror.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört die Show hier im Stream (ohne Musik).