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Neuerscheinung

lyrik kabinett, hanser, günter keil, literaturblogEinfach nur anfassen, angucken, drüber streichen, aufblättern. Schon ist man dieser Buchreihe hoffnungslos verfallen. Und lässt sich neugierig auf die Gedichte ein, selbst wenn man sonst nur gelegentlich Lyrik liest. Ja, die Edition Lyrik Kabinett (Hanser) setzt Maßstäbe – in Optik und Haptik, und selbstverständlich auch inhaltlich. Allein die Ausstattung (grauer Karton, eigestanzter Titelaufkleber, farbiger Rücken, hochwertiges Papier) spiegelt den hohen künstlerischen Anspruch wieder, ohne abgehoben zu wirken. Seit 2006 erscheinen zwei bis vier Bände pro Jahr. 

Die beiden jüngsten Veröffentlichungen – Nr. 37 und 38 – stammen von dem italienischen Lyriker Valerio Magrelli („“Vom heimlichen Ehrgeiz ein Bleistift zu sein“) und dem polnischen Poeten Ryszard Krynicki („Sehen wir uns noch?“). Beide Bände versammeln eine breite Auswahl ihres Schaffens aus den letzten Jahrzehnten. Magrelli beschäftigt sich in seinen unkonventionellen Gedichtlyrik kabinett, hanser, günter keil, literaturblogen vor allem mit dem Vorgang des Dichtens, seinem Denken und versetzt sich auch in die Lage eines Bleistifts. Krynickis vielseitige Poesie ähnelt oft Haikus, als Thema wählt er oft die Vergänglichkeit, den Tod. Beide Bände transportieren die Tiefe der Lyrik – für Einsteiger eher anspruchsvoll-herausfordernd, für Liebhaber ein Hochgenuss.

Mehr über das Lyrik Kabinett demnächst hier im Blog und hier.

 

murakami, birthday girl, du mont, günter keil, literaturblogIch habe einen beliebigen Wunsch frei?“ Der Alte antwortete nicht. Er lächelte nur, beide Hände auf den Schreibtisch gelegt. Es war ein sehr natürliches, liebenswertes Lächeln. Haben Sie nun einen Wunsch, mein Fräulein, oder nicht?“, sagte er mit sanfter Stimme.

Murakami ist wieder da. Zwar nur mit „Birthday Girl“, einer alten Kurzgeschichte, aber herausragend neu illustriert. Etwa alle zwei Jahre erscheinen im DuMont-Verlag Murakami-Erzählungen in besonderer Ausstattung – schmale Büchlein, aufwändig hergestellt, kleine Kostbarkeiten. In „Schlaf“ und „Die unheimliche Bibliothek“ waren Kai Menschiks moderne Illustrationen düster, intensiv und verstörend. Nun sind sie nicht minder intensiv, aber mit pink-rot-orangener Graphic-Novel-Strahlkraft. Wie Exponate aus einer Galerie für Moderne Kunst.

Und die Geschichte? Nun, Murakami eben: klar formuliert, mysteriös aufgelöst. Eine junge Kellnerin arbeitet an ihrem Geburtstag im Restaurant. Der Geschäftsführer vertraut sie mit einer wichtigen Aufgabe – sie muss pünktlich um zwanzig Uhr dem Inhaber des Lokals das Abendessen in dessen Suite bringen. Aus dieser Begegnung stammt der oben genannte Dialog – was danach passiert, verrate ich natürlich nicht…

david duchovny, ein papagei in brooklyn, rezension, günter keil, literaturblogDuchovny? Der Schauspieler aus „Akte X“ und „Californication“?

Genau der. Kann der den schreiben? Und wie. Er hat sogar mal in Princeton und Yale Literatur studiert und eine skurrile Tiergeschichte veröffentlicht. Sein Roman „Ein Papagei in Brooklyn“ (Heyne Encore) ist eine intelligente, ironische Vater-Sohn-Geschichte. Ted, der Sohn, ein Genie, müsste längst gefeierter Schriftsteller sein. Stattdessen raucht er Joints, hört The Greatful Dead und verkauft bei den Yankees-Spielen Erdnüsse. Marty, sein zynischer Papa, lässt kein gutes Haar an Ted. Dabei ist auch er gescheitert. Und unheilbar an Lungenkrebs erkrankt.

Duchovny porträtiert zwei schräge Sturköpfe und notiert ihre Verbalduelle. Er schreibt schnell, virtous und manchmal fast schon zynisch – doch hinter der Ruppigkeit seiner Figuren liegt Zuneigung und Herzlichkeit. Ein rasanter NY-Roman.

n, literaturblog günter keil Dass Literaturlegenden oft vielseitiger geschrieben haben als bekannt, zeigen zwei neu übersetzte Sammlungen:

Edgar Allan Poes „Unheimliche Geschichten“ (dtv) und F. Scott Fitzgeralds „Für dich würde ich sterben“ (Hoffmann und Campe). Jeweils mehr als ein Dutzend short stories, die einen neuen Blick auf die beiden Klassiker möglich machen – und ihre Genialität bestätigen.

Poe, 1849 verstorben, gilt als Erfinder der literarischen Moderne. Die wegweisenden, von Charles Baudelaire herausgegebenen Bände, machten Poe berühmt, als er noch um jeden Auftrag froh war. Neu zu entdecken gibt es Detektiv- und Abenteuergeschichten, Lyrik, mysteriöse Erzählungen, Essays und Grotesken. Eine wunderbare bibliophile Neuausgabe.

Und Fitzgerald? Vor 77 Jahren verstorben, und dennoch präsent. Aber meist reduziert auf Gatsby, Gatsby, Gatsby. Dass er viel mehr beherrschte als elegante Milieustudien und High-Society-Dramen, zeigen diese erstmals auf Deutsch erscheinenden Texte und Filmexposés aus den 1930er-Jahren. Melancholische Liebesgeschichten, kuriose Dramen und charmante Possen. Zum Vertiefen.

lena andersson, unvollkommene verbindlichkeiten, rezension, literaturblog günter keil Du meine Güte. Wann kapiert sie es endlich? Als Leser möchte man Hauptfigur Ester schon nach wenigen Seiten warnen: Lass die Finger von diesem Mann! Sofort! Aber in Lena Anderssons großartigem Roman „Unvollkommene Verbindlichkeiten“ (Luchterhand) nimmt das Unglück seinen Lauf, ohne dass man eingreifen kann. Wie schon in ihrem Debüt „Widerrechtliche Inbesitznahme“ erzählt die schwedische Autorin eine Liebesgeschichte, die weh tut. Denn Ester, eine intelligente und erfolgreiche Publizistin, fühlt sich hilflos zu dem verheirateten Schauspieler Olof hingezogen. Er spielt mit ihr, macht falsche Versprechungen und demütigt sie – doch Ester ignoriert alles, um ihn weiter lieben zu können. Sie interpretiert Olofs Verhalten immer nur so, dass sie daraus Hoffnung schöpfen kann.

Er wurde interessiert, wenn sie resignierte. Sie resignierte, wenn er uninteressiert war. Dann trat er einen Schritt näher, was sie dann auch tat, worauf er sie wegschob, worauf sie kühl und abweisend wurde, und das schärfte seine Aufmerksamkeit. Ein Kreislauf, dem man nicht entkam.“

Lena Andersson dokumentiert Verzweiflung, Hoffnung und Wahn, in unbestechlicher, unsentimentaler Prosa. Das ist phasenweise kaum auszuhalten, aber brillant. Mit dieser klugen Kommunikationsanalyse erteilt Andersson all denjenigen eine bittere literarische Lektion, die nicht erkennen wollen oder können, dass ihr Wunschpartner der Falsche ist.

blake crouch, dark matter, der zeitenläufer, rezension, günter keil, literaturblogDie Rezeptur dieses Buches ist einfach und effektiv:

33,33 Prozent Sciene Fiction, 33,33 Prozent Quantenphysik, 33,33 Prozent Hochspannung.

„Dark Matter. Der Zeitenläufer“ (Goldmann) von Blake Crouch. Ein Thriller, der vom ganz normalen Alltag eines Atomphysikers aus Chicago (Job, Ehefrau, Sohn) in die abgedrehten Ebenen eines Multiversums stürzt. Dieser Mann, Jason Dessen, wird eines Abends auf offener Straße entführt – man spritzt ihm ein Präparat und bringt ihn in eine abgelegene Firma. Und plötzlich ist nichts mehr, wie es vorher war. Dessen heißt zwar noch genauso, und er lebt nach wie vor in Chicago, aber seine Frau kennt ihn nicht mehr, sein Sohn existiert nicht. Angeblich hat Dessen einen genialen Würfel erfunden, mit dem man in andere Schichten der Realität vordringen kann. Doch der Physiker erinnert sich an nichts. Ist er wahnsinnig geworden? Spielt man ihm einen Streich? Hat er einen Gehrintumor? Er flüchtet, wird verfolgt, jagt durch sein neues Leben, taucht in mehrere Versionen davon ein, kann nicht fassen, was mit ihm passiert.

Blake Crouch inszeniert seinen Thriller so bildstark wie „Matrix“ oder „Inception“, knallt kurze Sätze aufs Papier, verschwendet keine Zeit, treibt den Plot voran. Die Figuren bleiben etwas grob gezeichnet, doch der Sog, den Crouch erzeugt, ist unwiderstehlich.

castle freeman, auf die sanfte tour, rezension, literaturblog günter keil Die Leute wollen, dass man seinen Job macht und dass man ihn nicht macht. Sie wollen, dass man seinen Job macht, aber nicht bei ihnen.“

Sheriff Wing ist ein alter Hase. Abgebrüht, lässig, nicht aus der Ruhe zu bringen. In einem Kaff in Vermont sorgt er für Ordnung. Viel gibt’s nicht zu tun: Betrunkene, Kleinganoven, Pechvögel, das war´s auch schon. In Castle Freemans „Auf die sanfte Tour“ (Hanser) erzählt Sheriff Wing von seinem Alltag. Und von seinen Über- zeugungen. Nichts überstürzen, immer mit der Ruhe, erstmal zuhören, das ist sein Credo. In erfreulich sparsamer Sprache zeichnet Castle Freeman das Bild eines besonnenen Sheriffs, wie man ihn sich in Zeiten von Trump und Erdogan wünscht.

Ein kurzer moderner Western, intelligent, trocken, weise. Mit Sätzen wie lakonische Kalendersprüche.

Einen reichen Mann sollte man, wenn es geht, zum Freund haben, aber ein armer Mann ist ein besserer Nachbar.“