Neuerscheinung · Rezension · Romane

Wenn Lebensverläufe kollidieren

matthew weiner, alles über heather, rezension, rowohlt, blog, günter keil Nur 125 Seiten. Mehr braucht Matthew Weiner nicht. Um eine scheinbar heile Welt einstürzen zu lassen. Um zwei Lebensverläufe kollidieren zu lassen. Um seine Leser mitzureißen. Um zu zeigen, wie brillant er eine packende Geschichte konstruieren kann.

Alles über Heather“ (Rowohlt) heißt der Miniroman des Autors, Produzenten und Regisseurs der TV-Erfolgsserie „Mad Men“. Weiner erzählt zwei Plots, die sich später kreuzen – von Mark, Karen und ihrer Tochter Heather, einer Vorzeigefamilie. Und von Bobby, einem Kriminellen aus der Unterschicht. Nüchtern und reduziert berichtet der US-Autor vom gesellschaftlichen Aufstieg der privilegierten Familie, und vom fortwährenden Abstieg des Mannes, der von Geburt an am Abgrund lebte. Doch mit jeder Seite verschwimmen die Grenzen zwischen diesen beiden Welten – auch Mark, Karen und Heather scheitern. Fatal. Brutal.

Eine souverän zugespitzte, klar umrissene Erzählung, die an untergründiger Spannung kaum zu übertreffen ist. Ein lautes Bravo für dieses Debüt!

Neuerscheinung

Im Interview: Jo Nesbø

Jo Nesbø, Interview, Günter Keil, DurstMehr als 20 Millionen verkaufte Romane, übersetzt in 45 Sprachen: Jo Nesbø ist einer der erfolgreichsten Spannungsautoren der Welt. Seit Wochen steht sein neuer Thriller „Durst“ (Ullstein) in den TOP 10 der Bestsellerlisten – der 11. Band seiner Serie um den Ermittler Harry Hole. Hier Auszüge aus meinem Interview mit dem Norweger:

Ihr neuer Roman dreht sich um eine Reihe von Vampirismus-Morden. Wie kamen Sie auf dieses Thema? Eigentlich wollte ich ein ganz spezielles Buch darüber schreiben, einen standalone. Aber je mehr ich über Vampirismus recherchierte, umso mehr wurde mir klar, dass es ein neuer Fall für Harry Hole sein musste. Denn dieser Durst nach Blut passt zu Harrys Durst nach Alkohol. Und vor allem zu seinem Durst nach Nähe und Liebe. Was könnte dieses Verlangen auch besser symbolisieren als das Blut eines Menschen zu trinken? Das hat auch etwas mit einem extremen Wunsch nach Intimität zu tun. Ich bin sowieso der Meinung, dass ich immer über Intimität und Liebe schreibe.

Haben Sie sich im Verlauf der Serie ebenso verändert wie Ihre Hauptfigur? Nun, ich trinke auch deutlich weniger als früher, so wie Harry. Lange Zeit dachte ich aber, dass Harry nichts mit mir zu tun hat und dass diese Behauptung, dass Autoren immer auch über sich selbst schreiben, Quatsch sei. Doch im Rückblick stelle ich fest, dass es doch Parallelen zwischen Harrys Entwicklung und meiner gegeben hat. Wir sind uns also doch oft ähnlich.

Sex und Gewalt sind in Ihren Thrillern keine Seltenheit. Lesen auch ihre pubertierende Tochter und Ihre Mutter Ihre Bücher? Nein. Beide nicht. Meine Tochter interessiert das alles überhaupt nicht. Und meine Mutter, eine Bibliothekarin, hat schon vor Jahren gesagt, dass sie sich nicht vorstellen kann, Sexszenen zu lesen, die ihr Sohn geschrieben hat. Also haben wir einen Deal geschlossen: Ich gebe ihr zwar immer jedes neue Buch, aber sie stellt es ungelesen ins Regal. Was den Vorteil hat, dass ich mir nicht vorstellen muss, wie meine Mutter auf meine Sexszenen reagiert.

 

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Nachts bricht das Trauma auf

john williams, nichts als die nacht, rezension, günter keil, literaturblogJohn Williams war zweiundzwanzig, als er „Nichts als die Nacht“ (dtv) schrieb. Sein Erstlingswerk von 1948, eine Novelle, ein kleines existenzielles Drama – damals ein Misserfolg. Williams protokolliert zwölf Stunden im Leben von Arthur Maxley. Ein Abend, eine Nacht. Und ein tiefer innerer Abgrund, der sich schließlich auftut. Maxley treibt wie betäubt durch San Francisco, trifft sich kurz mit seinem Vater, wirkt wirr und völlig daneben.

Der Kopf wummerte im Takt mit dem pochenden Puls; die Stirn war klamm und kalt, und sein Atem ging rasch, während ihn immer wieder ein heftiger Schauder überlief.“

In einer düsteren Bar trinkt er Martinis mit einem Bekannten, später bestellt er in einem schäbigen Nachtclub Brandy und Champagner für Claire, eine schöne Frau, die er gerade erst kennengelernt hat. Als er schließlich mit zu ihr nach Hause geht, bricht ein schweres Trauma auf, das ihn seit seiner Kindheit plagt.

In ihm drängte ein angeschwollener Strom, die Summe all seiner unterdrückten Liebe, seines Hasses und seines Mitleids, die Summe aus Furcht, Angst, Zufriedenheit, Langeweile, Ungeduld Ennui und Leidenschaft.“

In eindringlichen, intensiven Worten schildert John Williams das Leiden seiner Hauptfigur. Eine kurze, heftige Geschichte, stilistisch noch nicht so ausgefeilt wie Williams´ spätere Werke „Stoner“ oder „Butcher´s Crossing“. Dennoch gut, dass es diese Novelle nun erstmals auf Deutsch gibt.

Neuerscheinung

Lob der lokalen Leseläden!

Was? Diesen genialen Abend hat eine unabhängige Buchhandlung organisiert? Nicht möglich!“ Doch. Alles ist möglich. Lesungen, Festivals, Diskussionen – oder einfach „nur“ ein offener, freier Raum für Bücher. Fürs Lesen, Weiterbilden, Lachen, Nachdenken.

Dieses ungläubige „Was?“ höre ich immer wieder, wenn ich mit Autoren unterwegs bin und einen wunderbaren Abend mit Publikum erlebe. Schriftsteller sind genauso begeistert wie ich von der Leidenschaft, mit der die Unabhängigen Literatur lebendig machen. Wie sie sich um ihre Kunden kümmern, ihnen etwas bieten, das Leben bunter machen. In der Provinz, in der Großstadt, überall. Bei Dreimann in Olpe, Glatteis in München, Graff in Braunschweig, dem Bücherpunkt Blaubeuren und in vielen anderen magischen Leseläden. Herzlichen Dank – wir lieben Euch!

Diesen Text von mir findet ihr übrigens auch hier in Karla Pauls Buchkolumne – insgesamt 99 überzeugende Statements für die Unabhängigen!

 

 

 

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Drei Lehrer als Hobby-Detektive

hakan nesser, der fall kallmann, rezension, blog, günter keilStrebt ein Schriftsteller nicht danach, die Seele seines Lesers zu umgarnen?“ fragt einer der Protagonisten dieses Kriminalromans. Wie recht er hat – Hakan Nesser umgarnt mal wieder die Seele seiner Leser, so wie er es schon oft erfolgreich getan hat. In „Der Fall Kallmann“ (btb) setzt der schwedische Autor auf vier verschiedene, ruhige Erzählstimmen. Drei Lehrer und eine Schülerin von der Gesamtschule einer Kleinstadt schildern ihre ganz persönlichen Eindrücke.

Lange Zeit passiert kaum etwas: Leon Berger tritt seinen neuen Job als Schwedischlehrer an und ignoriert die Gerüchte, die sich um seinen Vorgänger drehen. Eugen Kallmann, so hieß der Pädagoge, starb unter seltsamen Umständen. Und er war ein seltsamer Mann. Unkonventionell, geheimnisvoll, aber bei den Schülern beliebt. Angeblich, so heißt es, habe er kurz vor seinem Tod an der Aufklärung eines Verbrechens gearbeitet. Als sein Nachfolger auf Kallmanns Tagebücher und Notizen stößt, wird er neugierig. Leon Berger startet seine privaten Ermittlungen. Ludmilla und Igor, ebenfalls Lehrer, helfen ihm bei der ungewohnten Arbeit. Hakan Nesser bringt sogar noch mehr Hobby-Detektive ins Spiel: Andrea und Emma, zwei Schülerinnen, wollen ebenfalls wissen, was wirklich mit Kallmann geschah. Sie erzählen in eigenen Kapiteln von ihren Mutmaßungen, Ahnungen, Erkenntnissen.

Und dann passiert doch noch etwas: Rechtsradikale Drohbriefe tauchen in der Schule auf. Und ein Schüler stirbt. Selbstmord? Mord? Ein Zusammenhang mit Kallmanns Tod? Hakan Nesser ist ein gewiefter Plotkonstrukteur, der seine Leser gekonnt bis zum Schluss in die Irre führt. „Der Fall Kallmann“ ist ein charmanter, gepflegter Kleinstadt-Kriminalroman mit überraschender Auflösung.

Neuerscheinung

Meyerhoffs Körpermikado

joachim meyerhoff, die zweisamkeit der einzelgänger, rezension, blog, günter keilAls wir uns ansahen, gab es einen grellen vielfarbigen Adrenalintusch in meinem Kopf“

Joachim Meyerhoff ist ein herausragender Fabulierer und Formulierer. Auch im vierten Teil seines sechsbändigen Zyklus „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ (Kiepenheuer & Witsch). Diesmal konzentriert er sich auf das Liebesleben seines Alter Egos, auf die Affären und Beziehungen eines Schauspielers zu drei völlig unterschiedlichen Frauen in Bielefeld und Dortmund. Auf den ersten Blick könnte man diese anekdotenreiche Geschichte als nur nett oder oberflächlich abtun, doch Meyerhoff hat ein geniales Gespür für magische Momente und kreative Beschreibungen. Sein leichter, plauderhafter Ton täuscht manchmal darüber hinweg, dass er nicht nur amüsant, sondern auch doppeldeutig und brillant schreibt. Über heiße Schweineohren, Tänze in der Backstube, nackte Bühnenauftritte, Körpermikado und Schnitzel, die man auf die Umrisse von Sri Lanka zurechtknabbert. Und wenn Meyerhoffs Protagonisten sich mit ihren Fingern Schuhe auf den Rücken streichen und erraten, um welche Treter es sich handelt, wird es so skurril-romantisch wie eben nur bei diesem Autor.

In mir rieselte und flirrte es, großes Knistern im gesamten Nervenkostüm.“

 

Kurzgeschichten · Neuerscheinung · Rezension

Knausgard im Herbst

karl ove knausgrad, im herbst, literaturblog, günter keil, rezensionIch stehe in diesem Herbst früh auf, gegen vier Uhr morgens, wenn es draußen noch vollkommen dunkel und still ist.“

Eigentlich hat Karl Ove Knausgrad versprochen, es nie wieder zu tun. Am Schluss von „Kämpfen“, dem letzten Band seiner Tetralogie, versicherte er, dass er seiner Frau und seinen Kindern „nie wieder so etwas antun“ werde. Gemeint war wohl, so radikale Einblicke in sein Privat- und Gefühlsleben zu geben, und so viel Zeit damit zu verbringen. Doch nun, wenige Monate nach der Veröffentlichung, liegt schon wieder ein neues Knausgard-Buch zum Verkauf bereit. Und schon wieder gibt der norwegische Starautor intime Einblicke:

Gerade bin ich draußen gewesen und habe auf den Rasen gepinkelt, was ich nur tue, wenn alle schlafen und ich allein bin.“

In „Im Herbst“ (Luchterhand) erzählt Knausgard kurze Geschichten. Von Dingen, die ihn im Herbst beschäftigen, von Veränderungen der Natur, die ihm auffallen, von seinem ganz banalen Alltag. Von Fröschen, der Dämmerung, Schornsteinen, Thermoskannen, der Erde oder der Bienenzucht. Er reflektiert auch über die demütigende Macht der Wespen, die einzigartige Ausprägung von Schamlippen, das Farbenspiel von Benzinpfützen und die Form von Toilettenschüsseln. Ein schräger Mix. Kanusgard-Kenner werden diese Texte womöglich oberflächlich finden, wie eine Light-Version seiner sechs biographischen Bände. Und tatsächlich: Knausgrad geht darin nicht in die Tiefe. In einem leisen, unaufdringlichen Ton erklärt er seiner jüngsten Tochter mit diesen Anekdoten die Welt. Und sein eigenes Leben.

Wenn er über Vergebung schreibt, klingt er wie ein buddhistischer Gelehrter: „Das Geheimnis der Vergebung besteht jedoch darin, dass sie einen Ort entstehen lässt, tief im Einzelnen verwurzelt, an dem kein anderer Macht besitzt, und wenn man einmal dorthin vordringt, wo andere Menschen nichts bedeuten, findet man eine Stärke, die einem keiner nehmen kann.“

Weniger radikal, nicht so schonungslos, und längst nicht so ausschweifend: Knausgrad hat also doch Wort gehalten – „so etwas“ wie seine Tetralogie hat er dann doch nicht verfasst. Nur den Auftakt zu einem vierbändigen Jahreszeiten-Zyklus, der sich ideal als Einstieg für Leser eignet, die sich bis jetzt nicht an Knausgards große Werke getraut haben.

Jetzt fallen nach und nach die Blätter des Kastanienbaums und bedecken den Steinplattenweg auf der Erde, der nur hier und da sichtbar ist.“