Neu im Videostream

Ein junge Polizistin in der Arktis, die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit, die Abenteuer eines sprechenden Bibers, das Engagement gegen die Klimaerwärmung, die Zukunft der Wälder und die biologischen Prozesse des Alterns und Sterbens. So vielfältig und gegensätzlich waren die Themen meiner Moderationen in den vergangenen Wochen.

Mit Peter Wohlleben („Das geheime Leben der Bäume“) und seiner Tochter Carina diskutierte ich überpraktische Tipps für ein Leben mit weniger Konsum und mehr Klimaschutz. Dazu passt Carinas neues Buch „Die Welt ist noch zu retten“. Zum Video hier.

Am Welttag des Buches plauderte ich vor mehr als 50 zugeschalteten Schulklassen mit Autor Rüdiger Bertram und Illustrator Timo Grubing über ihr neues Buch „Biber Undercover“ (cbj). Wir konnten uns vor Fragen der Schüler*innen kaum retten – vielen Dank Euch! Zum Video hier.

In der digitalen Lesungsreihe #readntalk hatte ich Heike Duken („Denn Familie sind wir trotzdem“, Limes), Elisabeth Herrmann („Ravna“, cbj) und Jasmin Schreiber („Abschied von Hermine“, Goldmann) zu Gast – herausgekommen sind spannende Talks, die Ihr auf Youtube oder Litlounge.tv gerne nachgucken könnt.

Klara und die Sonne

Klara möchte eine gute Freundin sein. Sie will sich korrekt verhalten, und sie bemüht sich, es den Menschen in ihrem Umfeld recht zu machen. Also hört Klara genau zu und hält sich an die Anweisungen, die sie bekommt.

Klara ist die Hauptfigur in Kazuo Ishiguros erstem Roman seit seinem Gewinn des Literaturnobelpreises 2017. In „Klara und die Sonne“ (Blessing, übersetzt von Barbara Schaden) erzählt Ishiguro ruhig und feinfühlig aus Klaras Perspektive. Das Besondere daran: Klara ist eine künstliche Intelligenz. Sie wurde dafür programmiert, einem Kind als „KF“ zur Seite zu stehen, als Künstliche Freundin, als effektives Mittel gegen die Einsamkeit.

Seitdem die 13-jährige Josie Klara in einem KF-Laden ausgesucht hat, lebt der Roboter im Haus von Josies alleinerziehender Mutter. Klara spielt und spricht mit Josie, und sie versucht, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Klara beobachtet die Menschen und lernt, aus ihrem Verhalten schlau zu werden. Schritt für Schritt eignet sie sich menschliche Verhaltensweisen und Empathie an.

So, wie Kazuo Ishiguro die KF beschreibt, ist die Maschine rücksichtsvoller, mitfühlender und offener als die Menschen. Diese wirken gestresst und gereizt, getrieben von Perfektionismus und Selbstoptimierung. Kinder wie Josie stehen unter enormem Druck, sich mit guten Noten für die besseren Colleges zu qualifizieren. Das Spielen mit Gleichaltrigen haben sie verlernt; schließlich haben sie KFs. Eine Welt, die nicht allzu weit von der Gegenwart entfernt zu sein scheint.

Mit unheimlicher literarischer Ruhe erweckt Ishiguro Klara zum Leben. Durch ihre aufmerksamen Augen betrachtet, sind die Menschen überforderte Wesen, die sich allein auf die Technik verlassen, wohingegen Ishiguro Klara auf die magischen Kräfte der Sonne vertrauen lässt, die sie wärmen und am Leben erhalten. Wie ein zurückhaltender Therapeut schildert Ishiguro Klaras Gedanken, und da er ebenso wenig wertet wie die KF, eröffnet seine Geschichte einen großen Interpretationsspielraum. Feinsinnige Sciene Fiction mit wenig Technik und viel Gefühl.

Ich habe das Buch am 24. April im Sciene Fiction Special meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Wie weit darf eine Regierung gehen, um Terroristen zu fassen?

Was passiert, wenn Terroristen dem Staat den Krieg erklären? Wenn sie Menschen entführen und erschießen und die Freilassung von Gefangenen verlangen? Wie weit darf eine Regierung gehen, um Terroristen zu fassen?

Diese Fragen waren im Herbst 1977 brandaktuell: Die RAF legte Bomben, nahm Geiseln und erschoss Menschen. Ihre Mitglieder wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, sie traten im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim in Hungerstreik und planten von dort aus neue Anschläge.

Soweit die Ausgangslage von „44 Tage“ (Penguin), eines packenden Politthrillers. Er beginnt mit der Geiselnahme von Hanns Martin Schleyer durch die RAF. Deutschland ist im Ausnahmezustand, die Regierung schlittert von einem Krisenstab zum nächsten, die Ermittlungsbehörden suchen fieberhaft nach den Tätern, viele Bürger haben Angst vor noch mehr Terror und dem Verlust der Ordnung.

Doch wie lässt sich die Ordnung aufrechterhalten, und was passiert mit der Verfassung, den Grundrechten, wenn ein Land gegen Terrorismus kämpft?

Stephan R. Meier konzentriert sich auf diese brisanten Fragen. Er ist der Sohn des damaligen Verfassungsschutzleiters Richard Meier, und sein realistischer Thriller zoomt direkt in die Meetings von Regierung, BKA, BND und Sonderkommissionen. Außerdem begleitet er einzelne Akteure des Dramas in eigenen Kapiteln – etwa einen Polizeibeamten, der von Beginn der Entführung an den Aufenthaltsort der Terroristen ahnte, dessen Hinweise jedoch nicht berücksichtigt wurden.

Ein aufregendes, anregendes Buch, das aktuelle Bezüge herstellt: Denn auch beim Kampf gegen die neuen Rechtsextremen oder gegen Corona müssen die Grundrechte gewahrt bleiben. Stephan R. Meier macht in seinem klugen Nachwort auf eine weitere bedenkliche Parallele aufmerksam: Die Linksextremen von damals und die Rechtsextremen von heute eint ihr Hass auf Israel, ihre antisemitische Haltung.

Ich habe das Buch am 10. April in meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Endlich Sommer!

Wenn die Liebe da ist, kann man nichts gegen sie tun. Vor allem im Sommer. Sie ergreift einen wie ein Sturm, und sie zieht einen mit, in ein neues Leben. Im Fall des 16-jährigen Friedrich, der Hauptfigur in Ewald Arenz neuem Roman „Der große Sommer“ (DuMont), wirkt sich die Sommerliebe sogar auf sein ganzes Leben aus. Das weiß der Teenager natürlich noch nicht, aber er spürt, dass ab einem bestimmten Moment alles anders sein wird.

Dieser Moment, das sind ein paar Sekunden auf dem Sprungturm eines Freibades, im Regen. Friedrich steht oben und will springen, er zögert noch, und plötzlich steht neben ihm ein Mädchen in einem grünen Badeanzug. Mit grünen Augen. Beate.

Fortan beherrscht Beate seine Gedanken und Gefühle, obwohl es doch Mathematik und Latein sein sollten, denen er die Sommerferien widmen sollte. Denn nur wenn Friedrich die Nachprüfung schafft, muss er nicht die Klasse wiederholen. Also büffelt er bei den Großeltern, während seine Eltern und Geschwister am Strand liegen. Das lässt sich nur mit Beate aushalten, und mit Johann, seinem besten Freund, der allerdings am Ende des Sommers in einer psychiatrischen Einrichtung landet.

Ewald Arenz, dem vor zwei Jahren mit „Alte Sorten“ ein Überraschungserfolg glückte, hat eine kleine große Liebesgeschichte verfasst, die zu Tränen rührt. Er erweist sich erneut als bodenständiger Erzähler mit Gespür für bewegende Momente – im Freibad, am Fluss, auf Beates Bett beim Hören von Bossa Nova. Sein Friedrich wirkt sympathisch und authentisch, und sein Stil pendelt sich zwischen tragikomisch und beglückend ein.

Ein zärtlicher Roman übers Verlieben und Erlernen, und über die Wirkung des besten selbstgemachten Marzipans der Welt. Kombiniert mit einem wehmütigen Blick auf die 80er-Jahre mit Telefonzellen, Briefen und Zehnpfennigstücken.

Ich habe das Buch am 10. April in meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Indigenes Meisterwerk aus Kanada

„Auf dem Spielfeld erwachten unsere Träume zum Leben.“

Richard Wagamese erzählt in „Der gefrorene Himmel“ (Blessing, übersetzt von Ingo Herzke) von der Reise eines indigenen Jungen aus der kanadischen Wildnis in die Zivilisation und von der Verwirklichung eines Traums. Gleichzeitig ist es eine erschütternde Tragödie über Ausgrenzung und Unterdrückung. Ein Roman über die Wildnis als Zuflucht – und den Frust übers Anderssein, der in Alkohol und Aggression mündet. Die Handlung spielt in den 1960er und -70er Jahren und basiert auf der Lebensgeschichte des Schriftstellers.

Zum Plot: Der sechsjährige Saul aus Ontario wird als Waise in ein Heim gesteckt. Alles Indianische soll ihm dort ausgetrieben werden, und seine Familie wird als primitiv gebrandmarkt. Für Saul, der die Natur und die Legenden seiner Vorfahren liebt, zerbricht eine Welt. Sein Urgroßvater war Schamane und Fallensteller, und weil er so viel Zeit draußen im Land verbrachte, „sprach das Land zu ihm, erzählte ihm Geheimnisse und Lehren.“

Wie sich zeigt, wird Saul einen Ersatz für seine Familienlegenden finden. Denn der Sportlehrer im Heim unterrichtet Eishockey. Ihm fällt Sauls magisches Talent für das Spiel auf, und er fördert ihn. Nach ein paar Jahren darf der Junge das Heim verlassen und zu einer Pflegefamilie ziehen, die Hockeyspiele zwischen indigenen Mannschaften organisiert. Innerhalb kürzester Zeit steigt Saul zum Star in dieser Szene auf. Im Freilufthockey im arktischen Wind, umgeben von Eis und Schnee, erschafft sich Saul ein neues Zuhause, und in der Gemeinschaft der Spieler findet er Schutz.

In einer kristallklaren, anmutigen Sprache zeichnet Richard Wagamese den Weg seiner Hauptfigur nach. Wenn Saul und seine Teamkollegen bei minus 30 Grad über zugefrorene Seen und Teiche gleiten, glaubt man als Zuschauer am Spielfeldrand mit dabei zu sein. Saul, so scheint es, kann nun nichts mehr passieren. Wagamese weiß jedoch aus eigener Erfahrung, dass sich das Leben eines indigenen Jungen nicht nach Märchenplots ausrichtet. Folgerichtig stürzt Saul in tiefste Abgründe, als er seinen größten Erfolg erreicht: Als Profispieler in der kanadischen Liga, unter Weißen. Zwar setzt sich Saul auch dort mit seinem genialen Spiel durch, doch er muss feststellen, dass er immer nur als Indianer betrachtet wird, als Außenseiter. Seine Teammitglieder, die Zuschauer und die Medien reduzieren ihn ständig auf seine Herkunft, und darüber wächst in Saul Frust und Aggression. Er wird zum Schläger und Alkoholiker, und erst viele Jahre später versöhnt er sich mit der Welt, die offenbar keinen Platz für ihn vorgesehen hatte.

Richard Wagamese verarbeitete in diesem Werk sein eigenes Leben: Als Kind wurde er von seinen Eltern getrennt, wuchs in Heimen und bei Pflegefamilien auf, und wurde erst im Alter von 23 Jahren wieder mit seiner Familie vereint. Der in Kanada vielfach ausgezeichnete und verehrte Schriftsteller starb im Jahr 2017.

Exquisites Vergnügen

Sommer 1968. In Brighton wird ein neuer Kinofilm gedreht, eine dramatische Love Story. Doch das, was hinter den Kulissen des Filmsets passiert, ist noch viel dramatischer und unterhaltsamer als der Streifen.

William Boyd richtet in „Trio“ (Kampa, übersetzt von Patricia Klobuisczy und Ulrike Thiesmeyer) die Scheinwerfer auf eine Schriftstellerin, einen Filmproduzenten und eine Schauspielerin, Elfrida Wing, Talbot Kydd und Anny Viklund. Diese drei haben emotionale Doppelleben voller Geheimnisse und Begierden. Elfrida ertränkt ihre Schreibblockade mit Wodka, Talbot verheimlicht, dass er schwul ist und Anny verliebt sich dauernd in die falschen Männer.

Während der Dreharbeiten eskalieren die verborgenen Wünsche und Hoffnungen, und die bisherigen Leben des Trios geraten aus dem Gleichgewicht. Zwischen Alkohol, Affären, Intrigen, Sex und Betrug erzählt William Boyd seine mitreißende Geschichte.

In seinem 16. Roman begeistert Boyd mit dem kunstvoll komponierten Plot, der das Drama immer mehr zuspitzt. Mit den überzeugenden drei Hauptfiguren, die ihre Rollen und Ziele hinterfragen. Und mit der durch feine Ironie veredelten Sprache.

Ein exquisites Lesevergnügen, wie alle Romane von William Boyd. Ich empfehle zum Beispiel auch seinen vorletzten Roman „Blinde Liebe“ (Kampa, TB bei Heyne), ein grandioses Liebes- und Spionage-Abenteuer wie im Kino auf einer Riesenleinwand.

Ich stelle das Buch heute in meiner Literatursendung auf egoFM vor – ab Montag auch zum Nachhören auf egoFM.de. Zur Show hier. 

Der Schneeleopard

Schneeleoparden zählen zu den seltensten Tieren der Welt. Sie leben meist in 4.000 bis 5.000 Meter Höhe, sie töten blitzschnell ihre Beute im Sprung, und sie sind für Menschen kaum zu erkennen. Deswegen gleicht jeder Versuch, auch nur einen einzigen Schneeleoparden zu entdecken, einem Abenteuer. Und vor allem: Einer schwierigen Übung von Geduld und Achtsamkeit, einer anstrengenden Meditation. Denn nur wer tage- und wochenlang still wartet, hat eine Chance auf eine kurze Begegnung aus weiter Ferne.

In „Der Schneeleopard“ (Rowohlt, übersetzt von Nicola Denis) erzählt der französische Schriftsteller und Abenteurer Sylvain Tesson von seiner Suche nach dem edlen Tier. Gemeinsam mit dem Fotografen Vincent Munier und zwei weiteren Belgeiter*innen reiste Tesson nach Tibet. Auf einer entlegenen Hochebene legte er  sich auf die Lauer und wartete und wartete und wartete. Er beobachtete Wölfe, Yaks, Wildesel, Raubvögel, Gazellen und Füchse, und er wartete weiter auf den Schneeleopard.

Von dieser wochenlangen Zeit der geschärften Aufmerksamkeit, der Stille, der Annäherung, schreibt Sylvain Tesson präzise, elegant und geradezu poetisch. Zum Glück ist er kein selbstverliebter Schwätzer, sondern ein reflektierender, philosophierender Beobachter, der mit Selbstironie nicht spart und einen feinen Humor pflegt. So entsteht aus dem entschleunigten Abenteuer ein kluges Plädoyer fürs Bewahren. Denn Tesson und sein Gefährt*innen sind keine Jäger, keine Wissenschaftler, sondern Künstler. Sie wissen, dass das Tier und die es umgebende Natur ihnen überlegen sind.

Eines Tages taucht tatsächlich ein Schneeleopard auf, stolz, schön, gefährlich und geduldig. Und schon bald verschwindet er wieder. Tesson berichtet von dem Glücksgefühl, ihn gesehen zu haben. Und von der Gewissheit, als Mensch in einer viel niedrigeren Liga zu spielen – als eine lächerliche, zerstörerische Spezies.

Die Erfindung des Dosenöffners

In Tarkan Bagcis „Die Erfindung des Dosenöffners“ (Ullstein) hat Timur einen Traum: Als Star-Journalist wird er über die ganz großen Themen schreiben. Sein Leben wird endlich einen Sinn haben, und natürlich wird er auch seine Traumfrau kennenlernen. Dumm nur, dass es beim Traum bleibt.

Stattdessen steckt Timur in einer Lokalredaktion fest. Der Job ist frustrierend, die Kleinstadt nervt, und Timurs Freunde scheinen Karriere zu machen, ein aufregendes Leben zu führen. Nur er fühlt sich als Loser, gestrandet in der Bedeutungslosigkeit.

Aber dann riecht er sie doch noch, die Hammer-Story: eine alte Frau im Rollstuhl behauptet, dass sie den Dosenöffner erfunden hat und damit reich geworden ist. Timur fährt mit ihr in die Schweiz, und bei dem turbulenten Rod Trip verändert sich sein Blick aufs Leben. Von der coolen, frechen Rentnerin lernt er, dass das Glück manchmal viel näher liegt als man glaubt. Dass das Unspektakuläre erfüllender sein kann als die große Karriere.

Eine herrlich komische Geschichte mit trockenen Kommentaren und köstlichen Vergleichen. Ein Generationen verbindendender, witziger und weiser Roman von Comedy-Profi Tarkan Bagci.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 13. März auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Durch Bosnien im Opel Astra

„Vielleicht ist das Erinnern für mich wie ein zugefrorener See – trüb und glatt -, an dessen Oberfläche sich von Zeit zu Zeit ein Riss auftut, durch den ich meine Hand stecken und ein Detail, eine Erinnerung, im kalten Wasser fassen kann. Doch zugefrorene Seen sind heimtückisch.“

Sara und Lejla, zwei junge Frauen, fahren in Lana Bastašićs Debütroman „Fang den Hasen“ (S. Fischer übersetzt von Rebekka Zeinzinger) in einem Opel Astra quer durch Bosnien. Lejla ist wild und ruppig, sie schmeißt blutige Tampons und alte Kassetten zum Fenster raus. Sara dagegen ist kontrolliert und sie fragt sich, was diese gemeinsame Reise eigentlich soll. Klar, sie wollen nach Wien, denn dort lebt Lejlas Bruder Armin, in den Sara früher verliebt war. Und der eines Tages spurlos verschwunden war. Doch im Grunde genommen kennt Sara Leijla gar nicht mehr, und meist geht sie ihr auf die Nerven.

12 Jahre ist es her, dass Sara Bosnien den Rücken gekehrt hat, um in Dublin ein neues Leben zu beginnen. 12 Jahre herrschte absolute Funkstille zwischen den beiden alten Schulfreundinnen. Jetzt sitzen sie tagelang nebeneinander, auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, und auf der Suche nach Armin. Ein erstaunlicher Freundschaftsroman, sehr wach und scharfzüngig, über heimtückische gemeinsame Erinnerungen. Liest sich wie echte Indie-Literatur mit eigenem Sound, der zwischen rotzfrech und poetisch schwankt.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 13. März auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Tresendialoge in Glasgow

Sie fühlt sich so einsam, dass sie schreien könnte. Und sie vermutet, dass sie unter den Toten besser klarkäme als unter den Lebenden. Die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, die umwerfende Antiheldin aus Simone Buchholz Krimireihe, ist wieder zurück. Endlich.

In „River Clyde“ (Suhrkamp) wirkt Riley kaputter und trauriger als je zuvor. Sie bezeichnet sich als „zerschossene Existenz“, und sie trinkt nach sechsmonatiger Alkoholabstinenz mehr denn je. Vor allem Bier und Whisky. In Dubliner Pubs, denn Riley ist nach Schottland gereist, die Geburtsstadt ihres Ur-Urgroßvaters. Dort soll sie ein Haus erben, und dort stößt sie auf schmerzhafte Familiengeheimnisse.

Die von Simone Buchholz meisterhaft protokollierten Tresengespräche Rileys mit diversen trinkfesten Schotten sind ganz große Literatur. Philosophisch, pointiert, abgedreht, tieftraurig und urkomisch. Es sind Dialoge, die an Raymond Chandler oder James Ellroy erinnern – Buchholz´ Prosa steht jedoch für sich allein, und sie ist wie Chastity Riley selbst: Unverschämt frei von Konventionen, schlagfertig und impulsiv, unverstellt und offen. Hinter der trockenen, lässigen, komischen Oberfläche lauern Einsamkeit und Traurigkeit.

Während Riley Dublin erkundet und ertrinkt, beschattet Kommissar Stepanovic in Hamburg dubiose Immobilienmakler, die als Brandstifter für neuen Baugrund sorgen. Doch der zweite Erzählstrang ist nebensächlich. Entscheidend ist allein, was Riley im grauen Glasgow erlebt, wie sie mit den dunklen Wolken über und in ihr umgeht, wie Bier und Whisky die Kehlen hinunterrinnen, wie der Zigarettenrauch in den Nachthimmel steigt.

Simone Buchholz kratzt nicht an der Oberfläche wie die meisten Autor*innen. Mit ihrer Figur Chastity Riley bricht sie den Boden auf, geht tiefer, und schreibt darüber, wie es dort ist, wo es wehtut. Das geht ans Eingemachte, ans Herz. Es erweitert das Bewusstsein. Und es zeigt, was Kriminalliteratur kann, wenn sie über Grenzen geht.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 13. März auf egoFM vorgestellt und Simone Buchholz interviewt. Zur Show hier.