Ein Roman, fünf Genres

Dieser Roman ist… 1. Eine unkonventionelle Mutter-Tochter-Geschichte 2. Eine herzerwärmende love story 3. Ein großes Drama 4. Ein köstliches Vergnügen 5. Eine bittere Tragödie. Heißt: Er passt in keine Schublade. Das macht die Lektüre zu einem großartigen Abenteuer.

Die britische Autorin Joanna Nadin überreicht ihren Leser*innen mit „Unser wildes Leben und alles dazwischen“ (Limes) eine belletristische Wundertüte. Auf 450 Seiten erzählt sie von Dido, beginnend im sechsten Lebensjahr. 22 Jahre später endet der pointenreiche Roman mit einer Überraschung.

Doch nun von vorne: 1976 zieht Dido mit ihrer Mutter Edie von London in eine Kleinstadt nach Essex. Edie ist Feministin, Trinkerin, Teilzeit-Lesbe und eine Art Pipi-Langstrumpf-Hippiemutter. Sie hasst Spießer, benimmt sich oft daneben, bleibt immer locker und kümmert sich kaum um ihre Tochter. Aus diesem Erziehungsvakuum entwickelt bei Dido der Wunsch nach einer klassischen Familie, nach Ordnung, Regeln und Zuverlässigkeit.

Neben dem Häuschen, das Edie geerbt hat, leben die Trevelyans. Eine Bilderbuchfamilie. Schon bald verbringt Dido mehr Zeit bei Angela, David (den Eltern) und ihren Kindern Harry (ein Mädchen, später Didos beste Freundin) und Tom (ein etwas älterer Junge, später Didos Schwarm) als bei ihrer Mutter. Das sorgt für Konflikte mit Edie, die gern von ihrer Tochter geliebt und respektiert werden würde – doch das Gegenteil ist der Fall. Dido nabelt sich ab, distanziert sich.

Mit Witz und Wärme skizziert Joanna Nadin die Gegensätze zwischen Mutter und Tochter. Die rasanten Dialoge der beiden sprühen vor Eifersucht, Vorwürfen und dem Wunsch, respektiert und geliebt zu werden. Je älter Dido wird, umso mehr rückt Joanna Nadin die Suche ihrer Hauptfigur nach einem zuverlässigen Mann und einer Familie in den Mittelpunkt. Es fällt Dido allerdings schwer, ihren Weg zu finden, und sie gibt ihrer Mutter die Schuld dafür.

Viele Männer, Abstürze und Verletzungen später erkennt Dido, dass Edie durchaus ihre guten Seiten hatte. Sie zieht Bilanz, und sie bittet ihre Mutter um Verzeihung. Nadins Roman strotzt vor Energie und Erzähllust, und hinter der frischen, flotten Schreibe steckt psychologische Tiefe. Und wo bleibt die love story? Sie zieht sich durch den Plot, manchmal still und verzweifelt, manchmal laut und romantisch.

Flucht aus der Sklaverei

„In der Sklaverei gibt es keinen Frieden, denn jeder Tag unter der Herrschaft eines anderen ist ein Tag im Krieg.“

West Virginia, im 18. Jahrhundert. Der elfjährige Hiram schuftet als Sklave auf einer Tabakplantage wie Millionen andere Farbige (so werden sie in diesem Roman genannt). Er muss miterleben, wie seine Mutter verkauft wird und verschwindet. Seitdem hat er das Verlangen und die Sehnsucht, alldem zu entkommen. Seine Chancen stehen nicht schlecht, denn Hiram ist ein kluges Kind, das mehr sieht und begreift als die meisten Erwachsenen. Zudem ist sein Vater der mächtige Plantagenbesitzer, und seine Mutter hat ihm eine übernatürliche Gabe vererbt. Doch zunächst wird Hiram gedemütigt und geschlagen wie alle Sklaven.

In dem imposanten Roman „Der Wassertänzer“ (Blessing) erzählt Ta-Nehisi Coates von Hirams abenteuerlicher Flucht aus der Gefangenschaft. Und von seiner späteren Mitgliedschaft im „Underground“, einer geheimen Gesellschaft von Farbigen. Diese unsichtbare Armee führt einen stillen Krieg gegen die Sklaventreiber. Sie fälscht Ausweise und Briefe, säht Zweitracht unter den Weißen und befreit Sklaven in waghalsigen Rettungsaktionen. Der Underground will die herrschaftliche Ordnung im Süden stürzen und endlich gleiche Rechte für die Farbigen, so wie im Norden, in Philadelphia. Hiram entwickelt sich zu einem der besten Agenten und befindet sich zum ersten Mal im Einklang mit der Welt. Indessen, er will noch einmal zurück nach Virginia – um Thena und Sophia zu retten, die beiden Frauen, die ihm seit dem Tod seiner Mutter am meisten bedeuten.

Ta-Nehisi Coates´ kunstvoller Roman stand im vergangenen Jahr auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste. Völlig zu recht, denn Coates ist ein begnadeter Erzähler und eleganter Wortschöpfer. Aus dem klassischen Historienroman über die Sklaverei entwickelt er gekonnt eine sowohl persönliche als auch politische Geschichte. Coates fängt Hirams Schmerz und sein Leiden ein und all die Demütigungen, denen er und seine Freunde ausgesetzt sind. Doch aus dem Grauen, der Brutalität und Unmenschlichkeit wächst bei seinem Protagonisten der Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit. Diese Entwicklung schildert Coates in flirrend-fließender Prosa wie einen Ausbruch aus einem Gefängnis, wie den Beginn eines zweiten Lebens. Ein zutiefst menschliches, exzellentes Plädoyer für Selbstbestimmung.

Ich stelle dieses Buch auch im Podcast LONG STORY SHORT vor. Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

Wie man nicht zur Beute der Bestien wird

Warnung: Dieses Buch verstört. Macht sprachlos. Und: es begeistert.

„Das wirkliche Leben“ (dtv) von der belgischen Autorin Adeline Dieudonné ist ein brutales Märchen. Erzählt von einem achtjährigen Mädchen, das zum Schluss 15 ist. Es lebt mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder in einer kargen Neubausiedlung: „Etwa 50 graue Einfamilienhäuser, aufgereiht wie Grabsteine.“

Ein Leben in Verbitterung, Depression und Apathie ist für die Bewohner der Siedlung ganz normal. Dazu passt der tägliche Familienterror. Der Vater des Mädchens schlägt seine Frau und verachtet seine Kinder. Adeline Dieudonné zeigt ihn als Bestie, und sie ruft auch in ihren anderen Figuren die Monster hervor, beschönigt nichts. Denn die unterschwellige Botschaft ihres Romans lautet: Das Leben ist blutig, also passt gut auf, wie ihr da rauskommt, und vor allem: wie ihr nicht zur Beute der Bestien werdet.

Das Mädchen beobachtet die tägliche Gewalt aufmerksam und erzählt kühl bis lakonisch von der Wut ihres Vaters, der Opferhaltung ihrer Mutter, der Liebe zu ihrem Bruder. Vom Schrottplatz, auf dem sie vom Wahnsinn der Erwachsenenwelt geschützt ist, vom Hundewelpen, der es begleitet und dem Ziegengehege ihrer Mutter.

Je älter das Mädchen wird, umso klarer erkennt es, dass sie dem Grauen, der Angst und dem Schrecken des Alltags entfliehen muss. Illusionen macht es sich allerdings nicht: „Mein Körper verändert sich. Ich war von einem unbedeutenden kleinen Etwas zu einem abstoßenden kleinen Etwas geworden.“ Es entwickelt einen großen Wissenshunger, verbessert seine naturwissenschaftlichen und mathematischen Fähigkeiten und träumt von der Konstruktion einer Zeitmaschine.

Innerlich errichtet das Mädchen eine Festung, erlaubt sich aber sexuelle Gefühle gegenüber dem Vater der Kinder, auf die sie als Babysitterin aufpasst. Sobald sie ihm nahekommt, erlebt sie „eine Mischung aus Vergnügen und Furcht, ein unbeschreibliches Lustgefühl von beängstigender, unkontrollierbarer Intensität.“

Diese Mischung aus Vergnügen und Furcht überkommt einen auch beim Lesen. Adeline Dieudonné gibt ihrer Hauptfigur eine irritierend formulierungsstarke Stimme. Mit schonungslos offenen Worten sowie skurrilen und brillanten Metaphern entlarvt das Mädchen die Brutalität ihres Vaters und befreit sich Schritt für Schritt von seiner Macht, seiner Wut, seinem Wahn. Eine umwerfende Coming-of-Age-Geschichte über Gewalt, Sex und Physik mit einem wilden Finale.

Die indischen drei ???

Hmmmm. Hier riecht es köstlich nach dampfenden Süßkartoffelwürfeln, bestrichen mit Masala und Limonensaft. Nach Maiskolben, die auf glühenden Kohlen gegrillt werden. Nach Aloo-tikki, dem scharfen Gemüsegericht, nach der Linsenspeise Masoor-dal und Dosa, dem Pfannkuchen aus Reis und Urdbohnen.

Deepa Anappara fängt in ihrem faszinierenden Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ (Rowohlt) die Gerüche und Geräusche ihrer indischen Heimat ein. Motoroller knattern, Hunde bellen, Fahrradrikschas surren, Fernseher und Babys plärren um die Wette. Mit Atemschutzmasken versuchen sich die Menschen vor dem Smog zu schützen. Da Anapparas funkelnde Geschichte in einem Armenviertel (Basti genannt) spielt, riecht man beim Lesen gelegentlich auch die nahegelegene Müllkippe und die gemeinschaftliche Toilettenanlage.

Der neunjährige Jai lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester inmitten des engen, lauten Soziotops. Er sitzt zwar lieber vor der Glotze als zu lernen, aber er streunt auch oft neugierig durch die Gassen, schnappt Gespräche und Konflikte auf. Besorgt beobachtet er, wie korrupte Polizisten Schmiergelder erpressen und mit dem Abriss der illegal erbauten Häuser drohen.

Deepa Anappara porträtiert ihren Ich-Erzähler als sympathischen und schelmischen Jungen, der ständig Krimis und Polizei-Dokus guckt, und deswegen glaubt, selbst ein guter Detektiv zu sein. Prompt gibt es einen Anlass für Jai, aktiv zu werden: Omvir und Bahadur, zwei Kinder aus dem Basti, sind verschwunden. Jai überredet seine Freundin Pari und seinen Kumpel Faiz, mit ihm zu ermitteln. Die drei Hobbydetektive befragen die Eltern der Verschwundenen und recherchieren im verwinkelten Bhoot-Basar. Dort wimmelt es vor skurrilen Händlern, zwielichtigen Gestalten und Straßenkötern. Im Verlauf der turbulenten Handlung verschwinden noch vier weitere Kinder, aus deren Perspektiven Deepa Anappara in kurzen Einschüben erzählt.

Der bunte Kriminalfall wirkt von Beginn an wie ein realistisches Gesellschaftsporträt. Denn Jai erzählt nicht nur von seinen Träumen und Ängsten. Sondern auch von sozialen und religiösen Spannungen, Kastendenken und Kinderarbeit im heutigen Indien. Ein reichhaltiger, beschwingt formulierter Roman, in dem auch diverse Geister und Götter auftauchen, wie in Indien üblich.

Aufrüttelnde US-Kurzgeschichten

12 Kurzgeschichten, in denen sich Nana Kwame Adjei-Brenyah mit voller Wucht auf brisante, brennende Themen stürzt. 12 Kurzgeschichten über Gewalt, Rassismus, ungezügelten Konsum, Ungerechtigkeit und Armut. 12 Kurzgeschichten, die aufrütteln. Sie haben eine ungeheuerliche Energie.

Hier kommt eine neue, aufregende Stimme aus den USA: Nana Kwame Adjei-Brenyah ist 30 Jahre alt, Sohn ghanaischer Eltern, geboren in Spring Valley, New York. 

Adjei-Brenyah erzählt in „Friday Black“ (Penguin) von einem jungen schwarzen Mann, der sich in der weißen Welt anpassen will, aber immer wieder wegen seiner Hautfarbe benachteiligt wird. Aus Frust und Hass wird er gewalttätig wie sein Kumpel.

Eine andere Geschichte spielt in einer Zukunft, in der die Optimierung der menschlichen Gene ganz normal ist. Wer es sich leisten kann, bringt perfekte, ehrgeizige, arbeitswillige Kinder zur Welt. Optimierte Erwachsene bekommen Chips implantiert, mit denen sie zum Beispiel 10 Mal so schnell lesen können wie andere.

Manche der Geschichten sind surreal – die Patienten eines Krankenhauses fliegen einfach davon, Miniaturwesen leben in Hosentaschen, ein Mensch hüpft von Ast zu Ast. Doch die meisten Texte sind schmerzhaft real und radikal. Sie berichten von Ausgrenzung und Ausbeutung. Junge, zeitgenössische Literatur als laute Anklage gegen Missstände – mich hat dieses Buch umgehauen.

„An jenem Morgen ging es, wie jeden Morgen, schon bei der ersten Entscheidung, die er traf, um seine Schwarzheit. Seine Haut war von einem dunklen, regelmäßigen Braun. In der Öffentlichkeit, wo ihn die Leute sahen, war es unmöglich, seine Schwarzheit auch nur annähernd auf 1,5 herunterzuschrauben. Wenn er eine Krawatte und gute Schuhe trug, immerfort lächelte, in Zimmerlautstärke sprach und die Hände eng und ruhig am Körper herabhängen ließ, konnte er seine Schwarzheit auf 4,0 verringern.“

Ich stelle dieses Buch auch im Podcast LONG STORY SHORT vor. Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

Ein Tag am Meer, viel zu heiß

Von oben brennt die Sonne, und in ihm brodeln Schuldgefühle. Der 17-jährige Léonard taumelt durch den letzten Tag seines Campingurlaubs am Atlantik. Während seine Kumpels weiter trinken, rauchen und flirten, ist Léonard tief verunsichert. In der Nacht hat er einem Jungen beim Selbstmord am Strand zugesehen, ohne etwas zu unternehmen. Nun plagen ihn diese düsteren Minuten – hätte er eingreifen sollen, müssen, können? Ablenkung verspricht die verführerische Luce, die ihn auf einmal wahrzunehmen scheint – soll er ihr nachgeben? Darf er das überhaupt noch, nach seiner Untätigkeit?

Auf nur 150 Seiten entwirft Victor Jestin in „Hitze“ (Kein & Aber) ein intensives, atmosphärisches Drama. Der 26-jährige Autor beschreibt Léonards Dilemma in einer flirrenden, die Hitze und Hilflosigkeit erstaunlich gut transportierenden Prosa. Zu Beginn scheint die Hauptfigur völlig gelähmt zu sein, träge schleppt sie sich durch den Sand, und die Zeit scheint kaum vorüberzugehen. Später zieht Victor Jestin das Tempo und seine Erzählfäden an, und man fiebert mit Léonard mit: Hat ihn jemand in der Nacht beobachtet? Wird ihn Luce aufheitern? Ein von Unsicherheit geprägter Tag am Meer, eindringlich beschrieben in knappen Sätzen.

Schlauchboote und Allmählichkeitsschäden

Kürzere Kurzgeschichten kann man kaum schreiben. Sie sind oft nur eine Seite lang, manchmal sogar nur eine halbe, manchmal fünf Seiten. Franz Hohler, der große Meister der kleinen Form, brilliert in seiner neuen Sammlung „Fahrplanmäßiger Aufenthalt“ (Luchterhand) mit pointierten Szenen aus seinem Alltag und seiner Fantasie.

Er beschreibt ein Konzert ohne Ton, in dem das Hören der Stille zum Erlebnis wird – in Coroa-Zeiten ein sehr passender Moment. Und sonst? Hohler beobachtet eine von Bahngleisen getrennte Entenfamilie, wird von Flüchtlingen in einem Schlauchboot auf einem Schweizer Bergsee überrascht, beschreibt Allmählichkeitsschäden (ja, dieses Wort gibt es tatsächlich, zumindest bei ihm!) an Kunstwerken und Menschen und schildert seine Reiseeindrücke aus Sarajevo, Moskau, Kiew und Usbekistan.

Franz Hohler ist ein schlauer, genauer Beobachter. Ein schmunzelnder, aufmerksamer und bisweilen nachdenklicher Flaneur. Seine feine Prosa überrascht mit unvorhersehbaren Wendungen, beschreibt skurrile Begegnungen und sie scheint bisweilen zu schweben. So leicht und doch so literarisch entzückt sie uns.

„Ich bin gerne Dichter. Lebender Dichter.“ schreibt Hohler, nachdem er von einer zufälligen Begegnung in Zürich erzählt. Ein Passant erkennt den 77-jährigen und bekennt überrascht, er habe nicht gewusst, dass Hohler noch lebe. Auch darüber kann Hohler schmunzeln. Und schreiben. Was für ein weiser, wohltuender Schriftsteller!

Paargespräche in Corona-Zeiten

Zu nah, zu eng, zu lange zusammen eingesperrt: In Corona- und Home-Office-Zeiten haben es viele Paare schwerer denn je. Therapeuten warnen: Die erzwungene Gemeinsamkeit kann zu Trennungen führen. Denn die sich normalerweise Liebenden gehen sich auf die Nerven mit all den Macken, die ihre Partner*innen sonst nur am Rande mitbekommen.

Wie tröstlich, dass es auch prominenten Paaren aller Zeiten so geht und ging. Obwohl es früher keine COVID-19-Pandemie gab. In dem hinreißenden Mini-Bildband „Paargespräche“ (C.H. Beck) zeigen Illustratorin Line Hoven und Autor Jochen Schmidt berühmte Paare beim Plaudern. Und vor allem: Sie zeigen, wie sie aneinander vorbeireden. Sich nerven, necken, provozieren. Die kurzen Dialoge sind frei erfunden und doch könnten sie tatsächlich so belauscht worden sein. 

Adam & Eva (im Buch „Eva & Adam“) diskutieren über ihre Paartherapie, Penelope & Odysseus machen Yoga, Prince Philip & Queen Elisabeth streiten über Schuhgrößen und Simone de Beauvoir & Jean-Paul Sartre erinnern mit ihrem Dialog an ein Paar von Loriot. Mit subtilem Humor und feinstem psychologischem Gespür sorgen Line Hoven und Jochen Schmidt für köstliche Schmunzelerlebnisse. Die trockenen, pointierten Gespräche passen perfekt zu den kunstvoll-skurrilen Illustrationen. Und umgekehrt. Ein bezauberndes Buch!

Übrigens: Mit dabei sind auch Caesar & Kleopatra, Gretchen & Faust, Tarzan & Jane, Miss Piggy & Kermit – Winnetou & Old Shatterhand, C-3PO & R2-D2 und viele andere prominente Paare.

Wie man einen Bären kocht

Hier gibt es Moore und Mücken, Berge und Bäche. Natur pur. Mikael Niemis neuer Roman „Wie man einen Bären kocht“ (btb) spielt in einem abgelegenen Dorf in Nordschweden 1852. Doch die vermeintliche Idylle hat eine Kehrseite. Der Umgangston ist rau, das Bildungsniveau niedrig, Gewalt und Armut sind alltäglich. 

Der junge Jussi entflieht seinem Elternhaus und wird von einem protestantischen Geistlichen aufgenommen. Der Erweckungsprediger („Probst“) lehrt dem vernachlässigten samischen Jungen Lesen und Schreiben. Er erklärt Jussi Pflanzen, Blüten und Blätter. Auf ihren Wanderungen sammeln die beiden Gräser und Blumen in einer Botanisiertrommel und legen zu Hause ein Herbrarium an.

Mit Jussi und dem Probst, dem ungleichen Paar, hat Mikael Niemi ein faszinierendes Duo erschaffen. Die glaubwürdigen, sympathischen Protagonisten führen gekonnt in eine zunächst poetisch-herbe, später zunehmend dramatische Geschichte, die phasenweise an den Ton in Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ erinnert.

Als ein Mädchen tot im Wald gefunden wird, glauben die Dorfbewohner, dass sie Opfer eines Bären geworden ist. Bis auf den Probst und Jussi. Sie inspizieren den Tatort, werten Spuren aus und kommen zu dem Schluss, dass ein Mann der Täter war. Nach dem rätselhaften Tod eines weiteren Mädchens erhärtet sich ihr Verdacht. Doch der Dorfgendarm hält an der Bärenlegende fest. Jussi und der Probst werden als Störenfriede und Lügner bezeichnet, und durch ihre unabhängigen Ermittlungen geraten sie in Lebensgefahr.

In knappen, atmosphärischen Sätzen erzählt Mikael Niemi von einem Jungen, dem sich die Welt öffnet, von einem Mann, der für Menschlichkeit kämpft und einem Dorf, das zwischen Rückständigkeit und Fortschritt schwankt. Kann es Gerechtigkeit geben in einem Umfeld, das von Traditionen geprägt und von ursprünglicher Natur umgeben ist? Der Probst glaubt an das Gute, an Bildung und die Güte Gottes – kann er sich mit dieser Haltung durchsetzen?

Ich stelle diesen Roman auch im Podcast LONG STORY SHORT vor („Versteckte Gefühle und eiskalte Morde“). Direkt zu den Folgen hier auf der Podcast-Homepage.

Nix passiert? Doch!

„Ich will einfach nur hier sein, wisst ihr, hier, wo mir nichts passieren kann, weil ja gar nix passiert, wo einfach alles einfach ist, weil es das doch eigentlich auch ist.“

Ein junger Mann aus Berlin zieht vorübergehend zurück in die Provinz, zu seinen Eltern. Dorthin, wo seine alten, von ihm belächelten Schulkamerad*innen leben. Denn Alex, so heißt der Erzähler in Kathrin Weßlings Roman „Nix passiert“ (Ullstein), ist am Ende. Seine Freundin hat ihn verlassen, und der Liebeskummer quält ihn. Alex ist verzweifelt, gelähmt und frustriert. Und alles wird ihm zu viel. Sein „komplett kaputtes Herz“ stürzt ihn in seelische Abgründe.

Die Folge: Plötzlich empfindet Alex Sehnsucht nach dem einfachen Leben, er möchte durchatmen, abschalten, runterkommen – aber geht das so einfach? Kann er das überreizte Großstadtleben gegen seine Vergangenheit eintauschen? Auf dem Land wird Alex mit völlig anderen Lebensentwürfen konfrontiert, mit Doppelhaushälften und Normalität. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Vom hippen, überreizten Berlin kommt Alex ins langweilige, bodenständige Umland.

Hm. Und nun? Welches Leben ist besser, passt besser, fühlt sich besser an? Oder ist alles einfach nur noch zum Kotzen, fragt sich Alex.

Rasant und radikal erzählt Kathrin Weßling vom Gegensatz Stadt/Land sowie von der Suche nach Heimat und sich selbst. Ein Aufbruchsroman, der mitreißt.