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Neuerscheinung

mariana leky, was man von hier aus sehen kann, rezension, günter keilKlar, ein Okapi. Dieses wundersame Tier. Spielt eine wichtige Rolle in diesem wundersamen, wunderbaren Roman von Mariana Leky, „Was man von hier aus sehen kann“ (DuMont).

Also, dieses Okapi taucht ab und zu im Traum einer alten Frau aus dem Westerwald auf, Selma heißt sie. Und wenn es auftaucht, hat das ganze Dorf Angst. Denn es heißt, immer wenn Selma diesen Traum hat, stirbt jemand. Luise, die Enkelin von Selma, hält viel von ihrer Oma. Sie spürt, dass Realität und Traum manchmal ineinander übergehen, und sie beobachtet genau die Erwachsenen in ihrem Umfeld. Da ist zum Beispiel der Optiker, der in Selma verliebt ist und ihr ständig Liebesbriefe schreibt. Das heißt, er beginnt, sie zu schreiben, und fängt immer wieder von vorne an, ohne sie abzuschicken. Gut, dass Luise ihren Hund Alaska hat – der ist nicht ganz so wundersam wie die Menschen. Als sie älter wird, lernt Luise einen buddhistischen Mönch kennen, auch er ein wundersamer, wunderbarer Typ. Kein Wunder, dass sie sich in ihn verliebt.

Mariana Leky erzählt ihre eigenwillige Geschichte mit trockenem Humor und spickt sie mit liebevollen Skurrilitäten. Ihre komischen Figuren geben Janosch-Sätze von sich und landen in Situationen, die an jene aus „Die fabelhafte Welt der Amelie“ erinnern, nur dass eben alles im Westerwald spielt. Zum Glück bewahren die Protagonisten ihre Würde, sie werden nicht zu Witzfiguren, im Gegenteil: immer wieder schimmern entspannte Weisheiten durch ihre Sätze. „Ihr seid alle so bescheuert, es ist nicht zu fassen“ sagt einmal einer. Klar, ist ja auch ein irgendwie bescheuert gutes Buch.

tim winton, inselleben, rezension, günter keil Das Unzähmbare, Unheimliche und Ursprüngliche fasziniert ihn. Den großartigen australischen Schriftsteller Tim Winton zieht es seit seiner Kindheit in die Wildnis. Er muss den Wind, das Wasser, den Regen spüren. Er muss die Tiere sehen und hören, die Pflanzen berühren. Nur dann fühlt er sich lebendig, nur dann kann er atmen und schreiben.

Von seiner tiefen Liebe zur heimischen Landschaft schreibt Winton in seinem neuen Buch „Inselleben – Mein Australien“ (Luchterhand). Es sind sehr persönliche, teils poetische Geschichten, die Wintons enge Beziehung zur Natur erklären. Der 56-jährige wuchs am Rande von Buschland und Sumpfgebieten auf, und schon früh verliebte er sich in Schlangenhalsschildkröten. Die Präsenz der Wildnis, eine Grunderfahrung. Später bewunderte er einen Eremit in seiner Hütte auf einem Felsvorsprung über dem Meer und nahm sich selbst immer wieder Auszeiten, die er unter freiem Himmel verbrachte. “Die Geografie übertrumpft alles. Ihre Logik untermauert alles“ schreibt Winton, der die Weite und den Raum Australiens vermisst, wenn er auf Reisen ist. Dass die Natur auch in Australien unter Druck geraten ist, dass Gier und stetiges Wirtschaftswachstum die Wildnis bedrohen, kritisiert Winton besorgt. Und doch wird das Land immer den Menschen beherrschen und nicht umgekehrt, das spürt der Schriftsteller.

Tim Winton ist ein uneitler, aber kenntnisreicher Erzähler. Seine literarische Liebeserklärung inspiriert zu einer natürlicheren Wahrnehmung – und dazu, die Zivilisation auch einmal hinter sich zu lassen.

Seit Jahrzehnten zehre ich von diesen Erfahrungen; diese Landschaften sind die Grundlage meiner Geschichten und Romane, und noch immer locken sie mich, suchen mich heim, nähren mich.“

lena gorelik, mehr schwarz als lila, rezension, günter keilRatte, Alex, Paul. Zwei Mädchen, ein Junge. Siebzehn Jahre alt, eng befreundet. Alex trägt nur schwarze Klamotten, Paul hat schöne lange Finger, Ratte wäre gern ein Geheimnis. Die drei sind unzertrennlich. Bis eines Tages…

In „Mehr Schwarz als Lila“ (Rowohlt) erzählt Lena Gorelik eine Dreiecksgeschichte, aus der ein Viereck wird. Denn zu Ratte, Alex und Paul kommt Johnny, der junge Referendar, in den sich die Ich-Erzählerin Alex verliebt. Welche Dynamik entsteht, wenn aus drei Freunden vier werden, beschreibt Gorelik in einer lebendigen Sprache voll kurzer, heller Sätze. Sie bleibt nah bei ihren Figuren, und es es faszinierend zu lesen, wie die Jugendlichen sich gegenseitig und das Leben erkunden, erfühlen, erspielen. Gorelik fängt gekonnt ihr Staunen ein, ihre Enttäuschung, ihre Neugier. Alles in diesem Buch steht in Bezug zu Ratte, Alex und Paul. Das macht den Roman dicht, trotz seiner Leichtigkeit.

Eine hinreißende Geschichte über alles, was Freundschaft ausmacht – gepaart mit der Frage, ob das auch etwas mit Liebe zu tun haben kann. Lena Gorelik, die ohnehin nie schwach schreibt, hat mit ihrem fünften Roman eines ihrer besten Bücher vorgelegt.

arundhati roy, lesung, das ministerium des äußersten glücks, günter keilDas Schönste an meinem Beruf sind die Momente, in denen ich mit Künstlern arbeite, die ich bewundere. Arundhati Roy zum Beispiel. Die indische Schriftstellerin („Der Gott der kleinen Dinge“) und Menschenrechts-Aktivistin schätze ich seit vielen, vielen Jahren. Nie hätte ich geglaubt, einmal mit ihr auf einer Bühne stehen zu können. Doch am 13. September ist es soweit. Ich habe die Ehre, Roys Lesung im Münchner Literaturhaus zu moderieren. Die 55-jährige stellt ihren neuen Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“ (S. Fischer) vor – und ich kann es kaum erwarten.

Auch sonst wird der Herbst spannend für mich: Krimilesungen mit Jo Nesbø, Val McDermid, Arne Dahl und Simon Beckett stehen an, ein Auftritt mit dem Kanadier Denis Thériault, außerdem die Web-TV-Reihe „Lit.Crime“ (Ende November auf litlounge.tv, u.a. mit Elisabeth Herrmann und B.C. Schiller) und ein Auftritt mit Lucinda Riley am 11. November in München bei der Lit.Love.

Sieht also ganz so aus, als würde es im Herbst viele Momente geben, die mich meinen Beruf weiter lieben lassen.

lee child, der letzte befehl, rezension, literaturblog, günter keil „Ich sagte nichts. Ich bin gut darin, nichts zu sagen. Ich rede nicht gern.“

Ein typischer Jack-Reacher-Satz. Trocken, lakonisch, auf den Punkt. Genauso wie der Ton aller Jack-Reacher-Romane von Lee Child. „Der letzte Befehl“ (Blanvalet), der neueste Band aus dieser Reihe, geht zurück ins Jahr 1997. Militärpolizist Reacher ist damals 36 Jahre alt, und er wird von seinen Vorgesetzten in die Pampa nach Mississippi geschickt. In Charter Crossing, einem heruntergekommenen Dorf, soll er inkognito eine Mordserie in der Nähe eines Army-Stützpunktes aufklären. Klar, dass Reacher einige lokale Kriminelle in die Quere kommen – doch mit gezielten Faustschlägen, Kopfstößen und einer alten Schrotflinte weiß sich der abgebrühte Soldat zu helfen. Lee Child skizziert erneut perfekt die Nahkampf-Choreografie seines wortkargen Helden. Und er stellt ihm eine attraktive Frau zur Seite: Der Sheriff des Dorfes ist eine Ex-Marine, die ebenso lässig ermittelt wie Reacher. „Der letzte Befehl“ lebt von den knackigen Dialogen und der erotischen Spannung zwischen den beiden Ermittlern. Und vom gewohnt souveränen Einsatz des intelligenten Soldaten. Nicht der beste Reacher, aber trotzdem lesenswert. Und besser als jede der unsäglichen Verfilmungen mit Fehlbesetzung Tom Cruise.

kim thuy, die vielen Namen der Liebe, Rezension, Günter Keil Der Duft von gehacktem und geröstetem Zitronengras hängt in der Luft, von sautierten und in Limettensoße getauchten Bambussprossen. Es sind die typischen Gerüche der vietnamesischen Küche, von denen Bao Vi, die Ich-Erzählerin in Kim Thúys Roman „Die vielen Namen der Liebe“ (Kunstmann) schwärmt. Doch diese Düfte entfalten sich fern der Heimat, in Québec. Bao Vi, ihre drei Brüder und ihre Mutter flüchteten 1975 aus Vietnam, der Vater blieb zurück. Die gebildete Familie zählt zur ersten großen Welle vietnamesischer Flüchtlinge, die in Kanada aufgenommen wurden.

In feinen, klaren Worten berichtet Kim Thúy von Flucht und Familie. Von Traditionen in der Ferne, vom Ankommen in einer fremden Kultur. Ihre Hauptfigur Bao Vi erzählt zurückhaltend von ihrem eigenen Weg und dem Abnabelungsprozess von ihrer Mutter. Ihren Verwandten gilt sie als „zu verwestlicht“, denn sie studiert Jura und widersetzt sich dem Druck der vietnamesischen Exilgemeinde, einen jungen Landsmann zu heiraten. Ein schmales, inhaltlich und optisch mit großer Sorgfalt erstelltes Buch. Ein bemerkenswerter kleiner Roman über große Themen.

hari kunzru, white tears, rezension, literaturblog, günter keil Wow! Was für ein Roman! Originell, vielschichtig, mitreißend. In „White Tears“ (Liebeskind) erzählt Hari Kunzru von zwei jungen Musikproduzenten aus New York.

Seth und Carter sind besessen von alten Bluessongs. In ihrem Tonstudio tüfteln sie an neuen Sounds, die wie früher klingen. Kunzru führt seine Hauptfiguren als ungleiche beste Freunde ein: Da ist Seth, eher schüchtern, pleite, immer auf der Suche nach akustischen Phänomenen. Und da ist Carter, der charismatische Spross einer reichen Familie, steht auf Partys, Clubs und Koks.

Eines Tages beschließen die beiden, einen fiktiven alten Bluessong von 1928 zu basteln und einen Sänger namens Charlie Shaw zu erfinden. Sie stellen den Titel ins Netz – eine Sensation. Doch ein alter Plattensammler warnt Seth und Carter: Charlie Shaw gäbe es wirklich, er sei gefährlich. Und tatsächlich: Von nun an gerät alles außer Kontrolle. Carter wird fast zu Tode geprügelt. Während er im Koma liegt, fährt Seth in den Süden der USA, um dem Geheimnis des Songs näher zu kommen.

Hari Kunzru inszeniert seine Geschichte nun als hypnotischen Road Trip, als Spurensuche über die Ursprünge des Blues. Schließlich macht Seth schockierende Entdeckungen – über Carters Familie, die Aneignung des Blues durch die Weißen und sein eigenes Leben. Kunzrus furioser Roman klingt wie ein künstlerisch hochwertiges Album – mit einem unwiderstehlichen Rhythmus