Proust, Balzac, Kermani – und die Liebe

navid kermani, sozusagen paris, argon, hanser, literaturblog, günter keilSind Romanschreiber nicht alle irgendwie Liebende, die sich – und sei es posthum – nach dir, Leser, verzehren, und gehört nicht die Narrheit zur Liebe dazu?“

Christian Brückner holt kurz Luft – und beginnt zu erzählen. Tiefgründig und höchst vergnüglich, mit einer Prise feiner Ironie. Doch es ist eigentlich nicht Brückner, der hier erzählt, sondern Navid Kermani. Das Hörbuch „Sozusagen Paris“ (Argon / Buch bei Hanser) umfasst einen Abend und eine Nacht im Leben eines Schriftstellers, der Kermani selbst sein könnte. Nach einer Lesung in der Provinz spricht den Autor eine Frau an – Jutta, die große Liebe seiner Jugend, die er in seinem aktuellen Roman beschreibt. Sie ist eine verheiratete Politikerin, und nach einem Spaziergang setzen sich die beiden zusammen. Sie sprechen über die Liebe. Über ihre Beziehungen. Über das, was Proust, Adorno, Guy de Maupassant, Balzac und Stendhal darüber schrieben. Der Ich-Erzähler schmunzelt. Denn genau diese Konstellation – ein Großstadtdichter und eine Gattin aus der Provinz, entspricht einer klassischen Konstellation in der französischen Literatur. Doch der Abend endet nicht als Romanze, sondern als anregende Diskussion bis in den Morgengrauen. Über die Verzückung, die Liebe und Vertrautheit hervorrufen können, und die Tristesse, die sich in langen Beziehungen breitmachen kann. Über Tantra, Emanzipation, Youporn, Elternschaft und den G-Punkt. Kermani spielt dabei ein so intelligentes wie doppelbödiges Spiel. Denn der Schriftsteller in seinem Buch gibt vor, aus dem Wiedersehen mit Jutta und dem langen Gespräch einen Roman machen zu wollen. Dabei ist seine Schilderung des Treffens ja schon ein Roman. Mit witzigen Dialogen und literarischen Reflexionen. Kongenial gelesen von Christian Brückner.

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