Schmerzhaft schön

„Am angenehmsten ist es mir, wenn ich gar nicht daran denke, wer ich bin, wenn ich hinter den Bahngleisen auf dem Prellbock am Wehr sitze, ins Wasser schaue und mir vorstelle, einfach für immer darin zu verschwinden.“

So, jetzt bitte ich um volle Aufmerksamkeit für eine einfühlsame, wundersame Geschichte von Norbert Scheuer: „Mutabor“ (C.H. Beck). Willkommen in der Welt von Nina, einem Mädchen, das in einer Kleinstadt lebt, völlig allein, denn ihre Mutter ist verschwunden, ihr Vater unbekannt und ihre Großeltern sind tot. Nina gilt als Sozialfall und schwierige Außenseiterin, sie wohnt in einer Mansarde, verdient ein bisschen Geld in einer Gaststätte und beim Zeitungsaustragen. Damit möchte sie eine Reise finanzieren, ihre erste, auf der sie hofft, endlich Zugehörigkeit und Glück zu finden.

Angeleitet von der pensionierten Lehrerin Sophia, schreibt Nina Erinnerungen aus ihrer Kindheit auf, und aus ihren Tintenklecksen formt sie Geschichten. Nach und nach verwandelt sich ihre Heimat, das Urftland, in einen Ort voller Märchen und Mythen, den Norbert Scheuer zärtlich und einfühlsam beschreibt. Beim Lesen gleitet man ganz langsam in Ninas grauen Alltag und ihre bunten Gedanken, und die stille Prosa transformiert sich in große Literatur, in eigenwillige Poesie.

Und so sind in diesem Roman folgende Dinge zu bestaunen: lebendig tönende Murmeln, die aus dem Herzen der Erde geboren wurden. Kalifen in Byzanz, die sich in Störche verwandeln. Geschichten, die sich im Kopf als Reiserouten und Schatzkarten erweisen und eine Sammlung von Bierdeckeln, auf denen Gedankensplitter aus der Griechischen Mythologie notiert sind. Zusammen ergibt das alles einen schmerzhaft schönen Roman um ein Mädchen, das nach Wegen zur Lebensbewältigung sucht.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

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