Wütendes Feuer

Mit ihrem Lockdown-Tagebuch „Wuhan Diary“ wurde die chinesische Schriftstellerin Fang Fang weltberühmt. Doch schon zuvor geriet die heute 67-jährige mehrmals ins Visier der Behörden. Ihre Werke verschwinden in China immer wieder aus dem Angebot von Buchläden oder Onlinehändlern. Zudem muss Fang Fang mit heftigen Anfeindungen leben. Der Grund: Sie gilt als regimekritisch, obwohl sie sich vorrangig nur den Problemen der Armen und Entrechteten widmet. Sie gibt Menschen eine Stimme, deren Schicksale sonst meist verschwiegen werden. Allein das stuft die allgegenwärtige Kommunistische Partei offenbar als gefährlich ein.

In ihrem neuesten ins Deutsche übersetzten Roman „Wütendes Feuer“ (Hoffmann und Campe, übersetzt von Michael Kahn-Ackermann) porträtiert Fang Fang eine junge Frau aus dem ländlichen China. Yingzhi, so heißt sie, träumt von einem selbstbestimmten Leben. Und tatsächlich sieht es zunächst so aus als ob sie sich von den rückständigen Rollenbildern und Moralvorstellungen ihres Dorfes frei machen kann. Sie hat Auftritte als Sängerin einer kleinen Band, spart Geld auf einem eigenen Konto und kauft sich schöne Kleider.

Doch dann wird Yingzhi schwanger. Von einem Mann, mit dem sie eigentlich nur ein paar Nächte verbringen wollte. Die Tradition zwingt sie jedoch, den Vater des Kindes zu heiraten und in sein Elternhaus einzuziehen. Dort wird sie wie Dreck behandelt, denn Frauen gelten auf dem Land als minderwertige Ware, die nur einen Zweck hat: ihren Männern und Familien zu dienen. Yingzhi versucht mehrmals, aus dieser Rolle auszubrechen, doch sie muss schuften, während ihr spielsüchtiger Mann ihr Geld verprasst. Darüber hinaus wird die junge Frau geschlagen, gedemütigt und vergewaltigt.

Yingzhi besteht allerdings weiterhin auf ihren eigenen Plänen, bleibt lebenshungrig und widersetzt sich den Zwängen der Dorfgemeinschaft. Diese Haltung hat ihren Preis: „Nacht für Nacht überfällt mich das Gefühl, von Flammen verfolgt zu werden. Von einem rasenden Feuerball, dessen Flammen hoch in den Himmel schlagen.“ schreibt Fang Fang im Namen und aus der Perspektive von Yingzhi. Deren Leidensweg beschreibt die Schriftstellerin realistisch und schonungslos. Sie leuchtet die brutale frauenfeindliche Welt aus, und so wird ihr Roman zu einer Anklage, zu einer Dokumentation des Grauens. Über die Erzählung des Einzelschicksals kritisiert Fang Fang indirekt nicht nur die Zustände in China, sondern auch überall sonst, wo Frauen ungerecht behandelt werden.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung bei egoFM vorgestellt – ihr hört alle Folgen der Show hier im Stream (ohne Musik).

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