Wilhelm Tell, radikal modern erzählt

„In diesen Höhen sind alle Menschen auf ihr Fundamentales reduziert“

Rasant, radikal und hochmodern – so klingt die Geschichte des Wilhelm Tell in Joachim B. Schmidts aktuellem Roman „Tell“ (Diogenes), und so wurde tatsächlich noch nie über den Schweizer Freiheitskämpfer geschrieben. Joachim B. Schmidt zeigt Tell als zerrissene Figur, die auf einem abgelegenen Hof lebt, in tiefer Armut, von Schuld und Angst geplagt, in einer archaischen Welt, in der Tod, Rache, Unterdrückung und Hass zum Alltag gehören.

In kurzen Sequenzen von jeweils nur ein bis drei Seiten jagt der Autor über Berge, durch Täler, an Felswänden entlang, er zeigt schonungslos die harten Lebensbedingungen und die brutalen Methoden der regierenden Landesherren. Die Menschen kämpfen gegen die Natur und ums Überleben, sie schwingen Holzkeulen und Äxte, und natürlich steuert dieses Abenteuer auf die legendäre Szene zu, in der Wilhelm Tell seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schießt, aus 50 Schritt Entfernung, mit einer Armbrust.

Ich finde es sensationell, wie Joachim B. Schmidt diesen historischen Stoff modernisiert hat, mit schnellen Schnitten, im Präsens, aus rund 20 Perspektiven erzählt. Ein einzigartiger Stil. Mit einem Plot, der an Dynamik kaum zu überbieten ist. Ein herausragendes Beispiel, wie man alter Literatur eine völlig neue Form geben kann.

Joachim B. Schmidt ist am Samstag, 23. Juli, zu Gast in meiner Literatursendung bei egoFM. Die Show läuft von 14-16 Uhr live und ist ab 25.7. auf egoFM.de im Stream ohne Musik nachzuhören.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..