Was passiert, wenn wir keine gedruckten Bücher mehr lesen?

Klar, wir lesen noch. Sogar gedruckte Bücher. Aber wie lesen wir diese? Und was passiert in uns, wenn wir immer mehr an Bildschirmen lesen? Die US-Wissenschaftlerin Maryanne Wolf, Professorin für kindliche Entwicklung, Kognitions- und Literaturwissenschaftlerin, schaut genau hin. Sie forscht und lehrt über die Auswirkungen des Lesens aufs Gehirn, und sie schreibt darüber: In „Schnelles Lesen, langsames Lesen“ (Penguin) führt sie anregend, aufregend und ausgewogen in die Leseschaltkreise im Gehirn, erklärt die Macht unserer inneren Bilderwelt und beleuchtet die Aktivierung der Sprachnetzwerke. Wolf spricht ihre Leser*innen direkt an, schreibt ihnen neun Briefe, sprich: neun Kapitel.

„Lesen hat die Macht, das Leben eines Menschen tiefgreifend zu verändern“ schreibt Wolf. Sie feiert die menschliche Errungenschaft des lesenden Gehirns und erzeugt eine klare Vorstellung davon, was beim Lesen im Kopf passiert. Das Eintauchen ins ausformulierte Denken anderer Menschen ermögliche neue Sichtweisen, hinterfrage Vorurteile und schule unsere Fantasie. Allerdings: Wie steht es heute um diese Fähigkeiten? Der Wechsel von der alphabetisierten, druckbasierten Kultur zu einer viel schnelllebigeren digitalen Bildschirmkultur ist Realität.

Maryanne Wolf zitiert Studien, Schriftsteller und Philosophen, und sie kommt zu klaren Schlüssen: Das Bildschirmlesen verführe zum Querlesen, Überspringen und flüchtigen Lesen. Es ergebe einen anderen Bezug zu Themen, bleibe oberflächlich und verringere das Gefühl für den Verlauf und Ablauf von Geschichten. Für offene, demokratische Gesellschaften so wichtige Fähigkeiten wie das Erfassen, Analysieren, Durchdenken komplexer Zusammenhänge sowie Empathie drohten zu verkümmern: „Die Illusion, durch eine tägliche Flut an mundgerechten Informationshäppchen wirklich informiert zu werden, hat das Zeug dazu, die kritische Auseinandersetzung mit komplexen Wirklichkeiten zu korrumpieren.“

„Was wir verlieren, wenn wir keine gedruckten Bücher mehr lesen“, der Untertitel des Buches, ist Wolfs großes Thema. Sie verteufelt neue Medien keinesfalls, plädiert jedoch dafür, die alten Lesetechniken weiter zu lehren. Wolf will aufklären, und das gelingt ihr mit diesem sowohl kompetenten als auch persönlichen Buch hervorragend. Lohnende Lektüre für alle Leser und Nicht-Leser.

Im Podcast „Long Story Short“ haben wir übrigens auch vor kurzem über dieses Thema diskutiert. Mehr hier direkt in der Folge „Die Zukunft des Lesens“. 

13 Gedanken zu “Was passiert, wenn wir keine gedruckten Bücher mehr lesen?

  1. Bücher waren von klein auf stets meine „besten Freunde“. Daran wird sich nie etwas ändern und am liebsten bevorzuge ich noch immer „Hardware“ 😉👍

  2. Vielen Dank für diese Rezension. Ich bemerke bei mir selbst, nicht mehr richtig lesen zu können. Die Konzentrationspanne ist zu kurz. Das gibt sich, sowie ich auf mediale Diät gehe. Ein inspirierender Beitrag.

  3. Hallo,

    das ist ein sehr interessantes Thema, über das ich mir schon Gedanken gemacht habe!

    Seit Jahren zerschießt mir meine Multiple Sklerose mit Sehnerventzündungen graduell das Sehvermögen, und ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich Printbücher höchstens noch im Großdruck lesen kann. Daher bin ich schon seit einer Weile umgestiegen auf eBooks, bei denen ich mir die Größe hochstelle auf 200% oder mehr, und kaufe mir Bücher, die mich begeistert haben, nur noch als Printbuch, damit ich sie ins Regal stellen kann.

    Ist ein eBook das Gleiche wie Bildschirmlesen? Mein eBook-Reader sieht täuschend echt wie eine Buchseite aus, aber eigentlich ist es ja dennoch irgendwie ein Bildschirm.

    Was ich ganz klar sagen kann: es gibt einen *gravierenden* Unterschied zwischen dem Lesen mit dem eBook-Reader, bei dem ich keinen Zugriff aufs Internet habe (schlichtweg aus guten Gründen niemals eingerichtet!) und dem Lesen auf dem Bildschirm meines Tablets, mit allen Verlockungen von FB, Youtube, Twitter, Instgram, Nachrichten oder einfach nur den Webseiten, auf denen ich meine Kunst poste. Da merke ich direkt, wie meine Aufmerksamkeit zerfasert!

    Jetzt werde ich mal zum Podcast weiterreisen!

    LG,
    Mikka

    • Liebe Mikka, ja das ist ein wichtiger Punkt: E-Reader sind ein Segen für Leser*innen mit Sehschwierigkeiten! Den Großdruck gibt es ja leider nur selten. Aber toll, dass Du Dir Printbücher trotzdem auch fürs Regal kaufst! Das Zerfasern der Aufmerksamkeit, wie Du es beschrieben hast, kennen wir inzwischen alle, und ich versuche, wieder dagegen anzutrainieren. Öfter mal alles aus, was stören könnte, für einige Stunden. Und prompt ist das ungeteilte Interesse wieder da. LG

  4. Überhaupt ist die Haptik kein so unwichtiger Faktor. Wer nach einem Buch greift und darin liest, verortet Informationen klarer als über den ständigen Wechsel diverser Webtabs. Habe es zumindest selbst so erlebt.

    • Stimmt absolut! Ich habe auch immer das Gefühl, viel näher am Inhalt dran zu sein, wenn ich das haptische Erlebnis spüre. Beim Bildschirmlesen brauche ich dazu länger oder es stellt sich gar nich ein…

      • So ähnlich verhält es sich auch mit dem handschriftlich und dem getippten Text. Von der Hand Geschriebenes bleibt besser im Kopf. Ich habe seit einigen Jahren zwar einen Tolino, aber so richtige Freunde sind wir nicht. Er bleibt nur Ersatz.

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