Archiv

Schlagwort-Archive: Walter Kirn

IF„Ich war kein Opfer, ich war ein Mittäter“ hat mir der amerikanische Schriftsteller Walter Kirn gestern auf seiner Lesung im Fürstensaal der Bayerischen Staatsbibliothek erzählt (Foto). Kirn war mehr als zehn Jahre lang mit einem Mann befreundet, der sich später als Mörder, Hochstapler, Betrüger und Kidnapper entpuppte. Wie das passieren konnte, und welche Gemeinsamkeiten Hochstapler und Schriftsteller haben, beschreibt Kirn eindrucksvoll in seinem Buch „Blut will reden“ (C.H. Beck). Besonders pikant: Sein ehemaliger Freund „Clark Rockefeller“ (Christian Gerhartsreiter, ein zu 27 Jahren verurteilter Psychopath) ließ sich von Literatur und Film zu seinen Verbrechen inspirieren. Kein Zufall, meint Kirn. Denn: „Auch ich als Schriftsteller erfinde Biografien und Geschichten und belüge die Menschen mit dieser fiktionalen Welt. Rockefeller tat dasselbe, nur dass er selbst in seinen Lügen lebte. Der große Unterschied besteht nur darin, dass mein Beruf gesellschaftlich akzeptiert ist und seiner nicht.“ Warum hat Walter Kirn aus diesem Stoff keinen Roman gemacht? „Weil es viel zu unglaubwürdig geklungen hätte. So einen Mörder und Hochstapler gibt es nur in der Realität – meine Leser hätten mir ihn niemals abgekauft.

Zur Rezension: https://guenterkeil.wordpress.com/2014/09/15/walter-kirn-blut-will-reden-christian-bruecjner-literaturblog-guenter-keil/

kirn2Niemand liest so wie er. Und niemand ist beim Vorlesen so erfolgreich wie er: Christian Brückner. Seine Projekte wählt er mit Bedacht. Auch diesmal. „Blut will reden“ (Parlando) von Walter Kirn ist ein außergewöhnliches Buch (C.H.Beck). Ein starker Mix aus Psychogramm, Gerichtsdrama und Biografie. Worum geht´s? Um Kirns Freundschaft zu Clark Rockefeller, einem reichen Sonderling, der sich als Serienbetrüger, Kidnapper und Mörder entpuppte. Und nicht nur das: Hinter der Rockefeller-Fassade verbarg sich der deutsche Psychopath Christian Herhartsreiter. All das konnte Walter Kirn nicht ahnen, als er 1998 zum ersten Mal Rockefeller traf. Heute, 15 Jahre später, rechnet Kirn mit Rockefeller/Herhartsreiter ab. Und mit sich selbst: „Ich rationalisierte, rechtfertigte, vermutete. Ich hatte mich ebenso angestrengt, hinters Licht geführt zu werden, wie er daran gearbeitet hatte, mich hinters Licht zu führen. Ich war kein Opfer; ich war Mittäter.“ Der Verlag nennt das Buch „eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade“. Und tatsächlich: Wie in Patricia Highsmiths Mr. Ripley-Romanen staunt man über den Einfallsreichtum des Verbrechers. Dass Rockefeller ein echter Mr. Ripley ist und Kirn ihn aus nächster Nähe beobachten konnte, macht die Lektüre noch fesselnder. Dass Kirn ein virtuoser Erzähler ist, bewies er mit „Up in the air“, verfilmt mit George Clooney. Nun zeigt er sich nun nicht nur als brillanter Unterhalter, sondern als nachdenklicher Essayist. Ein Hör-Erlebnis erster Klasse!

Am 17. November moderiere ich Walter Kirns Lesung in der Staatsbibliothek München.