Interview

Im Interview: Ulrich Tukur

urheber180Schauspieler Ulrich Tukur (Foto: Katharina John) ist nun auch Autor. Ganz offiziell. Kann er das? Ja. Und wie. Ich habe mit dem 56jährigen gesprochen – hier Auszüge aus dem Interview:

Herr Tukur, Sie nennen Ihren ersten Roman „Novelle“. Bei diesem Wort denkt man eher an Kleist, Fontane und Storm als an aktuelle Belletristik. Ich wollte unbedingt, dass diese Geschichte eine „Novelle“ sei. Es ist ein hübsches, altmodisches Wort und klingt wirklich nach Theodor Storm, den ich im Übrigen sehr verehre. Und wenn man davon ausgeht, dass eine Novelle ein kurzer Roman ohne allzu komplexe Handlungsstränge ist, dann ist mein Buch vielleicht ja auch im germanistischen Sinne eine Novelle.

Die „Spieluhr“-Covergestaltung wirkt retrospektiv, außerdem verwenden Sie die alte Rechtschreibung und springen aus der Gegenwart mehrmals in die Vergangenheit. Was haben Sie gegen die Moderne? Gar nichts. Aber das Buch sollte ein ästhetisches Gesamtkunstwerk sein. Eines, das sich nicht an der Wirklichkeit abarbeitet – ich wollte eine Art schwarz-romantisches Märchen schreiben. Dazu passen der Einband, das Papier, die Schrift und vor allem die Sprache. 

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben? Sprache ist für mich nicht nur das Mittel zur Weitergabe von Informationen, sondern auch ein Wert für sich. Sie soll musikalisch sein, klingen, schön sein – ohne dabei zum reinen Dekor zu verkommen. „Die Spieluhr“ ist in einer Sphäre angesiedelt, in der Gegenstände unserer Wirklichkeit wie Autos, Flugzeuge, Kühlschränke als sonderbare Erinnerungen einer versunkenen Welt aufscheinen. Die Traumwelt der Spieluhr ist die wirklichere Wirklichkeit.

Das klingt, als ob Sie gerne aus der Realität flüchten. Ich glaube, dass sich um uns herum Dinge abspielen, die mit den rationalen Mitteln der Wissenschaft nicht zu erfassen sind. Man muss ein Sensorium für das Geheimnis haben und es respektieren. Ich lebe in allen möglichen Zeiten und Welten, ich tanze Tango in einem Berliner Nachtlokal 1927, jage Auerochsen mit keltischen Kriegern am Oberlauf der Donau oder sitze bei Kerzenlicht in einem kleinen Tübinger Turmzimmer und schreibe ein romantisches Gedicht mit Federkiel und Tinte.

Wie schreiben Sie selbst? Ich trage immer ein großes schwarzes Notizbuch bei mir und einen alten, silbernen Druckbleistift. Damit notiere ich, was mir einfällt. Mit einem Kugelschreiber oder Filzstift kann ich nicht schreiben.

Also nutzen Sie keinen Laptop? Doch, aber nur zum Übertragen und Sortieren meiner Notizen. Im schöpferischen Vorgang selbst hat die Elektronik nichts verloren, da bin ich strikt analog.

 

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Magisch: Ulrich Tukurs Reisen

tukuSo, so. Eine Novelle soll das sein. Sagt Ulrich Tukur. Und tatsächlich: die nahezu vergessene Etikettierung passt zu seinem Stil – und zum Inhalt. Denn „Die Spieluhr“ (Ullstein) beginnt zwar in der Gegenwart, springt aber in vergangene Zeiten. Geschrieben ist die Geschichte in klug gewählten Worten mit nostalgischer Note und in alter Rechtschreibung. Zur Handlung: ein deutscher Schauspieler erkundet nach Dreharbeiten in Frankreich ein altes Schloss. Dort stößt er auf Spuren des Mannes, dessen Rolle er vor der Kamera gespielt hat – Wilhelm Uhde, ein Kunstsammler, der als Entdecker von Picasso und Rousseau gilt. Der Schauspieler taucht in die Welt Uhdes ein und entdeckt magische Bilder. Weitere mysteriöse Erlebnisse folgen. „Was in aller Welt ging hier vor?“ fragt sich der Schauspieler. Auch Tukurs Leser fragen sich, wo sie sind: in der Realität oder in einem Traum, in einem Märchen oder in einem historischen Roman? Die Reisen durch Zeiten und Welten könnten verwirren oder aufgesetzt wirken, doch Tukur macht das Unwirkliche wirklich. Er erzählt ein Märchen mit realen Figuren, eine verspielte, kurze Geschichte. Seine Novelle ist eine Liebeserklärung an die Macht der Malerei und die Magie der Musik. Mehr über Tukur bald hier im Blog – ich habe ein spannendes Interview mit ihm geführt.