Australiens Tschick

„Zum ersten Mal in meinem Leben weiß ich, was ich will, und ich habe alles, was ich dafür brauche. Wenn ihr so was noch nie erlebt habt, tut ihr mir leid. Aber es war nicht immer so. Ich bin durchs Feuer gegangen, um so weit zu kommen. Ich habe Sachen gesehen und getan und Scheiße erlebt, wie ihr es euch kaum vorstellen könnt. Also freut euch für mich. Und kommt mir verdammt nochmal nicht in die Quere.“

Dieser packende Roman katapultiert einen direkt in die Hitze und Dürre Australiens. Tim Wintons „Die Hütte des Schäfers“ (Luchterhand) spielt in der weiten Wildnis. Dorthin flüchtet Jaxie, ein 15jähriger, der die Schnauze voll hat. Der Schulschwänzer wurde dauernd von seinem Vater verprügelt, seine Mutter starb an Krebs – jetzt sucht Jaxie ein Abenteuer fern der Zivilisation. Mit einem Gewehr im Anschlag und viel Wut im Bauch.

Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben. Aber Jaxie hält durch, er schleicht wie eine Eidechse durchs Gebüsch, schießt Kängurus und Ziegen. Eines Tages stößt er auf Fintan, einen alten Einsiedler, der in einer Hütte im Niemansland lebt. Die beiden umkreisen sich erst misstrauisch wie verfeindete Tiere, doch dann baut Jaxie sein Lager in der Nähe auf, und die zwei Ausreißer bilden ein Team. Gegen Ende geraten sie in tödliche Gefahr – das Finale ist unfassbar spannend.  

Ein starker Roman, fast so wie eine krasse australische Version von Wolfgang Herrndorfs Tschick, und hat mich an den Kinofilm Into the Wild von Sean Penn erinnert. Ein wildes, herausragendes Stück Literatur.

Liebeserklärung an die australische Wildnis

tim winton, inselleben, rezension, günter keil Das Unzähmbare, Unheimliche und Ursprüngliche fasziniert ihn. Den großartigen australischen Schriftsteller Tim Winton zieht es seit seiner Kindheit in die Wildnis. Er muss den Wind, das Wasser, den Regen spüren. Er muss die Tiere sehen und hören, die Pflanzen berühren. Nur dann fühlt er sich lebendig, nur dann kann er atmen und schreiben.

Von seiner tiefen Liebe zur heimischen Landschaft schreibt Winton in seinem neuen Buch „Inselleben – Mein Australien“ (Luchterhand). Es sind sehr persönliche, teils poetische Geschichten, die Wintons enge Beziehung zur Natur erklären. Der 56-jährige wuchs am Rande von Buschland und Sumpfgebieten auf, und schon früh verliebte er sich in Schlangenhalsschildkröten. Die Präsenz der Wildnis, eine Grunderfahrung. Später bewunderte er einen Eremit in seiner Hütte auf einem Felsvorsprung über dem Meer und nahm sich selbst immer wieder Auszeiten, die er unter freiem Himmel verbrachte. “Die Geografie übertrumpft alles. Ihre Logik untermauert alles“ schreibt Winton, der die Weite und den Raum Australiens vermisst, wenn er auf Reisen ist. Dass die Natur auch in Australien unter Druck geraten ist, dass Gier und stetiges Wirtschaftswachstum die Wildnis bedrohen, kritisiert Winton besorgt. Und doch wird das Land immer den Menschen beherrschen und nicht umgekehrt, das spürt der Schriftsteller.

Tim Winton ist ein uneitler, aber kenntnisreicher Erzähler. Seine literarische Liebeserklärung inspiriert zu einer natürlicheren Wahrnehmung – und dazu, die Zivilisation auch einmal hinter sich zu lassen.

Seit Jahrzehnten zehre ich von diesen Erfahrungen; diese Landschaften sind die Grundlage meiner Geschichten und Romane, und noch immer locken sie mich, suchen mich heim, nähren mich.“

Australiens bester Schriftsteller

wintonWer? Tim Winton? In Deutschland relativ unbekannt, in seiner Heimat Australien ein Star, ausgezeichnet mit den wichtigsten Literaturpreisen. Sein neuer Roman „Schwindel“ (Luchterhand) macht fast schwindelig, so gut ist er geschrieben, in einem faszinierend lässigen Ton, der irgendwo zwischen T.C. Boyle und Karl Ove Knausgard liegt. Winton porträtiert Tom Keeley, einen ehemaligen Star der Umweltbewegung. Der Mittvierziger ist arbeitslos, geschieden, verbittert und träge. Doch eines Tages wird Keely aus dem Rausch des Selbstmitleids gerissen. Nebenan zieht Gemma Buck ein, eine Freundin aus Kindertagen. Auch Gemma ist gescheitert, auch sie hat hohe Schutzmauern um sich errichtet. Ihr sechsjähriger Enkel Kai lebt bei ihr, denn seine drogenabhängige Mutter sitzt im Gefängnis. Obwohl sich Keely gegen einen näheren Kontakt sperrt, entsteht eine Bindung zu seinen neuen Nachbarn. Skepsis weicht Neugier, und wie in Zeitlupe entwickelt sich Zuneigung. „Schwindel“ ist ein herausragender Roman über Mitgefühl und Menschlichkeit, der gegen Ende so spannend wird wie ein Thriller. Für mich ist Tim Winton ganz klar: Australiens Bester!