Archiv

Schlagwort-Archive: Stefan Bollmann

goetheGoethe? Ist der nicimagesht total out? Im Gegenteil, sagt der Bestsellerautor & Literaturwissenschaftler Stefan Bollmann (Foto) in „Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist“ (DVA). Bollmanns Bestseller wie „Frauen, die lesen, sind gefährlich“ wurden in 16 Sprachen übersetzt und verkauften sich eine halbe Million Mal. Ich habe den 58-jährigen interviewt – hier Auszüge:

Warum haben Sie sich ausgerechnet Goethe neu vorgenommen? Goethe ist eine Institution, nicht nur in Deutschland, eigentlich in der Weltliteratur. Obwohl er beinahe zu Tode interpretiert worden ist, hat mich an ihm gereizt, dass man ihm immer noch neue, unbekannte Seiten abgewinnen kann.

Welche denn? Seltsamerweise ignorieren wir die sexuellen Fantasien des jungen Goethe, obwohl er selbst darüber geschrieben hat. Wir unterschätzen oft seinen Unabhängigkeitsdrang und seinen Erfahrungshunger, obwohl es dafür großartige Zeugnisse gibt. Und wir sehen nicht, dass für ihn das Wichtigste war, ein eigenes Leben zu führen. In dieser Radikalität und Konsequenz wie Goethe hat das vor ihm noch niemand versucht – und damit hat er auch heute noch jungen Leuten etwas zu sagen.

Kann ein Mann, der 1749 geboren wurde, wirklich noch Ratgeber sein? Davon bin ich überzeugt! Goethe zeigt uns bis heute, wie man ein Leben führt, das wirklich ein eigenes Leben genannt werden kann. Und wollen wir das nicht alle? Er ist einer Umbruchzeit groß geworden: Der Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763, der so etwas wie ein erster Weltkrieg war, hatte dazu geführt, dass sämtliche Traditionen und Orientierungsmuster abwirtschafteten. Goethe sprach von einer „nullen Epoche“: Man musste sich selbst neu erfinden, für die eigenen Gefühle und Gedanken eine neue Sprache kreieren. Eine ungeheure Herausforderung für einen jungen Mann, die Goethe mutig angenommen hat.

Sie schreiben, dass uns Goethe vor allem wertvolle Tipps für das Liebesleben und die Leidenschaft liefern kann. Wie kommen Sie darauf? Ein sehr konkreter Tipp ist sicherlich, sich niemals aus Liebeskummer umzubringen. Goethes Werther tut das zwar, aber Goethe selbst hat das als einen Stellvertretertod gesehen. Er ließ seine Romanfigur sterben, um selbst am Leben bleiben zu können. Schreiben war hier so etwas wie Krisenbewältigung, Therapie. Ein weiterer Tipp ist, die Liebe nicht zu unterschätzen. Letztlich, so meine Goethe, entscheidet die Liebe über Wohl und Wehe unseres Lebens. Dabei muss Liebe nicht einmal unbedingt erwidert werden. Eine seiner Frauenfiguren, ein sehr liebenswertes Luder, lässt er sogar sagen: „Wenn ich dich liebe, was geht’s dich an.“

Das komplette Interview erscheint Ende August in der Abendzeitung sowie im Mantel von Landshuter Zeitung & Straubinger Tagblatt. Mehr über Stefan Bollmann hier.

bollmannAusgerechnet ein Mann weiß am meisten über die weibliche Leseleidenschaft: Stefan Bollmann, Literaturwissenschaftler und Bestsellerautor („Frauen und Bücher“, DVA). Wie angekündigt, hier der zweite Teil meines Interviews:

Wie verschafften sich Frauen früher Zugang zu Büchern? In gebildeteren Häusern, etwa in der Familie von Virginia Woolf, lief das über die Bibliotheken der Männer. Woolf und ihre Schwester durften zwar nicht zur Schule gehen, aber ihr Vater ließ die beiden in seiner gut bestückten Bibliothek lesen, was sie wollten. Noch um 1900 war das die Ausnahme, denn oft wurden bestimmte Bücher vor Frauen versteckt oder sogar weggesperrt. Für Woolf war Literatur ihre Bildung.

Was fasziniert Sie an Woolf? Dass sie ihr Leben lang das Lesen geliebt und gefeiert hat. Obwohl sie selbst oft schwierige Avantgardeliteratur schrieb, verschmähte sie den gewöhnlichen Leser nicht, also uns alle. Kurz nach ihrer Heirat kaufte sie mit ihrem Mann eine handbetriebene Druckmaschine, um nicht der Willkür von Verlegern ausgesetzt zu sein. Vormittags schrieben die beiden, und nachmittags produzierten sie mit der Maschine auf dem Küchentisch ihre eigenen Bücher. Das war mühsam und aufreibend, aber letztlich der Grundstein für ihre Karriere.

Am Ende Ihres Buches fragen Sie anlässlich des Erfolges von „Shades of Grey“: Was ist nur mit den Frauen los? Ja, was denn? Ich meine das ironisch. Denn wie ja bereits Mary Wollstonecraft herausfand, gab es schon immer auch weibliche Schundliteratur. Ich sehe das entspannt. Im Grunde genommen ist „Shades of Grey“ eine moderne Version von „Pamela“ von 1740. Schon damals ging es um eine junge, unschuldige Frau, die einen sadistischen Mann umerzieht. Interessant ist, dass „Shades of Grey“ aus weiblicher Fan Fiction entstanden ist, denn E. L. James schrieb ja ursprünglich einfach nur zum Vergnügen die Vampirromane von Stephanie Meyer weiter. Diese waren jedoch so prüde, dass man darauf wohl zwangsläufig mit jeder Menge Sex antworten musste.

Wie sehen Sie die Zukunft des weiblichen Lesens? Positiv! Ich beobachte eine neue Generation von Leserinnen, die trotz aller anderen Angebote und technischer Entwicklungen an der Literatur festhalten. Schauen Sie mal ins Internet: es gibt unzählige Blogs und Lesekreise, in denen Frauen den Ton angeben und die Literatur feiern. Und ganz im Geiste von Virginia Woolf gründen immer mehr junge Frauen eigene Verlage, auch im E-Book-Bereich.

imagesKein deutscher Autor beschäftigt sich so intensiv mit der Lese- leidenschaft der Frauen: Stefan Bollmanns Bestseller wie „Frauen, die lesen, sind gefährlich“ wurden in 16 Sprachen übersetzt und verkauften sich eine halbe Million Mal. Das neue Buch des 55jährigen heißt „Frauen und Bücher“ (DVA) – hier Teil 1 meines Interviews:

Lesen Frauen besser als Männer? Nein. Aber sie lesen wesentlich mehr, vor allem mehr Romane. Und sie lesen anders.

Wie denn? Intensiver, einfühlsamer und bedingungsloser. Am wichtigsten erscheint mir, dass der Zusammenhang zwischen Lesen und Leben spezifisch weiblich ist. Frauen lesen Bücher, um etwas über ihr eigenes Leben und das anderer Menschen zu erfahren. Und nicht selten ändern sie nach der Lektüre etwas in ihrem Alltag. Bücher lösen etwas in ihnen aus und bewirken etwas. Männer wollen sich dagegen meist nur Informationen anlesen. Das erklärt, warum 80 Prozent aller Romane in Frauenhände gelangen.

Aber nicht selten lesen deren Männer dann auch darin. Sie geben es jedoch oft nicht zu. Und sie lesen die Bücher meist nicht zu Ende.

In Ihrem neuen Buch schildern Sie die Geschichte des weiblichen Lesens. Ist diese direkt mit der Geschichte des Romans verknüpft? Ja, durchaus. Bevor das Lesen Mitte des 18. Jahrhunderts anfing weiblich zu werden, musste man gebildet sein, um Romane zu verstehen. Es gehörte eine gewisse Gelehrsamkeit dazu, um etwa bestimmte Anspielungen einordnen zu können. Diese Gelehrsamkeit war nur Männern zugänglich. Grundsätzlich galten Romane damals als mindere Literaturgattung – anders als Lyrik und Drama. Doch dann änderte sich etwas: 1740 erschien in England „Pamela“ von Samuel Richardson, ein europaweiter Bestseller, den vor allem Frauen liebten. Den lasen alle: die Adelige, die Bürgersfrau und das Dienstmädchen. Auch Goethe kannte übrigens das Buch. Mit Romanen dieser Art fand eine soziale Egalisierung statt, und Literatur war fortan für alle Schichten und Stände interessant.

Ging es den Leserinnen damals vor allem um Unterhaltung? Nicht nur – die Lust an Literatur hatte immer auch etwas vom Streben nach Unabhängigkeit, von einem Wunsch, raus aus den Konventionen zu kommen. Romane leisteten einen wesentlichen Beitrag zur weiblichen Emanzipation.

Teil 2 meines Interviews demnächst hier im Blog.