Woher das Kokain für den Kiez stammt

Simone Buchholz erzählt in ihrem neuen Fall für die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley zwei packende Geschichten parallel und abwechselnd. Und dann kreuzen sie sich plötzlich. „Hotel Cartagena“ (Suhrkamp) heißt der kompakte Krimi.

Story Nummer 1: Spektakuläre Geiselnahme am Hamburger Hafen. Eine Gruppe bewaffneter Männer hält alle Gäste einer noblen Bar hoch über der Stadt gefangen. Darunter sind Chastity Riley, ihre Ex- und ihr aktueller Lover sowie mehrere Polizisten.

Story Nummer 2: Ein junger Mann aus St. Pauli macht in Kolumbien unfreiwillig Karriere im Drogenmilieu und sorgt mit seinen Kontakten dafür, dass Kokain für die Hamburger High Society geliefert werden kann. Wie sich herausstellt, ist dieser Typ der Kidnapper. Er will sich an einer bestimmten Person rächen.

Lässig, lakonisch und souverän berichtet Simone Buchholz davon, wie sich ihre trinkfeste Hauptfigur als Geisel verhält. Zudem beschreibt sie die eisernen Regeln unter den Drogendealern auf dem Kiez. Und, noch entscheidender: Sie erzählt davon, wie man manchmal in eine bestimmte Rolle rutscht, ins Verhängnis – ohne es zu wollen oder geplant zu haben. Verdammt spannend, mit umfassend recherchierten Hintergrundinfos über die Strukturen der internationalen Kokainszene.

Mitreißend und melancholisch

„Der warme Wind wirbelt eine Plastiktüte durch die Luft, eine zweite fliegt hinterher. Vielleicht sind Plastiktüten ja irgendwann die besseren Möwen.“

Großstadt-Melancholie, lakonisch eingefangen und ironisch kommentiert. Die Spezialität von Simone Buchholz. In „Mexikoring“ (Suhrkamp), dem neuen Band ihrer Reihe um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, beweist Buchholz, dass sie das hohe Niveau ihrer Krimis halten kann. Mit umwerfender Lässigkeit. Und überraschender Liebenswürdigkeit. Denn dieser Roman vereint viele Aspekte: Buchholz skizziert nicht nur in kurzen Sätzen einen spannenden Kriminalfall. Sondern erzählt auch noch eine berührende Liebesgeschichte. Und streut Elemente einer Sozialreportage über kriminelle ausländische Clans ein.

Ist das zu viel auf einmal? Überhaupt nicht. Der Krimi ist kurz, kommt immer auf den Punkt, reißt mit. Also, von vorne:

Nouri Saroukhan, der verstoßene Sohn eines ausländischen Clans, verbrennt in seinem Fiat. Ein Mord. Riley und ihr cooler Kollege Stepanovic ermitteln in Hamburg und Bremen, stoßen auf Mauern des Schweigens, auf Großfamilien, die mit Brutalität kriminelle Geschäfte machen. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass das Opfer sich von seinem Clan lossagen wollte. Und sich in Aliza Nouri verliebt hatte – eine junge Frau, die vor ihrem gewalttätigen Clan flüchtete.

Schnoddrig und melancholisch berichtet Ich-Erzählerin Chastity Riley von den Recherchen. Sie trinkt viel, schläft wenig. Labert nicht. Eine umwerfende Figur in einem großartigen Krimi.

„Jetzt trinken wir den Wodka einfach so, aber natürlich trinkt man nicht einfach so, es gibt ja immer einen Grund.“

„Die gehen mir auf den Sack mit ihren dicken Eiern. Männer mit Autos als Waffen. Wegen mir kann das weg.“

Liebenswert zynisch

simone buchholz, beton rouge, rezension, günter keil, blogGefühle sind nicht so ihr Ding. Zigaretten und Alkohol schon eher. Und eine sehr spezielle hanseatische Melancholie.

Ich bin der Typ, dem es selten besonders gut geht, außer am Meer. Ich bin der Typ, der bei all der Ungerechtigkeit auf dieser Welt das kalte Kotzen kriegt.“

Sagt Staatsanwältin Chastity Riley, Hauptfigur und Ich-Erzählerin in „Beton Rouge“ (Suhrkamp) von Simone Buchholz. Im siebten Band überzeugt die Hamburger Autorin wieder mit ihrer schnoddrigen Hauptfigur, ihrem lakonischen Stil und knackigen Dialogen. Riley muss diesmal einen seltsamen Fall lösen: Zwei Medienmanager werden nackt in Käfige gesperrt und vor ihrem Verlagshaus öffentlich ausgestellt – Sadismus? Protest? Rache? Riley erfährt viel über Stellenstreichungen und Gewinnmaximierung. Was ihre Stimmung nicht unbedingt bessert – Rileys liebenswerter Zynismus und dunkler Lokalpatriotismus zählen zu den zahlreichen Stärken dieser Krimireihe.

Andre Leute haben Tanzpartner, ich hab Trinkpartner.“

Mit jeder Menge rauem Charme vermeidet es Simone Buchholz zum Glück, ihre drauflos plappernde Heldin zur Comedyfigur zu stilisieren. Riley bleibt Riley: trocken, eigenwillig, herb. Grandios!

Unten auf der Elbe fährt ein Kreuzfahrtschiff vorbei und schenkt der Stadt seine Abgase.“