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simon beckett, interview, totenfang, günter keil, literaturblog, wunderlichSeit Wochen steht Simon Beckett mit „Totenfang (Wunderlich) auf den Spitzenplätzen der Buchcharts. Ich hatte das Glück, die beiden einzigen Lesungen des symaptischen Briten in diesem Herbst moderieren zu dürfen – und habe ihn natürlich auch gleich interviewt. Hier Auszüge unseres Gesprächs:

Warum liegt der Schauplatz Ihres neuen Roman am Meer? Die Backwaters bestehen aus einem Labyrinth von Kanälen und Bächen, die das Marschland durchziehen, bei Ebbe leerlaufen und dann nassen Schlick, Schlamm und Gräben freilegen. Dieses spezielle Wattenmeer schien mir optimal zum neuen Hunter-Fall zu passen, aber es ist fiktional. Die realen Walton Backwaters in Essex haben mich zwar ein bisschen dazu inspiriert, aber sie unterscheiden sich doch von der Gegend im Buch. In gewisser Weise ist das so wie bei meinen Figuren: obwohl sie nicht real sind, möchte ich dass sie sich so anfühlen.

Inwiefern eignet sich das Element Wasser besonders gut für einen Thriller? Einerseits empfinde ich Wasser als sehr erholsam und atmosphärisch, vor allem, wenn ich selbst schwimme oder in der Nähe des Meeres bin. Andererseits umgibt es auch immer ein Gefühl von etwas Geheimnisvollem und einer Bedrohung. Diese Aura hat mich gereizt, und ich wollte schon lange einmal einen Hunter-Roman ums Wasser herum aufbauen – es ging nur noch darum, die richtige Story dafür zu finden.

Das hat offenbar ziemlich lange gedauert: Der letzte Hunter-Fall „Verwesung“ erschien vor knapp fünf Jahren. Es scheint tatsächlich so als ob ich für jeden neuen Band dieser Serie immer noch länger brauche. Das war auch schon vor „Verwesung“ so. Und glauben Sie mir: das ist ein Muster, das ich sehr gerne durchbrechen würde.

Woran liegt es denn, dass Sie so viel Zeit brauchen? Dafür gibt es verschiedene Gründe – oder vielleicht sind es auch Ausreden, wer weiß. Einer ist, dass ich mich natürlich bemühe, jedes Buch anders und besser zu machen als das vorherige. Im Falle von Hunter bedeutet das, dass ich jedes Mal einen völlig neuen Schauplatz und eine andere Besetzung brauche. Und, noch wichtiger: die Story muss ich so drehen und wenden können, dass sie zwar unvorhersehbar, aber doch auch ganz normal und authentisch wirkt. Das alles führt dazu, dass ich mich beim Schreiben unter enormen Druck setze, was nicht immer eine gute Sache ist. „Totenfang“ habe ich mehrmals neu begonnen, immer mit anderen Schauplätzen, und jedes Mal knallte ich nach etwa 20.000 bis 30.000 Wörtern gegen eine Wand. Also hörte ich auf und startete wieder von vorne.

Wie gelang Ihnen schließlich der Durchbruch? Alles veränderte sich, als ich begann darüber nachzudenken, was ich nach diesem Roman schreiben könnte. Mir wurde klar, dass es nicht ein weiterer Hunter sein müsste, sondern irgendein Roman, so wie mein letztes Buch „Der Hof“. Diese Aussicht hat mich gerettet, denn ich glaube, ich hatte mich so auf Hunter fokussiert und in dieses neue Buch verbissen, dass ich aus dem Blick verloren hatte, warum ich ursprünglich anfing zu schreiben: weil ich Spaß daran hatte. Mit dieser Erkenntnis wurde das Buch plötzlich lebendig, ich begann noch einmal von ganz vorne, und schrieb es sehr schnell, einfach nur für mich. Ironischerweise machte mir das dann mehr Spaß als alle anderen Bücher seit „Die Chemie des Todes“. Nach fast fünf Jahren voller vergeblicher Versuche ist das natürlich ein gutes Gefühl.

 

DORFDrei Jahre! Unendlich viel Zeit in in der schnelllebigen Buchbranche. Innerhalb von drei Jahren kann ein Bestsellerautor seine Stammleser verlieren. Weswegen Verlage vor allem ihre Stars drängen, einen Roman pro Jahr zu veröffentlichen. Überraschung Nr. 1: Simon Beckett hat sich tatsächlich drei Jahre Zeit für „Der Hof“ (Wunderlich) gelassen. Überraschung Nr. 2: Es ist kein neuer Band aus seiner weltweit erfolgreichen Serie um den Forensiker David Hunter. Über- raschung Nr. 3: Beckett schreibt fesselnder denn je. In „Der Hof“ entwickelt er einen geradezu unheimlichen Spannungs-Sog – und das, obwohl er fast komplett auf Action verzichtet. Seine Hautfigur Sean, ein Engländer, ist in Frankreich auf der Flucht. Warum, lässt Beckett bis zum Schluss offen. Sean landet auf einem abgelegenen Hof. Alles ist unheimlich dort: die Menschen, die Natur, die Tiere. Es knistert und knackt im Wald und zwischen den Protagonisten. Ein packender Dorf-Thriller mit 450 Seiten, die wie in Überschallgeschwindigkeit vergehen. Drei Jahre Reifephase haben diesem Buch lesbar gut getan!

Übrigens: Simon Beckett kommt – ich freue mich schon auf die Moderation seiner Lesungen in München (8.3.), Nürnberg (12.3.) und Leipzig (14.3.).