Zwei Schwestern

„Wir waren vor unserer Mutter auf der Flucht, Waisenkinder auf eigenen Wunsch.“

Die kanadische Autorin Alix Ohlin erzählt in ihrem neuen Roman „Robin und Lark“ (C.H. Beck) von zwei Schwestern aus Montreal und ihren Lebenslinien. Die ältere (Lark) ist fleißig und still, die jüngere (Robin) wild und impulsiv. Trotz dieser Gegensätzlichkeit sind sie sich sehr nah, auch, weil ihre Mutter Marian sich kaum um sie kümmert. Als Lark in die USA aufs College geht, verlieren Robin und Lark fast vollständig den Kontakt – bis Robin plötzlich vor der Tür steht. Beide ziehen nach New York, wo Lark Film studiert und Robin das berühmte Musikkonservatorium Juilliard besucht. Sie wohnen zusammen und sind sich so nah wie lange nicht mehr.

„Wohl in meiner Haut fühlte ich mich nur nachts, mit Robyn, in unserem Zimmer. Dort im Dunklen waren wir wieder die, die wir früher gewesen waren, zwei Mädchen, die flüsternd tratschten.“

Kurz darauf trennen sich ihre Wege wieder. Robin tourt als Pianistin durch Europa und verschwindet plötzlich, Lark reist als Assistentin eines Regisseurs durch die Welt. Fünf Jahre lang sehen sich die Schwestern nicht, bis sie schließlich wieder in ihrer Heimat Kanada aufeinandertreffen. Robin hat die Musik aufgegeben; sie widmet sich dem Studium von Raubvögeln und Wölfen. Lark beobachtet diese Wandlung skeptisch, doch sie braucht ihre Schwester, dringend.

Alix Ohlins Schreibstil ist sanft und klar. Feinsinnig und ihren Protagonistinnen wohlgesonnen, hält sie fest, wie Robin und Lark aufeinander aufpassen, auseinander driften, sich mühsam wieder finden. Ihr Buch dreht sich ums Loslassen und Anderssein, um Verständnis und Zusammenhalt, allen Widrigkeiten und Gegensätzlichkeiten zum Trotz. Ein ruhiger und dennoch dramatischer Roman über Geschwisterliebe.

„Wir waren vor unserer Mutter auf der Flucht, Waisenkinder auf eigenen Wunsch.“

 

Raffiniert und mysteriös, diese Liebesgeschichte

Ein Mann verliebt sich in eine Frau. Innerhalb weniger Minuten spürt er: Sie ist es. Zum Glück erwidert die Frau seine Gefühle. Mit ganzem Herzen, aus tiefster Zuneigung und Überzeugung, lassen die beiden sich auf das Schönste ein, was sie je erlebt haben. Sie glühen füreinander und verschmelzen miteinander. Doch dann geht die Frau. Einfach so, am nächsten Tag. Und sie kommt für lange Zeit nicht zurück.

Mit „Der Choreograph“ (btb) hat Håkan Nesser eine der rätselhaftesten und wunderbarsten Liebesgeschichten der vergangenen Jahre geschrieben. Das Buch ist eigentlich Nessers Debüt aus dem Jahr 1988, aber erst jetzt, zum 70. Geburtstag (21.2.) des schwedischen Autors, erscheint es auf Deutsch. Die drei Hauptqualitäten, die einen Großteil von Nessers Gesamtwerk ausmachen, sind schon deutlich in diesem Roman sichtbar:

Eine raffiniert aufgebaute Geschichte, die sich auf mehreren Zeitebenen entfaltet. Eine klare, treffsichere Sprache. Eine philosophische Erzählhaltung, die zum Nachdenken über die essentiellen Grundfragen des Lebens einlädt.

Zurück zum Inhalt: Nach dem Verschwinden der Frau verzweifelt der Mann. Er kann sich nicht erklären, warum sie ihn verlassen hat. Er sucht Erklärungen, rekonstruiert das Kennenlernen, analysiert ihr Verhalten. „Ich bin dabei, den Verstand zu verlieren“ notiert er. Doch dann spürt ein Detektiv die Frau auf, und die beiden Liebenden verbringen drei wunderbare Tage miteinander. Anschließend verabschiedet sich die Frau erneut, und der Mann bleibt verstört zurück. Später wird er noch zweimal die Frau treffen, aber noch Jahre danach fragt er sich, ob diese Begegnungen wirklich stattgefunden haben.

Håkan Nesser gibt nur Teile der Geschichte preis, und er streut gekonnt mysteriöse Andeutungen in seinen Plot. Er schreibt mit Unschärfen, die Raum für Spekulationen lassen. Die Grenzen zwischen der Romanrealität und den Erinnerungen und Wahrnehmungen des Mannes verschwimmen. Existierte die Frau überhaupt? Gibt es Dinge im Leben, die nur ein einziges Mal vorkommen oder zu schön sind um wahr zu sein? Nesser lotet die Zusammenhänge zwischen Materie und Bewusstsein, zwischen Gedanken und Handlungen aus. Seine Hauptfigur, der verzweifelte Mann, hofft, durch den Schreibakt über seine Liebe des Lebens zur Ruhe zu kommen und Frieden zu finden. Doch die Wanderung im Vergangenen wirft neue Fragen auf.

Fazit: Einer der besten der mehr als 35 Romane des gewitzten Geschichtenerzählers. Herzlichen Glückwunsch zum 70., Herr Nesser!  

Die Serpentinenreise

„Ich wollte, dass der Junge keine Angst hatte. Ich wollte das er sich später erinnerte. Deshalb war ich hier, mit ihm, nur wir beide. Ein Vater musste gute Erinnerungen schaffen. So etwas wie die Fahrten durch die Serpentinen.“

Ein Mann steuert gut gelaunt ein Auto, und neben ihm sitzt: Sein Sohn. Sie sind auf einem Road Trip, kurven durch Europa, nehmen Kurs auf die Familiengeschichte. Denn der Vater möchte, dass sein Sohn die Wahrheit erfährt über seine Eltern und Großeltern. Etwa, dass sich drei männliche Vorfahren das Leben nahmen: „Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt.“ Oder ganz grundsätzlich: Dass sich hinter den glänzenden Fassaden des bürgerlichen Lebens oft Dramen und Lügen befinden.

In „Serpentinen“ (Ullstein) erzählt Bov Bjerg vom Versuch, es besser zu machen als vorherige Generationen, und vom Wunsch, mit sich und seiner Familie ins Reine zu kommen. „Vielleicht war es möglich, sich zu befreien“ schreibt der „Auerhaus“-Autor, und tatsächlich: Die Reise zu den Schauplätzen seiner Kindheit schafft Klarheit und Unabhängigkeit, sowohl beim Vater als auch bei seinem Sohn.

„Um was geht es?“ fragt der Junge immer wieder während der Fahrt. „Es geht darum sich in die Kurve zu legen“ antwortet sein Vater einmal, und er fährt zu seinem Geburtshaus, zu den Dörfern, Wäldern, Burgruinen seiner Kindheit. Der Soziologe zeigt seinem Sohn Friedhöfe, besucht mit ihm seine Mutter im Pflegeheim. Er stellt sich der Vergangenheit und ist bereit, alles offenzulegen.

„Ich wollte die Legenden nicht mehr hören, den Selbstbetrug, dass Familienbla. Ich würde Verantwortung übernehmen ich würde meinen Sohn nicht im Stich lassen. Ich würde ihm alles ersparen.“

Bov Bjerg hat ein außergewöhnliches Buch geschrieben. Es ist lebendig und abwechslungsreich, ironisch und witzig, aber auch still und berührend. Bjerg schildert kurze Sequenzen der Autofahrt, springt an verschiedenste Schauplätze, reichert die Handlung mit Dialogen und Rückblicken an, und fügt all diese Eindrücke zu einer tragikomischen Chronik einer Aufarbeitung.

„Ich wollte eine Landkarte, auf der man sehen konnte, wohin der Urin floss, wenn man in den Garten pinkelte. Auf der die bunten Flächen keine Staaten zeigten, sondern die Einzugsgebiete der Ströme. Wo die gestrichelten Linien keine Grenzen markierten, sondern Wasserscheiden.“

 

 

 

Ein Buch, das brodelt

Vorsicht! Dieses Buch brodelt, kocht und zischt. Es passt in keine Genreschublade, und es belebt wie ein feuriger Cocktail.

„Der Hund“ von Akiz (hanserblau) ist nicht nur der Titel des kurzen Romans, sondern auch der Spitzname eines Kochgenies. Niemand kann mit seinem Geschmackssinn mithalten. Der junge Mann kocht radikal und kompromisslos. Eine außergewöhnliche Figur, die in ihrem Wahn und ihrer Genialität an Grenouille aus Patrick Süskinds „Das Parfum“ erinnert.

Bis der Hund zur Legende wird, muss er sich allerdings mit Gewalt und Tricks durchs Leben schlagen. Denn er und sein Kumpel Mo kommen von ganz unten, aus Armut und Dreck. Sie arbeiten zunächst in einer Dönerbude, doch die beiden Außenseiter wollen ausgerechnet in die Küche des exklusiven Restaurants El Cion, das gegenüber liegt. Und sie schaffen es, zunächst als Putzhilfen, später an den Herd.

„Die Küche des El Cion war ein Moloch aus Blut, Schweiß, Chemikalien, Adrenalin und den edelsten Delikatessen, die man sich vorstellen konnte, der Umgangston war härter als bei Militär, alles rannte und schwitzte.“

Der Hund kocht wie in Trance und steigt bald auf – mit wilden, unfassbar gut schmeckenden Kreationen. Eine Sensation. Akiz porträtiert den Hund in knapper, oft ruppiger Prosa. Von Beginn seines rasanten Romans an macht der Autor klar, dass der Starrsinn seine Hauptfigur ins Verderben stürzen wird. Und so kommt es letztlich auch: Nach dem kometenhaften Aufstieg folgt der katastrophale Fall. Wow.

Übrigens: Ich bin jetzt auch auf Instagram und freue mich, wenn Ihr mir hier folgt.

Fuchs 8

Dieses Büchlein ist ein kleines Wunder. Ein lustiges Märchen für Erwachsene, geprägt von intelligenten Wortspielen und überbordendem Sprachwitz, aber auch eine kluge Parabel über Gut und Böse, Mensch und Tier, Liebe und Gewalt.

In George Saunders´ “Fuchs 8“ (Luchterhand) erzählt ein Fuchs. Ein neugieriger, junger Fuchs. Ein Tagträumer, der Menschen „kul“ findet, ihre Nähe sucht und ihre Sprache lernt. Stolz schreibt er auf „Mänschisch“, im Gegensatz zum „Füksisch“, das seine Artgenossen sprechen. Diese menschlichen Sätze klingen allerdings noch ziemlich holperig, und als Leser*in stolpert man schmunzelnd über diese noch nie zuvor erlebte Prosa. Übersetzer Frank Heibert hat ein grandioses Fuchsdeutsch erfunden.

„Fälsen und Boime“ sind Felsen und Bäume, „Elkawes“ sind LKWs, „bewürgen“ bedeutet „bewirken“ und „lang sarm“ heißt langsam. George Saunders spricht eine stimmige, neue Sprache, die zum Raten, Lachen und Staunen verführt.

Doch zurück zu Fuchs 8. Das Tier beobachtet Menschen und findet sie toll. Es glaubt, dass Menschen ähnlich liebenswerte Geschöpfe sind wie Füchse. Bis sein bester Freund, Fuchs 7, eines Tages durch gewalttätige Menschen sterben muss. Geschockt zieht sich Fuchs 8 zurück. Ist das Leben und sind die Menschen vielleicht doch nicht so großartig und schön wie er dachte, sondern vielmehr düster und brutal? Er lernt, differenzierter auf die Welt zu blicken, und er findet einen neuen Weg für sich.

George Saunders verzaubert mit seiner verspielten Miniaturgeschichte, deren glänzende Sprachideen großen Spaß machen. Mit wunderbaren Illustrationen von Chelsea Cardinal .

Die sagenhaften Reisen der Literaturnobelpreisträgerin

Dieses Buch ziert eines der schönsten Cover der vergangenen Jahre. Zudem steckt dahinter das aktuelle Werk der neuen Literaturpreisträgerin. Ausgezeichnet mit dem Man Booker International Prize 2018. Es ist also höchste Zeit, es zu erkunden.

Als „Roman“ wird „Unrast“ (Kampa) von Olga Tokarczuk bezeichnet. Doch diese außergewöhnlichen 464 Seiten stellen etwas ganz anderes dar: Eine bunte Sammlung von Geschichten, Notizen, Gedanken, Mythen und Begegnungen, die alle etwas mit dem Reisen zu tun haben – im weitesten Sinne. Tokarczuk hat einen verspielten, kreativen, klugen Mix zubereitet. Eine literarische Schatzkiste, die niemals auf der Stelle steht. Die Ich-Erzählerin der meisten Texte schöpft ihre Energie aus dem Ruckeln von Autobussen, dem Brummen von Flugzeugen, dem Schaukeln von Fähren und Zügen, und aus den eigenen Schritten beim Wandern. Sie liebt es, unterwegs zu sein. Und sie steht zu ihrer Unrast:

„Mir wurde klar, dass, allen Gefahren zum Trotz, das, was in Bewegung ist, immer besser sein wird, als das, was ruht, dass der Wandel edler ist als die Stetigkeit, dass das Unbewegliche Zerfall und Auslösung anheimfallen muss und zu Schutt und Asche wird, während das Bewegliche sogar ewig währen kann.“

Die unentwegt, aber stets ruhig Reisende arbeitet in Gelegenheitsjobs. Sie ist Kellnerin, Zimmermädchen, Kindermädchen, Garderobiere, Pädagogin, Beraterin, und sie studiert Psychologie. Tiefe Einblicke verschaffen der Frau ihre Begegnungen. Mit Trampern in Island, die sich nachts bei Eiseskälte an der warmen Erde erfreuen. Mit einem gestrandeten australischen Walfisch. Mit einer Familie in einem Haus ohne Vorhänge in Holland. Mit James Cook, 1769 in Neuseeland. Mit einem antiken New Yorker Amphitheater. Mit einem Geschäftsmann am Bodhi Baum in Indien, der Geburtsstätte Buddhas. Mit einer Reisepsychologin auf einem Flughafen.

„Ich glaube es gibt viele, die so sind wie ich. Entschwundene, Abwesende“, behauptet die Erzählerin. Doch Olga Tokarczuk und ihre Protagonistin sind das Gegenteil von abwesend. Sie beobachten wach, neugierig, offen und interessiert, was in den Welten passiert, in denen sie zu Gast sind. Überall entdecken sie Erstaunliches, Alltägliches, Liebevolles und Verstörendes. Auf einer kleinen kroatischen Insel, an Postkartenständern in Rom, mit Wachsfiguren in Wien, im Schlafwagen mit Menschen, die Angst vor dem Fliegen haben. Tokarczuk und ihr vermeintliches Alter Ego werten nicht, worüber sie schreiben. Klarsichtig und fragend, amüsiert und lächelnd, fangen sie Eindrücke ein. Die Hauptfigur gesteht, dass sie eigentlich nur reist, um die „Fehler und Reinfälle der Schöpfung“ aufzuspüren. Kuriositäten und Sackgassen. Doch sie hat auch ein Auge fürs Normale, etwa für Wohnwagentouristen, die im Grunde genommen nur reisen, um wieder heimzukehren.

Je mehr wundersame, wunderbare Geschichten Tokarczuk zusammenträgt, und je mehr Ihre Leser*innen über nahe und ferne Welten erfahren, desto mehr fügen sich die einzelnen Eindrücke zu einer Erkenntnis: Es ist egal, wo wir sind. Hauptsache, wir sind. Da oder dort, was spielt das für eine Rolle? Und noch etwas Entscheidendes erfährt die Reisende im Buch:

„Es gibt zu viel Welt. Man müsste sie verkleinern, nicht weiter und größer machen. Man sollte sie wieder in eine kleine Dose stopfen, in ein mobiles Panoptikum, dass man nur Samstag nachmittags anschauen dürfte, wenn die Tagesarbeit getan, die saubere Wäsche vorbereitet ist, die gestärkten Hemden auf der Stuhllehne hängen, die Böden gescheuert sind und der Streuselkuchen zum auskühlen auf der Fensterbank steht.“

Habe ich schon erwähnt, dass ich dieses Buch liebe?

Australiens Tschick

„Zum ersten Mal in meinem Leben weiß ich, was ich will, und ich habe alles, was ich dafür brauche. Wenn ihr so was noch nie erlebt habt, tut ihr mir leid. Aber es war nicht immer so. Ich bin durchs Feuer gegangen, um so weit zu kommen. Ich habe Sachen gesehen und getan und Scheiße erlebt, wie ihr es euch kaum vorstellen könnt. Also freut euch für mich. Und kommt mir verdammt nochmal nicht in die Quere.“

Dieser packende Roman katapultiert einen direkt in die Hitze und Dürre Australiens. Tim Wintons „Die Hütte des Schäfers“ (Luchterhand) spielt in der weiten Wildnis. Dorthin flüchtet Jaxie, ein 15jähriger, der die Schnauze voll hat. Der Schulschwänzer wurde dauernd von seinem Vater verprügelt, seine Mutter starb an Krebs – jetzt sucht Jaxie ein Abenteuer fern der Zivilisation. Mit einem Gewehr im Anschlag und viel Wut im Bauch.

Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben. Aber Jaxie hält durch, er schleicht wie eine Eidechse durchs Gebüsch, schießt Kängurus und Ziegen. Eines Tages stößt er auf Fintan, einen alten Einsiedler, der in einer Hütte im Niemansland lebt. Die beiden umkreisen sich erst misstrauisch wie verfeindete Tiere, doch dann baut Jaxie sein Lager in der Nähe auf, und die zwei Ausreißer bilden ein Team. Gegen Ende geraten sie in tödliche Gefahr – das Finale ist unfassbar spannend.  

Ein starker Roman, fast so wie eine krasse australische Version von Wolfgang Herrndorfs Tschick, und hat mich an den Kinofilm Into the Wild von Sean Penn erinnert. Ein wildes, herausragendes Stück Literatur.

Meine 13 Lieblingsbücher 2019

Mir fällt es immer schwer, am Jahresende eine Auswahl meiner Lieblingsbücher zu treffen. Denn sehr gerne gelesen habe ich meist etwa drei, vier Dutzend – aber welche würde ich tatsächlich sofort wieder verschlingen wollen? (Wenn ich Zeit und nicht schon wieder stapelweise neuen Lesestoff hätte?) Nach diesem Kriterium sind es folgende 13 Bücher geworden. Sehr unterschiedliche – spannende, berührende, anregende, leise, laute, herausfordernde, erfolgreiche, gefloppte. Ich liebe abwechselnde literarische Einflüsse… Und Ihr? Ist für Euch etwas dabei?

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Der unsichtbare Roman

„Gedanken reisen auf verschlungensten Pfaden, und falls sie zur richten Zeit am richtigen Ort eintreffen, lassen sie sich durch allerhand Alchemie in Worte und Sätze verwandeln, zu dem Faden spinnen, der zu einem Text verwoben wird.“

Christoph Poschenrieder erzählt in „Der unsichtbare Roman“ (Diogenes) vom Glauben an die Macht des Wortes und er zeigt, wie schon vor 100 Jahren die Wahrheit durch Fiktion verdreht werden sollte – mit Propaganda und Fake-News.

Der mit dezenter Ironie und beschwingtem Tempo erzählte Roman spielt 1918. Die Hauptfigur ist eine reale Person: Der Schriftsteller Gustav Meyrink lebte tatsächlich am Starnberger See und verfasste Romane. Poschenrieder schildert, wie der Dandy ein überraschendes Angebot vom Auswärtigen Amt in Berlin erhält: Wenn Meyrink einen Roman schreibt, in dem den Freimaurern die Schuld am Ersten Weltkrieg nachgewiesen wird, winkt ein ansehnliches Honorar. Meyrink, gerade knapp bei Kasse, willigt ein, kassiert den Vorschuss und rührt keinen Finger. Nach Monaten ohne eine einzige Zeile macht das Auswärtige Amt Druck. Der Schriftsteller, ein charismatischer Hochstapler und Lebenskünstler, vertröstet seine Auftraggeber und versucht sich halbherzig am Manuskript. Doch der Roman wird einfach nicht fertig.

Während Meyrink von seiner Villa aus trickst und taktiert, mischen zwei Kollegen von ihm in der großen Politik mit: Kurt Eisner führt 1918 die Novemberrevolution in München herbei und Erich Mühsam spielt eine wichtige Rolle bei der Ausrufung der Münchner Räterepublik 1919. Der völlig unpolitische Meyrink bleibt davon unbeeindruckt und genießt sein Leben als Müßiggänger. In der Schwabinger Café- und Kneipenszene dreht er ebenso regelmäßig seine Runden wie mit seinem Cabrio am Kochel- und Walchensee.

Christoph Poschenrieders höchst vergnügliche Geschichte trägt Züge eines Schelmenromans. Der 55-jährige Münchner porträtiert seinen Antihelden verspielt und klug, mit wohlformulierten Sätzen, unterstützt von umfassender Recherche, von der Poschenrieder in kurzen Einschüben berichtet. Gustav Meyrink, der einen literarischen Pakt mit dem Teufel eingeht, steht für Schriftsteller, denen es egal ist, was sie zu Papier bringen – Hauptsache, die Kasse stimmt. Doch Poschenrieder klagt nicht an, er begleitet Meyrink nur bei seinen Versuchen, sich aus dem Deal zu winden. Der Propaganda-Roman wird nie fertig, und die gesellschaftspolitischen Entwicklungen holen alle Beteiligten ein.

Gustav Meyrink starb übrigens 1932 in Starnberg. Kurt Eisner wurde 1919 von einem Rechtsnationalen erschossen. Und die Nazis ermordeten Erich Mühsam 1934.

„Es ist nicht nötig, die Leute zu belügen, das besorgen sie schon selbst.“

Afro-Jiddisch

Ups! Ein Roman soll das sein? Steht zwar auf dem Cover von Fran Ross´ „Oreo“ (dtv). Aber drinnen, von der ersten Seite an, sprudelt, hüpft, spritzt, lacht und poltert die US-Autorin, und sie präsentiert ein wuppiges Werk, das ich als radikale Wort-Kunst bezeichnen würde.

Eine Geschichte gibt´s schon, und diese handelt von Christine aus Philadelphia. Die 16-jährige hat eine schwarze Mutter und einen jüdischen weißen Vater – klar, dass sie überall als „Oreo“ verspottet wird. Doch Christine hat Großes vor: Sie macht sich auf nach New York, um das Geheimnis ihres abgehauenen Vaters aufzuspüren. Dabei trifft sie Freaks, Aktivisten, Büchermenschen, Rapper, Gangster, Huren und Gelehrte.

Fran Ross berichtet von den Abenteuern ihrer schwarz-weißen Heldin im US-Afro-Slang, in anglisiertem Jiddisch und einer Fantasiesprache voller Ironie. Kreativer zu erzählen geht kaum noch, auch formal. Denn neben einzelnen Szenen liefert Ross Listen, Briefe und Kommentare. Laut, bunt, schräg und irgendwie neu.

Moment mal. Neu? „Oreo“ erschien 1974 und liegt nun erstmals auf Deutsch vor. Unglaublich.