Psychodrama in höchsten Literaturregionen

„War ich eine ebenso tragische wie lächerliche Figur, bei der sich am Ende Kunst und Leben nicht mehr unterscheiden ließen?“

Ein berühmter Schauspieler wird kurz vor seinem 60. Geburtstag mit den Schattenseiten seines Lebens konfrontiert. Der Biograf, der seine Memoiren schreiben soll, stellt unangenehme Fragen, und die Tochter des Prominenten macht ihrem Vater Vorwürfe. In „Der zweite Jakob“ (Hanser) schlüpft Norbert Gstrein gekonnt in die Rolle des Schauspielers und spricht mit seiner Stimme. Er ist schonungslos ehrlich, offenbart sich und seine Zweifel, hadert, bereut, hinterfragt, blickt in seine Abgründe.

In seinen Filmen hat der Mann oft Bösewichte gespielt. Nun fragt er sich: Haben diese Rollen auf ihn abgefärbt? War er zu egoistisch und arrogant, und ist er auch deswegen als Vater und Ehemann grandios gescheitert? Was ihn besonders umtreibt: Hat er früher, bei einem Dreh in Mexiko, als Beifahrer dabei geholfen, einen Mord zu vertuschen?

In elegant auf- und abschwellender Prosa, in formschönen verschachtelten Sätzen, fängt Norbert Gstrein das perfide Duell zwischen Biograf und Schauspieler um die Deutung eines Lebens ein. Der ich-Erzähler stammt aus Tirol, und nachdem er Karriere gemacht hatte, verachtete er seine Heimat, wollte mit den alten Freunden aus der Provinz nichts mehr zu tun haben, kehrt seine Überlegenheit hervor, mit Maßanzügen und einem englischen Sportwagen.

Inzwischen dämmert ihm allerdings, dass er seine Probleme nicht weiterhin mit Geld lösen kann und dass er in seinem echten Leben eine Fehlbesetzung war. Seine Tochter steckte er in ein Internat, von drei Frauen ließ er sich scheiden, und nur auf der Bühne, vor der Kamera gelang es ihm, überzeugend und perfekt zu sein.

Ein komplexes, aufregendes Psychodrama, das in höchsten Literaturregionen spielt.