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matgüSeit Wochen steht Matt Haigs Roman „Ich und die Men- schen“ (dtv) in den TOP 10 der SPIEGEL-Bestsellerliste (Paperback). Ich habe den 38jährigen Engländer inter- viewt – er spricht über seine überwundene Depression und die Rolle, die Bücher dabei gespielt haben:

Stimmt es, dass Sie unter schweren Depressionen gelitten haben? Ja, vor 14 Jahren. Ich wurde schwer depressiv und wollte mich umbringen. Das Leben kam mir nur noch dunkel und bedrohlich vor. Das Seltsame ist, dass ich trotzdem große Angst vor dem Tod hatte. Also tat ich es doch nicht.

Wie lange hielt die Krankheit an? Ein halbes Jahr. Ich war meistens nicht in der Lage, mein Bett oder das Haus zu verlassen. Ab und zu ging ich mit meiner Freundin zu einem Geschäft, das 250 Meter entfernt war. Und noch seltener machten wir kleine Spaziergänge. Die meiste Zeit führten wir beide einfach nur lange Gespräche, das war alles. Unser Leben fand auf dem niedrigsten Aktivitätslevel statt, das man sich für zwei 24jährige vorstellen kann. Und trotzdem war diese Zeit die intensivste meines Lebens.

Wie meinen Sie das? Jeder Tag bestand aus tausend kleinen Kämpfen, die ich bestehen musste. Alles fiel mir schwer. Fast alle Tage kamen mir vor wie schwierige Bergbesteigungen und die Wochen waren wie eine Expedition über den Himalaya. Es war eine unglaublich harte Phase.

Was half Ihnen am meisten? Zuallererst natürlich meine Freundin. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft. Sie war es auch, die mich aufforderte, zu lesen und aufzuschreiben, was ich fühlte. Zunächst verspürte ich dazu keine große Lust, aber sie entwickelte sich. Ich begann, so intensiv zu lesen wie nie zuvor. In einem halben Jahr las ich mehr als in den fünf Jahren meines Studiums. Parallel dazu machte ich mir Notizen und fand Freude am Schreiben. Das Schreiben hat mir das Leben gerettet!

Basiert Ihr neuer Roman auf Ihren Erfahrungen? Ja. Die Hauptfigur ist ein Außerirdischer, der in Gestalt eines Menschen auf die Erde kommt. Während meiner Depression habe ich mich selbst wie er gefühlt, weit entfernt vom Menschsein. Mein Blick auf meine Umgebung war abgrundtief düster. Auch die Figur in meinem Buch sieht nur das Schlechte am Menschen. Doch allmählich dämmert ihm, dass es auch positive Seiten gibt.

Bücher haben Sie aus der Isolation geführt. Andererseits wird oft behauptet, dass Vielleser einsam sind. Das ist ein Klischee. In der tiefsten Phase meiner Depression fühlte ich mich wie im Treibsand gefangen, ich kam einfach nicht mehr raus. Aber die Bücher, die ich las, handelten von Aufbrüchen, Reisen und Suchen. Sie drehten sich darum, etwas Neues zu beginnen und das Alte hinter sich zu lassen. Bücher machen nicht einsam, sondern liefern neue Perspektiven und regen dazu an, etwas zu verändern.

haigiBücher über Außerirdische? Normalerweise nicht mein Fall. „Ich und die Menschen“ (dtv) von Matt Haig empfehle ich trotzdem. Hauptunterschied zu Sciene-Fiction-Romanen: Haigs Außerirdischer kommt in Gestalt eines Mathe- matikprofessors auf die Erde. Er tötet nicht, sondern beobachtet kopfschüttelnd die Menschen. Was ihn besonders irritiert: wie unglücklich sie sich machen, indem sie durch Shopping, Karrieredenken und Fernsehen glücklicher werden wollen. Der Außerirdische hält diese seltsame Spezies für eine Lebens- form von mittelmäßiger Intelligenz. Doch je länger er unter den Menschen verweilt, umso mehr bröckeln seine Vorurteile. Er spürt: all das, was es auf seinem Planeten nicht gibt (Verzweiflung, Krankheit, Tod), gleichen die Menschen durch Liebe, Musik und Literatur aus. Matt Haigs Erzählperspektive sorgt für komische und anrührende Momente – der Blick des Außerirdischen offenbart Skurrilitäten und Widersprüche. „Ich und die Menschen“ ist ein amüsanter, kluger Reisebericht mit einem Schuss Philosophie und Mathematik. „Auf der Erde nennt man es Zivilisation, wenn sich eine Gruppe von Menschen zusammentut und gemeinsam seine Instinkte unterdrückt“.

 

mattneuMatt Haig lächelt. Auf meine Frage, was ihm nach ein paar Tagen in Deutschland am meisten auffalle, sagt der englische Autor: „Ob auf der Buchmesse oder auf der lit.Cologne: hier bei euch lassen sich die Leute für Bücher begeistern. Das kenne ich aus England so nicht. Bei uns sind Buchmessen meist langweilige Veranstaltungen, auf denen alte Leute jammern, dass es mit dem Buch bergab geht. Und Lesungen sind oft triste, schlecht besuchte Vortragsabende. Ganz anders in Deutschland! Mir kommt es so vor, als ob ihr Bücher noch richtig als Kulturgut schätzt und Freude daran habt„. Das kann ich nur bestätigen – bei meinen Moderationen in München, Nürnberg, Leipzig und Köln sah ich in den vergangenen 10 Tagen tausende begeisterte Leser. In Leipzig drängten sich die Leute auch spät abends noch in jede Menge Veranstaltungen, etwa rund um die Alte Handesbörse. Gestern in Köln kamen 600 Zuschauer um 21 Uhr auf eine Rheinfähre, um Matt Haig („Ich und die Menschen“, dtv & Hörverlag) und Chrstoph Maria Herbst zu sehen (Herbst spricht auch die Hörbuchfassung). Sieht ganz so aus, als ob Deutschland noch immer ein Leseland ist…