„Ghettos in Tel Aviv“ – Interview mit Liad Shoham

liadIsraelische Schriftsteller haben ein neues Trend-Thema: Die Aufarbeitung der Flüchtlings-problematik. Nach Ayelet Gundar-Goshen („Löwen wecken“) widmet sich nun auch Liad Shoham der angespannten Situation. Ich sprach mit dem 43jährigen Anwalt & Autor über seinen neuen Thriller „Stadt der Verlorenen“ (DuMont):

Flüchtlings-Ghettos mitten in Tel Aviv – entspricht das der Realität? Absolut. Illegale Einwanderung ist ein brennendes Thema in Israel, das jeden Tag Schlagzeilen macht. Bei meinen Recherchen stieg ich vor meinem Büro in Tel Aviv in ein Taxi, und knapp zehn Minuten später landete in einer anderen Welt. Ich sah dort so gut wie keine Israelis mehr, keine Frauen, keine älteren Menschen. Nur junge männliche Afrikaner, die Asyl wollten. Manche lagen auf den Straßen, andere suchten nach Essen, viele sahen verloren aus.

Konnten Sie gefahrlos recherchieren? Die Atmosphäre in diesen Ghettos war zwar angespannt, aber mir ist nichts passiert. Ich habe mit Einwanderern und Anwohnern gesprochen. Auch zahlreiche Experten haben mich unterstützt: Polizisten, Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen, Anwälte und UN-Vertreter – sie zeigten mir die entsprechenden Plätze. Und sie machten mir bewusst, wie komplex das Thema ist.

Worin liegt das größte Problem? Israel ist ein Einwanderungsland. Das israelische Ethos basiert auf Geschichten von Holocaust-Flüchtlingen, die in verschiedensten Ländern Asyl beantragt hatten und nirgends aufgenommen wurden. Daraus resultierend war Israel eines der Länder, das sich besonders stark für ein UN-Flüchtlingsabkommen eingesetzt hat. Doch seitdem sind wir zu einem der wohlhabendsten Länder der Region geworden und haben uns zu einem der wichtigsten Ziele für Flüchtlinge entwickelt. Das bedeutet, dass wir jetzt unsere eigenen Grundsätze akzeptieren und die vielen Flüchtlinge zulassen müssen, die unsere Grenzen überquert haben.

Hatten Sie keine Bedenken, ein so brisantes Thema aufzugreifen? Nein. Mich reizt es grundsätzlich, über soziale und gesellschaftspolitische Themen zu schreiben. Meine Leser zu belehren, ist dabei nicht mein Ziel. Vielmehr versuche ich durch umfassende Recherche ein realistisches Bild zu erzeugen. Ich hoffe, dass einige Leser mehr Einblick erhalten, ein besseres Verständnis für die Problematik entwickeln oder zumindest die Komplexität des Themas begreifen.

Sind Thriller eine angemessene Plattform, gesellschaftspolitische Entwicklungen aufzugreifen? Auf jeden Fall! Von Beginn an waren Kriminalromane und Thriller nicht nur eine Möglichkeit, eine spannende Geschichte zu erzählen. Sondern immer auch eine Sphäre, in der man sich als Autor mit sozialen und politischen Themen beschäftigen kann, die größer sind als der Plot selbst. Thriller beschäftigen sich normalerweise mit Fragen nach Verbrechen, Moral und Gerechtigkeit, und deswegen sind sie der perfekte Bereich, in dem ich nachdenken kann über Dinge, die schiefgelaufen sind – ob in unserer Gesellschaft oder in der Natur des Menschen.

Fesselnd: Israels John Grisham

shohamMichal Poleg riskiert ihr Leben für illegale Einwanderer und Flüchtlinge. Die junge Israelin arbeitet in einer Tel Aviver Hilfsorganisation, betreut und unterstützt vor allem Afrikaner. Eines Tages ist sie tot. Erschlagen. Liad Shoham macht aus diesem Mord in „Stadt der Verlorenen“ (DuMont) keinen normalen Thriller oder Krimi. Vielmehr zeichnet er ein kritisches Gesellschaftsporträt, blickt hinter die Kulissen von Staat, Justiz, NGOs, Polizei und Politik. Shoham, selbst Anwalt, interessiert sich für die komplexen Zusammenhänge hinter Verbrechen – diesmal beleuchtet er den Umgang mit Einwanderern. „Entwickelte Volkswirtschaften gründeten auf Sklaven und die gab es in der Dritten Welt im Überfluss“ schreibt er über den Profit, der aus dem Zuzug von Hilfsarbeitern geschlagen wird. Bald nach dem Mord gesteht ein Eritreer die Tat, doch die Ermittlerin Anat Nachmias glaubt nicht an seine Schuld. Tatsächlich wurde der Afrikaner von Schleppern zu seinem Geständnis gezwungen. Und ein Staatsanwalt gerät unter Verdacht, der wahre Täter zu sein. Liad Shoham ist kein Autor, der mit simpler Action die Stimmung anheizt, sondern ganz nah an seinen Protagonisten dranbleibt. Aus deren subjektiven Perspektiven ergibt sich ein objektives Bild. Es sind die Menschen in Systemen, Apparaten und Gesesllschaften, die durch ihr Handeln etwas bewegen oder nicht, zeigt Shoham. Ein fesselnder gesellschaftspolitischer Roman vom John Grisham Israels.