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winterminiLeon de Winters neuer Roman „Ein gutes Herz“ (Diogenes) sorgt für Diskussionen. Ich habe den 58jährigen Niederländer interviewt – hier Auszüge aus unserem Gespräch:

Sie selbst spielen in Ihrem Buch mit. Dieser Leon de Winter wird als übergewichtiger Scharlatan bezeichnet. Fiel es Ihnen schwer, so hart zu urteilen? Diese Person, die Leon de Winter heißt, habe ich frei erfunden. Er ist ganz anders als ich – in der Realität bin ich nämlich zuverlässig, gut gebaut und sehe aus wie ein Bodybuilder! Hatten Sie schon länger vor, sich selbst als Figur in einen Ihrer Romane einzubauen? Nein. Aber Theo van Gogh hat mich dazu gezwungen. Als ich eines Tages beschloss, ihn in den Roman hineinzuschreiben, wurde mir klar, dass auch ich selbst nicht im Hintergrund bleiben konnte. Sie schildern in „Ein gutes Herz“ einen Terroranschlag auf das Amsterdamer Opernhaus und nennen Politiker bei ihren echten Namen. Wie waren die Reaktionen in den Niederlanden? Grundsätzlich sehr positiv. Soweit ich das beurteilen kann, wurden die Personen, die ich beschrieben habe, dadurch nicht gekränkt. Sie wissen, dass ich ihre Alter Egos nicht deswegen erfunden habe, um sie zu verletzen. Aber natürlich gibt es trotz allem Leser, die jetzt Angst davor haben, das Opernhaus zu besuchen. Halten Sie einen Anschlag wie in Ihrem Roman für möglich? Alles ist denkbar – die meisten Dinge, die man sich vorstellen kann, können wirklich passieren. Wie beurteilen Sie grundsätzlich die aktuelle Gefahr islamistischer Terroraktionen in Europa? Wir haben das Glück, dass unsere Geheimdienste gute Arbeit leisten. Sie verhindern etwa 99,9 Prozent der geplanten Anschläge. Ich glaube schon, dass die Bedrohung echt ist. 

leonNovember 2004: Filmemacher Theo van Gogh wird in Amsterdam  ermordet. November 2012: ein Bombenanschlag auf das Amsterdamer Opernhaus erschüttert die Niederlande. Beide Ereignisse baut Leon de Winter in seinen neuen Roman „Ein gutes Herz“ (Diogenes) ein und vermischt damit raffiniert Realität und Fiktion. Den Mord gab es wirklich, den Anschlag nicht. Unter de Winters Protagonisten befinden sich echte Politiker, Terroristen, Anwälte und Polizisten – sogar der Autor selbst agiert als Statist. De Winters Plot ist komplex und fantasievoll: aus den wechselnden Perspektiven schildert er einen Terroranschlag durch muslimische Jugendliche. Parallel erzählt er die Geschichte Theo van Goghs, der genervt im Totenreich seine Zeit absitzt und gezwungen wird, als Schutzengel auf die Erde zurückzukehren. Ein dritter Handlungsstrang folgt dem Drogenhändler Max Kohn, der ein neues Herz bekommt. Wie sich herausstellt, ist es das Organ eines schwarzen Priesters. Klingt verrückt und verschachtelt, und genau das ist dieser außergewöhnliche Roman auch. Ein abwechslungsreiches literarisches Experiment mit hohem Unterhaltungs-wert. Mein spannendes Interview mit Leon de Winter erscheint u.a. im Buchjournal – Ausschnitte bald auch hier im Blog.