Unvollkommene Verbindlichkeiten

lena andersson, unvollkommene verbindlichkeiten, rezension, literaturblog günter keil Du meine Güte. Wann kapiert sie es endlich? Als Leser möchte man Hauptfigur Ester schon nach wenigen Seiten warnen: Lass die Finger von diesem Mann! Sofort! Aber in Lena Anderssons großartigem Roman „Unvollkommene Verbindlichkeiten“ (Luchterhand) nimmt das Unglück seinen Lauf, ohne dass man eingreifen kann. Wie schon in ihrem Debüt „Widerrechtliche Inbesitznahme“ erzählt die schwedische Autorin eine Liebesgeschichte, die weh tut. Denn Ester, eine intelligente und erfolgreiche Publizistin, fühlt sich hilflos zu dem verheirateten Schauspieler Olof hingezogen. Er spielt mit ihr, macht falsche Versprechungen und demütigt sie – doch Ester ignoriert alles, um ihn weiter lieben zu können. Sie interpretiert Olofs Verhalten immer nur so, dass sie daraus Hoffnung schöpfen kann.

Er wurde interessiert, wenn sie resignierte. Sie resignierte, wenn er uninteressiert war. Dann trat er einen Schritt näher, was sie dann auch tat, worauf er sie wegschob, worauf sie kühl und abweisend wurde, und das schärfte seine Aufmerksamkeit. Ein Kreislauf, dem man nicht entkam.“

Lena Andersson dokumentiert Verzweiflung, Hoffnung und Wahn, in unbestechlicher, unsentimentaler Prosa. Das ist phasenweise kaum auszuhalten, aber brillant. Mit dieser klugen Kommunikationsanalyse erteilt Andersson all denjenigen eine bittere literarische Lektion, die nicht erkennen wollen oder können, dass ihr Wunschpartner der Falsche ist.

Liebesblinde Dichterin

lenaMan kann nicht ein ganzes Leben lang in der Kneipe sitzen und einander in die Augen schauen und reden. Manchmal muss man auch zusammen fernsehen.“ O ja. Wie wahr. In ihrem Roman „Widerrechtliche Inbesitznahme“ (Luchterhand) äußert sich die schwedische Schriftstellerin Lena Andersson ziemlich trocken und lakonisch, aber auch poetisch-philosophisch über die Liebe. Und vor allem: über Liebeskummer. „Das Leiden tobte in ihr“ schreibt Andersson über ihre Hauptfigur Ester. Und tatsächlich: Ester, erfolgreiche Dichterin und Essayistin, leidet wie nie zuvor. Denn der Mann, in den sie sich verliebt hat (der bildende Künstler Hugo Rask), ignoriert sie. Mit geradezu heiterer Süffisanz und dem Urteilsvermögen einer erfahrenen Paartherapeutin blickt Lena Andersson auf Esters Dilemma. Sie beobachtet präzise und schildert schonungslos die Verzweiflung ihrer Protagonistin. Ein grandioses literarisches Lehrstück über Liebeskummer – in Schweden bekam Andersson dafür die renommierteste Literaturauszeichnung, den Augustpreis. Zu Recht!