Kurzgeschichten · Neuerscheinung · Rezension

Knausgard im Herbst

karl ove knausgrad, im herbst, literaturblog, günter keil, rezensionIch stehe in diesem Herbst früh auf, gegen vier Uhr morgens, wenn es draußen noch vollkommen dunkel und still ist.“

Eigentlich hat Karl Ove Knausgrad versprochen, es nie wieder zu tun. Am Schluss von „Kämpfen“, dem letzten Band seiner Tetralogie, versicherte er, dass er seiner Frau und seinen Kindern „nie wieder so etwas antun“ werde. Gemeint war wohl, so radikale Einblicke in sein Privat- und Gefühlsleben zu geben, und so viel Zeit damit zu verbringen. Doch nun, wenige Monate nach der Veröffentlichung, liegt schon wieder ein neues Knausgard-Buch zum Verkauf bereit. Und schon wieder gibt der norwegische Starautor intime Einblicke:

Gerade bin ich draußen gewesen und habe auf den Rasen gepinkelt, was ich nur tue, wenn alle schlafen und ich allein bin.“

In „Im Herbst“ (Luchterhand) erzählt Knausgard kurze Geschichten. Von Dingen, die ihn im Herbst beschäftigen, von Veränderungen der Natur, die ihm auffallen, von seinem ganz banalen Alltag. Von Fröschen, der Dämmerung, Schornsteinen, Thermoskannen, der Erde oder der Bienenzucht. Er reflektiert auch über die demütigende Macht der Wespen, die einzigartige Ausprägung von Schamlippen, das Farbenspiel von Benzinpfützen und die Form von Toilettenschüsseln. Ein schräger Mix. Kanusgard-Kenner werden diese Texte womöglich oberflächlich finden, wie eine Light-Version seiner sechs biographischen Bände. Und tatsächlich: Knausgrad geht darin nicht in die Tiefe. In einem leisen, unaufdringlichen Ton erklärt er seiner jüngsten Tochter mit diesen Anekdoten die Welt. Und sein eigenes Leben.

Wenn er über Vergebung schreibt, klingt er wie ein buddhistischer Gelehrter: „Das Geheimnis der Vergebung besteht jedoch darin, dass sie einen Ort entstehen lässt, tief im Einzelnen verwurzelt, an dem kein anderer Macht besitzt, und wenn man einmal dorthin vordringt, wo andere Menschen nichts bedeuten, findet man eine Stärke, die einem keiner nehmen kann.“

Weniger radikal, nicht so schonungslos, und längst nicht so ausschweifend: Knausgrad hat also doch Wort gehalten – „so etwas“ wie seine Tetralogie hat er dann doch nicht verfasst. Nur den Auftakt zu einem vierbändigen Jahreszeiten-Zyklus, der sich ideal als Einstieg für Leser eignet, die sich bis jetzt nicht an Knausgards große Werke getraut haben.

Jetzt fallen nach und nach die Blätter des Kastanienbaums und bedecken den Steinplattenweg auf der Erde, der nur hier und da sichtbar ist.“

Neuerscheinung · Rezension · Romane

KOK begeistert zum 4. Mal

lebenEr ist ein Phänomen. Und seine Romane sind eine literarische Sensation. Immernoch und jedesmal wieder. Also: Vorhang auf für Teil 4 von Karl Ove Knausgards Mammutprojekt, sein eigenes Leben in sechs Bänden zu beschreiben. Als Roman. „Leben“ (Luchterhand) heißt das neue Werk des Norwegers. Der Großteil der Handlung spielt an der Küste Nord-Norwegens, wo der 18jährige Karl Ove seine erste Arbeitsstelle antritt – als Aushilfslehrer einer Dorfschule. „Ich war bis zum Rand voller Kraft und Leben“ schreibt Knausgard, fragt sich aber auch: „Verfluchter Mist, ich war Lehrer, gab es etwas Traurigeres?“ Euphorie und Aufbruch, Zweifel und Depression, das alles liegt bei Knausgrad ganz nah beieinander. „Leben“ ist ein Roman ohne Spannungsbogen, aber unheimlich spannend. Ein Buch über Schallplatten, Zigaretten, Mädchen, Alkohol und Erektionen. Radikal und ehrlich, in einer Sprache, die sogar in banalen Alltagsszenen mitreißt. Es stimmt wirklich: Kaum ein Schriftsteller kommt dem wahren Leben so nah wie Karl Ove Knausgard.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Der will doch nur spielen…

knausgDieses literarische Projekt ist einzigartig: Karl Ove Knausgard schreibt sein ganzes Leben auf. Schonungslos, ehrlich, radikal. Zwei dicke Bände sind bereits erschienen, nun liegt „Spielen“ (Luchterhand) vor, der dritte von sechs geplanten Teilen. Diesmal schildert der Norweger seine Kindheit und Jugend. Er erzählt vom Entdecken und Fürchten – und selbstverständlich vom Spielen. Die schönste Szene: eine Gruppe Kinder macht sich auf die Suche nach einem Schatz, der sich am Ende eines Regenbogens befinden soll. Wie bereits in den vorangegangenen Büchern liefert Knausgard keine ausgefeilte Dramaturgie, kein Happy-End. Dennoch macht er aus den Banalitäten seines Alltags große Literatur. Der 45jährige ist ein versierter Erzähler mit einem geradezu unheimlichen Gespür für wunderbare Momente, flüchtige Gedanken und tiefste Abgründe. Im Vergleich zu den Bänden 1 und 2 schreibt er diesmal geradezu versöhnlich und weniger selbstkritisch. Als ob er ausnahmsweise nur spielen wollte…