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Schlagwort-Archive: Ian McEwan

ian mc ewan, nussschale, rezension, literaturblog, günter keilVieles deutet darauf hin, dass Ian McEwan an „Nussschale“ (Diogenes) mehr Spaß hatte als an all seinen vorangegangenen Romanen. Schon der erste Satz, reinstes Vergnügen: „So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau.“ Doch bald geht es um Leben und Tod.

McEwan erzählt seine subtile Geschichte aus der Perspektive eines Ungeborenen. Zwei Wochen sind es noch bis zu seiner Geburt, und doch ist dieser Fötus intelligenter als viele Erwachsene. Er reflektiert über das Weltgeschehen, und er bangt um seine Zukunft. Weil seine Mutter einen Mord begehen will. Trudy, so heißt die Londonerin, will ihren Gatten John umbringen. Mit seinem Bruder Claude hat sie eine Affäre, und gemeinsam wollen die Liebenden John aus dem Weg räumen. Ein Brudermord, der an „Hamlet“ erinnert.

Direkt aus dem Mutterbauch heraus entfaltet Ian McEwan ein virtuoses Kammerspiel. Ein mörderisches und auch köstliches Vergnügen, wie das Ungeborene einräumt: „Ich weiß, dass Alkohol meiner Intelligenz schadet. Er schadet jedermanns Intelligenz. Aber ach, ein wonniger, die Wangen rötender Pinot Noir, ein stachelbeeriger Sauvignon, lassen mich durchs inwendige Meer taumeln und purzeln, bis ich gegen die Wände meines Schlosses kugle, dieser Springburg, in der ich hause.“

mcewanStarke Frau, schwache Frau: Die angesehene Richterin Fiona Maye, 59, fällt brillante Urteile am Londoner High Court. Doch privat entgleitet ihr die Ehe mit einem Geschichtsprofessor. In diesem Spannungsfeld spielt Ian McEwans neuer Roman „Kindeswohl“ (Diogenes). McEwan findet mit diesem kurzen Drama zu seiner alten Stärke zurück – und steigt sehr detailliert in die Fälle ein, über die Maye am Familiengericht entscheiden muss. Brisantes Beispiel: Ein 17jähriger Junge leidet unter Leukämie und benötigt dringend eine Bluttransfusion. Doch seine Familie – Zeugen Jehovas – lehnt dies aus religiösen Gründen ab. Die Richterin entschließt sich, den Jungen in der Klinik zu besuchen. Und ahnt nicht, dass sie dadurch eine gefährliche Verbindung aufbaut. Ian McEwan steigert die Spannung wie in einem Thriller: Wie wird Maye entscheiden? Stirbt der Junge? Und was wird aus der Ehe der Richterin? Ein brillanter, stilsicherer Roman über das individuelle Drama der starken, schwachen Frau vor einem aktuellen gesellschaftspolitischen Hintergrund.