Wahn als Vorbote der Wirklichkeit

Es soll eine Auszeit sein. Drei Monate, um in Ruhe an einem neuen Buch zu arbeiten. Doch der New Yorker Schriftsteller, der sein Stipendium bei einer Berliner Kulturstiftung beginnt, gerät am Wannsee in eine existenzielle Krise. Er fühlt sich überwacht, spürt eine umfassende Unsicherheit, sorgt sich um seine Frau und seine Tochter.

Statt zu arbeiten, unternimmt die Hauptfigur aus Hari Kunzrus „Red Pill“ (Liebeskind, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence) lange Spaziergänge. Dabei stößt der Mann immer wieder auf das Grab Heinrich von Kleists. Eigentlich bedeuten ihm dessen Werke nichts, doch nun, in der Berliner Winderödnis, beschäftigen ihn Kleists Werk und Selbstmord plötzlich. Er steigert sich in düstere Zukunftsvisionen und versucht sich abzulenken, indem er nächtelang die brutale TV-Serie „Blue Lives“ streamt.

Kunzru lässt seine Hauptfigur offen und ehrlich erzählen. Von inneren Kämpfen, düsteren Gedanken, wilden Phantasien. Mit eleganten Formulierungen schickt Kunzru seinen fiktiven Schriftsteller auf einen Psychotrip, in einen sich steigernden Wahn. Unterbrochen werden seine Fantasien nur von der Geschichte eines Zimmermädchens in der Kulturstiftung, das früher als Punk in der DDR zur Arbeit für die Stasi gezwungen wurde. Gebannt hört sich der Amerikaner die Erlebnisse der Frau an – sie passen zu seiner depressiven Grundstimmung. Auf einer Gala der Berliner Filmfestspiele lernt er schließlich Anton kennen, den Schöpfer von „Blue Lives“, der sich als reaktionärer Agitator entpuppt. Der Schriftsteller konfrontiert Anton mit kritischen Fragen und folgt ihm wie besessen quer durch Europa. Denn der TV-Macher erscheint ihm wie ein Verantwortlicher für das kommende Zeitalter der Finsternis.

Hari Kunzrus raffiniert konstruiertes Psychogramm zeigt, wie zerbrechlich das Leben sein kann. Die literarische Innenschau überzeugt mit überraschenden Wendungen und einer beunruhigenden Erkenntnis: Der Wahn ist oft nur ein Vorbote der Wirklichkeit.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung auf egoFM am 11. September vorgestellt. Zur Show hier. 

Gefährliche Suche nach dem Blues

hari kunzru, white tears, rezension, literaturblog, günter keil Wow! Was für ein Roman! Originell, vielschichtig, mitreißend. In „White Tears“ (Liebeskind) erzählt Hari Kunzru von zwei jungen Musikproduzenten aus New York.

Seth und Carter sind besessen von alten Bluessongs. In ihrem Tonstudio tüfteln sie an neuen Sounds, die wie früher klingen. Kunzru führt seine Hauptfiguren als ungleiche beste Freunde ein: Da ist Seth, eher schüchtern, pleite, immer auf der Suche nach akustischen Phänomenen. Und da ist Carter, der charismatische Spross einer reichen Familie, steht auf Partys, Clubs und Koks.

Eines Tages beschließen die beiden, einen fiktiven alten Bluessong von 1928 zu basteln und einen Sänger namens Charlie Shaw zu erfinden. Sie stellen den Titel ins Netz – eine Sensation. Doch ein alter Plattensammler warnt Seth und Carter: Charlie Shaw gäbe es wirklich, er sei gefährlich. Und tatsächlich: Von nun an gerät alles außer Kontrolle. Carter wird fast zu Tode geprügelt. Während er im Koma liegt, fährt Seth in den Süden der USA, um dem Geheimnis des Songs näher zu kommen.

Hari Kunzru inszeniert seine Geschichte nun als hypnotischen Road Trip, als Spurensuche über die Ursprünge des Blues. Schließlich macht Seth schockierende Entdeckungen – über Carters Familie, die Aneignung des Blues durch die Weißen und sein eigenes Leben. Kunzrus furioser Roman klingt wie ein künstlerisch hochwertiges Album – mit einem unwiderstehlichen Rhythmus