Der Schneeleopard

Schneeleoparden zählen zu den seltensten Tieren der Welt. Sie leben meist in 4.000 bis 5.000 Meter Höhe, sie töten blitzschnell ihre Beute im Sprung, und sie sind für Menschen kaum zu erkennen. Deswegen gleicht jeder Versuch, auch nur einen einzigen Schneeleoparden zu entdecken, einem Abenteuer. Und vor allem: Einer schwierigen Übung von Geduld und Achtsamkeit, einer anstrengenden Meditation. Denn nur wer tage- und wochenlang still wartet, hat eine Chance auf eine kurze Begegnung aus weiter Ferne.

In „Der Schneeleopard“ (Rowohlt, übersetzt von Nicola Denis) erzählt der französische Schriftsteller und Abenteurer Sylvain Tesson von seiner Suche nach dem edlen Tier. Gemeinsam mit dem Fotografen Vincent Munier und zwei weiteren Belgeiter*innen reiste Tesson nach Tibet. Auf einer entlegenen Hochebene legte er  sich auf die Lauer und wartete und wartete und wartete. Er beobachtete Wölfe, Yaks, Wildesel, Raubvögel, Gazellen und Füchse, und er wartete weiter auf den Schneeleopard.

Von dieser wochenlangen Zeit der geschärften Aufmerksamkeit, der Stille, der Annäherung, schreibt Sylvain Tesson präzise, elegant und geradezu poetisch. Zum Glück ist er kein selbstverliebter Schwätzer, sondern ein reflektierender, philosophierender Beobachter, der mit Selbstironie nicht spart und einen feinen Humor pflegt. So entsteht aus dem entschleunigten Abenteuer ein kluges Plädoyer fürs Bewahren. Denn Tesson und sein Gefährt*innen sind keine Jäger, keine Wissenschaftler, sondern Künstler. Sie wissen, dass das Tier und die es umgebende Natur ihnen überlegen sind.

Eines Tages taucht tatsächlich ein Schneeleopard auf, stolz, schön, gefährlich und geduldig. Und schon bald verschwindet er wieder. Tesson berichtet von dem Glücksgefühl, ihn gesehen zu haben. Und von der Gewissheit, als Mensch in einer viel niedrigeren Liga zu spielen – als eine lächerliche, zerstörerische Spezies.