Riss in der Seele

edgar rai, etwas bleibt immer, berlin verlag, literaturblog, günter keil, rezensionDie Tage zwischen Sommer und Herbst haben etwas Magisches. Vor allem an der Cote d´Azur, wo Nicholas als Housesitter für die Villa eines deutschen Großindustriellen arbeitet. Der junge Mann wohnt auf dem Anwesen in einem Bungalow hinter einem Orangenbaum, zurückgezogen, in freiwilliger Einsamkeit. Edgar Rai zeigt seine Hauptfigur in „Etwas bleibt immer“ (Berlin) als einen sensiblen, scheinbar in sich ruhenden Mann. Um seine innere Balance zu halten, joggt der Housesitter jeden Abend eine Stunde am Ufer entlang. Doch nichts, gar nichts ist im Gleichgewicht in Nicholas´ Leben. Und schon bald auch nicht auf dem Anwesen.

Edgar Rai hat ein herausragendes Gespür für Stimmungen, für Zwischentöne, und seine Leser ahnen schnell, dass Nicholas einen Riss in der Seele hat. Er leidet unter einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung, wird gelegentlich von einer zweiten Identität beherrscht. „Lola“ nennt Nicholas seine dunkle Seite – eine unberechenbare Frau, die säuft, raucht und Gegenstände zertrümmert. Niemand darf davon wissen, erst recht nicht der Eigentümer des Anwesens, der sich mit seiner Frau für ein paar Tage Urlaub angekündigt hat. In unwiderstehlich präziser Prosa inszeniert Edgar Rai ein komplexes Drama. Als die Villenbesitzer eintreffen, kann der Housesitter nur noch mit größter Mühe den Schein wahren. Sein Kopf besteht aus einem Knäuel dunkler Gedanken, und seine zwei Seelen quälen ihn. Hinter- und untergründige Unterhaltung, stilistisch einwandfrei.

Edgar Rai über Kinder, die am Abend aus dem Meer kommen und von einem von der Sonne gewärmten Frotteebademantel empfangen werden: „Eine lebenslang anhaltende Impfung gegen erste Verluste, spätere Rückschläge und bittere Enttäuschungen. Vielleicht.“