Interview · Krimis & Thriller

Im Interview: Dennis Lehane

Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Clint Eastwood, Martin Scorsese… Sie alle haben schon mit Dennis Lehane gearbeitet und die Verfilmungen seiner Bücher („Shutter Island“, „Mystic River“, „Gone Baby Gone“) zu Erfolgen gemacht. Der 53-jährige Autor hat bei Diogenes einen neuen Roman veröffentlicht – Zeit für ein Gespräch über Hollywood, Lügen, Fake-News und Lehanes Aufwachsen in der Arbeiterklasse.

„Der Abgrund in dir“ unterscheidet sich deutlich von Ihren früheren Büchern – was hat Sie daran gereizt? Nach 15 Jahren mit Romanen, die meistens in der Vergangenheit und in sehr männlich dominierten Welten spielten, wollte ich unbedingt etwas anderes schreiben. Etwas, das fest im Heute verankert ist und eine weibliche Hauptfigur hat. Das ist Rachel, eine Journalistin, die aufdeckt, dass ihr Ehemann ein Betrüger und ihr gemeinsames Leben allein auf Lügen aufgebaut ist.

Rachel behauptet: „Wir sind alle Lügner“. Tatsächlich? Ja. Wir alle nehmen selbst fabrizierte Identitäten an, die wir der Welt präsentieren. Mal ganz ehrlich: Wir würden es doch vorziehen, wenn die Menschen, die wir treffen, glauben, dass wir viel schlauer und geistreicher sind als es tatsächlich der Fall ist. Also spielen wir eine Rolle. Unsere echtesten Identitäten zeigen wir nur den Leuten, die wir nicht mehr täuschen können – unsere Partner, Geschwister und Kinder.

In Zeiten von fake news und Donald Trump, scheinen Lügen zunehmend akzeptiert zu werden. Wie konnte das passieren?  Das Internet hat nicht nur die Art geändert, wie die Leute ihre Nachrichten erhalten. Es hat auch die Vorstellung vom Zusammenhang der Dinge ausradiert. Früher wussten wir, dass die Fakten, die wir etwa von der New York Times bekamen, viel wertvoller und realistischer waren als die „Fakten“, die uns der Typ anvertraute, der in der Kneipe neben uns auf dem Barhocker saß. Und warum? Weil die Reporter der Times Bildung und Erfahrung hatten. Also gab es einen Zusammenhang und eine Voraussetzung für die Fakten. Aus irgendeinem Grund schätzen wir das heute aber nicht mehr. Und der Typ auf dem Barhocker ist jetzt das Internet.

Apropos Barhocker: Stimmt es, dass Ihr Vater Sie früher regelmäßig heimlich in eine Bar mitgenommen hat? Jeden Samstag schickte meine Mutter ihn auf den Markt zum Einkaufen und ich durfte mit. Mein Vater ging mit mir allerdings bald in eine Bar. Ich saß auf einem Hocker, vor mir ein Ginger Ale, und um mich herum all diese irischen und polnischen Arbeiter beim Biertrinken. Meine Familie und diese Bar haben die Basis für meine Karriere als Geschichtenerzähler gelegt.

Wo liegt der Zusammenhang? Ich lernte durchs Zuhören, wie man Leute mit einer Geschichte fesselt. Ich habe vier Geschwister, und mein Vater wuchs sogar mit 15 Brüdern und Schwestern auf. Bei so vielen Verwandten ist ständig etwas los und dauernd gibt es Familientreffen. Dabei habe ich die Grundregeln des Geschichtenerzählens gelernt: 1. Fang immer sofort mit der Story an, halte dich nicht mit langen Umschreibungen auf. 2. Sei komisch und lustig, habe einen Blick fürs Skurrile. 3. Bleib´ glaubwürdig. Dazu zählt, dass die Hauptfigur nicht dauernd Glück und Erfolg haben darf. Das wäre unrealistisch und langweilig.

Woran liegt es eigentlich, dass Ihre Romane in Hollywood so gut ankommen? Keine Ahnung. Zurzeit könnte ich wohl sogar spontan ein paar Ideen auf einen Bierdeckel kritzeln, und irgendein Studio würde sagen: wow, was für ein toller Stoff, den kaufen wir! Aber im Ernst: ich habe einen hohen Anspruch an die Verfilmungen, ähnlich wie bei meinen Büchern. Qualität ist mir wichtiger als Geld.

Mit einer Millionensumme kann man Sie nicht locken? Nein. Das größte Studio mit dem dicksten Scheck hat mich noch nie interessiert. Ich arbeite nur mit Leuten, die auch auf Qualität Wert legen. Mein Alptraum wäre es, meine Arbeit für viel Geld jemandem zu überlassen, der nicht kapiert worum es mir geht und sie dann zerfetzt. Zum Glück ist das noch nie passiert. Ich habe zwar auch ein paar beschissene Erfahrungen mit Hollywood gemacht, aber die meisten waren positiv.

Wie ist es, mit Superstars wie Leonardo DiCaprio, Ben Affleck oder Sean Penn zu arbeiten?  Ich mag diese Jungs genauso gern wie all die anderen, mit denen ich gearbeitet habe. Wir hatten auch wirklich Spaß während der Dreharbeiten. Aber danach ist es vorbei, und wir alle gehen wieder unsere eigenen Wege. Ich habe zwar die Telefonnummern von Leo, Ben und den anderen, habe sie aber noch nie angerufen.

 

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Typisch Dennis Lehane

dennisEr ist wieder da: Joe Coughlin, die Hauptfigur aus Dennis Lehanes Prohibitions-Epos „In der Nacht“. Der mächtigste Rum-Schmuggler der 30er Jahre, einer der intelligentesten und skrupellosesten Gangster seiner Zeit. „In der Nacht“ endete 1935 – nun springt Lehane ins Jahr 1943 und zeigt in „Am Ende einer Welt“ (Diogenes), was aus Couglin geworden ist: ein seriöser Unternehmer, der jede Menge Geld für soziale Zwecke spendet und sich vorbildlich um seinen neunjährigen Sohn kümmert. Letzteres trifft zu, der Rest ist Fassade. Dahinter fungiert Coughlin als skrupelloser Mittelsmann für das gesamte Verbrechersyndikat Floridas.

Die Geschäfte laufen hervorragend, doch Coughlin wird nervös – angeblich ist ein Mordanschlag auf ihn geplant. Ausgerechnet an Aschermittwoch soll er sterben. Dennis Lehane richtet seinen Blick tief ins Innere seiner Hauptfigur: Wie Joe zwischen Coolness, Unsicherheit und Todesangst schwankt, lotet Lehane gewohnt souverän aus. Der 50-jährige Erfolgsautor („Mystic River“, „Shutter Island“) porträtiert seine Protagonisten stets wie ein guter alter Kumpel – ohne Weichzeichner, aber auch ohne zu urteilen. Raue, brutale Typen mit verletzlichem, ehrlichen Kern. „Am Ende einer Welt“  ist ein sehr persönliches, existenzielles Gangster-Drama. Aufgeschrieben in gehobener anspruchsvoller Lakonie – typische Lehane eben.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension

Raymond Chandlers Nachfolger: Dennis Lehane

dropNein, zimperlich ist Dennis Lehane nicht. Seine Figuren bekommen gerne mal eins aufs Maul. Auch in sn seinem neuen Roman „The Drop / Bargeld“ (Diogenes), der Vorlage zum gleichnamigen Kinofilm. Darin gibt´s außerdem eine Tarantino-ähnliche Schießerei und einmal taucht ein abgeschnittener Arm in einem Müllsack voller Dollarscheine auf. Doch der krasse Eindruck täuscht: Lehane verherrlicht keineswegs Gewalt, und er braucht sie auch nicht, um Spannung zu erzeugen. Aber sie gehört nun einmal zum Leben seiner Figuren – genauso wie ihre Drogen, Bars, Tricks und Lügen. Im Mittelpunkt von „The Drop“ steht Barkeeper Bob, ein junger, gutmütiger Typ, der einen Hund vor dem Tod rettet. Bob versucht, ein Minimum an Moral in seinem Leben zu bewahren. Was nicht einfach ist, wenn man für die Mafia arbeitet und Gangstern jede Nacht ihre Drinks serviert. Lehanes Prosa hat eine literarische Kraft, die stärker wirkt als jeder Faustschlag seiner Protagonisten. Mit gepfefferten Dialogen und brillanten Metaphern bleibt er weiterhin einer der wenigen würdigen Nachfolger der Noir-Größen Chandler, Hammett und Mcdonald. Mein Lieblings-Vergleich in „The Drop“:

„Der Mantel war angesagt gewesen, als die beiden Flugzeuge in die Twin Towers krachten, und er war schon wieder out, als die Türme in sich zusammenfielen.“