Bei Böll in Irland

Vorsicht! Das ist ein Buch über philosophische Straßenschilder, Heinrich Böll, modernes Ruinentum, WLAN-freie Zonen und den Krieg gegen den Riesenrhabarber.

Was das bitteschön sein soll? Und wie das überhaupt zusammenpasst? Nun. Mit „Alle, die vor uns da waren“ (Piper) packt Birgit Vanderbeke ein kunterbuntes, schräges literarisches Paket für ihre Leser. Sie nimmt die Unerträglichkeit des modernen Lebens selbstironisch aufs Korn – „Roman“ steht auf dem Titel, doch das ist kein klassischer Roman, eher ein Mix aus amüsanten Anekdoten und skurrilen Gedankenspielen. Als roter Faden fungiert der Aufenthalt der Erzählerin (die B.V. sehr ähnelt) in Irland. Auf Achill Island, wo die Schriftstellerin und ihr Mann im ehemaligen Ferienhaus von Heinrich Böll wohnen. Ohne Telefon, ohne WLAN, ohne Auto, „eine erstaunliche Zwangserholung“.

„Jetzt waren wir aber in unserem Jahrhundert am Ende der Welt angekommen und vollständig aus dem Raum und der Zeit gefallen und in einer anderen Wirklichkeit angelangt. Wir merkten, dass wir die Wirklichkeit unseres Jahrhundert snicht kannten, weil sie aus dem Plasma der Bildschirme besteht.“

Vanderbeke – beziehungsweise ihr Alter Ego – beklagt das Verschwinden der Philosophie, der Weisheit, der Bücher, und sie kritisiert, dass die Menschen in teilnahmslose Apathie vor den Bildschirmen erstarren. Das Internet ist für sie „die Riesenkrake“, und die User sind gefangen „im Quallenkoma“. An Querdenker und Mahner wie Heinrich Böll und Fritz Bauer, so fürchtet sie, erinnert sich kaum noch jemand. Zu schnell vergeht die Zeit, rauscht das Wichtige vorbei.

Das wäre auf Dauer zu pessimistisch und pauschal, um es gerne zu lesen, doch Vanderbeke verpackt ihre Gesellschaftskritik in literarische Kleinkunst. Ihr zuckersüßer Zynismus ist einzigartig, und ihre Alltagsbeobachtungen von der abgeschiedenen irischen Insel sind köstlich. Zwischen Begegnungen mit stoischen Schafen und merkwürdigen Einheimischen packt sie noch ein bisschen persönliche Kindheitsaufarbeitung und Familienpsychologie, und schon ist er fertig, der oben genannte unvergleichliche Mix. 171 Seiten, an denen vielleicht sogar Böll seine Freude hätte.

Die Grausamkeit der Normalität

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Birgit Vanderbeke formuliert nicht lange oder umständlich herum. Schon auf der ersten Seite spricht sie ihre Leser direkt an: „Es gibt nur einen einzigen Menschen, der für Sie denken und auf Sie aufpassen kann. Das sind Sie. Und wenn Sie es nicht können, kann es niemand für Sie.“ Das ist die Kernbotschaft ihres neuen, erneut autobiografisch gefärbten Romans „Wer dann noch lachen kann“ (Piper). Ganz genau hinschauen, sich bloß nichts vormachen lassen, einen eigenen Weg gehen – eine Erkenntnis, die Vanderbekes Alter Ego im Buch schon als kleines Mädchen gewinnt. Ihr Vater schlägt sie mit einem Teppichklopfer blutig. Ihre Mutter schleppt sie zu Ärzten und behauptet, sie sei krankhaft überreizt.

Die Erzählerin beobachtet ihre Umwelt genau, sie hinterfragt und kommentiert, was sie erlebt und sieht. Sie flüchtet – wie Birgit Vanderbeke selbst im Alter von fünf Jahren – mit ihren Eltern aus der DDR in den Westen, ins „Land der Verheißung“. Doch auch dort trifft sie auf Widersprüche und Gewalt. Also flüchtet die Erzählerin in Traumwelten, erfindet einen Mikrochinesen, der auf ihrem kaputten Globus steht und ihr zuhört – im Gegensatz zu ihrer Mutter. Birgit Vanderbeke erzählt von einer Befreiung. Von Dogmen, Familien, Systemen, Traditionen. Von der Grausamkeit der Normalität.

Schwere, tiefgründige Kost, im Grunde genommen. Doch Vanderbeke schreibt so erfrischend und gewitzt, so gekonnt artistisch, dass die teilweise erschütternden Szenen keine düstere Stimmung verbreiten. Vielmehr bilden sie in ihrer Komplexität ein überzeugendes Plädoyer dafür, sich nicht einschüchtern, einlullen oder vereinnahmen zu lassen. Kleines Buch, große Literatur!

“Es ist anstrengend, zu denken, deshalb ist man immer in Versuchung, es andere für sich machen zu lassen.“