Bernhard Schlinks schlichte Eleganz

Zehn Jahre. So viel Zeit vergeht in der Regel, bis Bernhard Schlink einen neuen Erzählband veröffentlicht. Auf „Liebesfluchten“, seinen Bestseller aus dem Jahr 2000, folgte zehn Jahre später „Sommerlügen“, und nun, nachdem ein weiteres Jahrzehnt vergangen ist, erfreut der 76-jährige seine Leser*innen mit einer neuen Sammlung von Kurzgeschichten.

Der Titel „Abschiedsfarben“ (Diogenes) passt perfekt zu den neun Geschichten. Denn Schlink widmet sich Abschieden in zahlreichen Farbschattierungen. Seine Protagonist*innen, meist Menschen in der Lebensmitte oder im höheren Alter, verabschieden sich von früheren Lieben, von Zielen, Erinnerungen und Träumen. Sie blicken zurück auf vergangene Lebensphasen und ordnen diese nun, aus zeitlicher Distanz, anders ein als früher. Bisweilen erkennen sie, dass im falschen Leben das richtige lag und im richtigen das falsche. Diese Neubewertung macht manche der betreffenden Menschen traurig, während sich andere erfreut zeigen über den Perspektivwechsel. Die Schwere und die Leichtigkeit des Lebens liegen nah beieinander, wie immer bei Bernhard Schlink.

Unaufdringlich, geradezu behutsam, nähert sich Schlink den Menschen in seinen Geschichten. In leisen Tönen – man könnte sagen: in Abschiedsfarben – zeichnet er deren feine Porträts. Kaum ein anderer Schriftsteller vermag es die Buchseiten mit solch einer schlichten Eleganz zu füllen. Hinter der vermeintlich unscheinbaren, klar strukturierten Fassade brodelt es jedoch. Alte Wunden reißen auf, von wegen, die Zeit heile sie alle. Plötzlich sind da Enttäuschungen, Verletzungen, Wut und Trauer. Kann die Frau dem Mann verzeihen, der sie vor vielen Jahren verlassen hat und nun wieder vor ihr steht? Kann der Freund dem Kumpel vergeben, als er erfährt, dass dieser ihn damals an die DDR-Behörden verraten hat? Durfte das alte Ehepaar sich das Leben nehmen, ohne an die Trauer der Hinterbliebenen zu denken?

Es sind also die großen moralischen und menschlichen Fragen, die Bernhard Schlinks Figuren umtreiben. Sie entscheiden sich für unterschiedliche Lebenslinien und Lebensweisen, und sie müssen später den Mut aufbringen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Mit jeder seiner neun Kurzgeschichten  gestattet Schlink Einblicke in die zutiefst privaten Gedanken seiner Protagonist*innen. Da er dabei verständnisvoll und zurückhaltend vorgeht, in seiner gewohnt zeitlosen Sprache, fühlt man sich den fiktiven Charakteren nah. Und deren notwendige Abschiede erscheinen als Chancen – ein tröstlicher und versöhnlicher Gedanke.

Olga!

bernhard schlink, olga, rezension, blog, günter keilDas, was Bernhard Schlink mit seinem neuen Roman gelingt, ist die große Kunst eines großen Schriftstellers: Auf gerade einmal 320 Seiten und in leicht verständlicher Sprache skizziert er wichtige historische Entwicklungen, für die andere meist mehr als doppelt so viel Platz benötigen. Schlinks Handlung beginnt im späten 19. Jahrhundert und endet im frühen 21. Jahrhundert – erzählt wird die Lebensgeschichte einer Frau.

„Olga“ (Diogenes), die in einem Dorf in Pommern als Waise aufwächst, und Herbert, der Sohn eines Gutsherrn, verlieben sich. Sie werden ein Paar. „Zwei, die anders waren. Sich fanden. Sich verloren.“ schreibt Schlink. Olga wird Lehrerin, und Herbert reist als Abenteurer durch die Welt. Seine Arktis-Expedition scheitert, und alle Versuche ihn zu retten, scheitern. Fortan muss Olga ohne ihren Liebsten auskommen. Die bescheidene und kritische Frau bleibt weiterhin mit Herbert verbunden – über zahlreiche liebevolle Briefe, die sie ihm bis zu ihrem eigenen Tod schreibt.

Bernhard Schlink porträtiert Olga als Symbol für Neugier, Toleranz und Hoffnung. Er zeigt eine Frau, die gegen den Größenwahn ihres Landes aufbegehrt. Die weiß, dass die Möglichkeit zu lernen ein Privileg ist, und die erfährt, dass das Leben eine Kette von Verlusten darstellt. Ihre Lebensfreude und Hilfsbereitschaft lässt sich „Fräulein Rinke“, wie sie oft genannt wird, trotzdem nicht nehmen. Hätte es mehr Olgas gegeben, so wird zwischen den Zeilen deutlich, wäre Deutschlands Geschichte um einiges friedlicher verlaufen.

Eindrucksvoll beweist Bernhrad Schlink erneut, dass er ein echter Erzähler ist und kein Fabulierer. So entsteht eine Mischung aus Geschichtsstunde und Lebenskunde, diemich zutiefst bewegt hat.