Kurz vor der Sommerpause…

…moderiere ich noch die neuesten Folgen meiner Literatursendung „Die egoFM Buchhaltung“ und des Podcasts LONG STORY SHORT mit Karla Paul.

Im Radio empfehle ich heute die neuen Romane von Jarka Kubsova, Ta-Nehisi Coates, Sigrid Nunez und Max Annas. Außerdem gibt´s den neuen Kriminalroman von Tess Gerritsen zu gewinnen und ich spreche mit Tabea vom ecco Verlag über Gleichberechtigung von Autorinnen. Von 14-16 Uhr auf egoFM.de oder ab Montag hier auf der Homepage meiner Show zum Nachhören (ohne Musik).

Im Podcast diskutieren Karla und ich über Nana Oforiatta Ayim, Keigo Higashino, Lena Andersson und Chloe Benjamin. Die 50 bisherigen Folgen hört Ihr auf allen Plattformen oder hier auf der Homepage von LONG STORY SHORT. Am 24. August sind wir mit der nächsten Folge wieder online. Viel Spaß beim Lauschen!

Hier im Blog gebe ich übrigens auch weiterhin Buchtipps, trotz Sommerpause. Ihr kommt also hoffentlich weiterhin ins Grübeln, welche Neuerscheinungen für Euch geeignet sind!

Warum ich keine Bücher verreiße

Ich habe keine Lust auf Verrisse. Auf die akribische Suche nach Schwächen und Fehlern, auf eitle Belehrungen und verletzende Schmähungen.

Wozu sollte das auch gut sein? Wem hilft es, wenn Literaturkritiker*innen den Platz, der ihnen in Medien zur Verfügung steht, für Bücher nutzen, von denen sie abraten? Klar: Wenn selbstgefällige Rezensenten ein vernichtendes Urteil fällen, gibt es Schlagzeilen, Klicks und mediales Echo. Aber: Wäre es nicht viel besser, konstruktive Kritik zu üben? Begründete Empfehlungen zu geben? Zum Kauf guter Bücher anzuregen statt vom Erwerb schlechter Literatur abzuraten?

Literaturkritik ist ein komplexes, widersprüchliches Thema. Sie schwebt irgendwo zwischen Journalismus und Literaturwissenschaft, zwischen Lesebegeisterung und Prüfmechanismen. Rezensionen sind so vielfältig wie ihre Verfasser*innen, und die Bandbreite von Literaturkritik ist enorm – sie wird seit Jahren immer größer. Ihr Spektrum reicht von digitalen Buchplattform-Kommentaren, Leserkreis-Tipps und Regionalzeitungs-Buchbesprechungen, über Blogs und Vlogs, bis zur literaturgeschichtlich eingeordneten Feuilletonkritik in Qualitätsmedien.

Diese Vielfalt ist wichtig. Und es lohnt sich, den riesigen Raum zwischen Lob und Tadel, Demütigung und Glorifizierung, Empfehlung und Analyse zu untersuchen. Was passiert dort? Warum begeistern sich die einen für Bücher, während die anderen Werke schmähen? Und was macht mehr Sinn?

Beginnen wir damit, was für mich „gute“ Literatur ist. Bei meinen Rezensionen lege ich ganz bewusst den Bewertungsfokus auf den unmittelbaren Effekt von Romanen. Denn sie sollten Reaktionen auslösen: Freude, Empathie, Spaß, Überraschung, Bestätigung, Trauer, Wut, Fassungslosigkeit. Bloß nicht: Gleichgültigkeit und Langweile. In der Folge passiert dies: Gute Bücher wecken Interesse und schaffen Verständnis für die Situation anderer Menschen. Sie irritieren, verstören, kurz: sie berühren die Seele. Sie unterhalten nicht nur, sondern regen indirekt an, über sich und die Welt nachzudenken. Wenn wir beim Lesen etwas über andere Lebenswelten (oder uns selbst) lernen, verstehen wir diese (und uns) besser.

Gleichzeitig dürfen und sollen uns Geschichten aus dem Alltag entführen, geradezu wegbeamen, und wenn sie das können, wenn sie uns vergessen und abschalten lassen, wenn sie zur Erholung und Erfüllung beitragen, dann sind sie gute Geschichten. Davon bin ich überzeugt.

Moment mal! Ruft an dieser Stelle die traditionelle Literaturkritik. Das ist doch eine völlig unqualifizierte, subjektive Wohlfühlperspektive. Wo bleiben die üblichen Kriterien? Die Qualitätsmaßstäbe betreffend Sprache, Aufbau, Originalität und Relevanz?

Keine Sorge. Sie gelten nach wie vor. Und sie sollten auch Teil (m)einer Rezension sein. Aber sie sollten unterschiedliche Zielgruppen berücksichtigen und nicht von oben herab gepredigt werden. Vor allem sollten sie nicht davon ablenken, dass auch eine scheinbar objektive Beweisführung eines Experten subjektiv ist – anerkannte Literaturkritiker widersprechen sich häufig. Dieser Diskurs ist erfrischend, doch die alleinige, einseitige Vernichtung eines Werkes ohne Widerspruch, das Contra ohne Pro, ist – ja, kontraproduktiv. Eine Seite Verriss – wozu? Um sich an der eigenen Überlegenheit zu erfreuen? Um sich über ein Buch echauffiert zu haben, während dutzende empfehlenswerte Bücher keine Erwähnung finden? Das schadet der Literatur.

Nicht zu vergessen: Auch ein herausragender literarischer Text kann zum Gähnen langweilig sein, wohingegen eine scheinbar simple Geschichte bewegen und begeistern kann.

Ja, wir brauchen professionelle Literaturkritik. Um Bücher einordnen und einschätzen zu können. Um für unsere Leseentscheidung mehr zur Verfügung zu haben als Klappen- und PR-Texte oder Online-Kommentare. Kritik dient immer als Orientierung, und es hat auch durchaus seinen Reiz, wenn Denis Scheck in „Druckfrisch“ schonungslos über die Titel der Bestsellerliste urteilt. Er darf das. Denn im Rest seiner Sendung lobt und feiert er die Literatur so schwärmerisch wie kaum ein anderer renommierter Kritiker.

Selbstverständlich nähere ich mich den zu begutachtenden Werken kritisch. Doch die Stärken hervorzuheben und die Schwächen zu erwähnen, erscheint mir sinnvoller als den Finger in die Wunde zu legen. Falls mir ein Roman überhaupt nicht zusagt, schreibe ich einfach nicht darüber. Denn die Zeilen, die ich für eine Abrechnung verbrauchen würde, fehlten für Literatur, die ich ans Herz legen möchte. Und davon gibt es mehr als genug.

Literatur moderieren, trotz Corona

„Jetzt geht´s wieder los, oder?“ werde ich zurzeit ständig gefragt. Tatsächlich finden wieder vereinzelt Lesungen statt, vom „Losgehen“ ist allerdings noch wenig zu spüren. Ich bekomme einzelne Anfragen für den Herbst, ja, aber viele große Veranstaltungen und Festivals bleiben abgesagt, zu unsicher ist die Lage, zu schwer die Finanzierung bei Einhaltung aller „Hygienevorschriften“.

Aber immerhin, es tut sich etwas. Und: Es gibt das Netz. Und Radio. In beiden bin ich zum Glück aktiv.

Am Samstag, 11. Juli, startet meine neue Buchsendung auf egoFM. Ab dann alle zwei Wochen, jeweils von 14.00 bis 16.00 Uhr. Über Antenne in zahlreichen Städten und weltweit online. Mehr dazu bald hier im Blog – ich freue mich sehr auf diese Show! Der Claim lautet: Die egoFM Buchhaltung – wer nicht hören will, muss lesen!“ Für mich ist es die schönstmögliche Rückkehr zu dem Medium, bei dem ich als 18-jähriger angefangen habe zu moderieren. Direkt zum Sender hier.

Und dann gibt´s die Online-Buchpremieren: Per Streaming moderierte ich vor kurzem Gespräche mit den Autorinnen Leonie Swann (mit der ich live englischen Tee trank, siehe Foto unten) und Claudia Winter (die wie ich im gestreiften T-Shirt vor der Kamera saß) – beide Gespräche wurden insgesamt mehr als 5.500 mal auf Instagram, Facebook und Youtube aufgerufen. So viele Zuschauer*innen hätten wir bei Lesungen kaum gehabt!

Ach ja, und wie wäre es mit einem kleinen 4-Minuten-Video aus meinem Büro, das ich fürs Literaturhaus Herne/Ruhr aufgenommen habe (siehe Foto ganz oben)? Mit zwei aktuellen Buchtipps (Ta-Nehisi Coates und Joanna Nadin). Falls es Euch interessiert, schaut rein, einfach HIER klicken.

Es gibt also viel zu tun, trotz Corona. Aber die echten Live-Begegnungen fehlen mir nach wie vor – für sie gibt es keinen Ersatz. 

 

 

Worauf ich mich 2018 freue

Wie schön: Ich weiß jetzt schon, dass es ein wunderbares Jahr wird. Als Freiberufler kann ich zwar nie für 12 Monate vorhersagen, was wann passiert. Wie viele Aufträge reinkommen. Welche Stars ich treffe. Aber das kann ich schon verraten:

Im Kupfersaal Leipzig moderiere ich am 15. März eine Lesung mit der britischen Bestsellerautorin Jojo Moyes (rechts).

Mitte Januar treffe ich Schauspieler Moritz Bleibtreu in Berlin zum Interview über seinen neuen Film „Nur Gott kann mich richten“. 

Mit US-Autor Nickolas Butler (rechts) gehe ich Ende Februar auf Lesereise. Start im English Theater Berlin am 19.2.

Die Psychologin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl (unten) stellt am 27. Februar auf Litlounge.tv im Gespräch mit mir ihr neues Sachbuch „Jeder ist beziehungsfähig“ vor.

Beim Krimifestival München moderiere ich den Abend mit dem dänischen Starautor Jens Henrik Jensen (neuer Thriller „Der dunkle Mann“). Termin: 13.3.

Außerdem habe ich Veranstaltungen mit Arne Dahl (beim Festival Mord am Hellweg), Rita Falk, Lea Coplin, Wolfram Fleischhauer, Nicola Förg und vielen anderen. Mehr Details bald…

Und auf welche Bücher freue ich mich am meisten? Den neuen Haruki Marukami natürlich, Peter Stamms „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“, Bernhard Schlinks „Olga“, „Strafe“ von Ferdinand von Schirach, Paul Austers „Das rote Notizbuch“, Roberto Savianos „Der Clan der Kinder“ sowie neue Romane von Kathrin Weßling, Gianrico Carofiglio, Heinrich Steinfest, Lilian Loke, Max Scharnigg

 

 

Mein persönlicher Jahresrückblick

Besuch bei Ai Weiwei in seinem Berliner Atelier – eine der vielen besonderen Begegnungen mit Künstlern dieses Jahr

Es war ein Risiko. Aber seit diesem Jahr weiß ich: es hat sich gelohnt, es einzugehen.

Vor etwa acht Jahren habe ich beschlossen, mich voll und ganz der Literatur zu widmen. Bücher zu rezensieren, Autoren zu interviewen, Lesungen zu moderieren. All das hatte ich vorher auch schon getan – aber eher nebenbei, da ich auch noch viele andere Jobs für Radio- und TV-Sender hatte.

Damit machte ich Schluss. Konzentrierte mich auf das, was mir wirklich wichtig war. Eine gewagte Entscheidung, denn in den Medien (und besonders für uns Freiberufler) gilt: Am schlechtesten wird im Kulturbereich bezahlt. Kein Wunder also, dass es zähe, harte Jahre wurden, bis ich Redaktionen gefunden hatte, die meine Texte kauften. Ähnlich schleppend entwickelte sich meine Auftragslage für Lesungsmoderationen. Jahrelang war ich mir nicht sicher, ob ich davon leben könnte. Aber ich blieb dran. Startete diesen Blog. Machte weiter. Und ganz langsam entwickelte sich etwas.

Jetzt, nach einem erfüllenden und erfolgreichen Jahr, weiß ich: es klappt. 2017 hatte ich großartige Begegnungen und tolle Aufträge. Interviews und Moderationen mit T.C. Boyle (links), Ken Follett, Arundhati Roy (oben), Jo Nesbø, Jostein Gaarder (unten)… Außerdem traf ich den chinesischen Künstler Ai Weiwei und Hollywoodstar Bryan Cranston („Braking Bad“). Ich schreibe für jede Menge Medien und moderiere für fast alle großen Verlage und wichtigen Literaturfestivals.

Die Honorare in unserer Branche sind zwar nach wie vor oft unterirdisch. Skandalös schlecht. Ich verdiene bei weitem nicht so viel wie früher. Aber das ist mir egal – etwas tun zu können, das ich wirklich will und das sinnvoll ist, bedeutet mir mehr. Zum Glück habe ich inzwischen genug Auftraggeber, die Kultur schätzen – und meine Arbeit. Das motiviert. Und macht dankbar.

Vielen Dank auch an Euch alle – ich weiß, Ihr liebt Bücher, Filme und andere Kunstwerke genauso wie ich!

Machen wir einfach weiter – denn eine Welt ohne Kultur (und ohne Medien, die darüber berichten) ist nicht lebenswert.

 

 

 

 

 

 

Worauf ich mich 2017 freue

eceWann? Wo? Wie? Als Freiberufler weiß ich nie genau, wie sich ein neues Jahr entwickeln wird. Es gibt Phasen, in denen ich rund um die Uhr schreibe, interviewe, recherchiere, moderiere. Unterbrochen von Phasen, in denen ich Luft hole, nachdenke, plane, neue Projekte starte – und hoffe, dass es bald wieder richtig los geht.

Für 2017 steht jetzt schon fest: Ich werde in den nächsten Monaten mit vielen großartigen Autoren auf der Bühne stehen. Simon Beckett, Sebastian Fitzek, Rita Falk, Marc Elsberg, Michael Tsokos, Nicola Föhr, Petra Oelker, Tilman Röhrig, Michael Lösch – und, besonders spannend: Mira Magén aus Israel, Ece Temelkuran aus der Türkei (siehe Foto von unserer Lesung in Frankfurt 2015). Außerdem moderiere ich die Eröffnung der Münchner Bücherschau junior. Zu Interviews treffe ich u.a. Jussi Adler-Olsen und Georg M. Oswald – beide veröffentlichen im März ihre neuen Romane.

Natürlich schreibe ich auch weiter für zahlreiche Medien, und ich bin seit Anfang des Jahres wieder verantwortlich für die Buchseite des Playboy. In der aktuellen Ausgabe rezensiere ich dort T.C. Boyle, Michael Connelly, Fil Tägert und Dennis Lehane. Damit auch in Männermagazinen die Literatur lebt!

Warum ich meinen Job liebe

paul mcveigh, lesung, literaturblog, günter keilStille. Absolute Stille. 200 Zuschauer hören gebannt Paul McVeigh zu. Ich sitze neben dem nordirischen Schriftsteller auf der Bühne in Olpe und bin einfach nur dankbar. Für diesen Job. Für dieses Publikum. Für diese Literatur, die live noch lebendiger, greifbarer wird. McVeigh beantwortet meine Fragen nach seiner Kindheit inmitten des Bürgerkriegs in Belfast. Der 48-jährige spricht über die Angst, die er und seine sieben Geschwister hatten, über den Humor, den sie als Schutzschild und Waffe benutzten, über Bomben und Schüsse, die Armut seiner Familie, das Zusammenleben von einem Dutzend Menschen in zwei Zimmern. All dies floss in Pauls Roman „Guter Junge“ ein – ein Buch, mit dem der Ire einer Generation eine Stimme geben will, die unter Alpträumen und Schlaflosigkeit gelitten hat.

Natürlich sprechen wir auch über Whiskey, Irish Dance, Kilts. Und über alles, was das Leben ausmacht. Über Liebe und Leidenschaft, Krankheit und Tod. Ist das nicht wunderbar? Literatur führt Menschen zusammen, bewegt, immer wieder. Besonders dann, wenn Autoren auf Leser treffen. Dass ich diese Abende mit meiner Moderation mitgestalten kann, freut mich jedes Mal aufs Neue.

In den vergangenen zwei Monaten war ich wieder in ganz Deutschland unterwegs – mit Simon Beckett, Arne Dahl, Petros Markaris & Esmahan Aykol, Garry Disher und vielen anderen Künstlern. Und immer gab es einen oder mehrere magische Momente. Vielen Dank an alle, die das möglich machen: Autoren wie Paul McVeigh und ihre Verlage, Veranstalter wie Georg Spielmann von der Dreimann Buchhandlung, Menschen, die sich auf das Live-Abenteuer Lesung einlassen.