An der Impffront

Rainer Jund ist einer, der ganz vorne mitkämpft, an der „Impffront“. Der Münchner HNO-Arzt hat ein hochaktuelles Taschenbuch veröffentlicht, in dem er von seinen Impferlebnissen erzählt. Klug, reflektiert und authentisch, in knappen, kompetenten Sätzen. An manchen Stellen gekonnt zugespitzt oder poetisch verdichtet. Jund liefert keine Abrechnung, auch kein Fachbuch, sondern zeigt vielmehr ein umfassendes, realistisches und sehr menschliches Bild der Situation hinter den Türen seiner Praxis.

„Von der Impffront“ (FBV) heißt das schmale Werk, in dem der Arzt wie schon in seinem literarischen Debüt „Tage in Weiß“ (Piper) direkt aus seinem Alltag berichtet – von Stress und Unsicherheit innerhalb seines Teams, von Bauchgefühl und Unwissen bei manchen Patienten, von widersprüchlichen Vorschriften der Politik. Nach der Lektüre wird klar, dass das Impfen in einem Spannungsfeld stattfindet, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Angstmache und Hoffnung. Jund macht die Erfahrung, dass die meisten seiner Patienten dankbar sind; und einige unbelehrbar. Bemerkenswerte kurze Texte, die viel enthüllen – übers Impfen, über uns und unsere Mitmenschen.

„Gott sei Dank sind es nicht viele, die die Impfung nicht wollen. Die Angst haben. Es erscheint ihnen zu riskant. Die anderen, die sich impfen lassen, akzeptieren das Risiko aber. Und nehmen damit nicht nur potentielle Impfnebenwirkungen in Kauf, sondern tragen auch ganz wesentlich dazu bei, dass Ungeimpfte und Impfgegner durch die Verminderung der Ansteckungswahrscheinlichkeit besser geschützt werden.“

Mehr Humanismus!

Was tun gegen Trump, Putin und die Populisten in Süd- und Osteuropa? Gegen die Schere zwischen Arm und Reich, die Konzentration von Macht und Kapital? Paul Mason legt mit „Klare, lichte Zukunft“ (Suhrkamp) eine 400 Seiten starke Streitschrift vor. Der britische Wirtschaftsjournalist und Politaktivist fordert eine Rückbesinnung auf humanistische Werte. Mason, der sich in seinem Bestseller „Postkapitalismus“ bereits Gedanken über eine neue Wirtschaftsform machte, stört die fortwährende Dominanz des Neoliberalismus:

„In der Ära der freien Marktwirtschaft lernten wir, die Unterwerfung des Menschen unter die Marktkräfte zu akzeptieren. Wir behandelten Begriffe wie Bürgerrechte, Moral und Handlungsmacht so, als wären sie irrelevant in einer von Konsumentscheidungen und kreativer Finanztechnik beherrschten Welt.“

Nun sei es an der Zeit, etwas zu ändern, fordert Mason. Schluss mit Fatalismus, „der vorherrschenden Geisteshaltung auf unserem Planeten“. Mason blickt zunächst zurück. Er beschreibt, wie Donald Trump überhaupt an die Macht kommen konnte. Wie die Wirtschaftselite weltweit auf Deregulierung drängte, die organisierte Arbeiterklasse verschwand, die Ungleichheit wuchs und der Staat der Gesellschaft in sämtlichen Lebensbereichen den Wettbewerb aufzwang. Und: Wie viele Menschen offenbar ihre Fähigkeit zum logischen Denken verloren haben, und wie die autoritären Rechten geschickt davon profitierten.

Für Paul Mason steht fest: Der Mensch muss in den Mittelpunkt unserer Weltsicht rücken, nicht der Profit. Die Propaganda von Eliten, Faschisten und Bürokraten muss intelligent widerlegt werden. Folgerichtig zeigt Mason etwa, wie man Technologien zur Förderung des menschlichen Wohlergehens nutzen könnte. Für den Briten steht zudem fest: Nur wenn wir gegen Monopole und Preisabsprachen kämpfen, gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und Lohnstagnation, sowie das Horten von Informationen, hat der Humanismus noch eine Chance.

„Klare, lichte Zukunft“ ist die perfekte Ergänzung zu Yuval Noah Hararis genialer Bestandsaufnahme „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ (C. H. Beck). Während Harari ausgewogen und ruhig argumentiert, spürt man Masons Zeilen seine Wut und seinen Willen an, etwas zu verändern. Zwei wichtige, kluge Bücher.

Die Arabisierung der deutschen Sprache

„Dies Büchlein ist ernsthafter sprachwissenschaftlicher Schwachsinn.“

Stimmt genau, was Abbas Khider über sein neues Buch schreibt. In „Deutsch für alle“ (Hanser) skizziert der deutsch-irakische Autor die Grundlagen des von ihm erfundenen Neudeutsch. Einer Sprache, die einfacher und logischer ist als das uns bekannte Deutsch. Und wozu dieser höchst amüsant und intelligent umgesetzte Quatsch? Nun, zunächst einmal möchte Khider ganz egoistisch seine chronischen linguistischen deutschen Traumata überwinden. Darüber hinaus will er anderen Einwanderern den Einstieg ins Deutsche erleichtern und uns Altdeutsche dazu ermuntern, die eigene Sprache durch den Blick von außen neu zu betrachten.

Das alles gelingt Khider. Mit trockenem Humor schafft er Dativ und Genitiv ab, widersetzt sich der Autorität des Artikels und streicht die Deklination, die funktioniere „wie die Verhörbeamten in einer Diktatur.“ Auch dem deutschen Satzbau geht er an den Kragen: Das Verb steht im Neudeutsch immer nach dem Subjekt. Präpositionen werden reduziert, Verben sind untrennbar. Fertig ist sie, die vereinfachende Arabisierung der deutschen Sprache.

Ein origineller Sprachspaß mit zahlreichen Anekdoten aus Abbas Khibers Ankunft in Deutschland, seinem Studium und Rückblicken auf seine religiöse Phase als Jugendlicher. Zum Glück wollte er dann doch lieber Schriftsteller statt Imam werden: „Schöner zu schreiben als Allah, das war mein Plan.“ Ob ihm das mit seinem Neudeutsch-Lehrbüchlein gelingt? Eher nicht. Aber er verfasst ja auch Romane.

Einfach gehen

„Das Leben dauert länger, wenn man geht. Gehen verlängert jeden Augenblick.“

Hm. Ist das jetzt ein Sachbuch oder Literatur? Beides, irgendwie. Der Autor und Abenteurer Erling Kagge erzählt in „Gehen. Weiter gehen“ (Insel) von seinen persönlichen Geherfahrungen. Überzeugend, kurz und klar.

Kagge, der als erster Mensch zu Fuß zum Nordpol marschiert ist und den New Yorker Untergrund auf zwei Beinen und kriechend erkundet hat, schwärmt. Davon, dass das Gehen die Perspektive verändert. Persönliche Probleme verkleinert. Das Leben entschleunigt. Der Norweger hat für dieses Buch auch mit Forschern, Philosophen, Künstlern und anderen Abenteurern gesprochen – heraus kommt eine kleine Kulturgeschichte des Gehens. Und ein Plädoyer dafür, dass Auto mal stehen zu lassen, die U-Bahn zu meiden. Stattdessen: Einfach losgehen. Eine tatsächlich sehr gute Anregung – schade nur, dass das Lesen im Gehen so schwer fällt.

„Bei so vielen Dingen in unserem Leben geht es um hohes Tempo. Gehen tut man langsam. Und ist damit das Radikalste, was du tun kannst.“ 

Unbedingt lesen: Diese beiden Sachbücher!

Meistens lese und rezensiere ich Belletristik – doch diese beiden aktuellen Sachbücher empfehle ich gerne weiter:

„Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ (Hoffmann & Campe) von Jaron Lanier ist ein überzeugendes Plädoyer, sich von Facebook & Google zu trennen. Lanier, Internet-Pionier, Erfinder und Kritiker, wird dem Titel absolut gerecht. In schneller, pointierter Sprache und höchst kompetent legt er dar, wie Social Media die Wahrheit untergräbt, Mitgefühl tötet, prekäre Arbeitsverhältnisse fördert und seriöse Politik unmöglich macht. Ein Buch, das aufrüttelt, aufdeckt und bittere Wahrheiten enthält. Unbedingt lesen!

Thea Dorn formuliert und argumentiert in „Deutsch, nicht dumpf“ (Knaus) deutlich besonnener und ausführlicher als Jaron Lanier. Das macht die Lektüre stellenweise etwas zäh – doch der Inhalt ist brillant. In ihrem „Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“ (Untertitel) widerlegt Dorn zahlreiche konservative Thesen zur deutschen „Leitkultur“ und beschreibt, was wirklich Deutsch ist. Oder sein sollte. Ein komplexer, niveauvoller und intelligenter Beitrag zur Debatte um Werte, Heimat und Nationalismus. Auch hier gilt: Unbedingt lesen!

Liebes Smartphone…

stephan prombka, es ist liebe, rezension, günter keil, blogWer immer nur behauptet, dass sich mit dem Smartphone nur Oberflächliches, Flaches, Uninteressantes, allzu schnell Getipptes verschicken lässt, hat keine Ahnung.“

Stephan Porombka hat die Schnauze voll von pauschaler Kritik an der Generation Smartphone. In seinem grandiosen Essay „Es ist Liebe“ (Hanser) unternimmt er eine optimistische Analyse der Liebes- kommunikation 2017. Seine These: Die neue digitale Welt ist keineswegs unromantisch – im Gegenteil, sie markiert den Beginn einer neuen Romantik.

Bleib stehen und sag, dass wir gerade den Liebesbrief neu erfinden.“

Das Smartphone ist für Porombka ein Inividualisierungsgerät für Liebeswünsche, ein Ding, mit dem wir experimentieren, Grenzen überschreiten, Neues erschaffen. Millionen von „feinen Kunstwerkstücken“ entstünden zurzeit, so Porombka. Der Professor von der Berliner Akademie der Künste argumentiert so dynamisch und mitreißend, so logisch und motivierend, dass man ihm auch als Skeptiker bereitwillig folgt. Zwar ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass die Mehrzahl der Smartphonenutzer Porombkas Vision erfüllen wird – aber egal: Sein herausragend in knalligem Rot-Weiß gestaltetes Buch inspiriert und weckt Kreativlust.

Die neue Medienkompetenz heißt: Die Welt romantisieren.“

Liebeserklärung an die australische Wildnis

tim winton, inselleben, rezension, günter keil Das Unzähmbare, Unheimliche und Ursprüngliche fasziniert ihn. Den großartigen australischen Schriftsteller Tim Winton zieht es seit seiner Kindheit in die Wildnis. Er muss den Wind, das Wasser, den Regen spüren. Er muss die Tiere sehen und hören, die Pflanzen berühren. Nur dann fühlt er sich lebendig, nur dann kann er atmen und schreiben.

Von seiner tiefen Liebe zur heimischen Landschaft schreibt Winton in seinem neuen Buch „Inselleben – Mein Australien“ (Luchterhand). Es sind sehr persönliche, teils poetische Geschichten, die Wintons enge Beziehung zur Natur erklären. Der 56-jährige wuchs am Rande von Buschland und Sumpfgebieten auf, und schon früh verliebte er sich in Schlangenhalsschildkröten. Die Präsenz der Wildnis, eine Grunderfahrung. Später bewunderte er einen Eremit in seiner Hütte auf einem Felsvorsprung über dem Meer und nahm sich selbst immer wieder Auszeiten, die er unter freiem Himmel verbrachte. “Die Geografie übertrumpft alles. Ihre Logik untermauert alles“ schreibt Winton, der die Weite und den Raum Australiens vermisst, wenn er auf Reisen ist. Dass die Natur auch in Australien unter Druck geraten ist, dass Gier und stetiges Wirtschaftswachstum die Wildnis bedrohen, kritisiert Winton besorgt. Und doch wird das Land immer den Menschen beherrschen und nicht umgekehrt, das spürt der Schriftsteller.

Tim Winton ist ein uneitler, aber kenntnisreicher Erzähler. Seine literarische Liebeserklärung inspiriert zu einer natürlicheren Wahrnehmung – und dazu, die Zivilisation auch einmal hinter sich zu lassen.

Seit Jahrzehnten zehre ich von diesen Erfahrungen; diese Landschaften sind die Grundlage meiner Geschichten und Romane, und noch immer locken sie mich, suchen mich heim, nähren mich.“

Ab heute im Handel: mein erstes E-Book!

ebookJussi Adler-Olsen, Simon Beckett, Don Winslow, Arne Dahl, Tess Gerritsen, Jo Nesbø, James Ellroy, Joy Fielding, Dennis Lehane, John Katzenbach, Martin Suter… Ja, sie alle sind dabei! Meine Interviews mit 20 Weltstars der Spannungsliteratur erscheinen heute als E-Book bei Edel. „Der Mörder im Kopf“ heißt die spannende Sammlung – und kostet nur 3,99 €. Erhältlich auf allen Buchportalen.

Das Besondere: Alle Gespräche erscheinen erstmals in XL-Länge. Und: Exklusiv für dieses E-Book habe ich den Bestsellerautoren zusätzliche Steckbrief-Fragen gestellt. Bei welcher Raumtemperatur schreiben Sie am liebsten? Was ist der Sinn des Lebens? Wie gehen Sie mit Zweifeln um? Die Stars haben mir auch ihre Lieblingssongs, größten Ängste und ihr bevorzugtes Toilettenpapier verraten.

Ich freue mich, wenn Ihr mein E-Book empfehlt, verschenkt, erwerbt – und wünsche Euch beim Lesen viel Spaß & Spannung! Im Angebot überall, wo es E-Books gibt, z.B.:

http://www.beam-ebooks.de/ebook/389194

http://www.edel.com/de/buch/release/guenter-keil/der-moerder-im-kopf/

Frauen lesen… (Teil 2 – Virginia Woolf & Shades of Grey)

bollmannAusgerechnet ein Mann weiß am meisten über die weibliche Leseleidenschaft: Stefan Bollmann, Literaturwissenschaftler und Bestsellerautor („Frauen und Bücher“, DVA). Wie angekündigt, hier der zweite Teil meines Interviews:

Wie verschafften sich Frauen früher Zugang zu Büchern? In gebildeteren Häusern, etwa in der Familie von Virginia Woolf, lief das über die Bibliotheken der Männer. Woolf und ihre Schwester durften zwar nicht zur Schule gehen, aber ihr Vater ließ die beiden in seiner gut bestückten Bibliothek lesen, was sie wollten. Noch um 1900 war das die Ausnahme, denn oft wurden bestimmte Bücher vor Frauen versteckt oder sogar weggesperrt. Für Woolf war Literatur ihre Bildung.

Was fasziniert Sie an Woolf? Dass sie ihr Leben lang das Lesen geliebt und gefeiert hat. Obwohl sie selbst oft schwierige Avantgardeliteratur schrieb, verschmähte sie den gewöhnlichen Leser nicht, also uns alle. Kurz nach ihrer Heirat kaufte sie mit ihrem Mann eine handbetriebene Druckmaschine, um nicht der Willkür von Verlegern ausgesetzt zu sein. Vormittags schrieben die beiden, und nachmittags produzierten sie mit der Maschine auf dem Küchentisch ihre eigenen Bücher. Das war mühsam und aufreibend, aber letztlich der Grundstein für ihre Karriere.

Am Ende Ihres Buches fragen Sie anlässlich des Erfolges von „Shades of Grey“: Was ist nur mit den Frauen los? Ja, was denn? Ich meine das ironisch. Denn wie ja bereits Mary Wollstonecraft herausfand, gab es schon immer auch weibliche Schundliteratur. Ich sehe das entspannt. Im Grunde genommen ist „Shades of Grey“ eine moderne Version von „Pamela“ von 1740. Schon damals ging es um eine junge, unschuldige Frau, die einen sadistischen Mann umerzieht. Interessant ist, dass „Shades of Grey“ aus weiblicher Fan Fiction entstanden ist, denn E. L. James schrieb ja ursprünglich einfach nur zum Vergnügen die Vampirromane von Stephanie Meyer weiter. Diese waren jedoch so prüde, dass man darauf wohl zwangsläufig mit jeder Menge Sex antworten musste.

Wie sehen Sie die Zukunft des weiblichen Lesens? Positiv! Ich beobachte eine neue Generation von Leserinnen, die trotz aller anderen Angebote und technischer Entwicklungen an der Literatur festhalten. Schauen Sie mal ins Internet: es gibt unzählige Blogs und Lesekreise, in denen Frauen den Ton angeben und die Literatur feiern. Und ganz im Geiste von Virginia Woolf gründen immer mehr junge Frauen eigene Verlage, auch im E-Book-Bereich.

Frauen lesen anders (Teil 1)

imagesKein deutscher Autor beschäftigt sich so intensiv mit der Lese- leidenschaft der Frauen: Stefan Bollmanns Bestseller wie „Frauen, die lesen, sind gefährlich“ wurden in 16 Sprachen übersetzt und verkauften sich eine halbe Million Mal. Das neue Buch des 55jährigen heißt „Frauen und Bücher“ (DVA) – hier Teil 1 meines Interviews:

Lesen Frauen besser als Männer? Nein. Aber sie lesen wesentlich mehr, vor allem mehr Romane. Und sie lesen anders.

Wie denn? Intensiver, einfühlsamer und bedingungsloser. Am wichtigsten erscheint mir, dass der Zusammenhang zwischen Lesen und Leben spezifisch weiblich ist. Frauen lesen Bücher, um etwas über ihr eigenes Leben und das anderer Menschen zu erfahren. Und nicht selten ändern sie nach der Lektüre etwas in ihrem Alltag. Bücher lösen etwas in ihnen aus und bewirken etwas. Männer wollen sich dagegen meist nur Informationen anlesen. Das erklärt, warum 80 Prozent aller Romane in Frauenhände gelangen.

Aber nicht selten lesen deren Männer dann auch darin. Sie geben es jedoch oft nicht zu. Und sie lesen die Bücher meist nicht zu Ende.

In Ihrem neuen Buch schildern Sie die Geschichte des weiblichen Lesens. Ist diese direkt mit der Geschichte des Romans verknüpft? Ja, durchaus. Bevor das Lesen Mitte des 18. Jahrhunderts anfing weiblich zu werden, musste man gebildet sein, um Romane zu verstehen. Es gehörte eine gewisse Gelehrsamkeit dazu, um etwa bestimmte Anspielungen einordnen zu können. Diese Gelehrsamkeit war nur Männern zugänglich. Grundsätzlich galten Romane damals als mindere Literaturgattung – anders als Lyrik und Drama. Doch dann änderte sich etwas: 1740 erschien in England „Pamela“ von Samuel Richardson, ein europaweiter Bestseller, den vor allem Frauen liebten. Den lasen alle: die Adelige, die Bürgersfrau und das Dienstmädchen. Auch Goethe kannte übrigens das Buch. Mit Romanen dieser Art fand eine soziale Egalisierung statt, und Literatur war fortan für alle Schichten und Stände interessant.

Ging es den Leserinnen damals vor allem um Unterhaltung? Nicht nur – die Lust an Literatur hatte immer auch etwas vom Streben nach Unabhängigkeit, von einem Wunsch, raus aus den Konventionen zu kommen. Romane leisteten einen wesentlichen Beitrag zur weiblichen Emanzipation.

Teil 2 meines Interviews demnächst hier im Blog.