Murakamis merkwürdige Geschichten

Was will er nur damit sagen? Diese Frage stellt sich Murakami-Leser*innen seit jeher bei der Lektüre des Meisters Geschichten. Und auch nach fast jeder der acht Erzählungen seines neuen Bandes „Erste Person Singular“ (DuMont) stellt sich das vertraute Gefühl ein: Eine Mischung aus Ratlosigkeit, Faszination, Verwirrung und Verzückung. Und bisweilen Enttäuschung. Denn der japanische Schriftsteller liebt mystische Momente, Andeutungen und Experimente, und vieles bleibt im Vagen, weshalb seine Erzählungen wie literarische Skizzen wirken.

Die Hautfiguren von Haruki Murakami, nahezu ausschließlich Männer, erinnern sich stets im Rückblick, etwa an seltsamen Sex, einen sprechenden Affen, die Intelligenz einer hässlichen Frau, einen unerfreulichen Dialog in einer Bar. Haben diese Erinnerungen eine Bedeutung, einen Sinn, und entsprechen sie überhaupt der Realität? Das fragen sich Murakamis acht Erzähler selbst, und sie kommen zu keinem klaren Schluss.

In einer Geschichte erzählt ein Mann mittleren Alters von einer zufälligen Begegnung vor langer Zeit. Damals bat ihn ein alter Mann, sich einen Kreis mit mehreren Mittelpunkten und ohne Begrenzungen vorzustellen. Der Junge überlegte lange, doch er fand keine Lösung, woraufhin ihn der Alte zurechtwies: „Wozu hast du deinen Verstand? Er ist dazu da, dir unverständliche Dinge verständlich zu machen. Das ist die crème de la crème des Lebens.“ Möglicherweise sieht sich Haruki Murakami in der Rolle dieses alten Mannes – er möchte, dass seine Leser*innen ihren Verstand gebrauchen, um die Geheimnisse seiner Geschichten aufzudecken. Über den Verstand allein lassen sich seine literarischen Rätsel allerdings kaum lösen; seine Prosa hat eine bewusstseinserweiternde Ebene, und wer sich nicht auf die Welt hinter seinen subtilen, gelegentlich spirituellen Andeutungen einlässt, wird sie wohl eher befremdlich finden.

Zwar erzählen Murakamis Figuren in nüchternem, beiläufigem Ton von ihren Erlebnissen, und sie stellen sich als unbedeutende Durchschnittsmenschen dar. Doch in ihrem Inneren glimmt nicht selten ein kleines Feuer, aus dem ein Flächenbrand werden kann.

Ich stelle das Buch in meiner Literatursendung am 30. Januar auf egoFM vor. Zur Show hier. 

Von Bodyguards bewacht

Stellt Euch vor, Ihr werdet dauernd bewacht. Alles, was Ihr tut, steht unter Beobachtung. Nie seid Ihr wirklich allein und unabhängig. Ständig sorgen Bodyguards für Eure Sicherheit, ob Ihr es wollt oder nicht. Ein Alptraum, oder?

Johann Scheerer hat das tatsächlich erlebt. In seinem neuen Roman „Unheimlich nah“ (Piper) erzählt er vom Aufwachsen mit Personen- und Gebäudeschützern, von einem Teenagerleben unter Dauerkontrolle und ständiger Bedrohung. Wie kann man sich unter diesen Umständen abnabeln, erwachsen werden und zu sich selbst finden? Diese Fragen begleiten den Ich-Erzähler, einen 15jährigen, rund um die Uhr. Denn wie soll er zur Schule kommen, Partys feiern, Mädchen kennenlernen, mit seinen Bandkollegen proben, Urlaub machen, ohne dabei von Bodyguards begleitet zu werden?

„Ich hatte Angst vor der neuen, unheimlichen Nähe zu diesen Fremden. Würde ich dieser Sicherheit jemals wieder entkommen können?“

Die Antwort ist bitter: Nein. Er muss sein Leben mit seinen Bewachern teilen. Sonst ist er in Gefahr. Der Hintergrund: Sein Vater hat viel Geld geerbt, wurde entführt und erst nach 33 Tagen gegen ein Lösegeld in Millionenhöhe freigelassen. Seitdem kennt jeder seine Familie, und seine Eltern haben Angst, dass so etwas nochmal vorkommt. Deswegen die Bewachung, die Kontrolle, der Schutz. Die Familiengeschichte ist Realität: Johann Scheerer ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma. In seinem Debütroman „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ hat er bereits 2018 einen Teil seiner Erlebnisse während der Entführung verarbeitet.

In einem lockeren, authentischen Ton erzählt Johann Scheerer von seinem Alter Ego. Der Teenager im Buch versucht, sich an die neue Situation zu gewöhnen, ihr manchmal sogar etwas abzugewinnen. Er sucht Wege und Auswege. Er sehnt sich nach Freiheit und Normalität. Und doch scheitert er immer wieder an diesem Anspruch: „Ich verwendete viel Energie darauf, mich optisch anzupassen und dem Bild des eigenständigen und möglichst unabhängigen Jugendlichen zu entsprechen, wurde aber täglich damit konfrontiert, dass Eigenständigkeit in diesem Lebenssystem nicht vorgesehen war.“

Immerhin, er bekommt einen Plattenvertrag mit seiner Band, und er hat erste Beziehungen. Er zieht durch die Bars auf St. Pauli, wird volljährig, bekommt von seinen Beschützern ein Sicherheitstraining, nimmt Drogen, findet und verliert sich.

Johann Scheerer schildert drei Jahre im Leben eines ganz normalen Teenagers, der unter ganz ungewöhnlichen Bedingungen leben muss. Ein kluger Coming of Age Roman, hinter dem eine reflektierte Grundhaltung steckt. Die Figur Johann lässt tief in ihr Innerstes Blicken, schildert selbstironisch, nachdenklich, offen und komisch von Ängsten und Unsicherheiten. Von einem bewachten Leben und dem Wunsch, auszubrechen.

Ich stelle das Buch in meiner Literatursendung am 16. Januar auf egoFM vor. Zur Show hier. 

Kunst & Gewalt

„Ich glaube an Schmerz, und ich glaube an Kunst. Ich glaubte, sie könnten einander erschaffen. Aber dieser Schmerz erschafft nichts. Von ihm geht nichts aus. Er verschlingt nur.“

Hier kommt ein hochwertiger Spannungsroman über Kunst und Gewalt, Risse in der Seele, Leidenschaft und Aggression. „Alles, was zu ihr gehört“ von Sara Sligar (Hanserblau, übersetzt von Ulrike Brauns) wirkt teilweise wie ein Thriller, ist aber vielschichtiger aufgebaut.

Kate, eine junge Journalistin aus New York, nimmt einen neuen Job in Kalifornien an. Sie soll den Nachlass der berühmten Foto-Künstlerin Miranda Brand sortieren. Also wühlt sie sich im Haus der radikalen Fotografin durch stapelweise Mails, Briefe, Rechnungen und Tagebücher. Das Bild, das Kate dadurch von Miranda bekommt, wird immer unklarer und unheimlicher. Denn die Fotografin hat viel über Gewalt, Schmerz und Depressionen geschrieben, über das Chaos und den Wahnsinn ihres Lebens und ihrer Kunst. Sie starb vor knapp 20 Jahren, angeblich hatte sie sich selbst erschossen. Doch je mehr Kate recherchiert, umso mehr zweifelt sie an dem Selbstmord. Die Wahrheit herauszufinden, entwickelt sich zur Obsession der Archivarin.

Außerdem verfällt Kate dem herben Charme ihres Auftraggebers Theo Brand, dem Sohn der Verstorbenen. Und so verstrickt sich die Journalistin immer tiefer mit dem Leben der Familie Brand. Autorin Sara Sligar springt zwischen den Erzählpassagen in den Nachlass der Künstlerin, zeigt die (fiktiven) Dokumente und baut gekonnt Spannung auf. So entstehen tiefe, verstörende Einblicke ins Leben einer radikalen Künstlerin und ein mysteriöser Sog. Eine aufregende, intensive Geschichte.

„Doch jetzt brachte die Aussicht auf die alte Aufregung ihr Blut in Wallung. Sie hatte vergessen, wie sehr sie die Jagd liebte. Wie tief das Wasser auch war, was immer dort unten lauerte, sie zögerte nicht und sprang hinein.“

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 28.11.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Schneedrama aus Kanada

„Du hast meine Pläne durchkreuzt, du bist mir ein Klotz am Bein. Aber du bist auf die Lösung für mein Problem. Mein Weg zurück nach Hause.“

Es schneit und schneit und schneit. Ein Dorf versinkt unter Schnee und Eis, alle Zufahrtswege sind dicht. In einer Hütte sind zwei Männer eingesperrt und aufeinander angewiesen. Der jüngere kann sich nach einem schweren Autounfall kaum noch bewegen, der ältere pflegt ihn. Doch er tut es nicht freiwillig. Sondern nur, weil es die Dorfgemeinschaft so will und er nur so einen Platz im ersten Bus bekommt, der nach dem Schneechaos fahren soll.

Der kanadische Autor Christian Guay-Poliquin liefert mit „Das Gewicht von Schnee“ (Hoffmann & Campe, übersetzt von Sonja Finck & Andreas Jandl) einen intensiven Winterroman ab. Ich kam mir beim Lesen vor wie in einem Kammerspiel, ganz nah bei den beiden Männern. Misstrauisch und genervt ertragen sie sich, helfen sich, vertreiben sich die Zeit miteinander. Draußen heult der Wind, fällt noch mehr Schnee, scheint die Welt unterzugehen. Und drinnen kämpfen der Kranke und der Alte um ein bisschen Würde und Macht. Sie wären gern woanders, doch sie müssen sich und die Situation aushalten, mehrere Monate lang.

In knappen Sätzen und einem wie gefrorenes Eis funkelndem Stil, blickt Christian in die Seele seiner Figuren. Die Männer berichten live, wie in Tagebucheinträgen oder Kommentaren von Schmerz, Angst und Ohnmacht. Ein starkes, aufwühlendes Psychogramm, das auf ein Finale zusteuert, in dem endlich der Schnee schmilzt.

Meine 17 Lieblingsbücher 2020

Lily King, Writers Lovers, C.H. Beck, Rezension, Literaturblog, Günter Keil            

Monika Helfer / Die Bagage (Hanser), Lily King / Writers & Lovers (C.H. Beck), Pedro Mairal / Auf der anderen Seite des Flusses (Mare), Marco Balzano / Ich bleibe hier (Diogenes), Meg Wolitzer / Das ist dein Leben (DuMont), Ilona Hartmann / Land in Sicht (Blumenbar), Davaid Szalay / Turbulenzen (Hanser), Ta-Nehisi Coates / Der Wassertänzer (Blessing), Alard von Kittlitz / Sonder (Piper), Bernhard Schlink / Abschiedsfarben (Diogenes), Joanna Nadin / Meine Mutter, unser wildes Leben… (Limes), benjamin Myers / Offene See (DuMont), T.C. Boyle / Sind wir nicht Menschen (Hanser), Christine Wunnicke / Die Dame mit der bemalten Hand (Ehrenberg), Graham Swift / Da sind wir (dtv), Deepa Anappara / Die Detektive vom Bhoot-Bazar (Rowohlt), Lee Child / Der Bluthund (Blanvalet).

Barbarotti und der schwermütige Busfahrer

„Wenn man sich vor der Welt verstecken will, ist diese herbstlethargische Gegend, in der die Natur in stiller Balance und Harmonie zu leben scheint, keine schlechte Wahl.“ 

Stimmt. Dieser Kriminalroman lebt von der Herbstlethargie auf Gotland und auf Farö, der vorgelagerten Insel. Aber auch von vielen anderen Faktoren – dazu später mehr.„Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ heißt das neue Werk von Hakan Nesser (btb, übersetzt von Paul Berf), in dem – logischerweise – Inspektor Gunnar Barbarotti ermittelt. Wobei der schwedische Kommissar eigentlich mit seiner Polizeikollegin und Lebensgefährtin Eva Backman zwei Monate Urlaub machen will. Im Norden Gotlands nehmen sie sich eine Auszeit. Gotland, diese geschützte, stille Insel, auf der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, eignet sich perfekt, um Abstand zu gewinnen.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Barbarotti glaubt, einen Mann erkannt zu haben, der eigentlich tot sein müsste. Ein Busfahrer, der vor 11 Jahren ohne Verschulden einen Unfall verursachte, bei dem 18 Menschen starben. Dieser Busfahrer bekam Morddrohungen und wurde später angeblich auf einer Finnlandfähre über Bord geworfen. Der Fall galt als abgeschlossen. Doch Barbarotti und Backmann ahnen, dass es noch einiges zu ermitteln gibt. Und dass ihr Urlaub den Recherchen zum Opfer fällt.

Hakan Nesser glänzt mal wieder durch seine Markenzeichen: Eine raffiniert aufgebaute Geschichte auf mehreren Zeitebenen. Ein verständnisvoller Blick auf seine Figuren, unvorhersehbare Wendungen und eine humane, leicht ironische Sprache. Was mir bei Nesser besonders gut gefällt: Sine philosophische Erzählhaltung, die zum Nachdenken über die wichtigen Grundfragen des Lebens einlädt. Fazit: Entspannte Spannung.

Literarisches Erinnerungsrätsel

„Wenn Sprache auf irgendeine Art unser Denken bestimmt, hätte ich nie eine andere werden können als die, die ich bin. Und die Sprache, mit der ich aufwuchs, war eine Sprache, die kein anderer sprach. Ich würde mich in der Gesellschaft anderer also immer isoliert, einsam und unwohl fühlen. Es lag an meiner Sprache. Es lag an der Sprache, die du mir gegeben hast.“

Eine Tochter blickt zurück. Wütend, entschlossen und mutig. Sie will endlich wissen, was ihre Mutter ihr angetan hat. Warum sie früher mit ihr in einer eigenen Sprache mit frei erfundenen Worten gesprochen hat. Was damals auf ihrem Hausboot geschehen ist. Und vor allem: Warum sie, die Mutter, vor 16 Jahren verschwunden ist.

Daisy Johnsons Roman „Untertauchen“ (btb, übersetzt von Birgit Maria Pfaffinger) handelt von einer vor Anspannung fast berstenden Mutter-Tochter-Beziehung. Gleich zu Beginn spricht Gretel, die Tochter, ihre Mutter Sarah direkt an. Du. Du. Du. Mit einer prägnanten, starken Stimme fordert sie Erklärungen. Doch ihre Mutter hat Alzheimer, und an vieles möchte sie sich offenbar auch nicht erinnern. Also streiten sie, und versöhnen sich wieder. Sie sind abwechselnd laut und leise, wie dieses Buch, das von einer intensiven, widersprüchlichen Aufarbeitung der Vergangenheit handelt.

In einer schonungslosen, druckvollen Prosa schildert Daisy Johnson Gretels Rolle in diesem Erinnerungsdrama, während die 30-jährige Autorin in den Kapiteln mit den Rückblenden deutlich ruhigere, poetischere Töne findet. Gegensätze, die auch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter charakterisieren: Wut und Liebe liegen nah beisammen, ebenso wie Nähe und Distanz, Resignation und Hoffnung. Gretel, die um Klarheit bemühte Lexikografin, steht in ihrem Kampf um die Wahrheit Sarah gegenüber, der verwirrten Vagabundin. Größer könnten die Gegensätze kaum sein, und Daisy Johnson bemüht sich nicht, diese zu kaschieren. Umso spannender entwickelt sich ihr Plot, der von elementarer Prosa getragen wird: Beim Lesen glaubt man, das Wasser strömen zu sehen, die Luft flirren zu hören, die Erde riechen zu können. Ein literarisches Erinnerungsrätsel, das noch länger in Erinnerung bleiben wird.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 28.11.20 auf egoFM vorgestellt und Daisy Johnson interviewt. Zur Show hier. 

Jesus spricht…

„Als ich jünger war, genoss ich es auserwählt zu sein. Jetzt ist dieser Hunger gestillt. Lieber würde ich die Annehmlichkeiten der Anonymität genießen und ein Leben führen, das zu Unrecht banal genannt wird.“

Ja, es ist tatsächlich Jesus Christus, der hier spricht. Die belgische Autorin Amélie Nothomb schreibt in „Passion“ (Diogenes) aus seiner Perspektive, und sie beginnt ihren kurzen Roman in der Nacht vor seiner Hinrichtung. Allein in seiner Zelle, blickt Jesus zurück. Auf den Prozess, den man ihm wegen seiner Wunder gemacht hat. Auf die riesige Erwartungshaltung, der er oft nicht gerecht werden konnte. Auf die Beziehung zu seinem Vater. Auf Judas und Maria Magdalena.

Amélie Nothomb zeigt einen reflektierten, vielschichtigen und zweifelnden Mann, der versucht, in seinen letzten Stunden den Sinn seines Leidens zu hinterfragen. „Sich opfern zum Wohle aller, das ist doch abartig.“ denkt Jesus, der sich auch fragt, wie sein Vater es zulassen konnte, dass seine Kreatur, der Mensch, etwas so unmenschliches wie die Kreuzigung erfinden konnte.

Aus dem geistreichen Monolog des Heilands entsteht beim Lesen eine feinsinnige, dezent ironische Charakterstudie. So pointiert hat noch niemand über die letzten Tage Jesu geschrieben – ein köstliches Vergnügen, auch für Atheisten.

„Der große Unterschied zwischen meinem Vater und mir ist, dass er Liebe ist und ich liebe. Gott sagt, dass die Liebe für alle da ist. Ich, der ich liebe, weiß dagegen, dass man nicht alle gleich lieben kann. Dazu braucht man einen langen Atem.“

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 14.11.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

 

Schluss mit den hohen Mieten!

„Es reicht nicht mehr, persönlich anständig durchs Leben zu gehen. Heute muss sich ein guter Mensch einmischen. Die Katastrophe verhindern. Aktiv sein. Das Böse sehen. Das Böse bekämpfen. Demonstrieren.“

Diesem Zitat aus Wolfgang Schorlaus neuem Thriller „Kreuzberg Blues“ (Kiepenheuer & Witsch) stimmt man nach der Lektüre sofort zu. Denn dieses Buch rüttelt auf, macht wütend, und es zeigt: Es muss sich etwas ändern. Sonst geht der Wahnsinn auf dem Wohnungsmarkt weiter, und noch weniger Menschen können sich die extrem schnell steigenden Mieten noch leisten. Wolfgang Schorlau hat aus der aktuellen Debatte um bezahlbaren Wohnraum einen packenden Plot gebastelt, in dem sich Finanzmanager, Bauunternehmer, Kriminelle, Aktivsten, Mietrechtler und Politiker gegenseitig Druck machen.

Im Mittelpunkt des Romans steht der Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler, der diesmal, in seinem zehnten Fall, in Berlin recherchiert. Eigentlich soll er nur klären, ob ein berüchtigter Immobilienmogul seine Mieter mit kriminellen Methoden rausekelt. Doch schon bald ist Dengler klar, dass das Problem weitaus größer ist: Der Wohnungsmarkt ist völlig aus den Fugen geraten. Skrupellose Investoren und raffgierige Bauunternehmer steigern ihre Renditen auf Kosten der Mieter. Zigtausende Wohnungen wurden vom Berliner Senat zu Spottpreisen an dubiose Konzerne verscherbelt. Während auf der einen Seite Milliarden verdient werden, können sich auf der anderen Normalverdiener keine Unterkunft mehr leisten.

Wolfgang Schorlau schreibt schnell und lässig, im Stil einer verdichteten Sozialreportage, über den modernen Berliner Häuserkampf. Er geht auch der Frage nach, warum Menschen rücksichtslos Mieter ausbeuten, warum sie für Geld alles tun und Moral für sie ein Fremdwort ist. Zudem blickt er hinter die Fassade einer nationalistischen Geheimorganisation, die die Diskussionen um Mieten und Corona für ihre Zwecke missbraucht und versucht, die Stimmung in der Bevölkerung in ihrem Sinne zu drehen. Kein Wunder, dass Schorlau die Schauplätze und Protagonisten seines Romans schneller wechselt als Ampeln ihre Farben.

Ein Musterbeispiel für einen hochaktuellen Polit-Thriller, der gesellschaftliche Spannungen aufgreift und Stellung bezieht. Auch als Hörbuch bei Argon erschienen, packend gelesen von Frank Arnold!

Im Nachwort schreibt Schorlau: „In vielen Städten bilden Mieter nun Bürgerbewegungen, die die Rückführung der Wohnungen in öffentliches oder genossenschaftliches Eigentum fahren. Sie haben recht. Ihnen ist dieses Buch gewidmet.“

 

Die dicke Dottie und ihre Töchter

New York in den Siebzigerjahren. Dottie Engels, alleinerziehende Mutter von zwei Mädchen, ist ein Star. Die übergewichtige Stimmungskanone tritt im Fernsehen auf, hat eigene Bühnenshows. Als Comedian reißt sie Witze über ihre Figur und ihr Leben als Dicke, und dafür wird sie von allen geliebt. Doch wie sieht dieses aufregende Leben aus der anderen Perspektive der Familie aus? Wie wächst man auf als Tochter eines allgegenwärtigen Stars? Was passiert, wenn man die eigene Mutter mit allen anderen teilen muss? Und was, wenn man selbst dick ist?

Meg Wolitzer erzählt in ihrem bezaubernden Roman „Das ist dein Leben“ (DuMont) von Erica und Opal, den Töchtern des Comedystars. Die ungleichen Schwestern sind sich im Alter von 11 und 16 Jahren noch sehr nah, und sie bewundern ihre berühmte Mutter, die allerdings kaum daheim ist. Behütet von Babysittern, verdrängen sie zunächst ihre Gefühle, zu kurz zu kommen. Doch je älter die Töchter werden, umso offensichtlicher werden die Risse zwischen den Geschwistern, und vor allem zwischen Erica und Dottie.

Wie eine liebevolle Psychologin erkundet Meg Wolitzer die Stimmungslage ihrer Figuren. Zwar gibt sie deren Sorgen und Hoffnungen preis, beschützt sie jedoch gleichzeitig mit jeder Zeile. Denn Wolitzer schreibt mit Herz und Humor, lebensklug und warmherzig. Ihr großes Thema ist die Unentrinnbarkeit aus der eigenen Familie, verdeutlicht durch den schwierigen Abnabelungsprozess von der strahlenden, scheinbar unverwüstlichen Dottie Engels, und dem darauf folgenden, komplizierten Erwachsenwerden.

Ein Roman, für den das Label „anspruchsvolle Unterhaltung“ wie geschaffen zu sein scheint.

Ich habe das Buch in meiner Literatursendung am 24.10.20 auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier.