Liebevoll lakonisch

„Irgend jemand hat einmal gesagt, dass es zwei Sorten von Menschen gibt, die unterschiedlich auf das Leiden anderer reagieren: die einen denken: das kann mir auch passieren. Die anderen denken: so etwas wird mir nie passieren. Die einen helfen uns, durch zu halten, die anderen machen uns das Leben zu Hölle.“

Leid. Schmerz. Krankheit. Tod. US-Autorin Sigrid Nunez packt in „Was fehlt dir“ (Aufbau Verlag, übersetzt von Anette Gruber) harte Themen an. Doch sie erzählt davon so leicht und locker, so anekdotisch und humorvoll, dass man beim Lesen nicht selten schmunzeln muss und sich zu neuen Gedanken angeregt fühlt.

Es ist eine kleine, kammerspielartige Geschichte, die weit hinaus führt ins große Ganze, auch in die Welt der Philosophie. Die Rahmenhandlung klingt zunächst einmal traurig: Eine Frau, die Ich-Erzählerin, will ihrer Freundin beim Sterben helfen, denn sie ist unheilbar krank. Die beiden mieten sich in einem schönen Haus auf dem Land ein, wo sie sich auf den Tod vorbereiten wollen.

Doch kann man das eigene Sterben wirklich planen, kann man Schmerz und Trauer, Trost und Mitgefühl organisieren? Die New Yorkerin Sigrid Nunez erzählt liebevoll lakonisch, kommentiert trocken, und sie behandelt in ihrer effizienten Sprache zutiefst menschliche und psychologische Fragen. Nunez macht sich Gedanken übers Heilen und Hoffen, über den Klimawandel und das Altwerden, über Einsamkeit und Trost. Auf diese Weise entsteht ein gehaltvolles, anspruchsvolles Buch, das sich allerdings unangestrengt lesen lässt und völlig ohne Pathos, Kitsch und Gelaber auskommt und in dem zwischendrin auch ein Kater auftaucht, der der Erzählerin von seinem aufregenden Leben berichtet. Ein philosophisches und sehr humanes Meisterwerk, zweifellos.

„Es war das Leben, das war es. Das Leben, das weitergeht, trotz allem. Das chaotisches Leben. Das unfaire Leben. Das Leben, das gelebt werden musste. Mit dem ich leben musste. Denn wenn ich es nicht hat, wer würde es dann tun?“

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung auf egoFM am 24. Juli vorgestellt. Zur Show hier. 

Hoch oben in Südtirol

Hach… ist sie nicht herrlich, die Bergwelt? Grandiose Natur, ein Traum zum Wandern und Skifahren, für einen Kurzurlaub auf einem Bauernhof… Ja, dort oben können wir Stadtmenschen uns so richtig erholen und in Klischees denken.

Doch wie geht es tatsächlich den Leuten, die dort oben wohnen? Die versuchen, ihre Tiere, Felder und Höfe über Generationen hinweg zu pflegen? Die den Spagat zwischen Landwirtschaft und Familienleben wagen? Um diese Fragen hat Jarka Kubsova mit “Bergland” (Wunderraum) einen großartigen Roman gestrickt. Sie erzählt von einer Familie, die im abgelegenen Tiefenthal in Südtirol einen Hof bewirtschaftet. Auf 1650 Metern Höhe. Das ist keine klassische Generationensaga, sondern ein moderner, prägnanter Blick hinter die Fassaden von Tourismus und Tierhaltung.

Im Mittelpunkt stehen Rosa und Franziska, zwei Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts und in der Gegenwart ihren Hof in Schuss halten. Die eine auf traditionelle Art, die andere ganz fortschrittlich – mit allen Vor- und Nachteilen. In einer hellen, wachen Sprache berichtet Jarka von Gastfreundschaft, Rentabilität, Kindererziehung, Gleichberechtigung, und immer wieder von der Faszination der Natur. Ein kurzer, komplexer Roman mit dem Informationsgehalt eines Sachbuchs, der trotzdem mit einer angenehmen Leichtigkeit daherkommt.

Ach ja, und nachhaltig ist dieses Buch sogar auch noch, denn man will es gleich noch einmal lesen oder dem Hörbuch des Hörverlags lauschen.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung auf egoFM am 24. Juli vorgestellt. Zur Show hier. 

Mit wilder Zärtlichkeit erzählt

„Aber das Leben ist immer irgendwas zwischen dem, was man hat, und dem, was man gerne hätte.“

Diese portugiesische Geschichte über die Freundschaft zwischen einer transFrau und einem Jungen hat mich mitgerissen, erschüttert und begeistert. Sie spielt in Porto, an Schauplätzen, die kaum jemand kennt: In Bauruinen und verlassenen Parkhäusern, an Orten, wo sich die Gestrandeten und Außenseiter treffen, Kinder aus prekären Schichten, Drogenabhängige, und die transsexuelle Frau. Willkomen in Afonso Reis Cabrals Roman „Aber wir lieben dich“ (Hanser, übersetzt von Michael Kegler).

Gisberta heißt diese ehemalige Tänzerin und Prostiturierte. Sie haust in einer Kellerbaracke und ist schwer krank. Rafa, ein 12 jähriger Junge, entdeckt sie eines Tages und fühlt sich irgendwie zu ihr hingezogen. Er bringt ihr Essen und staunt über ihr zerstörtes Leben, ihre faszinierende Persönlichkeit. Inmitten von Armut und Hoffnungslosigkeit entsteht langsam eine Freundschaft, die jedoch ein brutales Ende findet.

Der junge portugiesische Autor Afonso Reis Cabral erzählt mit wilder Zärtlichkeit, mit verführereischer Realität von Figuren am Rand der Gesellschaft, die mich an die Filme von Pedro Almodovar erinnert haben. Eine erstaunliche Milieustudie, die in eine arme, raue, dreckige Welt führt, in der sich die Menschen genauso nach Wertschätzung und Liebe sehnen wie überall sonst auch. Ausgezeichnet mit dem wichtigsten Literaturpreis Portugals 2019 – zu Recht.

„Vielleicht ist Glück nur eine Frage der Sichtweise.“

Diesen Roman habe ich am 10. Juli in meiner Literatursendung auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Wer wir sind

Kinder, die staunend dem Pudding beim Wackeln zusehen. Bananen, die in einer Schublade wie Schmuckstücke aufbewahrt werden. Darum dreht sich dieser Roman, zumindest am Rande. Entscheidender noch: Es ist ein Buch über die Scham von Geflüchteten. Das Gefühl von Fremdsein. Die Brutalität des Satzes: „Lernen Sie doch erst mal richtig Deutsch!“

Lena Goreliks „Wer wir sind“ (Rowohlt) ist zudem ein Roman, in dem eine Schriftstellerin zwischen den Zeilen kluge Fragen stellt: Was hält eine Familie zusammen, wenn sich ihre Lebensumstände dramatisch verändern? Wenn sie in ein neues Land auswandert, aber in der Heimat noch immer verwurzelt ist? Wenn die Vorstellungen von der Zukunft und die Erinnerungen an die Vergangenheit auseinanderdriften? Diesen Fragen spürt Lena Gorelik nach. Die 40jährige erzählt von sich selbst, von ihren Eltern und Großeltern, von der Emigration ihrer jüdischen Familie nach Deutschland. 1992 verließen die Goreliks Sankt Petersburg, im Zug, nachts. Lena Gorelik war damals elf, ihr Bruder 20.

Mit der Reife und Souveränität einer erfolgreichen Schriftstellerin blickt Gorelik nun zurück, sie urteilt nicht, vielmehr hinterfragt sie, wägt ab, spürt in sich hinein, reflektiert. Sie erzählt von den Opfern, die ihre Eltern bringen, und den Demütigungen, die sie ertragen mussten, damit es ihren Kindern besser ginge als in der Sowjetunion.

Anderthalb Jahre verbringt die Familie in einer Baracke hinter Stacheldraht – dem Asylbewerberheim. Obwohl Lena kein Deutsch kann, lernt sie schnell die fremde Sprache, wird später Klassenbeste, schafft ein Einserabitur, wird an einer renommierten Journalistenschule aufgenommen. Es ist also auch eine Erfolgsgeschichte, die Lena Gorelik erzählt, doch ihre literarisch-therapeutische Selbsterkundung wird meist von Wehmut getragen.

Goreliks Blick zurück zeichnet sich durch hohe ästhetische Qualität aus. Die Münchnerin glänzt mit spielerischer Sprache und wechselt gekonnt zwischen tiefgründigen, humorvollen und melancholischen Momenten. Darüber hinaus besitzt sie die Gabe, das Wesentliche in knappen Formulierungen einzufangen. Für mich ganz klar Goreliks persönlichster und bester Roman.

Mein Interview mit Lena lief am 10. Juli in meiner Literatursendung auf egoFM – Ihr könnt es nachträglich hören. Zur Show hier. 

Explosive Liebe

„Es rutscht ihr das heraus, was ihr in diesem Moment durch den Kopf geht. Es schießt heraus mit der Geschwindigkeit eines geschleuderten Steins. Es zerschlägt die Deckenlampe und knallt gegen das Regal.“

Ja, es knallt und kracht in diesem kurzen kroatischen „Liebesroman“ (btb) von Ivana Sajko. Die beiden namenlosen Protagonisten – ein Mann und eine Frau – explodieren verbal. Sie schreien und schießen aufeinander, zumindest in Gedanken. Denn sie verzweifeln über ihre aktuelle Lage. Noch vor kurzem brannte ein loderndes Feuer füreinander, doch jetzt dominieren Frust und Wut in ihrer viel zu kleinen Wohnung mit ihrem viel zu kleinen Kind, denn das Paar hat viel zu wenig Geld, weil er ein arbeitsloser Autor und sie eine nahezu arbeitslose Schauspielerin ist. Sie fragen sich: Wie lange ist das her, dass sie verliebt waren? Tausend Jahre oder noch mehr?

Scharf, sarkastisch und schonungslos dokumentiert die Kroatin Ivana Sajko die Paardynamik ihrer Figuren. Wie in einem Rausch reiht Sajko Gedankenfetzen aneinander, die sich wie Wellen weiter und weiter ausbreiten und in langen Sätzen münden. Dann stoppt sie abrupt, nimmt Tempo raus, zeigt große Wortkunst.

Tötet die Liebe oder rettet sie? Das ist die brisante Frage, die das Paar im Buch während ihres Kriegs zwischen Küche und Schlafzimmer umtreibt. Zwischen schmutzigem Geschirr, wüsten Beschimpfungen und dreckigen Windeln begeistert Ivana Sajko mit ihrer radikalkreativen, poetischen Sprache.

Die Nachtbuchhandlung aus Bari

„Das einschneidenste Ereignis dieser Tage waren die Stunden bei meinem Freund Ottavio in der Osteria del caffe latte, die trotz ihres Namens eine Buchhandlung ist, mit einer recht seltenen Eigenart: Sie ist ausschließlich nachts geöffnet.“

Da ist er also wieder, nach fünf Jahren Pause: Der Anwalt Guido Guerrieri aus Bari, ein feinfühliger, melancholischer Intellektueller, der trotzdem sehr bodenständig wirkt. Das Streben nach Glück und Gerechtigkeit treibt die Hauptfigur in Gianrico Carofiglios Roman „Zeit der Schuld“ (Goldmann, übersetzt von Verena von Koskull) um, er hinterfragt ständig sich und seinen Berufsstand, und erzählt persönlich und ehrlich von seinem neuen Fall.

Lorenza heißt die Frau, mit der Guerrieri vor fast 30 Jahren mal für ein paar Wochen zusammen war. Nun bittet sie ihn darum, ihren Sohn Jacopo vor Gericht vertreten. Der junge Mann ist ein Drogendealer, und er soll einen Mord begangen haben. Die Beweislast scheint erdrückend, doch Guerrieri und sein kleines Team finden tatsächlich ein paar Lücken im Verfahren.

Gianrico Carofiglio überzeugt in diesem unterhaltsamen Krimi erneut mit einer realistischen Schilderung des Anwaltsalltags. Seine sympathische Hauptfigur berichtet von Papierkram, Formsachen, Verfahrensfragen und Instanzen – doch zum Glück dreht sich diese Krimireihe nie allein um die Rechtsprechung, sondern immer auch um philosophische Fragen. Und natürlich um die wunderbare Nachtbuchhandlung und einen Anwalt, den ich sofort engagieren würde, wenn ich juristische Probleme hätte.

Ich habe das Buch am 12. Juni in meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Durchnummerierte Männer

„Der Mangel an Zweisamkeit, Mangel an Nähe, Mangel an Aufmerksamkeit. Alles , was das Singledasein ausmacht, schlägt in Geilheit um, sobald der Alkohol seine Wirkung entfaltet.“

Eine junge Frau vögelt sich durchs Leben, in Sofia Rönnow Pessahs Roman „Die Männer in meinem Leben“ (Ullstein, übersetzt von Leena Flegler). Sonia braucht Sex, immer wieder, mit ständig wechselnden Männern. In Studentenclubs, Bars, Kneipen, auf Partys und Tinder, geht sie gezielt auf Suche, bis sie kriegt, was und wen sie mag. Die Männer nummeriert sie durch, sie vergisst schnell ihre Namen, und in nur wenigen Jahren hat sie Sex mit 48 Typen gehabt.

Hinter dem wahllosen und zwanghaften Sex, hinter Sonias selbstbewusster Fassade stecken jedoch eine endlose Leere und eine furchtbare Einsamkeit. Nur selten fühlt Sonia sich angenommen, geborgen und gewertschätzt. Sie glaubt, dass sie nicht wirklich geliebt wird, und dass andere Frauen viel sexier und beziehungstauglicher sind als sie. Also taumelt sie weiter durch die Nächte, vögelt weiter, und fragt sich immer häufiger, wer sie überhaupt ist ohne die Bestätigung der Männer. Denn nur wenn sie kommt, kommt sie zur Ruhe. Nur wenn sie merkt, dass sie ein Begehren, ein Verlangen weckt, fühlt sie sich bestätigt und anerkannt. Dieser fatale Zusammenhang mündet in einer Depression.

Sofia Rönnow Pessah hat eine radikale, bestechende Form für Sonias Grenzerfahrungen zwischen Erregung und Schmerz gefunden: Jedes Kapitel steht für einen Mann, meist sind die Kapitel so kurz wie die Begegnungen, und heraus kommt dabei ein erstaunliches, kraftvolles Sexprotokoll. Schonungslos notiert die Ich-Erzählerin Sonia, wie sie Antidepressiva und Sperma schluckt. Lakonisch beschreibt sie ihre Dates und Ficks, doch Sofia Rönnow Pessah macht aus dem Leid und der Lust ihrer Hauptfigur kein voyeuristisches Spektakel, sondern ein mitreißendes Psychogramm.

Ich habe das Buch am 22. Mai in meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Belarus im Koma

„Die Wohnung schlief ein, das schadhafte Parkett und die Wände. Die Teppiche schliefen ein, die Anrichte und die Stühle, denen es in der neuen Wohnung zu eng war. Es schlief der Kronleuchter ein, das Fenster und der Hof, in dem jetzt niemand spielte. Die alten Schuhe und Taschen schliefen ein. Die Gedanken schliefen ein und die Wörter.“

Ein junger Mann aus Minsk wacht nach 10 Jahren im Koma wieder auf. Seine Freundin küsst einen neuen Typen, seine Mutter hat einen anderen Mann, und seine geliebte Großmutter Babuschka ist tot. Nur der Präsident ist noch immer der gleiche wie vor 10 Jahren, und in dieser Zeit hat er Belarus endgültig in eine Diktatur verwandelt.

Was für eine geniale Idee für eine Satire über den ewig regierenden Lukaschenko, der vor kurzem mit der erzwungenen Flugzeuglandung zum gefühlt tausendsten Mal bewiesen hat, dass er sich an keine demokratischen Spielregeln hält: Der junge Mann in Sasha Filipenkos Roman „Der ehemalige Sohn“ (Diogenes, übersetzt von Ruth Altenhofer) ist endlich wach, aber seine Heimat liegt im Tiefschlaf. Woanders gibt es längst Demokratie, Freiheit und Fortschritt, nur in Belarus wird das Volk geknechtet und abgehört wie früher in der Sowjetunion.

Sasha Filipenko lässt viele reale Ereignisse in seinen frischen, frechen Roman einfließen. Die Demonstrationen und Proteste, die gefälschten Wahlen und die Bombenanschläge. So entsteht ein spannendes Gesellschaftsporträt, das allerdings wie eine gewitzte Tragikomödie daherkommt. Darüber hinaus ist es eine liebenswerte Beziehungsgeschchte zwischen Oma Babuschka und Enkel Franzisk.

Ich habe das Buch am 22. Mai in meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Buchpremiere im Literaturhaus München

Eine große Ehre: Vergangene Woche moderierte ich die Buchpremiere von Friedrich Anis neuem Roman „Letzte Ehre“ (Suhrkamp) im Literaturhaus München. Ani erzählte mir von seiner Hauptfigur Fariza Nasri, einer Oberkommissarin mit bayerisch-arabischen Wurzeln. Für mich eine der faszinierendsten neuen Charaktere auf dem Buchmarkt. Nasri ist eine geniale Beobachterin und Zuhörerin, und ihre Gabe, auch tief in ihre eigenen Abgründe zu schauen, machen sie zu einer großartigen Ermittlerin.

Friedrich Ani entwirft ein vielschichtiges, dunkles Drama, das eine fast unerträgliche Spannung entfacht. Ein brillanter Roman über toxische Männlichkeit und Gewalt an Frauen, getragen von einer bemerkenswerten Hauptfigur, drei brisante Fällen von Gewalt an Frauen – und natürlich Anis kunstvollem Stil.

Im Gespräch antwortete der Münchner Schriftsteller auf meine Frage, warum er seinen Leser*innen so viel zumutet: „Literatur ohne Zumutung ist keine Literatur. Ich mache mir darüber keine Gedanken, ob die Leserschaft leidet. Denn darum geht’s nicht; es geht darum, dass ich das ausdrücke und erzähle, was mir auf dem Herzen brennt. Zumutung ist doch die Grundvoraussetzung fürs Lesen. Jemand der keine Zumutungen möchte, braucht doch auch gar nicht zu lesen.“

P.S.: Am Samstag ist Friedrich Ani zu Gast in meiner Literatursendung „Buchhaltung“ auf egoFM.

Londoner Vorstadtleben

„Ich möchte mir selbst in den Kopf schauen und mich daran erinnern, wo ich herkomme. Auch weil ich nicht so richtig glauben will, dass dieser Ort wirklich so ungenügend war, wie mein Tagebuch vermuten lässt.

Singer/Songwriter Tracey Thorn blickt in „Ein anderer Planet“ (Heyne, übersetzt von Conny Lösch) auf ihre Vorstadt-Kindheit. Mit Hilfe ihrer Teenager-Tagebücher versucht die inzwischen 58jährige Musikerin herauszufinden, wie sie selbst als Jugendliche war, und wie das Leben grundsätzlich war, da draußen in der Provinz. Irgendwo zwischen Arbeiterklasse und Mittelschicht, zwischen Geborgenheit und Langeweile.

1979 kauft Tracey sich ihre erste Gitarre, gebraucht, für 60 Pfund. Damals war sie 17 Jahre alt, und London, tja, das war ein anderer Planet, etwas das viel weiter weg war als die 20 Meilen Entfernung von der Vorstadt, in der Tracy aufgewachsen ist. Dass sie später einmal ein Star werden sollte, und dass ihr Song „Missing“ auf der ganzen Welt gespielt werden würde, konnte die Tracey nicht ahnen.

Nach ihren eigenen Worten war Tracy melodramatisch, unberechenbar, verklemmt, getrieben schüchtern, romantisch, jung und neugierig. Sie wollte rebellieren und Punk sein, aber oft reichte es nur zum Streit mit ihren Eltern, zum Knutschen und Rummachen mit älteren Typen in Diskos und Kneipen.

Sehr persönlich erinnert sich Tracey, sie bleibt ganz nah bei ihren Wurzeln, und gerade deswegen entwickelt dieses Buch einen ganz eigenen authentischen Charme. Eine sympathische und erhellende Suche nach der Antwort auf die Frage, was die Vorstadt aus uns macht, und welche Vor- und Nachteile sie hat.

Ich habe das Buch am 8. Mai in meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier.