Liebesdrama in Ostberlin

„Wir werden uns, sagt er, nur ab und zu sehen, aber es soll jedes Mal wie das erste Mal sein – ein Fest. Sie hört aufmerksam zu und nickt. Ich kann nur dein Luxus sein, sagt er, denn ich bin ein verheirateter Mann. Ich weiß, sagt sie. Es kann sein, dass dir das nicht reicht, sagt er, und das ist dein gutes Recht.“

Diesen Tag im Sommer 1986 werden Katharina und Hans nie vergessen. Sie stehen zufällig im gleichen Bus der 57er Linie in Ost-Berlin – und sie verlieben sich auf Anhieb. Sie ist erst 19 und macht gerade eine Lehre als Typografin. Er ist schon 53, verheiratet und Schriftsteller.

Also eigentlich eine unmögliche, unerhörte Liebe, von der Jenny Erpenbeck in „Kairos“ (Penguin, Hörbuch im Hörverlag) erzählt. Doch Katharina und Hans stürzen sich mit vollem Risiko ins Glück, sie leben ihre Leidenschaft aus, kommen nicht voneinander los. Für diesen Liebesrausch erzeugt Jenny Erpenbeck einen fantastischen literarischen Rausch aus Bildern, Dialogen und Stimmungen. Wie bei einer großen Symphonie wechseln sich Tempo, Rhythmus und Lautstärke ab, und die Liebenden Katharina und Hans verschlingen sich bei Mozarts Requiem, bei Bach, Chopin und Schubert.

Nach zwei Jahren entdeckt Hans, dass Katharina ihn einmal betrogen hat. Er dreht durch, und will dennoch ihre Liebe retten durch schonungsloses Aufarbeiten ihrer Untreue. Und so entsteht ein wahnsinniges Projekt, ein Kampf um Wahrheit und Lüge, um Hass und Hoffnung. Zum Schluss liegt alles in Trümmern, auch die DDR. Was für ein grandioser Roman über das Glück und seine Abgründe, über die vielen verschiedenen Gesichter der Wahrheit!

Ich stelle den Roman im Podcast LONG STORY SHORT (aktuelle Folge) und in meiner Literatursendung auf egoFM vor. Alle Shows zum Nachhören gibt´s hier.

Mädchen oder Junge?

„Nachts, wenn er alleine tanzte, wollte seinen Körper Wasser sein, aber er war kein Wasser. Er war der Körper eines Mannes und der Körper eines Mannes war starr. Wayne war starr, und das Mädchen das in ihm gefangen war, war kalt. Er wusste nicht, wie er den erstarrten Mann auftauen konnte.“

Ein Mädchen im Junge, ein Baby mit Geschlechtsmerkmalen von Frau und Mann – das ist 1968 in der abgelegenen Kleinstadt Croydon Harbour nicht nur eine Sensation, sondern ein Schock. Vor allem für Jacinta und Treadway, das Elternpaar. So beginnt Kathleen Winters Roman „Sein Name war Annabel“ (btb, übersetzt von Elke Link), der in Kanada bereits vor zehn Jahren erschien.

Die Mutter und ihre beste Freundin Thomasina wollen das Kind Annabel nennen, denn sie sehen in ihm eher ein Mädchen. Doch der Vater besteht darauf, ihm den Namen Wayne zu geben. Wayne soll als Junge aufwachsen, er soll Jagen und Fischen lernen, Holzfällen und Hausbauen.

Die traditionelle männliche Rolle bleibt Wayne allerdings fremd. Er begeistert sich für einen orangefarbenen Badeanzug und Kleider, entwickelt einen eher sanften Charakter, und später beginnen seine Brüste zu wachsen. Trotzdem nimmt er Medikamente, um alles Weibliche zu unterdrücken, denn so will es sein Vater. Und so scheint es am einfachsten zu sein. Sein Leben im falschen Körper macht Wayne jedoch einsam, und je älter er wird, umso mehr sucht er einen Weg, um zu sich selbst zu finden, um selbstbestimmt leben zu können.

Kathleen Winter ist eine bodenständige und aufmerksame Erzählerin. Sie lässt sich Zeit, ohne zu schwafeln, hält die Entwicklungsschritte von Wayne und Annabel fest, begleitet sie verständnisvoll und beobachtet auch, welche Auswirkungen das besondere Kind auf seine Eltern hat. Ein erhellender, empathischer Roman über einen Menschen, der nicht den Erwartungen der Gesellschaft entspricht.

Das Buch stelle ich auch ausführlich im Podcast LONG STORY SHORT vor – einfach hier klicken (Folge „Auf Erden sind wir kurz grandios“).

Die Frau, die sich gegen Cyberstalking wehrt

Alle haben Mitleid mit Ruth. Aber Ruth will einfach nur ihre Ruhe und allein wieder rauskommen aus ihrer Trauer über den Tod ihres Mannes Ludwig. Sie waren 22 Jahre ein Paar, und seit drei Jahren lebt Ruth ohne ihn, mit einem ihrer beiden Söhne und ihrer Stieftochter. Soweit die Ausgangslage von Doris Knechts neuem Roman „Die Nachricht“ (Hanser Berlin).

Irgendwie kriegt Ruth ihr Leben ohne Ludwig schon auf die Reihe, sie schreibt Drehbücher und beginnt eine Beziehung mit Simon, einem charmanten Kinderpsychologen. Das Problem ist nur, dass er sich oft wochenlang nicht meldet. Eine typische fatale On/Off Beziehung, aus der sich Ruth einfach nicht verabschieden kann.

Viel schlimmer ist allerdings, dass Ruth anonyme Nachrichten aufs Handy bekommt. Irgendjemand beschimpft und belästigt sie. Der oder die Täter*in kennen Ruth offenbar ganz genau, denn in den Nachrichten stehen intime Details über Ludwigs frühere Affäre, über Simon, über Ruths Kinder. Als die Nachrichten auch in Ruths Freundeskreis eintreffen, steht alles auf dem Spiel, ihre Eigenständigkeit, ihr komplettes Leben. Wer steckt nur dahinter, wer möchte sie fertigmachen? Ruths Recherchen führen bis kurz vor dem Schluss ins Nichts.

Doris Knecht hat einen starken Roman über Cyberstalking geschrieben, eine raffinierte klischeefreie Geschichte über Verleumdungen und Verdächtigungen, über eine moderne Patchworkfamilie, den Umgang mit Trauer, Schmerz und digitaler Gewalt. Knechts Sprache kommt lässig, bisweilen mit feiner Ironie daher, und sie führt durch ein dichtes, intensives Drama, das in Wien und Umgebung spielt.

P.S. In meiner Literatursendung auf egoFM ist Doris Knecht am 11. September zu Gast. Zur Show hier. 

Amerikanisch-japanische Annäherung

Ben & Mike. Ein Schwarzer & ein Asiate. Schwul. Ein Paar.

Der Kindergärtner und der Koch aus Bryan Washingtons Roman „Dinge, an die wir nicht glauben“ (Kein & Aber) leben in Houston, Texas. Ben und Mike sind seit vier Jahren zusammen, sie streiten sich oft, und genauso oft haben sie (danach) Sex. Soll das ewig so weitergehen, fragt sich Ben, der sich ohnehin dauernd den Kopf über ihre Beziehung zerbricht, wohingegen Mike einfach drauflos lebt und auch andere Männer vögelt. Als Mike dann auch noch verkündet, dass er für mindestens einen Monat allein nach Japan reisen wird (um seinen schwerkranken Vater zu besuchen) und seine Mutter währenddessen bei Mike einziehen soll, scheint das Paar endgültig am Ende zu sein.

Doch nach dem kühlen ersten Kennenlernen arrangiert sich Ben überraschend gut mit Mikes Mutter Mitsuko. Sie kochen gemeinsam und erlauben sich gegenseitig Einblicke in ihre Leben, ihre Beziehungen, ihre Werte. Bryan Washington erzählt mit trockenem Humor und mit knappen, scharfen Sätzen von dieser amerikanisch-japanischen Annäherung und von der spannungsgeladenen Beziehung zwischen Ben und Mike. In der ersten Hälfte des stilsicheren Romans nimmt Washington die Perspektive von Ben ein, in der zweiten die von Mike. Heraus kommt dabei ein ausgewogenes, lässiges Porträt eines schwulen Paares und eine lebhafte Geschichte übers Anderssein, Kochen und die Frage, was überhaupt Liebe ist und welche Rolle Sex dabei spielt.

Liebevoll lakonisch

„Irgend jemand hat einmal gesagt, dass es zwei Sorten von Menschen gibt, die unterschiedlich auf das Leiden anderer reagieren: die einen denken: das kann mir auch passieren. Die anderen denken: so etwas wird mir nie passieren. Die einen helfen uns, durch zu halten, die anderen machen uns das Leben zu Hölle.“

Leid. Schmerz. Krankheit. Tod. US-Autorin Sigrid Nunez packt in „Was fehlt dir“ (Aufbau Verlag, übersetzt von Anette Gruber) harte Themen an. Doch sie erzählt davon so leicht und locker, so anekdotisch und humorvoll, dass man beim Lesen nicht selten schmunzeln muss und sich zu neuen Gedanken angeregt fühlt.

Es ist eine kleine, kammerspielartige Geschichte, die weit hinaus führt ins große Ganze, auch in die Welt der Philosophie. Die Rahmenhandlung klingt zunächst einmal traurig: Eine Frau, die Ich-Erzählerin, will ihrer Freundin beim Sterben helfen, denn sie ist unheilbar krank. Die beiden mieten sich in einem schönen Haus auf dem Land ein, wo sie sich auf den Tod vorbereiten wollen.

Doch kann man das eigene Sterben wirklich planen, kann man Schmerz und Trauer, Trost und Mitgefühl organisieren? Die New Yorkerin Sigrid Nunez erzählt liebevoll lakonisch, kommentiert trocken, und sie behandelt in ihrer effizienten Sprache zutiefst menschliche und psychologische Fragen. Nunez macht sich Gedanken übers Heilen und Hoffen, über den Klimawandel und das Altwerden, über Einsamkeit und Trost. Auf diese Weise entsteht ein gehaltvolles, anspruchsvolles Buch, das sich allerdings unangestrengt lesen lässt und völlig ohne Pathos, Kitsch und Gelaber auskommt und in dem zwischendrin auch ein Kater auftaucht, der der Erzählerin von seinem aufregenden Leben berichtet. Ein philosophisches und sehr humanes Meisterwerk, zweifellos.

„Es war das Leben, das war es. Das Leben, das weitergeht, trotz allem. Das chaotisches Leben. Das unfaire Leben. Das Leben, das gelebt werden musste. Mit dem ich leben musste. Denn wenn ich es nicht hat, wer würde es dann tun?“

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung auf egoFM am 24. Juli vorgestellt. Zur Show hier. 

Hoch oben in Südtirol

Hach… ist sie nicht herrlich, die Bergwelt? Grandiose Natur, ein Traum zum Wandern und Skifahren, für einen Kurzurlaub auf einem Bauernhof… Ja, dort oben können wir Stadtmenschen uns so richtig erholen und in Klischees denken.

Doch wie geht es tatsächlich den Leuten, die dort oben wohnen? Die versuchen, ihre Tiere, Felder und Höfe über Generationen hinweg zu pflegen? Die den Spagat zwischen Landwirtschaft und Familienleben wagen? Um diese Fragen hat Jarka Kubsova mit “Bergland” (Wunderraum) einen großartigen Roman gestrickt. Sie erzählt von einer Familie, die im abgelegenen Tiefenthal in Südtirol einen Hof bewirtschaftet. Auf 1650 Metern Höhe. Das ist keine klassische Generationensaga, sondern ein moderner, prägnanter Blick hinter die Fassaden von Tourismus und Tierhaltung.

Im Mittelpunkt stehen Rosa und Franziska, zwei Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts und in der Gegenwart ihren Hof in Schuss halten. Die eine auf traditionelle Art, die andere ganz fortschrittlich – mit allen Vor- und Nachteilen. In einer hellen, wachen Sprache berichtet Jarka von Gastfreundschaft, Rentabilität, Kindererziehung, Gleichberechtigung, und immer wieder von der Faszination der Natur. Ein kurzer, komplexer Roman mit dem Informationsgehalt eines Sachbuchs, der trotzdem mit einer angenehmen Leichtigkeit daherkommt.

Ach ja, und nachhaltig ist dieses Buch sogar auch noch, denn man will es gleich noch einmal lesen oder dem Hörbuch des Hörverlags lauschen.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung auf egoFM am 24. Juli vorgestellt. Zur Show hier. 

Mit wilder Zärtlichkeit erzählt

„Aber das Leben ist immer irgendwas zwischen dem, was man hat, und dem, was man gerne hätte.“

Diese portugiesische Geschichte über die Freundschaft zwischen einer transFrau und einem Jungen hat mich mitgerissen, erschüttert und begeistert. Sie spielt in Porto, an Schauplätzen, die kaum jemand kennt: In Bauruinen und verlassenen Parkhäusern, an Orten, wo sich die Gestrandeten und Außenseiter treffen, Kinder aus prekären Schichten, Drogenabhängige, und die transsexuelle Frau. Willkomen in Afonso Reis Cabrals Roman „Aber wir lieben dich“ (Hanser, übersetzt von Michael Kegler).

Gisberta heißt diese ehemalige Tänzerin und Prostiturierte. Sie haust in einer Kellerbaracke und ist schwer krank. Rafa, ein 12 jähriger Junge, entdeckt sie eines Tages und fühlt sich irgendwie zu ihr hingezogen. Er bringt ihr Essen und staunt über ihr zerstörtes Leben, ihre faszinierende Persönlichkeit. Inmitten von Armut und Hoffnungslosigkeit entsteht langsam eine Freundschaft, die jedoch ein brutales Ende findet.

Der junge portugiesische Autor Afonso Reis Cabral erzählt mit wilder Zärtlichkeit, mit verführereischer Realität von Figuren am Rand der Gesellschaft, die mich an die Filme von Pedro Almodovar erinnert haben. Eine erstaunliche Milieustudie, die in eine arme, raue, dreckige Welt führt, in der sich die Menschen genauso nach Wertschätzung und Liebe sehnen wie überall sonst auch. Ausgezeichnet mit dem wichtigsten Literaturpreis Portugals 2019 – zu Recht.

„Vielleicht ist Glück nur eine Frage der Sichtweise.“

Diesen Roman habe ich am 10. Juli in meiner Literatursendung auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Wer wir sind

Kinder, die staunend dem Pudding beim Wackeln zusehen. Bananen, die in einer Schublade wie Schmuckstücke aufbewahrt werden. Darum dreht sich dieser Roman, zumindest am Rande. Entscheidender noch: Es ist ein Buch über die Scham von Geflüchteten. Das Gefühl von Fremdsein. Die Brutalität des Satzes: „Lernen Sie doch erst mal richtig Deutsch!“

Lena Goreliks „Wer wir sind“ (Rowohlt) ist zudem ein Roman, in dem eine Schriftstellerin zwischen den Zeilen kluge Fragen stellt: Was hält eine Familie zusammen, wenn sich ihre Lebensumstände dramatisch verändern? Wenn sie in ein neues Land auswandert, aber in der Heimat noch immer verwurzelt ist? Wenn die Vorstellungen von der Zukunft und die Erinnerungen an die Vergangenheit auseinanderdriften? Diesen Fragen spürt Lena Gorelik nach. Die 40jährige erzählt von sich selbst, von ihren Eltern und Großeltern, von der Emigration ihrer jüdischen Familie nach Deutschland. 1992 verließen die Goreliks Sankt Petersburg, im Zug, nachts. Lena Gorelik war damals elf, ihr Bruder 20.

Mit der Reife und Souveränität einer erfolgreichen Schriftstellerin blickt Gorelik nun zurück, sie urteilt nicht, vielmehr hinterfragt sie, wägt ab, spürt in sich hinein, reflektiert. Sie erzählt von den Opfern, die ihre Eltern bringen, und den Demütigungen, die sie ertragen mussten, damit es ihren Kindern besser ginge als in der Sowjetunion.

Anderthalb Jahre verbringt die Familie in einer Baracke hinter Stacheldraht – dem Asylbewerberheim. Obwohl Lena kein Deutsch kann, lernt sie schnell die fremde Sprache, wird später Klassenbeste, schafft ein Einserabitur, wird an einer renommierten Journalistenschule aufgenommen. Es ist also auch eine Erfolgsgeschichte, die Lena Gorelik erzählt, doch ihre literarisch-therapeutische Selbsterkundung wird meist von Wehmut getragen.

Goreliks Blick zurück zeichnet sich durch hohe ästhetische Qualität aus. Die Münchnerin glänzt mit spielerischer Sprache und wechselt gekonnt zwischen tiefgründigen, humorvollen und melancholischen Momenten. Darüber hinaus besitzt sie die Gabe, das Wesentliche in knappen Formulierungen einzufangen. Für mich ganz klar Goreliks persönlichster und bester Roman.

Mein Interview mit Lena lief am 10. Juli in meiner Literatursendung auf egoFM – Ihr könnt es nachträglich hören. Zur Show hier. 

Explosive Liebe

„Es rutscht ihr das heraus, was ihr in diesem Moment durch den Kopf geht. Es schießt heraus mit der Geschwindigkeit eines geschleuderten Steins. Es zerschlägt die Deckenlampe und knallt gegen das Regal.“

Ja, es knallt und kracht in diesem kurzen kroatischen „Liebesroman“ (btb) von Ivana Sajko. Die beiden namenlosen Protagonisten – ein Mann und eine Frau – explodieren verbal. Sie schreien und schießen aufeinander, zumindest in Gedanken. Denn sie verzweifeln über ihre aktuelle Lage. Noch vor kurzem brannte ein loderndes Feuer füreinander, doch jetzt dominieren Frust und Wut in ihrer viel zu kleinen Wohnung mit ihrem viel zu kleinen Kind, denn das Paar hat viel zu wenig Geld, weil er ein arbeitsloser Autor und sie eine nahezu arbeitslose Schauspielerin ist. Sie fragen sich: Wie lange ist das her, dass sie verliebt waren? Tausend Jahre oder noch mehr?

Scharf, sarkastisch und schonungslos dokumentiert die Kroatin Ivana Sajko die Paardynamik ihrer Figuren. Wie in einem Rausch reiht Sajko Gedankenfetzen aneinander, die sich wie Wellen weiter und weiter ausbreiten und in langen Sätzen münden. Dann stoppt sie abrupt, nimmt Tempo raus, zeigt große Wortkunst.

Tötet die Liebe oder rettet sie? Das ist die brisante Frage, die das Paar im Buch während ihres Kriegs zwischen Küche und Schlafzimmer umtreibt. Zwischen schmutzigem Geschirr, wüsten Beschimpfungen und dreckigen Windeln begeistert Ivana Sajko mit ihrer radikalkreativen, poetischen Sprache.

Die Nachtbuchhandlung aus Bari

„Das einschneidenste Ereignis dieser Tage waren die Stunden bei meinem Freund Ottavio in der Osteria del caffe latte, die trotz ihres Namens eine Buchhandlung ist, mit einer recht seltenen Eigenart: Sie ist ausschließlich nachts geöffnet.“

Da ist er also wieder, nach fünf Jahren Pause: Der Anwalt Guido Guerrieri aus Bari, ein feinfühliger, melancholischer Intellektueller, der trotzdem sehr bodenständig wirkt. Das Streben nach Glück und Gerechtigkeit treibt die Hauptfigur in Gianrico Carofiglios Roman „Zeit der Schuld“ (Goldmann, übersetzt von Verena von Koskull) um, er hinterfragt ständig sich und seinen Berufsstand, und erzählt persönlich und ehrlich von seinem neuen Fall.

Lorenza heißt die Frau, mit der Guerrieri vor fast 30 Jahren mal für ein paar Wochen zusammen war. Nun bittet sie ihn darum, ihren Sohn Jacopo vor Gericht vertreten. Der junge Mann ist ein Drogendealer, und er soll einen Mord begangen haben. Die Beweislast scheint erdrückend, doch Guerrieri und sein kleines Team finden tatsächlich ein paar Lücken im Verfahren.

Gianrico Carofiglio überzeugt in diesem unterhaltsamen Krimi erneut mit einer realistischen Schilderung des Anwaltsalltags. Seine sympathische Hauptfigur berichtet von Papierkram, Formsachen, Verfahrensfragen und Instanzen – doch zum Glück dreht sich diese Krimireihe nie allein um die Rechtsprechung, sondern immer auch um philosophische Fragen. Und natürlich um die wunderbare Nachtbuchhandlung und einen Anwalt, den ich sofort engagieren würde, wenn ich juristische Probleme hätte.

Ich habe das Buch am 12. Juni in meiner Literatursendung  auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier.