Neuerscheinung · Rezension · Romane

Ein Roman wie ein breites Grinsen

Er ist schüchtern, dick und höflich. Und verliebt. Und man schließt ihn sofort ins Herz. Denn der namenlose junge Mann aus Wolf Haas´ neuem Roman „Junger Mann“ (Hoffmann undCampe) stolpert und futtert sich so herrlich und ehrlich durch die Geschichte, dass es eine reine Freude ist.

Haas lässt seinen Antihelden selbst erzählen. Zu Beginn des Buches ist er erst vier Jahre alt, gibt aber schon Weisheiten übers Skifahren und Schanzenbauen von sich: „Den Kopf senkte ich so tief, dass ich zwischen meinen Knien nach hinten schauen konnte. Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt immer am interessantesten.“

Mit zwölf jobbt der Junge an einer Tankstelle und verliebt sich „augenblicklich um den Verstand.“ Ausgerechnet in Elsa, die Frau des coolen Lastwagenfahrers Tscho. Elsa macht ihm Komplimente, und der junge Mann nimmt sich vor, ganz schnell ganz viel abzunehmen. Um von seinen 93 Kilo runterzukommen. Also zählt er Kalorien, schleckt nur kurz am Eis, nagt an Leinsamenbrot und verzichtet auf die halbe Pizza. Schließlich erlebt der junge Mann noch ein Abenteuer: er darf mit Tscho nach Griechenland fahren. Ein Road Trip, der stellenweise an „Tschick“ erinnert; wobei Wolfgang Herrndorfs Klassiker unerreicht bleibt.

Wolf Haas blickt voller Empathie auf seine Hauptfigur – was ihn jedoch nicht daran hindert, mit unvergleichlich trockenem Wortwitz von ihr zu erzählen. Ein Roman wie ein schelmisches, breites Grinsen. Ach ja, und um Brunzpausen, Betonwatschn und das Lässigschauen geht´s natürlich auch. Ist ja schließlich ein Roman über einen Jungen.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Vorsicht: verwöhnte Teenies!

„Sagte ich, Fälschen kriegt jeder Depp auf die Reihe, sofern er einen Stift halten kann? Sorry. Muss mich korrigieren. Bisschen Hirn gehört schon dazu. Mein Wort drauf.“

Furios, frisch und frech kommt dieser moderne Lausbubenroman daher. „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ (Berlin Verlag) von Thomas Klupp liegt sprachlich zwischen Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ und Wolf Haas´ Brenner-Krimis. Will heißen: Unkonventionell. Schnell. Originell. Der Autor, selbst Literaturwissenschaftler, besticht durch eine unbändige Lust am Fabulieren und Formulieren.

Klupp erzählt aus der Perspektive des 16-jährigen Benedikt Jäger, eines verwöhnten Teenagers aus einer verwöhnten Vorzeigekleinstadt. Benedikt und seine Kumpels, allesamt nah am Rande der Wohlstandsverwahrlosung, witzeln und feiern sich durch den Schulalltag. Ihre pointenreichen Erlebnisse purzeln aus diesem Buch wie aus einer literarischen Wundertüte. Egal, ob es um effektive Wasserbomben, aktuelle Mädchen-Rankings, gefälschte Schulaufgaben und Unterschriften oder um schlaue Lehrer-Verarschen geht – Klupps Kosmos macht großen Spaß. Und seine Vergleiche ebenso:

„Meine Handflächen wurden feucht wie Spüllappen.“ / „Ich nickte in einem Tempo, in dem Kolibris mit den Flügeln schlagen.“

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Parabel auf Heimweh, die Liebe und Lebensträume

Eine Hommage an die Berge und das bäuerliche Leben, ein historischer Roman, eine Liebesgeschichte und eine moderne Komödie – kann man all dies in einem Buch vereinen? Unmöglich.

Möglich. Alex Capus gelingt es. Auf nicht einmal 200 Seiten erzählt er in „Königskinder“ (Hanser) zwei Geschichten, die kunstvoll miteinander verwoben sind. Capus beginnt in der Gegenwart, im bergigen Greyerzerland. Tina und Max bleiben mit ihrem Auto im Schnee stecken, eine ganze Nacht lang. Zum Zeitvertreib erfindet Max für Tina eine Geschichte, die genau dort in den Bergen, zur Zeit der französischen Revolution, ihren Anfang nimmt. Eine tragikomische Liebesgeschichte um den Knecht Jakob und Marie, die Tochter eines reichen Bauern. Jahrelang dürfen sie sich nicht sehen, nur sehnen.

In federleichter, feiner Prosa beschriebt Alex Capus das Unglück der Liebenden sowie den Alltag auf dem Land. Zwischendurch springt er zurück in die Gegenwart, ins verschneite Auto in den Schweizer Bergen. Dort unterbricht Tina Max´ Erzählung und kritisiert seine angeblich klischeehafte Schilderung. Max behauptet jedoch, alles habe sich genau so zugetragen, und fährt mit der Geschichte fort. Durch dieses Wechselspiel zwischen den Jahrhunderten bekommt Capus´ Roman eine doppelbödige, reflektierende Ebene.

Nach vielen Jahren finden Marie und Jakob schließlich zueinander. Ausgerechnet in Versailles, wo sich Elisabeth, die kleine Schwester von König Ludwig XVI, für das Paar stark macht. Eine höchst vergnügliche Geschichtsstunde.

Die muntere Parabel auf Heimweh, die Liebe und Lebensträume gibt es auch als Hörbuch (Der Hörverlag), herausragend gelesen von Ulrich Noethen.

 

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Zwei in der Provenece

„Sie streckte ihren Arm aus und berührte mich an der Schulter, ließ ihre Hand dort liegen, und ich spürte sie nicht, spürte sie doch, wollte sie aber nicht spüren, wollte nicht, dass diese Frau sich einmischte, auf mich herabsah, sich anmaßte, mich zu trösten oder zu bemitleiden.“

Andreas Vollmann lebt zurückgezogen in einem Haus in der Provence. Er trauert um seine geliebte Schwester Nina. Und er kann es kaum glauben: Eines Tages steht eine junge Frau vor ihm und behauptet, Ninas Tochter zu sein. Von nun an leben die beiden unter einem Dach, lernen sich und die verstorbene Nina neu kennen, und stellen fest, dass die Wärme und die Stimme eines anderen Menschen zum Glücklichsein ausreichen.

Das ist – stark vereinfacht – der Inhalt von Thommie Bayers neuem Roman „Das innere Ausland“ (Piper). Klingt ein bisschen wie der Plot eines kitschigen Nicholas-Sparks-Buches. Doch Bayer erzählt diese Geschichte einer behutsamen Annäherung zwischen Onkel und Nichte in einem zurückhaltenden, angenehmen Ton, der keine Klischees zulässt. Wenn Andreas und Malin (so heißt seine Nichte) durch Olivenhaine oder über Felder spazieren, wenn sie am Kaminfeuer sitzen und über Nina sprechen, dann wird einem auch beim Lesen warm ums Herz. Und wenn die beiden sich nachts auf eine Bank unter einer Platane neben einem Dorfbrunnen legen, dann schläft man neben ihnen beruhigt ein. Oder man tut dies daheim, nach der Lektüre. Ein berührender, wunderbar unaufgeregter Roman .

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Fürsorgliche Ausbeutung

„Wie, du kennst wirklich deine Bioeltern?“ In der Welt, die Julia von Lucadou in ihrem brillanten Roman „Die Hochhausspringerin“ (Hanser) entwirft, haben echte Eltern und ihre Kinder nichts miteinander zu tun. Wer sich nach Trost, Nähe und Zuspruch sehnt, wählt in der App eines Parentbots die Mutteroption – und spricht mit einer einfühlsamen Stimme, die perfekt eine Wunschmama imitiert. Dass es sich um eine Maschine handelt, vergessen die User meist nach wenigen Minuten. Die moderne Metropole, in der sie leben, verspricht auch jenseits von „Bioeltern“ Glück: durch permanente Selbstoptimierung, vielversprechende Karriereoptionen und einen privilegierten Status.

Die Menschen haben sich voneinander entfremdet. Stattdessen sorgt Technik für ein Gefühl von Geborgenheit und Liebe, wie im Film „Her“ mit Joaquin Phoenix. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist in Lucadous Vision so weit (aber realistisch) fortgeschritten, dass totale Transparenz und Überwachung ganz alltäglich sind. Alles, was man tut oder sagt, wird irgendwo registriert. Im Mittelpunkt der intensiven, atmosphärisch dichten Geschichte steht Riva, eine professionelle Hochhausspringerin. Riva ist ein Star mit Millionen Fans. Und ein Musterbeispiel für eine Frau, die es aus den vernachlässigten „Peripherien“ in die Stadt und nach ganz oben geschafft hat.

Doch plötzlich mag Riva nicht mehr. Sie stoppt ihr Training, ihre Auftritte, ihre PR-Verpflichtungen. Ihr Arbeitgeber, die Akademie für Highrise Diving, engagiert die Therapeutin Hitomi, um die Ursachen für Rivas Krise herauszufinden. Außerdem soll Hitomi so schnell wie möglich dafür sorgen, dass Riva wieder springt. Doch die Spitzensportlerin weigert sich beharrlich, sie klinkt sich völlig aus, wirkt depressiv. Ein Skandal in einer Welt, in der die Selbstoptimierung und der ständige Wille zum Erfolg wie Gesetze wirken.

Julia von Lucadou erzählt mitreißend und elegant vom Wahn, gezielt Glück, Gesundheit und Erfolg herbeiführen zu können. Sie skizziert ein System, das seine Bürger unter permanenten Druck setzt, und dabei ständig behauptet, doch nur das Beste zu wollen. Hinter dem schönen Schein, den blankgeputzten Glasfassaden und den lächelnden Gesichtern der Stadtbewohner lauern Einsamkeit, Angst, Anspannung und Depression. Grund ist ein erschreckend plausibles Prinzip der fürsorglichen Ausbeutung, nicht weit entfernt von der Welt, in der wir schon jetzt leben.

Neuerscheinung · Rezension · Romane

Im finnischen Lappland

„Einen Sommer. Einen solchen Sommer und noch ein halbes Jahr, das hatten wir, und das soll jetzt für ein ganzes Leben reichen?“

Als Viljami aus dem Krieg zurückkommt, ist Lempi, seine Frau, verschwunden. Die Finnin Minna Rytisalo erzählt in ihrem 200-Seiten-Debüt „Lempi, das heißt Liebe“ (Hanser) eine dramatische, leise Geschichte von Verlust und Schmerz. Aber auch von Hass und Lüge. Denn im Verlauf des Romans stellt sich heraus, dass es mehrere Versionen der großen tragischen Liebesgeschichte gibt.

Aus drei Perspektiven berichtet Minna Rytisalo vom jungen Bauernsohn Viljami, der sich in Lempi, die Tochter eines Ladenbesitzers in Lappland, verliebt. Viljami trauert um seine Frau und ihr gemeinsames Glück – die erste Erzählebene. In der zweiten entwirft Elli, die Magd am Hof des Ehepaares, ein differenzierteres Bild. Elli hasste Lempi, denn sie wäre gern selbst Viljamis Frau gewesen. Schließlich nimmt sie Lempis Platz ein, als diese nicht mehr nach Hause kommt. Im dritten Teil setzt Lempis Schwester Sisko die Differenzierung fort: Lempi war wohl doch nicht die Heilige, als die sie ihr Mann in Erinnerung behält. Die Fassade der uneingeschränkten Liebe bröckelt, und als Leser reist man gebannt durch drei Versionen der Wahrheit.

Eine vielschichtige, ruhige Erzählung vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs im finnischen Lappland.

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Gute Nacht, Deutschland

Dunkel ist es. Düster. Unheimlich. Bedrohlich. Das Deutschland, das Max Annas in seinem neuen Roman „Finsterwalde“ (Rowohlt) beschreibt, ist, ja, finster.

Die Handlung spielt in naher Zukunft. Es regiert eine nationalistische Partei, die alle Bürger ohne deutsche Wurzeln abschiebt oder zunächst auf unbestimmte Zeitkaserniert.. Polizisten, Soldaten und Bürgerwehren machen in aller Öffentlichkeit Jagd auf Fremde – Annas schildert Szenen, die an die Verfolgung der Juden zur Nazizeit erinnern. Die Polizei, so heißt es an einer Stelle, habe „die Lizenz zum Demütigen“.

Im Osten des Landes werden Städte geräumt. Einige der verlassenen Orte dienen als Lagerstätten für unerwünschte Bürger. In Finsterwalde harren tausende Menschen dunkler Hautfarbe aus. Max Annas hat ein erschreckend gutes Gespür für die angespannte Stimmung und die latente Bedrohung, die Bürger mit Migrationshintergrund verspüren. Er konzentriert sich auf eine kleine Gruppe aus Finsterwalde, die einen riskanten Plan verfolgt: Eine junge Frau und einige andere Insassen flüchten durch einen Abwasserkanal nach Berlin, wo sie drei zurückgelassene afrikanische Kinder retten wollen. Parallel erzählt Annas von einer griechischen Ärztin, die mit ihrem Freund und ihren Kindern nach Deutschland einwandert – hochqualifizierte Ausländer dürfen auf Bewährung ins Land kommen, müssen aber einen Überwachungsring am Fuß tragen. Der Freund der Ärztin, ein Journalist, stößt bei seinen Recherchen auf die zurückgelassenen Kinder. Und so verbinden sich schließlich die beiden Erzählstränge.

Schnörkellos und souverän skizziert Max Annas ein abgeschottetes Land, geprägt von Misstrauen, Empathielosigkeit und Kontrollwahn. Ein Roman wie eine Warnung vor den Folgen von Fremdenfeindlichkeit.