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Romane

david duchovny, ein papagei in brooklyn, rezension, günter keil, literaturblogDuchovny? Der Schauspieler aus „Akte X“ und „Californication“?

Genau der. Kann der den schreiben? Und wie. Er hat sogar mal in Princeton und Yale Literatur studiert und eine skurrile Tiergeschichte veröffentlicht. Sein Roman „Ein Papagei in Brooklyn“ (Heyne Encore) ist eine intelligente, ironische Vater-Sohn-Geschichte. Ted, der Sohn, ein Genie, müsste längst gefeierter Schriftsteller sein. Stattdessen raucht er Joints, hört The Greatful Dead und verkauft bei den Yankees-Spielen Erdnüsse. Marty, sein zynischer Papa, lässt kein gutes Haar an Ted. Dabei ist auch er gescheitert. Und unheilbar an Lungenkrebs erkrankt.

Duchovny porträtiert zwei schräge Sturköpfe und notiert ihre Verbalduelle. Er schreibt schnell, virtous und manchmal fast schon zynisch – doch hinter der Ruppigkeit seiner Figuren liegt Zuneigung und Herzlichkeit. Ein rasanter NY-Roman.

lena andersson, unvollkommene verbindlichkeiten, rezension, literaturblog günter keil Du meine Güte. Wann kapiert sie es endlich? Als Leser möchte man Hauptfigur Ester schon nach wenigen Seiten warnen: Lass die Finger von diesem Mann! Sofort! Aber in Lena Anderssons großartigem Roman „Unvollkommene Verbindlichkeiten“ (Luchterhand) nimmt das Unglück seinen Lauf, ohne dass man eingreifen kann. Wie schon in ihrem Debüt „Widerrechtliche Inbesitznahme“ erzählt die schwedische Autorin eine Liebesgeschichte, die weh tut. Denn Ester, eine intelligente und erfolgreiche Publizistin, fühlt sich hilflos zu dem verheirateten Schauspieler Olof hingezogen. Er spielt mit ihr, macht falsche Versprechungen und demütigt sie – doch Ester ignoriert alles, um ihn weiter lieben zu können. Sie interpretiert Olofs Verhalten immer nur so, dass sie daraus Hoffnung schöpfen kann.

Er wurde interessiert, wenn sie resignierte. Sie resignierte, wenn er uninteressiert war. Dann trat er einen Schritt näher, was sie dann auch tat, worauf er sie wegschob, worauf sie kühl und abweisend wurde, und das schärfte seine Aufmerksamkeit. Ein Kreislauf, dem man nicht entkam.“

Lena Andersson dokumentiert Verzweiflung, Hoffnung und Wahn, in unbestechlicher, unsentimentaler Prosa. Das ist phasenweise kaum auszuhalten, aber brillant. Mit dieser klugen Kommunikationsanalyse erteilt Andersson all denjenigen eine bittere literarische Lektion, die nicht erkennen wollen oder können, dass ihr Wunschpartner der Falsche ist.

castle freeman, auf die sanfte tour, rezension, literaturblog günter keil Die Leute wollen, dass man seinen Job macht und dass man ihn nicht macht. Sie wollen, dass man seinen Job macht, aber nicht bei ihnen.“

Sheriff Wing ist ein alter Hase. Abgebrüht, lässig, nicht aus der Ruhe zu bringen. In einem Kaff in Vermont sorgt er für Ordnung. Viel gibt’s nicht zu tun: Betrunkene, Kleinganoven, Pechvögel, das war´s auch schon. In Castle Freemans „Auf die sanfte Tour“ (Hanser) erzählt Sheriff Wing von seinem Alltag. Und von seinen Über- zeugungen. Nichts überstürzen, immer mit der Ruhe, erstmal zuhören, das ist sein Credo. In erfreulich sparsamer Sprache zeichnet Castle Freeman das Bild eines besonnenen Sheriffs, wie man ihn sich in Zeiten von Trump und Erdogan wünscht.

Ein kurzer moderner Western, intelligent, trocken, weise. Mit Sätzen wie lakonische Kalendersprüche.

Einen reichen Mann sollte man, wenn es geht, zum Freund haben, aber ein armer Mann ist ein besserer Nachbar.“

mira magén, zu blaue augen, dtv, rezension, günter keil, literaturblogHannah Jonah ist 77 Jahre alt und Witwe. Mit ihren drei Töchtern, einer Enkelin und einer rumänischen Pflegekraft lebt sie in ihrem alten Haus in Jerusalem. Die Hauptfigur von Mira Magéns neuem Roman „Zu blaue Augen“ (dtv) scheint eine ganz normale Alte zu sein: gebrechlich und dement, pflegebedürftig und harmlos. Doch von wegen. Hannah Jonah ist die vielleicht aktivste und verrückteste Oma Israels. Magén porträtiert sie als lebenshungrige, gewitzte Frau, die Kleider, Wein, Männer, Käsekuchen und Schuhe schätzt. Manchmal treibt sie sich nachts in Bars herum. Ihr Motto: Hauptsache, in Bewegung bleiben.

Unser Leben lang ziehen wir immer wieder um und bewegen uns fort, um unser Glück zu suchen, und der Tod wird an dem Tag beginnen, an dem wir uns nicht mehr bewegen, an dem wir im Sessel versinken und nur noch aufstehen, um zu essen, zu pinkeln, und zu schlafen.“

Die Sehnsucht nach Leben und Liebe treibt Hannah Jonah um. Kaum etwas scheint sie in ihrem Aktivismus zu stören, weder ein Gehirntumor noch die Probleme ihrer Töchter oder der neue Mieter, der sie zum Verkauf ihres Hauses überreden will. Mira Magén hat um diese originelle Frauenfigur keine simple Komödie gestrickt, sondern eine charmante Geschichte über Lebensfreude und das Zusammenleben von Jung und Alt. Magéns empathischer Roman wirkt wie ein Plädoyer, das Leben leicht zu nehmen – trotz Schmerz, Trauer, Krankheit und Enttäuschung.

georg m. oswald, alle, die du liebst, interview, günter keil, literaturblog München, Stadtcafé. Ich diskutiere mit dem Anwalt, Autor und Verleger Georg M. Oswald über seinen neuen Roman „Alle, die du liebst“ (Piper). Der 53-jährige formuliert druckreif und lächelt gerne. Er schrieb Romane, Erzählungen, Essays und Kolumnen. Zudem leitete er von 2013 bis 2016 den Berlin-Verlag. Sein erfolgreichstes Buch „Alles was zählt“ (2010) wurde in zehn Sprachen übersetzt.

Was wollten Sie als Jugendlicher lieber werden: Anwalt, Autor oder Verleger? Ganz klar: Autor. Ich habe mich auch später immer primär als Autor betrachtet, obwohl ich überwiegend in den beiden anderen Bereichen tätig war. Meine ersten beruflichen Schritte gingen auch eher in Richtung Autor – ich schrieb journalistische Texte für Stadtmagazine und Zeitungen. Und im Stillen, ganz für mich, experimentierte ich mit literarischen Stoffen.

Warum haben Sie dann überhaupt Jura studiert? Ich war unglaublich fasziniert von der Sprache der Juristen, wie sie sich ausdrückten, wie sie den Konjunktiv einsetzten. Es gibt ohnehin eine Art natürlicher Nähe zwischen den beiden Feldern Jura und Literatur.

Wie meinen Sie das? Zunächst einmal ist da die Sprache: das Fach Jura hat eine starke Nähe zu ihr – die Sprache bedeutet alles im Studium und der Arbeit. Hinzu kommt: Jemand, der sich für Menschen und die Interaktion zwischen Menschen interessiert, landet schnell bei Jura oder Literatur, und letztlich finden sich unglaublich viele juristische Fragen und Konflikte in der Literatur. georg m. oswald, alle, die du liebst, interview, günter keil, literaturblog

Die Anwaltssprache gilt jedoch keineswegs als literarisch oder kreativ. Aber das stimmt in dieser Pauschalität gar nicht! Ich habe schon viel Spott für meine Behauptung geerntet, dass gut geschriebene Gerichtsurteile sprachlich hochinteressant sind, weil sie ein großes Maß an sprachlicher Präzision zeigen. Stattdessen hält sich hartnäckig das Klischee, Anwälte würden die Sprache verhunzen.

Passiert dies denn nicht? Doch, selbstverständlich. Ich gebe auch gerne zu: gut geschriebene juristische Texte sind eher die Ausnahme, nicht die Regel. Es gibt zahlreiche Anwaltsschriftsätze, die man liest und denkt: Du meine Güte, das ist ja nicht auszuhalten! Die sind trocken, spröde und weltfremd. Das gilt allerdings auch für literarische Texte, wenn man ehrlich ist.

Die Hauptfigur Ihres neuen Romans ist ein erfolgreicher Anwalt, dessen bisheriges Lebensmodell scheitert. Was hat Sie an seinem Absturz gereizt? Ich wollte wissen, was passiert, wenn er von der Sicherheit in die Unsicherheit rutscht. Hartmut Wilke ist ein Mann, der es gewohnt ist seine eigenen Lebensumstände zu bestimmen. Doch wie reagiert er, wenn ihm die Konventionen, die sein Leben absichern, abhanden kommen? Seine Frau droht ihm einen Scheidungskrieg an, er muss seine Kanzlei verlassen, und auf der Reise zu seinem Sohn nach Afrika wird er in eine völlig andere Welt gestoßen.

Indirekt erzählen Sie damit auch etwas über über unsere Gesellschaft. Auf jeden Fall. Denn wir leben zunehmend in einer Welt, in der wir unsere Sicht der Dinge nicht mehr als selbstverständlich betrachten können. Diese Entwicklung verunsichert viele Menschen. Wilkes Afrika-Abenteuer schien mir dafür eine gute Metapher zu sein.

Eine XL-Version dieses Interviews steht in der aktuellen Ausgabe des Magazins Münchner Feuilleton.

 

kent haruf, unsere seelen bei nacht, rezension, literaturblog, günter keilIch wollte dich fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen.“ (Kent Haruf, Unsere Seelen bei Nacht, Diogenes)

Mit diesem Satz beginnt etwas Wunderschönes. Und ein Skandal. Addie, eine 70-jährige Witwe macht ihrem ebenfalls allein lebenden Nachbarn Louis einen Vorschlag. Es geht ihr nicht um Sex. Sondern um Nähe, Wärme, ein Mittel gegen Einsamkeit und Schlaflosigkeit. Louis lässt sich darauf ein. Fortan übernachtet er ab und zu bei Addie, die nur ein paar Häuser weiter lebt. Die beiden liegen nebeneinander und erzählen sich ihre Leben – eine einzigartige Beziehung entsteht. Dies weckt in der Kleinstadt allerdings Argwohn und Missgunst. Und auch Eddies Sohn hat etwas gegen diese Verbindung. In stillen, klaren Worten erzählt Kent Haruf in seinem letzten Roman von einer neuen Form der Zweisamkeit im Alter. Von Freiheit, Scham und Vorurteilen. Nicholas Sparks oder Paulo Coelho hätten aus dieser Geschichte eine unerträgliche Schmonzette gemacht – Haruf braucht jedoch keine großen Worte oder Gesten, keine Klischees, um zu berühren. Eine kluge Liebesgeschichte, die gut tut.

Ich liebe das greifbare Leben mit dir. Die Luft und das Land. Den Garten, den Kies im Seitenweg. Das Gras. Die kühlen Nächte. Im Bett zu liegen und mich im Dunkeln mit dir zu unterhalten.“

luca d andrea, der tod so kalt, rezension, literaturblog, günter keil Eine eiskalte, schroffe Bergwelt, die für Menschen tödlich sein kann. Ein Fremder, der in eine verschwiegene Dorfgemeinschaft eindringt. Eine Schlucht, in der vor langer Zeit drei junge Leute ermordet wurden.

Der italienische Autor Luca D’Andrea spielt in seinem Debütroman „Der Tod so kalt“ (DVA) mit klassischen Elementen aus großen Bergdramen. Was er daraus macht, ist über weite Strecken spektakulär. Atemberaubend. Mitreißend.

Siebenhoch, Alto Adige, Südtirol. Dorthin, in die Heimat seiner Frau, kommt der US-Filmemacher Salinger. Eigentlich will er nur eine Doku über den Bergrettungsverein drehen – doch dann zieht ihn eine alte Dorflegende in den Bann. Vor 30 Jahren, so erzählt man sich, ereignete sich das Bletterbach-Massaker. Während eines Gewittersturms wurden drei erfahrene Bergsteiger in freier Natur ermordet. Zerstückelt. Salinger wittert ein spannendes Thema, einen neuen Film. „Hör auf, an dieser Geschichte zu rühren“ mahnen ihn die Einheimischen – vergeblich. Wie besessen dringt Salinger in die Geschichte des Dorfes ein und bringt sich und seine Familie in Lebensgefahr. Liegt ein Fluch über allen, die das Massaker aufarbeiten wollen?

Luca D’Andrea gibt Salinger eine lässige, kräftige Stimme, die den Plot vorantreibt. Er zieht das Netz aus Gerüchten, Geheimnissen und Enthüllungen immer enger, brilliert mit Sätzen wie Blitzeinschlägen, Wendungen wie Steinschlägen und einem Tempo wie eine unaufhaltsame Lawine. Manchmal übertreibt er es ein bisschen, vor allem beim Showdown. Dennoch bleibt sein Thriller überdurchschnittlich – ein echter Kracher, wie man so sagt.