Ein Jahr in den Bergen

Das ist ein Roman über die Kuhglocken, deren Klang über Berghänge weht. Den Septemberschnee, der in der Sonne schnell dahin schmilzt. Einen Wildbach, dessen klares Wasser in der Sonne glitzert. Die versteckten Bedeutungen, die sich in Feldern, Wäldern und Steinhäusern befinden. Und vor allem ist es ein kurzes Buch über die Liebe, die ihr Gesicht wie die vier Jahreszeiten verändert.

So, jetzt aber zum Plot, der im italienischen Hochgebirge spielt: Fausto und Silvia arbeiten im Bergdorf Fontana Fredda auf einer Hütte. Sie bewirten die Gäste, und sie verlieben sich ineinander. Gemeinsam beobachten sie, wie sich der Winter über die Berge legt, wie sich Natur und Menschen verändern.

Paulo Cognetti erzählt in einer angenehm ruhigen Art, bodenständig und mit einer gewissen Leichtigkeit, hinter der immer wieder die Melancholie hervorkommt. Seine Figuren versuchen in den Bergen herauszufinden, wer sie sind, wohin sie gehören, und was sie in Zukunft wollen. Eine wohltuende, naturnahe und ziemlich kurze Geschichte, ideal für einen kalten Herbst- oder Winterabend.

Paolo Cognetti, Das Glück des Wolfes (Penguin, übersetzt von Christiane Burkhardt)

Sechs russische Frauen in einer Zelle

Kira Jarmysch, die Pressesprecherin von Alexej Nawalny, dem russischen Oppositionspolitiker, ist eigentlich Journalistin. Und seit kurzem auch Romanautorin. Warum das gut zusammenpasst? Nun, im Januar ist Kira wegen eines Aufrufs zu Demonstrationen festgenommen worden, und in ihrem Debütroman spielen gleich sechs verhaftete russische Frauen die Hauptrollen.

DAFUQ heißt dieses brisante Buch, das soeben bei Rowohlt Berlin erschienen ist (übersetzt von Olaf Kühl). Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Anja Romanowa. Die 28-jährige muss für zehn Tage in ein Moskauer Gefängnis, weil sie – wie Kira – zu einer Demo aufgerufen hat. Eine pure Willkür-Strafe also, der typische Versuch von Einschüchterung der kritischen Bürger*innen. Der Roman beginnt an dem Tag, an dem Anja ihre Strafe in der Arrestanstalt antritt: Sie muss sich ihre Zelle mit fünf anderen Frauen teilen. Mit Maja, Irka, Katja, Natascha und Diana. Sechst verurteilte Frauen in einem Raum, das bedeutet: sechs Leben, sechs Persönlichkeiten, sechs Schicksale prallen aufeinander. Und so lernt Anja ihre Mitbewohnerinnen mit jedem Tag besser kennen – sie spürt ihren Spott und ihr Misstrauen, ihre Empathie und ihre Verbundenheit.

Kira Jarmysch protokolliert alle zehn Tage und Nächte im Knast. Sie schaut genau hin und gibt intensive Einblicke in eine Welt, die normalerweise verschlossen bleibt. Kira zeigt, wie die sechs Frauen diesen Irrsinn ertragen, wie sie sich arrangieren, wie sie verzweifeln und sich unterstützen. Wie sie lachen und weinen, was sie träumen und im Gefängnis vermissen. Mit jedem weiteren Tag fühlt man sich als Leser*in den Frauen immer näher, und es scheint fast so, als ob man bei ihnen in der Zelle wäre. Ein Roman, der die Widersprüche des heutigen Russlands in einem Raum bündelt. Kira Jarmysch schreibt in einem lässigen Ton, der mal rau und mal zärtlich rüberkommt. Eine mitreißende Doku über Willkür und Repression, Freiheit und Aufbruch.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung auf egoFM am 25. September vorgestellt. Zur Show hier. 

Elegant dahingeplaudert

Ich behaupte ganz frech: Heinrich Steinfests „Amsterdamer Novelle“ (Piper) ist ein kurzes kleines Meisterwerk. Eine elegant dahingeplauderte Geschichte mit viel Witz und Fantasie.

Alles beginnt mit einem Foto: Darauf zu sehen ist der 56jährige Kölner Roy Paulsen, wie er auf einem Fahrrad an einer Amsterdamer Gracht entlangradelt. Doch Paulsen war noch nie in Amsterdam – der Mann auf dem Foto ist allerdings eindeutig er. Also fährt er nach Holland und macht sich auf die Suche nach dem Haus, das auf dem Bild zu sehen ist.

Tatsächlich findet Paulsen die Gracht und das Haus, und als er es betritt, gerät er in eine tödliche Auseinandersetzung. Drei Menschen sterben innerhalb weniger Sekunden, Paulsen überlebt jedoch und verliebt sich in die Frau, dessen Bruder unter den Toten ist. Am Schluss dieser ideenreichen, fantasievollen und turbulenten Novelle entsteht wieder ein Foto an der gleichen Gracht, und es zeigt wieder Paulsen auf einem Fahrrad – es ist das gleiche Foto wie zu Beginn, quasi Bild aus der Zukunft. Dazwischen liegen nur hundert Seiten, in denen Heinrich Steinfest gewählt und gewitzt erzählt, mit Anspielungen zu Malerei, Kunst und Kultur. Eine hochwertige Story über ein Foto, das die Realität beeinflusst oder umgekehrt.

Ich habe den Roman am 9. Oktober in meiner Literatursendung auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Obama empfiehlt: Rumaan Alam

Stellt Euch vor, Ihr seid von der restlichen Welt abgeschnitten. Ohne Internet, Handy- oder Fernsehempfang, ohne Smartphone. Nichts funktioniert mehr. Genau das passiert einer amerikanischen Mittelschichtsfamilie im Urlaub auf Long Island, in Rumaan Alams Roman „Inmitten der Nacht“ (btb, übersetzt von von Eva Bonné). Amanda und Clay, die Eltern, haben ein Ferienhaus auf dem Land gemietet und freuen sich auf eine entspannte Woche mit ihren beiden Kindern.

Doch schon in der ersten Nacht steht plötzlich ein älteres, schwarzes Ehepaar vor der Tür. Die beiden behaupten, das Haus gehöre ihnen. Außerdem erzählen sie, dass ganz New York im Dunkeln liegt, und dass das Leben an der Ostküste komplett lahmgelegt ist. Amanda und Clay glauben ihnen zunächst nicht, doch dann merken sie, dass tatsächlich alle Telefon- und Nachrichtenverbindungen unterbrochen sind.

Was ist nur passiert? Gab es einen Terroranschlag, einen Krieg, einen Technik-Blackout? Niemand weiß es. Die Familie und das Ehepaar versuchen gemeinsam mit der unheimlichen Situation klarzukommen. Sie kochen, reden, lesen, diskutieren, leben plötzlich ein altmodisches Leben. Sie spüren, wie abhängig sie von Technik und vom Nachrichtenstrom sind, und wie sie nun ohne die gewohnte Kontrolle und Ordnung leben müssen. Fast so wie Tiere fernab ihrer natürlichen Umgebung.

Rumaan Alam baut die Spannung behutsam und mit souveräner Ruhe auf. Sein raffiniertes Szenario macht deutlich, wie klein, unbedeutend und verletzlich wir Menschen sind. In diesem Roman sitzt jedes Wort, und der Plot schärft die Wahrnehmung – Barack Obama hat dieses Buch zu recht empfohlen.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT vorgestellt – zum Nachhören auf allen Plattformen. Zudem stelle ich das Buch in meiner Literatursendung bei egoFM vor. Alle Shows hier.

Das Archiv der Gefühle

Er ist einsam und allein, lebt nur in der Vergangenheit, in seinen Erinnerungen. Ein Mann mittleren Alters erzählt in Peter Stamms neuem Roman „Das Archiv der Gefühle“ (S. Fischer) von seiner selbst gewählten Isolation. Vor fünf Jahren hat er seine Anstellung als Archivar verloren. Das Zeitungsarchiv lagert seitdem in seinem Keller, und er ordnet es regelmäßig. Vor allem eine Akte beschäftigt ihn rund um die Uhr: Die Aufzeichnungen über die bekannte Sängerin Fabienne, die eigentlich Franziska heißt, hütet der Mann wie einen Schatz. Denn Franziska ist seine große lebenslange Liebe. Vor 30 Jahren verband die beiden eine enge Freundschaft, aus der wohl mehr hätte werden können. Wenn… ja, wenn der Mann nicht so unsicher und zurückhaltend gewesen wäre. Zumindest fragt er sich das nun, als 55-jähriger, der sein Leben versäumt und seine Liebe aus den Augen verloren hat. Hätte er um Franziska kämpfen sollen? Hat er ihre Signale nicht verstanden, seine Chancen nicht genutzt? Oder hat er ihre Liebe gar nie verdient, auch heute nicht?

Peter Stamm porträtiert einen Mann, dessen Gefühle, Erinnerungen und Wünsche mit der Realität verschwimmen. Klare Grenzen scheint es nicht mehr zu geben, wenn der Archivar von einem Wiedersehen mit Franziska erzählt. Hat es tatsächlich stattgefunden oder ist es ein Ausdruck von Liebeswahn? Der Archivar stellt sich ein Leben vor, in dem ihm endlich alles gelingt, und vor allem: in dem er die Liebe zu Franziska auslebt. Stamm forscht in den Tiefen von Einsamkeit und Sehnsucht nach der Wahrheit, und er lässt bewusst vieles unklar. Kann die tragische Hauptfigur die verlorene Zeit zurückholen und ihre Einsamkeit überwinden? Die von schlichter Eleganz getragene Sprache des Schweizer Schriftstellers fließt dahin wie ein stiller Fluss, und doch erzeugt sie einen gefährlichen Sog. Dieser führt in eine Welt, in der alles um Franziska und ihren Verehrer herum verblasst und schließlich verschwindet. Denn es ist nur diese Beziehung, die zählt. Und sei es nur in der Fantasie. Real und gegenwärtig scheinen nur die leeren Straßen und das zurückgezogene Leben des Archivars zu sein – beides erinnert an die Lockdowns der Pandemiezeit. Doch egal ob Peter Stamm mit seinem Protagonisten tatsächlich ein Symbol für die Corona-Stille schaffen wollte – der 58-jähre hat eine schmerzhaft schöne Geschichte voller Melancholie geschrieben.

Zwischen Vietnam und Deutschland

„Ich muss diese Geschichte mit einem Geständnis beginnen: Ich kann meinen eigenen Namen nicht aussprechen. Solange ich mich erinnere, war es mir unangenehm, mich anderen Menschen vorzustellen. Waren sie Deutsche, konnten sie die melodischen Laute nicht verstehen. Waren sie Vietnamesen, hatten sie Probleme mit meinem harten Akzent. Die Deutschen umgingen das Problem, indem sie mich gar nicht ansprachen. Die Vietnamesen fragten: Wie schreibt man das?“

Khuê Phạm erzählt in „Wo auch immer ihr seid“ (btb) von Kimm. Die 30jährige ist eine selbstbewusste, unabhängige Berlinerin, arbeitet als Restaurantkritikerin und fühlt sich niemandem verpflichtet. Ihre vietnamesischen Verwandten kennt sie nur aus Erzählungen, und das empfindet sie als angenehm. Schließlich hat sich Kimm immer bemüht, Deutsch zu sein, angepasst zu sein, Macht über ihr Schicksal zu haben. Doch dann meldet sich überraschend ein Onkel aus Kalifornien. Er schlägt vor, dass Kimm ihn besucht. Denn zum Testament ihrer soeben verstorbenen Großmutter gehört ein wichtiger Brief, in dem ein Familiengeheimnis gelüftet wird. Kimm verspürt zwar keine Lust auf diese Reise, aber sie fliegt trotzdem mit ihren Eltern hin. In Kalifornien wird sie von Cousinen und Cousins umringt, und mit vietnamesischen Bräuchen konfrontiert. Und zum ersten Mal keimt in ihr Interesse auf für die Geschichte ihrer Familie, die Flucht ihrer Eltern nach Deutschland, die Emigration ihrer Tante und ihres Onkels nach Kalifornien, und den Vietmankrieg. 

In einer klaren, ruhigen Sprache berichtet Khuê Phạm von Kimms Spurensuche, von Anpassung, Herkunft und Identität. Ihre Hauptfigur überwindet das Schweigen und die Sprachlosigkeit innerhalb ihrer Familie und lernt zu verstehen. Die feine Geschichte ist übrigens autobiografisch gefärbt – eine literarische Annäherung an die eigene Familie der Autorin.

Ich habe den Roman im Podcast LONG STORY SHORT und in meiner Literatursendung auf egoFM vorgestellt. Alle Shows zum Nachhören gibt´s hier.

Glasgow, 1981

Es ist grau und hart in Glasgow, 1981, in der Welt der Arbeiterklasse. In Douglas Stuarts „Shuggie Bain“ (Hanser, übersetzt von Sophie Zeitz) halten sich die Menschen mit Sozialhilfe über Wasser, trinken zu viel Bier, rauchen zu viel und geraten oft in Schlägereien. In dieser Tristesse wächst Shuggie auf, der Sohn von Agnes, einer Alkoholikerin. Sein Vater, ein Taxifahrer, treibt sich nächtelang bei anderen Frauen herum.

Shuggie ist anders als die meisten Jungs – zart, fantasievoll und feminin. Auch Agnes ist anders – sie kleidet sich glamourös, trägt immer makelloses Make-up und bewundert Elisabeth Taylor. Mutter und Sohn verbindet eine zärtliche und tieftraurige Beziehung. Denn Agnes säuft sich langsam zu Tode, während Shuggie versucht, sie aufzuheitern und vom Alkohol abzuhalten.

Douglas Stuart ist mit dieser Mischung aus Sozialstudie und Liebesgeschichte ein Meisterwerk gelungen. Er hat das Talent, alle Gefühle in einem einzigen Satz zu vereinen: Schmerz, Freude, Liebe, Sucht und Tod. Die Geschichte von Shuggie und Agnes hat mich berührt und begeistert, sie ist authentisch und fein formuliert, ohne verkünstelt zu sein. Ein wahres, lebendiges, herzerwärmendes Buch, so schön wie schmerzvoll. Und darüber hinaus das Porträt einer Familie, einer Stadt, einer Zeit, und gleichzeitig eine universelle zeitlose Geschichte übers Anderssein in Armut.

Douglas Stuart hat den mit dem Booker Prize 2020 ausgezeichneten Roman seiner Mutter gewidmet. Die Alkoholsucht hielt auch sie gefangen, in einem tiefen schwarzen Loch, aus dem sie nicht wieder lebendig herauskam.

P.S. In meiner Literatursendung auf egoFM war Douglas Stuart am 9. Oktober 2021 zu Gast. Ihr könnt die Show hier nachhören. 

Toxische Liebe

Eine junge erfolgreiche Autorin aus Irland – das kann nur die 30jährige Sally Rooney sein, oder? Nein. Es gibt auch noch Megan Nolan, 31, deren beachtliches Debüt „Verzweiflungstaten“ (Blumenbar, übersetzt von Lisa Kögeböhn) vor kurzem auf Deutsch erschienen ist.

Eigentlich ist die junge Frau, die in diesem Roman erzählt, eine verdammt freie, aktive, lässige Person. Sie trinkt, feiert und vögelt wie es ihr gerade passt. Doch dann verliebt sie sich Hals über Kopf in Ciaran, einen coolen, attraktiven Typen. Und schwupps, sind ihre Unabhängigkeit und ihr Selbstbewusstsein verschwunden.

Ciaran lässt seine Stimmungsschwankungen an ihr aus, und seine Kälte, seine Unnahbarkeit, verunsichern seine Freundin. Umso mehr tut sie alles um ihm zu gefallen, um von ihm geliebt zu werden. Obwohl sie eine moderne reflektierte Frau ist, betet sie Ciaran geradezu an und erträgt all das psychische Leid, das er ihr zufügt.

Megan Nolan inszeniert diese toxische Liebe als schonungslose Selbstanalyse. Die Ich-Erzählerin gibt alles, zeigt alles, beichtet alles, offenbart tiefe Einblicke in ihre Gefühle und Gedanken. Eine aufregende Studie über eine obsessive Beziehung und Sex, mit einer Art dunkler Präzision geschrieben, offen, unerschrocken, reflektiert und verletzlich. Ein faszinierender Debütroman aus Dublin.

Ich habe den Roman am 11. September in meiner Literatursendung auf egoFM vorgestellt. Zur Show hier. 

Die Kornkreis-Helden

Sie arbeiten nachts, heimlich, im Stillen, wo sie Großes erschaffen wollen. Sie streben nach Schönheit und Unabhängigkeit, und sie verwirklichen ihre Ideen auf Getreidefeldern im Süden Englands. Redbone und Calvert entwickeln und erzeugen in Benjamin Myers neuem Roman „Der perfekte Kreis“ (DuMont) großflächige Kornkreise. Sie wollen anonym bleiben, obwohl ihre Kunstwerke als paranormale Phänomene gelten und Scharen von Neugierigen anlocken: Kornkreisjäger, Reporter, Ufologen, Physiker und New-Age-Jünger. Jeder sieht etwas anderes in den mysteriösen Naturbildern; für Redbone und Calvert sind sie eine überlebenswichtige Mission, die es ihnen ermöglicht, die Realität hinter sich zu lassen. Sie lieben es, gegen die Ordnung zu verstoßen und ihre eigene Ordnung ins Feld zu drücken.

Benjamin Myers porträtiert die unkonventionellen Künstler und ihre Werke mit elegant schwebenden Formulierungen. Redbone, ein gescheiterter Punkmusiker, lebt in einem heruntergekommenen VW-Bus. Calvert, ein traumatisierter Soldat, haust in einem gedrungenem Steinkasten. Die beiden Männer verbindet eine ungewöhnliche Freundschaft. In nahezu perfekter Symbiose erfüllen sie auf den Feldern ihre Aufgaben, meist wortlos, nach einem vorher festgelegten Plan. Wenn Myers seine rauen Ästheten bei ihren Einsätzen begleitet, sind alle Sinne geschärft – jene von Redbone und Calvert, und jene der Leser*innen. Denn Myers hört den Wind in den Ähren rauschen, sieht, wie sich der Nachthimmel verändert, beobachtet, wie Hasen durchs Getreide huschen und Vögel davonflattern. Dies ist auch ein Roman über den tiefen Respekt vor der Natur, der Stille, der Einzigartigkeit. Redbone und Calvert haben sich von Konsum, Karriere und Status losgesagt und streben nur noch nach einem: Dem perfektem Kreis, ihrem Opus Magnum.

Die Felder sind für Redbone und Calvert eine Leinwand. Für Benjamin Myers erfüllt seine 1989 angesiedelte Geschichte einen ähnlichen Zweck: Er malt ruhige Sätze aufs Papier, brilliert als Schöngeist, dem die Form mindestens so wichtig ist wie der Inhalt. Seine Literatur führt weit hinaus, nicht nur auf die Felder, sondern in einen größeren, spirituelleren Kosmos. Dorthin, wo die Kornkreiskünstler Reinheit und Vollkommenheit finden, zumindest für eine Nacht. Denn ihre Werke sind vergänglich wie das Leben, dem Redbone und Calvert zu entfliehen versuchen. (Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung auf egoFM am 25. September vorgestellt. Zur Show hier. 

Wahn als Vorbote der Wirklichkeit

Es soll eine Auszeit sein. Drei Monate, um in Ruhe an einem neuen Buch zu arbeiten. Doch der New Yorker Schriftsteller, der sein Stipendium bei einer Berliner Kulturstiftung beginnt, gerät am Wannsee in eine existenzielle Krise. Er fühlt sich überwacht, spürt eine umfassende Unsicherheit, sorgt sich um seine Frau und seine Tochter.

Statt zu arbeiten, unternimmt die Hauptfigur aus Hari Kunzrus „Red Pill“ (Liebeskind, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence) lange Spaziergänge. Dabei stößt der Mann immer wieder auf das Grab Heinrich von Kleists. Eigentlich bedeuten ihm dessen Werke nichts, doch nun, in der Berliner Winderödnis, beschäftigen ihn Kleists Werk und Selbstmord plötzlich. Er steigert sich in düstere Zukunftsvisionen und versucht sich abzulenken, indem er nächtelang die brutale TV-Serie „Blue Lives“ streamt.

Kunzru lässt seine Hauptfigur offen und ehrlich erzählen. Von inneren Kämpfen, düsteren Gedanken, wilden Phantasien. Mit eleganten Formulierungen schickt Kunzru seinen fiktiven Schriftsteller auf einen Psychotrip, in einen sich steigernden Wahn. Unterbrochen werden seine Fantasien nur von der Geschichte eines Zimmermädchens in der Kulturstiftung, das früher als Punk in der DDR zur Arbeit für die Stasi gezwungen wurde. Gebannt hört sich der Amerikaner die Erlebnisse der Frau an – sie passen zu seiner depressiven Grundstimmung. Auf einer Gala der Berliner Filmfestspiele lernt er schließlich Anton kennen, den Schöpfer von „Blue Lives“, der sich als reaktionärer Agitator entpuppt. Der Schriftsteller konfrontiert Anton mit kritischen Fragen und folgt ihm wie besessen quer durch Europa. Denn der TV-Macher erscheint ihm wie ein Verantwortlicher für das kommende Zeitalter der Finsternis.

Hari Kunzrus raffiniert konstruiertes Psychogramm zeigt, wie zerbrechlich das Leben sein kann. Die literarische Innenschau überzeugt mit überraschenden Wendungen und einer beunruhigenden Erkenntnis: Der Wahn ist oft nur ein Vorbote der Wirklichkeit.

Ich habe den Roman in meiner Literatursendung auf egoFM am 11. September vorgestellt. Zur Show hier.