Neuerscheinung · Rezension · Romane

Finnisch, lakonisch, herrlich

petri tamminen, meeresroman, rezension, günter keil, literaturblogLakonischer, liebenswerter und skurriler geht’s kaum. Entspannter und finnischer auch nicht.

Meeresroman“ (Mare) von Petri Tamminen: eine bezaubernde Tragikomödie.

Antiheld Vilhelm Huurna, ein kleiner Mann, will ein großer Kapitän werden. Und tatsächlich: Huurnas Traum erfüllt sich – er bereist die Meere der Welt. Dass er dabei ein Schiff nach dem anderen versenkt, nun, ist das wirklich seine Schuld? „Jeder, der schon einmal im Sturm gesegelt ist, weiß, dass Segelschiffe vieles tun, worum sie zu bitten der Mensch nicht einmal auf die Idee käme.“

In sparsamer Sprache, mit Sätzen wie kleine Kunstwerke, erzählt Petri Tamminen von einem Mann, der sich nicht unterkriegen lässt. Obwohl er oft unter Wasser gerät. Huurna macht die Erfahrung, dass man Dinge einfach hinnehmen muss, mit viel Schnaps und ausdauerndem Schweigen. Eine herrlich schräge Geschichte, gespickt mit schelmischen Weisheiten und finnischem Humor.

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Bester Migrationsroman des Jahres

mohsin hamid, exit west, rezension, günter keil, literaturblogWir sind alle Migranten in der Zeit.“

In „Exit West“ (DuMont) erzählt Mohsin Hamid die bewegende Geschichte von Nadia und Saeed. Ein junges Paar in einem nicht genannten muslimischen Land, das im Bürgerkrieg versinkt und der Machtübernahme von Extremisten ausgeliefert ist. Alles, was das Leben ausmacht, verschwinde: Normalität, Freiheit, Freude, Menschlichkeit und Würde. Nadia und Saeed beschließen zu flüchten. Grenzen gibt es in Hamids Roman nicht, nur Türen. Durch diese muss man schreiten, zunächst ins Dunkel, um danach in anderen Ländern wieder aufzutauchen. Dieser Vorgang und Hamids reine, poetische Prosa geben dem Buch etwas Märchenhaftes.

Nadia und Saeed landen in Griechenland, später in Großbritannien und in den USA. Mohsin Hamid behält die beiden fest im Blick, und er untersucht ihre Reaktionen: Was macht Flucht aus einem Paar? Wie unterschiedlich reagieren Frau und Mann, wie passen sich an? Hamid beschreibt eine Welt ohne Einheimische und Sesshafte, alle ziehen weiter, sind auf der Flucht oder der Suche nach besseren Jobs: „Ein großer Teil des globalen Südens war unterwegs in Richtung globaler Norden.“ Die reisenden Menschen entfernen sich, nicht nur von Orten, auch von Menschen. Auch zwischen Nadia und Saeed wächst die Kluft, und ihre Wege trennen sich schließlich.

Mohsin Hamid hat eine beeindruckende Liebesgeschichte in Zeiten von Extremismus und Migration verfasst. So erschütternd sein Szenario auch ist – der pakistanisch-amerikanische Autor erzählt eher neutral beobachtend. Ja, die Welt bricht auseinander, und nichts ist mehr sicher. Doch die Welt geht nicht unter, sie verändert sich nur.

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Smith swingt

zadie smith, swing time, rezension, blog, günter keilFred Astaire, Michael Jackson: Ihre Idole. Zwei Mädchen schwärmen vom Steppen und Tanzen. Die namenlose Erzählerin wird später Assistentin einer berühmten Popsängerin und Tracey, die andere, schafft es auf die Bühne im Londoner Westend. Zadie Smith, früher selbst Stepptänzerin und Jazzsängerin, erzählt in „Swing Time“ (Kiepenheuer & Witsch) von einer Mädchen- und Frauenfreundschaft mit Brüchen. Sie untersucht, wie sich Herkunft, Hautfarbe und Bildung auf das Leben ihrer Protagonisten auswirken.

Als „braun“ gelten Tracey und ihre Freundin, da sie aus gemischten Familien stammen. Sie wachsen in Sozialwohnungen im Nordwesten Londons auf. Die Erzählerin ist neidisch auf Tracey, denn deren weiße, ungebildete Mutter serviert den Kindern Pizza und Pfannkuchen. Sie ist stolz auf ihre Tochter und möchte ihr den Traum vom Tanzen erfüllen. Ein starker Kontrast zur anderen Mutter: die schwarze Feministin kocht nur Gesundes und trichtert ihrem Kind ein, wie wichtig Ernsthaftigkeit und Emanzipation sind. Ihre Tochter entflieht diesem intellektuellen Korsett. Sie stürzt sich in die Partystimmung des „Cool Britannia“, steigt auf zur Assistentin des größten Popstars dieser Zeit.

Nach mehr als zehn Jahren fühlt sie sich allerdings ausgebrannt und allein. Träume zerbrechen auch anderswo. Traceys kurze Karriere als Tänzerin endet abrupt, und sie schlägt sich mühsam als alleinerziehende Mutter durch. Wie in ihren vier vorherigen Romanen lotet Zadie Smith aus, woher wir stammen und welche Möglichkeiten sich bieten, das eigene Milieu hinter sich zu lassen. Getragen wird diese eindrucksvolle Geschichte vom bewährten Smith-Sound: er ist klar, klug und lebensnah.

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Indiens Transsexuelle und Gefallene

arundhati roy, das ministerium des äußersten Glücks, Rezension, Blog, Günter Keil 20 Jahre (!) hat sich Arundhati Roy für ihren neuen Roman Zeit gelassen. Die letzten zehn davon hat sie an „Das Ministerium des äußersten Glücks“ (S. Fischer) geschrieben. Herausgekommen ist ein Buch, das in seiner überbordenden Fülle von Details, Figuren, Biografien und Anekdoten kaum zu übertreffen ist. Und auf das man sich erst einlassen muss – anders ist diese Reichhaltigkeit schwer zu bewältigen.

Roy erzählt von Anjum, einer Transsexuellen, auf indisch: Hijra. Anjum lebt erst in einer multi-ethnischen Hijra-Gemeinschaft in Delhi, dann auf einem Friedhof. Dort baut sie eine Hütte, die zur Zuflucht für Menschen am Rande der Gesellschaft wird: „Dieser Ort, an dem wir leben, den wir zu unserem Zuhause gemacht haben, ist ein Ort der fallenden Menschen.“ Ein gefallener Hund ist auch dabei: Biroo. Die Gefallenen, Vergessenen, von Polizeiwillkür und Behördenschikanen eingeschüchterten Menschen finden in Roys Roman zusammen, und die Autorin schildert ihr Leid in dichter, lebendiger und bisweilen poetischer Prosa. Dass die Gefallenen im „neuen“ Indien, der kapitalistischen und nationalistischen Hindu-Supermacht, nur stören, ist offensichtlich.

Im zweiten Teil widmet sich Roy dem Kaschmir-Konflikt. Den Muslimen, die Opfer schwerster Gewalt werden, der unerträglichen Situation im umkämpften Gebiet zwischen Indien, Pakistan und China. Protokolle, Augenzeugenberichte, Befunde und Rückblicke auf reale Massaker vervollständigen ihre literarische Dokumentation von Chaos und Unterdrückung. Damit macht es Roy ihren Lesern nicht leicht – ihre Hauptfigur Anjum spielt kaum noch eine Rolle. Dennoch ist dieser Roman ein einzigartiges Ereignis: ein realistisch-kritischer Blick auf Indiens gesellschaftspolitische Probleme und eine hinreißende Würdigung der Gefallenen. Ein Mix, den nur Roy so zubereiten kann.

In der fast 15-stündigen Hörbuchfassung (Audible / Argon) führt Sprecherin Gabriele Blum einfühlsam und überzeugend durch Roys abwechslungsreichen Plot.

Übrigens: Arundhati Roy kommt nach Deutschland und liest u.a. in München, wo ich am 13.9. ihre Lesung im Literaturhaus moderiere.

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Die Grausamkeit der Normalität

birgit vanderbeke, wer dann noch lachen kann, rezension, günter keil, literaturblog

Birgit Vanderbeke formuliert nicht lange oder umständlich herum. Schon auf der ersten Seite spricht sie ihre Leser direkt an: „Es gibt nur einen einzigen Menschen, der für Sie denken und auf Sie aufpassen kann. Das sind Sie. Und wenn Sie es nicht können, kann es niemand für Sie.“ Das ist die Kernbotschaft ihres neuen, erneut autobiografisch gefärbten Romans „Wer dann noch lachen kann“ (Piper). Ganz genau hinschauen, sich bloß nichts vormachen lassen, einen eigenen Weg gehen – eine Erkenntnis, die Vanderbekes Alter Ego im Buch schon als kleines Mädchen gewinnt. Ihr Vater schlägt sie mit einem Teppichklopfer blutig. Ihre Mutter schleppt sie zu Ärzten und behauptet, sie sei krankhaft überreizt.

Die Erzählerin beobachtet ihre Umwelt genau, sie hinterfragt und kommentiert, was sie erlebt und sieht. Sie flüchtet – wie Birgit Vanderbeke selbst im Alter von fünf Jahren – mit ihren Eltern aus der DDR in den Westen, ins „Land der Verheißung“. Doch auch dort trifft sie auf Widersprüche und Gewalt. Also flüchtet die Erzählerin in Traumwelten, erfindet einen Mikrochinesen, der auf ihrem kaputten Globus steht und ihr zuhört – im Gegensatz zu ihrer Mutter. Birgit Vanderbeke erzählt von einer Befreiung. Von Dogmen, Familien, Systemen, Traditionen. Von der Grausamkeit der Normalität.

Schwere, tiefgründige Kost, im Grunde genommen. Doch Vanderbeke schreibt so erfrischend und gewitzt, so gekonnt artistisch, dass die teilweise erschütternden Szenen keine düstere Stimmung verbreiten. Vielmehr bilden sie in ihrer Komplexität ein überzeugendes Plädoyer dafür, sich nicht einschüchtern, einlullen oder vereinnahmen zu lassen. Kleines Buch, große Literatur!

“Es ist anstrengend, zu denken, deshalb ist man immer in Versuchung, es andere für sich machen zu lassen.“

Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Rezension · Romane

Wie die Mafia an Flüchtlingen verdient

petra reski, bei aller liebe, rezension, günter keilIrgendwie sahen deutsche Staatsanwälte alle gleich aus, wie vom 3-D-Drucker ausgespuckt.“

Petra Reskis Metaphern sind so trocken und lakonisch wie die komplette Sprache ihrer Kriminalromane. In „Bei aller Liebe“ (Hoffmann und Campe) gehen Reski und ihre Hauptfigur mal wieder aufs Ganze – sie stellen sich der Mafia in den Weg. Serena Vitale, eine Anti-Mafia-Staatsanwältin aus Palermo, ermittelt in ihrem dritten Fall. Souverän, schlagfertig und unnachgiebig. Die Ermittlungen könnten brisanter kaum sein. Vitale findet heraus, dass der Sohn eines mächtigen Mafiabosses in Deutschland zum größten Player im Flüchtlingsbusiness aufgestiegen ist. Offiziell ein ganz seriöser Geschäftsmann, vermietet er Unterkünfte und beschäftigt dort Wachdienste, Catering- und Reinigungsfirmen. Ein Milliardengeschäft, das deutsche Politiker und Juristen nicht antasten. 

Petra Reski hat einen mutigen und wichtigen Roman geschrieben – einen, in dem man viel über skrupellose Schleuser, korrupte Politiker, ängstliche Staatsanwälte, opportunistische Journalisten und kriminelle Kirchenmänner lernt. Und über die Mafia, die struktureller Bestandteil des Geschäfts mit den Flüchtlingen geworden ist. Zum Fürchten gut und leider sehr realistisch.

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Ein Tscheche im All

jaroslav kalfar, eine kurze geschichte der böhmischen raumfahrt, rezension, literaturblog, günter keilTschechien, eine Raumfahrtnation? Kann nur ein Witz sein. Oder eine Satire. Und genau so ist es: „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ (Tropen), das Debüt des 29-jährigen Jaroslav Kalfař, spielt mit dem Größenwahn der kleinen Nation. Um einmal den Weltmächten voraus zu sein, schickt die Tschechische Republik Jakub Procházka ins All. Der Astronaut soll eine kosmische Wolke untersuchen. Jakubs Landsleute feiern ihren Helden, Firmen sponsern die Mission, Politiker profitieren vom Rausch der Gefühle. Doch Jakubs Frau Lenka verlässt ihren Mann, und wenige Wochen später runiniert die Wolke das Raumschiff, Jakub muss allein ins All. Immerhin begleitet ihn ein spinnenartiges Wesen mit acht Beinen und 34 Augen – es hat den Auftrag, Jakub zu erforschen. Doch noch bevor aus dieser Begegnung Freundschaft werden kann, landet Jakub in einem russischen Raumschiff, das ihn zurück zur Erde bringt. Der gescheiterte Astronaut blickt zurück auf sein Leben, sein Land, seine Ehe. Kann er noch einmal von vorne beginnen?

Jaroslav Kalfař hat einen erstaunlichen Roman geschrieben. Einen, der sich nicht um Genregrenzen schert. Weltraum-Satire, Beziehungsstudie, Volksmärchen – alles ist drin in diesem Buch, das von einem lockeren Grundton und philosophischen Zwischentönen getragen wird. Zum Glück beschränkt sich Kalfař nicht auf die humoresken Aspekte der Mission; er sondiert das Lebensgefühl der Tschechen und fragt, was aus der Aufbruchstimmung der 1989-er-Revolution geworden ist. Außerirdisch originell!