New York, 1978

„Kann die Vergangenheit als Versteck für die Gegenwart dienen? Ist dieses Buch, das Sie gerade lesen, meine Suche nach einem Ziel, das Damals heißt?“

Berechtigte Frage, Siri Hustvedt. Denn in „Damals“ (Rowohlt) erkundet die große Schriftstellerin ein entscheidendes Jahr ihres eigenen Lebens. Es ist 1978, als die 28-jährige S.H., wie sie sich im Buch nennt, aus der Provinz nach New York kommt. Auf einer literarischen Mission: Denn die junge Frau will ihr erstes Buch schreiben, einen Krimi. Was gar nicht so leicht ist in dieser lauten, heißen, fremden, faszinierenden Stadt.

Um das Ankommen und Fußfassen auf besondere Art einzufangen, wählt Hustvedt einen bewährten Trick: Sie erzählt von ihrem früheren Selbst aus der Perspektive einer 61-jährigen Schriftstellerin (in der Realität ist sie 63), die ihre alten Tagebücher liest und staunt. Über ihre Begeisterung, ihren Ehrgeiz, ihre zahlreichen Liebhaber, durchgetanzte Nächte und – vor allem – über eine laute Nachbarin. Lucy Brite heißt sie, und durch die dünnen Wände ihres schäbigen Apartments hört S.H. sie von mysteriösen, gefährlichen Dingen sprechen.

Elegant gleitet Siri Hustvedt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und der Romanhandlung des damals geplanten Krimis. Sie lädt ihre Leser auf eine abwechslungsreiche Reise zurück ein. Hustvedt sinniert zudem klug übers Erinnern und Älterwerden. Dass dabei auch Marcel Duchamp, Sherlock Holmes, Donald Trump und Masturbationsfantasien eine Rolle spielen, steigert den gehobenen Unterhaltungsfaktor zusätzlich. Ebenso wie eigene Zeichnungen der Schriftstellerin. Dass Hustvedts Prosa bisweilen etwas ausufernd und langatmig daherkommt, verzeiht man ihr gerne.

„Wir alle sind von Wünschen beseelte Geschöpfe, die auch rückwärts wünschen, nicht nur vorwärts, und dadurch die seltsame, bröckelnde Architektur des Gedächtnisses in leichter bewohnbare Stätten umbauen.“

 

Ein wirklich erstaunliches Ding

Das ist eines der besten Romandebüts der vergangenen Jahre. Der erfolgreiche Vlogger und Youtuber Hank Green legt mit „Ein wirklich erstaunliches Ding“ (dtv bold) ein – jawohl! – wirklich erstaunliches Ding vor. Eine furiose, flinke, spannende Geschichte über die Chancen und Risiken des Internets, übers plötzliche Berühmtwerden und das Lebensgefühl der Digital Natives.

Im Mittelpunkt steht die 23-jährige Grafikdesignerin April May. Die New Yorkerin wird über Nacht zum Star, weil sie mit ihrem besten Freund Andy ein Video dreht und ins Netz stellt. Darauf zu sehen: April, wie sie eine mysteriöse, riesige Roboter-Skulptur zeigt, die einfach so in Manhattan herumsteht. April nennt das Ding Carl. Am nächsten Tag berichten die Medien, dass in 64 weiteren Städten auf allen Kontinenten ein Carl steht. Niemand weiß, warum. Und die Carls tun nichts anderes als anwesend zu sein. Da April als Carl-Expertin gilt, stürzen sich die Medien auf sie, und ihr Video wird das meistgeklickte aller Zeiten.

In hohem Tempo und in kreativer Sprache erzählt Hank Green von den medialen Turbulenzen rund um die Carls. Und von Aprils neuem Leben als Promi. Die junge Frau erlebt das Interesse an ihrer Person wie einen Rausch, und sie stürzt sich mit Freude in die Social-Media-Welt. April postet auf allen Kanälen, wird zum gefragten Talkshowgast, veröffentlicht ein Buch, genießt Ruhm und Geld. Doch ihre These, dass die Carls friedliche Botschafter aus einer anderen Welt sind, wird zunehmend in Frage gestellt. Blogger und Youtuber verbreiten Hass und schüren Angst vor den Carls, und die persönlichen Angriffe auf April im Netz nehmen zu.

Hank Green dreht seinen Plot im letzten Drittel gelegentlich ins Absurde, und er streut Rätsel und Rankings in seine dennoch überwiegend glaubhafte Geschichte. Hinter der lässigen Plauderfassade steckt ein intelligenter, reflektierter Blick auf die Radikalisierung im Internet sowie die emotionalen und gesellschaftspolitischen Auswirkungen der sozialen Medien. „Ein wirklich erstaunliches Ding“ ist ein moderner Abenteuerroman, den man auch als Parabel auf Fremdenhass und als Mediensatire lesen kann. Fantasievoll, schnell und originell. Ein umwerfendes Debüt.

Gegen die Gier

Es gibt sie also doch. Mainstream-Thriller, die brisante aktuelle Themen aufgreifen und tatsächlich Denkanstöße liefern können. „Gier“ (Blanvalet) von Marc Elsberg ist das beste Beispiel. Der österreichische Bestsellerautor, bekannt geworden mit seinen Longsellern „Zero“ und „Blackout“, widmet sich nun der Schere zwischen Arm und Reich und einem neuen Wirtschaftsmodell.

Das Szenario: Auf dem Höhepunkt einer neuen Weltwirtschaftskrise demonstrieren in Berlin hunderttausende Menschen gegen Sozialkürzungen und die Macht der Konzerne. Parallel trifft sich die Politik- und Finanzelite zu einem Sondergipfel auf Schloss Charlottenburg. Doch einer der dort vorgesehenen Redner wird auf dem Weg zum Galadinner ermordet: Nobelpreisträger Herbert Thompson. Wie sich herausstellt, hatte er mit einem Kollegen eine mathematische Formel gefunden, mit der Wohlstand für alle möglich ist. Das Brisante daran: Das daraus abgeleitete Wirtschaftsmodell baut nicht auf Egoismus und Konkurrenz, sondern auf Kooperation und Solidarität. Kein Wunder, dass mächtige Kreise Thompsons Rede verhindern wollten. Nach dem Mord beginnt die Jagd auf die verschwundenen Dokumente.

In seinen rasanten Ökonomie-Thriller packt Marc Elsberg eine Barschlägerei, eine Flucht über die Dächer Berlins, mehrere Verfolgungsjagden – und jede Menge Infos über die neue Formel, die auf dem realen Kelly-Kriterium basiert, schon heute oft Grundlage für Investmentstrategien. „Gier“ liefert einen längst fälligen Denkanstoß, unser angeblich alternativloses Wirtschaftssystem in Frage zu stellen.

Lieben und Leiden

Schon die ersten zwei Sätze zeigen, worauf Julian Barnes in seinem neuen Roman „Die einzige Geschichte“ (Kiepenheuer & Witsch) hinaus will:

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“

Um diese Frage beantworten zu können, erzählt Barnes Protagonist Paul die Geschichte seiner ersten Liebe. Paul ist inzwischen 70 Jahre alt, und er blickt zurück. Beschwingt, voller Zärtlichkeit und Begeisterung schildert er, wie er sich als 19-jähriger in die Beziehung mit der 48-jährigen Susan stürzt.

„Ich lieferte mich der ersten Liebe einfach in all ihren Erscheinungsformen aus, von Schmetterlingsküssen bis hin zum Absolutismus. Alles andere zählte nicht.“

Doch bestimmt die Stärke des Gefühls das Ausmaß des Glücks? Das fragt sich Paul viele Jahre später. Julian Barnes ist ein großartiger Erzähler, der weiß, wie man Neugier weckt und stillt, wie man Identifikation mit Figuren herstellt, wie man zum Nachdenken anregt, zu Tränen rührt. Letzteres geschieht im zweiten Teil häufig, denn die Liebe zwischen Paul und Susan gerät in Gefahr. Durch Alkohol. Durch die Unmöglichkeit, das Leben im Gleichgewicht zu halten. Durch Mut und Feigheit. Durch die Traurigkeit des Lebens. Von alldem erzählt Barnes klug und reflektierend, rührend und realistisch.

In „Die einzige Geschichte“ wird sich jeder wieder erkennen, der schon einmal von der Liebe herumgewirbelt worden ist. Es ist ein feinsinniges Buch darüber, „…was es bedeutet, wenn einem das Herz bricht, und wie genau ein Herz bricht, und was dann noch davon übrig ist.“

Philosophische Beziehungsbetrachtungen rund um die Frage, wie uns die eine Liebe für den Rest des Lebens prägt. Ein Meisterwerk.

Cowboy vs. Model

Ein zugemüllter Pick-up rumpelt durch die kalifornische Provinz. Am Steuer: Charles, ein wortkarger Detektiv, fast ein Cowboy. Neben ihm: Phoebe, eine launische Journalistin, fast ein Model. Das explosive Paar aus Jonathan Lethems „Der wilde Detektiv“ (Tropen) sucht auf seinem Road-Trip eine vermisste junge Frau. Und es kommt sich selbst gefährlich nah, trotz aller Widersprüche.

„Ich sah uns als zwei Kontinente, aneinander angrenzend, aber innerlich einsam. Aber hey, trotz alledem war es nicht schlecht.“

Der vielfach ausgezeichnete Jonathan Lethem hat einen lässigen Roman im Stile Raymond Chandlers geschrieben, komplett aus Phoebes Perspektive. Ein Mix aus wildem Western und origineller Lovestory, kreativ formuliert, mit umwerfenden Metaphern:

„Das Wüstengestrüpp tüpfelte den staubigen, geschundenen Boden mit der Kraftlosigkeit von Achselhöhlengrün oder Teenagerschamhaaren.“

Unterwegs im Pick-up, versuchen Charles und Phoebe der aggressiven Donald-Trump-Stimmung zu entkommen. Tatsächlich treffen sie auf Gleichgesinnte: Freaks und Aussteiger, die sich vor der derzeitigen USA verstecken. In Tunnels, auf Bergen, in der Wüste. Ein lakonisch erzählter, präzise beobachteter Roman, so stimmungsvoll wie ein David-Lynch-Film.

Der alte Psychiater

„Jahre der Übung halfen mir, an den richtigen Stellen zu brummen, ohne tatsächlich zuzuhören.“

Ein alter Psychiater zählt die Tage bis zu seinem Ruhestand. Noch 5 Monate, 22 Wochen, 800 Gespräche. Dann ist Schluss, endlich. Und bis dahin tut er eben nur so, als höre er seinen Patienten zu. Eigentlich unverschämt, was sich die Hauptfigur in Anne Cathrine Bomanns kurzem Roman „Agathe“ (Hanser Blau) leistet. Doch man verzeiht dem alten Franzosen, der weder Freunde noch Verwandte hat. Der Psychiater hakt gedankenversunken und von Angst vor der Einsamkeit, dem Tod, seine Tage ab. Ohne Freude am Leben, ohne Anteilnahme an den Schicksalen seiner Patienten.

Bis eines Tages eine seltsame Deutsche auf seinem grünen Diwan sitzt. Die angeblich selbstmordgefährdete, herb wirkende Frau weckt langsam das Interesse des Psychiaters. Er hört ihr fasziniert zu, genießt den Duft ihres Parfums (nach Äpfeln mit Zimt, im Ofen gebacken, so wie es seine Mutter immer gebacken hat) und besucht sie zu Hause. Aus dieser freundschaftlichen Nähe entsteht Zuversicht, und die düsteren Gedanken verschwinden.

Anne Cathrine Bomann, selbst Psychologin, hat eine liebens- und lesenswerte Erzählung geschrieben. Voller Ruhe und mit feinem Gespür für menschliche Bedürfnisse.

Bei Böll in Irland

Vorsicht! Das ist ein Buch über philosophische Straßenschilder, Heinrich Böll, modernes Ruinentum, WLAN-freie Zonen und den Krieg gegen den Riesenrhabarber.

Was das bitteschön sein soll? Und wie das überhaupt zusammenpasst? Nun. Mit „Alle, die vor uns da waren“ (Piper) packt Birgit Vanderbeke ein kunterbuntes, schräges literarisches Paket für ihre Leser. Sie nimmt die Unerträglichkeit des modernen Lebens selbstironisch aufs Korn – „Roman“ steht auf dem Titel, doch das ist kein klassischer Roman, eher ein Mix aus amüsanten Anekdoten und skurrilen Gedankenspielen. Als roter Faden fungiert der Aufenthalt der Erzählerin (die B.V. sehr ähnelt) in Irland. Auf Achill Island, wo die Schriftstellerin und ihr Mann im ehemaligen Ferienhaus von Heinrich Böll wohnen. Ohne Telefon, ohne WLAN, ohne Auto, „eine erstaunliche Zwangserholung“.

„Jetzt waren wir aber in unserem Jahrhundert am Ende der Welt angekommen und vollständig aus dem Raum und der Zeit gefallen und in einer anderen Wirklichkeit angelangt. Wir merkten, dass wir die Wirklichkeit unseres Jahrhundert snicht kannten, weil sie aus dem Plasma der Bildschirme besteht.“

Vanderbeke – beziehungsweise ihr Alter Ego – beklagt das Verschwinden der Philosophie, der Weisheit, der Bücher, und sie kritisiert, dass die Menschen in teilnahmslose Apathie vor den Bildschirmen erstarren. Das Internet ist für sie „die Riesenkrake“, und die User sind gefangen „im Quallenkoma“. An Querdenker und Mahner wie Heinrich Böll und Fritz Bauer, so fürchtet sie, erinnert sich kaum noch jemand. Zu schnell vergeht die Zeit, rauscht das Wichtige vorbei.

Das wäre auf Dauer zu pessimistisch und pauschal, um es gerne zu lesen, doch Vanderbeke verpackt ihre Gesellschaftskritik in literarische Kleinkunst. Ihr zuckersüßer Zynismus ist einzigartig, und ihre Alltagsbeobachtungen von der abgeschiedenen irischen Insel sind köstlich. Zwischen Begegnungen mit stoischen Schafen und merkwürdigen Einheimischen packt sie noch ein bisschen persönliche Kindheitsaufarbeitung und Familienpsychologie, und schon ist er fertig, der oben genannte unvergleichliche Mix. 171 Seiten, an denen vielleicht sogar Böll seine Freude hätte.

T.C. Boyle sieht das Licht

„Die Implikation war: Man brauchte keine langwierige Psychotherapie. Man brauchte keine Bücher, keine Studien, keine Laborratten – man brauchte nur diese kleine rosarote Tablette. Es war wie Zauberei.“

LSD. Der erste Selbstversuch von Albert Hofmann. Die ersten Harvard-Experimente, die legendären Sessions, die umstrittenen Partys. T.C. Boyle schreibt in „Das Licht“ (Hanser) mitreißend über ein Thema, das er gut aus eigener Erfahrung kennt. Boyle nahm als 20-jähriger alles: Marihuana, Heroin, LSD. Mit 25 war er clean und wusste: Ich werde Schriftsteller. Ohne Drogen.

Seitdem hat Boyle oft über Sucht geschrieben. Aber schon lange nicht mehr so souverän und unterhaltsam. Er erzählt seine wahre Geschichte aus der Perspektive von Fitz Loney, einem wissenschaftlichen Assistenten, der in den eingeschworenen Kreis um Timothy Leary aufgenommen wird. Fitz und seine Frau nehmen an den LSD-Sessions in Harvard teil. Sie staunen über ihre Wahrnehmungen nach der Einnahme von LSD: „Unvermittelt erwachten alle Objekte im Raum zum Leben, als hätten sie ein Herz und würden von Blut durchströmt: Kommode, Bücherregal, Orientteppich, Schaukelstuhl, Sessel, das Seestück über dem Kamin – alles bebte, bewegte sich, warf Licht durch den Raum.“

Trip folgt auf Trip, und der Gebrauch von LSD wird zur Gewohnheit für Fitz und die Leary-Jünger. Mit bildhaften, atmosphärischen Szenen zeigt T.C. Boyle, wie sich das Bewusstsein der Teilnehmer verändert, nicht nur während der Experimente. Denn die Wissenschaftler verlieren den Kontakt zur Realität, ihre LSD-Tabletten werden gereicht als handele es sich um ein Sakrament. Boyle gelingt das Kunststück, einerseits ganz nah bei seinen Figuren zu sein, und andererseits ihr Handeln aus der Distanz zu beobachten. Erleuchtung und Verblendung, eng miteinander verknüpft, grandios und authentisch beschrieben.

Im Februar kommt T.C. Boyle nach Deutschland – ich freue mich schon auf die Moderation seiner Lesung in München.

Die Arabisierung der deutschen Sprache

„Dies Büchlein ist ernsthafter sprachwissenschaftlicher Schwachsinn.“

Stimmt genau, was Abbas Khider über sein neues Buch schreibt. In „Deutsch für alle“ (Hanser) skizziert der deutsch-irakische Autor die Grundlagen des von ihm erfundenen Neudeutsch. Einer Sprache, die einfacher und logischer ist als das uns bekannte Deutsch. Und wozu dieser höchst amüsant und intelligent umgesetzte Quatsch? Nun, zunächst einmal möchte Khider ganz egoistisch seine chronischen linguistischen deutschen Traumata überwinden. Darüber hinaus will er anderen Einwanderern den Einstieg ins Deutsche erleichtern und uns Altdeutsche dazu ermuntern, die eigene Sprache durch den Blick von außen neu zu betrachten.

Das alles gelingt Khider. Mit trockenem Humor schafft er Dativ und Genitiv ab, widersetzt sich der Autorität des Artikels und streicht die Deklination, die funktioniere „wie die Verhörbeamten in einer Diktatur.“ Auch dem deutschen Satzbau geht er an den Kragen: Das Verb steht im Neudeutsch immer nach dem Subjekt. Präpositionen werden reduziert, Verben sind untrennbar. Fertig ist sie, die vereinfachende Arabisierung der deutschen Sprache.

Ein origineller Sprachspaß mit zahlreichen Anekdoten aus Abbas Khibers Ankunft in Deutschland, seinem Studium und Rückblicken auf seine religiöse Phase als Jugendlicher. Zum Glück wollte er dann doch lieber Schriftsteller statt Imam werden: „Schöner zu schreiben als Allah, das war mein Plan.“ Ob ihm das mit seinem Neudeutsch-Lehrbüchlein gelingt? Eher nicht. Aber er verfasst ja auch Romane.

Berlin, 1942

Täter oder Opfer? Stella Goldschlag war beides. Die 1922 in Berlin geborene Jüdin erklärte sich 1943 bereit, mit den Nazis zusammenzuarbeiten. Zuvor hatte sie vergeblich versucht, aus einem Sammellager zu fliehen und wurde gefoltert. Um ihre Eltern vor der Deportation zu schützen, arbeitete sie für die Gestapo. Goldschlags Aufgabe bestand darin, das Vertrauen untergetauchter Juden zu gewinnen und sie später zu denunzieren.

Aus dieser wahren Geschichte hat Takis Würger mit „Stella“ (Hanser) einen kurzen, eindrucksvollen Roman gemacht. Der 33-jährige Autor erzählt seine Version aus der Perspektive eines jungen, wohlhabenden Schweizers. Friedrich kommt 1942 nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er auf das Aktmodell Kristin. In Jazzclubs, auf Partys und in Friedrichs Luxushotel kommen sich die beiden näher. Zwischen Bombenalarm, Nazipropaganda und Lebensmittelrationierungen zelebriert das junge Paar seine Liebe, als gäbe es keinen Krieg und keine Judenverfolgung. Doch Takis Würger streut stichwortartig und dokumentarisch Fakten und Ausschnitte aus Prozessakten in seinen Roman.

Eines Tages gesteht Kristin Friedrich, ihn belogen zu haben. Stella sei ihr richtiger Name, und sie sei Jüdin. Friedrich akzeptiert die große Lüge und den großen Verrat seiner Frau. In knappen, schnörkellosen Sätzen lässt Takis Würger seinen Ich-Erzähler auf das Jahr 1942 zurückblicken.: „Diese Frau trug so viele Rollen in sich, das Aktmodell, die Sängerin mit der dünnen Stimme, die Schönheit in meiner Badewanne, die Büßerin, die Lügnerin, das Opfer, die Täterin. Stella Goldschlag, die Greiferin, meine Frau.“ „Stella“ zeigt, wie nah Leichtigkeit und Schuld, Liebe und Verrat sein können. Ein kleiner, großer Roman.