Bilder-/Kinderbuch · Kinderbuch · Lyrik · Neuerscheinung · Rezension

Frische, freche, fröhliche Verse

„Heute sah ich ein fliegendes Pferd / Es ist – wirklich wahr!, nicht gelogen! – / an meinem Küchenfester vorbeigeflogen. / Ich blieb ganz still am Fenster stehen / und habe ihm lange nachgesehen.“

O wie schön! Und wie kreativ, lustig, schlau, schräg! Zum laut Lachen, leise Nachdenken und ständig Staunen: „Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest“ (Mixtvision) ist ein wunderbarer neuer Gedichtband – für Kinder, angeblich. Doch ich meine: ebenso für Erwachsene. Zehn renommierte Autoren und Illustratoren haben gedichtet, getextet, gesponnen, gekritzelt und gezeichnet. Herausgekommen sind 60 herrliche Tiergedichte.

Über die tanzende Tarantel, Quasselasseln, das Gürteltier, das zu viel Bier trinkt, Zebraziegen, den Lachs, der `nen Knacks hat, Flohgiraffen und viele andere wuselige Wesen. Etwa die Stubenfliege auf der Gartenliege. Köstlich!

Entstanden ist das bunte, fantasievolle Buch in Zusammenarbeit mit der Internationalen Jugendbibliothek, dem Lyrik Kabinett und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Dahinter steckt das Projekt „Mehr Gewicht fürs Kindergedicht“ – mit einer Veranstaltungs- und Werkreihe wird seit 2016 die Vielfalt und fördernde Kraft von Kinderlyrik aufgezeigt. „Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest“ bündelt nun die großartige Kreativität und mitreißende Energie aller beteiligten Künstler – sehr lesens- und lachenswert!

„in dem elefantenhause / steht ne riesenschüssel / tausend liter himbeerbrause / für die durstigen rüssel

und die elefanten saufen / immer in der pause / zwischen trampeln zwischen laufen / zu viel himbeerbrause

tränken menschen diese menge / würden sie glatt sterben / elefanten lieben das weil / sie sich rosa färben“

Lyrik · Neuerscheinung · Rezension

Kleines Buch, große Lyrik

…/ Ein Schiff zieht den Sonnenuntergang / übers Wasser wie in alten Legenden…“

Ich weiß: Lyrik fällt schwer. Lyrik, das ist den meisten zu anspruchsvoll, zu sehr um die Ecke gedacht. Auch ich bevorzuge Romane – gönne mir aber zwischendurch neue Lyrikbände. Um das Innehalten zu trainieren, die Sinne herauszufordern, anders angeregt zu werden.

Eine Reisegruppe aus China / irrt durch die Heizung / sie möchte ins Internet…“

„Einmal einfach“ (Suhrkamp) heißt die neue Gedichtsammlung von Michael Krüger. 130 Seiten mit formal vielseitigen, inhaltlich meist melancholischen Texten. Betrachtungen übers Reisen, die Natur, das Lebensende – berührend, weise, still. Bisweilen skurril. Über „den Schabernack, der uns als Leben verkauft wird“, vernünftige Argumente, die vorbeischwimmen, „Schrebergärten, die um die Städte herum kriechen wie Schnecken.“ Krüger, der brillante Wortschöpfer, minimiert seine vielschichtigen Beobachtungen kunstvoll zu einzigartigen Gedichten. Kleines Buch, große Lyrik.

…/ Ich sammelte, als letzter, die Tränen auf, bevor sie trockneten.“

Kurzgeschichten · Lyrik · Neuerscheinung · Rezension

Lautstärke! Ist! Weiblich!

lautstärke ist weiblich, rezension, blog, günter keilWenn Schlau das neue Schön wäre…“, ja, dann sähe die Welt tatsächlich anders aus. Wie anders, das beschreibt Fee in ihrer smarten Utopie „Wahre Bildung kommt von außen. Oder: wer schlau sein will, muss lesen.“ Fee ist eine von 50 Poetry-Slammerinnen aus der ersten deutschsprachigen Female-Slam-Anthologie.

Wie bitte? Female was?

Lautstärke ist weiblich“ (Satyr Verlag) ist ein bunter, schräger Mix der besten Poetry-Slammerinnen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Die Texte und Reime zeigen eine riesige Bandbreite, sie sind poetisch, wütend, laut, leise, nachdenklich, witzig, banal und genial. Kaddi Cutz betreibt in „Was ich nicht bin“ eine köstliche Selbstanalyse. Theresa Hahl ersinnt feine kluge Reime über Persönlichkeitsschubladen in „Von Innenmobiliar und Mobiles“. Grundsätzlich drehen sich die Texte um Liebe, Glück, Identität und Mathematik – das Leben eben. Eine starke Anthologie mit einmaligem akustischen Nebeneffekt: QR-Codes und Links führen direkt zur Vertonung der Autorinnen. 

Wir sind alle spitze / Wir sind alle schadenfroh und elitär / Wir sind alle was wert / (…) Wir sind alle, wir sind alle / Dichter“ (Aus dem Vorwort von Mit-Herausgeberin, Lyrikerin und Poetry-Slam-Meisterin Nora Gomringer)

Lyrik · Neuerscheinung

Hochgenuss für Lyrik-Liebhaber

lyrik kabinett, hanser, günter keil, literaturblogEinfach nur anfassen, angucken, drüber streichen, aufblättern. Schon ist man dieser Buchreihe hoffnungslos verfallen. Und lässt sich neugierig auf die Gedichte ein, selbst wenn man sonst nur gelegentlich Lyrik liest. Ja, die Edition Lyrik Kabinett (Hanser) setzt Maßstäbe – in Optik und Haptik, und selbstverständlich auch inhaltlich. Allein die Ausstattung (grauer Karton, eigestanzter Titelaufkleber, farbiger Rücken, hochwertiges Papier) spiegelt den hohen künstlerischen Anspruch wieder, ohne abgehoben zu wirken. Seit 2006 erscheinen zwei bis vier Bände pro Jahr. 

Die beiden jüngsten Veröffentlichungen – Nr. 37 und 38 – stammen von dem italienischen Lyriker Valerio Magrelli („“Vom heimlichen Ehrgeiz ein Bleistift zu sein“) und dem polnischen Poeten Ryszard Krynicki („Sehen wir uns noch?“). Beide Bände versammeln eine breite Auswahl ihres Schaffens aus den letzten Jahrzehnten. Magrelli beschäftigt sich in seinen unkonventionellen Gedichtlyrik kabinett, hanser, günter keil, literaturblogen vor allem mit dem Vorgang des Dichtens, seinem Denken und versetzt sich auch in die Lage eines Bleistifts. Krynickis vielseitige Poesie ähnelt oft Haikus, als Thema wählt er oft die Vergänglichkeit, den Tod. Beide Bände transportieren die Tiefe der Lyrik – für Einsteiger eher anspruchsvoll-herausfordernd, für Liebhaber ein Hochgenuss.

Mehr über das Lyrik Kabinett demnächst hier im Blog und hier.